Listenpanik 02/09

Von Lukas Heinser, 9. März 2009 16:43

Der Februar ist ein blöder Monat: Verdammt kurz, aber voller spannender Veröffentlichungen. Alles habe ich nicht geschafft zu hören, einige waren erschreckend öde, aber irgendwie sind mir dann doch noch genug Alben und Songs eingefallen, die man sich für die Jahresendliste vormerken sollte.

Bevor im März mit Starsailor und Ben Lee das ganz große Fan-Fass aufgemacht wird, hier erstmal der Februar:

Alben
Lily Allen – It’s Not Me, It’s You
Selten habe ich mich im Bekanntenkreis für etwas so sehr rechtfertigen müssen wie für meine Lily-Allen-Verehrung. Aber im Gegensatz zu diesen ganzen Café- und Familienkombibeschallerinnen (Duffy, Amy Winehouse, Amy MacDonald, Adele, Gabriela Cilmi, …) hat Lily Allen Eier (das hört sich im Bezug auf Frauen immer komisch an, weil Frauen natürlich generell Eier haben — ganz anders als Männer). Ihre Songs sind klug und witzig, gehen ins Ohr und in die Füße und ihr zweites Album setzt das phantastische Debüt konsequent fort. So und nicht anders sollten junge Frauen mit 23 klingen.

Beirut – March Of The Zapotec / Realpeople: Holland
Und damit zum nächsten Musiker, der jünger als ich ist: Zach Condon hat mit seiner Band Beirut bereits zwei Alben veröffentlicht, jetzt kommt eine Doppel-EP, bestehend aus sechs Songs, die er mit einer 19-köpfigen Band in Mexiko aufgenommen hat, und fünfen, die er schon vor längerer Zeit mit seinem Elektronik-Projekt Realpeople aufgenommen hat. Der erste Teil ist Weltmusik für Leute, die sonst keine Weltmusik mögen, der zweite Elektronik für Leute, die sonst keine Elektronik hören. Trotz dieser zwei doch recht unterschiedlichen Ansätze wird das Album (die Doppel-EP) von Condons Stimme und seinen Ideen wunderbar zusammengehalten.

U2 – No Line On The Horizon
U2 zählen zu jenen Bands, die ich durchaus schätze, die mir aber nie in den Sinn kämen, wenn es um die Nennung meiner Lieblingsbands geht. „No Line On The Horizon“ wird jetzt als ihr bestes Album seit langem gefeiert und erstmals seit langer Zeit höre ich ein Album, von dem bei mir so gar nichts hängen bleiben will. Nach etlichen Durchgängen könnte ich gerade anderthalb Refrains benennen, ansonsten geht das Album einfach so durch meinen Kopf durch. Seltsamerweise weiß ich trotzdem, dass ich das Album gut finde.

Morrissey – Years Of Refusal
Ja, klar: The Smiths waren schon sehr, sehr groß und Morrissey ist eine coole Sau. Trotzdem haben mich die Alben des Mannes, den Musikjournalisten stets wissend mit merkwürdigen Attributen bedenken, nie so wirklich interessiert. Die Singles: ja („First Of The Gang To Die“ als absoluter Überhit), aber sonst? „Years Of Refusal“ ist da anders: Das Album rockt und bockt und zickt und alle schreien laut „Ach Gott, ach Gott, das kann er doch nicht machen. Und jetzt hört man auch noch die Verzerrer und das scheppernde Schlagzeug …“. Und ich finde es zum ersten Mal richtig interessant.

The Whitest Boy Alive – Rules
In einem wachen Moment meiner by:Larm-Berichterstattung hatte ich Erlend Øye als „eine Art Thees Uhlmann Norwegens“ beschrieben, was sich allerdings primär auf die Maskottchen- und Patenhaftigkeit der Beiden für die jeweiligen Musikszenen bezog. (Witzigerweise ist Øye ja ungefähr so selten in Norwegen wie Uhlmann in Hamburg, weil beide in Berlin wohnen, der Stadt, in der man halt wohnt.) Außerdem sind Beide – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – jeweils ihre Band. Kaum jemanden interessiert, wer sonst noch bei The Whitest Boy Alive bzw. bei Tomte spielt — aber damit ist endlich Schluss mit den Gemeinsamkeiten, denn The Whitest Boy Alive sind permanent so funky wie Tomte in ihren funkigsten Momenten. „Rules“ ist von vorne bis hinten eine Aufforderung zum Tanz, eine Platte, die man erst mit den Füßen hört und dann mit den Ohren (eine anatomisch etwas abwegige Idee), einfach schöner, klangvoller Pop.

Songs
Lily Allen – Who’d Have Known
Die Idee, einfach den Refrain eines Hits vom Take-That-Comeback-Album zu nehmen („Shine“) und daraus einen komplett neuen Song zu entwickeln, ist so uncool und absurd, dass man sie einfach lieben muss. Ansonsten ist „Who’d Have Known“ auch noch ein so rührend unschuldiges Liebeslied, in dem sich Romantik und alltägliches Rumlungern auf sehr sympathische Weise treffen. Beziehung durch Gewohnheitsrecht, quasi.

Klee – Ich lass ein Licht an für Dich
Und gleich noch so eine rührend unschuldige Nummer: „Berge versetzen“, das aktuelle, mitunter an Goldfrapp erinnernd Klee-Album, war ein bisschen an mir vorbeigegangen, bis mir der Shuffle Mode diesen Song in die Ohren und direkt ins Herz jagte. Dieses Lied ist der beste Beweis, wie man auch in deutscher Sprache völlig unpeinlich ganz große Gefühle behandeln kann. (Ich muss da immer an „Halt Dich an Deiner Liebe fest“ denken.)

Kilians – Said And Done
Lustig: Wenn man es direkt nach „Ich lass ein Licht an für Dich“ hört, klingt es fast wie die Fortsetzung des Songs. Irgendjemand muss ja auch mal „Never Thought I’d Say That It’s Alright“ und „When Did Your Heart Go Missing“ beerben, was generationenübergreifenden Airplay angeht. Warum also nicht die Kilians, die mit ein paar Streichern im Rücken das Feld beackern, das seit dem Ende von Readymade und Miles brach liegt? Und keine Angst vor dem Pop: Das Album rockt dann wieder mehr.

Mando Diao – Go Out Tonight
Wirklich spannend ist auch deren neues Album nicht geworden (wenn auch nicht ganz so öde wie das von Franz Ferdinand), aber kurz vor Schluss kommt dann wenigstens so eine Mando-Diao-typische Schunkelnummer mit Motown-Rhythmus, Melancholie und ordentlich Feuer in den Stimmen.

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik 01/09

Von Lukas Heinser, 9. Februar 2009 16:33

Zu Beginn des neuen Jahres gibt es mal wieder ein paar Veränderungen an der Listenpanik: Ich habe mich von diesem doofen Top-Five-Denken verabschiedet.

Es gibt Monate, in denen könnte man acht Alben loben, und es gibt welche, da fallen einem eben nur drei ein. In der Vergangenheit standen öfter gerade noch okaye Alben in den Monatslisten, während gute Alben fehlten — dies wird fürderhin nicht mehr der Fall sein. Ich schreibe einfach alles auf, was mir gefallen hat, und versuche auch nicht mehr ganz so krampfhaft, eine Reihenfolge festzulegen.

Was bleibt: Die Listen sind streng subjektiv, erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und das beste Album des Jahres findet man sowieso immer erst viel später.

Alben
Bon Iver – Blood Bank
„For Emma, Forever Ago“ habe ich erst spät entdeckt und nach wochenlangem Hören bin ich mir sicher, dass Platz 8 in den Jahrescharts viel zu weit hinten war. Es ist aber nicht nur Wiedergutmachung, diese EP jetzt an exponierter Stelle zu loben, denn die gerade mal vier Tracks haben es in sich. Der Titeltrack entstand gemeinsam mit den Album-Songs, aber „Woods“ klingt beispielsweise völlig anders: Er besteht nur aus Justin Vernons Stimme, bzw. dem, was Autotune davon übrig gelassen hat. Trotzdem klingt es nicht grauenhaft, wie auf dem letzten Kanye-West-Album, sondern ungefähr so packend wie Imogen Heaps „Hide And Seek“. Mann kann’s nicht beschreiben, man sollte es hören!

Antony And The Johnsons – The Crying Light
„Kunden, die Bon Iver kauften, kauften auch … Antony And The Johnsons“. Ich hab lange überlegt, ob ich vorher eigentlich schon mal einen Song von Antony Hegarty und seiner Band gehört habe. Ja, sagt Wikipedia, in „V for Vendetta“. Ich kann mich nicht daran erinnern, verspreche aber, diese Bildungslücke zu schließen, denn „The Crying Light“ ist ein großartiges Album: Kammerkonzertartige Instrumentierung (weswegen die Band auch unter „Chamber pop“ einsortiert ist), überraschende Wechsel in Takt und Harmonie und über allem eine Stimme, die man nur mit dem Adjektiv „entrückt“ beschreiben kann. Wenn die Engelchen backen und sich der Himmel am Horizont rosa verfärbt, hören sie vermutlich solche Musik.

Black Rust – Medicine & Metaphors
Ein Album, wie geschaffen für den Januar: Es passt zu grauen Nachmittagen ebenso wie zu Schneespaziergängen im Sonnenschein. Da ist ein Songtitel wie „New Year’s Day“ nur noch das Tüpfelchen (vielleicht sogar das Herzchen) auf dem i. Was mir an dieser Akustikrock-Platte so gefällt, steht ausführlicher hier.

Songs
Lily Allen – The Fear
Spätestens seit ich sie vor zweieinhalb Jahren live gesehen habe, bin ich ein bisschen in Lily Allen verliebt. Ich bin also nicht sehr objektiv, was ihre Musik angeht. Aber „The Fear“ ist auch mit etwas versuchtem Abstand ein toller Song: ausgewogen zwischen Melancholie (Akustikgitarren, der Text) und Partystimmung (die Beats, das Gezirpe) geht er sofort ins Ohr, ohne dabei zu cheesy zu sein. Und zu der Idee, nicht wieder mit Mark Ronson zusammenzuarbeiten (und damit so zu klingen wie all diese Sängerinnen, die nach ihr kamen), kann man ihr sowieso nur gratulieren.

Mando Diao – Dance With Somebody
Es ist natürlich reiner Zufall, dass ausgerechnet in dem Monat, in dem Franz Ferdinand am Umgang mit Synthesizern scheitern, ihre schwedischen Wiedergänger einen derart gelungenen Tanzbodenstampfer aus dem Ärmel schütteln. Ein paar Takte „Enola Gay“; ein Sound der klingt, als habe man die eigentliche Band gegen The Ark ausgetauscht, und ein Refrain, der so schlicht ist, dass man ihn nur lieben oder hassen kann.

Bruce Springsteen – The Wrestler
Das neue Album „Working On A Dream“ will mich irgendwie nicht so recht packen, alles klingt so altbekannt. Aber dann kommt „The Wrestler“, der Golden-Globe-prämierte Bonustrack, der an „The River“, „Secret Garden“ oder „Dead Man Walking“ erinnert, und ich bin wieder hin und weg. Die ganze Schwere der Welt in einem Song und auf den Schultern eines Mannes, der das aushält.

Antony And The Johnsons – Her Eyes Are Underneath The Ground
„Mutti, wovon singt dieser Mann?“ – „Dass er mit seiner Mutter in einem Garten eine Blume gestohlen hat.“ – „Aha!“ Fragen Sie mich nicht, aber dieses Lied ist verdammt groß.

The Fray – You Found Me
Eigentlich soll man sich ja nicht für seinen Geschmack entschuldigen, aber bei College Rock habe ich immer das Gefühl, es trotzdem tun zu müssen. Ich liebe das Debütalbum von The Fray (die Melancholie, die Texte, das Klavier!) und es ist mir egal, dass sie als „christliche Rockband“ gelten. „You Found Me“, die Vorabsingle ihres zweiten, selbstbetitelten Albums, läuft angeblich bei Einslive rauf und runter (Lily Allen läuft sogar auf WDR 2), aber das macht nichts. Die erste große Pathos-Hymne des Jahres 2009 hat Aufmerksamkeit verdient.

Animal Collective – Brother Sport
„Merriweather Post Pavillon“, das neue Album von Animal Collective (von denen ich bisher nichts kannte), fällt bei mir in die Kategorie „Sicher nicht schlecht, aber ich wüsste nicht, wann ich mir sowas noch mal anhören sollte“ — und befindet sich dort mit Radiohead und Portishead in bester Gesellschaft. „Brother Sport“ unterscheidet sich in Sachen Unzugänglichkeit und Melodielosigkeit nicht groß vom Rest des Albums, hat aber dennoch irgendwas (sehr präzise, ich weiß), was mich zum Hinhören bringt. Das Repetitive nervt diesmal nicht, sondern entfaltet seine ganz eigene hypnotische Wirkung. Aus irgendwelchen Gründen erinnert mich das an den Tanz der Ewoks am Ende von „Return of the Jedi“, auch wenn ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wieso.

[Listenpanik, die Serie]

Listenpanik: Alben 2008

Von Lukas Heinser, 11. Januar 2009 1:18

Die Albenlisten sind immer die schlimmsten. Während einem iTunes und last.fm bei der Frage nach den Songs des Jahres schon einen großen Teil der Arbeit abnehmen, muss man bei den Alben abwägen: Wie oft habe ich das Album gehört? Wie lange habe ich das Album gehört und wann zuletzt? Müsste ich dieses Album vielleicht höher ansetzen als jenes, weil es bei einer gewissen Objektivität einfach besser oder anspruchsvoller ist (ich es aber gar nicht so gerne höre)?

Wenn man dann noch den Fehler macht, mal in die alten Jahresbestenlisten reinzuschauen und feststellt, dass man das Album des Jahres 2007 (Bloc Party) im Jahr 2008 gar nicht mehr gehört hat und auch sonst alles an diesen Listen falsch wirkt, dann will man es eigentlich gleich ganz bleiben lassen.

Oder man zwingt sich und fängt an:

25. Ben Folds – Way To Normal
Es hätte schlimmer kommen können: Bloc Party (Album des Jahres 2005 und 2007) haben es gar nicht in die Bestenliste geschafft. Ben Folds hat also irgendwie noch Glück gehabt — und wirklich schlecht ist „Way To Normal“ ja auch nicht geraten, nur irgendwie erschütternd … egal. Während die Ben-Folds-Five-Alben bei mir immer noch rauf und runter laufen, wird die Halbwertzeit von Folds‘ Soloalben immer geringer. Dass andere Künstler mit der Bürde „Lieblingsband“ sehr viel besser klar kommen, werden wir noch sehr viel weiter vorne sehen. Für Folds springt immerhin noch ein Platz auf der Liste raus.
Anspieltipp: Effington

24. Ingrid Michaelson – Girls And Boys
Ein einziger Song bei „Grey’s Anatomy“ hat schon Snow Patrol den Weg zur Weltkarriere geebnet, warum soll es Ingrid Michaelson da anders gehen? (Warum geht es Hotel Lights da eigentlich anders?) Diese entspannte Indiepop-Platte ist zwar eigentlich schon von 2007, kam aber in Deutschland genau zum richtigen Zeitpunkt (grau, kalt, ungemütlich) raus und bekam mit der Single „The Way I Am“ auch noch ordentlich Airplay. Keine große Kunst, aber für mittelgroße erstaunlich gut. Und natürlich sowieso tausend Mal besser als Amy MacDonald.
Anspieltipp: Masochist

23. kettcar – Sylt
Das gleiche Dilemma wie bei Ben Folds: das Album war nicht schlecht, aber frühere Alben waren besser, ich habe es zu selten gehört und es kam irgendwie nicht im passenden Moment raus. Davon ab trauen sich kettcar musikalisch plötzlich mehr, werden textlich einerseits unkonkreter, haben aber andererseits wieder eine klare Haltung.
Anspieltipp: Kein Aussen Mehr

22. R.E.M. – Accelerate
Ich wiederhole mich da gerne, aber irgendwie werden R.E.M. halt nie irgendwas falsch machen (außer vielleicht, sie spielen noch einmal „Shiny Happy People“). Ihr Back-to-the-roots-Album rumpelte dann auch schön durch den Frühling, ehe es erste Abnutzungserscheinungen zeigte. Jetzt, mit etwas Abstand, ist es aber immer noch gut genug für diese Liste.
Anspieltipp: Living Well Is The Best Revenge

21. Oasis – Dig Out Your Soul
Wirklich schlecht war außer „Standing On The Shoulder Of Giants“ noch kein Oasis-Album — dass sie allerdings mal wieder ein wirklich gutes Album machen würden, hätte ich auch nicht gedacht. Dann war „Dig Out Your Soul“ da, tatsächlich gut, und mir war es irgendwie egal. Die Band und ich, wir sind beide älter geworden, und mit ihrem neuen Album verhält es sich wie mit dem zufälligen Treffen mit einem alten Schulfreund: das Wiedersehen ist herzlich, man denkt an alte Zeiten, trinkt zwei Bier und geht wieder getrennter Wege. Ein bisschen „Sgt. Pepper“, ein bisschen „Revolver“, ein bisschen weißes Album — und letztlich doch total Oasis.
Anspieltipp: Falling Down

20. Fettes Brot – Strom Und Drang
Mein erstes deutschsprachiges Hip-Hop-Album, ich sag’s gern immer wieder. Und es ist laut, heiß, witzig, euphorisch, traurig, klug, kurzum: gut. In den Neunzigern hätte man mit der Hälfte der Songs eine Riesenkarriere begründen können, heutzutage wird sowas von Sido, Bushido und Schlimmerem in den Schatten gestellt. Aber das kann mir ja egal sein. Und den Broten hoffentlich auch.
Anspieltipp: Das Traurigste Mädchen Der Stadt

19. She & Him – Volume One
In dem Moment, wo Zooey Deschanel zu singen beginnt, sind alle Vorurteile über singende Schauspielerinnen vergessen — und in dem Moment, wo man ihr in die Augen blickt, auch alles andere. Gemeinsam mit M. Ward hat sie ein sommerlich-leichtes Album mit Folk- und Sixties-Anleihen aufgenommen, dessen Beschwingtheit manchmal haarscharf an dem Punkt vorbeischrammt, wo es nervig werden könnte. Aber dann kommt ein so todtrauriges Lied wie „Change Is Hard“ und man möchte Zooey Deschanel unbedingt trösten.
Anspieltipp: Change Is Hard

18. Gregor Meyle – So Soll Es Sein
Irgendwo zwischen Herbert Grönemeyer und Tomte, Tom Liwa und Clueso war noch Platz und genau dort passte Gregor Meyle wunderbar rein mit seinen klugen und pathetischen Texten und seiner entspannten Musik. Damit bewegt man vielleicht keine Massen, aber diejenigen, die zuhören.
Anspieltipp: Niemand

17. Jakob Dylan – Seeing Things
Bei den Wallflowers wirkte er mitunter verunsichert durch den Status des One Hit Wonders, das ständige Interesse an seiner Person, die eigenen Ansprüche und die der Plattenfirmen. Und dann setzte sich Jakob Dylan hin und nahm ein Soloalbum auf, bei dem er absolut sicher und fokussiert wirkt, und das trotzdem fein und zerbrechlich klingt („Produced by Rick Rubin“ halt). Dass er einer der besten Texter seiner Generation ist, hat sich leider immer noch nicht rumgesprochen, aber auf diesem Album kann man sich davon überzeugen.
Anspieltipp: Something Good This Way Comes

16. Slut – StillNo1
Manchmal kann man echt Pech haben mit seinem Veröffentlichungsdatum: „StillNo1“ kam im Februar raus, lief ein paar Wochen bei mir rauf und runter und verschwand dann im Regal (aus der Reihe: „sprachliche Bilder, die Dank MP3 vom Aussterben bedroht sind“). Für diese Liste habe ich es noch mal hervorgekramt und erneut festgestellt, dass es sich um ein sehr gutes, anspruchsvolles Album handelt. Einiges erinnert an das, was Coldplay Dank ihrer Popularität ein paar Monate später mit „Viva La Vida“ einem internationalen Millionenpublikum unterjubeln konnten, aber Slut hatten dieses Glück natürlich nicht.
Anspieltipp: If I Had A Heart

15. Coldplay – Viva La Vida
Gerade noch von ihnen gesprochen, sind Coldplay auch schon da! So klangen seit den Achtzigern keine Nummer-Eins-Alben mehr: Songs, die ineinander übergehen; Motive, die nicht nur auf der CD, sonder auch auf der Nachfolge-EP immer wieder aufgenommen werden; pompöseste Pop-Arien mit viel Rhythmus und noch mehr Melodie, und Single-Hits, auf die kein Schwein tanzen kann. Coldplay verkaufen (relative, wir wollen ja auch nicht übertreiben) Hochkultur als Pop und sind damit das Gegenteil von Paul Potts — aber ähnlich erfolgreich.
Anspieltipp: 42

14. The Killers – Day & Age
Ich würde nie von mir behaupten, Brandon Flowers verstanden zu haben. Aber ich habe dann doch genug Durchblick um zu bemerken, dass er und seine Band zumeist kolossal missverstanden werden. Vielleicht meinen sie das mit den Steeldrums, den Saxofonen und dem Discofox ernst — na und, wenn es hinterher doch so viel Spaß macht, es zu hören? „Day & Age“ erschien zeitgleich mit „Chinese Democracy“ und alles, was bei Guns N‘ Roses knapp jenseits der Grenze des Zumutbaren ausgekommen ist, funktioniert bei den Killers noch. Bei den ersten zwei Durchläufen habe ich dieses Album gehasst, danach geliebt.
Anspieltipp: This Is Your Life

13. Jason Mraz – We Dance. We Sing. We Steal Things.
Wenn Sie mich vor acht Jahren gefragt hätten, wie Popmusik im Jahr 2008 klingt, hätte ich eher auf das getippt, was Robbie Williams vor ein paar Jahren auf „Intensive Care“ versucht hat. Ich hätte eher nicht damit gerechnet, dass man mit Akustikgitarren und Tiefenentspannung in die Charts kommt, aber dann kam Jason Mraz und zeigte mir einmal mehr, dass ich von der Zukunft keine Ahnung habe. Man will das ja nicht immer wieder schreiben, aber: so wie dieses Album (von dem es aktuell eine Special Edition mit in Deutschland bisher unveröffentlichten Songs und einer Live-DVD gibt), so klingt der Sommer.
Anspieltipp: Details In The Fabric

12. Travis – Ode To J. Smith
Irgendwie ist das ja gemein: Während ich an Ben Folds immer fast überirdische Ansprüche stelle, dürfen Travis machen, was sie wollen, und ich finde es eigentlich immer gut. Aber „Ode To J. Smith“ ist einfach ein gutes Album. Hatten Travis auf „The Boy With No Name“ schon alle Phasen ihrer bisherigen Karriere vereint, tun sie es auf „Ode To J. Smith“ erneut, aber mit einem Schwerpunkt auf der lauteren Seite. Ja, Travis können rocken (sie tun es außer auf „The Invisible Band“ eigentlich auf jedem Album), und das bezweifelt hoffentlich auch niemand mehr. Dass Fran Healy im Aussehen immer mehr an Michael Stipe von R.E.M. erinnert, kann kein Zufall sein, denn die dürfen ja auch machen, was sie wollen.
Anspieltipp: Song To Self

11. Death Cab For Cutie – Narrow Stairs
Bestimmt gibt es Schlimmeres, als „die Band aus ‚O.C., California'“ zu sein — und dieser kleine Hype von vor drei, vier Jahren kann auch nicht dafür verantwortlich sein, dass Death Cab (wie wir alle seit Seth Cohen sagen) immer noch so populär sind. Es ist natürlich auch die Musik. Und da zeigt sich einmal mehr der Trend des letzten Jahres: etablierte Bands, deren letzte Alben vielleicht ein bisschen zu gefällig ausgefallen waren, drehen ein bisschen an der Anspruchsschraube und es funktioniert immer noch. Okay, die Achteinhalb-Minuten-Single „I Will Possess Your Heart“ wurde fürs Radio gekürzt und beschleunigt, aber in dem Fall zählt schon die Idee. Dass gute Texte viel zu selten gewürdigt werden, ist generell schade, im Falle von Ben Gibbard ist es allerdings fast ein Skandal.
Anspieltipp: Cath…

10. Lightspeed Champion – Falling Off The Lavender Bridge
Nachdem sich die Test Icicles, eine der außergewöhnlicheren Bands unserer Zeit, zerlegt hatten, fuhr Devonte Hynes nach Omaha, NE, um dort mit der Saddle-Creek-Posse eine Art Country-Album aufzunehmen, dessen Songs man sogar im Formatradio spielen könnte. Lässt man diese musikhistorischen Anekdoten außen vor, ist „Falling Off The Lavender Bridge“ einfach eine gute, runde Platte.
Anspieltipp: Tell Me What It’s Worth

9. Hotel Lights – Firecracker People
Eines von zwei Alben in dieser Liste (und in den Top 10), das in Deutschland gar nicht „regulär“ erschienen ist. Aber wen interessiert sowas? „Firecracker People“ ist ein herbstliches Album mit vielen Folk-Anleihen, das eine gewisse schwere Melancholie ausströmt und doch immer wieder federleicht klingt (und auch mal rockt). Darren Jessee und seine Mitmusiker hätten mehr Aufmerksamkeit verdient — hier, in ihrer amerikanischen Heimat und in jedem Land der Erde. Und sagen Sie nicht, die Import-CD sei Ihnen zu teuer: das Album gibt es für 9,99 Euro im iTunes Music Store.
Anspieltipp: Blue Always Finds Me

8. Bon Iver – For Emma, Forever Ago
Das gab’s auch noch nie: Nachdem Bob Boilen von „All Songs Considered“ über Wochen und Monate von Bon Iver (das spricht sich ungefähr „Boney Wer?“) geschwärmt hatte und die Kollegin Annika dann auch noch damit anfing, habe ich mich nach Silvester erstmalig mit dem Mann, der eigentlich Justin Vernon heißt, beschäftigt. Nun ist es natürlich etwas riskant, ein Album, das man erst wenige Tage kennt, direkt so weit vorne in die Liste zu stecken, aber andererseits gab es in ganz 2008 kaum ein Album, das ich so oft hintereinander hätte hören können. Die Songs, die Vernon in einer abgelegenen Holzhütte geschrieben hat, sind mit „entrückt“ möglicherweise am Besten zu beschreiben. Man muss sich auf die Stimme und die spärliche, teils sphärische Musik einlassen, und wenn einem Beides nicht gefällt, kann ich das sogar ein wenig verstehen. Aber ich bin sicher: Sie verpassen was, so wie es mir fast passiert wäre.
Anspieltipp: Re: Stacks

7. Nizlopi – Make It Happen
Es kommt ja inzwischen leider eher selten vor, dass mich ein Konzert rundherum flasht, aber im Dezember in Köln war es mal wieder soweit: Wie diese zwei Männer da mit Gitarre, Kontrabass und ihren Stimmen einen Sound auf die Bühne brachten, der satter war als so manche Band und gleichzeitig völlig organisch, das hat mich nachhaltig beeindruckt. Fand ich „Make It Happen“ vorher schon ziemlich gut, höre ich es seitdem noch mal mit ganz anderen Ohren. Ein anrührendes, kluges und bewegendes Album, das nur darauf hoffen lässt, dass die Beiden nach ihrer Auszeit weitermachen.
Anspieltipp: Drop Your Guard

6. Goldfrapp – Seventh Tree
Goldfrapp waren eine Band, die ich bisher immer eher so am Rand wahrgenommen hatte. Das hat sich mit „Seventh Tree“ (und meinem Song des Jahres „A&E“) deutlich geändert. Ein Frühlingstag, komprimiert auf 41:35 Minuten, ein vorsichtiges Nebeneinander von Akustikgitarren und Elektronik-Spielereien, und über allem schwebt die Stimme von Alison Goldfrapp. Für die Statistikfreunde: dass die beste britische Platte auf Platz 6 landet, hat es bei mir auch noch nie gegeben (2 erste Plätze und ein zweiter seit 2005).
Anspieltipp: Road To Somewhere

5. Tomte – Heureka
„Hinter All Diesen Fenstern“ und „Buchstaben Über Der Stadt“ waren bei mir jeweils das Album des Jahres (2003 und 2006), dafür hat es diesmal nicht ganz gereicht. Das liegt aber nicht am Album, sondern an mir: es kam einfach irgendwie nicht ganz im richtigen Moment raus. Thees Uhlmann hält es für das beste Tomte-Album überhaupt, und zumindest musikalisch könnte er da durchaus recht haben. Bei einigen Songs brauchte ich ein bisschen Zeit, um mit ihnen warm zu werden, andere habe ich auf Anhieb geliebt. Tomte kann man nur hassen oder lieben, aber wer ihnen aufmerksam zuhört, der wird sich geliebt fühlen.
Anspieltipp: Küss Mich Wach Gloria

4. Sigur Rós – Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust
Seit vier Alben verfolge ich jetzt die Karriere von Sigur Rós und jedes Mal habe ich gedacht: „Ja, das ist sehr gut, aber irgendwie ist es mir zu künstlerisch, zu weit weg, zu wenig alltagstauglich.“ Die Isländer sind immer noch weit vom Pop entfernt, aber auf ihrem fünften Album machen sie Musik, die man auch ohne Räucherstäbchen und Duftkerzen hören kann. Als hätten die Elfen und Kobolde „Sgt. Pepper“ gehört.
Anspieltipp: Við Spilum Endalaust

3. Sir Simon – Battle
Simon Frontzek ist der einzige Mensch, der zwei Mal in dieser Liste auftaucht — und beide Male in den Top 5. Zum einen ist er der neue Keyboarder bei Tomte, zum anderen Sänger, Gitarrist und Songschreiber bei Sir Simon (Battle), deren Debütalbum so großartig ist, dass es einen Treppchenplatz verdient hat. Kleine unaufgeregte Pop-Perlen zwischen Wilco, Maritime und den Weakerthans. Verträumt und einfach schön.
Anspieltipp: The Last Year

2. The Hold Steady – Stay Positive
Auch wenn die ganz große verspätete Band-Neuentdeckung des Jahres für mich Hem waren (die aber 2008 kein Album veröffentlicht haben): The Hold Steady sind sicher im engsten Kreis. Die Kombination von roher Energie und Pop-Appeal, von jugendlichem Überschwung und erwachsener Resignation, von Musik und Text machen „Stay Positive“ zu einem wahrhaft außergewöhnlichen Album. Und dazu diese ganzen Popkultur-Verweise!
Anspieltipp: Magazines

1. Fleet Foxes – Fleet Foxes
Carrie Brownstein meinte im Jahresrückblick von „All Songs Considered“, das Jahr 2008 sei ziemlich „emo“ (die Amerikaner meinen damit etwas anderes als wir) und „beardy“ gewesen. Das trifft natürlich beides auf Fleet Foxes zu, aber die Band macht viel zu gute Musik, um sich länger mit der Gesichtsbehaarung ihrer Mitglieder aufzuhalten. Dass es sich die Männer aus Seattle, WA erlauben konnten, Perlen wie „Sun Giant“ oder „Mykonos“ gar nicht erst aufs Album zu packen (sondern auf der „Sun Giant“-EP zu veröffentlichen), deutet an, dass ihnen die Songs nur so zufliegen. Und tatsächlich: das zweite Album der Fleet Foxes soll bereits in diesem Jahr erscheinen. Ausnahmsweise habe ich mal gar keine Befürchtungen, dass es schwächer werden könnte als das Debüt.
Anspieltipp: Quiet Houses

Listenpanik: Songs 2008

Von Lukas Heinser, 31. Dezember 2008 18:25

Ich bin einer dieser Menschen, die Silvester hassen wie sonst nur Ebeneezer Scrooge das Weihnachtsfest. Ich kann nichts Festliches oder Tolles daran erkennen, neue Kalender aufhängen und mitnehmen zu müssen und auch das Durchstreichen von falschen Jahreszahlen im Januar (das seit der Einführung des Internetbankings rapide abgenommen hat) ist ein Brauch, auf den ich verzichten könnte. Davon ab muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Forscher des Bochumer Lehr-Orts für erwähnenswerte Daten herausgefunden haben, dass „Dinner For One“ nicht lustig ist und Bleigießen impotent macht.

Trotzdem ist der Robbie-Bubble-Kindersekt natürlich kaltgestellt und um die Zeit bis zum „Silvesterstadl“ rumzukriegen, habe ich meine iTunes-Listen ein paar mal hin- und hersortiert, ein bisschen abgewogen und fühle mich jetzt seelisch in der Lage, die Songs des Jahres 2008 zu verkünden (nur um die Liste vermutlich noch heute Nacht wieder umsortieren zu wollen). Wie üblich ist alles total subjektiv:

25. Danko Jones – Take Me Home
„Never Too Loud“ war irgendwie nicht so wirklich das Album, das man nach „Sleep Is The Enemy“ erwartet hätte: ein bisschen zu verhalten, ein bisschen zu lang, Tempolimit statt durchgetretenem Gaspedal. „Take Me Home“ ist dann auch noch der untypischste Danko-Jones-Song überhaupt mit seinen Akustikgitarren und den John-Denver-Anleihen. Aber weil Danko Jones eben Danko Jones ist (sind) und nicht Kid Rock, funktioniert dieser Irrsinn trotzdem. Und ein Lied, in dem der Refrain auf „Take me home to where my records are“ endet, muss man sowieso hervorheben, so lange die Leute noch wissen, was diese physischen Tonträger überhaupt sind.

24. Jakob Dylan – Valley Of The Low Sun
Stellen Sie sich vor, Sie wären der Sohn von Bob Dylan und würden Musik machen! Jakob Dylan gebührt allein deshalb Respekt, dass er sich diesen ganzen Vergleichen und Fragen seit fast 20 Jahren aussetzt — und jetzt kann er sich nicht mal hinter den Wallflowers verstecken, jetzt steht sein Name auch noch auf dem Album. Und er singt einfach völlig reduzierte Folk-Musik, die eher an Warren Zevon, Bruce Springsteen und Johnny Cash erinnert als an Musiker ähnlichen Namens. „Valley Of The Low Sun“ ist eine gewaltige, schleppende Ballade, so schön wie ein Sonnenuntergang in der Sierra Nevada.

23. Slut – If I Had A Heart
Ach ja: Slut haben ja dieses Jahr auch ein Album veröffentlicht — und das war noch nicht mal schlecht. „If I had a heart / I would have a heartache“ kann als Zeile tierisch in die Hose gehen, aber so wie Chris Neuburger das singt, klingt es einfach aufrichtig und klug.

22. Clueso – Keinen Zentimeter
Dieser Groove, dieser fast (aber nur fast) vernuschelte Gesang, dieser gefühlvolle, aber gänzlich unkitschige Text. Mehr Understatement als „Ich würd‘ gern mit Dir viel mehr unternehmen“ passt in keine Liebeserklärung!

21. Jason Mraz – I’m Yours
Ich hab lange überlegt, ob es auch hier unbedingt die Single sein musste, aber doch: so klingt der Sommer. Selbst bei Minusgraden meint man sich daran erinnern zu können, wie man zu diesen Klängen mit der Liebsten im Gras gelegen und in den wolkenlosen Himmel gestarrt hat — auch wenn man das nie getan hat. Anders als der vielverglichene Jack Johnson hat Jason Mraz aber noch mehr auf Lager als diesen Strand-Schunkler und wird uns deshalb bei den besten Alben des Jahres wieder begegnen.

20. The Verve – Love Is Noise
Okay, das Comeback-Album von The Verve habe ich drei oder vier Mal gehört, ehe es mir zu langweilig wurde. Aber diese Single! Hypnotisch, euphorisch, in die Beine gehend — manche würden schlichtweg „nervig“ dazu sagen. „Love is noise, love is pain“ ist auch wieder so ein Satz, der schon von den richtigen Leuten gesungen werden muss, um nicht doof zu klingen. Richard Ashcroft ist ein richtiger Leut.

19. Death Cab For Cutie – The Ice Is Getting Thinner
Vielleicht hat nie jemand einen besseren Text darüber geschrieben, wie das ist, wenn die Liebe langsam nachlässt, als Ben Gibbard hier. Dazu eine Instrumentierung, die mit „spärlich“ noch euphemistisch umschrieben ist und fertig ist der Gänsehautsong 2008. Wer dieses Lied hört und nichts fühlt, ist vermutlich tot.

18. Nizlopi – Start Beginning
Weil das Album „Make It Happen“ in Deutschland nicht regulär erschienen ist, sind Nizlopi durch das Listenpanik-Raster gefallen. Aber Kathrin hat das Konzert, für mich das Beste des Jahres war, ja hier im Blog noch ausreichend gewürdigt. Hier also ein Lied mit Gitarre, Kontrabass, Beatboxing und Gospelchor, für das das Wort „uplifting“ erfunden werden müsste, wenn es nicht schon im Wörterbuch stünde.

17. Tomte – Der letzte große Wal
Schon wieder die Single? Ja, tut mir leid, ich kann mir nicht helfen. Bei Tomte setzt bei mir der letzte Rest Objektivität aus, deswegen nehme ich einfach mal das naheliegendste Lied. Aber das ist ja auch gut. Thees Uhlmanns Stimme ist wie eine einzige Umarmung, die auch vor Leuten, die so voller Hass sind wie diese Schreiber, keinen Halt macht. Er ist der letzte große Wal, der die kleinen Fische zum Frühstück verspeist.

16. Travis – Before You Were Young
Noch so eine Band, wo für Objektivität kein Platz ist. „Ode To J. Smith“ war aber auch wieder ein gutes Album — dass bei den vielen Rocknummern der beste Song ausgerechnet wieder eine melancholische Ballade ist, liegt an mir, echt! Oder an dem schönen Text, der grandiosen Steigerung und überhaupt allem, was „Before You Were Young“ ausmacht.

15. Gregor Meyle – Irgendwann
Stefan Raabs Castingshow war eine feine Sache: für die Charts fiel Stefanie Heinzmann ab (die ihren Job auch wirklich gut macht), für die nachdenklicheren Momente Gregor Meyle. Der ist nicht nur ein sympathischer Gesprächspartner, sondern auch noch ein sehr guter Songwriter: textlich geht er manchmal bis ganz knapp vor die Schlagergrenze (aber was will man machen, wenn man jedes Wort versteht?), musikalisch ist er auf Weltniveau und „Irgendwann“ ist ein Lied, das Sehnsucht und Antriebslosigkeit, Optimismus und Resignation bestens ausbalanciert in viereinhalb Minuten packt.

14. Nada Surf – Whose Authority
Ich bezweifle ja, dass Nada Surf irgendwas falsch machen können, und auch „Lucky“ ist wieder ein sehr feines Album geworden. „Whose Authority“ ist diese ganz spezielle jugendliche Mischung aus Übermut und Melancholie in Musik gegossen und das Video, das im Licht der tiefstehenden Sonne badet, passt wie die Faust aufs Auge.

13. Coldplay – Viva La Vida
Können Sie’s noch hören? Ich habe Glück, da ich mich ja vom Radio fernhalte. Zwar haben alleine diese Woche ungefähr 42 Jahresrückblicke versucht, mir das Lied doch noch zu verleiden, aber irgendwie ist es dann doch resistent gegen solche Verwurstungen. Wann geht schon mal ein Lied mit biblischen Motiven, dessen ganze Rhythmusstruktur auf Streichern, Pauken und Glocken (!) aufbaut, in die Charts? Nach langem Studium kann ich Parallelen zu „Disarm“ und „Tonight, Tonight“ von den Smashing Pumpkins erahnen, aber Chris Martin hat die schönere Stimme. So klingt es, wenn man die Welt regiert.

12. The Hold Steady – Constructive Summer
Definitiv eine meiner Entdeckungen des Jahres: The Hold Steady. So müssen Alben übrigens losgehen: mit etwas Klavier, vielen Gitarren, etwas (aber nur etwas) Gegröle, Eskapismus und Verweisen auf Joe Strummer („I think he might have been our only decent teacher“). So klingt es, wenn große Gefühle auf gerade noch gebremste Energien treffen.

11. R.E.M. – Supernatural Superserious
Michael Stipe könnte die Schlagzeilen singen und es wäre ein großer Song. Entschuldigung, ich höre gerade, das ist bereits geschehen und hieß „It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“. Egal: R.E.M. werden nie ein schlechtes Album machen und „Accelerate“ war eine gelungene Rückkehr zu den Wurzeln. „Supernatural Superserious“ sollen ihnen diese ganzen 18-Jährigen erstmal nachmachen. (Und er singt wirklich nicht „Gisela, Giselei“? Nein? Okay.)

10. The Gaslight Anthem – Old White Lincoln
Warum man dann manchmal doch noch mal Radio hören sollte: Man könnte dort bisher übersehene Juwelen entdecken. So wie dieses feine Lied (das Album habe ich mir immer noch nicht gekauft, was sich vermutlich bei der Albenliste rächen wird), das nach 30 Mal hören zwar immer noch verblüffende Parallelen zu The Cure und den Killers aufweist, aber eben doch eigenständig genug ist, um es innerhalb von dreieinhalb Wochen noch in die Top 10 geschafft zu haben.

9. Fettes Brot – Lieber Verbrennen als Erfrieren
„Wir sind jung, wir sind frei, das ist unsere Stadt / Wir haben nichts zu verlieren / Es ist soweit, ich bin dabei, denn das ist unsere Nacht / Lieber verbrennen als erfrieren“ — Noch Fragen? Na gut: Nein, das ist gar keine Dicke-Hose-Hymne. Party ja, aber keine ohne Morgen. So sollte deutschsprachiger Hip Hop immer sein, es muss ja nicht immer gegen Frauen und Schwule gehen.

8. Black Kids – I’m Not Going To Teach Your Boyfriend How To Dance
Das Debütalbum der Black Kids fand ich bisschen nichtssagend, aber wer darauf so einen überdrehten Tanzbodenfüller unterkriegt, ist natürlich wenigstens bei den Songs des Jahres vorne mit dabei. Die Verteilung der Geschlechterrollen im Text erschließt sich mir kein bisschen, aber wer wird beim wüsten Herumwackeln noch auf sowas achten? „Dance, dance, dance, dance!“

7. The Ting Tings – Great DJ
Sie meinen, „That’s Not My Name“ sei der bessere, weil noch ein bisschen irrere Song gewesen? Mag sein, aber „Great DJ“ hatte mich beim ersten Hören in „All Songs Considered“. Ein schlichtes Lied, das aber auch gar nicht mehr will als unbedingtes Mitzappeln und -singen. Und das funktioniert hier ja wohl großartig. Die Trommeln, übrigens!

6. Hotel Lights – Amelia Bright
Ganz krasser Richtungswechsel jetzt: Eine Folkballade, die mich seit sieben Jahren begleitet hat und jetzt endlich „fertig“ ist. Das ist natürlich viel mehr Zeit, als sonst irgendein Lied hatte, um mir ans Herz zu wachsen, aber die Studioversion ist ja auch wunderschön geworden. Neben Nizlopi sind Hotel Lights der Geheimtipp auch in diesem Jahr und wir werden beide Bands so lange in den Himmel schreiben, bis zumindest ihre Alben hierzulande zu Kaufen sind.

5. Sigur Rós – Inní Mér Syngur Vitleysingur
Lieder, deren Namen man sich beim besten Willen nicht merken kann, haben es mitunter etwas schwer, wenn es um das Erstellen von Bestenlisten geht: „Hier, Dings, dieses Lied mit dem Klavier, den Bläsern und dem entrückten Gesang!“ Egal: Dank Copy & Paste wissen wir jetzt alle, dass dieses Lied „Inní Mér Syngur Vitleysingur“ heißt (was auch immer das heißen mag), und dass es großartig ist, müssen Sie mir glauben (oder es nachhören). Zu meinem nächsten Geburtstag wünsche ich mir eine Marching Band, die mit diesem Lied durch meine Bochumer Bergarbeitersiedlung marschiert (einen Schokoladenspringbrunnen habe ich ja dieses Jahr schon bekommen).

4. MGMT – Time To Pretend
Nennen Sie mir eine Möglichkeit, diesem Keyboard-Riff zu widerstehen, und ich müsste nicht jedes Mal „Waaah, wie geil!“ schreien, wenn ich das Lied irgendwo höre. Wenn Sie bei allem Arschwackeln dann vielleicht noch ein bisschen Wertschätzung für diesen unglaublich klugen Text übrig hätten, könnten wir die Missionsarbeit an dieser Stelle auch beenden und nur noch diesem großartigen Indieknaller lauschen.

3. Fleet Foxes – White Winter Hymnal
Ich wiederhole mich gerne, aber die ersten 30 Sekunden dieses Liedes zählen mit zum Besten, was es dieses Jahr überhaupt zu Hören gab. Der Rest des Liedes (und des ganzen Albums) glücklicherweise auch und deshalb ist „White Winter Hymnal“ natürlich völlig zu Recht auf dem Treppchen vertreten.

2. The Killers – Human
Auch nach über 50 Durchgängen bin ich mir sicher: dieser Song ist arschgeil! Meckern Sie ruhig alle rum von wegen Michael Wendler. Selbst wenn Thees Uhlmann und ich neben Brandon Flowers die einzigen Menschen auf der Welt wären, die dessen Texte zu schätzen wüssten: es bliebe immer noch ein absoluter Oberhammer von Popsong! Allein diese unfassbar brillante Frage „Are we human or are we dancer?“, da braucht man doch weder Hegel, noch Kant noch Douglas Adams, das ist der absolute Kern von Philosophie! Und jetzt Ruhe!

1. Goldfrapp – A&E
Ganz, ganz knapp sind die Killers nur Zweite geworden, weil dieses Lied dann am Ende doch noch ein kleines bisschen besser war. So hypnotisch, so klug aufgebaut und so wunder-wunderschön. Ich musste das Lied ungefähr 40 Mal hören, bis ich begriffen habe, worum es in dem Text eigentlich gehen könnte (gescheiterter Selbstmordversuch wegen Liebeskummers), aber selbst wenn es um die Abgeltungssteuer ginge: kein Lied war 2008 in der Summe besser als „A&E“. Und wenn ich das nach mehr als acht Monaten der Dauerrotation sage, wird es schon stimmen, oder?

Listenpanik 10/08

Von Lukas Heinser, 9. Dezember 2008 17:03

Das Eingestehen des eigenen Scheiterns hat immer etwas ungeheuer Befriedigendes: Ich habe mich hoffnungslos im Kalender verheddert und kriege das auch nicht mehr aufgeholt. Für den Rest des Jahres gibt es die Rubrik „Listenpanik“ jetzt nur noch mit nackten Listen, ab Januar 2009 – das verspreche ich einfach mal so – dann wieder mit ausführlicheren Besprechungen.

Kommen wir nun zu den besten Alben und Songs des Monats Oktober:

Alben
1. Tomte – Heureka (s.a. hier)
2. Oasis – Dig Out Your Soul
3. Constantines – Kensington Heights
4. Snow Patrol – A Hundred Million Suns
5. +/- – Xs On Your Eyes

Songs
1. The Killers – Human (s.a. hier)
2. Oasis – Falling Down
3. Tomte – Küss mich wach Gloria
4. Snow Patrol – Take Back The City
5. Stefanie Heinzmann – The Unforgiven (s.a. hier)

[Listenpanik – Die Serie]

Listenpanik 09/08

Von Lukas Heinser, 6. November 2008 19:33

Es ist November und ich bin noch nicht dazu gekommen, die Bestenliste für September zu schreiben. Das liegt zum einen daran, dass im September verdammt viele Alben herausgekommen sind, die mir gefallen (könnten), zum anderen daran, dass ich zeitgleich mit dem Vorhaben begonnen habe, bisher ungehörte CDs aus meinem Regal mal einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Und dann bin ich auch noch ständig unterwegs …

Ich habe jetzt aber den Moment gefunden, in dem ich mit der ungefähren Reihenfolge der September-Veröffentlichungen leben kann. Bevor ich diese wieder verwerfe, drücke ich besser auf „Veröffentlichen“. Deshalb fehlen diesmal auch die Erläuterungen, was ich zu entschuldigen bitte.

Es folgen die besten Platten und Songs des Monats September – wie immer und alles hier im Blog streng subjektiv:

Alben
1. Travis – Ode To J. Smith (s.a. hier)
2. PeterLicht – Melancholie Und Gesellschaft
3. Ra Ra Riot – The Rhumb Line
4. Ben Folds – Way To Normal
(s.a. hier)
5. The Streets – Everything Is Borrowed

Songs
1. Travis – Before You Were Young
2. PeterLicht – Alles was Du siehst gehört Dir
3. Tomte – Der letzte große Wal
4. Oasis – The Shock Of The Lightning
5. Ra Ra Riot – Too Too Too Fast

Oktober kommt dann hoffentlich auch bald.

[Listenpanik – Die Serie]

Listenpanik 08/08

Von Lukas Heinser, 7. September 2008 11:38

Nein, wirklich: Es ist reiner Zufall, dass diese Liste so aussieht, wie sie aussieht. Dass hier ein Folk-Album hinter dem nächsten kommt (bei den Songs kommt dann noch etwas Britpop). Dass ich mich in ziemlicher Hilflosigkeit zu nichtssagenden Fan-Aussagen wie „großartig“ und „toll“ hinreißen lasse. Aber was soll ich tun? Das sind einfach verdammt tolle Platten gewesen im August!

Alben
1. Fleet Foxes – Fleet Foxes
Akustikgitarren, Orgeln, Satzgesänge. Musik, die auch direkt aus den Siebzigern stammen könnte: Crosby, Stills & Nash klopfen an, Simon & Garfunkel und die Beach Boys. Diese Band aus Seattle, WA macht sakralen „Chamber Pop“, der live noch unglaublicher und Gänsehaut-verursachender ist, als man sich das beim Hören ihres Debütalbums vorstellen kann. Mehr als „großartig“ fällt mir nicht ein, lesen Sie lieber, was Robin Hilton dazu schreibt (und hören Sie sich das dort verlinkte Livekonzert an).

2. Hotel Lights – Firecracker People
Folkig und poppig, aber irgendwie doch ziemlich anders geht es weiter. Lesen Sie hier, wie ich zu der Band kam und warum ich sie so toll finde. Den Herbst, der in Bochum schon seit einigen Tagen einen Fuß in der Tür hat, übersteht man am Besten mit dem passenden Soundtrack. Hier ist er.

3. The Dodos – Visiter
Offenbar scheint es irgendein mir nicht bekanntes Gesetz zu geben, das einen bei dieser Band zwingt darauf hinzuweisen, dass Dodos dicke Laufvögel waren, die ausgestorben sind. (Was hiermit erledigt wäre.) Dabei handelt es sich beim Zweitwerk dieses Duos aus San Francisco, CA um weitgehend Vogel-freien (haha), quicklebendigen, sehr rhythmischen … äh: Indie Folk.

4. Kathleen Edwards – Asking For Flowers
Anzeichen, dass man alt wird (Folge 981): In der Bahnhofsbuchhandlung vor „Musikexpress“ („Die 500 besten Gitarrenmomente der Rockgeschichte“) und „Rolling Stone“ (Barack Obama) stehen und dann aufgrund der sonst noch erwähnten Künstler (und der beigelegten CD) den „Rolling Stone“ kaufen. Kathleen Edwards ist eine 30-jährige Kanadierin, die aber weniger an Joni Mitchell erinnert und mehr an k.d. lang, Aimee Mann und Bruce Springsteen (vorausgesetzt, Bruce Springsteen wäre nicht der Inbegriff von Männlichkeit, natürlich). Einer der besten Songs ihres Debüt-Albums („Asking For Flowers“ ist ihr drittes Album) hieß „One More Song The Radio Won’t Like“ – ein Umstand, der bei diesen Liedern eigentlich kaum vorstellbar, aber vermutlich leider trotzdem wahr ist.

5. Conor Oberst – Conor Oberst
Mit dem letzten Bright-Eyes-Album „Cassadaga“ bin ich irgendwie nie so richtig warm geworden. Das macht aber nichts, denn Bright-Eyes-Mastermind Conor Oberst (ich muss die Schreibweise des Vornamens immer noch jedes Mal nachgucken) hat schon wieder ein neues Album fertig, das ein bisschen gefälliger klingt (die Stimme muss man freilich immer noch mögen) und auch mehr rockt. Und mit „Souled Out!!!“ wird er plötzlich sogar bei WDR 2 gespielt.

Songs
1. Fleet Foxes – White Winter Hymnal
Vergessen Sie kleine Spiegel unter der Nase und Puls am Handgelenk: wenn Sie jemandem die ersten dreißig Sekunden von „White Winter Hymnal“ vorspielen und er bekommt keine Gänsehaut, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit tot. Sie sollten trotzdem noch einen Arzt zu Rate ziehen. Und dem können Sie dann das ganze Album (s.o.) vorspielen.

2. Hotel Lights – Amelia Bright
Es ist schon etwas seltsam, wenn man ein Lied schon seit sieben Jahren liebt und es dann zum ersten Mal offiziell hört. „Amelia Bright“ hat mich von Anfang an beeindruckt: die erhabene Melodie und der melancholische Text strahlen gemeinsam eine außerordentliche Schönheit aus. Einfach toll.

3. The Verve – Love Is Noise
Ich muss mal grad meinen imaginary friend fragen, ob ich eigentlich je großer The-Verve-Hörer war. „Na ja, ‚Urban Hymns‘ halt“, sagt der. Und: „eher so die Solosachen von Richard Ashcroft“. Ach so. Darf ich mich trotzdem freuen, dass die Band zurück ist und mit „Love Is Noise“ gleich mal einen absoluten Dampfhammersong rausgehauen hat? Gut. Das Album kickt mich leider (bisher) noch nicht so ganz, weswegen es auch an der obigen Top-5-Liste vorbeigeschrammt ist. Und jetzt verrate mir mal bitte einer, was das da für „Oh oh“-Geräusche im Hintergrund sind!

4. Primal Scream – Can’t Go Back
Primal-Scream-Fan war ich definitiv nie (zu jung), aber dieser Song ist schon ein ziemlicher Tanzboden-Stampfer. Hier wüsste ich gerne, was das für „Whoohohohohoo“-Geräusche sind.

5. Travis – Something Anything
Der Weezer-Song des Jahres kommt von … Travis! Was in die Schotten gefahren ist, die einst als „Schmuserocker“ verspottet wurden, weiß ich auch nicht. Rock’n’Roll vermutlich, denn es scheppert ganz ordentlich – und klingt trotzdem toll. Warum die neue deutsche Plattenfirma lieber einen anderen Song als Single veröffentlicht, ist allerdings noch sehr viel merkwürdiger als die neue (alte) musikalische Richtung der Band.

[Listenpanik – Die Serie]

Listenpanik 07/08

Von Lukas Heinser, 5. August 2008 17:16

Die Ankündigungen, was für Alben in diesem Jahr noch so alles erscheinen sollen, machen mir ein bisschen Angst. Im August geht’s los und es wird erst zur großen Best-Of-Live-und-Raritäten-Welle im Dezember nachlassen. Davor lag aber noch der Juli, der jetzt nicht soooo viel Alben und Songs angespült hat, dafür aber einige richtig gute. Und für zwei gewohnt subjektive und unvollständige Top-Five-Listen reicht das allemal:

Alben
1. She & Him – Volume One
Die üblichen Klischeesätze über singende Schauspielerinnen (inkl. Verweis auf „Bandits“) können Sie sich ja selbst ausdenken: „She“ ist Zooey Deschanel, die Sie aus „Almost Famous“, „Per Anhalter durch die Galaxis“ oder der dritten Staffel von „Weeds“ kennen, „Him“ ist M. Ward, einer der ganz Großen im US-Indie-Folk. Fräulein Deschanel singt aber nicht nur gut, sie spielt auch einige Instrumente und hat fast alle Songs selbst geschrieben. Herausgekommen ist ein charmantes Album zwischen Folk und Sixties Pop, für dessen perfekte Rezeption sich irgendwie Cabriofahrten durch weite Landschaften anbieten.

2. The Hold Steady – Stay Positive
Ich muss ja zugeben, dass ich bis zu diesem Jahr noch nie von The Hold Steady gehört hatte. Aber irgendwie tauchten sie dann in allen von mir konsumierten Musikmedien auf und die CD stand an prominenten Stellen im Laden. Die Band kommt aus Brooklyn, NY und sieht sich mit ihrer Rockmusik in der Tradition von Hüsker Dü und Bruce Springsteen. Außerdem klingt’s für meine Ohren noch nach The Clash, R.E.M. und Ben Folds Five und da sehen Sie sehr schnell, warum mir das Album gefällt. Eigentlich handelt es sich um 14 Popsongs, die aber unter einer leichten Schmutzschicht aus überdrehten Gitarren versteckt sind – bis auf die Stellen, wo sich die Schmutzschicht löst und darunter zum Beispiel ein Harpsichord (oder ein ähnlich barockes Instrument) zum Vorschein kommt. Stellen Sie sich die Counting Crows zu „August And Everything After“-Zeiten und Weezer zu „Pinkerton“-Zeiten gemeinsam auf einem Album vor und Sie sind nah dran. Ach, hören Sie es sich einfach an!

3. Black Kids – Partie Traumatic
Und schon wieder so eine Indieband. Was die Black Kids von den meisten anderen Bands, die in dieser Serie schon zu Gast waren und längst wieder vergessen sind, unterscheidet ist die Tatsache, dass sie aus Florida kommen. Ihr Debütalbum haben sie aber unter der Regie von Bernard Butler in Großbritannien aufgenommen, weswegen sie auch eher britisch klingen (vermutlich taten sie das auch vorher schon, aber so kommt eins zum anderen). „Partie Traumatic“ hat einen Überhit („I’m Not Going To Teach Your Boyfriend How To Dance“, s.u.) auf der Habenseite und verfügt über neun weitere charmante Indiepopschlager. In einem halben Jahr vergessen, aber heute genau das richtige.

4. Dirty Pretty Things – Romance At Short Notice
Carl Barât ist der Paul McCartney der Libertines: der nette, weniger verrückte, der ohne die komische Frau. Eben nicht Pete Doherty. Und so, wie ich vieles von McCartney besser fand als die Lennon-Sachen, mag ich auch die Dirty Pretty Things mehr als die Babyshambles. Auf ihrem zweiten Album klingen sie nach Madness, The Clash und dann mal wie The Kooks in spannend. Oder: etwas spannender.

5. Beck – Modern Guilt
Seien wir ähnlich: Beck lebt (ein bisschen wie Oasis) von dem Ruf, einige der besten Alben der Neunziger aufgenommen zu haben. Nach dem phantastischen „Sea Change“ vor sechs Jahren kamen zwar zwei Studioalben und ein Remixalbum, aber die klangen irgendwie so, wie Beck halt klingt. Was bei Oasis nicht weiter ins Gewicht fällt, ist bei einem wie Beck schon fataler – immerhin war sein Sound mal innovativ und neu. Vor diesem Hintergrund sind dann auch die Songs, die man vor zehn Jahren vermutlich urst cool gefunden hätte, heute eher noch okay. Aber weil ich im Juli nicht so viele neue Alben gehört habe, soll’s mal gerade noch für die Liste reichen.

Songs
1. Black Kids – I’m Not Going To Teach Your Boyfriend How To Dance
Offenbar soll es jetzt jedes Jahr den großen The-Cure-Gedächtnishit geben. Was letztes Jahr den Shout Out Louds gelang, ist dieses Jahr den Black Kids vorbehalten. Was für eine riesige Indie-Hymne, die jede Tanzfläche zum Bersten bringen dürfte!

2. She & Him – This Is Not A Test
Wären die Beach Boys die Beach Girls gewesen, hätten sie so geklungen: „Baaaaaaaa“, gepflegtes Geschunkel und ein Hauch von Melancholie hinter dem sommerlichen Frohmut. Der vermutlich beste Song auf einem tollen Album (s.o.)

3. Get Cape. Wear Cape. Fly – Waiting For The Monster To Drown
Bei Get Cape. Wear Cape. Fly steht für mich das Album irgendwie immer über den Songs. Vom Debüt könnte ich kaum ein einzelnes Lied benennen, das Gesamtkunstwerk Album überstrahlt alles. Aber beim Wiederhören des zweiten Albums (s. Listenpanik 03/08) musste ich feststellen, dass „Waiting For The Monster To Drown“ ein Hammersong ist. Bigbeat, Streicher und „Baba“-Chöre, so schreibt man Hits. Also einfach: noch mal reinhören, Wahnsinnssong!

4. Weezer – Heart Songs
Angeregt durch diesen Kommentar habe ich mich dann doch noch mal näher mit der roten Weezer-Platte beschäftigt und siehe da: „Heart Songs“. Nicht unbedingt ein eingängiger Rocksong, aber ein unglaublich anrührender. Rivers Cuomo arbeitet sämtliche Einflüsse von Cat Stevens über Bruce Springsteen bis zur Erweckung durch Nirvana und den Start der eigenen Karriere ab und jeder Mensch, dessen Adoleszenz durch Rockmusik geprägt war (also ungefähr jeder Mensch), weiß, wovon der Mann singt.

5. Fotos – Explodieren
Von Fotos kriege ich irgendwie immer nur die Singles mit. Vor zwei Jahren zum Beispiel das gigantische „Giganten“, dieses Jahr eben „Explodieren“. Ein bisschen PeterLicht, ein bisschen Sterne, ein bisschen Superpunk. Ein sympathischer kleiner Rocksong, in jedem Fall besser als Madsen (was allerdings auch ein ziemlicher Gemeinplatz ist).

[Listenpanik – Die Serie]

Listenpanik 06/08

Von Lukas Heinser, 15. Juli 2008 15:29

Okay, nach dem Zusammenbruch beim letzten Versuch, eine Monatsliste zu erstellen, habe ich mich wieder gefangen. Hier ist das Beste aus dem Monat Juni – beziehungsweise das, was ich in dieser Millisekunde dafür gehalten haben könnte. Und abgesehen von dem, was ich bisher schlichtweg vergessen oder übersehen habe.

Alben
1. Sigur Rós – Med Sud I Eyrum Vid Spilum Endalaust
Mit einem Dröhnen in ihren Ohren wollen sie also endlos spielen, wenn man den Übersetzungsangeboten für Nicht-Isländer glauben darf. Die Isländer von Sigur Rós, deren Alben gerne in der Nähe der Adjektive „sphärisch“ und „entrückt“ besprochen werden, klingen auch auf ihrem fünften Album so unvergleichlich wie zuvor – nur die mitunter tonnenschwere Melancholie ist an etlichen Stellen einer federleichten Lebensfreude gewichen. Uptempo-Nummern eröffnen das Album und ehe man sich’s versieht, ist man auf der Suche nach leicht nerdigen Ringelpulliträgern, die mitschunkeln wollen. Vielleicht waren Sigur Rós schon mal ein bisschen besser, hörbarer aber waren sie bisher nicht.

2. Coldplay – Viva La Vida
Was soll ich dem noch hinzufügen? Außer vielleicht, dass sich das Album auch nach wochenlangem Hören nicht abnutzt, manche Songs vielmehr noch gewachsen sind.

3. Jakob Dylan – Seeing Things
Als Jakob Dylan mit den Wallflowers anfing, wollte er alle Vor- und Nachteile, die ihm durch seinen Vater entstehen könnten, vermeiden. Nach 16 Jahren fühlte er sich reif für ein Album mit dem Namen vorne drauf. Dass Jakob Dylan ein großartiger Songwriter ist, dürfte kaum jemanden überraschen, der seine Karriere verfolgt hat. Interessanter ist da schon, dass man beim Fehlen der Rest-Wallflowers merkt, dass die Band eben nicht nur von Dylan bestimmt wird, sondern auch und besonders von Rami Jaffee – also keine breiten Orgelteppiche, dafür eine völlig reduzierte Produktion von Rick Rubin. Dadurch kommen Dylans gewohnt brillante Texte über die ganz großen Themen Schuld, Glaube, Liebe und Hoffnung noch ein bisschen besser zur Geltung. Nach dem Papa klingt das Album trotzdem nur am Rande, eher nach Springsteen, Zevon und Cash. Ganz große Landschaftsmalerei!

4. Jason Mraz – We Dance. We Sing. We Steal Things.
Wer hätte gedacht, dass der One-Radiohit-Wonder Jason Mraz vier Jahren nach „The Remedy“ in Deutschland überhaupt noch mal ein Album veröffentlichen darf? Dass er mit „I’m Yours“ jetzt wieder rauf und runter gespielt wird, kann eigentlich nur daran liegen, dass es gerade keine Jack-Johnson-Single gibt – oder daran, dass der Song, wie das Album auch, einfach wirklich gut. Entspannt, abwechslungsreich und eingängig: nix für die Ewigkeit, aber für mindestens einen Sommer (wenn es den denn gerade gäbe).

5. My Morning Jacket – Evil Urges
Sind My Morning Jacket eigentlich in Deutschland sehr bekannt? Ich kann sowas immer so schlecht abschätzen. Die in solchen Belangen mittel-vertrauenswürdige Wikipedia schlägt als Genres „Indie rock, Experimental, Psychedelic rock, Southern rock und Jam band“ vor, was zweifellos alles zutrifft, jetzt aber weder Ihnen noch mir weiterhilft. Sollten Sie im Laden oder im Internet reinhören wollen (was Sie tun sollten), sollten Sie in jeden Song reinhören, denn einzelne Eindrücke könnten Sie noch mehr verwirren als das Gesamtwerk: Da gibt es „Sec Walkin“, bei dem man ein paar Mal überprüfen muss, dass es sich wirklich um einen Song von 2008 handelt und nicht um eine Soulnummer aus den 1960ern. Dafür klingt „Touch Me I’m Going To Scream Pt. 2“, als sei es direkt aus den Achtzigern in die Boxen gehüpft. Ein bisschen heterogen ist das Album also schon, möglicherweise auch anstrengend (meine neue Lieblingsvokabel zur Beschreibung von Musik), aber insgesamt auch … äh: toll.

Songs
1. Coldplay – Viva La Vida

Four-To-The-Floor-Beats finde ich außerhalb ihres natürlichen Lebensraums Kirmestechno fast immer gut und Stakkato-Streicher, Glocken und Pauken haben auf mich genau die Auswirkungen, die ihnen Edmund Burke in seiner Ästhetik des Erhabenen zuschreibt.

Da habe ich nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

2. Sigur Rós – Inní Mér Syngur Vitleysingur
So klingt das Leben, wenn alles in Ordnung ist. Wenn man frisch verliebt Hand in Hand über saftige Wiesen hüpft, der tiefstehenden Sonne entgegen, umringt von tanzenden Kaninchen, Katzenbabies und Elfen. Wenn das Feuerwehrorchester von Disneyland die Nationalhymne von Hopeland intoniert. So klingt Perfektion, wenn man es überhaupt nicht drauf anlegt.

3. Aimee Mann – Freeway
Irgendwie hat es das Album mit dem schönen Titel „@#%&*! Smilers“ nicht ganz in den Top 5 geschafft (was ich möglicherweise augenblicklich bereut haben werde), dann versuchen wir’s mit der Single eben wieder gut zu machen: klingt wie Aimee Mann, fühlt sich an wie damals im Kino bei „Magnolia“. Ob diese Frau jemals einen schlechten Song geschrieben hat? Falls ja, habe ich ihn verpasst.

4. The Subways – Girls And Boys
Irgendwie niedlich sind sie ja schon, die Subways. Wirken immer noch ein bisschen, als wären sie von ihren Eltern beim Luftgitarrespielen vor dem Spiegel aufgeschreckt worden. Aber, meine Güte: rocken tun sie! „Girls And Boys“ ist der Feeder-Song, der dieses Jahr bei Feeder irgendwie nicht rauskommen wollte.

5. Weezer – Pork And Beans
Zugegeben: es ist eher das Video als der Song, der Weezer noch einmal zurück auf meinen Bildschirm gebracht hat. Aber diese Aneinanderreihung von YouTube-Legenden ist so wunderbar nerdy, dass sie das Lied gleich mit hebt. Ins Album habe ich mich dann nicht mehr getraut reinzuhören.

EP
Travis – J. Smith EP
Das also soll sie sein, die endgültige Rückkehr Travis‘ zum Rock. Der Titeltrack ist anderthalb Minuten eine nette Travis-Midtempo-Nummer, ehe sich für kurze Zeit ein (relatives) Rock-Gewitter entlädt. Ja, doch, das überrascht nach all den Jahren doch ein bisschen. „Get Up“ ist laut Credits kein Cover von KT Tunstalls „Black Horse And The Cherry Tree“, klingt aber so. Travis dürfen das freilich, sie sind ja mit Frau Tunstall befreundet. Als Rausschmeißer auf dieser kleinen EP (früher hießen Tonträger mit drei Tracks schlicht „Single“) gibt es die charmante Ballade „Sarah“ mit ganz viel Klavier. Wie diese Songs einzuordnen sind, wird sich wohl erst nach Erscheinen von „Ode To J. Smith“ zeigen. Als Zwischendurchhappen sind sie aber durchaus erfreulich – und gerade mal 14 Monate nach „The Boy With No Name“ auch noch erstaunlich früh.

[Listenpanik – Die Serie]

Listenpanik 05/08 (Ein Fragment)

Von Lukas Heinser, 23. Juni 2008 16:42

Bald ist Juli. Dann muss auf die Alben des Monats Juni zurückgeblickt werden. Das heißt, es „muss“ natürlich gar nichts, das ist ja nur den Stress, den man sich selber macht. Noch ist aber auch die Liste für den Monat Mai noch unfertig, was mich um so fertiger macht.

Und weil mir gerade nicht viel mehr einfällt und beim Musikjournalismus eh unwichtig ist, was man schreibt (wichtig ist nur die korrekte Schreibweise von Künstler- und Albumnamen und eine ungefähre Wertung, die schon allein durch die Erwähnung auf dieser Liste vorgenommen wird), veröffentliche ich hier und jetzt einfach das, was ich bisher habe. Ohne Rücksicht auf Verluste und diesmal ohne Platzierungen:

Alben
Death Cab For Cutie – Narrow Stairs
So ein bisschen sind sie ja die Coldplay Amerikas: Death Cab For Cutie sind von der einstigen Indie-Band zu den Lieblingen von alt und jung geworden und seit „O.C., California“ weiß auch jeder, dass wahre Fans sie nur „Death Cab“ nennen.
Geschenkt: „Narrow Stairs“ ist ein wenig lauter und sperriger geraten als der Vorgänger „Plans“ (allein die Idee, eine achteinhalbminütige Single zu veröffentlichen!) und ist natürlich schon wieder großartig. Sechs gute Alben muss man auch erst mal schaffen – „O.C., California“ hatte vier Staffeln, davon eine gute.

The Notwist – The Devil, You + Me
„Gut Ding will Weilheim haben“ – irgendein deutscher Musikjournalist wird das sicher geschrieben haben über die Band aus der oberbayrischen Provinz, deren letztes Album auch schon wieder sechs Jahre zurückliegt – als Band, wohlgemerkt, denn mit diversen Nebenprojekten haben die Acher-Brüder Markus und Micha, Martin „Console“ Gretschmann und ihr ständig unerwähnt bleibender Drummer Andi Haberl in der Zwischenzeit bestimmt einen halben Plattenschrank gefüllt.
Jetzt also wieder The Notwist: „The Devil, You + Me“ klingt organischer und weniger elektronisch als ihr Meisterwerk „Neon Golden“, ist aber mindestens genauso gut. (Wieso eigentlich „aber“?) Wäre „großes Kino“ keine brutalst abgedroschene Phrase, es träfe auf dieses Album zu, so schnell entstehen kleine Filme im Kopf.

The Ting Tings – We Started Nothing
Überhit „Great DJ“
… wie eine Mischung aus Cansei De Ser Sexy und The Clash

MGMT – Oracular Spectacular
Guillemots – Red
Clueso – So Sehr Dabei

Songs
The Notwist – Good Lies
Wie viele verschiedene Möglichkeiten gibt es, den selben Satz zu singen? Sie können es gerne nachzählen bei Markus Acher, Sie können es aber auch bleiben lassen und sich ganz auf dieses wundervolle Lied konzentrieren.

Death Cab For Cutie – The Ice Is Getting Thinner
Gut: So langsam sind dann mal alle Metaphern durch für die Beziehung, aus der langsam, aber sicher die Luft entweicht. Und trotzdem: So schön wie Ben Gibbard hat das schon lange niemand mehr besungen. Eine echtes Gänsehaut-Lied, dessen Kopfstimmen-Gesang man allerdings nur nachahmen sollte, wenn man alleine ist.

The Ting Tings – That’s Not My Name
Clueso – Keinen Zentimeter

schon seit Monaten draußen, aber immer noch gut

[Listenpanik – Die Serie]

Seite: << 1 2 3 4 >>