Listenpanik 07/09

Von Lukas Heinser, 10. August 2009 17:53

Der Sommer ist traditionell nicht die veröffentlichungsstärkste Jahreszeit, aber entweder habe ich die meisten Highlights im Juli übersehen oder es war tatsächlich ein besonders dürrer Monat. Wenn Saturn nicht gerade wieder MP3-Alben verramscht hätte, hätte ich mir vermutlich nicht mal das eher mittelprächtig besprochene Album von The Airborne Toxic Event angehört — und durchaus ein paar gute Songs verpasst.

Aber kommen wir nun zu den wie immer streng subjektiven Höhepunkten des zurückliegenden Musikmonats:

Alben
Portugal. The Man – The Satanic Satanist
Die Liste der Künstler, von denen ich immer schon mal gehört hatte, die mir aber so direkt nichts sagten, wird naheliegenderweise nie kürzer, auch wenn ich jetzt mein erstes Album von Portugal. The Man besitze. Ein Album, das mir durchaus sehr zusagt und das mit großer Geste das erzeugt, was Werbetexter ein „positives Lebensgefühl“ nennen. Angesichts der vielen Einflüsse aus Soul, Rock, Pop und wasweißichnochwas möchte ich zur näheren Verortung gern zur universellen Nicht-Schublade „Haldern-Musik“ greifen, auch wenn die Band beim Traditionsfestival am Niederrhein1 überraschenderweise noch ohne Auftritt ist, wie ich gerade festgestellt habe.2 Als weiteren hoffnungslosen Erklärungsversuch könnte ich noch „wie Kings Of Leon mit weniger Testosteron“ anbieten, aber vielleicht hören Sie einfach lieber selbst rein.

Jack’s Mannequin – The Glass Passenger
Andrew McMahons Hauptband Something Corporate (3 Alben) liegt seit mehreren Jahren auf Eis — darf man da bei Jack’s Mannequin und ihrem zweiten Album überhaupt noch von einem „Nebenprojekt“ sprechen? Eigentlich auch egal, denn wem der Collegerock von Something Corporate noch eine Spur zu … äh: „hart“ war, der könnte am Radiopop von Jack’s Mannequin seine Freude haben.3 Auch in den Texten ist etwas mehr Pathos, aber wer mit Anfang Zwanzig eine Leukämie-Erkrankung übersteht, hat alles Recht, ein bisschen öfter „survive“ oder „make it“ zu singen. Hätte man die 14 Songs auf zehn bis zwölf eingedampft, wäre „The Glass Passenger“ rundherum gelungen, aber auch so ist es ein souveränes Indiepop-Album geworden.

The Airborne Toxic Event – The Airborne Toxic Event
Die erste Generation der Achtziger-Düsterpop-Epigonen (Interpol, Editors) ging völlig an mir vorbei, bei der zweiten Welle habe ich ganz schnell den Überblick verloren: Glasvegas haben ewig gebraucht, bis ich sie mochte,4, bei White Lies warte ich immer noch auf diesen Moment und jetzt eben die Band mit dem unmerkbaren Namen: The Airborne Toxic Event. „Gasoline“ geht Libertines-mäßig nach vorne, „Happiness Is Overrated“ erinnert an Elefant und „Missy“ wirkt, als sei bei einem Belle-And-Sebastian-Song irgendwas schief gelaufen. Es klingt also mal wieder alles, wie schon mehrfach da gewesen, aber der Trick ist ja, genau daraus ein abwechslungsreiches Album zu machen. Und das ist The Airborne Toxic Event gelungen.

Songs
Jack’s Mannequin – Annie Use Your Telescope
Klavier, Akustikgitarre, schleppende Beats, künstliche Streicher5 und Stimmen, die sich ineinander verzahnen und vom Unterwegssein und Nachhausekommen singen — sowas kann ganz schlimm sein oder ganz großartig. Ich finde es großartig und dieses „Annie I will make it“ lässt auch keine Zweifel und keinen Widerspruch zu. Mal wieder einer dieser Songs dieses Jahr, den ich auf Dauerrotation hören könnte.

Portugal. The Man – People Say
Ein Popsong der Geschmacksrichtung „euphorietrunkener Mitschunkler“, wie sie etwa die Britpop-Band Embrace vor gut einem Jahrzehnt regelmäßig aus dem Ärmel geschüttelt hat. Wenn man allerdings auf den Text achtet, wird die ganze strahlende gute Laune plötzlich zum eiskalten Zynismus: „All the people, they say: / ‚What a lovely day, yeah, we won the war / May have lost a million men, but we’ve got a million more.'“

The Airborne Toxic Event – Sometime Around Midnight
Die Ex-Freundin mit dem neuen Typen in einer Bar? Das soll noch ein Songthema sein? Ernsthaft?! Ja, ernsthaft. Warum denn nicht? Wie sich der Song musikalisch steigert und damit den Text untermalt, das ist schon große Songwriter-Schule. Sicher: Man muss mögen, wie Mikel Jollett da mit jeder neuen Zeile noch eine Schüppe mehr Dramatik in seine Stimme legt. Aber er kann’s und es funktioniert. Und mal ehrlich: Ist nicht jedes Thema eigentlich schon tausendmal besungen worden?

Colbie Caillat – Fallin‘ For You
Es macht nichts, wenn Ihnen der Name Rick Nowels nichts sagt, aber Songs aus seiner Feder kennen Sie bestimmt aus dem Radio. Jetzt hat der Ex-New-Radical also einen Song mit Colbie Caillat geschrieben6 und er klingt wie ungefähr alles, wo Nowels oder sein Ex-Partner Gregg Alexander in den letzten zwanzig Jahren ihre Finger dran hatten: Gut gelaunt, sommerlich, radiopoppig. Auch das muss man mögen, aber wer’s nicht mag hat mutmaßlich eine schwarze Seele.

[Listenpanik, die Serie]

  1. Donnerstag geht’s wieder los! []
  2. Dafür aber beim La-Pampa-Festival. []
  3. Es kann kein Zufall sein, dass ich ausgerechnet über WDR 2 von der Veröffentlichung des Albums in Deutschland erfuhr. []
  4. Eine dieser Bands, die man auf keinen Fall als erstes live sehen sollte. []
  5. Davon bekommen sie jetzt in der YouTube-Liveversion wenig mit. []
  6. Was die Plattenfirma nicht davon abhält, zu behaupten, „die Tochter von Fleetwood Mac-Produzent Ken Caillat“ habe „für das neue Album ‚Breakthrough‘ alle Songs selbst“ geschrieben. []

12 Kommentare

  1. Matthias
    10. August 2009, 19:31

    Ich hätte als Album im Monat Juli noch die Dave Matthews Band mit „Big Whiskey and the GrooGrux King“ im Angebot. Definitiv DAS Highlight im vergangenen Monat. Musik, die auf Platz 1 der US-Albumcharts landet, ist zwar (abgesehen von Coldplay) sonst nicht mein Ding, aber hier muss ich doch mal ’ne Ausnahme machen.

  2. tux.
    10. August 2009, 20:03

    Was Portugal. The Man betrifft:
    Censored Colors wirkte reifer und vor allem länger. Kann ich eher empfehlen.

  3. Jonny
    10. August 2009, 20:42

    Ach, irgendwie finde ich deine Lieder dieses mal blöd…sonst war ich immer begeistert…also der Jack’s Mannequin Song ist ganz cool, aber der Rest irgendwie nicht…wie wärs denn, daraus immer ne Youtube Playlist zu machen? hätte das nicht was?

  4. Johannes
    10. August 2009, 20:51

    Als erstes mal muss ich Matthias zustimmen.
    Die neue Dave Matthews Band ist definitiv ein August Highlight.
    Auch kann ich nicht verstehen wie du es vorziehst, Glasvegas oder White Lies zuhören, anstatt sich mal mit einer der großartigsten Bands des letzten Jahrzents zu befassen.
    Interpol.Hör dir mal „Pace is the trick“ oder „Rest my chemistry“ an, und vielleicht fällt es die leichter, die von dir als „Epigonen“ beschriebenen Bands zu mögen.
    Als letztes wundert es mich das in deiner Mai Liste nicht das neue Sophia Album ist.Aber das gehört jetzt hier nicht hin.

  5. Lukas
    10. August 2009, 21:01

    Dave Matthews hatte ich für mich nach „Before These Crowded Streets“ unter „grauenhafter Stadionrock mit Ethno-Einflüssen“ abgespeichert.

    Sophia hab ich noch gar nicht gehört, fällt mir da auf. Nur live gesehen — und das war ganz gut.

  6. Johannes
    10. August 2009, 21:19

    Ich gebe zu nicht alles von Dave Matthews ist klasse.
    Aber es als grauenhaft abzustempeln ist irgendwie schon ein bisschen unfair.
    Hier sind mal Links zu 2 Akustikversionen von Matthews Klassikern, die durch brilliante Gitarrenarbeit auffallen.
    http://www.youtube.com/watch?v=WjVSwN-2z_A
    http://www.youtube.com/watch?v.....re=related
    Wahrscheinlich werde ich auch bald das Vergnügen haben, die neuen Sophia Songs live anzuhören.

  7. Matthias
    10. August 2009, 23:17

    „Before These Crowded Streets“ Stadion-Rock? Du meinst, so à la „Live is Life“ von Opus? Reden wir wirklich vom selben Album???
    siehe z.B. hier: http://www.youtube.com/watch?v=Nxgju4UWS9M

    Wie auch immer, Geschmäcker sind verschieden. Das neue Album hat musikalisch jedenfalls nicht mehr viel mit den Anfangstagen gemein (dafür sorgt schon Green-Day-Produzent Rob Cavallo). Anspieltipp: „Shake Me Like A Monkey“.

  8. Julian
    11. August 2009, 7:15

    Der mit großem Abstand großartigste Song des Sommers wird hier schmerzlich vermisst. Natürlich: „Warm Heart of Africa“ von The Very Best feat. Ezra Koenig.

    Gibt’s legal zum kostenfreien Download bei last.fm und jedem Musikblog of the Internets.

    Ansonsten bin ich überrascht, dass der Colbie-Caillat-Song gar nicht mal so scheiße ist. Diese eine Single, „Bubbly“ oder so, ging eher schnell auf den Zeiger.

  9. Dr. Borstel
    11. August 2009, 14:32

    Mal davon abgesehen, dass ich Lucas‘ Abneigung gegen „Stadion Rock“ normalerweise nicht gerade teile, kann ich es auch nicht so wirklich nachvollziehen, weshalb die Dave Matthews Band derart hochgelobt wird. Wie auch immer, den Portugal. The Man-Song könnte ich mögen, den von The Airborne Toxic Event mag ich jetzt schon (und das von jemandem, der, ja tatsächlich, die White Lies vergöttert), und die neue Colbie Caillat geht mir immerhin noch nicht total auf die Nerven – auch schon mal ein Fortschritt.

  10. Roman
    11. August 2009, 18:30

    „People Say“ von Portugal. The Man gibts bei last.fm zum kostenlosen Download. Da: http://www.last.fm/music/Portu.....?autostart

  11. Coffee And TV: » Haldern Pop 2009: Liveblog Samstag
    15. August 2009, 13:47

    […] Irgendwie ist dieser Achtziger-Düsterpop ein großer blinder Fleck in meinem Musikgeschmack (s.a. hier), denn für mich klingen alle diese Editors, Interpols, White Lies, Foals und eben auch iLiKETRAiNS […]

  12. Coffee And TV: » Swim for the music that saves you
    22. November 2009, 13:45

    […] um zwei Songs aus seinem (sehr, sehr guten) aktuellen Album “The Glass Passenger” (s.a. Listenpanik 07/09) […]