Listenpanik 01/09

Von Lukas Heinser, 9. Februar 2009 16:33

Zu Beginn des neuen Jahres gibt es mal wieder ein paar Veränderungen an der Listenpanik: Ich habe mich von diesem doofen Top-Five-Denken verabschiedet.

Es gibt Monate, in denen könnte man acht Alben loben, und es gibt welche, da fallen einem eben nur drei ein. In der Vergangenheit standen öfter gerade noch okaye Alben in den Monatslisten, während gute Alben fehlten — dies wird fürderhin nicht mehr der Fall sein. Ich schreibe einfach alles auf, was mir gefallen hat, und versuche auch nicht mehr ganz so krampfhaft, eine Reihenfolge festzulegen.

Was bleibt: Die Listen sind streng subjektiv, erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und das beste Album des Jahres findet man sowieso immer erst viel später.

Alben
Bon Iver – Blood Bank
„For Emma, Forever Ago“ habe ich erst spät entdeckt und nach wochenlangem Hören bin ich mir sicher, dass Platz 8 in den Jahrescharts viel zu weit hinten war. Es ist aber nicht nur Wiedergutmachung, diese EP jetzt an exponierter Stelle zu loben, denn die gerade mal vier Tracks haben es in sich. Der Titeltrack entstand gemeinsam mit den Album-Songs, aber „Woods“ klingt beispielsweise völlig anders: Er besteht nur aus Justin Vernons Stimme, bzw. dem, was Autotune davon übrig gelassen hat. Trotzdem klingt es nicht grauenhaft, wie auf dem letzten Kanye-West-Album, sondern ungefähr so packend wie Imogen Heaps „Hide And Seek“. Mann kann’s nicht beschreiben, man sollte es hören!

Antony And The Johnsons – The Crying Light
„Kunden, die Bon Iver kauften, kauften auch … Antony And The Johnsons“. Ich hab lange überlegt, ob ich vorher eigentlich schon mal einen Song von Antony Hegarty und seiner Band gehört habe. Ja, sagt Wikipedia, in „V for Vendetta“. Ich kann mich nicht daran erinnern, verspreche aber, diese Bildungslücke zu schließen, denn „The Crying Light“ ist ein großartiges Album: Kammerkonzertartige Instrumentierung (weswegen die Band auch unter „Chamber pop“ einsortiert ist), überraschende Wechsel in Takt und Harmonie und über allem eine Stimme, die man nur mit dem Adjektiv „entrückt“ beschreiben kann. Wenn die Engelchen backen und sich der Himmel am Horizont rosa verfärbt, hören sie vermutlich solche Musik.

Black Rust – Medicine & Metaphors
Ein Album, wie geschaffen für den Januar: Es passt zu grauen Nachmittagen ebenso wie zu Schneespaziergängen im Sonnenschein. Da ist ein Songtitel wie „New Year’s Day“ nur noch das Tüpfelchen (vielleicht sogar das Herzchen) auf dem i. Was mir an dieser Akustikrock-Platte so gefällt, steht ausführlicher hier.

Songs
Lily Allen – The Fear
Spätestens seit ich sie vor zweieinhalb Jahren live gesehen habe, bin ich ein bisschen in Lily Allen verliebt. Ich bin also nicht sehr objektiv, was ihre Musik angeht. Aber „The Fear“ ist auch mit etwas versuchtem Abstand ein toller Song: ausgewogen zwischen Melancholie (Akustikgitarren, der Text) und Partystimmung (die Beats, das Gezirpe) geht er sofort ins Ohr, ohne dabei zu cheesy zu sein. Und zu der Idee, nicht wieder mit Mark Ronson zusammenzuarbeiten (und damit so zu klingen wie all diese Sängerinnen, die nach ihr kamen), kann man ihr sowieso nur gratulieren.

Mando Diao – Dance With Somebody
Es ist natürlich reiner Zufall, dass ausgerechnet in dem Monat, in dem Franz Ferdinand am Umgang mit Synthesizern scheitern, ihre schwedischen Wiedergänger einen derart gelungenen Tanzbodenstampfer aus dem Ärmel schütteln. Ein paar Takte „Enola Gay“; ein Sound der klingt, als habe man die eigentliche Band gegen The Ark ausgetauscht, und ein Refrain, der so schlicht ist, dass man ihn nur lieben oder hassen kann.

Bruce Springsteen – The Wrestler
Das neue Album „Working On A Dream“ will mich irgendwie nicht so recht packen, alles klingt so altbekannt. Aber dann kommt „The Wrestler“, der Golden-Globe-prämierte Bonustrack, der an „The River“, „Secret Garden“ oder „Dead Man Walking“ erinnert, und ich bin wieder hin und weg. Die ganze Schwere der Welt in einem Song und auf den Schultern eines Mannes, der das aushält.

Antony And The Johnsons – Her Eyes Are Underneath The Ground
„Mutti, wovon singt dieser Mann?“ – „Dass er mit seiner Mutter in einem Garten eine Blume gestohlen hat.“ – „Aha!“ Fragen Sie mich nicht, aber dieses Lied ist verdammt groß.

The Fray – You Found Me
Eigentlich soll man sich ja nicht für seinen Geschmack entschuldigen, aber bei College Rock habe ich immer das Gefühl, es trotzdem tun zu müssen. Ich liebe das Debütalbum von The Fray (die Melancholie, die Texte, das Klavier!) und es ist mir egal, dass sie als „christliche Rockband“ gelten. „You Found Me“, die Vorabsingle ihres zweiten, selbstbetitelten Albums, läuft angeblich bei Einslive rauf und runter (Lily Allen läuft sogar auf WDR 2), aber das macht nichts. Die erste große Pathos-Hymne des Jahres 2009 hat Aufmerksamkeit verdient.

Animal Collective – Brother Sport
„Merriweather Post Pavillon“, das neue Album von Animal Collective (von denen ich bisher nichts kannte), fällt bei mir in die Kategorie „Sicher nicht schlecht, aber ich wüsste nicht, wann ich mir sowas noch mal anhören sollte“ — und befindet sich dort mit Radiohead und Portishead in bester Gesellschaft. „Brother Sport“ unterscheidet sich in Sachen Unzugänglichkeit und Melodielosigkeit nicht groß vom Rest des Albums, hat aber dennoch irgendwas (sehr präzise, ich weiß), was mich zum Hinhören bringt. Das Repetitive nervt diesmal nicht, sondern entfaltet seine ganz eigene hypnotische Wirkung. Aus irgendwelchen Gründen erinnert mich das an den Tanz der Ewoks am Ende von „Return of the Jedi“, auch wenn ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wieso.

[Listenpanik, die Serie]

13 Kommentare

  1. Mareike
    9. Februar 2009, 17:42

    „Antony & the Johnsons“ ist eine Neuentdeckung? Hätte ich nicht erwartet (was überhaupt nichts heißt, aber mir im Kopf rumschwirrt). Bin gespannt auf weitere Eindrücke. Als ich „I’m a bird now“ zum ersten Mal hörte war ich fassungslos über den Klang dieser Stimme….

    Und zum Thema „The Fray“: „die Melancholie, die Texte, das Klavier!“. Ohne „die Texte“ schrieb ich den gleichen Kommentar vor zwei Wochen in einer E-Mail. Vor allem das Ausrufezeichen hinter dem Klavier ist wichtig, finde ich.

    (Und noch eine technische Frage: Comments will be closed on 9 July? Warum? Steht das immer da und ich hab’s nur noch nie gesehen?)

  2. Chris
    9. Februar 2009, 19:15

    Ha, mit dem Springsteen Song geht es mir genauso. So ganz habe ich nicht verstanden, wieso „The Wrestler“ nicht für den Oscar nominiert ist.

    (Und das „Comments will be closed on XYZ steht da schon immer. Oder zumindest schon länger.)

  3. Stitch
    9. Februar 2009, 20:34

    zum Wrestler: Dass der Song nicht Academy Award nominiert ist, ist einer der größten Skandale der diesjährigen Preisverleihung (neben der Nominierung von Kate Winslet ausgerechnet für The Reader und nicht für Revolutionary Road, die Regie-Nominierungen für Howard und Daldry sowie die beinah komplette Abwesenheit von In Bruges). Alleine die Wirkung, die dieser Song im Anschluss an die großartige Schlusseinstellung des Films erzielt ist preisverdächtig. Was das Album angeht, geb ich dir aber (aus leicht anderen Gründen) durchaus recht – das klingt über weite Strecken wie eine Springsteen-Parodie, was nach den brillianten Alben „Magic“, „Seeger Sessions“ und „Devils & Dust“ noch schlimmer ist als sowieso schon.

    zu Animal Collective: davon ab, dass dieses Album ihr wohl zugänglichstes bislang ist, kann ich das mit der „Melodielosigkeit“ ganz und gar nicht verstehen. „My Girls“, „Also Frightened“ oder „Bluish“ haben mit die most catchy Melodien, die ich seit längerem gehört habe…

  4. das_ben
    9. Februar 2009, 23:09

    Also neben dem Wundern über deine bisherige Nichtvertrautheit mit Antony & the Johnsons (nachholen!) die irritierte Frage: wieso sollte man sich Portishead nicht noch einmal anhören? Sicherlich sehr subjektiv, aber ich war schockiert dass „Third“ in deinem Jahresrückblick keinerlei Rolle gespielt hat.

  5. Lukas
    9. Februar 2009, 23:48

    @Stitch: Ja, „Parodie“ trifft es gut. Dieser Supermarkt-Song ist zum Beispiel wirklich ein Tacken zu viel für mich.

    @das_ben: Nicht „man“ „sollte“ es sich kein zweites Mal anhören, aber ich tue es nicht. Vielleicht mache ich es mir da sehr einfach, wenn ich immer nur zu den gefälligeren Platten zurückkehre, aber „Third“ hat mich völlig kalt gelassen bzw. abgeschreckt.

  6. Stitch
    10. Februar 2009, 11:55

    @Lukas: Ja genau, und dieses furchtbare „Surprise, Surprise“. Was um Himmles Willen hat ihn da nur geritten? Und wer hat diese schreckliche Covergestaltung abgenickt?

  7. FG
    10. Februar 2009, 12:36

    Erst mal finde ich es ja schön, dass sich die Jugend auch für den Bruce interessiert. Ich hatte bisher den Eindruck, dass das spätestens 5 Jahre nach mir aufhört. Zum Thema Parodie: Der Bruce hat sich immer sehr gerne selbst auf den Arm genommen, schon z.B. auf der „Greetings“ vor 35 Jahren mit „Wild Billys Circus Story“, albern bis dorthinaus, aber brilliant. Oder sein Live-Dauerbrenner 10th-Avenue-Freeze-Out“. Oder Tom Waits „Jersey Girl“ auf der 86er Live-Platte. Ernsthaft kann man das Working-Class-Hero-Image doch ohnehin nicht auf Dauer ertragen. Deshalb: Ich find den Supermarkt klasse.

    Aber eine Frage an die Pop-Kultur-Kenner hier hätte ich dann doch: Warum um Himmels Willen ist ein Lied ein „Bonus-Track“ wenn er auf allen erhältlichen Varianten der Platte drauf ist? Sogar auf der Vinyl-Variante, die ich mit Begeisterung entdeckt habe? Früher so vor 20 Jahren als es noch Vinyl und CD regelmäßig gleichzeitig gab war es ein Marketinginstrument um die CD zu pushen (auf das schwarze Plastik passte halt nicht soviel drauf). Aber was soll das heutzutage? Hat da jemand ne plausible Erklärung für?

  8. FG
    10. Februar 2009, 12:38

    Korrektur: Wild Billy ist natürlich auf der „The Wild, the Innocent and the E-Street-Shuffle“ drauf.

  9. Stitch
    10. Februar 2009, 13:12

    @FG: Der Song dürfte im wesentlichen deshalb als „Bonus Track“ laufen, weil er nicht Bestandteil der Aufnahmesessions für das Album war. Er ist ja auch hintenangestellt, nachdem das eigentliche Album mit dem Tribut an Danny Frederici schon beendet ist. Und er schlägt thematisch ja auch einen ganz anderen Ton an. Wer weiss, vielleicht wird er auch auf den späteren Auflagen nicht mehr vorhanden sein.

    Was das Thema „Parodie“ betrifft, da kann ich dir nicht so ganz folgen. Vielleicht hätte ich besser „unfreiwillige Parodie“ geschrieben, dann wäre mein Punkt vielleicht etwas klarer geworden. Denn er meint das alles ziemlich ernst, meinem Eindruck nach – eventuell von Outlaw Pete mal abgesehen. Und vielleicht magst du mir noch mal erklären, wo die Parodie in 10th Avenue und ausgrechnet Jersey Girl (den er ünrigens bereits seit 81 immer wieder live gespielt hat und der meines Wissens zuallerst auf der B-Seite der Cover Me-Single auftauchte), was doch DIE Fan-Hymne bei Boss-Konzerten durch die 80er hindurch gewesen ist, bestanden haben soll? Das kann ich irgendwie nicht nachvollziehen…

    <klugscheiss>Wild Billy ist übrigens auf Wild, Innocent and E-Street-Shuffle zu finden ;o)</klugscheiss>

  10. Stitch
    10. Februar 2009, 13:14

    Urks, dein Korrekturposting übersehen, meinen klugscheissenden letzten Satz bitte in Gedanken streichen ;o)

  11. FG
    10. Februar 2009, 15:02

    OK, streiche Parodie, setze (Selbst-)Ironie. Der Drang auf triviale Dinge eine extra Portion Pathossahne draufzuschlagen taucht immer wieder auf. Das Jersey-Girl-Schalala oder die Ironie-triefenden-Freeze-Out-Variationen sind ja nicht im engeren Sinne ernst zu nehmen. Letztendlich sind derartige Debatten eigentlich ziemlich müßig, denn entweder einem gefällt die Mucke oder eben nicht (und der Supermarkt gefällt mir *fußaufstampf*).

    Die Antwort zum „Bonus“ klingt einerseits plausibel, andererseits ist es erschütternd, wie technokratisch Pop mitunter ist.

  12. abc
    10. Februar 2009, 21:53

    ‚dance with somebody‘ läuft jedes mal im rewe. :-)

  13. Stitch
    10. Februar 2009, 23:08

    @FG: Hmmm…das seh ich tatsächlich anders, das Sha-la-la-la-la-la-la bei Jersey Girl ist doch erstens schon in Waits Original zu finden und zweitens genau die Passage in Bruces Version, die mir persönlich verlässlich die Tränen in die Augen treibt. Pathetisch? Well, maybe…aber ironisch gemeint? Nein, das glaub ich nicht. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. ;o)

    Übrigens: danke für die Blumen von wegen „Jugend“, aber ich geh auch schon stark auf die 40 zu…