Listenpanik 02/09

Von Lukas Heinser, 9. März 2009 16:43

Der Februar ist ein blöder Monat: Verdammt kurz, aber voller spannender Veröffentlichungen. Alles habe ich nicht geschafft zu hören, einige waren erschreckend öde, aber irgendwie sind mir dann doch noch genug Alben und Songs eingefallen, die man sich für die Jahresendliste vormerken sollte.

Bevor im März mit Starsailor und Ben Lee das ganz große Fan-Fass aufgemacht wird, hier erstmal der Februar:

Alben
Lily Allen – It’s Not Me, It’s You
Selten habe ich mich im Bekanntenkreis für etwas so sehr rechtfertigen müssen wie für meine Lily-Allen-Verehrung. Aber im Gegensatz zu diesen ganzen Café- und Familienkombibeschallerinnen (Duffy, Amy Winehouse, Amy MacDonald, Adele, Gabriela Cilmi, …) hat Lily Allen Eier (das hört sich im Bezug auf Frauen immer komisch an, weil Frauen natürlich generell Eier haben — ganz anders als Männer). Ihre Songs sind klug und witzig, gehen ins Ohr und in die Füße und ihr zweites Album setzt das phantastische Debüt konsequent fort. So und nicht anders sollten junge Frauen mit 23 klingen.

Beirut – March Of The Zapotec / Realpeople: Holland
Und damit zum nächsten Musiker, der jünger als ich ist: Zach Condon hat mit seiner Band Beirut bereits zwei Alben veröffentlicht, jetzt kommt eine Doppel-EP, bestehend aus sechs Songs, die er mit einer 19-köpfigen Band in Mexiko aufgenommen hat, und fünfen, die er schon vor längerer Zeit mit seinem Elektronik-Projekt Realpeople aufgenommen hat. Der erste Teil ist Weltmusik für Leute, die sonst keine Weltmusik mögen, der zweite Elektronik für Leute, die sonst keine Elektronik hören. Trotz dieser zwei doch recht unterschiedlichen Ansätze wird das Album (die Doppel-EP) von Condons Stimme und seinen Ideen wunderbar zusammengehalten.

U2 – No Line On The Horizon
U2 zählen zu jenen Bands, die ich durchaus schätze, die mir aber nie in den Sinn kämen, wenn es um die Nennung meiner Lieblingsbands geht. „No Line On The Horizon“ wird jetzt als ihr bestes Album seit langem gefeiert und erstmals seit langer Zeit höre ich ein Album, von dem bei mir so gar nichts hängen bleiben will. Nach etlichen Durchgängen könnte ich gerade anderthalb Refrains benennen, ansonsten geht das Album einfach so durch meinen Kopf durch. Seltsamerweise weiß ich trotzdem, dass ich das Album gut finde.

Morrissey – Years Of Refusal
Ja, klar: The Smiths waren schon sehr, sehr groß und Morrissey ist eine coole Sau. Trotzdem haben mich die Alben des Mannes, den Musikjournalisten stets wissend mit merkwürdigen Attributen bedenken, nie so wirklich interessiert. Die Singles: ja („First Of The Gang To Die“ als absoluter Überhit), aber sonst? „Years Of Refusal“ ist da anders: Das Album rockt und bockt und zickt und alle schreien laut „Ach Gott, ach Gott, das kann er doch nicht machen. Und jetzt hört man auch noch die Verzerrer und das scheppernde Schlagzeug …“. Und ich finde es zum ersten Mal richtig interessant.

The Whitest Boy Alive – Rules
In einem wachen Moment meiner by:Larm-Berichterstattung hatte ich Erlend Øye als „eine Art Thees Uhlmann Norwegens“ beschrieben, was sich allerdings primär auf die Maskottchen- und Patenhaftigkeit der Beiden für die jeweiligen Musikszenen bezog. (Witzigerweise ist Øye ja ungefähr so selten in Norwegen wie Uhlmann in Hamburg, weil beide in Berlin wohnen, der Stadt, in der man halt wohnt.) Außerdem sind Beide – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – jeweils ihre Band. Kaum jemanden interessiert, wer sonst noch bei The Whitest Boy Alive bzw. bei Tomte spielt — aber damit ist endlich Schluss mit den Gemeinsamkeiten, denn The Whitest Boy Alive sind permanent so funky wie Tomte in ihren funkigsten Momenten. „Rules“ ist von vorne bis hinten eine Aufforderung zum Tanz, eine Platte, die man erst mit den Füßen hört und dann mit den Ohren (eine anatomisch etwas abwegige Idee), einfach schöner, klangvoller Pop.

Songs
Lily Allen – Who’d Have Known
Die Idee, einfach den Refrain eines Hits vom Take-That-Comeback-Album zu nehmen („Shine“) und daraus einen komplett neuen Song zu entwickeln, ist so uncool und absurd, dass man sie einfach lieben muss. Ansonsten ist „Who’d Have Known“ auch noch ein so rührend unschuldiges Liebeslied, in dem sich Romantik und alltägliches Rumlungern auf sehr sympathische Weise treffen. Beziehung durch Gewohnheitsrecht, quasi.

Klee – Ich lass ein Licht an für Dich
Und gleich noch so eine rührend unschuldige Nummer: „Berge versetzen“, das aktuelle, mitunter an Goldfrapp erinnernd Klee-Album, war ein bisschen an mir vorbeigegangen, bis mir der Shuffle Mode diesen Song in die Ohren und direkt ins Herz jagte. Dieses Lied ist der beste Beweis, wie man auch in deutscher Sprache völlig unpeinlich ganz große Gefühle behandeln kann. (Ich muss da immer an „Halt Dich an Deiner Liebe fest“ denken.)

Kilians – Said And Done
Lustig: Wenn man es direkt nach „Ich lass ein Licht an für Dich“ hört, klingt es fast wie die Fortsetzung des Songs. Irgendjemand muss ja auch mal „Never Thought I’d Say That It’s Alright“ und „When Did Your Heart Go Missing“ beerben, was generationenübergreifenden Airplay angeht. Warum also nicht die Kilians, die mit ein paar Streichern im Rücken das Feld beackern, das seit dem Ende von Readymade und Miles brach liegt? Und keine Angst vor dem Pop: Das Album rockt dann wieder mehr.

Mando Diao – Go Out Tonight
Wirklich spannend ist auch deren neues Album nicht geworden (wenn auch nicht ganz so öde wie das von Franz Ferdinand), aber kurz vor Schluss kommt dann wenigstens so eine Mando-Diao-typische Schunkelnummer mit Motown-Rhythmus, Melancholie und ordentlich Feuer in den Stimmen.

[Listenpanik, die Serie]

11 Kommentare

  1. SvenR
    9. März 2009, 17:19

    Du findest Lily Allen gut – unglaublich, ich auch, nachdem ich gefühlt schon immer Lily Allens Namen kenne, aber ich mich nicht erinnern kann, jemals ein Lied von Ihr gehört zu haben. Und dann kam ihre neue Single Fear, deren Sound mich fängt und deren so freundlich vorgetragener Text mich begeistert.

    Was war ich für ein Schlumpf mit 23…

  2. matze
    9. März 2009, 17:33

    Mir gehts bei der neuen U2 scheibe ganz genauso, schon komisch.

  3. Johannes
    9. März 2009, 17:57

    Oh weh, gleich noch zum zweiten Mal unbeliebt bei mir gemacht, heute, durch die FF-Kritik am Ende. „Öde“? Tststs! Die Vorgänger waren klar besser, die letzten beiden Songs sind Müll und die neue Version von „Lucid Dreams“ ist ebenfalls Mist, aber insgesamt ist es ein gutes Album, vor allem die erste Hälfte! So! Basta!

    [/Fanboy]

  4. Alberto Green
    9. März 2009, 18:14

    Das Morrissey-Album ist sportiv, zu maskulin und unsensibel, um Morrisseys nicht selten widersprüchliche Schmerzprotokolle treffend zu untermalensehr rockig und ich finde es großartig.

  5. Andreas
    9. März 2009, 19:27

    Dein Fanboy-Gehabe wirkt oft so schnuckelig süß, daß man es Dir gar nicht übelnehmen kann… ging mir schon beim grottigen „Human“ der Killers so. :-)

  6. Raventhird
    9. März 2009, 19:37

    Ich habe die U2 inzwischen auch X-mal gehört, es ist nichts hängengeblieben, aber komischerweise wusste ich schon vorher, dass ich die Scheibe nicht mögen würde ;).

  7. christian
    9. März 2009, 20:21

    Die Morrissey ist wirklich gut, die Mando Diao eigentlich auch.

  8. zota
    9. März 2009, 22:08

    ärgerlicherweise kommt lily allen (die übrigens auch als lilyroseallen twittert) beim deutschlandteil anfang mai ihrer derzeitigen tour lediglich nach köln und berlin. hmpf.

  9. Annika
    10. März 2009, 10:29

    Ich gebe zu, ich mag das Lily Allen lied, weil es so unschuldig ist und gar nicht nach bubblegum klingt!

    und erlend…. die platte ist der wahnsinn, der funk passt so gut grade, fast noch besser als die wiederentdeckung von elbow oder radiohead ;)

  10. henker
    11. März 2009, 1:19

    ja so gehts mir auch mit der lilly, das is einfach ein stylischer sound mit guten texten und auf der insel berichten die lieber über ein (normales) partyleben

  11. almi
    16. März 2009, 19:23

    war mando diao irgendwann WIRKLICH spannend? von sich selbst eingenommen, ja, aber spannend…

    dabei kann ich mich dem reiz ihrer musik nicht ganz entziehen