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Songs des Jahres 2021

Und ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später ist es soweit: Making disco a threat again!

Ich habe wieder ein bisschen länger gebraucht, aber ich möchte auf keinen Fall sein wie Spotify und Musikzeitschriften, die schon zwischen Oktober und Nikolaus auf ein Jahr zurückschauen. Sowas braucht ja auch Zeit und muss sich erst mal setzen — und dann muss man sich selber erst mal setzen, Songs in eine Reihenfolge bringen, die einem in dieser einen Millisekunde die richtige erscheint, obwohl es natürlich völlig absurd ist, Musik in irgendeine Rangliste zu bringen.

Jedenfalls: Hier sind wir! Und hier sind sie: Meine Top-25-Songs eines immer noch etwas mühsamen Jahres!

25. Chicago Sinfonietta – Dances In The Canebrakes (Arr. W.G. Still for Orchestra) : No. 3, Silk Hat And Walking Cane
Ich habe beschlossen, dass ich die Regeln für meine Liste selbst bestimmen kann, also gehen auch Klassik-Songs! „Dances In The Canebrakes“ ist eigentlich ein Klavierwerk der Schwarzen US-Komponistin Florence Price (1887-1953), das hier für Orchester arrangiert wurde und auf dem Album „Project W: Works by Diverse Women Composers“ erschien — und zwar schon 2019. Da mir dieser Umstand aber genau gerade eben erst aufgefallen ist und mich das Stück bis dahin so sehr durch mein Jahr 2021 begleitet hatte, dass ich es zwischenzeitlich als theme in dem Film, der mein Leben ist, wahrgenommen habe, ist mir das alles egal! Es ist ein großartiges Werk mit einem beeindruckenden Hintergrund, also steigen wir einfach hiermit ein!

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24. Aaron Lee Tasjan – Up All Night
Auch wenn ich es nicht für möglich gehalten hätte, gab es 2021 doch wieder ein paar Abende, an denen ich angemessen alkoholisiert den Heimweg aus der Innenstadt angetreten habe. Es war stets der perfekte Umstand, um diesen Queer-Folk-Power-Pop-Song in einer Lautstärke zu hören, die einem Apple Health dann hinterher wieder vorwurfsvoll um die Ohren haut.

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23. Adam Levine – Good Mood
Ich sage ja immer, dass es keine peinlichen Lieblingslieder geben kann, aber der Sänger von Maroon 5, der den Titelsong zum „Paw Patrol“-Kinofilm singt — das ist schon eine schwere Hypothek, die man sich selbst gegenüber erst mal rechtfertigen muss!
Tatsächlich hatte ich zuerst den Refrain als Werbepausen-Einleitungsmusik bei Fußball-Übertragungen gehört und sofort geliebt, weil ich seine maximale New-Radicals-Haftigkeit mochte. In Wahrheit hat der Songs nichts mit den New Radicals zu tun (anders als die Songs, die Adam Levine in dem sehr charmanten Film „Begin Again“ und dem dazugehörigen Soundtrack singt), aber das war dann auch schon egal. Keinen Song habe ich 2021 auf dem Fahrrad im Fitnessstudio öfter gehört als „Good Mood“ und wenn Ihr bei diesem Groove nicht mit hochspezialisierten Hundewelpen durch die Wohnung tanzen wollt, kann ich Euch auch nicht helfen!

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Musik

Songs des Jahres 2020

Hier Einstiegstext: Was für ein Jahr, Musik als Trost und Eskapismus, streng subjektiv, Stand 16:04, viel Spaß!

25. Janou – Sweet Love
Was für ein Geschenk das ist, talentierten Menschen dabei zusehen zu dürfen, wie sie ihre Kunst verfeinern! Ich kenne Janou jetzt schon seit fast zehn Jahren und habe erlebt, wie sie rumorende Kneipen zum Schweigen brachte, wenn sie ihre Stimme zur Akustikgitarre erhob. Seit einiger Zeit bekommt sie dabei elektronische Unterstützung und gleich die allererste Single des Duos klingt, als hätte sie 1994 auf der „Protection“ von Massive Attack dieses merkwürdige „Light My Fire“-Cover ersetzen sollen:

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24. Holly Humberstone – Deep End
Der Nachteil, wenn einem Spotify einfach so ein Lied vorschlägt, in das man sich dann verliebt, ist ja, dass man ihn manchmal ein Jahr lang hört, ohne irgendetwas über die Person zu wissen, die ihn singt. Andererseits haben wir ja im Studium gelernt, Biographie vom Werk zu trennen, und so können Formatradio-Moderator*innen gerne aus dem Wikipedia-Beitrag von Holly Humberstone vorlesen (als ob!) — ich bleibe einfach ganz ergriffen von diesem todtraurigen, aber irgendwie auch optimistischen Song:

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23. lovelytheband – Loneliness For Love
Erinnern Sie sich noch, als The Killers neu waren und wahlweise dafür gescholten oder gepriesen wurden, dass sie wie Joy Division, New Order und Duran Duran klangen? Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir es alle geschafft haben, so alt zu werden, dass junge Bands wie The Killers klingen! lovelytheband ist nun wirklich kein besonders gelungener Bandname, ich habe keine Ahnung, wie der Rest ihres Schaffens klingt, aber dieser 80’s pop song (und besonders sein Synthesizer-Riff) ist schon sehr chic:

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22. Darlingside – Green + Evergreen
„Fish Pond Fish“, das aktuelle Album von Darlingside, hat es knapp nicht in meine Top 10 geschafft — ich möchte es aber dennoch allen ans Herz legen, die opulent arrangierten Folk-Pop lieben, bei dem trotzdem kein Ton zu viel ist. Wer Fleet Foxes oder The Low Anthem mag, wird auch Darlingside zu schätzen wissen!

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21. Jacob Collier feat. Mahalia and Ty Dolla $ign – All I Need
Der Name Jacob Collier ist mir im letzten Jahr immer wieder in unterschiedlichsten Zusammenhängen untergekommen: Als Songwriter für u.a. Coldplay; als Testimonial, das in den Werbeblöcken auf CNN erzählt, welche Auswirkungen der Lockdown auf Musiker*innen hat; und als Gast in US-Late-Night-Shows. Ob er auch in Deutschland im Radio läuft? Keine Ahnung, ich hör ja kaum welches (eine kurze Recherche ergab allerdings, dass er zumindest innerhalb der letzten Woche nicht auf 1Live gespielt wurde). „All I Need“ ist ein R’n’B-Song, der immer wieder Haken schlägt und in Richtungen geht, die man einen Beat zuvor nicht erwartet hätte. Cool, mit Verweisen auf die Musikgeschichte und eigenem Sound. Zugegeben: Das ist zu viel fürs deutsche Formatradio!

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20. Agnes Obel – Island Of Doom
„Kate Bush“. Da wir das jetzt hinter uns haben, können wir uns ganz auf diesen … nun ja: ätherischen Popsong einlassen, in dem die Stimme von Agnes Obel in vielen Schichten über ein tänzelndes Klavier weht. Einfach mal durchatmen war 2020 gar nicht so leicht, dieser Song konnte dabei helfen. Und: Ja, so coole Sachen bekommen Sie im ARD-Morgenmagazin zu sehen, für das ich unter anderem arbeite!

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Musik

Songs des Jahres 2018

Die Alben hatten wir schon, kommen wir nun zu den Songs des Jahres 2018. Da ich neben meinen Hauptquellen für neue Musikentdeckungen, “All Songs Cosidered” und Radioeins, auch wieder auf die (meist sehr guter) “Das könnte Dir gefallen”-Funktion von Spotify und diverse Zufallsfunde gesetzt habe, ist es wieder eine eher eklektische Liste, bei der ich nicht zu jedem Lied sonderlich viel sagen könnte.

Auch ist es eigentlich eine absurde Idee, diese Songs irgendwie gewichten und sortieren zu wollen — eigentlich ist spätestens ab Position 10 die Reihenfolge ziemlich willkürlich, weswegen man die Liste auch wieder sehr schön im Shuffle-Modus hören kann.

Aber ich dachte mir: Nach fünfjähriger Babypause ist mein Sohn inzwischen so alt, dass er eigene Ranglisten erstellen könnte, ((Seine Nummer 1, vermutlich: entweder “Africa” von Weezer oder “Solo” von Clean Bandit und Demi Lovato, was übrigens auch mein “Peinlichstes Lieblingslied des Jahres” sein dürfte.)) und weil ich ja auch wieder beruflich viel mehr über Musik schreibe, nehme ich mir jetzt 25 Songs und erkläre die zu einer (wie immer nur 0,3 Millisekunden lang exakt gültigen) Hitparade.

Lukas, stop voting now!

25. Catch Fire – Petrifaction
Autoradio ist schwierig, weil es in NRW natürlich kaum hörbare Radiosender mit Musik gibt. Aber in weiten Teilen der Bochumer Innenstadt empfange ich halbwegs gut CT das radio, meinen Heimatsender, dem ich auf ewig verbunden sein werde. Und da lief dieser Song: Heulende Gitarrenlicks, hämmernde Drums, Geschrei und “Why does everything that I touch turn to stone?” — ich war sofort wieder 19, die dunkel getönten Haare fielen mir in Strähnen ins Gesicht und ich wollte an irgendeinem Fluss stehen und bedeutungsschwer aufs Wasser starren. Es gibt ihn noch, den guten Emo!

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24. The Fratellis – I’ve Been Blind
The Fratellis, waren das nicht diese Indie-One-Hit-Wonder zu einer Zeit, als ich noch in der Musikredaktion von CT das radio tätig war? Was wollen die denn 13 Jahre später wieder (und was haben sie in der Zwischenzeit gemacht)? Nun, warten wir bis zum Refrain, der “Knowing Me, Knowing Me” von ABBA in eine Mitgröhlhymne für Studentenkneipen, Freitagsmorgens um halb zwei, das letzte Bier in die Luft gereckt, transferiert. Wo war dieser Song, als ich jung war?

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23. Hozier feat. Mavis Staples – Nina Cried Power
Wie wirkt dieser Song wohl auf Menschen, die die ganzen Referenzen und das ganze name checking nicht verstehen? Nun: Die jungen Leute haben es millionenfach gestreamt und auf ihren Radiosendern gehört, also wohl ebenfalls gut. Aber wie soll man sich auch diesem Groove und dieser Hymne über Hymnen widersetzen? Extra-Respekt dafür, sich so durch diesen Song zu croonen und dann das Spotlight auf Mavis Staples zu richten, deren Stimme natürlich noch ungefähr zehn mal wirkmächtiger ist! (Übrigens der einzige Song, auf den Barack Obama und ich uns letztes Jahr einigen konnten.)

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22. George FitzGerald – Burns
Ich gebe zu, soeben zum ersten Mal gegoogelt zu haben, wer George FitzGerald eigentlich ist (wobei die Informationen da auch nicht üppig sind). Aber dieser hypnotisch pumpende Elektro-Song hat mich seit Mitte März durch das Jahr begleitet. Sind das alles Stimmen? Synthesizer? Egal! Vor meinem geistigen Auge fahren U-Bahnen durch nächtliche Großstädte und alles ist cool und aufregend.

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21. Brand New Friend – Seatbelts For Aeroplanes

You’re like a seatbelt on an airplane with me lately
You’re more for making me feel safe than for actual safety
And for every single moment that you made me feel amazing
There were several other times that I felt kinda hazy
But I know I was never your everything, but
I hope I was something, so come on

Das ist exakt die Musik, die ich in 2:42 Minuten von einer Truppe 19-bis-23-Jähriger hören möchte, die ein Demo aufgenommen hatten, das dann “versehentlich” zum offiziellen Album erklärt und für den Northern Ireland Music Prize nominiert wurde.

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20. Oh Pep! – Truths
Bronze bei meinen Alben des Jahres und ein Song, der dieses Album wunderbar zusammenfasst: melancholisch und zerbrechlich, aber auch druckvoll und mit hintergründigem Text.

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19. Ariana Grande – No Tears Left To Cry
Schon für sich genommen sind diese drei Songs, die sich hier irgendwie zu einem vereinigen, ja ein echtes Fest. Wenn man dann auch noch mitdenkt, dass hier eine Frau strahlenden Optimismus verbreitet, ein Jahr, nachdem nach Abschluss ihres Konzerts in Manchester bei einem Bombenanschlag 22 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt wurden, jagt einem das schon eine ganz schöne Gänsehaut den Rücken runter. So muss man aus so einer Geschichte erst mal wieder rauskommen! One love!

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18. Childish Gambino – This Is America
“Welche Rolle spielt das Musikvideo noch im Jahr 2018, wo niemand mehr Musikfernsehen guckt und auch YouTube eher zur Hintergrundberieselung genutzt wird?” — “Nun, lassen Sie mich so antworten:

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Ein politisch-kulturelles Gesamtkunstwerk, das hermeneutisch in tausende Einzelteile zerlegt werden konnte, und bei dem man sich den Song, nachdem man das Video einmal gesehen hat, nicht mehr ohne vorstellen kann. Offene Münder, der Wahnsinn!

17. MILCK – Black Sheep
MILCK, alias Connie Lim, wurde 2017 berühmt mit “Quiet”, der inoffiziellen Hymne des “Women’s March”. “Black Sheep” könnte man entsprechend als inoffizielle Hymne der “It Gets Better”-Bewegung bezeichnen: eine Liebeserklärung an alle, die anders sind, ausgegrenzt werden und sich alleine fühlen. “Don’t let anyone turn your unique into flaws / Yeah, you know that I love you the way that you are”. Hach!

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16. Restorations – St.
Am Tag nach meiner Geburtstagsfeier ging ich, nachdem ich alles so weit aufgeräumt und gespült hatte, im strahlenden Sonnenschein dieses unendlichen Sommers spazieren und hörte bei “All Songs Considered” diesen Song. Ich habe dann noch ein paar Umwege genommen, um direkt das ganze (24-minütige) Album zu hören. Anschließend musste meine Musikkolumne im “JWD”-Magazin noch mal geändert werden, denn “LP5000” musste natürlich sofort mit ins Heft!

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15. Janelle Monáe – I Like That

A little crazy, little sexy, little cool
Little rough around the edges, but I keep it smooth
I’m always left of center and that’s right where I belong
I’m the random minor note you hear in major songs

Wer braucht noch Musikjournalismus bei dieser Selbstbeschreibung?

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14. Tocotronic – Unwiederbringlich
Zwei Wochen nach der Beerdigung meines Großvaters saß ich mit meinem Sohn in seinem sonnendurchfluteten Kinderzimmer und hörte zum ersten Mal das neue Tocotronic-Album “Die Unendlichkeit”. Nach einem langen Kammermusik-Intro sang Dirk von Lowtzow “Dein Tod war angekündigt / Das Leben ging dir aus / Unwiederbringlich / Schlich es aus dir hinaus”. Ich saß da, hörte, biss mir auf die Unterlippe und war unwiederbringlich an dieses Lied verloren. Was da lyrisch abgeht, ist intellektuell kaum zu fassen, das knallt direkt in die Magengrube!

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13. Paenda – Paper-Thin
Was haben die Österreicher eigentlich im Trinkwasser, dass sie uns jetzt – obwohl nur ein Zehntel der Einwohnerzahl Deutschlands – seit Jahren vormachen, wie Popmusik noch mal geht? Und damit meine ich nicht nur Wanda und Bilderbuch (und Falco, hohoho), sondern auch weitgehend unbekannte Juwele wie die Wienerin Gabriela Horn alias Paenda, die sich mit ihrem vielschichtigen Elektropop hier irgendwo zwischen Shura, Robyn und Sia einreiht.

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12. Mitski – Nobody
Bei manchen Liedern kann ich exakt erklären, warum ich sie liebe, bei anderen eher gar nicht. Aber vermutlich passt hier einfach alles exakt richtig zusammen: vom Text über die Instrumentierung und den Beat bis zur allgemeinen Anmutung, die dann im entscheidenden Moment mehr als nur einen Hauch an “Lovefool” von den Cardigans erinnert.

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11. Andrew McMahon In The Wilderness – House In The Trees
Es brauchte knapp 13 Sekunden. Andrew McMahon hatte noch gar nicht angefangen zu singen, da wusste ich schon, dass ich diesen Song lieben würde: Das Intro, das ein bisschen an „Sky High“ von Ben Folds Five erinnert, die The-War-On-Drugs-Gitarren — und dann dieser Text von Freundschaften, die irgendwann einfach nicht mehr die selben sind. Andrew McMahon hatte einmal mehr einen Song geschrieben, der direkt zu mir sprach — ja, mehr noch: der sich anfühlte, als hätte ich ihn schreiben können, wenn ich nur mehr Talent hätte und mir ein bisschen Mühe geben würde.

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10. Marteria & Casper – Champion Sound
Deutschsprachiger Hiphop ist für mich wirklich schwierig: entweder so stumpf, menschen- und frauenverachtend dumm und von allen guten Geistern verlassen wie die Rapper-Karikaturen Kollegah und Cillit Bang, oder so egal gealtert wie die Überlebenden der ersten Welle in den 1990er Jahren (Fanta Vier, Fettes Brot, Beginner). Aber es gibt ja noch Casper und Marteria: Als die “Champion Sound” vorlegten, dieses feiste Brett, das den “Wir sind die Coolsten”-Gestus mit so viel Witz, Liebe zum Detail und dickem Bläsersatz erträglich machte, dachte ich, dass sie mit ihrem gemeinsamen Album alles in den Schatten stellen würden. Ganz so übermäßig gut war “1982” dann leider doch nicht, aber dieser Song: meine deutschsprachige Nr. 1, wie ich schon jetzt verraten möchte.

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9. Metric – Now Or Never Now
Erinnert sich noch jemand an Briskeby, dieses norwegische Mini-One-Hit-Wonder, das vor … puh: 18 Jahren mal kurzzeitig als nächstes großes Ding gehandelt wurde? Nun, Metric klingen auf “Now Or Never Now”, als hätten sie der Band ein Denkmal setzen wollen — was ja nun echt absurd wäre, weil Metric ja nun wirklich genug eigenes Renommee mitbringen. Aber weil ich das Briskeby-Debüt damals mochte, hat mich dieser Song irgendwie schwer abgeholt. Und dass der Song in der Albumversion volle fünf Minuten braucht, bis er seine Hook (und Titelzeile) erreicht, macht ihn auch noch mal ein bisschen toller!

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8. The Go! Team – Semicircle Song
Bläser und Drumline, die noch fetter sind als bei Marteria & Casper, Gesang, bei dem man dreimal nachgucken muss, ob man da nicht gerade die Jackson 5 hört, und Menschen, die ihre Sternzeichen aufzählen — völlig normale Zutaten für einen Song, den man eigentlich nur lieben kann. Und da: ein Glockenspiel!

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7. Leoniden – Kids
“Again”, ist, wie gesagt, ein sehr, sehr Album. Und “Kids” ist der beste unter einer ganzen Reihe sehr guter Songs. Fuck it all, we killed it tonight!

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6. DJ Koze – Seeing Aliens
Die “Extended Breakthrough Listen”-Version dauert 8:17 Minuten und wird dabei an keiner Stelle langweilig. Irgendwo zwischen Burial und Underworld stapeln sich hier irgendwelche Sounds über einem treibenden Beat, der immer mal wieder ein- und ausgefadet wird, weswegen der ganze Track mehr nach einer Zug- oder Autofahrt klingt, bis sich dann der eigentliche Song hervorschält, der es schafft, gleichzeitig völlig frisch zu klingen und so, als würde man ihn bereits seit 25 Jahren kennen.

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5. Christine And The Queens – 5 Dollars
Definitiv Roséwave, definitiv queer, also definitiv ein Song nach meinem Geschmack!

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4. Meg Myers – Numb
Wenn man in einem Seminar erklären müsste, wie man einen Song aufbaut, empfehle ich “Numb”: vorsichtig reingrooven, langsam steigern, dann alle Tore öffnen und alles in einer finalen Refrain-Zeile kulminieren lassen, die das Festival-Publikum im Zweifelsfall auch bei 2 Promille noch mitbrüllen kann. Ach, für diesen Song müsste man das Bizarre-Festival wieder auferstehen lassen!

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3. Hayley Kiyoko – Curious
Sie wolle nur wissen, ob es was Ernstes sei, singt Hayley Kiyoko und ihr “If you let him touch ya, touch ya, touch ya, touch ya, touch ya, touch ya / The way I used to, used to, used to, used to, used to, used to” lässt ferne Erinnerungen an eine der dramatischsten Fragen der Popgeschichte wach werden: “Does it feel the same / When she calls your name?” (“The Winner Takes It All”, natürlich). Dass da eine Frau singt, der neue Partner der/des Besungenen aber ein Mann ist, verwirrt höchstens alternde Englischlehrer*innen, die bei diesem Musikvideo einen roten Kopf bekommen: It’s 20GAYTEEN, remember?

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2. Big Red Machine – Hymnostic
Wir unterbrechen diese Galerie junger Frauen kurz für zwei nicht mehr gaaaanz so junge Männer (37 und 42, oh, verdammt!): Justin Vernon (Bon Iver, Volcano Choir, The Shouting Matches, usw. usf.) und Aaron Dessner (The National) haben gemeinsam ein Album aufgenommen, das die Zeit bis zu den neuen Alben von Bon Iver und The National wunderbar überbrückt. Und das mit “Hymnostic” eine langsam vor sich hin gospelnde Single hat, die die Sonne in jeder noch so tiefen Nacht aufgehen lässt.

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1. Rae Morris – Do It
Was zu erwarten war: Im März hatte ich mich in “Do It” verliebt und seitdem nichts unversucht gelassen, den Song zum Sommerhit des Jahres 2018 zu pushen. Das hat auf offizieller Ebene nicht geklappt, aber mein Sohn singt begeistert den Refrain mit und was will man da noch mehr verlangen? Ein Song, ein Video, ein Album, wo nahezu alles stimmt und deshalb – die Statistiker unter Ihnen hatten schon aufgeregt in ihren Unterlagen gewühlt – gehen die Auszeichnungen für “Album des Jahres” und “Song des Jahres” erstmals seit zwölf Jahren (“Buchstaben über der Stadt” und “New York” von Tomte — und wer mich ein bisschen kennt, weiß, welche Fußstapfen das sind!) wieder an ein und denselben Act. Herzlichen Glückwunsch, Rae Morris!

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(Weiterer statistischer fun fact: Rae Morris ist damit der erste Act überhaupt in der 18-jährigen Geschichte meiner persönlichen Bestenlisten, der zum zweiten Mal den Titel “Song des Jahres” einfahren konnte. Wow!)

Und hier sind alle 60 Songs in einer praktischen Spotify-Playlist, die sehr, sehr gut ist:

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Songs des Jahres 2013

Das neue Jahr ist auch schon wieder zehn Tage alt, da wird es Zeit, die Altlasten von 2013 abzutragen. In diesem Fall: Meine Songs des Jahres. Die Auswahl ist wie immer völlig subjektiv, die Reihenfolge im Moment ihrer Erstellung schon veraltet und vermutlich hab ich eh wieder das Wichtigste verpasst.

25. Bosse – Schönste Zeit
Ja, ja: Das ist schon sentimentaler Quatsch, Kurt Cobain huldigen zu wollen mit so einem vergleichsweise banalen Popsong, der im Text viel zu explizit durch dekliniert, was er ausdrücken will. Aber was für ein Popsong das dann eben doch ist! Und dieses perlende Klavier, das die Instrumentalstellen zu einem der im Gebrauchsfernsehen meist gespielten Werke des Jahres gemacht hat! Doch, ich bleibe dabei: Ich mag diesen Song!

24. Junip – Line Of Fire
Ich weiß definitiv zu wenig über José González und seine Band Junip, die zwar seit Jahren immer wieder am äußeren Sichtfeld meines Radars auftauchen, aber es – außer mit González’ Version von “Heartbeats” von The Knife – nie wirklich in meine Playlisten geschafft haben. Aber diesem hypnotischen Song und vor allem dem dazugehörigen Video konnte ich mich nicht entziehen. Wenn ich mehr Zeit mit dem Lied und dem dazugehörigen Album verbracht hätte, wären beide vermutlich deutlich weiter oben in meiner Liste.

23. Elvis Costello & The Roots – Walk Us Uptown
Die Idee, einen der vielseitigsten Musiker der letzten Jahrzehnte mit einer der besten Hip-Hop-Bands kollaborieren zu lassen, hatte ein bisschen was vom Clash der Kulturen. Schon beim Opener stellt sich aber raus: Die Kombination ist gar nicht so exotisch, sondern eigentlich erstaunlich naheliegend. Wenn man nicht um die Hintergründe wüsste, wäre es einfach ein extrem cooler, tighter Song.

22. Pet Shop Boys – Love Is A Bourgeois Construct
Bei Künstlern, die schon seit Jahrzehnten dabei sind, hat es immer eine gewisse Widersprüchlichkeit, wenn man ihnen nachsagt, ein neuer Song hätte schon vor Jahren veröffentlicht werden können. Klar: “Love Is A Bourgeois Construct” hätte wunderbar auf “Very” gepasst, die politischen Anspielungen und Seemannschöre inklusive. Aber immer wieder bricht das Arrangement auf und es kommen Sounds zum Vorschein, die man so zumindest bei den Pet Shop Boys noch nie gehört hat.

21. Bastille – Pompeii
Hurra, noch eine Indieband mit Gitarren und Synthesizern! Geh mir weg! Dann aber: Diese grandiosen “Eh-oh”-Chöre (nicht zu verwechseln mit “Alles nur geklaut” von den Prinzen) und vor allem dieses Getrommel! Luftgitarre macht bei diesem Lied keinen Sinn, Luftgetrommel bei ausreichendem Sicherheitsabstand durchaus. Und man freut sich ja inzwischen schon über jeden Slot, der im Radio von etwas anderem als Robin Thicke oder den (Un)Toten Hosen besetzt wird!

20. Andrew McMahon – After The Fire
Ich bin da kein Stück objektiv: Andrew McMahon (Ex-Something Corporate und Ex-Jack’s Mannequin) ist für mich ein persönlicher Held. Mit seinen Texten spricht er mir seit zehn Jahren aus der Seele und wahrscheinlich hat es auch etwas damit zu tun, dass wir fast gleich alt sind. Jedenfalls: Seine Solo-Debüt-EP “The Pop Underground” ist mit ziemlicher Sicherheit keine musikalische Offenbarung, aber sie enthält vier wunderbare Popsongs (hier auch wieder das Motiv: Chöre und Trommeln!) und “After The Fire” ist mit seinem groovenden Refrain der beste davon und muss deshalb die Top 20 eröffnen.

19. Cold War Kids – Miracle Mile
Da zeichnet sich ein Muster ab: Schon wieder Chöre und Trommeln! Und natürlich ein hämmerndes Klavier. Mit ordentlich Schwung starten die Cold War Kids in ihr Album “Dear Miss Lonelyhearts”. Da scheppern ganz viel Euphorie und Lebensfreude mit und dann fasst der Song die ganzen Lebensratgeber und Feuilletontexte der letzten Jahre ganz simpel zusammen: “Get outside, get all over the world / You learn to love what you get in return / It may be a problem and it may be peace of mind / But you have to slow down and breathe one breath at a time / So ya come up for air”. Hallo!

18. Lily Allen – Hard Out Here
Lily Allen, die mir liebste Pop-Prinzessin der letzten Jahre, ist zurück. Das allein wäre schon ein Grund zu feiern, aber dann haut sie auch noch ein feministisches Manifest aus, das darüber hinaus auch noch so ein charmant schunkelnder Popsong ist. Natürlich können wir über das Video diskutieren und über die Frage, ob man Feuer (oder in diesem Fall eher: die Gülle, die “Blurred Lines” von Robin Thicke nun mal ist und auf die Allens Video anspielt) mit Feuer (Gülle) bekämpfen muss. Aber die Diskussion verschafft dem Thema “Sexismus im Pop” noch mal mehr Aufmerksamkeit und tut dem Song keinen Abbruch.

17. Blaudzun – Elephants
Um ehrlich zu sein, weiß ich quasi gar nichts über diesen niederländischen Sänger. Ich musste sogar seine Nationalität gerade noch mal nachschlagen und habe auch sein Album “Heavy Flowers” nur einmal gehört. Aber “Elephants” hat mich von Anfang an begeistert, seit ich den Song zum ersten Mal bei “All Songs Considered” gehört habe. Auch hier wieder: viel zeitgenössisches Getrommel, was nahelegt, dass man “Elephants” noch mal in der Werbung irgendeines Unterhaltungselektronikherstellers hören wird. Falls nicht: einfach auf “Repeat” drücken.

16. Josh Ritter – Joy To You Baby
Josh Ritter hat mit “The Beast In Its Tracks” das aufgenommen, was Musikjournalisten und empfindsame Hörer ein “Trennungsalbum” nennen. Ganz viele Songs an die Adresse der alten Flamme, inkl. der Versicherung, dass die neue Liebe nur “in einem bestimmten Licht” so aussehe wie die alte. Das alles kulminiert in “Joy To You Baby”, das im Spektrum “Wut/Gelassenheit” den gegenüberliegenden Platz von Ben Folds Fives “Song For The Dumped” besetzt und damit das versöhnlichste Abschiedslied seit … äh … seit “Die Guten” von muff potter. ist. So ungefähr.

15. Travis – Where You Stand
Liegt das an meiner neuen Stereoanlage, oder wurden 2013 die Bässe und Schlagzeuge deutlich weiter nach vorne gemischt als vorher? Im Prinzip auch egal, denn sprechen wir über dieses Lied, den Titeltrack von Travis’ siebtem Album. Da ist wirklich alles drin, was man von Travis erwartet, vor allem aber: viel Melancholie und Trost. Ein eher unspektakulärer Song, verglichen mit vielen Hits der Band, aber das passt zu Travis, die es sich in der Nische zwischen den übergroßen Bands Radiohead (von denen Travis beeinflusst wurden) und Coldplay (die von Travis beeinflusst wurden) bequem gemacht haben.

14. Moby feat. Wayne Coyne – The Perfect Life
Wer einmal auf einem Konzert der Flaming Lips war, weiß, wie man auch als erwachsener Mensch noch Euphorie bis in Kindergeburtstagssphären hochschrauben kann. Also eine gute Wahl, dass sich Moby für diese Endorphin-Überdosis Flaming-Lips-Sänger Wayne Coyne dazu holte, mit dem er dann im Video durchs sonnendurchflutete LA marschiert. Und was für ein schönes Liebeslied sie dabei singen! Hach!

13. Marathonmann – Die Stadt gehört den Besten
Seit dem Ende von muff potter. und Schrottgrenze und der Revolverheld-Werdung von Jupiter Jones ist der Platz für laute, heisere Emotionen in meinem Musikspektrum unbesetzt. Ich weiß, es gäbe da Dutzende gute Bands, aber keine von denen hat mich bisher so gekickt, wie es jetzt Marathonmann getan haben. Ich traf auf diese Hymne in ihrem natürlichen Lebensraum: einer von Piet Klocke moderierten Abendsendung auf WDR 5. Ich finde es etwas verstörend, dass ich bei der Zeile “Und wir steh’n auf uns’ren Brücken” ausgerechnet die Kölner Hohenzollernbrücke vor Augen habe, aber andererseits habe ich die in diesem Jahr etliche Male mit dem Zug überquert und zweitens gibt es in Bochum auch gar nicht so viele Brücken, die ich mir hier pathetisch vorstellen könnte. Ein wunderbares Brett mit ganz viel “Wir gegen den Rest der Welt”-Poesie und eine Hommage an Städte und Freundeskreise.

12. Rhye – Open
Nach 20 Uhr kann man auch auf Einslive feine Musik entdecken. Mein Erstkontakt mit “Open” fand jedenfalls beim Spülen im Rahmen der Sendung “Plan B” statt. Die Moderatorin erklärte mir vorab, was ich so direkt nicht geahnt hätte, nämlich dass die nun folgende Stimme einem Mann namens Mike Milosh gehöre. Stephen Thompson von NPR Music – der Mann, dem ich in Musikfragen am Allermeisten vertraue – schrieb über den Song: “catchy but subtle, sonically rich but uncluttered, sexy but never vulgar”. Im Fernsehen gehört “Open” schon jetzt zum festen Repertoire der Liebesaktanbahnungsbeschallung und vielleicht wird der Song eines Tages als “Smooth Operator” dieser Generation gehandelt werden.

11. Volcano Choir – Byegone
Justin Vernon will vielleicht nie mehr mit seinem Projekt Bon Iver Musik machen. Das wäre schade, aber erstens gibt es ja zwei phantastische Alben, die uns keiner mehr nehmen kann, und zweitens macht Vernon ja einfach immer weiter, auch mit anderen Projekten. “Repave”, das zweite Volcano-Choir-Album, hätte er auch als Bon Iver veröffentlichen können, und “Byegone” ist der Song, der sich dabei am Stärksten hervortut.

10. Leslie Clio – Let Go
“Told You So”, die Vorab-Single von Leslie Clios Debütalbum “Gladys”, hatte es ja bereits 2012 auf meine Liste geschafft, jetzt also noch ein Song. “Let Go” ist deutlich schleppender als “Told You So” (oder auch das ebenfalls famose “Couldn’t Care Less”) und verursacht bei mir immer noch regelmäßig Gänsehaut. Ein schlichtes, aber wirkungsvolles Trennungslied, das Adele oder Amy Winehouse in nichts nachsteht.

9. James Blake – Retrograde
Apropos Gänsehaut: James Blake! Den Gesang muss man mögen, aber der Song dürfte eigentlich keinen kalt lassen.

8. Biffy Clyro – Black Chandelier
Ja, das ist Stadionrock — aber immerhin nicht mit so verkrampftem Rockstardom verbunden wie der von Muse oder 30 Seconds To Mars. Schönes Gitarrengeschrammel, gute Lyrics und ein Songaufbau wie aus dem Lehrbuch — man kann alles für und gegen Biffy Clyro verwenden, aber vom Jahresanfang bis zum Jahresende war “Black Chandelier” die ganze Zeit dabei und hat auch am Ende immer noch funktioniert.

7. Daft Punk feat. Pharrell Williams – Get Lucky
Ladies and gentlemen, bitte erheben Sie sich für den Konsens-Hit des Jahres, ach was: der Dekade! “Get Lucky” ist das, was man instant classic nennt — aus dem Stand ein Evergreen. Ein Song, der Generationen vereint (“Sind das Steely Dan?” – “Nein, Papa!”), und per Gesetz in jeder einzelnen Fernsehsendung des Jahres 2013 gespielt werden musste. Und das, wo kaum noch jemand ernsthaft mit einem großen Comeback von Daft Punk gerechnet hatte.

6. Casper – Im Ascheregen
Ich habe ja so meine Zeit gebraucht, bis ich mit Caspers Musik warm wurde. Inzwischen bin ich großer Fan und das Album “Hinterland” hat seinen Vorgänger “XOXO” noch mal getoppt. Der Opener “Im Ascheregen” klingt mit seinen Trommeln, Chören, Bläsern und Glockenspielen mehr nach Arcade Fire als Arcade Fire selbst und textlich habe ich in der deutschsprachigen Musik 2013 kaum Besseres gehört. Vom Nicken in Richtung kettcar/Slime (“ein Drittel Heizöl, zwei Drittel Benzin”) über “auf Nimmerwiedersehen und Danke für nichts” bis hin zu “die Stadt muss brennen, brennen, brennen”: eine einzige Unabhängigkeitserklärung, ein mission statement, ein Stinkefinger.

5. Marcus Wiebusch – Nur einmal rächen
Apropos kettcar: Deren Sänger Marcus Wiebusch wagt sich nach fast 20 Jahren noch einmal auf Solopfade und macht mit “Nur einmal rächen” alles richtig. Kluge Geschichte, kluge Instrumentierung, grandiose Hookline. Seit kettcar den Versuch aufgegeben haben, ein zweites “Landungsbrücken raus” zu schreiben (also seit “Sylt”), gelingen ihnen immer wieder neue Meisterwerke (vgl. “Rettung”, 2012) und auf “Nur einmal rächen” wirkt Wiebusch so entspannt wie schon lange nicht mehr. Das für Mitte April angekündigte Debütalbum zählt zu denen, auf die ich am gespanntesten warte.

4. CHVRCHES – The Mother We Share
Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie man sich “The Mother We Share”, der Debüt-Single von CHVRCHES, entziehen können sollte. Dieser Synthiepop ist zwar nicht wirklich neu, aber der Song ist musikalisch wie atmosphärisch so gekonnt “dazwischen” (nicht zu schnell und nicht zu langsam, nicht zu melancholisch und nicht zu euphorisch, nicht zu kalt und nicht zu warm), dass er auch nach einem Jahr immer noch kickt.

3. Foxygen – San Francisco
Auf Foxygen bin ich (natürlich) durch “All Songs Considered” aufmerksam geworden. Wie gekonnt diese Band auf die letzten 50 Jahre Musikgeschichte verweist und wie grandios das in “San Francisco” kulminiert. Dieser Dialog “I left my heart in San Francisco” – “That’s okay, I was bored anyway” – “I left my love in the room” – “That’s okay, I was born in L.A.” zählt definitiv zum Cleversten, was ich im vergangenen Jahr gehört habe, und ist auch beim hundertsten Hören immer noch lustig.

2. Kacey Musgraves – Merry Go ‘Round
Es ist in Deutschland, wo Countrymusik außer auf WDR 4 und in Fernfahrerkneipen kaum ein Zuhause hat, einigermaßen schwer vermittelbar, dass das Genre auch jung, klug und witzig sein kann. Entsprechend groß sollte die Überraschung über das Debütalbum von Kacey Musgraves sein, wenn sich hierzulande jemand dafür interessieren würde. “Merry Go ‘Round” erzählt vom Alltag in den ländlichen Gebieten der USA: “If you ain’t got two kids by 21 / You’re probably gonna die alone / Least that’s what tradition told you”. Die Kritik an diesem spießigen und bigotten Leben ist in so zuckersüße Musik gegossen, dass man sie zunächst überhören könnte — und das macht sie so wirkungsvoll.

1. The Front Bottoms – Au Revoir (Adios)
109 Sekunden, länger braucht mein Lied des Jahres 2013 nicht. Aber diese 109 Sekunden sind vollgepackt mit Witz, Gehässigkeit und Rock ‘n’ Roll. Ich könnte es 109 mal hintereinander hören und würde gern jeden Tag damit beginnen.

Die ganze Playlist zum Nachhören bei Spotify.

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Songs des Jahres 2012

Ich bin natürlich viel zu spät dran. Ich habe inzwischen mehrere Songs im Radio oder in Gaststätten gehört, die selbstverständlich noch auf die Liste gehört hätten, die ich aber schlichtweg vergessen habe. Und vermutlich habe ich die besten Sachen eh wieder nicht mitbekommen.

Egal.

Hier sind meine Songs des Jahres 2012:

25.The Killers – Runaways
“Battle Born”, das vierte reguläre Album der Killers, hat nicht die Übersongs wie “Hot Fuss”, es ist kein geschlossenes Meisterwerk wie “Sam’s Town”, aber auch nicht so unsortiert wie “Day & Age”. Kurzum: Es ist ein völlig okayes Album — und es hat “Runaways”, die neueste Springsteen-Hommage (Frau kennengelernt, schwanger geworden, geheiratet, Stimmung im Arsch — man kennt das) aus dem Hause Flowers. “We can’t wait till tomorrow”!

24. Calvin Harris feat. Example – We’ll Be Coming Back
Das Konzert von Example in der Kölner Essigfabrik war eines der besten und energiegeladensten, die ich 2012 besucht habe. Leider werde ich mit dem neuen Album “The Evolution Of Man” nicht richtig warm, aber diese Kollaboration mit Calvin Harris, die auf den Alben beider Künstler enthalten ist, ist schon sehr ordentlich geworden.

23. Frittenbude – Zeitmaschinen aus Müll
Ein Plädoyer für den Spaß, die Party, die Selbstzerstörung, ohne gleichzeitig gegen Spießertum und Bausparverträge zu hetzen. Die Kernaussage “Jeder Tag ist der beste Tag eines Lebens” ist vielleicht nicht sonderlich neu, aber sie rundet diesen melancholischen Carpe-Diem-Popsong wunderbar ab.

22. Santigold – Disparate Youth
Unseren jährlichen Mobilfunk-Werbesong gib uns auch heute wieder. Natürlich haben die sonnendurchfluteten Erlebnis-Bilder aus den Vodafone-Spots diesen ohnehin großen Song noch ein bisschen weiter mit Bedeutung aufgeladen, aber auch nach der Dauerbeschallung im Fernsehen (und mehr noch: im Internet) hat das Lied nichts von seiner Schönheit verloren.

21. Benjamin Gibbard feat. Aimee Mann – Bigger Than Love
Da veröffentlicht der Sänger von Death Cab For Cutie und The Postal Service das erste richtige Soloalbum unter eigenem Namen (“Former Lives”) und der beste Song ist wieder mal eine Kollaboration. Nach “Bigger Than Love” wünscht man sich, Gibbard und Mann hätten zusammen ein komplettes Album aufgenommen, so großartig harmonieren ihre beiden Stimmen und so schön ist das Ergebnis geworden.

20. The Gaslight Anthem – “45”
Ich würde sie ja gerne ignorieren, diese schrecklichen Kreationisten aus New Jersey, aber dafür machen sie leider immer noch viel zu gute Musik. “45” ist eben leider ein großartiger Opener zu einem ziemlich guten Album. Die Frage, ob man guten Künstlern nachsehen sollte, dass sie offensichtlich Idioten sind, klären wir dann eben später.

19. Kid Kopphausen – Das Leichteste der Welt
Seit dem 10. Oktober kann man Kid Kopphausen nicht mehr hören, ohne mitzudenken, dass Nils Koppruch, einer der zwei Köpfe dieser Band, starb, bevor es mit der Band richtig losgehen konnte. Hier singt nun die meiste Zeit Gisbert zu Knyphausen, der andere Kopf, und er singt so grandios Zeilen wie “Denn jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt”. Das ist so meilenweit weg von den Acts, die jedes Jahr den “Bundesvision Song Contest” unsicher machen, so sagenhaft gut, dass es wirklich keines Todesfalls bedurft hätte, um dieses Album noch besonderer zu machen. Aber so ist das Leben manchmal.

18. Kendrick Lamar – Swimming Pools (Drank)
Es sind so viele Lobeshymnen über Kendrick Lamar und sein Debütalbum “good kid, m.A.A.d city” erschienen, dass ich keinerlei Ambitionen habe, dem noch etwas hinzuzufügen. Es ist ein wahnsinnig kluges Album, das vielleicht nicht im eigentlichen Sinne catchy ist, an dem wir aber vermutlich auch in 20, 30 Jahren noch unsere Freude haben werden. Und “Swimming Pools (Drank)” ist der beste Song darauf. Vielleicht.

17. Leslie Clio – Told You So
Während Thees Uhlmann solo Karriere macht, hat der Rest der letzten Tomte-Besetzung umgesattelt und ist jetzt Backing Band (bzw. im Falle von Niko Potthoff auch noch Produzent) von Leslie Clio, der – großer Gott, Musikjournalisten! – “deutschen Antwort auf Adele”. “Told You So” ist clever, knackig und entspannt und gemeinsam mit der Nachfolgesingle “I Couldn’t Care Less” lässt das Großes für das im Februar erscheinende Debütalbum “Gladys” erwarten.

16. Frank Ocean – Lost
Und noch so ein Album, das völlig zu Recht auf allen Bestenlisten weit vorne gelandet ist. Ich habe länger gebraucht, um mit “Channel Orange” warm zu werden, aber es wird tatsächlich bei jedem Hören noch besser. “Lost” ist der … nun ja: eingängigste Song des Albums, der ein bisschen schüchtern vor sich hin groovt.

15. Cro – Easy
Ja, der Song hätte auch schon 2011 auf der Liste stehen können. Ja, man kann das mit der Panda-Maske albern finden. Ja, die ständige Medienpräsenz (außer in der “WAZ”) nervt ein bisschen. Aber bitte: “Easy” ist immer noch ein großartiger Song. Die Zeilen mit “AC/Deasy” und “Washington, Deasy” zählen zum Cleversten, was im deutschsprachigen Hiphop je passiert ist — wobei die Konkurrenz da jetzt auch überschaubar ist.

14. Alex Clare – Up All Night
Keine Ahnung, warum die großen Hits von Alex Clare jetzt “Too Close” und “Treading Water” sind: “Up All Night” hat doch viel mehr Energie und ist viel abwechslungsreicher. Andererseits dürften die Auswirkungen auf den Straßenverkehr auch verheerend sein, wenn so ein Lied plötzlich im Formatradio läuft. Verglichen mit dem Rest des Albums, der zwischen Soul und Dubstep schwankt, ist der Refrain von “Up All Night” nämlich ein regelrechtes Brett. Andrew W.K., mit dem Drumcomputer nachempfunden.

13. Burial – Loner
Von der Radiovariante zum Untergrundhelden: Kaum ein Künstlername passt so gut zur Musik wie der von Burial. Die Doppel-EP “Street Halo / Kindred” ist das, was Massive Attack seit Jahren nicht mehr richtig hinbekommen, und “Loner” ist mit knackigen siebeneinhalb Minuten noch das zugänglichste Stück in diesem düsteren Gewaber. Unbedingt mit Kopfhörern und geschlossenen Augen genießen!

12. The Wallflowers feat. Mick Jones – Reboot The Mission
Nach sieben Jahren Pause und zwei sehr guten Soloalben von Jakob Dylan sind die Wallflowers zurück — und klingen plötzlich nach The Clash! Und, klar, wenn sie im Text Joe Strummer erwähnen, können sie für die Gitarre und den Gesang im Refrain gleich auch noch Mick Jones verpflichten. Und ich bin so einfach gestrickt, dass ich es grandios finde!

11. Kathleen Edwards – Change The Sheets
Ich glaube, wenn ich alles zusammenzähle, ist Kathleen Edwards meine Lieblingssängerin: Diese wunderschöne Stimme, diese Stimmungsvollen Songs und die Bilder, die ihre Musik entstehen lässt! Und dann ist “Voyageur”, ihr viertes Album, auch noch von Justin Vernon von Bon Iver produziert und enthält Songs wie “Change The Sheets”! Toll!

10. Bob Mould – The Descent
Gut, Bob-Mould-Alben klingen immer gleich und viel Abwechslung gibt es auch auf “Silver Age” nicht. Aber als einzelner Song kann so etwas wunderbar funktionieren und was der Ex-Sänger von Hüsker Dü und Sugar da mit 52 aus dem Ärmel schüttelt, kriegen manche Musiker unter 30 nicht auf die Kette. Die Formel “Gitarrengeschrammel plus hymnische Chöre” ist natürlich denkbar einfach, kriegt mich aber fast immer.

09. Cloud Nothings – Stay Useless
Dieser Song ist erst ganz spät auf meiner Liste gelandet, als Stephen Thompson ihn in der Jahresbestenlistenshow von “All Songs Considered” gespielt hat und ich festgestellt habe, dass ich ihn schon das halbe Jahr über im Freibeuter gehört hatte. Natürlich auch denkbar einfach in seiner Wirkmächtigkeit, aber ich find’s gut, wenn ich weiß, was ich will, und das auch bekomme.

08. Carly Rae Jepsen – Call Me Maybe
Ich saß in Baku im Hotelzimmer, guckte russisches Musikfernsehen und sah dieses Video. Als der Song zu Ende war, zappte ich weiter und sah das Video auf dem nächsten Kanal direkt noch mal von vorn. “Komische Russen”, dachte ich, wollte den Song bei Facebook posten und stellte dann fest, dass ich bisher einen internationalen Hit verpasst hatte. “Call Me Maybe” mag mittlerweile ein ganz kleines bisschen nerven, aber es ist einer der besten Popsongs, der in diesem Jahrtausend geschrieben wurde (über die Produktion können wir uns streiten) und “Before you came into my life I missed you so bad” eine ganz rührende Zeile Teenager-Poesie. Popkulturtheoretisch spannend ist natürlich auch die Erkenntnis, dass die ganz großen Megahits (“Somebody That I Used To Know”, “Gangnam Style” und eben “Call Me Maybe”) inzwischen immer auch mit Webphänomenen einhergehen oder sogar aus ihnen entstehen.

07. Kraftklub – Songs für Liam
Noch so ein Song, den nicht mal Einslive totspielen konnte. So clever wurde Popkultur in deutschsprachigen Songtexten selten verhandelt, so wirkungsvoll wurden die Black Eyed Peas und Til Schweiger selten gedisst, so gut wurde der Wunsch, geküsst zu werden, selten begründet. Außerdem freut man sich ja über jede junge Band, die sich mal nicht von der Folkplattensammlung ihrer Eltern hat beeinflussen lassen.

06. First Aid Kit – Emmylou
… womit wir bei zwei schwedischen Teenagern wären, die maßgeblich von der Folkplattensammlung ihrer Eltern beeinflusst wurden. Ich verehre First Aid Kit, seit ich sie vor vier Jahren auf dem By:Larm in Oslo gesehen habe, und war etwas enttäuscht, dass ihr Debütalbum 2010 dann vergleichsweise egal ausfiel. Das haben sie jetzt mit “The Lion’s Roar” ausgeglichen, dem wundervollen Nachfolger. “Emmylou” wirft mit textlichen und musikalischen Referenzen nur so um sich und macht klar, dass sich Johanna und Klara Söderberg so intensiv mit der Materie beschäftigt haben, dass sie statt dieses Songs auch eine Habilitationsschrift hätten anfertigen können. Die wäre allerdings kaum so schön geworden.

05. kettcar – Rettung
Damit wäre jetzt auch nicht mehr zwingend zu rechnen gewesen, dass kettcar zehn Jahre nach ihrem grandiosen Debütalbum noch mal das beste Liebeslied veröffentlichen würden, das je geschrieben wurde. Doch, wirklich: Das muss man auch erst mal bringen, die besoffen kotzende Freundin zu besingen und mit “Guten Morgen, Liebe meines Lebens” zu schließen. “Liebe ist das was man tut”, lehrt uns Marcus Wiebusch hier ganz praktisch. Und musikalisch ist das auch eine der besten kettcar-Nummern.

04. Macklemore & Ryan Lewis – Thrift Shop
Wenn 2012 nicht ausgerechnet das erste Ben-Folds-Five-Album seit 13 Jahren erschienen und auch noch wahnsinnig gut ausgefallen wäre, wäre “The Heist” von Macklemore & Ryan Lewis mein Album des Jahres geworden. Auf der einen Seite gibt es dort unglaublich anrührende Songs wie “Same Love” und “Wing$”, auf der anderen so einen funkelnden Wahnsinn wie “Thrift Shop”, der eigentlich niemanden kalt lassen kann. Unbedingt auch das Video ansehen!

03. Japandroids – Fire’s Highway
Wie Sie gleich sehen werden, gab es 2012 für mich drei große Strömungen: Melancholische Klavierballaden, Hiphop und Garagenrockbretter. Hier der bestplatzierte Vertreter der letztgenannten Kategorie. “Celebration Rock” ist, wie Stephen Thompson bei “All Songs Considered” richtig bemerkt hat, das vielleicht am passendsten betitelte Album der Musikgeschichte: Acht Songs in 35 Minuten, ein durchgetretenes Gaspedal und Freude am eigenen Lärm. In allen anderen Bestenlisten taucht “The House That Heaven Built” auf, bei mir eben “Fire’s Highway”. Gitarrengeschrammel plus hymnische Chöre, Sie kennen das Prinzip.

02. Ben Folds Five – Away When You Were Here
Ich will ganz ehrlich sein: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass “The Sound Of The Life Of The Mind” überhaupt ein gutes Album werden würde. 13 Jahre Warten waren einfach zu viel. Dass es letztlich ein sehr gutes Album geworden ist, liegt an Songs wie “Away When You Were Here”: Die Melodie klingt schon beim ersten Hören, als kenne man das Lied seit seiner Kindheit, und dass Ben Folds ein Lied an einen verstorbenen Vater singt, während sein eigener Vater noch lebendig und bei bester Gesundheit ist, untermauert seine Songwriter-Qualitäten. Jeder Depp kann besingen, was er fühlt oder sieht, aber mit fiktiven Geschichten derart zu Herzen zu rühren, das können nur wenige. Ben Folds kann es, natürlich.

01. Rae Morris – Don’t Go
Ich habe nicht viele TV-Serien komplett gesehen. Wenn ich es dann doch ausnahmsweise mal tue, sind die Abschlusslieder gleich mit besonderer Bedeutung aufgeladen. Das war mit Peter Gabriels “The Book Of Love” am Ende von “Scrubs” so (die Unzumutbarkeiten der neuen Folgen verschweigen wir einfach) und so war es auch mit “Don’t Go” am Ende von “Skins”. Dass auch diese Serie jetzt noch einen Appendix bekommt (der hoffentlich/mutmaßlich nicht so schlimm wird wie der von “Scrubs”), können wir an dieser Stelle getrost unterschlagen, so berührend und emotional verdichtet ist die Montage zu diesem Lied, das ich seitdem rauf und runter gehört habe — obwohl das zunächst gar nicht so einfach war. Ein schlichtes Lied einer jungen Singer/Songwriterin aus England, aber auch ein sehr schönes.

Jetzt nachhören: Meine Top 25 bei Spotify.

Und weil ich hier eh schon so viel über die Alben geschrieben habe, gibt’s deren Bestenliste diesmal unkommentiert.

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They’ll be gone in a year or two

Nur fürs Protokoll:

a-ha werden im nächsten Jahr eine Abschiedstour rund um den Erdball machen und am 4. Dezember 2010 (zehn Jahre und zwei Tage nach dem “Abschiedskonzert” der Smashing Pumpkins — aber das hat nichts zu bedeuten, außer dass ich mir definitiv zu viele Daten merke) in Oslo ihr letztes Konzert spielen.

Das ist einerseits schade, anderseits finde ich es immer beachtlich, wenn Bands nach 25 Jahren sagen “Jetzt war gut”, bevor sie in die Rolling-Stones-Falle tappen. Morten Harket wird dann 51 Jahre alt sein und frischer aussehen als irgendwelche Rockmusiker Anfang Zwanzig. Alle drei Bandmitglieder werden vermutlich weiter Musik machen und sie werden das weiterhin sehr ordentlich tun, wie die bisherigen Solo- und Nebenprojekte zeigen. Zwar wäre das übersehene Meisterwerk “Analogue” das noch würdevollere Abschiedsalbum gewesen als “Foot Of The Mountain”, aber so treten sie wenigstens mit sattem Chart-Erfolg ab.

* * *

Bon Iver lösen sich nicht auf, sondern machen nur Pause. Und zwar … irgendwie länger — oder auch eben nicht:

During a packed stand at the Riverside Theater in Milwaukee last night, Bon Iver’s Justin Vernon told the home state crowd that the show would be the Bon-tourage’s last as a full band for an “indefinite” period of time or at least “until next year.”

[The Tripwire, via Paste]

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Listenpanik 09/09

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass immer mehr Musik veröffentlicht wird. Kaufen tut die zwar außer mir niemand mehr, aber ich bin doch gerne Konjunkturmotor für die Dieter Gornys dieser Welt. Nur hören muss man den ganzen Quatsch ja auch noch irgendwann, auch dann, wenn man eigentlich voll mit der Wertschätzung des Beatles-Box-Sets beschäftigt ist.

Aber irgendwie habe ich dann doch noch ganz viel neue Musik gehört und für irgendwie empfehlbar gehalten. Wie immer ist alles streng subjektiv und in Kürze wieder ganz anders, aber beginnen wollen wir eh mit einem Kandidaten fürs Album des Jahres:

Alben
Element Of Crime – Immer da wo Du bist bin ich nie
In den vergangenen drei Jahren habe ich im Herbst jeweils eines von Sven Regeners phänomenalen Frank-Lehmann-Büchern (nämlich, in der Reihenfolge: “Neue Vahr Süd”, “Herr Lehmann”, “Der kleine Bruder”) gelesen. Dieses Jahr gibt es kein neues Buch, aber glücklicherweise ein neues Album von Regeners Band Element Of Crime. Dass das famos ist und ganz locker das Beste, was in diesem Jahr bisher in deutscher Sprache erschienen ist, muss man ja kaum noch erwähnen, das erzählt einem ja eh jeder, ohne danach gefragt worden zu sein. Musikalisch gibt’s ein paar Tex-Mex-Anleihen, es rockt insgesamt ein bisschen mehr (bei manchen Stücken sind gar echte Drumsticks zu hören!), aber die an sich schon gute Musik der Band verblasst natürlich weitgehend gegen die Texte, die auch diesmal wieder – lassen Sie mich hier eine Formulierung meines liebsten Germanistik-Dozenten verwenden – unendlich gut sind. Zitate verbieten sich, alles top!

Volcano Choir – Unmap
Justin Vernon ist mit seiner Band Bon Iver innerhalb von anderthalb Jahren zum Liebling des Indie-Folk geworden. Inzwischen bin auch ich mir sicher: Es gab 2008 kein Album, das besser war als “For Emma, Forever Ago”. Jetzt hat Vernon mit Mitgliedern der Band Collections Of Colonies Of Bees das Prohekt Volcano Choir gegründet. Sein Falsett-Gesang ist wieder herzzerreißend (und vielleicht etwas speziell), auch wenn es nicht allzu viel Text gibt. Manche Stücke sind kaum noch Songs, sondern eher Klangcollagen. Aber die Atmosphäre ist beeindruckend, manches, wie “Still” (das den Autotune-Trip “Woods” von Bon Ivers “Blood Bank”-EP recycelt) erinnert gar an Radioheads “Kid A”.

Mika – The Boy Who Knew Too Much
Das berühmte schwierige zweite Album, mit dem man an die Erfolge des Ersten anschließen muss/will/soll. Mikas Popperlen erwecken nicht den Eindruck, als seien sie ihrem Schöpfer schwer gefallen — also stecken vermutlich Tonnen von Blut, Schweiß und Tränen in diesen schillernden Kleinoden. Unglaublich, wie viele Anklänge und Verweise der “Paradiesvogel” Mika (aus dem Vokabular von Menschen, für die ein Abend im Chinarestaurant “exotisch” ist) in jeden einzelnen seiner Songs packen kann: Alles erinnert an irgendetwas anderes und ist doch eindeutig Mika. Die Abgründe, die sich unter dem Zuckerguss auftun, sind die der Adoleszenz. Daran will sich niemand mehr erinnern, weswegen man lieber stumm der Platte lauscht und spätestens bei “By The Time”, der Kollaboration mit Imogen Heap (s.a. unten), eine amtliche Gänsehaut bekommt.

Imogen Heap – Ellipse
Wenn man ein Album wirklich liebt, hat es der Nachfolger oft schwer. “Speak For Yourself” von Imogen Heap war so ein Album und “Ellipse” hat den Nachteil, einerseits sehr ähnlich zu klingen, andererseits nicht über die ganz großen Top-Songs zu verfügen wie der Vorgänger. Das wichtigste Instrument ist natürlich Imogen Heaps Stimme selbst, die wieder vielseitig eingesetzt übereinander geschichtet wird, dazu gibt es mal schnellere, mal langsamere Elektrobeats. Dennoch ist “Ellipse” ein organisch klingendes, atmosphärisch dichtes Album, das sich jetzt schon für kalte Winterabende empfiehlt (“The Fire” kommt sogar gleich mit Kaminknistern).

Zoot Woman – Things Are What They Used To Be
Wenn Stuart Price nicht gerade Musical Director bei Madonna ist, die alte Tanztrulla oder die Killers produziert, oder unter einem seiner Tausend Aliase Remixe erstellt, hat er ja auch noch eine Band namens Zoot Woman. Deren drittes Album erschien nur anderthalb Jahre nach der Vorabsingle “We Won’t Break” (was aber auch noch zügig ist, verglichen mit – sagen wir mal – George Michael). Überall zirpt und pluckert es in bester Achtziger-Jahre-Tradition und ein paar sympathische Tanzbodenfüller sind auch dabei.

Kings Of Convenience – Declaration Of Dependence
Nachdem Erlend Øye mit The Whitest Boy Alive eines der Alben für den Sommer geliefert hatte, legt er jetzt mit den Kings Of Convenience nach und will auch noch den Herbst dominieren. Das wird ihm sicher gelingen, denn die mal schwelgenden, mal groovenden Akustiksongs, die er mit seinem Bandkollegen Eirik Glambek Bøe aufgenommen hat, fühlen sich ungefähr so wohlig an wie eine Kanne heißen Kakaos. Das kann man ganz und gar unspektakulär finden, aber auch einfach toll — vielleicht sogar gleichzeitig.

Gods Of Blitz – Under The Radar
Bei einer Bestandsaufnahme deutscher Bands, die englisch singen, vergisst man ja gerne alles unterhalb von Kilians und Slut — die Zeiten, wo Bands wie Readymade und Miles von einheimische Musikzeitschriften und sogar -sendern (die Älteren werden sich erinnern) gewürdigt wurden, sind eben vorbei, heutzutage singt man deutsch. Bei den Gods Of Blitz aus Berlin wird hingegen auf Englisch gesungen (und das auch noch von einem neuen Sänger, denn der alte ist weg). Eine klare Linie ist auch beim dritten Album noch nicht zu erkennen, da wird viel beliehen und zitiert, und doch ist “Under The Radar” ein sympathisches Indierock-Album, das in seinen guten Momenten schön nach vorne prescht. In einigen Songs meine ich, Danko-Jones-Referenzen erkannt zu haben und “New Dimension” taugt sogar zum Ohrwurm.

Songs
Element Of Crime – Immer da wo Du bist bin ich nie
Jetzt muss ich doch mal was zitieren: Ein Liedtext, der mit “Immer wenn ich Pillen nahm / Und hinterher beim Fahrrad fahren / Im Steintor in die Rillen kam / Gezogen für die Straßenbahn” beginnt, kann sehr, sehr platt und albern klingen. Kann, muss aber nicht, denn bei Sven Regener klingt es immer noch einigermaßen lebensweise. Dazu eine charmant nach vorn groovende Band und ein schlichter, aber eingängiger Refrain, dessen kompletter Text bereits im Titel verraten wird.

Mika – We Are Golden
“We are not what you think we are / We are golden / We are golden” — Falls Sie sich immer schon gefragt haben, ob man eigentlich auch von gesprochenen Passagen einen Ohrwurm bekommen kann, beantwortet Mika Ihnen diese Frage hier völlig selbstlos: Aber sicher. Und dann dieses Intro, das klingt, als hätten Queen und Abba gemeinsam mit Phil Spector das Gesamtwerk Richard Strauss’ in acht Takte kondensieren wollen. Derart operettiges muss man natürlich lieben (und die Zahnpasta immer griffbereit haben), aber ich liebe es und die von einem Kinderchor (Jahaaa! Wenn, dann richtig!) gekreischte Passage obigen Wortlauts ist mein Mantra für diesen Herbst. Was für ein sensationell überkandidelter Song! Fünf vor “beknackt”, aber toll!

Julian Casablancas – 11th Dimension
Apropos “beknackt”: Ich kann ja verstehen, wenn man den Song aus vollstem Herzen ablehnt, aber ich möchte zu bedenken geben, dass die Strokes auf ihrem letzten Album ja auch “Mandy” von Barry Manilow gecovert (und es “Razorblade” genannt) haben. Ich kann mir meinen soft spot für anything eighties ja auch nicht richtig erklären, aber das ist dann doch schon eine wunderbar verspulte Nummer. “Forgive them / Even if they’re not sorry” — Eben!

Volcano Choir – Island, IS
Wenn es auf “Unmap” einen Track gibt, von dem man sich vorstellen könnte, dass er in einem Moment besonderer Unachtsamkeit seitens der Musikredaktion auch mal im Radio läuft, dann “Island, IS”, die Single. Man könnte den Song beinahe als “tanzbar” bezeichnen, weil er sich durch einen treibenden Beat auszeichnet. Text gibt’s auch, wenn auch nicht sehr verständlich. Ach, einfach anhören!

Kings Of Convenience – Me In You
“I see you building that castle with one hand while you’re tearing down another with the other” ist so ein Bild, für das man keinen Kontext mehr braucht. Einfach eine starke Zeile und ein wunderschöner Song.

[Listenpanik, die Serie]