Baby guck mich an, ich bin ein Rockstar

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 22. August 2012 17:51

Die gute Nachricht: Auch nach fünf Jahren intensiverer Beschäftigung mit den eher unschönen Seiten des Journalismus glaube ich offenbar immer noch an das Gute in der Branche.

Die schlechte Nachricht: Deswegen habe ich gestern Unfug geschrieben.

In meinem Cro-Konzertbericht hatte ich behauptet, dass wegen des Foto-Verbots für Presse-Fotografen in der Lokalpresse keine Konzertrezensionen erschienen sind. Das war blauäugig.

Die “Ruhr Nachrichten” beenden ihren Artikel mit einer kritischen enttäuschten Anmerkung zum Foto-Verbot:

Wenig nachvollziehbar war indes, dass das Management des Künstlers kurzfristig alle Fotografen vom Konzert ausgeschlossen hatte. Etwa drei Stunden vor der Show wurde mitgeteilt, dass keine Fotos von externen (Presse-)Fotografen angefertigt werden dürfen. Lediglich die vom Management freigegebenen Bilder durften im Nachgang der Show benutzt werden. Ob solche Extra-Würste tatsächlich von Nöten sind, darf bezweifelt werden. Immerhin profitiert auch der Künstler selbst von der Arbeit der Fotografen und der Presse vor Ort.

Dafür wurden während des Konzerts tausende Handyfotos gemacht und Videos gedreht, die schon wenig später im Internet kursierten. Konsequenterweise hätte Cros Management auch alle Handys einkassieren lassen müssen – so bleibt ein fader Beigeschmack. Auch wenn das Konzert richtig gut war.

Es braucht schon sehr wenig Selbstachtung, um eine Konzertkritik, die so schließt, dann mit zwei der vom Management freigegebenen Bilder zu bebildern. Da kann man einem bockigen Kleinkind, das statt Gemüse lieber Fast Food möchte, den Burger auch gleich auf dem Silbertablett servieren.

Diese Merkwürdigkeit verblasst allerdings völlig gegen das Fass, das die “WAZ” gleichzeitig aufgemacht und zum Überlaufen gebracht hat.

Im überregionalen Kulturteil gab Georg Howahl Cro einen “kleinen Fototipp für Pandarapper” mit auf den Weg:

Lieber Cro, wenn Du dich demnächst, an einem einsamen, kalten Winterabend mal wieder selbst auf den einschlägigen Netzkanälen suchst: Wäre es da nicht schön, wenn du zur Abwechslung auch mal ein gutes Bild oder Video von dir fändest? Denk mal drüber nach!

“Zur Abwechslung”, weil es auf YouTube “zwölf (!) krächzende, unscharfe Wackelvideos” von Cros Auftritt in Bochum zu sehen gebe, was allerdings bei genauer Betrachtung erstaunlich wenig mit der Frage zu tun hat, ob Fotografen Fotos (also: Standbilder ohne Ton) von dem Auftritt machen durften.

Auf der gleichen Seite erklärte der Bochumer Lokalredakteur Jürgen Stahl:

Die WAZ hat sich entschlossen, auf eine Kritik des Cro-Auftritts zu verzichten. Keine Fotos, keine Konzertbesprechung.

Eine klare, nachvollziehbare Ansage, die nur leicht davon konterkariert wird, dass die “WAZ” nicht einen, nicht zwei, sondern gleich drei Konzertbesprechungen veröffentlicht hat.

Eine erschien im Lokalteil von Hattingen, eine im Lokalteil von Witten und eine im Lokalteil von Bochum.

Letztere geschrieben von dem Jürgen Stahl, der erklärt hatte, die “WAZ” werde keine Kritik des Konzertes veröffentlichen. Seinen WAZ-Kollegen Ingo Otto (in Bochum berühmt für seine besondere Gabe, bei wirklich jedem Thema und Motiv noch eine blonde junge Frau im Bild zu platzieren) zitiert Stahl mit den Worten, einen kompletten Ausschluss wie bei Cro habe er noch nie erlebt.

Stahl erklärt, dass die Organisatoren keine Schuld treffe, dann wiederholt er seine Ankündigung:

Auf weitere Informationen aus dem Sparkassenzelt müssen die WAZ-Leser verzichten. Die Redaktion hat sich entschlossen, über das 75-minütige Cro-Gastspiel nicht zu berichten. Keine Fotoerlaubnis, keine Konzertbesprechung.

Dann referiert er aber doch noch, dass “sämtliche 4200 jungen Besucher die Hitzeschlacht unbeschadet überstanden” haben, dass “etliche Kinder und Jugendliche (90 Prozent weiblich) schon Stunden vor Konzertbeginn auf Einlass” gewartet hatten, “um sich die begehrten Plätze direkt vor der Bühne zu sichern”, der “größte Teenie-Aufmarsch der letzten Jahre in Bochum” ohne besondere Zwischenfälle verlaufen sei und dass angesichts der Temperaturen im Zelt das Mitbringen eigener Getränke erlaubt war.

Gut: Kein Wort über die Musik, aber Stahl hat es trotzdem geschafft, mit dem Konzert, über das er kein Wort verlieren wollte, eine halbe Seite zu füllen. Das musste er natürlich auch, denn der Platz war ja vermutlich fest eingeplant, außerdem war der Redakteur ja auch extra vor Ort gewesen.

Also onkelt Stahl auch noch in einem Kommentar:

Wir Medienmenschen machen im Umgang mit Prominenten immer wieder eine Erfahrung: Je größer der Name, desto unkomplizierter die Zusammenarbeit. Im Musikgeschäft ist es besonders auffällig. Beispiel Zeltfestival 2012: Während die Rock-Legenden von Status Quo sofort und gerne zu einem WAZ-Lesertreffen bereit waren, ließ Newcomer Cro eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung lange unbeantwortet, um schließlich abzulehnen. Schade, aber bei weitem nicht so skandalös wie das Arbeitsverbot, dass der Jüngling kurzerhand offenbar willkürlich vor seinem Konzert “erließ”. Wer derart selbstherrlich mit Fans und Medien umgeht, wird alsbald wieder dort landen, wo er hergekommen ist: ganz unten.

Nun mögen Status Quo für Jürgen Stahl einen großen Namen haben, aber es geht ja um etwas ganz anderes als WAZ-Lesertreffen. Und beim Thema “exzentrische Wünsche bezüglich Konzertfotos” sind Künstler wie Linkin Park, Coldplay, Britney Spears, The Offspring, Tom Jones und Rammstein schon negativ aufgefallen. Große Namen, wahnsinnig komplizierte Zusammenarbeiten.

Auch ist Cro ja nicht “selbstherrlich mit Fans und Medien” umgegangen, sondern “nur” mit Medien. Dass die das nicht gut finden, ist klar und verständlich, aber es ist ja auch nicht der Untergang des Abendlandes oder der Pressefreiheit, nicht über ein Konzert berichten zu können. Denn was ist ein Konzert? Menschen bezahlen Geld dafür, damit sie anderen Menschen beim Musizieren zusehen können. Ob Dritte, die kein Geld bezahlt haben, hinterher drüber schreiben, ist da erst mal ziemlich zweitrangig.

Klar: Ohne Medien wäre kaum ein Popstar da, wo er heute ist. (Wobei: Wie viele Hörer mag Cro der “WAZ” und den “Ruhr Nachrichten” verdanken?) Wenn man sich dann aber den mühsam gefüllten Platz in der Zeitung und Jürgen Stahls billiges “ganz unten”-Gerumpel anschaut, stellt sich schon die Frage, wer hier eigentlich wen dringender braucht.

Die Antwort weiß Ed Sheeran, der passenderweise nächsten Dienstag beim Zeltfestival Ruhr spielt. Schauen wir mal, ob mit Fotografen und Lokalredakteuren oder ohne.

5 Kommentare

  1. Wir waren hier – Coffee And TV
    22. August 2012, 18:02

    […] Nachtrag, 22. August: Oder eben doch. “Ruhr Nachrichten” halt. vgl. Wendler, Michael: Der König des Popschlagers. [↩] […]

  2. Dennis
    23. August 2012, 7:46

    Ich kann das Gejammere von wegen Pressefreiheit bei Konzertfotos nicht mehr hören!

    Konzertfotografen bekommen ja regelmäßig diese unvorteilhaften Verträge vorgesetzt – ich kann es verstehen, dass sie hier auf eine Unterschrift verzichten. Aber mehr ist es auch nicht: ein nicht eingegangener Vertrag.

    Verletzung der Pressefreiheit? Wer zum Henker hat denn bestimmt, dass Fotografen das unbedingte Recht haben müssen zu geschlossenen Veranstaltungen zu gehen, dabei keinen Eintritt bezahlen zu müssen, um andere beim Arbeiten zu fotografieren und davon selber ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können?

    Das Ganze ist ein Deal, bei dem sowohl Presse als auch Künstler auf ihre Kosten kommen müssen. Wenn durch solche Verträge gesichert werden soll, dass der Künstler nicht übervorteilt wird, ist das für mich Teil des Deals. Ist der andere dann im Nachteil, geht er den Deal nicht ein. Fertig.

    In anderen Gebieten der Berichterstattung funktioniert das Hausrecht mit begrenzter Akkreditierung ja auch. Es würde kein Fernsehsender auf die Idee kommen die Pressefreiheit in Gefahr zu sehen, nur weil sie bei Bundesliga-Spielen nicht mit eigenem Kamerateam Szenen drehen dürfen. Da werden Exklusiv-Verträge geschlossen, die es einem erlauben das von offizieller Stelle produzierte Material unter strengen Vorgaben und Einschränkungen zu benutzen. Wer das nicht will, lässt sich nicht lizensieren und berichtet halt nicht.

    Fotografen gehören meiner Meinung nach eh zu den unangenehmsten Berufstätigen bei Konzerten. Wenn es keinen Fotograben gibt wird sich gerne mit “Sorry, ich hab hier zu arbeiten” an den zahlenden und seit Stunden wartenden Fans vorbeigequescht um in der ersten Reihe Mitte jede Sicht zu versperren und das eh schon große Gedränge noch fieser zu machen. Gibt es einen Fotograben spielen sich teilweise nahkampfähnliche Szenen ab – für mich als reinen Konzertbesucher sind sie gut verzichtbar!

  3. Guybrush
    23. August 2012, 22:17

    Kann Dennis nur zustimmen. Das ganze hat nichts mit Pressefreiheit zutun und ich kann auch gut auf Konzertfotographen verzichten, die den Fans dann das Konzerterlebnis vermiesen damit am nächsten Tag in der WAZ ein Artikel bebildert wird, der sicht auf 25 von 30 Zeilen mit der Publikumszusammensetzung, dem Wetter und den Bierpreisen beschäftigt.

  4. I woke up to the Sound of German hip hop in my head – Coffee And TV
    4. September 2012, 19:07

    […] Cro hatte ich ja neulich schon geschrieben, hier aber auch noch mal ein […]

  5. But you don’t really care for music, do you? – Coffee And TV
    5. September 2012, 0:06

    […] hat das System. Es nennt sich […]

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