Haut es mit Edding an die Wände

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. November 2012 17:53

Irgendwann im Herbst 2002 sagte ein Kumpel zu mir: “Ey, ich war grad auf der Visions-Party. kettcar haben gespielt, die könnten Dir auch gefallen!” Also machte ich das, was man damals so machte, ging in die Tauschbörsen und schaute, was es dort so gab.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, welches Lied ich dann als erstes gehört habe, aber es müsste “Im Taxi weinen” oder “Genauer betrachtet” gewesen sein. Letzteres ist bis heute meine Lieblingslied von kettcar, ersteres berührte mich damals auf Anhieb, ohne dass ich gleich verstanden hätte, worum es eigentlich ging. Überhaupt hatten die Songs über frisch gescheiterte Beziehungen, Partynächte mit den besten Freunden und das Scheitern von Lebensentwürfen vergleichsweise wenig mit meiner Lebenswirklichkeit als Zivildienstleistender in einer niederrheinischen Kleinstadt zu tun — aber ich liebte sie von Anfang an.

Nach ein paar Wochen kaufte ich mir in der CD-Abteilung der Drogerie Müller in Essen dann endlich “Du und wieviel von Deinen Freunden”, das mich seitdem geprägt hat wie kaum ein anderes Album. Über Jahre waren die Texte, die ich in mein privates Blog hämmerte, und die Musik-Rezensionen, die ich im Internet veröffentlichte, voll von direkten Zitaten aus und Verweisen auf kettcar-Songs.

Na dann herzlichen Glückwunsch.
Das Geld kommt aus der Wand.
Entschuldigung, sind Sie? Wir müssen Ihnen mitteilen.
Und wer bei zehn noch steht hat recht.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
Komm schon, Großhirn, wünsch mir Glück.
Die Summe unseres Alltags in zwei gepackten Koffern.
Dieses Bild verdient Applaus.
Der Tag an dem wir uns “We’re gonna live forever” auf die Oberschenkel tätowierten.
Solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.
Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur.
Ist man jetzt, wo man nicht mehr high ist, froh dass es vorbei ist?
Ich danke der Academy.
Aufstehen, atmen, anziehen und hingehen, zurückkommen, essen und einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss.

Von …But Alive und Rantanplan, den Vorgängerbands von kettcar, hatte ich damals natürlich schon gehört, hatte sie aber nicht genug auf dem Schirm gehabt, um von Anfang an mitzukriegen, wie Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff erst kettcar und dann, weil keine Plattenfirma der Republik das Album rausbringen wollte, gemeinsam mit Thees Uhlmann das Grand Hotel van Cleef gründeten. Aber ab Dezember 2002 war ich dabei.

Ich erinnere mich an mein erstes kettcar-Konzert im Zakk in Düsseldorf im Januar 2003, an den Tourabschluss im Index in Voerde (of all places!) und an die vielen, vielen Konzerte in kleinen Clubs, größeren Hallen und auf Festivals, die danach kamen. An die langen Monate, in denen ich gefühlt nur ein Album im Discman hatte.

Ich erinnere mich an meine erste Reise nach Hamburg und daran, wie ich am Hauptbahnhof “Du und wieviel von Deinen Freunden” einlegte und es auf der S-Bahn-Fahrt nach St. Pauli beinahe schaffte, dass “Landungsbrücken raus” an genau der richtigen Stelle lief. Dass ich damals nach Hamburg ziehen wollte, wegen “Absolute Giganten” und dieser Band.

Ich erinnere mich daran, wie ich wegen einer Verkettung von Zufällen als einer der Ersten die Promo zum zweiten Album “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” zugeschickt bekam, weil ich eine Presseinfo dazu schreiben sollte. Der Text wurde glücklicherweise nie veröffentlicht, weil Thees Uhlmann auch einen geschrieben hatte, der natürlich besser und näher dran war. Und ich erinnere mich daran, wie ich dann am Veröffentlichungstag bei ElPi in Bochum stand und die Special Edition des Albums nach hause schleppte.

Ich erinnere mich an die Beiträge in den “Tagesthemen”, bei “Polylux” und an die fast ganzseitige Geschichte in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”, an die vielen Konzerte, die ich zum zweiten Album besucht habe, und an das Plakat zum Album, das meine gute Freundin Martina Drignat gestaltet hatte, und das jahrelang an meiner Zimmertür im Studentenwohnheim hing (abwechselnd innen und außen).

Ich erinnere mich an “Sylt”, das dritte Album, zu dem ich erst keinen rechten Zugang fand, und das, als ich dann in die Erwachsenenwelt von Ökonomie, Abschieden und Älterwerden hineinstolperte, schon da war und auf mich wartete. Ich erinnere mich an das Konzert in Dortmund im Oktober 2009, bei dem Marcus Wiebusch Texte und Akkorde vergaß und die Band vor den Augen der Zuschauer auseinander zu fallen drohte. Sie standen auf und machten weiter.

Ich erinnere mich ans Bochum Total 2011, als kettcar ihren neuen Song “Nach Süden” spielten, über einen Mann der nach anderthalb Jahren die Krebsstation im Krankenhaus lebend verlässt. Es war auf den Tag genau der fünfte Jahrestag der Beerdigung eines sehr lieben Verwandten, der das nicht geschafft hatte, und ich stand da mit Gänsehaut und feuchten Augen und wollte die Band wie so oft umarmen.

Im Frühjahr erschien dann “Zwischen den Runden”, das vierte Album der Band. Es war, wie schon “Sylt”, anders, nicht so leicht zugänglich und weit von den Hymnen der ersten beiden Alben entfernt. Aber es beginnt mit “Rettung”, dem schönsten Liebeslied, das je geschrieben wurde:

Ende August feierte das Grand Hotel seinen zehnten Geburtstag auf der Trabrennbahn in Hamburg. kettcar spielten als letztes und ihr Auftritt war von Anfang an wie ein Klassentreffen — nur im positiven Sinne. Um mich herum standen lauter Menschen, die mit kettcar erwachsen geworden waren, und es tat gut zu sehen, dass die Band immer noch da war. Bei “Landungsbrücken raus”, an der wichtigen Stelle “2002 the year Schwachsinn broke”, ging plötzlich Pyrotechnik los und es regnete Gold. Eigentlich ein bisschen too much für diese bescheidene Band, die es nie drauf angelegt hat, im Radio gespielt zu werden, aber in diesem Moment verdammt angemessen.

kettcar waren schon kurz vor der Neuesten Deutschen Welle da gewesen, und sie sind jetzt immer noch da, wo man kaum noch das Radio einschalten kann, ohne von einem dieser neuen Schlagerheinis angenuschelt zu werden, auf die das Adjektiv zutrifft, dass kettcar damals vielleicht sogar erfunden haben: “befindlichkeitsfixiert”. Von meinen Helden von damals sind sie die letzten Verbliebenen: Tomte sind einfach nicht mehr da und Thees Uhlmann besingt tote Fische, muff potter. haben sich selbst den Stecker gezogen und Jupiter Jones, denen ich ihren späten Durchbruch ja eigentlich wirklich von Herzen gönne, spielen jetzt gemeinsam mit Anastacia und fucking Mick Hucknall (“The Voice Of Simply Red”) bei der “AIDA Night of the Proms”.

Am Freitag erschien “Du und wieviel von Deinen Freunden” in der “10 Jahre Deluxe Edition”, die man vielleicht nicht ganz zwingend braucht, wenn man eh schon alles von kettcar hat, aber die mit diesem wunderschönen Trailer daherkommt:

Am Sonntag habe ich kettcar beim Visions Westend in Dortmund wieder live gesehen, zum insgesamt 15. Mal, wenn ich richtig gezählt habe. Es war einer ihren besten Auftritte. Die Menschen, an die ich beim Hören denke, sind im Laufe der Jahre andere geworden, aber die Songs sind immer noch so gigantisch groß wie damals, als ich sie zum ersten Mal gehört habe.

I’d like to thank the academy (academy, academy).

16 Kommentare

  1. Scribito » Post Topic » Hamburg …
    6. November 2012, 18:22

    [...] Lukas Heinser hat in seinem Blog CoffeeandTV zum 10-jährigen Geburtstag des legendären Kettcar-Albums "Du und wieviele von deinen Freunden" einen wunderbaren Text darüber geschrieben, wie einen Musik durchs Leben begleitet. Das hätte auch von mir sein können: [...]

  2. JMK
    6. November 2012, 18:48

    Zu Sylt haben viele, mich eingeschlossen erst keinen Zugang gefunden, im Nachhinein, viele Songs dort aber größer macht. Ich mag wie sich bei Kettcar auch mit einigen Songs die Fremdscham einstellt (Balu) um dann sowas wie Zurück aus Ohlsdorf zu bringen. Das mir nach dutzenden Malen immer noch Gänsehaut verursacht.
    Wenn irgendwann mal Aliens kommen und mich fragen welche deutsche Musik ich denn so empfehlen würde, aus all den vielen Jahrzehnten. ich würde Kettcar nennen.

    P.S. Aber jupiter jones passen doch zu nofp. Die waren schon immer Musik für die junge Union

  3. sven
    6. November 2012, 19:11

    Danke für diese Liebeserklärung. Auch wenn der Verlauf der Beziehung zu Kettcar natürlich anders ist, die Gefühle ähneln sich sehr.

  4. Tobias
    6. November 2012, 19:57

    @ Lukas+sven:
    dito. Alles was gesagt werden sollte, ist gesagt.

  5. hilm
    6. November 2012, 21:09

    haha die schlusszene im trailer wo erik den kürzeren zieht. herrlich in dortmund war das. und nicht danke für kein wort zum schlechstesten albumcover aller zeiten aber danke für fucking Mick Hucknall. shared hate is double hate

  6. mathepauker
    7. November 2012, 20:42

    Schon Olli Schulz teilte am 21. Oktober in einer seiner Sendungen auf radioeins mit, Mick Hucknall nicht zu mögen. Ich bin ein Fan von Simply Red, habe vier Konzerte der Gruppe (in Bonn und Mannheim) besucht und fast alles, was man von ihr an Musik legal bekommen kann, vorrätig. (Ausnahmen sind B-Seiten aus der Anfangszeit, die in den 80ern auf Schallplatte erschienen und die es nicht auf die teilweise remasterten Neuausgaben der Alben geschafft haben.)
    Ich erwarte von niemandem, dass er die Musik mag, aber woher kommt diese Abneigung gegen Mick Hucknall? Es ist ja nicht so, dass er ständig negativ auffällt oder obskure Äußerungen verbreitet. In sein jüngstes Soloalbum (American Soul) habe ich für Recherchezwecke mal reingehört und finde es nicht berauschend. Allein mit dieser Veröffentlichung ist aber wohl keine Aversion zu erklären.
    Am Alter kann’s bei Lukas kaum liegen, ich bin nur unwesentlich jünger als er (und musikalisch offenbar anders sozialisiert).

  7. SvenR
    7. November 2012, 20:47

    Obwohl — oder gerade weil — ich mit kettcar nicht so viel anfangen kann, liebe ich es, wenn Du so schreibst. Das ist genauso großartig, wie wenn Kate Bush eine sehr lange Zahl singt (»Pi«). Hach!

  8. Hach « …Und So Zeug
    7. November 2012, 21:03

    [...] immer etwas schmunzeln. Und gänzlich wurde mir dann meine Wut genommen, als ich  Lukas Heinsers völlig berechtigten Lobgesang auf Herrn Wiebusch las – den hatte ich bei meiner eigenen Fanboyhymne doch glatt vergessen zu erwähnen. So war [...]

  9. Clara
    9. November 2012, 1:33

    Das ist ein ganz toller Text!

  10. wöchentlich: 45.2012 « Sharks, Pencils and Ben Affleck
    12. November 2012, 13:01

    [...] Haut es mit Edding an die Wände von Lukas Heinser Der angemessen großartige Blick zurück auf eines der wichtigsten Alben der deutschen Musikgeschichte, das gerade sein zehnjähriges Jubiläum feiert: “Ich erinnere mich an meine erste Reise nach Hamburg und daran, wie ich am Hauptbahnhof ‘Du und wieviel von Deinen Freunden’ einlegte und es auf der S-Bahn-Fahrt nach St. Pauli beinahe schaffte, dass ‘Landungsbrücken raus’ an genau der richtigen Stelle lief. Dass ich damals nach Hamburg ziehen wollte, wegen ‘Absolute Giganten’ und dieser Band.“ [...]

  11. Sunny
    16. November 2012, 15:36

    Oh mein Gott wo war ich denn die letzten Jahre? Leb ich etwa in einer riesigen Blase? Ich hab noch nie was von Kettcar gehört und oh mann ich schäme mich. Womit sollte ich denn jetzt am Besten anfangen?

  12. Lukas Heinser
    16. November 2012, 15:39

    @Sunny: Schon ruhig chronologisch vorgehen. Also jetzt die schöne Special Edition mit den Bonustracks kaufen, dann “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen”, dann “Sylt” und “Zwischen den Runden”. Und wenn Du dann noch magst, die Live-CD und/oder -DVD mit Streichern.

  13. Sunny
    19. November 2012, 10:00

    Vielen Dank lieber Lukas. Is gekauft. Also mal die erste mein ich

  14. Petra
    21. November 2012, 10:06

    Kettcar sind ehrlich gesagt nicht so meins (im Sinne von: Wenn mal im Shuffle-Modus ein Lied von denen auftaucht, wird es eher in der Regel übersprungen), wenngleich ich ihre Texte sehr charmant geschrieben finde. Es liegt zum Großteil an Wiebuschs basslastiger Stimme und leider, leider kann ich mich dieser immer noch nicht erwärmen…

    Ich habe es an anderer Stelle schon mal geschrieben, werde trotzdem nicht müde es weiterhin zu schreiben: Die Art, wie du über Musik, deine Gefühle, Erinnerungen und Erlebnisse in dessen Zusammenhang schreibst, ist einfach fantastisch. Wahnsinnig toller Text. Ich habe mich in den Beschreibungen über das Empfinden bestimmter Lieder meiner Heldenbands, damals wie heute, wiedergefunden. Wie einen die Songs auch nach mehr als zehn Jahren und über 6747 Hörgängen einfach nicht kaltlassen, wie lange eine Band einen begleitet hat und man einfach weiß “Das ist meine große musikalische Liebe.”

    Ich liebe es musikalische Liebeserklärungen zu lesen, egal von welchem Song oder von welcher Band sie handeln.
    Falls du mal eine neue Reihe in deinem Blog einführen möchtest (oder Zeit hast ein Buch zu schreiben): Ich fände eine Vorstellung von deinen 31 Songs schön.

  15. Was macht ein Klischee zum Klischee? – Coffee And TV
    26. August 2013, 17:57

    [...] hatte das Hamburger Traditionslabel Grand Hotel van Cleef bekanntgegeben, dass Labelgründer und kettcar-Chef Marcus Wiebusch eine Solo-EP veröffentlichen werde. (Aufmerksame Beobachter von Wiebuschs [...]

  16. Jana
    7. März 2014, 21:57

    Ganz ganz tolle Liebeserklärung. Einfach nur schön!!

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