Nichts mit Waterloo

Von Lukas Heinser, 27. Oktober 2009 9:36

Das Maß, in dem britische Nachwuchsbands häufig gehypt werden, ist für Deutsche oft überraschend. Aber in Großbritannien gibt es eben relevante Musikzeitschriften, die noch dazu teils wöchentlich erscheinen und deshalb viel mehr Künstler aufs Cover packen können, und man hat eh ein anderes Verhältnis zur Popkultur.

Oh, Napoleon live

Dass eine deutsche Nachwuchsband schon renommierte internationale Acts supporten darf, bevor sie selbst auch nur irgendwas veröffentlicht hat, kommt dagegen eher selten vor. Oh, Napoleon1 haben schon mehrfach vor Portugal. The Man und Starsailor (bei denen ich sie auch entdeckt habe) gespielt, ihre erste EP ist aber erst vor elf Tagen erschienen.

Gut, man sollte an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass die Band von Marc Liebscher (Sportfreunde Stiller) gemanagt wird, einen Vertrag mit Universal hat und auch sonst über einige wichtige Förderer verfügt. Das macht die Sache mit den Support-Slots vielleicht einfacher, aber solche Hintergründe nützen auch nicht viel, wenn die Musik nicht stimmt.

Oh, Napoleon liveAber wie die Musik stimmt: Fand ich die Band live schon ziemlich gut, vermisste aber so ein bisschen die Spannung, hat mir die selbstbetitelte Debüt-EP vom ersten Moment an die Schuhe ausgezogen. Der Sound, für den Produzent Oliver Zülch (noch so ein großer Name: The Notwist, Slut, Die Ärzte, Juli, …) verantwortlich zeichnet, ist glasklar. Die Gitarren, das Klavier und die Rhythmusgruppe bilden eine sehr gute Grundlage für die – Hilfe, ich muss schon wieder eine ausgelutschte Musikjournalistenvokabel benutzen! – ausdrucksstarke Stimme der Sängerin Katrin Biniasch.

Die vier Songs erinnern an Kathleen Edwards,2 die Cardigans in ihrer „Long Gone Before Daylight“-Phase und diverse amerikanische Singer/Songwriterinnen, die man vor allem aus dem Soundtrack von „Dawson’s Creek“ kennt. Folkpop im besten Sinne, ideal für den Herbst und sicherlich auch voll radiotauglich.

Der Opener „To Have (To Lose)“ ist schwungvoll, danach geht es entspannt zu. In den Texten geht es um Beziehungsenden, Einsamkeit und Liebe, „K“ ist mit seinem etwas repetitiven Refrain bei mir am nachdrücklichsten hängen geblieben. Und wenn die Männerstimmen in „A Book Ending“ nicht mehr nur formvollendete „Uuuuuh“-Chöre bilden, sondern mit eigenem Text und Gesangslinie in den Lead-Gesang reingrätschen,3 ist das noch mal ein ganz großer Gänsehautmoment.

Seit langem (also: seit First Aid Kit im Februar) hat mich kein Newcomer so sehr begeistert wie Oh, Napoleon. War Krefeld musikalisch bisher nur durch Blind Guardian und Andrea Berg aufgefallen,4 könnte sich das Dank dieser fünf unverschämt jungen Musiker schon bald ändern. Ich weiß nicht, ob es in Deutschland einen Markt für solche Musik gibt,5 aber ich denke schon, dass Oh, Napoleon sehr schnell den Status des Geheimtipps loswerden dürften. Im Frühjahr 2010 soll das Album erscheinen — bis dahin werde ich die EP vermutlich ein paar hundert Mal gehört haben.

Oh, Napoleon - Oh, Napoleon EP (Cover)
Oh, Napoleon bei MySpace
Oh, Napoleon bei Vertigo
EP hören bei last.fm

Livefotos: © Martina Drignat.

  1. Bandnamen, die Satzzeichen enthalten, stören den Lesefluss leider immer ein bisschen (vgl. Therapy?, WHY?, Get Cape. Wear Cape. Fly, Portugal. The Man oder Loney, Dear) — aber schöner als der vorherige Bandname Your Dumb Invention ist Oh, Napoleon auf alle Fälle. Außerdem gibt es einen Song von The Acorn, der „Oh Napoleon“ heißt. []
  2. Ja ja, zugegeben: Ich hab auch ewig gebraucht, um Regina Spektor zu entdecken. Aber wie kann es denn sein, dass Kathleen Edwards hierzulande derart übersehen wird? []
  3. Na ja, vielleicht schmiegen sie sich auch eher an den Lead-Gesang an. Gegrätscht wird bei Oh, Napoleon nicht. []
  4. Parallelen zu anderen niederrheinischen Städten mit berühmten Popschlagerinterpreten und Nachwuchsbands deuten sich am Horizont an. []
  5. Und ob man auf dem nicht ein ähnliches Schicksal erleiden könnte wie das One-Hit-Wonder Bell, Book And Candle. []

18 Kommentare

  1. Bernie
    27. Oktober 2009, 10:26

    Du hast M. Walking on the Water vergessen, sowohl bei den Satzzeichenbands als auch und vor allem bei den Krefelder Bands. Wenn nordrhein-westfälische Vorwendezeit-Gymnasiasten so etwas wie ein „Lebensgefühl“ hatten, dann steckt es in dieser Musik. (Und in der von Phillip Boa.)

    http://www.youtube.com/watch?v=zfvuKEZYfhc

  2. Tommy
    27. Oktober 2009, 12:52

    „[…] sicherlich auch voll radiotauglich.“

    Das ist mittlerweile eigentlich das Schlimmste, was man Nachwuchskünstlern wünschen kann.

  3. Johannes
    27. Oktober 2009, 14:13

    Selbst für mich als musikinteressierten Krefelder höre ich von Oh, Napoleon das erste Mal. Und bin sichtlich beeindruckt.

  4. Christian
    27. Oktober 2009, 18:33

    Danke für den Tipp.
    Schöne Musik.

  5. Thomas K
    28. Oktober 2009, 9:39

    Ich fühl mich noch an Colby Caillat erinnert. Sehr schöne Musik!

  6. Andi
    28. Oktober 2009, 9:59

    Sehr, sehr schicke Musik! Wobei ich mir wünschen würde, dass es die EP auch irgendwo gepresst zu kaufen gäbe. (Ich sehe keinen Sinn darin, Geld für MP3s auszugeben.)

    Bell Book & Candle haben es übrigens immerhin auf fünf komplette Alben gebracht, von denen auch die späteren gar nicht so schlecht sind wie man vielleicht erwarten würde. (Dass sie schon länger nur noch dem Vorbild ihrer Altvorderen folgend durch die ostdeutliche Provinz tingeln, ist ein ganz anderes Trauerspiel.)

  7. Andi
    28. Oktober 2009, 10:09

    Ergänzung: Napster hat die EP ebenfalls im Angebot.

  8. Torsten
    28. Oktober 2009, 18:20

    Hallo die EP gibt es in der gepressten Version direkt von der Band, einfach anschreiben z.B. auf myspace dort steht auch die Kontaktadresse

  9. Moni
    28. Oktober 2009, 19:57

    Ich gratuliere der Band: tolle Musk… das Richtige für den Herbst…

  10. birgit
    28. Oktober 2009, 21:38

    „K“ lief gerade im WDR 2 Musikclub, klingt wirklich toll! Hätte ich den Tipp von dir nicht gelesen, hätte ich nicht genauer hingehört!

  11. Johannes
    29. Oktober 2009, 21:07

    Liegt es an mir oder an dieser unfassbar egalen und tristen Stadt, dass ich als Krefelder noch nichts von denen mitbekommen habe? Schande über mein Haupt! Großartig!

  12. Johannes
    30. Oktober 2009, 20:23

    Anscheinend gibt es zwei Krefelder namens Johannes, die ihre Stadt verachteten und volkommen überrascht sind, dass es eine gute Band geschafft hat, Krefelds Ehre wenigstens vorerst zu retten.

  13. Johannes
    2. November 2009, 18:29

    @Johannes:
    Scheinbar.
    Übrigens, mir ist doch noch eine gute Krefelder Band eingefallen: The Fog Joggers. Lukas, bitte übernehmen, bzw. erstmal anhören und gut finden!

  14. Coffee And TV: » Listenpanik 10/09
    4. November 2009, 16:35

    […] soweit ich weiß in den ersten zehn Tagen nicht öfter als 40 Mal gehört. Ansonsten gilt, was ich letzte Woche geschrieben […]

  15. Martin
    5. November 2009, 9:04

    Worst of „Bands mit Satzzeichen im Namen“ sind aber eindeutig Panic! At the Disco

  16. Oliver Ding
    25. Juni 2011, 11:17

    Nachdem der Fünfer vom Niederrhein schon seit fünf Jahren die popaffine Bloggerschaft bezirzt hatte, erhielt er in dieser Saison die offizielle Major-Genehmigung für Größeres. So landen dann vermeintlich harmlose Hits wie „Save me“ auf den Radiowellen und Festivalbühnen der Republik. Man hört’s, ahnt nicht Böses und ist dann doch gleich hin. Und natürlich auch weg. Denn da ist erst einmal dieses Klavier zwischen Hoffen und Bangen. Dann nimmt Kathrin Biniaschs Stimme den leisen Kummer der Strophe zu eckigem Groove und fernem Feedback zärtlich an die Hand. Und im Refrain hebt sie einfach ab, in luftige Höhen. Von dort sehen alle Sorgen winzig klein aus. Du musst Dich nur trauen. […]

  17. Coffee And TV: » Mein Reim auf Schmerz
    7. Juli 2011, 0:40

    […] wird das Konzert von Oh, Napoleon, die ich hier und andernorts vor anderthalb Jahren schon mal groß abgefeiert habe. Letzte Woche ist endlich ihr […]

  18. Coffee And TV: » Alben des Jahres 2011
    23. Dezember 2011, 14:00

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