Understanding In A Car Crash

Von Lukas Heinser, 30. April 2009 16:13

Warnung!

In diesem Eintrag werden Seiten verlinkt, auf denen brutale und verstörende Fotos bzw. Videos zu sehen sind. Wenn Sie empfindlich auf solche Darstellungen reagieren oder es Ihnen reicht, sich vorzustellen, wie die Opfer eines Verkehrsunfalls aussehen, dann klicken Sie bitte auf keinen dieser Links!

Da hat man sich den Mund fusselig diskutiert nach dem Amoklauf von Winnenden, hat an journalistische Ethik oder einfach nur an den gesunden Menschenverstand appelliert, wenn es um Gewaltdarstellungen in den Medien ging. Gerade letzte Woche hatte ich mich und mögliche mitlesende Journalisten mal wieder gefragt (da dürften Sie jetzt drauf klicken, das ist nur ein Coffee-And-TV-Artikel), ob man eigentlich alle Quellen nutzen müsste, die einem so zur Verfügung stehen, um ein schreckliches Ereignis aufzubereiten.

Aber letztlich braucht es wohl einfach nur genug Blut und in den Gehirnen der Online-Redakteure reißen die letzten Synapsen ab.

Im niederländischen Apeldoorn ist bei der Parade zum heutigen Königinnentag gegen 12 Uhr Mittags ein Auto in die Menschenmenge gefahren und erst vor einem Denkmal zum Stehen gekommen. Im Moment geht man von vier Toten und mindestens 20 Verletzten aus.

Weil sich zumindest Teile dieses Unfalls in der direkten Nähe des königlichen Busses abspielten, wurden diese Bilder live im Fernsehen übertragen. Dass grausame Dinge on air passieren, gehört zu den Risiken einer Live-Übertragung. Die Frage ist, wie man in den nächsten Momenten damit umgeht.

Die Sender des niederländischen RTL haben Videos ins Internet gestellt, auf denen Menschen über die Straße geschleudert werden. Zuschauer schreien entsetzt (und gut hörbar) auf, später sieht man Polizisten bei verzweifelten Wiederbelebungsversuchen. Ich weiß nicht, was davon live über den Sender ging und was „nur“ aufgenommen wurde — ich bin mir nur ziemlich sicher, dass die Betrachtung dieser brutalen Bilder keine zwingende Voraussetzung für ein Verständnis des Vorgangs „Auto rast in Menschenmenge“ darstellt.

In den niederländischen Fernsehsendern sind die Bilder des Vorfalls immer wieder zu sehen — auf manchen nur die letzten Meter, bevor das Auto in die Umzäunung des Denkmals kracht, auf den Sendern der RTL-Gruppe auch noch mal ein paar Menschen, die getroffen werden. Reporter der Privatsender stehen vor dem Auto-Wrack, während im Bildhintergrund die abgedeckten Leichen liegen, die Öffentlich-Rechtlichen haben ihre Reporter inzwischen vor dem Königspalast abgestellt.

Aber die niederländischen Medien, die eh sehr viel liberaler sind im Umgang mit expliziten Darstellungen, sollen uns hier nur am Rande und unter exotischen Aspekten interessieren. Wir haben ja unsere eigenen Medien, allen voran die im Internet.

Trash-Portale wie „Spiegel Online“, Bild.de, focus.de und stern.de, aber auch FAZ.net zeigen Bildergalerien, in denen man sich unter anderem darüber informieren kann, wie eigentlich schwere Kopfverletzungen oder Mund-zu-Mund-Beatmungen aussehen.

tagesschau.de zeigt als Aufmacherbild eine Totale (wie man sie auch in der „Netzeitung“ und der Klickstrecke von „RP Online“ findet) mit mehreren Verletzen, während im Fernsehbeitrag hauptsächlich entsetzte Augenzeugen (darunter ein weinendes Kind) zu sehen sind.

Spekulationen schießen (natürlich) ins Kraut und Bild.de brauchte nur wenige Zentimeter, um aus einer Frage …

Schock für Beatrix am Königinnentag in Holland: War es ein Anschlag? Autofahrer raste in Menschenmenge - vier Tote und fünf Schwerverletzte

… eine Tatsache zu machen:

Anschlag auf Königin Beatrix: Der Bus mit der königlichen Familie – nur wenige Meter trennen ihn von der Stelle, an der der Suzuki in das Denkmal gerast ist. In der Mitte zu erkennen...

Beim Westen war vermutlich eher sprachliches Unvermögen als Zynismus Schuld an einer Bildunterschrift wie dieser:

Begeistert warten die Zuschauer im holländischen Apeldoorn auf den Besuch der Königsfamilie, als ein Auto in die Menschenmenge rast.

(Unnötig zu erwähnen, dass das Foto natürlich keine begeisterten Wartenden zeigt, sondern in Bewegung befindliche Unfallopfer. Der Bildausschnitt wurde übrigens später noch verändert, so dass nun weniger von den Körpern und mehr vom Auto zu sehen ist.)

Von allen großen Portalen, die mir spontan einfielen, kommt nur sueddeutsche.de ohne allzu brutale Fotos und/oder Bildergalerien aus. Allerdings erhielt meine zaghafte Erleichterung einen Dämpfer, als ich in den Kommentaren zum Artikel erst Kritik an (offenbar vorher dort gezeigten) Bildern fand und dann das hier las:

 30.04.2009  14:29:35 Moderator (sueddeutsche.de): Liebe user, obwohl das von uns zunächst gezeigte Bild aus dokumentarischen Gründen auch in anderen Publikationen zu sehen war, haben wir uns aus Pietätsgründen dazu entschieden ein anderes Bild zu verwenden. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Moderator

Die obligatorische Gegenprobe beim Online-Auftritt des „Guardian“ ergab: Ein zertrümmertes Auto sagt auch viel aus.

Mit besonderem Dank an unsere Niederlande-Korrespondentin Leonie.

Nachtrag, 23:55 Uhr: Zu früh gelobt: Der „Guardian“ hat mit einer Bildergalerie und einem Video nachgelegt, wo Bilder zu sehen sind, die meines Erachtens auch nicht nötig wären.

41 Kommentare

  1. Lomexx
    30. April 2009, 16:49

    …weiß nicht, ob ich heute nur in Nörgelstimmung bin – aber irgendwie beschäftigt mich die Frage, ob nicht auch schon die Verlinkung der kritisierten Bilder eigentlich der falsche Weg ist, diese unsägliche Berichterstattung zu kritisieren.

    Ich hab nur den ersten Link geöffnet und jetzt ist mir schlecht. Von diesem Gefühl mal angesehen, sollte eigentlich klar sein, dass die Veröffentlichung solcher Bilder zuerst mal die Würde der Opfer und die Gefühle der Angehörigen in einer Weise verletzt, für die mir jetzt keine passenden Worte einfallen. Und so habe ich die hier im Blog ja auch schon im Zusammenhang mit Winnenden geäußerte Kritik an dieser Praxis als mehr als sympathisch empfunden. Trotzdem tendiere ich dazu, die Verlinkungen in diesem Beitrag als eher nicht so gelungen anzusehen: Zum Einen löst das auch bei einem tendenziell kritischen Leser einen Klick-Impuls aus, dessen Charakter sich im Kern wohl leider nicht so sehr von dem des BILD-Lesers unterscheidet; (und für den man die Entschuldigung gleich mit geliefert bekommt: Mal sehen, wie widerwärtig sich die Medien verhalten…) Zum Anderen trägt es eben schlicht zur weiteren Verbreitung dieses unsäglichen Mülls bei und beteiligt sich so mittelbar an der oben beschriebenen Verletzung der Opfer.

    Ich verstehe zwar das Motiv, den Gegenstand der ja absolut lobenswerten Kritik auch zeigen zu wollen – glaube aber, dass in diesem konkreten Fall sicher auch die schlichte Beschreibung gereicht hätte.

    Nichts für ungut…

  2. lynx
    30. April 2009, 16:50

    Immer wenn man glaubt es geht nicht tiefer…
    Ich hätte ja nicht gedacht dass man solche Splatter-Fotos jemals außerhalb von „speziellen“ Websites zu sehen bekommt. Aber wenn etwas von der Agentur in die Redaktionen geliefert wird, schaltet sich bei den zuständigen Redakteuren wohl das Hirn ab.

  3. r0ssi
    30. April 2009, 16:51

    ich les die überschrift und sehe dass heute donnerstag ist. (sorry, ot zum text aber selbst schuld bei der referenz, ich muss jetzt thursday hören ;-)

  4. SvenR
    30. April 2009, 16:55

    Wie sagt der weltherscher immer so treffend: Die Welt ist Scheiße, nur ohne Geruch.

    OT: Was mir auffällt ist, dass mittlerweile diese dumme Hysterisierung, wie auch die Neigung zur (angeblich vereinfachenden) Falschdarstellung aus den Medien in die „normale“ interne Unternehmenskommunikation gelangt ist.

  5. mnostg
    30. April 2009, 16:55

    Bis auf Stern und Bild habens die meisten wohl eingesehen. Die Kommentare bei Stern.de sind spannend. Der Moderator löscht kommentare mit Hinweis sie wären unsachlich.

    Merkt der denn nicht das Stern mit der Veröffentlichung seucher Bilder jegliches Recht verwirkt hat „menschenwürdig“ angesprochen zu werden?

  6. SvenR
    30. April 2009, 16:56

    @ Lomexx:

    Wieso haben Sie denn nach dem Hinweis überhaupt noch auf die Links geklickt. Es reicht mir durchaus, wenn Lukas nicht schlafen kann.

  7. Lomexx
    30. April 2009, 17:08

    @ SvenR
    Das ist ja genau der Punkt: Weil so ein „Nicht ansehen, wenn Sie empfindlich sind“-Hinweis eben doch, auch bei mir, zuverlässig Neugier auslöst. Die Abscheu kommt da leider erst im zweiten Schritt. Ich bin da durchaus ambivalent: Braucht man die Abscheu – und darf sich deshalb dieses zweifelhaften Mechanismus‘ bedienen? Oder werden so schlicht sämtliche gute Absichten negiert? Ein kompliziertes Problem – aber scheinbar nur meins…

  8. Lukas
    30. April 2009, 17:09

    @Lomexx: Ich hab auch länger überlegt, ob ich es nur aufschreiben, oder auch verlinken soll. Ich dachte dann, dass sich der eine oder andere vielleicht doch selbst ein Bild machen will, und habe mich deshalb für die große Warnung zu Beginn entschieden.

    @mnostg: Ich finde es schon ein bisschen beruhigend, wie den Machern von „RP Online“, „Der Westen“, sueddeutsche.de und anderen Seiten in den Kommentaren teilweise der Wind ins Gesicht weht. Ob es irgendwas ändert ist zwar fraglich, aber wenn in den nächsten Tagen die Zugriffszahlen einbrächen, würde vielleicht doch noch das ein oder andere Onlineredakteursgehirn die Arbeit wieder aufnehmen.

  9. selanger
    30. April 2009, 17:25

    Und vor dem FAZ-Video zum Thema läuft Autowerbung; wenigstens nicht von Suzuki. Aber die Quote wird heute schon stimmen.

    (Link müsste der Gastgeber, wenn denn so gewollt, nachträglich einfügen.)

  10. Alberto Green
    30. April 2009, 17:38

    Medien im Blutrausch (3) Ganz schlimm ist der Moderator der SZ. Dieses „Aber die Anderen machen es ja eigentlich auch …“! MIch interessiert außerdem, warum alle Medien darauf bestehen, dass es sich um einen Suzuki Swift handelt. Will man so Opel unterstützen?

  11. ix
    30. April 2009, 17:52

    ich habe so ein gefühl, dass der journmalismus und die politik sich in ihrem selbstverständnis immer mehr annähren. in sonntagsreden und diskussionen gehts stets um qualität, um journalistische standards und die vorteile der guten journalisten-ausbildung, im alltag wird aber vor keiner schweinerei zurückgeschreckt. schuld, schmuddelig, sensationsgeil und gefährlich sind stets die anderen. jon steward thematisiert diese elende bigotterie der journalisten und politiker ja schon länger. schade, dass harald schmidt schon vor jahren aufgehört hat sich über irgendwas aufzuregen.

  12. Muschelschubserin
    30. April 2009, 18:21

    Ich hab das heute nur beim Westen mitverfolgt. Als ich die ursprüngliche Bilderstrecke dort sah, war ich richtig schockiert. Ich hatte eine halbe Stunde später noch Herzklopfen bis zum Hals und wusste irgendwann nicht mehr, ob das jetzt aus Schock oder aus Wut war. Es ist mir völlig unbegreiflich – und ich bin dem Redakteursdasein nicht fremd – wie man so hirnlos und unreflektiert solche Bilder online stellen kann. Ich versteh’s einfach nicht. Umso enttäuschter bin ich, dass diese Fotos auch in sämtlichen anderen Medien zu sehen waren. Danke für diesen Überblick.

    Ansonsten ging es mir genauso wie Lukas. Als ich die Reaktionen las, dachte ich, ein Glück, dass wenigstens die Leser noch ein funktionierendes ethisches Bewusstsein haben (die meisten zumindest) und dieses laut heraus schreien.

  13. David
    30. April 2009, 18:55

    Was denn bei RTL-Aktuell los? Schon 4 Themen durch und noch nichts aus den Niederlanden (positver) Respekt. (Schnell noch geschrieben, bevor es dann gleich im Beitrag über den Fall alles gezeigt wird – vermute ich mal)

    Ansonten völlig unverständlich die Bilder, noch dazu, dass keines (von denen die ich gesehen habe) verpixet war. Das geht mal garnicht!

  14. FelixN
    30. April 2009, 23:21

    Also die Bilder der Reanimationsversuche habe ich live bei N24 gesehen…

  15. Thorben
    1. Mai 2009, 7:37

    Danke für diese schockierende Zusammenstellung. Ds Benehmen der Medien ist wirklich unfassbar. Dagegen wirken solche Spinner plötzlich fast harmlos:
    http://klarseher.wordpress.com.....-attentat/
    Meine Güte.

  16. SG
    1. Mai 2009, 9:26

    Ich fürchte, solange diese Art der Berichterstattung legal ist, wird man wenig dagegen tun können. Offenbar gibt es doch viele Medienkonsumenten, die diese Art von Material sehen wollen. Und beim Wettbewerb der verschiedenen Online-Portale miteinander (bzw. Fernsehsender/Zeitungen etc.) kann es sich kaum eine erlauben, diese Bilder nicht zu zeigen. Ausnahmen sind allenfalls eben Zeitungen wie die Süddeutsche. Qualitätsmedien grundsätzlich bilden da aber ein ganz anderes Segment, das man mit Bild, Spiegel Online & Co. kaum vergleichen kann.

  17. Ein grofef Tohuwabohu « Stefan Niggemeier
    1. Mai 2009, 14:56

    […] Sie die Online-Medien dazu freundlicherweise mit ungezählten Großaufnahmen — mehr dazu bei Lukas. […]

  18. zeitlos.twoday.net
    1. Mai 2009, 15:50

    Man kann schon, aber müssen muss man nicht…

    In den Niederlanden wurde gestern der Königinnentag gefeiert – bis sich jemand in sein Auto gesetzt hat, um damit in die Menschenmenge zu rasen. Mir war bislang nicht klar, dass menschliche Körper, die von enem Fahrzeug getroffen werden, sich…

  19. twex
    1. Mai 2009, 22:46

    „Offenbar gibt es doch viele Medienkonsumenten, die diese Art von Material sehen wollen.“

    Ja, es gibt in der Tat noch Leute, die ungefiltert und unzensiert sehen wollen, was anderswo tatsächlich in der realen Welt passiert ist, selbst falls sich die reale Welt mal wieder nicht politisch korrekt und menschenwürdig aufführt.

    Für alle anderen wurde, wie ich höre, eine neuartige Vorrichtung an den Empfangsgeräten installiert: Der Ausschalter.

  20. Lukas
    1. Mai 2009, 23:07

    @twex: Es reicht Ihnen also nicht, zu wissen, dass Menschen überfahren wurden, Sie müssen es auch noch sehen und fühlten sich andernfalls „zensiert“?!

    So ein Ausschalter nützt einem übrigens wenig, wenn einem die brutalen Bilder ohne jede Vorwarnung direkt nach einem heiteren „DSDS“-Beitrag präsentiert werden

  21. twex
    2. Mai 2009, 10:26

    Lukas, wenn es um einfache Unglücksfälle geht, ist es vielleicht etwas schwerer nachzuvollziehen, warum man sich das näher anschauen sollte, aber selbst da wird es Leute mit professionellem Interesse geben, z.B. Ärzte oder Fahrzeugkonstrukteure.

    Spätestens aber wenn es politisch wird — wie bei einem mysteriösen Mordanschlag auf ein Staatsoberhaupt — ist es für einen mündigen Staatsbürger unumgänglich, sich nicht mit Informationen aus zweiter Hand zufrieden zu geben, denn die sind meistens ideologisch manipuliert.

  22. onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema » Blog Archive » Spektakuläre Bilder - die man zeigen muss?
    2. Mai 2009, 16:01

    […] Blog Coffee&TV läuft eine interessante Debatte über den Umgang mit den – ja – spektakulären […]

  23. The Mars Volta
    2. Mai 2009, 17:37

    Guckt mal auf Bild.de. Da der Täter ja kein Jugendlicher war der Videospiele spielt, ist jetzt Robert de Niro Schuld. Außerdem übertrifft Bild wohl alles andere mit der explizizen Darstellung des Leichnams im Auto.

  24. Bilderstreit nach Autoamok | Na Blogo
    2. Mai 2009, 20:16

    […] über den Anschlag auf Beatrix nicht los. Dazu gibt es zwei interessante Diskussionen, eine bei Coffee And TV, die andere bei onlinejournalismus.de. Anlass für meine Bedenken ist aber die heutige […]

  25. SvenR
    3. Mai 2009, 9:39

    @ twex:

    Sie sind ja so schlicht gestrickt. Einer ruft „Anschlag“ und schon glauben Sie das. Und daraus leiten Sie ab, das man diese Bilder zeigen muss.

    Selber nachdenken macht schlau. Wie soll den ein „Mordanschlag“ aussehen, wenn jemand mit einem Suzuki Swift (Leergewicht 600 bis 700 kg) gegen einen Bus (Leergewicht 8000 bis 16000 kg) fährt. Sprengstoff war offensichtlich nicht im Spiel.

    Man, man, man.

  26. Hoffensterchen
    4. Mai 2009, 12:56

    Habe erschütterndes Material zu eine anderen Katastrophe gefunden. Die Kamera hält voll drauf, während 35 Menschen ihr Leben lassen, und als sei das noch nicht genug, wird alles mit dramatischer Musik unterlegt und von einem Moderator kommentiert, der sich anhört wie ein Zieher auf dem Rummelplatz – Schrecklich.

    Wann werden diese Blutegel endlich Respekt lernen vor dem Tod Unschuldiger?

    http://www.youtube.com/watch?v=8V5KXgFLia4

  27. Lukas
    4. Mai 2009, 13:08

    @Hoffensterchen: Also, ich kann bei der Explosion der Hindenburg kein einziges Opfer sehen — nicht in der Totale und schon gar nicht in Großaufnahme.

    Und: Ja, ich bin durchaus der Meinung, dass das einen Unterschied macht. So auch beim 11. September, wo die Medien ja auch eher auf die Zurschaustellung konkreter Opfer verzichten.

  28. Hoffensterchen
    4. Mai 2009, 13:56

    @Lukas: Es fällt mir etwas schwer, hier eine hüsch leichte Schwrz-Weiß-Einsortierbarkeit zu sehen. Es gibt nicht den leisesten Zweiflel daran, das Auswüchse wie in Winnenden völlig zu recht kritisiert werden (auch wenn mir gelegentlich die Reporter leid tun, die derlei Aufgaben einfach nicht gewachsen sind, aber irgendwie damit klarkommen müssen – aber das ist ein anderes Thema). Allerdings gilt m.E. in diesem Fall, mal die Kirche im Dorf zu lassen. Ich habe mir bislang nur den rtl.nl-clip angesehen („entsetzte“ Zuschauer, „verzweifelte Rettungsversuche“) und kann mich der Kritik nicht anschliessen. Ja, man sieht die Körper von Opfern, aber keines ist erkennbar. Der Kameramann filmt die chaotischen Zustände ab, in denen er steht – vielleicht nicht 100% ethisch einwandfrei, doch um pietätvolle Distanz wenigstens bemüht.

    Blutgeile Gewaltberichterstattung verdient Verachtung. Bigöttliche Selbstbeweihräucherung („ich veröffntliche die Links ja nur, um zu illustrieren, wie die schlimmen Kollegen danebenliegen“) indes nicht minder.

  29. SvenR
    4. Mai 2009, 15:52

    @ Hoffensterchen:

    „Ich habe mir bislang nur den rtl.nl-clip angesehen…“.

    Ja, ne, is‘ klar.

  30. Lomexx
    4. Mai 2009, 16:40

    @Hoffensterchen:
    Es beschleicht mich das Gefühl, dass du nicht ganz verstehst, worum sich diese Diskussion dreht – oder es nicht verstehen willst.

    In diesem Fall wurden – nur zum Beispiel – Bilder von Menschen gezeigt, die von einem Fahrzeug angefahren und dabei meterweit durch die Luft geschleudert wurden. Warum sollte man so was eher nicht zeigen? Ganz einfach, weil es die Würde derer verletzt, denen so etwas Schreckliches passiert. Ein einfacher Vergleich: Ein Mädchen wird brutal vergewaltigt – das Ganze von einer Überwachungskamera aufgenommen. Jedem sollte klar sein, dass man diesem Mädchen noch mal Gewalt antut, wenn man diese Bilder am Abend mit der Meldung „Mädchen brutal vergewaltigt“ in den Nachrichten zeigt. Das Gleiche passiert aber hier: Menschen – denen Gewalt angetan wurde, werden in einer für sie unwürdigen Art und Weise zur Schau gestellt. (Man muss das erst gar nicht weiter spinnen und sich fragen, was es mit einem machen würde, wenn man am Abend in den Nachrichten seine Mutter/Schwester/Tochter so sehen müsste.)

    Derartige Berichterstattung ließe sich nur rechtfertigen, wenn es ein dem Opferschutz übergeordnetes Interesse an der Veröffentlichung der Bilder geben würde. Vertreter etwa der BILD-Zeitung würden jetzt argumentieren: „Klar, gibt es! Es handelte sich um einen Anschlag auf die niederländische Königin – eine Person der Zeitgeschichte.“ Das Argument zieht hier aber nicht – denn welches Informationsbedürfnis soll da befriedigt werden, dass nicht mit einem Bild des Autowracks und der Schlagzeile „Mann rast in Menschenmenge – vier Tote“ abgedeckt wäre? Würde man das vergewaltigte Mädchen aus meinem Beispiel etwa zeigen dürfen, wenn es die Tochter einer Person der Zeitgeschichte wäre? Sicher nicht – warum sollte das hier also anders sein?

    Lange Rede, kurzer Sinn – dem Autor hier Bigotterie vorzuwerfen, ist schon ein bisschen weit her geholt. Nächstes Mal vielleicht vorher kurz nachdenken.

  31. Hoffensterchen
    4. Mai 2009, 17:51

    @Lomexx: Sachte. Fakt ist: Die Bilder sind entstanden, weil die entsprechenden Teams und technischen Resourcen (aus einem völlig anderem Anlaß) vor Ort und in Betrieb waren. Ich unterschreibe Deinen Post, wenn wir ihn anwenden auf TV-Teams, die nach dem Unfall/Anschlag in blutgeiler Absicht dorthingeschickt worden wären – gar keine Frage.
    Hier aber muss ein Kameramann in Sekundenbruchteilen abwägen und reagieren, weil die schrecklichen Geschehnisse unerwartet und überraschend eintraten. Für meine Begriffe hat er (oder sie) das ganz gut gemacht: Ich sehe „nur“ Opfer, die mir einen Eindruck von der Schwere des Vorfalls vermitteln, die aber nie erkennbar sind (genausso wie die Toten in der Hindenburg). In erster Linie sehe die allgemeine Verwirrung, aber auch, wie Personen beherzt vor Ort eingreifen.
    Lass Dich jetzt nicht durch den Polizisten verwirren, der „verzweifelte Wiederbelebungsversuche“ vornimmt: „verzeifelt“ steht nur hier im Bericht, nicht aber im Gesicht des Beamten: Der scheint mir durchaus routiniuert und besonnen vorzugehen.

    Es mag fraglich bleiben, ob man zu einem solchen Anlass diese Bilder, überhaupt bewegte Bilder zeigen soll. In meinen Augen aber ist zu keinem Zeitpunkt dieses Ausschnitts eine besondere Grenze überschritten worden – auch nicht nach dem nunmehr dritten Mal, das ich mir den Clip ansehe, um zu prüfen, ob ICH vielleicht etwas übersehen habe. Hab ich aber nicht.

    Schlussendlich werfe ich Lukas nicht Bigotterie vor – aber wer in dieses Videomaterial auf Biegen und Brechen einen journalistischen Skandal wie in Wennenden hineininterpretieren will, der könnte mit demselben Aufwand behauten, der Autor des Artikels nutzt das Blut der Opfer zu seinen Gunsten mit der Ausrede, er prangere ja „nur“ die Berichterstattung darüber an.
    Du wirst mir recht geben: Dieser Grat ist teuflisch schmal…

  32. Lukas
    4. Mai 2009, 18:07

    @Hoffensterchen: Eigentlich ging es hier schon die ganze Zeit um die Frage, ob man alles Material verwenden muss, das einem vorliegt (aus welchen Gründen auch immer). Und ich bin der Meinung: Nein, muss man nicht.

    Und wenn, dann sollte man die Leute vorwarnen, so wie es der „Boston Globe“ bei seinen phantastischen großformatigen Bildergalerien macht, wenn etwas grausames auf dem Bild zu sehen sein könnte.

  33. Friedland
    4. Mai 2009, 20:00

    Selbst in der Wochenend-Printausgabe der taz war auf Seite 7 ein Farbfoto der ap mit dem Fahrzeug und mit über den Boden rollenden Opfern zu sehen, die durch den Aufprall wohl schwer verletzt wurden. Dieses Foto hat dann auch prompt zu meiner Abo-Kündigung geführt…

  34. Hoffensterchen
    4. Mai 2009, 20:14

    @Lukas: In Ordnung, prinzipiell sind wir schonmal einer Meinung. Was allerdings den rtl.nl-Clip angeht, sehe (und höre) ich da nichts, was man sich aus (berechtigten!) ethischen Gründen verkneifen sollte. Das grausame ist hier das Gezeigte und nicht, wie z.B. in Winnenden, das Zeigen selbst. Ich sehe keine übermäßige Aushöhlung schützenswerter Individualrechte, sondern denke, der Clip ist noch im grünen Bereich.

    Ok, gelb vielleicht.

  35. Alberto Green
    4. Mai 2009, 20:24

    Dafür ist die letzte Metapher im roten Bereich. Mit nem Ampelvergleich zu kommen. Bei der Sache …, Kindchen!

  36. SvenR
    5. Mai 2009, 9:20

    @ Hoffensterchen:

    Es geht im Artikel vonLukas NICHT um rtl.nl.

  37. Hoffensterchen
    5. Mai 2009, 9:50

    RICHTIG, SVENR! Und nicht nur! Wenn in letzter Zeit irgendwo etwas grausames passiert, teilt sich die Berichterstattung fix in zwei Lager: Einerseits „boulevardisierte“ Medien, die unreflektiert und quotengeil Blut veröffentlichen, und aufgeklärte, „gute“ und (vorallem) nahezu unangreifbare Medien (Blogs vorrangig), die DIESELBEN Bilder verwenden – „natürlich“ nicht, um damit Quote zu machen – nein nein. Um aufzuklären. Um die Opfer zu schützen. Um sich von journalistischen Schmeissfliegen abzusetzen. Bestimmt nicht, um PIs zu generieren, nein. WIR sind ja die Guten, die Menschlichen, die Gerechten. Amen.

    Bin ich echt der einzige, der hier Nachtigallen trapsen hört…?

  38. Lukas
    5. Mai 2009, 9:57

    @Hoffensterchen: Und jetzt erklären Sie mir noch mal, wo ich hier die Bilder „verwende“ (und wie ich damit „Quote“ machen soll und was ich von hohen PIs habe).

    Sie mögen Nachtigallen hören, ich höre mein Schwein pfeifen!

  39. Hoffensterchen
    5. Mai 2009, 12:44

    Vorab Lukas: Wenn Du mal NICHT davon ausgehst, das ich DICH angreifen will, sondern nur ein allgemeine, gesichtslose Situation beschreibe: Verstehst Du den Konflikt, den ich in meinem letzten Posting beschrieb?
    Denkst Du, es ist möglich, das jemand (wie Du, nur böse) über die gewalt-lüsterne Boulervardpresse lamentiert (sich also Deiner völlig legitimen Position bedient) und damit PIs/Quote macht? Der nur so tut, als wäre er ethisch unbeleckt?

    Denkst Du, es ginge, das jemand so tut, als wäre er „ein Guter“, in Wirklichkeit aber einen Weg gefunden hat, ungestraft mit solchen Berichterstattungsexzessen „Profit“ (wie auch immer) zu machen?

    Glaubst Du, das wäre möglich? Glaubst Du, das gibt es sogar? Falls ja: wäre das nicht bigott?

    Nebenbei: Hätte ich auch nur den Verdacht, das Du dazuzählst, wäre Coffee&TV garantiert nicht in meinen Bookmarks… <;o)

  40. Lukas
    5. Mai 2009, 12:53

    Ich halte viel für möglich. Vor allem, dass wir völlig verfranste Meta-Diskussionen beenden können.

  41. Hirnfick 2.0 » Blogarchiv » Medienkritik X: Keine Panik, ruhig Blut!
    16. November 2009, 17:49

    […] vergleichsweise nebensächlich, wäre nicht auch hier die Berichterstattung eine wunderliche. Lukas schreibt: Weil sich zumindest Teile dieses Unfalls in der direkten Nähe des königlichen Busses […]

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