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Rundfunk

Eine unglückliche Frau

Manchmal, wenn mein Blutdruck so niedrig ist, dass ihn nicht mal die Meldungen der “Tagesschau” auf Touren bringen können, schalte ich gegen 20 Uhr Vox ein, wo eine Frau namens Constanze Rick allabendlich über das Privatleben von Prominenten doziert und urteilt.

Man könnte diese Sendung als “verfilmte ‘Bild’-Zeitung” oder “verfilmte ‘Bunte'” bezeichnen, aber das trifft es nicht ganz. So viel geballte Überheblichkeit und Menschenverachtung findet man nicht mal bei Springer und Burda. Während zeitgleich in der ARD möglichst sachlich die weltpolitische Lage referiert wird, hecheln sie bei Vox das durch, was die einschlägigen Promi-Seiten im Internet ungefähr einen Tag zuvor berichtet hatten — nur nicht ganz so seriös.

Wenn man dieses Format ein paar Mal gesehen haben, fällt einem auf, wie weit sich die Redaktion von klassischen Fernsehkonventionen verabschiedet hat: Da ist etwa die Moderatorin, die durch Straßen und menschenleere Räume streift, während sie gleichzeitig aus dem Off spricht (aber darüber haben Stefan und Peer schon vor Jahren geschrieben), oder der Umstand, dass ein Beitrag erst angeteasert wird — und dann direkt danach anfängt, weil in den 15 Minuten Sendezeit gar nicht so viele Werbeblöcke laufen können, wie es die umständliche “Sehen Sie gleich”-Formatierung verlangt.

Auch das Prinzip “Schnittbilder” wird hier auf die Spitze getrieben, weil es das Allermeiste, was im Off-Kommentar beschrieben wird, gar nicht als Bewegtbild gibt. Anders als ihre Print-Kollegen haben die Macher von “Prominent” also das Problem, jeden einzelnen ihrer süffisanten Sätze bebildern zu müssen. Deshalb sieht man dann mehrmals hintereinander, wie der 80-jährige Karl Lagerfeld von Paparazzi bedrängt ins Stolpern gerät, oder die Witwe von Philip Seymour Hoffman, die mit den gemeinsamen Kindern zur Trauerfeier anreist, in Endlosschleife.

Als ich am Mittwoch einschaltete, ging es um den Tod von L’Wren Scott. Scott war eine namhafte Modedesignerin, aber auch die Freundin von Mick Jagger. Und sie hat sich das Leben genommen.

Was das für die internationale Berichterstattung bedeutet, hat Jane Martinson für den “Guardian” sarkastisch so kommentiert:

What makes a beautiful, successful and extremely rich woman take her own life? In lieu of any sort of evidence, the suspected suicide of designer L’Wren Scott is as baffling as it is heartbreaking for anyone who believes that depression is the sole preserve of the poor and ugly.

Unless, of course, you believe that a childless, unmarried woman has every reason in the world to be depressed.

Das “New York Magazine” hat ein bisschen dokumentiert, wie sich die Medien vor allem auf Scott als Frau an Jaggers Seite konzentriert haben, und erklärt:

In one sense, to those who follow celebrity and music as opposed to fashion, yes, Scott was the longtime partner of Jagger. But in life, she defined herself as not a hanger-on, not as a fame-whore, not just as one half of a relationship, but as L’Wren Scott, a woman who pulled herself up by her incredibly chic bootstraps and became an entrepreneur.

Und damit zurück zu “Prominent”, wo Constanze Rick in dem ihr eigenen Tonfall über verfärbte Archivaufnahmen und einen dicken Streicherteppich spricht:

Eigentlich hatte Mick Jaggers Freundin alles: Sie sah gut aus, hatte eine Karriere als Star-Designerin, ein Luxusleben und einen berühmten Freund. Doch jetzt sagt L’Wren Scotts Schwester: sie war eine unglückliche Frau.

Sie genoss das Blitzlicht, lächelte in die Kameras und präsentierte sich immer als starke, selbstbewusste Frau an der Seite eines ebenso starken Mannes: L’Wren Scott und Mick Jagger, vor fünf Monaten in New York. Ihr letzter gemeinsamer Auftritt — als glücklich wirkendes Paar. Doch das war vielleicht nur Fassade. Hier muss es der 49-Jährigen schon schlecht gegangen sein, von Dämonen und Depressionen ist die Rede.

Sie war unglücklich, behauptet jetzt auch ihre Schwester Jen: “Einmal sahen wir uns in die Augen und sie sagte: Ich beneide Dich. Ich fragte: Warum beneidest Du ausgerechnet mich? Und sie antwortete traurig: Du hast all diese Kinder, du hast eine Familie.” All das hat L’Wren nicht.

Na dann!

Es folgt ein “Rückblick”, also eine Art kurzreferierter Wikipedia-Eintrag, über die familiären Hintergründe von Scott. Darin diese Bildbesprechung:

Hier ein 14 Jahre altes Familienfoto: L’Wren steht in der letzten Reihe, ihre Schwester und ihre Mutter sitzen mittendrin. Mick Jagger ist hier noch kein Thema, erst ein Jahr später verlieben sie sich.

Dann ging es aber endlich aufwärts mit dem Leben in der letzten Reihe: Frau Scott wurde die Freundin des Rolling-Stones-Frontmanns.

Aber eben nur seine Freundin, 13 Jahre lang. Nie seine Ehefrau. Auch nicht die Mutter seiner Kinder. Ein Grund für einen Selbstmord?

Das fragt Constanze Rick wirklich. Im gleichen Tonfall, in dem normale Menschen “Noch was Kaffee?” fragen würden.

Es folgt dann noch mal ein mutmaßliches Zitat der Schwester der Verstorbenen, das – wie das erste – aus dem “Daily Mirror”, also einer für Boulevardjournalisten voll vertrauenswürdigen Quelle stammt. “Ich würde alles dafür geben, noch einmal mit ihr reden zu können”, sagt die Schwester da und Constanze Rick kommentiert gefühlvoll:

Dafür ist es zu spät. Am Montag strangulierte sich L’Wren Scott mit einem Schal. Die Frau, die vermeintlich alles hatte.

Nach einer Folge “Prominent” muss ich erst mal zwei Stunden Tierbabyvideos gucken.

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The Numbers Of The Beasts

Ich habe Mathematik immer gehasst. Noch heute, mehr als zehn Jahre nach meinem Abitur, träume ich hin und wieder davon, im Matheunterricht zu sitzen und zu denken “Oh Gott, das werde ich bis zur Klausur niemals verstehen!” Manchmal träume ich auch direkt von Klausuren, denen ich mich dann auf irgendwelche Arten – z.B. durch Zerstörung des ganzen Schulgebäudes – entziehen muss.

Andererseits habe ich auch schon seit vielen Jahren einen Faible für Statistik und andere Zahlenspielereien: Das Tollste am Eurovision Song Contest bleibt die Punktevergabe, man kann eine ganze Bundesligasaison vorab auf dem Papier durchrechnen und wenn man sich nur eine kluge Formel ausdenkt, kann man aus der Anzahl der Wiedergaben und der Bewertung eines Songs in iTunes sicherlich ganz logisch seine persönliche Jahresbestenliste erstellen.

Vermutlich könnte man sogar ausrechnen, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass ich gestern gleich zwei Artikel mit großer Freude gelesen habe, die sich mit Zahlen auseinandersetzen:

Holger Dambeck hat bei “Spiegel Online” versucht herzuleiten, wie (un)wahrscheinlich es eigentlich war, dass bei der Auslosung der Achtelfinals der Champions League exakt die gleichen Paarungen gezogen wurden wie bei einer vorherigen Probeauslosung.

Ein Problem, das aufgrund der vielen Regeln, die es bei der Auslosung zu berücksichtigen gilt (nur Gruppenerste gegen Gruppenzweite, keine Vorrundengegner als Achtelfinalgegner, kein Gegner aus dem eigenen Land), einigermaßen unlösbar erscheint:

Ich schaue mir an, welche Gegner die Zweitplatzierten bekommen können. Weil nur die Paarungen selbst interessieren, nicht aber die Reihenfolge, in der sie gelost werden, fange ich beim fiktiven Losen mit den beiden spanischen Mannschaften an: FC Valencia und danach Real Madrid. Valencia hat fünf verschiedene mögliche Gegner, Real ebenfalls. Das müsste dann für Valencia fünf Varianten ergeben, und für Real eine weniger, also vier, denn eine Mannschaft wurde ja Valencia schon zugelost. Das ergibt dann 5*4=20 Möglichkeiten, dachte ich – und war bereits in die erste Falle getappt.

Denn es gibt einen Sonderfall, den ich nicht bedacht habe. Wenn Valencia der Sieger aus der Real-Madrid-Gruppe – das ist Borussia Dortmund – zugelost wird, gibt es für Real nicht nur noch vier mögliche Gegner, sondern weiterhin fünf. Denn Dortmund scheidet als Gegner für Real von Vornherein aus, beide waren in der Gruppenphase zusammen. Statt 5*4 = 20 gibt es deshalb 4*4+5 = 21 unterschiedliche Varianten der beiden Achtelfinals mit Beteiligung von Madrid und Valencia.

Hach. Ich kann die Begeisterung, die einen an dieser Stelle ergreift, völlig nachvollziehen. Und ich bin mir sicher, dass ich auf dem Weg zur Lösung drei bis vier kapitale Denkfehler gemacht hätte. ((Meine Spezialität bei Mathe-Klausuren waren immer die sogenannten Folgerichtig-Punkte, die man bekam, wenn man nach einem Fehler in sich schlüssig weitergerechnet hatte.)) Der Satz “Jetzt wird es kompliziert” folgt übrigens erst ein bisschen später im Text.

Holger Dambeck kam dann mit Papier und Bleistift irgendwann auch nicht mehr weiter:

Das Problem ist trotzdem lösbar – und zwar mit Hilfe eines kleinen Computerprogramms, das einfach alle möglichen Varianten durchzählt. Ein Kollege aus der SPIEGEL-Dokumentation hat genau dies gemacht und ist dabei auf die Zahl von 5463 Varianten gekommen. Diese Angabe ist ohne Gewähr!

* * *

Der andere Text steht auf der Website des “Guardian” und erklärt, warum der 20.12.2012 so besonders ist/war:

It’s one of those dates where the digits create interesting patterns. It also comes at the end of 13 years that have been astonishingly fertile for such numerologically “magic” dates. The rest of the century is going to be a desert by comparison.

Hugo Dixon kommt auf “68 magische Daten im 21. Jahrhundert”, von denen inzwischen 43 vorbei sind. Er beginnt bei der Serie, die am 01.01.01 begann und am 12.12.12 endete, arbeitet sich über besonders magische Momente wie den 11.11.11 11.11 Uhr vor und kommt irgendwann bei den Palindromen an, von denen uns am 02.02.2020 das nächste erwartet. ((Die Schreibweisen variieren immer mal wieder, je nachdem, ob die vorangestellte “20” unseres Jahrhunderts gerade ins Schema passt oder nicht.))

Es ist eine eigentlich völlig sinnlose Betrachtung der Welt, aber ich kann die Schönheit und Magie, die Dixon da beschreibt, völlig nachvollziehen. Man muss ja nicht gleich an so einem Tag heiraten.

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Digital

Understanding In A Car Crash

Warnung!

In diesem Eintrag werden Seiten verlinkt, auf denen brutale und verstörende Fotos bzw. Videos zu sehen sind. Wenn Sie empfindlich auf solche Darstellungen reagieren oder es Ihnen reicht, sich vorzustellen, wie die Opfer eines Verkehrsunfalls aussehen, dann klicken Sie bitte auf keinen dieser Links!

Da hat man sich den Mund fusselig diskutiert nach dem Amoklauf von Winnenden, hat an journalistische Ethik oder einfach nur an den gesunden Menschenverstand appelliert, wenn es um Gewaltdarstellungen in den Medien ging. Gerade letzte Woche hatte ich mich und mögliche mitlesende Journalisten mal wieder gefragt (da dürften Sie jetzt drauf klicken, das ist nur ein Coffee-And-TV-Artikel), ob man eigentlich alle Quellen nutzen müsste, die einem so zur Verfügung stehen, um ein schreckliches Ereignis aufzubereiten.

Aber letztlich braucht es wohl einfach nur genug Blut und in den Gehirnen der Online-Redakteure reißen die letzten Synapsen ab.

Im niederländischen Apeldoorn ist bei der Parade zum heutigen Königinnentag gegen 12 Uhr Mittags ein Auto in die Menschenmenge gefahren und erst vor einem Denkmal zum Stehen gekommen. Im Moment geht man von vier Toten und mindestens 20 Verletzten aus.

Weil sich zumindest Teile dieses Unfalls in der direkten Nähe des königlichen Busses abspielten, wurden diese Bilder live im Fernsehen übertragen. Dass grausame Dinge on air passieren, gehört zu den Risiken einer Live-Übertragung. Die Frage ist, wie man in den nächsten Momenten damit umgeht.

Die Sender des niederländischen RTL haben Videos ins Internet gestellt, auf denen Menschen über die Straße geschleudert werden. Zuschauer schreien entsetzt (und gut hörbar) auf, später sieht man Polizisten bei verzweifelten Wiederbelebungsversuchen. Ich weiß nicht, was davon live über den Sender ging und was “nur” aufgenommen wurde — ich bin mir nur ziemlich sicher, dass die Betrachtung dieser brutalen Bilder keine zwingende Voraussetzung für ein Verständnis des Vorgangs “Auto rast in Menschenmenge” darstellt.

In den niederländischen Fernsehsendern sind die Bilder des Vorfalls immer wieder zu sehen — auf manchen nur die letzten Meter, bevor das Auto in die Umzäunung des Denkmals kracht, auf den Sendern der RTL-Gruppe auch noch mal ein paar Menschen, die getroffen werden. Reporter der Privatsender stehen vor dem Auto-Wrack, während im Bildhintergrund die abgedeckten Leichen liegen, die Öffentlich-Rechtlichen haben ihre Reporter inzwischen vor dem Königspalast abgestellt.

Aber die niederländischen Medien, die eh sehr viel liberaler sind im Umgang mit expliziten Darstellungen, sollen uns hier nur am Rande und unter exotischen Aspekten interessieren. Wir haben ja unsere eigenen Medien, allen voran die im Internet.

Trash-Portale wie “Spiegel Online”, Bild.de, focus.de und stern.de, aber auch FAZ.net zeigen Bildergalerien, in denen man sich unter anderem darüber informieren kann, wie eigentlich schwere Kopfverletzungen oder Mund-zu-Mund-Beatmungen aussehen.

tagesschau.de zeigt als Aufmacherbild eine Totale (wie man sie auch in der “Netzeitung” und der Klickstrecke von “RP Online” findet) mit mehreren Verletzen, während im Fernsehbeitrag hauptsächlich entsetzte Augenzeugen (darunter ein weinendes Kind) zu sehen sind.

Spekulationen schießen (natürlich) ins Kraut und Bild.de brauchte nur wenige Zentimeter, um aus einer Frage …

Schock für Beatrix am Königinnentag in Holland: War es ein Anschlag? Autofahrer raste in Menschenmenge - vier Tote und fünf Schwerverletzte

… eine Tatsache zu machen:

Anschlag auf Königin Beatrix: Der Bus mit der königlichen Familie – nur wenige Meter trennen ihn von der Stelle, an der der Suzuki in das Denkmal gerast ist. In der Mitte zu erkennen...

Beim Westen war vermutlich eher sprachliches Unvermögen als Zynismus Schuld an einer Bildunterschrift wie dieser:

Begeistert warten die Zuschauer im holländischen Apeldoorn auf den Besuch der Königsfamilie, als ein Auto in die Menschenmenge rast.

(Unnötig zu erwähnen, dass das Foto natürlich keine begeisterten Wartenden zeigt, sondern in Bewegung befindliche Unfallopfer. Der Bildausschnitt wurde übrigens später noch verändert, so dass nun weniger von den Körpern und mehr vom Auto zu sehen ist.)

Von allen großen Portalen, die mir spontan einfielen, kommt nur sueddeutsche.de ohne allzu brutale Fotos und/oder Bildergalerien aus. Allerdings erhielt meine zaghafte Erleichterung einen Dämpfer, als ich in den Kommentaren zum Artikel erst Kritik an (offenbar vorher dort gezeigten) Bildern fand und dann das hier las:

 30.04.2009  14:29:35 Moderator (sueddeutsche.de): Liebe user, obwohl das von uns zunächst gezeigte Bild aus dokumentarischen Gründen auch in anderen Publikationen zu sehen war, haben wir uns aus Pietätsgründen dazu entschieden ein anderes Bild zu verwenden. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Moderator

Die obligatorische Gegenprobe beim Online-Auftritt des “Guardian” ergab: Ein zertrümmertes Auto sagt auch viel aus.

Mit besonderem Dank an unsere Niederlande-Korrespondentin Leonie.

Nachtrag, 23:55 Uhr: Zu früh gelobt: Der “Guardian” hat mit einer Bildergalerie und einem Video nachgelegt, wo Bilder zu sehen sind, die meines Erachtens auch nicht nötig wären.

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Gesellschaft Digital

You don’t know me at all

Achtung: Erhöhte Selbstreferentialität!

Ich weiß weder, wer Michael Arrington, noch, was Techcrunch ist. ((Und Sie sind bitte so anständig und schreiben jetzt nicht alle “Das ist doch … !”)) Aber dass er bei dem/der/dem DLD in München ((Da weiß ich auch nicht so ganz, was das ist aber das ist auch unerheblich.)) angespuckt wurde, das habe sogar ich mitbekommen.

Jeder Mensch weiß, dass man sowas nicht macht, und derjenige, der es getan hat, wird sich hoffentlich eine ordentliche Ohrfeige von seiner Mama einhandeln, wenn sie dahinter kommt. Andererseits hat er vermutlich sowieso genug Probleme.

Paul Carr, von dem ich ebenfalls nicht weiß, wer er ist und was er sonst so schreibt, hat für den Online-Auftritt des “Guardian” einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben, in dem er seine eigenen Erfahrungen auf dem/der/dem DLD und bei ähnlichen Ereignissen beschreibt. Wie die Leute auf ihn zukommen und ihn für irgendwelche Gehässigkeiten loben, die er mal geschrieben oder getwittert hat, und ihn fragen, ob er diese Veranstaltung und jene Person morgen auch wieder öffentlich schlachten würde.

Und obwohl mir diese Welt – wie oben oft genug angemerkt – fremd ist, kamen mir Carrs Schilderungen seltsam vertraut vor.

Wenn ich hier mal etwas vorstelle, was mir wirklich gefällt, fallen die Reaktionen bescheiden aus: ein Kommentar oder gar keiner. Wenn ich mich ein bisschen über Symbolfotos von dpa lustig mache, gibt’s deutlich mehr.

Natürlich habe ich in den letzten drei Wochen jede Menge schwachsinniger Obama-Anbiederungen aufgeschrieben. Zum einen, weil ich einmal damit angefangen hatte und ich alle Beispiele auf die eine oder andere Art bemerkenswert fand, zum anderen, weil unsere Leser mich mit Einsendungen überhäuft haben. Als ich die Postkarte in meinem Briefkasten fand, war ich gleichermaßen belustigt von der idiotischen Karte und gerührt von der Geste, dass ein mir unbekannter Mensch mir sowas einfach weitergeleitet hat.

Ich habe schon ernsthaft überlegt, ob ich über Blog-Beiträge wie die zum dpa-Symbolbild oder den ganzen Obamas vielleicht “Achtung, irrelevant!” schreiben sollte, damit ja niemand glaubt, dahinter stecke mehr als mein schlichter Wunsch, das kurz aufzuschreiben.

Wir haben Coffee And TV vor fast zwei Jahren als Gruppenblog gestartet, ((Und es ist immer noch eines, auch wenn die Autoren weniger geworden sind und ich am häufigsten schreibe.)) in dem es um alles gehen sollte, was uns interessiert. Ich wollte Musik, Filme und Bücher, die mir gefallen, mit möglichen Lesern teilen und vor Sachen warnen, die mir persönlich nicht so gefallen. Dass das Thema Medien immer mehr Platz einnahm, lag daran, dass ich mich immer stärker damit beschäftigt habe und mir viele Dinge aufgefallen sind, die mich mitunter empört haben ((Wobei ich von niemandem erwarte, dass er meine Empörung teilen muss.)) oder die ich erwähnenswert fand, weil sie lustig, merkwürdig oder auch einfach nur gut waren. Dass es mehr Platz braucht, wenn man über bizarre Stille-Post-Spielchen und Ungereimtheiten bei der Recherche schreibt, als wenn man eben einen guten Text empfehlen will, ((Beachten Sie dazu die Rubrik “Lesetipps” in der rechten Spalte dieses Blogs.)) liegt wohl in der Natur der Sache.

Natürlich ist es etwas hinderlich, dass hier im Blog kurze Quatsch-Beiträge und längere Gedankengänge, die mir wichtig sind, völlig gleichberechtigt übereinander stehen. Hier gibt es keine Aufmacher und keine “Kurz notiert”-Spalte und das mag ich eigentlich auch. Ich vertraue darauf, dass die Leser merken, was mir wichtig ist und was nicht, und ich bin mir sicher, dass das bei den meisten auch ganz gut gelingt.

Als ich am Montag die Meldung der “Berliner Zeitung” zum Atommülllager Asse verlinkte und mit dem spontanen Gedanken, der mir beim Hören der Meldung gekommen war, anreicherte, dachte ich, dass die drastischen Worte, die ich hier im Blog sonst nie benutze, für sich sprechen und meiner Resignation gegenüber unserer Bundesregierung Ausdruck verleihen würden. Stattdessen erfuhr ich aus den Kommentaren, ((Natürlich von einem anonymen Kommentator.)) dass dieses Blog “von sinnloser Polemik, Hochnäsigkeit, pseudo-politischen Anmaßungen und Klugscheißerei” lebe.

Da fragte ich mich schon: Mache ich auf Sie wirklich den Eindruck eines arroganten, blasierten Menschen, der nie weiß, worüber er schreibt und sowieso nur austeilen will?

Falls ja, würde ich nämlich sofort aufhören mit diesem Blog.

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Musik

Gone 4 Real

Am 1. Februar 1995 verschwand Richey James Edwards, Texter und Rhythmus-Gitarrist der Manic Street Preachers. Zwei Wochen später wurde sein Auto auf dem Parkplatz einer Raststätte in der Nähe der Severn Bridge gefunden.

In der Folge gab es immer wieder Gerüchte, er sei hier und dort gesichtet worden, immer mal wieder wurden Knochen gefunden, die aber nicht von Edwards stammten.

Die Band hat nach seinem Verschwinden weitergemacht — zunächst mit den Texten, die er ihnen hinterlassen hatte, dann nur noch mit Material von Bassist Nicky Wire. Sie waren erfolgreicher denn je und landeten mit “If You Tolerate This Your Children Will Be Next” ihre erste Nummer 1 in Großbritannien. Von allen Einnahmen gingen 25% auf ein Treuhandkonto, das die Band auf Edwards’ Namen eingerichtet hatte. Vor wenigen Wochen kündigten sie ein neues Album an, auf dem noch übrig gebliebene Richey-Edwards-Texte verarbeitet werden sollen.

Obwohl Edwards’ Familie seit 2002 die Gelegenheit gehabt hätte, ihren Sohn für tot erklären zu lassen, hat sie davon jahrelang keinen Gebrauch gemacht. Als ich Manics-Sänger James Dean Bradfield vor zwei Jahren zu seinem Soloalbum interviewt habe (Überreste des Gesprächs sind hier nachzulesen), kam er nach weniger als dreißig Sekunden erstmals auf Richey zu sprechen — von sich aus.

Vor wenigen Tagen aber haben sich Edwards’ Eltern nun doch dazu entschieden, Richey James für tot erklären zu lassen.

Bandsprecherin Teri Hall ließ die “Mail on Sunday” wissen:

The band has been aware this was coming,’ she said. ‘It is hugely emotional for all of us. This is the parents’ choice and the band is happy to go with what the parents decide is best. We all dream Richey will come back one day. You hope he is still around somewhere.

But it is no longer a realistic hope and if this offers some kind of closure then the band will be content with that.

Und so konnte der “Guardian” dann auch heute seinen seit mindestens 13 Jahren geschriebenen Nachruf aus der Schublade kramen und veröffentlichen.

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Musik Gesellschaft

A Different Beat

Ich gebe zu, ich hatte nicht mitbekommen, dass sich Boyzone zu einer Reunion zusammengefunden hatten. East 17: klar, Take That: sowieso, aber Boyzone, die immerhin auf Platz 3 meiner imaginären Liste der okayen Boybands der Neunziger standen: nee, verpasst.

Dabei hat die Band im Oktober mit “Back Again … No Matter What” ihre immerhin sechste Greatest-Hits-Compilation auf den Markt gebracht (zum Vergleich: in den Neunzigern kamen drei reguläre Alben raus). Am 8. Dezember erscheint die Single “Better”, die reichlich öde ist und deshalb beste Chancen hat, Christmas No. 1 in Großbritannien zu werden.

All das wäre nicht der Rede wert, wenn … ja, wenn das Video nicht eine kleine Sensation darstellte: während seine vier Bandkollegen eine Frau zum Ansingen und -schmachten haben, kuschelt Stephen Gately mit einem Mann.

"Better"-Video: Stephen Gately und ein anderer MannGenau genommen ist das nur konsequent, denn Gately war 1999 auch das erste aktive Boyband-Mitglied, das seine Homosexualität öffentlich machte. Aber während t.A.T.u. und Katy Perry mit Lesben-Chic kokettieren und “Bild” ernsthaft (also, so weit man bei “Bild” von Ernst sprechen kann) “Warum ist lesbische Liebe plötzlich so schick?” fragt, waren kuschelnde Jungs und Männer im Mainstream der Popkultur bisher nicht mal eine Ausnahme, sondern schlicht nicht existent.

Es stimmt also durchaus, wenn Caroline Sullivan im “Guardian” schreibt, das Boyzone-Video sei “rather groundbreaking”. Allerdings schränkt sie auch ein, man solle nicht zu viele Nachahmer erwarten:

With less to lose than an ascendant new band, it was easy for Boyzone to do the right thing by Gately. The few other established groups with openly gay members tend to tread lightly around the subject.

Das eigentlich Erstaunliche an dem Video – neben der Frage, warum es zuerst schwule Bürgermeister und Parteivorsitzende gab und dann erst kuschelnde Männer in Musikvideos – ist die fast schon nebensächliche Selbstverständlichkeit, mit der zwischen den vier Mann/Frau-Paarungen diese zwei Männer stehen: kein Schockeffekt, kein “Seht her, zwei Schwule!” wie damals in der “Lindenstraße”. Es ist dieses Plädoyer für Normalität, die dieses durchschnittliche Video für ein langweiliges Lied zu etwas Außergewöhnlichem macht. Im Jahr 2008.

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Musik Digital

mtv.de geht im Whirlpool unter

mtv.de würde ich aus guten Gründen nicht als meine bevorzugte Nachrichtenquelle für den Bereich Musik und Entertainment bezeichnen. Aber manchmal schicken einen Google Alerts eben auf solche Seiten.

Zum Beispiel zu solchen Überschriften:

Britisches Gericht verbietet Babyshambles!

“Holla”, denkt man da natürlich, “sind wir schon wieder so weit?” Dann liest man den dazugehörigen Artikel, wundert sich, liest ihn noch einmal und ist sich anschließend sicher, ihn Schritt für Schritt durchgehen zu müssen.

Fangen wir also an:

Die Babyshambles schaffen einen gefährlichen “Whirlpool-Effekt”. Uhhhh!

Vermeintliche Nachrichtenmeldungen, die mit Ausrufen wie “Uhhhh!”, “Wow!” oder “Aha!” aufwarten, kann man meistens getrost in die Tonne kloppen. Da findet sich jemand witzig und die Chancen stehen gut, dass sich kein weiteres intelligentes Lebewesen im ganzen Universum finden wird, das diese Ansicht teilt.

Pete und Co. wechseln zu schnell den Rhythmus!

Was uns dieser Satz sagen will, erfahren wir vielleicht später noch.

Die Babyshambles sollten eigentlich auf dem britischen “Moonfest” (29. – 31. August) in Wiltshire auftreten. Dies bereitete den Behörden anscheinend solche Sorgen, daß das örtliche Gericht kurzerhand den Auftritt verbot und schließlich das gesamte Festival abgesagt wurde. Mit rechten Dingen ist das Ganze nicht zugegangen. Es gab zwar Ermittlungen, jedoch weder eine ordentliche Gerichtsverhandlung noch wurde ein Bandmitglied oder Veranstalter befragt. Polizei und Gericht scheinen das Verbot unter sich ausgemacht zu haben.

Nun war ich nicht dabei, aber der Umstand, dass im “Guardian” der Veranstalter John Green von einem “Gerichtsverfahren” spricht, in dessen Verhandlungspause man ihm ein “Angebot” unterbreitet habe, könnte natürlich in gewisser Weise doch für Gespräche untereinander sprechen:

Green said police had offered him a deal during a pause in court proceedings to allow the night to go ahead if he agreed to spend more on security and removed Doherty from the lineup but he refused the “offer”.

Aber weiter im Text bei mtv.de:

Zur Info: Pete Doherty besitzt ein Haus in Wiltshire – was der örtlichen Polizei anscheinend gar nicht paßt. John Green, Veranstalter des “Moonfest” sagte laut nme.com hierzu:

“Sie [die Polizei] haben mir persönlich gesagt, daß es hassen, ihn hier wohnen zu sehen.”

Und so sagte er das laut nme.com:

“They [the police] told me privately they hate the fact he lives in Wiltshire and they don’t want him on their patch,” Green told the Guardian

Wir schalten nun um zum Freistil-Schwafeln:

Die absurde Geschichte nimmt allerdings echte Monty Python-Züge an, wenn man den Polizeibericht liest. Die Band schaffe einen “Whirlpool-Effekt” bei ihrem Publikum. Sie senke absichtlich den Rhythmus und zöge dann das Tempo wieder an, was “Gewalt-aufrufend” sei.

Zum Vergleich noch mal das Originalzitat, wiedergegeben von nme.com:

“What he does as part of his routine is to gee up the crowd. They speed up and then slow down the music and create a whirlpool effect in the crowd.

“They [the crowd] all get geed up and then they start fighting.”

Aber wir wollen nicht zu kleinlich sein. Wirklich absurd an der Geschichte ist wohl vor allem, dass die örtliche Polizei einen Geheimdienst-Beamten zu den Babyshambles befragt hat und dabei laut “Guardian” zu folgendem Ergebnis kam:

“Experts are telling us that the profile of fans that follow Pete Doherty and Babyshambles is volatile and they can easily be whipped up into a frenzy, whereas the profile of someone that would follow around Cliff Richard or Bucks Fizz, for example, is completely different.”

Das ist natürlich nur dann witzig, wenn man weiß, wer oder was Cliff Richard oder Bucks Fizz sind. Für Leser und Schreiber von mtv.de also eher nicht. Aber die haben eh einen anderen Humor:

Wow! Adam Ficek, Drummer der Babyshambles, hat’s erkannt:

“Die ganze Sache ist reif für eine Komödie.”

Ja, wow! Und so komödiantisch hat er’s gesagt:

Reacting to the police’s decision, Babyshambles drummer Adam Ficek said he was angry, but said that the band would try to organise an alternative show. “The whole thing is a farce, it’s almost comical,” he told NME.COM

Bleibt nicht viel mehr, als den Schlussabsatz von mtv.de in den Raum zu stellen:

Die Babyshambles versuchen nun, einen Alternativ-Gig zu organisieren. Wir warten’s ab, lachen uns schlapp und hoffen, daß die Queen sich bald einschaltet.

Bitte, liebe Leute von mtv.de: Könntet Ihr vielleicht beim nächsten Mal einfach jemanden schreiben lassen, der sich gerade nicht schlapptlacht, stattdessen mit Quellen und fremdsprachlichen Zitaten umgehen kann, und seine Stilblütenausbildung nicht in irgendeiner Lokalredaktion gemacht hat?

Sie, liebe Leser, lesen stattdessen vielleicht lieber diesen charmanten Kommentar von Tim Jonze im “Guardian”. Der ist wenigstens richtig lustig:

The closest you normally come to a riot here is when the battery on someone’s Nokia N93i camera-phone dies. Bands such as Coldplay and U2 are typical of your average stadium band, making mid-paced, epic music that is impossible to dance to without looking like someone’s “cool dad” (ie, the rest of the crowd).