Stille Gefängnispost

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 17. Juli 2008 17:45

Die folgende Geschichte wird ein bisschen kompliziert. Legen Sie also besser schon mal Papier und Bleistift bereit, wie Sie es beim Betrachten der “Lindenstraße” oder beim Lesen von John-Grisham-Büchern tun, um den Überblick zu behalten.

Josef Fritzl, das darf als gesicherte Information gelten, sitzt zur Zeit in der Justizanstalt St. Pölten in Untersuchungshaft. Der als “Inzest-Monster aus Amstetten” bekannt gewordene Mann wartet dort auf seinen Prozess, der Ende des Jahres beginnen soll.

Der “Daily Mirror”, eine dieser gruseligen britischen Boulevardzeitungen, berichtete am Dienstag, Fritzl habe den Gefängnisarzt um Anti-Falten-Creme gebeten. Noch am selben Tag nahm Bild.de die Geschichte dankbar auf und erfand noch hinzu, Fritzl habe “wohl kein Spiel” der Fußball-EM verpasst.

Inzest-Drama von Amstetten: Josef Fritzl verlangt im Knast nach Anti-Falten-Creme

Fast zeitgleich berichtete “Spiegel Online” über den “Mirror”-Artikel und wartete mit einem überraschenden Twist auf:

Der Gefängnissprecher weiß nichts davon. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE sagte Huber-Günsthofer, er habe nie mit dem “Daily Mirror” gesprochen.

Er könne sich nicht erklären, wie die britische Zeitung dazu komme, ihn zu zitieren.

An diesem Punkt wäre es eine schöne Geschichte fürs BILDblog gewesen: “Bild.de schreibt eine Falschmeldung des ‘Daily Mirror’ ab”.

So einfach aber war es nicht: der “Mirror” war längst nicht das einzige britische Medium, das über die Anti-Falten-Creme berichtet hatte. Neben diversen Boulevardmedien fand sich die Meldung auch beim renommierten “Daily Telegraph” – und die werden ja kaum ungeprüft aus dem “Mirror” abschreiben.

Überhaupt stand ja schon bei “Spiegel Online”:

Mit dieser Aussage konfrontiert, teilt der “Daily Mirror” mit, man habe die Informationen “einer Agenturmeldung” entnommen.

Eine Nachfrage beim “Telegraph” ergab: Die Agentur, die diese Meldung verbreitet hatte, heißt “Central European News” (CEN) und sitzt in Wien. Kein deutscher Journalist hat je von ihr gehört. Dort war man sehr freundlich und kooperativ und teilte mir mit, die Nachricht aus der österreichischen “Kronenzeitung” zu haben.

Und dort stand am 12. Juli 2008:

Kurze Spaziergänge im Hof - Einziger Wunsch: Hautcreme - Häftling Fritzl verpasst keinen Bericht über seine Horrortaten!

“Der einzige Extrawunsch von Josef Fritzl war bisher eine Hautcreme”, so Oberstleutnant Erich Huber-Günsthofer von der Justizanstalt St. Pölten.

Bevor CEN die Meldung an den “Daily Mirror” schickte, habe man extra noch mal bei den Gefängnisverantwortlichen nachgefragt und sich die Zitate bestätigen lassen, so die Agentur. Entsprechend überrascht sei man deshalb auch über den Artikel bei “Spiegel Online” gewesen: zwar stimmt es ja wohl, dass der Gefängnissprecher nicht mit dem “Daily Mirror” gesprochen hat – aber das musste er ja auch nicht, weil es sich ja eigentlich um eine Meldung der “Kronenzeitung” gehandelt hatte. Und mit deren Reporter hat Oberstleutnant Huber-Günsthofer dann schon gesprochen, wie er mir auf Anfrage bestätigte. Die vielzitierte Hautcreme habe er allerdings schon im Gespräch mit der “Kronenzeitung” eher beispielhaft genannt, um auf die Alltäglichkeit von Fritzls Wünschen hinzuweisen.

Die Behauptungen (“Kronenzeitung”, “Daily Mirror”, “Bild”), dass Fritzl vor allem oder ausschließlich Berichte über sich selbst lese oder schaue, bezeichnete Erich Huber-Günsthofer im Übrigen als übertrieben: Die Fernseher in den Zellen verfügten über 22 Programme und da es keine 24-Stunden-Überwachung gebe, wüsste auch die Gefängnisverwaltung nicht, was sich ein Gefangener da genau ansehe. Gleiches gelte für Zeitungen: “Ob er die Witzeseite oder den Sportteil liest, kann ich Ihnen nicht sagen.”

Es bleiben freilich immer noch ein paar Fragen offen:

  • Wieso muss eine Meldung der österreichischen “Kronenzeitung” erst einen Umweg über England nehmen, ehe sie von “Bild” aufgegriffen wird?
  • Warum hat “Spiegel Online” nicht nach der Agenturmeldung gesucht, auf die sich der “Daily Mirror” berufen hat?
  • Wie wurde eigentlich aus der “Hautcreme” (Huber-Günsthofer, “Kronenzeitung”) die “Anti-Falten-Creme” (“Bild”)?

Ach, letzteres lässt sich ganz leicht durch einen kleinen Übersetzungsfehler bei CEN erklären, den der “Daily Mirror” ahnungslos aufgegriffen und Bild.de ebenso ahnungslos zurückübersetzt hat:

Incest monster Josef Fritzl is a frequent visitor to the prison doctor to complain about aches and pains and has asked for a supply of anti aging face cream.

Mehrere Versuche, mit den Verantwortlichen bei “Spiegel Online” Kontakt aufzunehmen, verliefen erfolglos. Unterdessen hat Bild.de den Artikel offline genommen und CEN hat angekündigt, sich wegen falscher Unterstellungen bei einer entsprechenden Stelle (falls es so etwas wie eine “German Press Association” gibt) über “Spiegel Online” beschweren zu wollen.

Mit Dank an die vielen BILDblog-Hinweisgeber!

Nachtrag, 18. Juli: Zur Stellungnahme von “Spiegel Online” bitte hier entlang!

25 Kommentare

  1. Johanna
    17. Juli 2008, 18:00

    Erinnert mich irgendwie an stille Post.

    Übrigens auch interessant, dass Anti-Falten-Creme gleich eine skandalöse Meldung macht, normale Hautcreme dagegen nicht. Allerdings würde das erklären, warum die Meldung den Umweg über England nahm, denn erst hier wurde die Creme zur Anti-Falten-Creme und somit BILDtechnisch interessant.

    Schon viel zu viele Gedanken über diesen Unfug gemacht…

  2. Alberto Green
    17. Juli 2008, 19:03

    Fantastische Arbeit! Aber eine Sache interessiert mich doch: Es ist für dich als Journalisten einfacher, mit einem österreichischen Gefängnisleiter Kontakt aufzunehmen als mit den Kollegen vom Spiegel? Unfaßbar.

  3. buchstaeblich
    17. Juli 2008, 19:47

    Ich habe schon vor geraumer Zeit einen Namen für eine hochansteckende Medienkrankheit erfunden:
    Das Zuckerlikör-Syndrom.
    Erklärungen hier:
    http://buchstaeblich.wordpress.....krankheit/

  4. Philip S.
    17. Juli 2008, 20:01

    Ich finds schön so was zu sehen und damit einen Beweis zu haben, dass man bei Bildblog nicht immer gleich aufschreit sondern vielleicht erstmal versucht zu etwas tiefgehender zu recherchieren…

    Tolle Arbeit. Erklärst mir als nächstes die Lindenstraße?

  5. che
    17. Juli 2008, 21:26

    Gute Recherche. Belegt leider nur zu gut, wie sehr auch der deutschsprachige Journalismus auf wildern in anderer Länder Websites beruht (und vice versa). Cut & Paste war mal ein wichtiges Tool für Grafiker – nun auch für (faule?) Schreiber. Oder liegt’s denn doch daran, dass die Preise für gut recherchierten Journalismus einfach sowas von im Keller sind?

  6. jo
    17. Juli 2008, 22:41

    @che: Was hat das Ressort “Panorama” bei SpOn mit Journalismus zu tun?

  7. Heiner
    17. Juli 2008, 23:12

    Kann es ein, dass CEN, die Kronenzeitung… oder auch Spiegel Online… wer war da noch… ja, vielleicht auch BILD… einfach das Wichtigste vergessen haben? – Nämlich, dass in der Dose mit der Anti-Falten-Creme eine Leiche versteckt war (unter der Creme)! Oder war es ein Außerirdischer? Ich weiß übrigens, was Fritzl gestern im Knast WIRKLICH gelesen hat! – Dass in China wahrscheinlich garantiert ein Sack Reis umgefallen ist…

  8. BloodyFox
    18. Juli 2008, 0:17

    Die Leute von der CEN koennen sich doch an den Presserat wenden. Der bestraft den Spiegel dann ganz bestimmt; und zwar mit der vollen Haerte des Pressekodex’.

  9. Lukas
    18. Juli 2008, 0:28

    Der Presserat greift aber (noch) nur für Printmedien. Dafür müsste man beim “Spiegel” schon so tollkühn sein, die Geschichte jetzt noch zu drucken. Und selbst dann wäre CEN ja eher indirekt betroffen, weil im “Spiegel Online”-Artikel namentlich völlig ungenannt.

  10. Danebod
    18. Juli 2008, 6:46

    Derartige Cremes werden doch teilweise aus Plazentas hergestellt…passt doch irgendwie.

    Dass Bild weiterhin das meistzitierte Blatt Deutschlands ist, sagt einiges über den Zustand großer Teiler der Journaille hier. Kritiklos werden die Erfindungen, Lügen und Verdrehungen des Drecksblattes weiter kolportiert, obwohl jeder weiß, was da los ist.

  11. Johanna
    18. Juli 2008, 7:48

    ach gott, deswegen auch “stille gefängnigpost”. das seh ich ja jetzt erst… ups

  12. SomeoneElse
    18. Juli 2008, 7:50

    [gelöscht]

  13. Steffen-99
    18. Juli 2008, 9:21

    Kein Wunder, das die Menschen verrückt werden. Wenn die Verrückten vor der Druckerpresse Sitzen!

  14. Siepert77
    18. Juli 2008, 11:13

    sehr sehr gut gearbeitet, chapeau. es überrascht mich ehrlich gesagt am meisten, dass bild scheinbar niemanden in wien hat, um das thema selbst weiter zu bearbeiten. spätestens zum prozess muss da doch täglich eine neue “fakten des grauens” lawine ins rollen kommen.

  15. QWERTZwerker
    18. Juli 2008, 12:11

    MannMann … gerade mindestens 5 Minuten meines Lebens beim Querlesen verschwendet. Und jetzt noch mal rund 10 Sekunden beim Schreiben des Kommentars. Und nun schon wieder 5 Sekunden beim Schreiben des Kommentars über meinen Kommentar, der beschreibt, dass ich 10 Sekunden beim Kommentarschreiben verschwendet habe. Zack, 12 Sekunden drauf, für den Kommentar der aufzeigt, wie ich 5 Sekunden beim Schreiben eines Kommentars verbraten habe, um in einem Kommentar zu beschreiben, wie 10 Sekunden beim Kommentarschreiben verschwendet worden sind. Und …

    … das nimmt ja gar kein Ende. Fast schon wie komplexe Zeiterfassungssysteme, die quasi eine eigene Stellung im Gefüge der Zeit einnehmen, um sich selbst zu erhalten.

  16. Lukas
    18. Juli 2008, 12:18

    @Daneblod: In diesem Fall finde ich das Vorgehen von “Spiegel Online” aber bedeutend schlimmer als das von Bild.de.

    Letztere haben “nur” eine Meldung abgeschrieben und ausgeschmückt, “Spiegel Online” hat bei der Recherche über den “Mirror”-Artikel einige grobe journalistische Schnitzer gemacht, wie sie “Bild” sonst gerne macht.

  17. michael
    18. Juli 2008, 13:41

    also wenn ich deinen eintrag hiermal kurz zusammenfasse: das einzige, dass letztlich passiert ist, dass man sich auf einen artikel aus einer anderen zeitung berufen hat anstatt alles selbst nochmal nachzurecherchieren.
    entsprechend verstehe ich deine aufregung und deinen gesamten artikel nicht wirklich, das ist nämlich ebenfalls aufbauschend wie die meldungen die Du anprangerst.

  18. Lukas
    18. Juli 2008, 14:09

    @michael: Falsch.

    Das ganze “Stille Post”-Spiel ist nur ein Aspekt der Geschichte. Dass durch Übersetzung, Rückübersetzung und Ausschmücken ein verzerrtes Bild dessen entsteht, was eigentlich passiert ist (nämlich nichts), halte ich schon für symptomatisch für den heutigen Journalismus. In diesem konkreten Fall ist es aber nicht ganz so tragisch, weil es um nichts wichtiges ging (das kann aber auch ganz anders aussehen).

    Hinzu kommt aber, dass “Spiegel Online” den Kollegen vom “Daily Mirror” unterstellt, Fakten “erfunden” zu haben (“offenbar”). Auch darum geht es – und um die Frage, wie das passieren konnte.

  19. superdani
    18. Juli 2008, 15:34

    Riechen Sie auch an Niggemeiers Fürzen?

  20. ullrik
    18. Juli 2008, 16:49

    superdani – …lesen sie auch PI..?.

  21. martin
    18. Juli 2008, 20:14

    @buchstaeblich:
    ich antworte mal hier zum Zuckerlikör-Syndrom, auf deiner Seite scheint es ohne Anmeldung nicht zu gehen und es passt noch halb zum Thema: es kann schon sein, dass manche (dunkleren) Brote Zuckerlikör beeinhaltet:
    http://www.seilnacht.com/Chemie/ch_sacch.htm
    Demnach ist Zuckerlikör karamellisierter Zucker in wässriger Lösung und ein Lebensmittelfarbstoff.
    Ich hab es schon ein paar Mal erlebt, dass ich mich über einen Begriff oder eine Behauptung nicht mehr einkriegen konnte, und auf dem zweiten Blick hatte ich wohl zu schnell geurteilt – womit wir wieder beim (Boulevard?)journalismus sind.

  22. buchstaeblich
    18. Juli 2008, 21:00

    Ich bin keine Journalistin, ich konsumiere Journalismus.

    Als einfacher Mensch hatte ich natürlich die Stirn, mich mit einer Recherche bei wikipedia zu begnügen, wo das Wort Zuckerlikör nicht bekannt ist, was mich tatsächlich zu der Annahme führte, man habe Zuckercouleur/Zuckerkulör gemeint, zumal dieses Wort auf dunklen Broten in der Herstellungliste gemeinhin auftaucht, was so auch bei wikipedia steht und was mir vor der Teletextlektüre deshalb so bekannt war.

    Wäre ich kein einfacher Mensch, sondern Journalistin, hätte ich sicherlich gründlicher recherchiert, bzw. recherchieren müssen. Und hätte ich dann darüber einen Artikel zu schreiben gehabt, wäre ich wahrscheinlich so gründlich gewesen, beide Wörter – aufgrund ihrer Ähnlichkeit – zu erklären, zumal ich noch nie eine Brotpackung mit der Aufschrift Zuckerlikör gesehen habe – was aber nicht heißen soll, dass es keine gibt.

    Viel schlimmer finde ich trotzdem dass Leute, die sich Journalisten schimpfen, wie die Weltmeister voneinander abschreiben, ohne zu überprüfen, was sie da schreiben.
    Kein Wunder, wenn so arme Nichtjournalistenschweine wie ich auf falsche Fährten gelockt werden, und aufgrund von unvollständiger oder falscher Information Lachen müssen und diese lustige Geschichte dann im Blog weitererzählen.

    Wenn ich Strichliste geführt hätte, wie oft ich schon tatsächliche Fehler in Teletextartikeln (und anderswo) gefunden habe, wäre meine Festplatte dermaßen damit gefüllt, dass es wahrlich kein Wunder ist, dass ich als Nichtjournalistin dies für einen Fehler halten musste, zumal wikipedia auch keinen Zuckerlikör kennt.

    So, nun dürfte hinlänglich bekannt sein, dass ich keine Journalistin bin, sondern etwas anderes, das aber trotzdem bloggt: Huch!

    Trotzdem freue ich mich, erfahren zu haben, dass es Zuckerlikör in der Welt gibt und bedanke mich artig für die Aufklärung durch jemanden, der schlauer ist als ich, und schreibe vielleicht sogar meine Teletextanekdote um, mal sehen.

  23. martin
    19. Juli 2008, 8:56

    Das mit dem schlauer lass ich mal dahingestellt^^. Ich habe nur die Eigenart, mit solchen Wörtern Google zu belästigen (insbesondere, wenn da steht, man brauche nicht zu googlen, das Wort gebe es nicht). Jetzt wollte ich aber u.a. noch mal wissen, was Zuckerkulör ist. Ergebnis: entweder das gleiche (E150, Karamell zum Dunkeln von Lebensmitteln), oder der Zuckerlikör ist wirklich eine Ente. Andererseits sagt mir niemand sonst, wie die wässrige Lösung heißt, vielleicht stimmt es.
    Aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, darüber Bescheid zu wissen, ich hab auch alles erst recherchiert.

    Und dass viele Journalisten genau das nicht können oder wollen, und trotzdem stur am Indikativ festhalten, hat schon länger aufgehört mich aufzuregen. Letztendlich scheint mir die Qualität des Journalismus durch die seine Konsumenten nach oben begrenzt zu sein.

  24. Beowulf
    20. Juli 2008, 0:02

    Also ich halte das mit dem Zuckerlikör für eine Ente. Ein Likör ist traditionell gesehen ein süßer Branntwein… demnach wäre das Wort Zuckerlikör redundant, zumal dieser Zuckerlikör keinen Alkohol enthält.

    Ich habe eine Zeit lang als Bäcker gearbeitet, und in den Broten war stets ZuckerKULÖR, kein Likör.

    Und schaut mal hier:
    http://www.insauna.com/Z-gourmetlexi.htm
    Dort hört sich der Likör von der Definition her wie normaler Kulör an, und der Kulör ist auf einmal die wässrige Lösung.
    Und diese Seite schmeisst alles ab E 150 durcheinander:
    http://www.trigolino.de/home_c.....hemeid=356

    Waren vielleicht Legastheniker am Zuckerlikör schuld?

  25. buchstaeblich
    15. Oktober 2008, 14:03

    Beowulf,

    wenn sich hier am Ende doch noch herausstellen sollte, dass ich eben nicht falsch lag, hast Du eine Maß bei mir gut!