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Fernsehen Digital

Less Than Zero

Die ARD wird beim deut­schen Vor­ent­scheid zum ESC 2026 nicht mit Ste­fan Raab koope­rie­ren. Das hat der Sen­der­ver­bund ges­tern der Deut­schen Pres­se Agen­tur (dpa) bestä­tigt.

„Spie­gel Online“ nahm die­se Mel­dung unter einer Über­schrift auf, die so rät­sel­haft, refe­ren­zi­ell und fremd­spra­chig ist, dass ich für einen Moment dach­te, ich hät­te sie viel­leicht geschrie­ben:

ESC-Vorentscheid ohne Star-Moderator: Next year from public broadcasting, zero points to Stefan Raab

Der Text schließt mit die­sem Absatz:

Der Vorentscheid soll Ende Februar im Ersten ausgestrahlt werden. Der nächste ESC steigt im Mai 2026 in Wien. Wenn alles glattläuft, gibt es nicht so häufig »zéro point pour l'Allemagne«

Der letz­te Satz ist Quatsch.

In den bald 70 Jah­ren des ESC hat es vie­le unter­schied­li­che Voting-Ver­fah­ren gege­ben und das aktu­el­le, das seit 2016 gilt, ist tat­säch­lich ein biss­chen unüber­sicht­lich, des­we­gen erklä­re ich es gern noch ein­mal in Ruhe: Zunächst wird der Rei­he nach in die Teil­neh­mer­län­der (die­ses Jahr: 37) geschal­tet, wo eine soge­nann­te spo­kesper­son die Jury­punk­te aus dem jewei­li­gen Land bekannt gibt — und zwar nament­lich nur für das Land, das zwölf Punk­te erhal­ten hat; der Rest (1–8 und 10 Punk­te) wird ein­ge­blen­det. Danach ver­le­sen die Moderator*innen die akku­mu­lier­ten Publi­kums­punk­te für jedes ein­zel­ne Land — und zwar in der umge­kehr­ten Rei­hen­fol­ge des Jury-Ergeb­nis­ses.

Die­ses Jahr hat­te Island kei­nen ein­zi­gen Jury­punkt bekom­men, war also als ers­tes mit den Publi­kums­punk­ten dran:

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Nun ist es mög­lich, dass ein Land kei­nen ein­zi­gen Publi­kums­punkt bekommt (was nicht bedeu­tet, dass nie­mand für die­ses Land abge­stimmt hat, son­dern dass es nir­gend­wo auch nur ein­mal in die Top 10 des Publi­kums gekom­men ist, denn jedes Land gibt immer nur den belieb­tes­ten zehn Songs/​Acts/​Ländern Punk­te). In die­sem, für alle Betei­lig­ten unschö­nen, Fall müs­sen die Moderator*innen dann so etwas sagen wie: „Coun­try XY, we’­re sor­ry, but you recei­ved zero points!“. Es fol­gen kurz fas­sungs­lo­se Stil­le, dann Buh­ru­fe, dann fre­ne­ti­scher Auf­mun­te­rungs­ap­plaus. (Ich weiß, wovon ich spre­che, ich saß 2021 in der deut­schen Kom­men­ta­to­ren­ka­bi­ne in der Ahoy Are­na von Rot­ter­dam, als vier Län­der in Fol­ge null Punk­te beka­men.)

Für Deutsch­land ist der Fall der öffent­lich ver­kün­de­ten null Publi­kums­punk­te in neun Jah­ren bis­her erst zwei­mal ein­ge­tre­ten: 2019 und 2021.

Dass man „häu­fig »zéro point pour l’Al­le­ma­gne«“ hören könn­te, ist beim aktu­el­len Voting-Ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen, denn des­sen Pro­ze­de­re führt dazu, dass es pro Song Con­test maxi­mal exakt ein Mal vor­kom­men kann, dass ein Land „zero points“ erhält. Übri­gens aus­schließ­lich auf Eng­lisch.

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Gesellschaft Leben

Am Lehrgutautomaten

Nach dem Sieg der deut­schen Mann­schaft im Fina­le der Bas­ket­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft der Her­ren über­kam mich ges­tern Abend – nicht zum ers­ten Mal – die Fra­ge, was zum Hen­ker eigent­lich der Begriff „Unter­pfand“ aus­drü­cken soll, der da in der deut­schen Natio­nal­hym­ne so herr­lich sper­rig her­um­steht.

Die­ses Mal hab ich ein­fach gegoo­gelt und die meis­ten pro­mi­nent plat­zier­ten Such­ergeb­nis­se bezo­gen sich expli­zit auf die Fra­ge, was die­ses Wort in der Hym­ne aus­drü­cken soll.

Die Inter­net­sei­te der Gesell­schaft für deut­sche Spra­che erschien mir eine ange­mes­sen seriö­se Quel­le zu sein. Aller­dings ließ mein Ver­trau­en in den Erklär­text ins­ge­samt deut­lich nach, als ich das hier las:

Gerade im Kontext eines internationalen Turniers wie einer Fußballmeisterschaft oder einer Olympiade ist der Ausdruck interessant, da er mit ähnlicher Bedeutung in zahlreichen anderen Sprachen existiert:

Eine „Olym­pia­de“ ist der Zeit­raum zwi­schen zwei Olym­pi­schen Spie­len. Ich weiß das seit der sechs­ten Klas­se, als es mir Herr Lehr­feld in einer Ver­tre­tungs­stun­de erklärt hat, aber ich wür­de sagen, dass man es nicht zwin­gend wis­sen muss, wenn man nicht gera­de als Sportreporter*in arbei­tet — oder halt für die Gesell­schaft für deut­sche Spra­che.

Die Gesell­schaft für deut­sche Spra­che hät­te es aller­dings auch leicht nach­le­sen kön­nen. Zum Bei­spiel auf ihrer eige­nen Web­site.

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Musik Digital

mtv.de geht im Whirlpool unter

mtv.de wür­de ich aus guten Grün­den nicht als mei­ne bevor­zug­te Nach­rich­ten­quel­le für den Bereich Musik und Enter­tain­ment bezeich­nen. Aber manch­mal schi­cken einen Goog­le Alerts eben auf sol­che Sei­ten.

Zum Bei­spiel zu sol­chen Über­schrif­ten:

Britisches Gericht verbietet Babyshambles!

„Hol­la“, denkt man da natür­lich, „sind wir schon wie­der so weit?“ Dann liest man den dazu­ge­hö­ri­gen Arti­kel, wun­dert sich, liest ihn noch ein­mal und ist sich anschlie­ßend sicher, ihn Schritt für Schritt durch­ge­hen zu müs­sen.

Fan­gen wir also an:

Die Babysham­bles schaf­fen einen gefähr­li­chen „Whirl­pool-Effekt“. Uhhhh!

Ver­meint­li­che Nach­rich­ten­mel­dun­gen, die mit Aus­ru­fen wie „Uhhhh!“, „Wow!“ oder „Aha!“ auf­war­ten, kann man meis­tens getrost in die Ton­ne klop­pen. Da fin­det sich jemand wit­zig und die Chan­cen ste­hen gut, dass sich kein wei­te­res intel­li­gen­tes Lebe­we­sen im gan­zen Uni­ver­sum fin­den wird, das die­se Ansicht teilt.

Pete und Co. wech­seln zu schnell den Rhyth­mus!

Was uns die­ser Satz sagen will, erfah­ren wir viel­leicht spä­ter noch.

Die Babysham­bles soll­ten eigent­lich auf dem bri­ti­schen „Moon­fest“ (29. – 31. August) in Wiltshire auf­tre­ten. Dies berei­te­te den Behör­den anschei­nend sol­che Sor­gen, daß das ört­li­che Gericht kur­zer­hand den Auf­tritt ver­bot und schließ­lich das gesam­te Fes­ti­val abge­sagt wur­de. Mit rech­ten Din­gen ist das Gan­ze nicht zuge­gan­gen. Es gab zwar Ermitt­lun­gen, jedoch weder eine ordent­li­che Gerichts­ver­hand­lung noch wur­de ein Band­mit­glied oder Ver­an­stal­ter befragt. Poli­zei und Gericht schei­nen das Ver­bot unter sich aus­ge­macht zu haben.

Nun war ich nicht dabei, aber der Umstand, dass im „Guar­di­an“ der Ver­an­stal­ter John Green von einem „Gerichts­ver­fah­ren“ spricht, in des­sen Ver­hand­lungs­pau­se man ihm ein „Ange­bot“ unter­brei­tet habe, könn­te natür­lich in gewis­ser Wei­se doch für Gesprä­che unter­ein­an­der spre­chen:

Green said poli­ce had offe­red him a deal during a pau­se in court pro­cee­dings to allow the night to go ahead if he agreed to spend more on secu­ri­ty and remo­ved Doh­erty from the lin­e­up but he refu­sed the „offer“.

Aber wei­ter im Text bei mtv.de:

Zur Info: Pete Doh­erty besitzt ein Haus in Wiltshire – was der ört­li­chen Poli­zei anschei­nend gar nicht paßt. John Green, Ver­an­stal­ter des „Moon­fest“ sag­te laut nme.com hier­zu:

„Sie [die Poli­zei] haben mir per­sön­lich gesagt, daß es has­sen, ihn hier woh­nen zu sehen.“

Und so sag­te er das laut nme.com:

„They [the poli­ce] told me pri­va­te­ly they hate the fact he lives in Wiltshire and they don’t want him on their patch,“ Green told the Guar­di­an

Wir schal­ten nun um zum Frei­stil-Schwa­feln:

Die absur­de Geschich­te nimmt aller­dings ech­te Mon­ty Python-Züge an, wenn man den Poli­zei­be­richt liest. Die Band schaf­fe einen „Whirl­pool-Effekt“ bei ihrem Publi­kum. Sie sen­ke absicht­lich den Rhyth­mus und zöge dann das Tem­po wie­der an, was „Gewalt-auf­ru­fend“ sei.

Zum Ver­gleich noch mal das Ori­gi­nal­zi­tat, wie­der­ge­ge­ben von nme.com:

„What he does as part of his rou­ti­ne is to gee up the crowd. They speed up and then slow down the music and crea­te a whirl­pool effect in the crowd.

„They [the crowd] all get geed up and then they start fight­ing.“

Aber wir wol­len nicht zu klein­lich sein. Wirk­lich absurd an der Geschich­te ist wohl vor allem, dass die ört­li­che Poli­zei einen Geheim­dienst-Beam­ten zu den Babysham­bles befragt hat und dabei laut „Guar­di­an“ zu fol­gen­dem Ergeb­nis kam:

„Experts are tel­ling us that the pro­fi­le of fans that fol­low Pete Doh­erty and Babysham­bles is vola­ti­le and they can easi­ly be whip­ped up into a fren­zy, whe­re­as the pro­fi­le of someone that would fol­low around Cliff Richard or Bucks Fizz, for exam­p­le, is com­ple­te­ly dif­fe­rent.“

Das ist natür­lich nur dann wit­zig, wenn man weiß, wer oder was Cliff Richard oder Bucks Fizz sind. Für Leser und Schrei­ber von mtv.de also eher nicht. Aber die haben eh einen ande­ren Humor:

Wow! Adam Ficek, Drum­mer der Babysham­bles, hat’s erkannt:

„Die gan­ze Sache ist reif für eine Komö­die.“

Ja, wow! Und so komö­di­an­tisch hat er’s gesagt:

Reac­ting to the police’s decis­i­on, Babysham­bles drum­mer Adam Ficek said he was angry, but said that the band would try to orga­ni­se an alter­na­ti­ve show. „The who­le thing is a far­ce, it’s almost comic­al,“ he told NME.COM

Bleibt nicht viel mehr, als den Schluss­ab­satz von mtv.de in den Raum zu stel­len:

Die Babysham­bles ver­su­chen nun, einen Alter­na­tiv-Gig zu orga­ni­sie­ren. Wir warten’s ab, lachen uns schlapp und hof­fen, daß die Queen sich bald ein­schal­tet.

Bit­te, lie­be Leu­te von mtv.de: Könn­tet Ihr viel­leicht beim nächs­ten Mal ein­fach jeman­den schrei­ben las­sen, der sich gera­de nicht schlappt­lacht, statt­des­sen mit Quel­len und fremd­sprach­li­chen Zita­ten umge­hen kann, und sei­ne Stil­blü­ten­aus­bil­dung nicht in irgend­ei­ner Lokal­re­dak­ti­on gemacht hat?

Sie, lie­be Leser, lesen statt­des­sen viel­leicht lie­ber die­sen char­man­ten Kom­men­tar von Tim Jon­ze im „Guar­di­an“. Der ist wenigs­tens rich­tig lus­tig:

The clo­sest you nor­mal­ly come to a riot here is when the bat­tery on someone’s Nokia N93i came­ra-pho­ne dies. Bands such as Cold­play and U2 are typi­cal of your avera­ge sta­di­um band, making mid-paced, epic music that is impos­si­ble to dance to wit­hout loo­king like someone’s „cool dad“ (ie, the rest of the crowd).

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Digital Radio Rundfunk

Irgendwann nach Erfindung des Buchdrucks

Mal ehr­lich: Wie groß wäre Ihr Ver­trau­en in die jour­na­lis­ti­sche Qua­li­tät einer Radio­sen­dung, in deren Pres­se­mit­tei­lung fol­gen­der Satz steht?

In nur 15 Jah­ren ist das Inter­net für vie­le unent­behr­lich gewor­den.

(Zur Erin­ne­rung: Das World Wide Web wur­de Ende April 15 Jah­re alt, das Inter­net exis­tiert nach all­ge­mein übli­cher Zähl­wei­se seit 1969. Das hät­te man so unge­fähr auch im WDR-eige­nen Kin­der­le­xi­kon „neun­ein­halb“ nach­le­sen kön­nen.)

Falls Sie nach der Lek­tü­re des kom­plet­ten Ankün­di­gungs­tex­tes doch noch Hoff­nung auf eine sach­li­che Dis­kus­si­on haben: die Sen­dung „Hal­lo Ü‑Wagen“ läuft am Sams­tag, 31. Mai 2008 um 11:05 Uhr live auf WDR 5, dem Sen­der der ges­tern schon so stim­mungs­voll über das Inter­net berich­tet hat.