Die zwei Bedeutungen von „Erinnerung“

Von Lukas Heinser, 21. April 2009 16:46

Wenn man sich tagein, tagaus mit den kleinen und großen Fehlern von Medien beschäftigt, sieht man irgendwann überall Merkwürdigkeiten. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich nur übersensibilisiert bin, oder ob der folgende Absatz tatsächlich ein bisschen gaga ist:

Carla June Hochhalter, 48, nahm sich am 22. Oktober 1999 das Leben. Das Datum ihres Selbstmords war kein Zufall. Fast genau sechs Monate zuvor war ihre Tochter Anne Marie bei dem Massaker in der Columbine High School so schwer verletzt worden, dass sie seither an den Rollstuhl gefesselt war.

„kein Zufall“ und „fast genau“ in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen?!

Das Gute ist: Wir müssen uns gar nicht mit diesen zwei Sätzen aufhalten, wenn es um den Artikel geht, den Marc Pitzke für „einestages“ geschrieben hat, das Zeitgeschichtsportal von „Spiegel Online“. Es gibt viel spannendere Fragen.

Der zehnte Jahrestag von Columbine, wie die Tragödie hier nur heißt, dürfte viele der alten Wunden neu aufreißen.

schreibt Pitzke. Und wer sich das nicht vorstellen kann, wie sich das Aufreißen alter Wunden ungefähr vorstellt, der kann zwei Absätze in diesem Absatz auf einen Link klicken:

News-Moderatoren waren sprachlos angesichts der Szenen des Grauens, wie etwa die Bilder von Patrick Ireland, 17, der sich, blutüberströmt, in den Kopf getroffen und halb gelähmt, aus dem zerschossenen Fenster der Cafeteria im ersten Obergeschoss in die Arme des Sondereinsatzkommandos der Polizei stürzte. „Ein Alptraum“, erinnerte sich Pauline Rivera vom lokalen TV-Sender KMGH später. Sie nannte es den Tag, „als die Unschuld starb“.

Der Link führt zu einem Video, in dem sich Patrick Ireland, 17, blutüberströmt, in den Kopf getroffen und halb gelähmt, aus dem zerschossenen Fenster der Cafeteria im ersten Obergeschoss in die Arme des Sondereinsatzkommandos der Polizei stürzt. Und wenn der Link mit den Worten „bloody as hell“ anmoderiert worden wäre, sie hätten nicht zu viel versprochen.

Ein paar Absätze später kann man sich anhören, wie das klingt, wenn am anderen Ende einer Telefonleitung Menschen hingerichtet werden:

Allein [in der Bibliothek] kamen zehn Schüler um, zwölf wurden verletzt. Dieses Morde wurden live über Telefon mitangehört: Lehrerin Patti Nielson hatte den Notruf gewählt, die Telefonistin hielt sie die ganze Zeit in der Leitung.

Ich habe den Autor Marc Pitzke vor zwei Tagen per E-Mail gefragt, ob es seine Idee war, die verstörenden Dokumente zu verlinken, und ihn gefragt, ob solche Bild- und Tondokumente nicht eventuell dazu beitragen könnten, alte Wunden neu aufzureißen. Bisher habe ich keine Antwort erhalten.

Aber wie schon im letzten Jahr, als der 20. Jahrestag des Gladbecker Geiseldramas anstand, frage ich mich, ob die Presse auf alle historischen Quellen zurückgreifen sollte, die ihr zur Verfügung stehen. Klar: Wir haben alle ein paar Dutzend Mal gesehen, wie „Hindenburg“ und „Challenger“ explodierten, wie John F. Kennedy in den Kopf geschossen wurde und die Bilder von den Flugzeugen, die ins World Trade Center krachen, sind weltweit öfter über die Bildschirme geflimmert als die Videos zu „Thriller“, „Smells Like Teen Spirit“ und „Baby One More Time“ zusammen. (Die Bilder allerdings, auf denen die verzweifelten Menschen aus den brennenden Türmen in den sicheren Tod springen, sind für amerikanische Medien weitgehend tabu.) Aber helfen mir diese Bilder als Zuschauer weiter?

Ich weiß die Antwort auf diese Fragen wirklich nicht. Ich hatte die Idee, dass es vielleicht einen Unterschied macht, wie viele Opfer es gab und in welcher Form die Täter aufgetreten sind. Aber nach längerem Nachdenken war mir auch nicht mehr klar, warum es da Unterschiede geben sollte. Dann fielen mir wieder die Begriffe „Aufklärung“ und „Nachahmung“ ein: Während uns die Bilder aus den frisch befreiten Konzentrationslagern daran erinnern sollen, dass so etwas nie wieder passieren darf, und die Chancen eher gering sind, dass morgen ein durchgeknallter Schüler anfängt, seine eigenen Gaskammern zu mauern, sieht es bei school shootings, die in der Regel von Einzeltätern begangen werden, genau andersherum aus: Wir können fast nichts dagegen unternehmen, dass sie sich nicht wiederholen (außer die Waffengesetze zu verschärfen, uns mehr um gesellschaftliche Außenseiter zu kümmern und unsere Schulen zu sozialeren Orten machen), aber jede Wiederholung der Bilder kann als Inspiration für Nachahmer dienen.

Pitzkes Text ist wirklich nicht schlecht, er beschreibt in einzelnen Momentaufnahmen, wie die Opfer und ihre Angehörigen mit den Folgen des Amoklaufs in Littleton umgingen und wie dieser die ganze Gemeinschaft belastete, sowie die Hilflosigkeit bei der Suche nach einem Tatmotiv. Und dennoch werden den Lesern auch die Namen der Täter wieder ins Gedächtnis gerufen — für den Fall, dass sie diese vergessen haben sollten. Am 26. April wird man wieder den Namen des Erfurter Amokläufers lesen können und nächstes, übernächstes Jahr am 11. März den des Massenmörders aus Winnenden. Und das wirft für mich die Frage auf: Kann man sich auch an die Opfer eines Verbrechens erinnern, ohne an das grausame Verbrechen selbst und – vor allem – an die Täter zu erinnern?

Der „Spiegel“ selbst hat mit seinem Titelbild, das den Amokläufer zeigt, dazu beigetragen, ein morbides Denkmal zu errichten. So entsteht jene posthume, mediale Unsterblichkeit, die für junge Menschen, die das Gefühl haben, sie hätten eh nichts mehr zu verlieren, ein Anreiz sein kann, den extremen letzten Schritt zu gehen.

Nun kommt natürlich gleich die Frage auf, ob es irgendetwas ändert, die Namen der Täter zu verschweigen. Der Psychologe und Kriminologe Park Dietz findet, man solle sie nicht ins Zentrum der Berichterstattung stellen, und ich würde mir wünschen, die Medien würden auf ihn hören. Denn ändert es etwas, ob wir den Namen des Täters, sein Gesicht und sein Lieblingsessen kennen? Gewiss: Es mag für die Bewertung der Tat einen gewissen Unterschied machen, ob es sich um einen gemobbten Außenseiter oder um einen sozial integrierten psychisch Kranken gehandelt hat. Andererseits: Er ist in der Regel tot, seine Opfer sowieso, und zur Früherkennung von Amokläufern haben die diversen Erkenntnisse, die wir in den letzten zehn Jahren über ihre Privatleben erlangt haben, auch nicht beigetragen.

Zuletzt sehe ich einen guten Grund, zumindest den Nachnamen von Tätern zu verschweigen: die Angehörigen. Ich habe gerade „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ von Christoph Hein gelesen, ein sehr empfehlenswertes Buch über ein Elternpaar, deren Sohn als Terrorverdächtiger gilt und bei der versuchten Verhaftung erschossen wird. Neben dem Schmerz über den Tod des Kindes kommt die öffentliche Aufmerksamkeit hinzu, die Last, die plötzlich auf dem Nachnamen liegt.

Als Timothy McVeigh hingerichtet wurde, der beim Bombenanschlag von Oklahoma City 168 Menschen getötet hatte, veröffentlichte die „Chicago Tribune“ eine Liste mit den Namen aller Opfer und erzählte ein bisschen was über sie. Chuck Klosterman schrieb dazu, dass man außerhalb des eigenen Freundeskreises jeden Menschen mit einem Satz zusammenfassen könne, und dass dieser Umstand Menschen dazu motiviere, Kinder zu kriegen, weil man dann wenigstens greifbare Spuren hinterlassen habe. Das gehe aber nicht immer gut:

Which is why the most depressing thing about the Oklahoma City bombings is that there’s now an innocent woman whose one-sentence newspaper bio will forever be, „She was Timothy McVeigh’s mother.“

12 Kommentare

  1. Julia
    21. April 2009, 17:37

    Die Merkwürdigkeit im ersten Zitat sehe ich nicht wirklich, aber den restlichen Gedanken kann ich voll und ganz zustimmen. Sehr guter Text, wirklich!

  2. Dr. Borstel
    21. April 2009, 18:24

    Die Merkwürdigkeit liegt darin, dass, läge hier tatsächlich kein Zufall vor, besagte Frau den richtigen Tag wohl besser als nur „fast gena“ getroffen hätte, so makaber sich das auch anhören mag.

  3. Julia
    21. April 2009, 21:16

    Wobei halt ein Zusammenhang zwischen einem Suizid und dem erwähnten Schicksalsschlag jetzt auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist und ich es durchaus legitim finde, einen Zufall auszuschließen. Anders gesagt: Mir, als Durchschnitts-Medienkonsumenten, wäre dieser Absatz keiner Kritik würdig gewesen.

  4. Philip S.
    22. April 2009, 0:23

    Mmh ich finde solche Unglücksjahrestage ohnehin komisch. Einem wird ein Gefühl von Trauer suggeriert, man wird ermutigt zurückzudenken an die schrecklichen Ereignisse, anstatt diesen speziellen Tag als etwas neues anzusehen an dem gutes wie schlechtes wie gemischtes passieren kann.

    Sicher darf man die Vergangenheit nicht verdrängen, aber es muss nicht Jahr für Jahr aufs neue in den Medien zelebriert werden. Die wirklich von Amoklaufen betroffenden denken ohnehin genug an diesen einen Tag.

  5. Jan Kohnert
    22. April 2009, 1:45

    Ich glaube, du verbringst zuviel Zeit mit Stefan. Der Artikel hätte auch bei ihm stehen können. Sehr gut beobachtet. Danke.

  6. Oliver Ding
    22. April 2009, 8:50

    Der Artikel suggeriert, es hätte irgendeinen bestimmten Abstand gegeben. Das ist Hirnriss. Es hat einen Schicksalsschlag gegeben und in dessen Folge irgendwann recht zeitnah eine Handlung. Da von Zufall oder dessen Abwesenheit zu salbadern, ist einfach nur sinnfreies Geschmiere.

  7. Lutz
    22. April 2009, 11:09

    Einige Monate nach dem Amoklauf von Erfurt hat der Spiegel eine Titelgeschichte gebracht, in der der Ablauf und das weitere Leben aller beteiligten geschildert wurde. Es war eine wirklich tolle Reportage, die nur einen Schönheitsfehler hatte: Sowohl das Titelbild als auch die Überschrift des Artikels handelten einzig von Robert Steinhäuser, obwohl der Artikel selbst mehrere Perspektiven zeigte. Als die Ausgabe nach dem Amoklauf von Winnenden erschien und das Titelbild hier den Täter zeigte, fühlte ich mich an die damalige Geschichte erinnert. Aber nach den ganzen medialen Perversitäten um den Amoklauf herum hatte ich keine Lust mehr, dieses Heft zu kaufen.

    Ich finde Bilddokumente wichtig. Auch wenn diese Schreckensjubiläen eine dämliche Masche sind, ist das erinnern mit Bildern meiner Meinung nach unerlässlich, weil es uns davon abhält, solche Geschichten zu Anekdoten werden zu lassen.

    Die Bilder der aus den Fenstern stürzenden Menschen werden auch in Deutschland nur selten gezeigt. Man sieht immer nur Bilder von den Gebäuden. Wie sie getroffen werden, wie sie brennen, wie sie einstürzen. Die wirkliche menschliche Tragödie dahinter wird ausgeblendet. Wenn man sich unter rebellischen Jugendlichen oder anderen „Unangepassten“ umhört, bekommt man immer wieder einmal zu hören, dass das, was dort geschehen sei, ja halb so wild ist. Da sind ein paar Gebäude eingestürzt mit ein paar Menschen drin, na und? Dabei wären es gerade diese Bilder, die verzweifelten Menschen an den Fenstern, an den Stellen, an denen der eine Turm aufgebrochen war, und auch die Menschen, die aus dem Gebäude stürzen, die uns das ganze menschliche Leid dahinter wirklich näher bringen. Als ich vorhin dem Link zur Esquire Geschichte folgte, war es das erste Mal seit Jahren, dass ich wieder an diesen Aspekt des Anschlags dachte und ein Bild davon sah. Es sind diese Bilder, zusammen mit den Szenen aus dem Dokumentarfilm, in denen man die dumpfen Geräusche hört, als die Körper auf dem Boden einschlagen, die das wirkliche Grauen erzeugen.

    Aber bei diesen BIldern gibt es eben einen Unterschied zu der Berichterstattung zu anderen Amokläufern etc. Sie fokussieren auf die Opfer, nicht die Täter. Und darum sind sie wichtig.

  8. Wolfgang
    22. April 2009, 13:10

    Der Titel von Christoph Heins Buch lautet korrekt: „In seiner frühen Kindheit ein Garten“

  9. Lukas
    22. April 2009, 13:20

    @Wolfgang: Natürlich, ganz peinlicher Abschreibefehler.

    Vielen Dank, ich hab’s korrigiert.

  10. Anke
    24. April 2009, 19:15

    Guter Text, gerade auch, weil keine Patentlösung oder „einzige Wahrheit“ angeboten wird.

    Trotzdem habe ich mich gefragt, was der Link zum Esquirer soll. Wieso wird darüber sinniert, ob das denn so sinnvoll ist, diese Szenen immer wieder zu zeigen, um dann eine zu zeigen? Das Bild ist als Foto sicher brillant und ein verblüffendes Zeitzeugnis. Aber dennoch zeigt es einen Menschen, der verzweifelt in den Tod springt und dabei so deutlich zu sehen ist, dass er von seinen Angehörigen vermutlich identifiziert werden kann. Muss das sein? Ich finde nicht.

    Auf jeden Fall finde ich es unnötig, gezielt dorthin zu verlinken, bevor du als Autor des Textes zumindest für dich selbst zu dem Ergebnis kommst: Ja, muss man zeigen, aus den und den und den Gründen.

    Diese Gründe würde ich dann auch aufmerksam lesen…

  11. Lukas
    24. April 2009, 19:43

    Den Esquire-Text habe ich verlinkt, weil ich ihn für brillant halte und er die Frage verhandelt, ob es uns eigentlich was bringt, wenn wir wissen, wer auf diesem berühmten Bild zu sehen ist.

    Ich gebe aber zu, dass man ihn gerade im Kontext dieses Artikels vielleicht etwas besser hätte anmoderieren können.

  12. Coffee And TV: » Understanding In A Car Crash
    30. April 2009, 16:13

    […] Medien ging. Gerade letzte Woche hatte ich mich und mögliche mitlesende Journalisten mal wieder gefragt (da dürften Sie jetzt drauf klicken, das ist nur ein Coffee-And-TV-Artikel), ob man eigentlich […]