What Difference Does It Make?

Von Lukas Heinser, 30. April 2009 13:20

Ich zeig Euch Individualität!

Als ich 16 Jahre alt war, stand ich vor einem moralischen Dilemma: WDR 2 hatte angekündigt, ein Konzert meiner Lieblingsband Ben Folds Five auszustrahlen. Einerseits freute ich mich darüber, die Band mal „live“ zu hören,1 andererseits dachte ich, damit sei die Band endgültig im Mainstream angekommen.2 Ich las „Soloalbum“ und „Tristesse Royale“, die voller Arroganz und Distiktionswut waren, und freute mich, als der deutsche „Rolling Stone“ die „Drawn From Memory“ von Embrace schlecht bewertete, weil ich dachte, dann würden weniger Leute diese CD hören. Das alles ist lange her und mein damaliges Verhalten bezeichnet man analog zur damaligen Lebensphase als pubertär.

Heute freue ich mich, wenn Bands, die ich schätze, in die Charts einsteigen, weil das die Chance erhöht, dass die Musiker von ihrer Musik auch leben können. Natürlich ist es schade, Bands wie Coldplay oder die Killers nicht mehr in kleinen Clubs sehen zu können,3 aber es kommen ja fast täglich neue Bands für die Clubs dazu und unter einem kulturellen Aspekt ist es doch allemal besser, wenn die Friseurinnen und Kindergärtnerinnen, die man bei Coldplay-Konzerten argwöhnisch mustert, eben solche Musik hören und nicht Silbermond.

Natürlich gibt es auch heute noch Menschen, die Bands automatisch scheiße finden, wenn sie mehr als 300 Hörer haben,4 aber die nennt man dann eben „Indienazis“ und sie müssen zur Strafe Texte von Jan Wigger, Diedrich Diederichsen und Plattentests online lesen.

Das alles kam mir in den Sinn, als ich durch Zufall einen Eintrag im Blog von Stefan Winterbauer auf meedia.de las:

Problem: Das iPhone ist gewöhnlich geworden.

Mittlerweile ist das Gerät derart weit verbreitet (selbst unter Studenten!), dass es beim besten Willen nicht mehr als Statussymbol herhalten kann. Manchmal muss man sich geradezu schämen. Zum Beispiel, wenn ein Vertriebs-Ochse in Kurzarm-Hemd und schriller Krawatte im Zug ein iPhone zückt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst der Text gemeint ist,5 glaube aber, dass sich im Zweifelsfall genug Menschen fänden, die Winterbauer auch dann zustimmen würden, wenn er das eigentlich irgendwie augenzwinkernd gemeint hätte.

Jetzt denkt jeder Schlipsträger aus Vertrieb und Mittel-Management, ein bisschen was von Glanz und Sexyness des iPhone abhaben zu können. No way. Das Gegenteil ist der Fall. Dadurch, dass diese Schnauzbartträger, Kurzarmhemden und blonde Damen auf hohen Hocken jetzt alle ein iPhone haben, machen sie den Mythos kaputt.

Winterbauer sitzt da zunächst einmal einem weit verbreiteten Missverständnis auf: Unterwegs zu telefonieren – oder breiter gefasst: zu kommunizieren – hat nichts mit Glamour und Sexyness zu tun, sondern mit Abhängigkeit oder mangelnder Organisation. Wer noch auf dem Nachhauseweg in der S-Bahn mit dienstlichen Problemen behelligt wird, wäre selbst dann noch ein armes Schwein, wenn er mit einem Platinbarren telefonierte, und wer aus dem Zug seine Ankunftszeit mitteilt, war in den meisten Fällen nur zu faul, sich vorher eine Verbindung herauszusuchen und dann rechtzeitig am Bahnhof zu sein.6

Als in der letzten Woche das Mobilfunknetz von T-Mobile zusammenbrach war ich aufrichtig überrascht über die Auswirkungen, die das auf das Leben vieler Menschen zu haben schien. Mein ME 45 mit Prepaid-Karte dient mir in erster Linie als Uhr und Wecker, mit dem ich hin und wieder SMSen schreiben kann. Und als ich feststellte, dass ich nach wie vor über T-Mobile telefonieren konnte, musste ich 20 Minuten überlegen, wen ich eigentlich anrufen könnte, um ihm diese (völlig irrelevante) Sensation mitzuteilen.

Das heißt nicht, dass ich das iPhone an sich schlecht fände — ich bin ja auch von meinem iPod touch ziemlich begeistert. Aber den mag ich, weil es ein gut durchdachtes und funktionierendes technisches Gerät ist, nicht wegen des angebissenen Apfels auf der Rückseite.7 Auch mein MacBook nutze ich, weil ich Apples Betriebssystem gelungener finde als Windows, weil der Akku länger hält und auch – das gebe ich gerne zu – weil das Gerät einfach besser aussieht als so ziemliche jeder andere Laptop — aber doch nicht aus Prestigegründen.

Wer glaubt, sich über sein Mobiltelefon profilieren und von anderen abgrenzen zu müssen, hat möglicherweise zu wenig Geld für den Porsche, der von den zu kleinen Genitalien ablenken soll. Es ist mir ein Rätsel, warum ausgerechnet ein Kommunikationswerkzeug Ausdruck von Individualität sein sollte.8 Wer anders sein will, muss sich schon ein bisschen mehr Mühe geben — zum Beispiel indem er die bei H&M gekauften Motiv-T-Shirts erst mal ein Jahr in den Schrank packt, ehe er sie trägt. Sogar die Punks sahen irgendwann alle gleich aus mit ihren Irokesenschnitten und Sicherheitsnadeln.

Und wer Menschen bewundert, nur weil sie ein teures Spielzeug mit sich führen, ist möglicherweise noch oberflächlicher als der Technik-Besitzer selbst, der einen gerade für Schnauzbart und Kurzarmhemd verachtet.

  1. Ja, liebe Kinder, damals hatten wir noch kein YouTube und Live-Mitschnitte von Konzerten waren seltene Sammlerstücke. []
  2. Ich saß damals der selben Fehlinterpretation des Begriffs „Mainstream“ auf, die heute im Bezug auf die Verbreitung von twitter die Runde macht. []
  3. Als ob ich das je hätte. []
  4. Wer sich eine Band durch äußere Umstände verleiden lässt, hat sie meines Erachtens nie wirklich gemocht. []
  5. Mein Ironie-Detektor ist gerade zur Jahres-Inspektion. []
  6. Ich weiß, wovon ich spreche. []
  7. Die Rückseite ist übrigens sowieso ein Desaster. Der Idiot, der auf die Idee gekommen ist, einen Gebrauchsgegenstand zur Hälfte mit einer hochglänzenden Metallic-Oberfläche zu versehen, sollte eigentlich öffentlich ausgepeitscht werden, bis er genauso viele Striemen auf dem Hintern hat wie mein iPod Kratzer. []
  8. Wobei ein iPhone ja in der Regel sehr individuell ist: Man kann einen Sinnspruch eingravieren lassen und Programme und Musik nach eigenem Wunsch darauf überspielen. []

20 Kommentare

  1. Alberto Green
    30. April 2009, 13:53

    Ich würde mir diesen Text gerne auf die Brust tätowieren lassen, so toll find ich den. – Problem: Tattoos sind sooooo Mainstream!

  2. Philip S.
    30. April 2009, 14:20

    Ach du siehst das zu hart. Ich finde so etwas gehört nur zu dem Streben des Menschen einzigartig zu sein und nicht in der grauen Masse zu verschwinden. Ein bisschen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, in irgendeiner Hinsicht etwas besonderes zu sein oder sich so zu fühlen, Teil einer besseren, schöneren Apple-Welt zu werden. Dafür wirbt Apple ja auch ständig, man schaue sich einfach die Mac vs. PC Spots an.
    Klar ist das kein Zeichen von Charakterstärke wenn man ein Iphone braucht um hervorzustechen, aber ich kanns verstehen und ich gönn es anderen die teilweise sehr lange für ein solches Spielzeug sparen. Es ist halt der kurzzeitige Stolz andern voraus zu sein, was für mich durchaus okay ist solang das nicht zu lang anhält.

    Lass andere doch ruhig Frust schieben wenn etwas „durchschnitt“ wird, das ist zwar arrogant, aber das ist wohl jeder mal.

  3. Sebastian S.
    30. April 2009, 14:21

    Das mit dem Tätowieren ist nicht schlecht, aber wohin mit den vielen, vielen, viel zu vielen Fußnoten?

    Ach, und nichts gegen Kindergärtnerinnen.

  4. gses
    30. April 2009, 14:40

    In puncto „Bands“ muss ich dir zustimmen. Mit System of a down und Billy Talent gab es zwei Beispiele die ich während ihres Debütalbums entdeckt habe und so gut wie keiner kannte sie – ein paar Monate waren beide plötzlich Stars und jeder Kiddie hatte ein T-Shirt. Im Falle dieser Beiden ist leider durch den Mainstreameinfluss später schlechtere Musik herausgekommen – eben abgestimmt auf das neue Massenpublikum. Das ist wahre Problem daran: Nicht dass plötzlich mehr „deine“ Band hören (wenn überhaupt: Die Falschen!) sondern sich ihre Kunst aufgrund der neuen finanziellen Möglichkeiten dementsprechend negativ verändert. Da kann man dann schon ein bißchen traurig sein und sich fragen: Warum mussten die so bekannt werden?

  5. Alberto Green
    30. April 2009, 14:40

    Weshalb heißt es wohl Fußnote?

  6. Bernie
    30. April 2009, 14:54

    Nichts gegen popkulturelle Distinktion. Andererseits waren damals, 1991, die Leute am schlimmsten, die jedem erzählen mussten, dass sie diese Band namens „Nirvana“ schon seit Ewigkeiten kennten, und dass überhaupt „die Bleach“ um Längen besser sei als „die Nevermind“.

  7. gses
    30. April 2009, 15:01

    Das Nirvana Bsp. wird immer gerne genommen. In dem Fall muss ich dir zustimmen: Nur sture Puristen halten „Bleach“ für besser. Allerdings ist „Nevermind“ eine der besten und dazu noch erfolgreichsten Platten aller Zeiten. Ein Spagat der wirklich nur von Legenden geschafft wird. Und den Nachfolger „In Utero“ kann man nicht als kommerziell abgestimmt bezeichnen.

  8. Sebastian S.
    30. April 2009, 15:11

    Alberto Green: Oh, stimmt. Na denn, ist auch nicht ganz so mainstream.

  9. Lomexx
    30. April 2009, 15:28

    Meiner Ansicht nach hat der Verfasser den eigentlichen Punkt gar nicht erfasst: Wie kann man noch immer ernsthaft – wie der Herr Winterbauer es augenscheinlich tut – darüber staunen, dass Apple-Produkte seit Mitte der 90er kein Geheimtipp mehr sind? Wer bei dem Hype, der schon bei Einführung des iPhones um selbiges gemacht wurde, auch nur eine Sekunde glaubte, sich durch den Erwerb eines solchen vom Mainstream (was auch immer das sein soll) abheben zu können, hat mehr als nur ein Problem.

    Wenn ich so drüber nachdenke, fällt mir eigentlich kaum etwas ein, das mehr Mainstream wäre als Apple-Produkte: Man versuche mal, eine viertelstündige U-Bahn-Fahrt zu absolvieren, ohne bei seinen Mitreisenden dabei weniger als 10 iPods, macbooks, macWasauchimmers zu zählen.

    Nur um nicht missverstanden zu werden: Ich nutze den Kram aus den von Lukas genannten Gründen selber – aber ich konnte noch nie diesen seltsamen Outlaw-Stolz des durchschnittlichen Apple-Users nachvollziehen. Wie ferngesteuert muss man sein, um aus dem Besitz eines der am weitesten verbreiteten Gebrauchsgegenstände der Neuzeit Gefühle zu ziehen wie: Ich bin anders, ich bin clever, ich habe Stil. Bin ich der einzige, dem Gefühlsäußerungen wie: „Ich liebe meinen Mac.“; „Ohne meinen Mac kann ich nicht leben.“ – mit zunehmender Häufigkeit auch ein wenig Angst macht? Letztlich setzt der Herr Winterbauer da noch einen drauf, wenn er „sein“ geliebtes iPhone den vermeintlich Unwürdigen nicht gönnt – als sei er von dergleichen Psychose befallen wie Gollum in Bezug auf den Ring. Grusel.

  10. Julia
    30. April 2009, 15:31

    um ehrlich zu sein, ich seh das immer noch so. ich find es ganz, ganz furchtbar, dass jeder plötzlich kings of leon kennt, weil die auf ö3 (DER österreichische mainstream-radiosender) auf und ab gespielt werden. und ja, ich finde es ganz, ganz furchtbar wenn meine urgroßtante plötzlich the killers gut findet und the killers gleichzeitig schlechter werden – zumindest in meinen ohren. und ich denke, dass bei vielen bands zwischen groß werden und schlechter werden, schon ein kausaler zusammenhang herstellbar ist.

  11. Bernie
    30. April 2009, 15:47

    Ja, ich gebe zu, die Liste der Bands, die berühmt und dann schlechter geworden sind, ist länger. (Ich ärgere mich immer noch über Anajo.) Aber werden sie schlechter, weil sie berühmt werden, oder werden sie berühmt, weil sie „schlechtere“ (dh massenkompatiblere) Musik machen? Oder gibt es keine Kausalität, und es fallen einfach nur die berühmten Bands auf beim „schlecht“ werden?

  12. Lukas
    30. April 2009, 15:47

    @Julia: Ich finde es auch furchtbar, dass die Kings Of Leon bekannt sind, aber Popularität und Qualität gehen ja selten einher. ;-)

  13. gses
    30. April 2009, 17:17

    @bernie: Ich denke es liegt am „Versuch“ noch mehr Leute zu erreichen. Billy Talent haben weiterhin punkigen Rock im Angebot, doch sie nahmen auf Album 2 deutlich Fahrt und Härte raus, so dass auch ein Blink 182-Kiddie oder ein Franz Ferdinand-Girlie für diesen Sound zu begeistern ist.

    Gibt aber zum Glück noch Bands, die sich treu bleiben wie z.B. Muse oder The Prodigy. Deren Sound ist stets unverwechselbar und dennoch zumeist innovativ.

  14. SvenR
    30. April 2009, 17:18

    @ Alberto:

    Autsch.

    @ gses:

    Chris DeBurgh und Roger Whittaker waren auch großartig, bevor Sie berühmt wurden. Seien Sie doch froh, dass es das erste Billy-Talent-Album gab und freuen sich, dass die heute Geld verdienen.

    @ Lukas:

    „Wer noch auf dem Nachhauseweg in der S-Bahn mit dienstlichen Problemen behelligt wird, wäre selbst dann noch ein armes Schwein, wenn er mit einem Platinbarren telefonierte, und wer aus dem Zug seine Ankunftszeit mitteilt, war in den meisten Fällen nur zu faul, sich vorher eine Verbindung herauszusuchen und dann rechtzeitig am Bahnhof zu sein“

    So Leute haben doch aber dann i.d.R. einen BlackBerry, oder? Ich benutze BlackBerrys, seit dem es sie in Deutschland gibt – gezwungenermaßen. Und auch ich habe erst lernen müssen, dass man die Dinger wunderbar ausschalten oder ignorieren kann. Oder darauf Blogs lesen kann. Oder private E-Mail-Accounts benutzen. Und man kann – ohne gleich einen halben Tag Urlaub nehmen zu müssen – seine Tochter bei der Kindergartenweihnachtsfeier als das „hübsche Froillein Frosch“ in ihrer ersten QuakSprechrolle überhaupt sehen. Und beantwortet hin und wieder mal eine E-Mail – kurz davor und danach.

  15. Johannes
    30. April 2009, 17:28

    Ich klaue mir man den Begriff „Musiknazi“ und werde ihn demnächst mal heimlich in Gespräche und Diskussionen einbauen, Dankeschön.

  16. Johannes
    30. April 2009, 18:16

    Und hier ein weiterer Grund, sich über die „neuen“ Killers zu ärgern:
    http://www.nme.com/news/the-killers/44359

  17. Oliver Ding
    30. April 2009, 21:29

    müssen zur Strafe Texte von Jan Wigger, Diedrich Diederichsen und Plattentests online lesen.

    Hehe. :-D

  18. Niels
    1. Mai 2009, 11:20

    „Unterwegs zu telefonieren – oder breiter gefasst: zu kommunizieren – hat nichts mit Glamour und Sexyness zu tun, sondern mit Abhängigkeit oder mangelnder Organisation.“

    Das siehst Du zu hart. Natürlich ist es albern, mobile Gadgets als Statussymbol nutzen zu wollen, aber unterwegs Emails zu schreiben, den synchronisierten Terminkalender dabei zu haben oder sich für den Abend verabreden zu können, ist einfach eine spaßige schöne Sache. Ich hab das noch nie für was berufliches benutzt und fühle mich weder schlecht organisiert noch sklavischer Abhängigkeit unterworfen.

  19. Sven E.
    3. Mai 2009, 19:11

    Schon vor zehn Jahren hatten die Bewohner der Lindenstraße Macs. Da kann man doch Apple-Produkte nicht mehr ernsthaft für alternativ Statussymbole halten.

  20. Hirnfick 2.0 » Blogarchiv » Medienkritik X: Keine Panik, ruhig Blut!
    16. Mai 2009, 4:09

    […] passieren, was ernsthafte Konsequenzen für das Land mit sich bringen wird, und wir können mit dem normalen Tagesablauf […]