Der blonde Teufel von Seite 1

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. Juli 2011 15:43

Der Fußballweltverband FIFA steht nicht gerade in dem Verdacht, ein Ort zu sein, an dem logische und rationale Entscheidungen gefällt werden. Doch die FIFA hat ihren eigenen Fernsehleuten, die etwa die Liveübertragungen von Fußballweltmeisterschaften durchführen, die Anweisung gegeben, mögliche Störer im Stadion nicht im Bild zu zeigen. Was auf den ersten Blick nur wie die Wahrung einer Heile-Welt-Fassade aussieht, ist in Wahrheit viel logischer begründet: Störer wollen Öffentlichkeit, also gilt es, diese Öffentlichkeit zu vermeiden. Von dem (komplett bekleideten) “Flitzer” beim letztjährigen WM-Finale war also in der offiziellen FIFA-Übertragung fast nichts zu sehen — erst die Medien berichteten hinterher, dass es sich um jenen Spanier handelte, der schon beim Eurovision Song Contest in Oslo die Bühne gestürmt hatte, und boten dem Mann damit die Bühne, die er mit seinen Aktionen sucht.

Jedes Mal, wenn irgendwo in der Welt ein Schüler Amok läuft, überbieten sich die Medien darin, dem feigen, armseligen Täter das Denkmal zu errichten, das er mit seiner Tat errichten wollte. Wenn es Fotos gibt, die den späteren Täter mit Trenchcoat, Sonnenbrille und Pistole zeigen, dann kommt das auf die Titelseiten der Zeitungen. Und mithilfe möglicher Profilseiten in sozialen Netzwerken wird eine Exegese betrieben, die jeweils nur einen Schluss zulässt: Man hätte es kommen sehen müssen.

Jetzt also dieser Mann, der in Oslo eine Bombe gezündet und auf Utøya ein Blutbad angerichtet hat. Er hat – anders als die allermeisten Amokläufer – nach seiner Tat keinen Selbstmord begangen, sondern sich festnehmen lassen. Seine Verhaftung solle den Beginn einer “Propagandaphase” markieren, hat er geschrieben. Er hat nicht nur Videobotschaften oder wirre Artikel vorbereitet, er ist auch noch selbst da, um zu sprechen — und er will sprechen, das ist klar. Damit erinnert er ein wenig an John Wilkes Booth, der auf die Bühne sprang, nachdem er Abraham Lincoln in einem Theater erschossen hatte. Der Täter aus Norwegen sucht eine Bühne und die Medien stellen sie ihm zur Verfügung.

Keine deutsche Boulevardzeitung kam am Montag ohne ein Foto des Mannes aus, den sie wahlweise als “Mord-Maschine” (“Berliner Kurier”), “Bestie” (“Express”) oder “Teufel” (“tz”, “Bild”) bezeichneten. Blätter wie die “Hamburger Morgenpost” oder die “Abendzeitung” taten ihm den Gefallen und zeigten ihn in Kampfmontur, mit Waffe im Anschlag. Ein Bild wie aus einer Werbeanzeige für jene Computerspiele, die von den gleichen Medien dann gerne “Killerspiele” genannt werden.

Medien wie “Spiegel Online” griffen dankbar die Brocken auf, die ihnen der Täter bei Facebook, YouTube und in irgendwelchen zwielichtigen Webforen hingeworfen hatte, und bastelten sich aus diesen Informationen halbgare Psychogramme. Nicht einmal Lady Gaga schafft es, dass die Medien exakt so über sie berichten, wie sie sich das wünscht, doch dem Täter vom Freitag ist genau das gelungen. So wie Detective David Mills in “Sieben” am Ende den perfiden Plan des Killers vollendet, erweisen sich die Journalisten jetzt als willfährige Erfüllungsgehilfen einer Propaganda, die sie selbst als geisteskrank brandmarken.

Es muss schon einiges falsch gelaufen sein, wenn die Stimme der Vernunft ausgerechnet aus dem Körper von Franz Josef Wagner spricht:

Ich glaube, die höchste Strafe für den Attentäter wäre die Bedeutungslosigkeit. Nicht mehr über ihn zu berichten, seine Fotos nicht mehr zu zeigen, seine wirren Ideen nicht mehr im Internet zu lesen.

Dieser Typ will ja, dass alle Welt über seine Morde berichtet. Die Höchststrafe für diesen Psycho ist, dass er ein kleines Arschloch ist.

(Wagners Worte erschienen natürlich in einer Zeitung, die dieses “kleine Arschloch” heute vier Mal zeigt, davon einmal groß auf der Titelseite. Und einen Tag, nachdem Wagner seine “Post” an den Täter adressiert hatte.)

Der Täter hat darüber hinaus ein “Manifest” von 1.516 Seiten verfasst. Es dürfte (wie die meisten “Manifeste” dieser Art) eine eher freudlose Lektüre abgeben. Und es stellt die potentiellen Leser (also mutmaßlich vor allem Journalisten) vor die Frage, wie sie mit der Ideologie des Täters umgehen sollen.

Möglichkeit Eins ist der Klassiker, der bereits in vollem Gange ist: Die Dämonisierung. Menschen, die Jugendliche in einem Ferienlager erschießen, kleine Kinder missbrauchen oder die Eroberung Europas und die Auslöschung aller Juden planen, sind eine enorme Herausforderung für das menschliche Gehirn. Einfacher wird es, wenn die Tat von einer “Bestie” oder einer “Mord-Maschine” verübt wird — dann kann man sich im Lehnstuhl zurück lehnen und das Grauen beobachten wie eine Naturkatastrophe. Solange wir die Deutungshoheit darüber haben, wer Mensch ist und wer nicht, haben wir zumindest ein minimales Restgefühl von Kontrolle. Deswegen ist es so verlockend, Täter in außermenschliche Kategorien einzusortieren.

Möglichkeit Zwei wäre die inhaltliche Auseinandersetzung. Sie ist technisch (im Sinne von “in den meisten menschlichen Gehirnen”) unmöglich, weil sie von einer eingebauten Moralsperre blockiert wird. Das theoretische Gerede vom “Kulturmarxismus” (aktuell) oder der “Judenrasse” (historisch) taugt nicht mal als Arbeitshypothese, die man argumentativ widerlegen könnte, weil es praktisch zur Legitimation von Taten herangezogen wurde, die jeder Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, verurteilen muss.

Muss man das “Manifest” also lesen und besprechen? Dafür spräche, dass der Täter darin recht weit verbreitete Ängste aufgreift, etwa vor einer “Überfremdung” und einem “Identitätsverlust”. Es sind die gleichen Ängste, die auch von islamophoben Hassblogs bedient werden, die mit Stimmungen und falschen Fakten hantieren, oder von Politikern verschiedener Parteien. Deswegen werden jetzt Logikketten geknüpft, die Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder und andere Lautsprecher in einen direkten oder indirekten Zusammenhang mit dem norwegischen Massenmörder setzen. Das ist ungefähr so billig wie die Argumentationsweise der Gegenseite, die eine direkte Linie vom Koran zum islamistischen Terror ziehen will. Dabei ist Broder nur ein Borderline-Komiker, der sich auch die rechte Hand abhacken würde für eine billige Pointe, ein bisschen Applaus und viel Aufruhr.

Gegen die ausführliche Exegese des Manifests spricht, dass es nie jemand gelesen hätte, wenn sein Autor nicht durch ein die Vorstellungskraft herausforderndes Verbrechen darauf aufmerksam gemacht hätte. Es ist ein perverser PR-Plan eines offensichtlich kranken Mannes und die Medien tun alles, um diesen Plan aufgehen zu lassen.

Die Medienberichterstattung, die sich nach Verbrechen so häufig auf die Täter konzentriert, mag eine kathartische Wirkung haben. Wir fühlen uns besser, wenn wir den immer freundlichen Nachbarn und Sachbearbeiter, der einen kleinen Jungen missbraucht und getötet hat, anschließend als “Schwein” bezeichnen, und vielleicht glauben Journalisten tatsächlich, dass es irgendetwas ändern oder irgendwie helfen kann, ihn in einem unscharfen Foto für jeden erkennbar auf der Titelseite zu zeigen. Doch es ist vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit (die völlig okay ist, sich nur vielleicht nicht unbedingt in Zeitungstitelseiten niederschlagen sollte) — und im Fall von wahnhaften Massenmördern ist es sogar eine Form von Mittäterschaft.

Ich glaube, heute muss ich Franz Josef Wagner einfach mal vollumfänglich zustimmen.

46 Kommentare

  1. ToBa
    26. Juli 2011, 16:16

    Ich weiß nicht, ich kann deiner Argumentation schlecht widersprechen, aber ich würde dir vorwerfen, am Thema vorbei zu argumentieren.

    Was würde denn mit Journalisten passieren, deren Moral und Ethik einwandfrei wäre? Richtig, sie wären arbeitslos – oder Blogger ;) Die Verlage sind marktwirtschaftliche Unternehmen und die Auflage (Page-Impressions, usw.) ist eben höher mit Mörder-Bestie auf der Titelseite. Daran wird Moral nichts ändern. Die Gesellschaft müsste sich kollektiv wandeln und ganz plötzlich auf Sensation verzichten wollen, aber das halte ich für unrealistisch.

    Und so wird es immer weitergehen: Katastrophe! Sensationsjournalismus! Empörungsblogs! Traurig vielleicht, aber durch und durch menschlich.

  2. ToBa
    26. Juli 2011, 16:54

    Andererseits: http://www.forsidene.no/

  3. A.B.
    26. Juli 2011, 17:10

    @ToBa In dem Artikel wird doch nicht an die Moral apelliert, sondern aufgezeigt, wie pseudo-moralisch die gängigen Informationsmedien agieren. Menschlich ist der Hunger nach Sensationen nicht, eher gesellschaftlich fest gefahren durch mangelnde Reflexion.

  4. Muriel
    26. Juli 2011, 17:50

    @A.B.:”Menschlich ist der Hunger nach Sensationen nicht”
    Nicht? Woher stammt denn die Erkenntnis?

  5. PhilipS
    26. Juli 2011, 19:01

    @ToBa Deiner Ansicht nach hat Lukas also recht, aber das lässt sich nicht verkaufen?

    Das ist doch keinerlei Legitimation für ein derart skrupelloses Verhalten der Medien. Dass Moral nur dann berücksichtigt werden soll, wenn sie sich verkaufen lässt ist eine Vorstellung die ins 16. Jahrhundert und nicht in die heutige Zeit gehören solle. Die Gesellschaft ist keine blutlüsternde Bestie die immer mehr Greueltaten sehen will, sondern wird durch eine solch grenzenlose Berichterstattung erst dazu gezwungen, da egal wohin man sieht, man nicht mehr wegschauen kann (ohne sich völlig abzuschotten).

    Es liegt in der Hand der Verlage, hinter denen meines Wissens nach immernoch Menschen stehen, nicht “ganz plötzlich”, sondern langsam etwas daran zu ändern.

    @Muriel wahrscheinlich daher wo die Gegenerkentniss stammt.

  6. PhilipS
    26. Juli 2011, 19:02

    *Gegenerkenntnis natürlich

  7. Chris
    26. Juli 2011, 22:51

    Ich frage mich noch immer, wo die Stimme der Vernunft in den jeweiligen Redaktionen gewesen ist, der angesichts der gezielt platzierten Brotkrumen des Täters im Netz einfach mal “Halt” sagt. Macht das denn keinen Journalisten stutzig, wenn Profile grade mal 10 Tage vor der Tat erstellt werden? Ein simples “Anders B. stellte sich wenige Tage vor der Tat auf diversen Internetplattformen wahrscheinlich gezielt selbst dar.” und die Sache ist gegessen. Nur einmal sich nicht mit Legendenbildung und willfähriger Meinungsverbreitung in den Dienst des Täters stellen. Ist das zuviel verlangt von namhaften Medien?

  8. R.
    27. Juli 2011, 2:22

    Ich finde, man muss da etwas differenzieren.

    Was die Fotos angeht, stimme ich zu: Die hat der Täter den Medien wie eine gute PR-Agentur mit seinem Pamphlet gleich mitgeliefert. Ich habe mich auch darüber geärgert, dass Spiegel Online und Co. daraus billige Klickstrecken basteln. Jetzt sind es diese vom Täter selbst ausgesuchten und inszenierten Bilder, die sein Bild in der Öffentlichkeit prägen. Hätten die Verantwortlichen einen journalistisch-kritischen Anspruch, müsste man sagen: Sie haben kläglich versagt.

    Anders sehe ich das in Bezug auf die Berichterstattung über die politisch-ideologischen Hintergründe der Tat. Privatmenschen müssen sich dieses 1500-Seiten-Pamphlet nicht antun. Aber von verantwortungsvollem Journalismus erwarte ich schon, dass er in der Lage ist, eben auch diesen Teil der Tat einzuordnen. Es ist zum Beispiel durchaus interessant und wichtig, dass es hier um einen rechtsradikalen Massenmörder geht, der nach den fragwürdigen “Extremismus”-Kategorien des deutschen Verfassungsschutzes vor seiner Tat nicht als “extrem” gegolten hätte. Dass es eine (zumindest in weiten Teilen) verfassungskompatible rechte Paranoia gibt, die trotzdem hochgefährlich ist, das kann uns dieser Täter mit seinem Pamphlet lehren.

    Totschweigen war immer die denkbar schlechteste Reaktion auf rechte Gewalt. Deswegen ist es wichtig, über diese Zusammenhänge zu berichten. Deswegen widerspreche ich auch dieses Mal dem Bild-Populisten Wagner: Über den Fall und über die politisch-ideologischen Zusammenhänge muss berichtet werden. Und damit auch darüber, was der Täte dachte und schrieb. Aber bitte kritisch-analytisch, und nicht, indem man die Bilder reproduziert, die der Täter gerne von sich gezeichnet sähe.

  9. Herbinger
    27. Juli 2011, 4:47

    Ist es nicht doch irgendwie menschlich, dass man wissen möchte, wie die Arschgeige aussieht, die zu so einer Tat fähig ist?

    Nennt es Sensationshunger, ich nenne es Neugier…

  10. Links anne Ruhr (27.07.2011) » Pottblog
    27. Juli 2011, 6:48

    [...] Der blonde Teufel von Seite 1 (Coffee And TV) – Angesichts der Berichterstattung über die Anschläge in Norwegen muss BILDblog-Chef Lukas Heinser feststellen, dass gerade Franz-Josef Wagner in der BILD-Zeitung die Stimme der Vernunft darstellte… [...]

  11. Peter
    27. Juli 2011, 9:26

    Ich gebe Wagner in so weit recht, dass man den Täter als Arschloch, aber als Menschen darstellen sollte. Ein Rechtsextremer, der von seiner Ideologie mitgerissen wurde und der in der Umsetzung des üblichen Geredes in die Tat eine Logik sieht – die das Ganze auch durchaus hat. Solche ideoligisch motivierten Mörder fallen ja nie aus dem Himmel, ganz egal welche politische oder religiöse Richtung es ist, sondern das sind diejenigen denen das dumme Gelaber in der Gruppe nicht mehr ausreicht. Siehe Islamisten, RAF, usw usf.

    Ich finde die Reaktion, wie sie uns aus Norwegen transportiert wird, sehr sehr bemerkenswert: “Die einzige Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie”. Das bedeutet mehr Kampf gegen die politischen Extreme, eine Stärkung der Pluralität der Gesellschaft, also genau das Gegenteil von dem was der Täter wollte. 12 points go toooo… Norway.

  12. Roberto J. De Lapuente
    27. Juli 2011, 9:29

    Einerseits wird die Diabolisierung verurteilt (zurecht!), weil sie die Tat zur einer Naturkatastrophe machen – andererseits liest man dann immer wieder, B[...] sei ein kranker Mann. Ist er damit nicht auch eine Naturkatastrophe? Und zudem jeglicher Verantwortung entzogen?

    http://ad-sinistram.blogspot.c.....opath.html

  13. Michael Kraft
    27. Juli 2011, 9:30

    Ganz richtig: erst mit Ignoranz kann man diesen Typ von seinem Tripp runterholen. Dafür müssen sich aber nicht nur die Medien zügeln, sondern auch das Publikum. http://www.youtube.com/watch?v=exGb9EMyIyk

  14. Jun
    27. Juli 2011, 9:35

    @ Herbinger

    Um diese Neugier zu befriedigen, braucht es aber nicht genau das Bild, das der Terrorist wohl extra für den Anschlag, in martialischer Weise und mit NeoNazi Abzeichen, angefertigt hat.

    Da reicht auch ein altes unvorteilhaftes Foto, das der Verhaftung oder in Gefängnis Montur.

  15. deviant
    27. Juli 2011, 9:42

    [gelöscht]

  16. Meierhuber
    27. Juli 2011, 9:43

    Zwei Anmerkungen:

    1. Wer die Berichterstattung über den Attentäter kritisiert, weil sie immer auch einen Teil des Tatplans des Täters vollzieht, trägt – wie Herr Wagner oder der Autor hier – ebenfalls dazu bei. Auch wenn mir differenzierte und analysierende Berichterstattung viel lieber ist, als die Bedienung von “Hängt ihn!”-Reflexen. Aber ich sehe keine Alternative zu einer aufgeklärten und aufklärenden Auseinandersetzung mit Tat und Täter.

    2. Das ist auch deshalb notwendig, weil die Tat kein unvermeidbares Natureignis ist, das eine “kranke” Persönlichkeit verursacht. Vielmehr ist neben den politisch-ideologischen Grundlagen des Täters auch zu fragen, warum ein Mensch so “krank” wird. Gestern war in den Medien zu lesen, dass sich die Klinikaufenthalte wegen psychischer Erkrankungen in wenigen Jahren verdoppelt haben. Bei der Frage nach dem “Warum?” hilft die Sicht auf die Biographie eines Individuums nicht weiter. Schnell wird klar, dass es gesellschaftliche Umstände sind, die diese Entwicklungen befördern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Psychopath, der Dutzende von Jugendlichen erschießt, genauso ein Ergebnis einer zunehmend haltloseren und verängstigteren Gesellschaft ist, wie Millionen von depressiv Erkrankten.

  17. Nick
    27. Juli 2011, 9:48

    Insgesamt natürlich eine richtige Analyse, bis auf ein paar Nebensächlichkeiten, die mir unpassend vorkommen.
    Die “feigen, armseligen” Schülerattentäter sind dies im natürlich im Wortsinn. “Feige” ist aller dings im Medienrauschen eine Figur geworden, die i.d.R. im Zusammenhang mit Verbrechen gebraucht wird, bei denen jemand seine Stärke (körperlich, machthierarchisch) missbraucht. Also etwa Männer, die Kinder umbringen usw. In diesem Sinne sind die Schülerattentäter zwar armselig, aber nicht feige. Immerhin sind dies derart gedemütigte, verzweifelte halbe Kinder, deren Denken und Rachegelüste so pathologisch wurden, dass sie sich nur in einem unvorstellbaren Verbrechen ein paar Minuten Selbstachtung verschaffen konnten, bevor sie sich selbst umbrachten (Amoklauf als spezielle Form des Selbstmordes. Hierin besteht ja auch der entscheidende Unterschied zum aktuellen Fall).

    Zweitens passt das Urteil über Broder (mag ja stimmen, da kenn ich micht nicht aus) in dieser harschen Form nicht in den obigen Zusammenhang. So hört es sich an, als ob Du noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hättest.

    Und drittens sind die Mechanismen der Täterberichterstattung, wie Du sie dargestellt hast, natürlich zutreffend und die Sensationalisierung des ganzen sehr unangenehm. Die Alternative dazu wäre entweder, den Täter in Berichten auszublenden, aber auch dann bekäme das Ereignis den Anschein einer Naturkatastrophe. Oder aber man wendet sich den Opfern zu, aber Beiträge wie: “Ihre Tochter ist gerade erschossen worden. Wie haben Sie davon erfahren, und wie fühlen Sie sich jetzt?” wäre sehr viel ekliger. Die Opfer müssen zu Wort kommen (der Frust vieler Opfer darüber, dass sie im Justizapparat oft vergessen werden, ist ja verständlich), aber man sollte ihnen durchaus einige Zeit geben, um derartiges verarbeiten zu können. Deswegen könnte der Tonfall ein anderer, deutlich sachlicherer sein, dass man über den Täter berichtet, sogar berichten muss, ist sozusagen ein Webfehler solcher Ereignisse: Krankes Hirn + furchtbare Tat + Aufklärungsbedarf + Auflage + Sensationslust lenken die Berichterstattung zwangsläufig auf den Auslöser.

  18. B. Wondraschek
    27. Juli 2011, 9:51

    @Muriel
    Sie fragen, ob Sensationsgier / Neugier angesichts von Katastrophen und Verbrechen menschlich ist?
    Ein Stück ja, es bringt unsere Emotionen in Schwung, wir spüren uns selbst intensiver.
    So sind wir, und damit werden ja auch positive Energien frei: Wir engagieren uns, wir spenden, wir helfen.
    Aber heute erleben wir in unserer Medienlandschaft die Überschreitung der Schwelle zur Sucht. Dir Erregbarkeit des Konsumenten muss immer intensiver gekitzelt werden, der Kick muss stärker und häufiger kommen, die Dosis erhöht werden, um überhaupt noch zu wirken.Somit werden die Medien zu Drogenkartellen, der einzelne Journalist wird zum Kleindealer. Das ist eine Katastrophe, die bitter ernst genommen wird.
    Ein hellsichtiges Buch hieß “Wir amüsieren uns zu Tode” – auch mit Massakern.

  19. Nick
    27. Juli 2011, 9:57

    @deviant

    Der Täter ist natürlich politischer Aktivist und in diesem Sinne auch Terrorist. Während der Bombenanschlag auch genau in dieses Schema paast, ist der zweite Teil eindeutig ein Amoklauf in dem Sinn, wie er mindestens seit Littleton gebraucht wird: Bewaffneter Täter begibt sich in Menschengruppen und bringt unbewaffnete Menschen um. Die Motivation ist bei beiden gleich, die Methode ist eine andere.

  20. Lukas Heinser
    27. Juli 2011, 10:24

    @Nick: Mit automatischen Waffen auf Unbewaffnete zu schießen ist für mich feige.

  21. Weißer Helge
    27. Juli 2011, 10:25

    [Zitat]Möglichkeit Eins ist der Klassiker, der bereits in vollem Gange ist: Die Dämonisierung. [Zitat Ende]
    Und weiter unten:
    [Zitat]Es ist ein perverser PR-Plan eines offensichtlich kranken Mannes und die Medien tun alles, um diesen Plan aufgehen zu lassen.[/Zitat]

    Ganz offensichtlich kann man sich dieser Logik schwer entziehen, wenn man die Dämonisierung sogar dann fortsetzt, nachdem man sie schon trefflich erkannt hat.

  22. Wilz
    27. Juli 2011, 10:36

    Ich finde die Logikkette von Broder, Sarrazin & Co. zum Terroristen, nun ja, logisch. Es sind ja genau diese “Lautsprecher”, die dem rechtsradikalen Terroristen seine ideologische Grundlage gegeben haben. Und sie sind, im Gegensatz zum Koran, nicht interpretierbar und nicht auslegbar: Europa wird von den Muslimen überrollt, Deutschland verdummt durch die Muslime, Europa kapituliert vor den Muslimen usw.

    Natürlich sind Broder und Sarrazin nicht so dumm und bieten die “Lösung” gleich mit an. Aber wenn z.B. Broder behauptet, dass die Muslime nicht mit der Demokratie kompatibel sind, dann kann die Schlussfolgerung _nur_ sein, dass die Muslime aus der Demokratie weg müssen.

    Gerade Broder weiß übrigens sehr genau, welche Klientel er mit seinen Schmähschriften bedient. Spätestens(!) seit seiner halbherzigen Distanzierung vom Hetzblog PI weiß er das.

  23. Lukas Heinser
    27. Juli 2011, 10:40

    Jetzt frag ich mich, warum die norwegischen Behörden überhaupt noch ermitteln, wenn deutsche Blog-Kommentatoren schon alles über die Hintergründe der Tat wissen.

    @Weißer Helge: Wer ohne mit der Wimper zu zucken dutzende Jugendliche über den Haufen schießt, ist offensichtlich geisteskrank. Aber kein “Teufel”, sondern ein Mensch.

  24. tyko
    27. Juli 2011, 10:49

    Man wird ja sonst den ganzen Tag mit jeder Menge schlecht geschriebenem Müll zugeballert. Dieser Artikel hingegen ist der reinste Gehirnschmaus. Dankeschön!

  25. Unn
    27. Juli 2011, 11:05

    Dazu passt ein Status, der seit einigen Tagen von vielen meiner Facebookfreunde geteilt wird (in Übersetzung)
    “Der Mörder von Utøya hat in seinem Manifest geäußert, dass er lieber gehasst als vergessen werden will. Ja, dann vergessen wir ihn doch! Wir versprechen uns, dass wir seinen Namen nicht mehr sagen, ihn nicht mehr schreiben, ihn nicht mer googeln. Stolpern wir über seinen Namen in der Presse, dann springer wir einfach drüber. Und erinnern uns lieber an die, die die Erinnerung verdient haben. Lasst uns ihn zu Tode schweigen.”
    Ob das für die norwegische Gesellschaft der richtige Weg ist, weiß ich allerdings nicht. Ich denke, die Norweger wollen verstehen, was so vielen ihrer Kinder das Leben gekostet hat. Dennoch ist es nicht nötig, über all das Bild und den Namen des Täters zu nennen. Auf Facebook gab es übrigens auch eine Gruppe, die die Schließung der Anhörung gegenüber der Öffentlichkeit verlangt hat – was dann ja auch eintrat.

    Was ich in der deutschen Berichterstattung vermisse, ist die Art, mit der die Norweger mit den Geschehnissen des 22. Juli umgehen. Die Bilder des blomstertog vom Montag waren sehr beeindruckend und zumindest meine Freunde rufen allesamt zu Liebe und Zusammenhalt statt Hass auf. Auch dazu passend der Ausspruch, der auf Facebook seit Tagen seine Runden zieht: “Wenn ein Mann soviel Hass zeigen kann, denkt doch nur wie viel Liebe wir alle zeigen können.”

  26. Tobias
    27. Juli 2011, 11:28

    @LukasHeinser
    “Wer ohne mit der Wimper zu zucken dutzende Jugendliche über den Haufen schießt, ist offensichtlich geisteskrank. Aber kein “Teufel”, sondern ein Mensch.”
    In dem Punkt muss ich widersprechen. Mit der Argumentation ließe sich ja sogar Hitler als verrückt entschuldigen! Von einer für uns unbegreiflichen und furchtbaren Tat direkt auf eine Geisteskrankheit zu schließen wäre bedeutend zu kurz gegriffen. Siehe hierzu auch das Buch “Irre” von Manfred Lütz.
    Ansonsten aber ein sehr empfehlenswerter Artikel!

  27. Wolfgang Messer
    27. Juli 2011, 11:51

    @Tobias: Eine psychische Störung muss keine völlige “Entschuldigung” sein, nur eine mögliche Erklärung. Gilt meines Erachtens auch für Massenmörder des “Dritten Reichs” – aber das würde ich jetzt nicht vorschnell mit dem Norweger in einen Topf werfen.

    Letztendlich liegt es an der norwegischen Justiz, die Schuldfähigkeit des Mannes zu beurteilen und eventuell die lebenslange Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie zu beschließen (was ich persönlich für sehr wahrscheinlich halte).

  28. Ein steiniger Weg | Begleitschreiben
    27. Juli 2011, 12:16

    [...] Argumentation, man dürfe B. kein Forum bieten, der Wunsch, ihn in die Bedeutungs­losigkeit zu verbannen, ist verführerisch. Aber er ist in dieser Absolutheit falsch. Es ist ein seltsamer Aufruf zur [...]

  29. Nick
    27. Juli 2011, 12:33

    @Lukas Heinser

    Wie geschrieben, im Wortsinn sind die Schüleramokläufer natürlich feige. Aber wie ich versuchte darzustellen, hat die Wendung “feiger Mörder” innerhalb der Medien für mich eine eingeschränktere Bedeutung, die mir angesichts dieser aus der Gesellschaft gefallenen Soziopathen unpassend erschien. Aber, wie auch schon geschrieben: nebensächlich, über diese Wortspalterei zu diskutieren. Wir vernehmen jeder einen anderen Ton, wenn wir feige hören.

    @Tobias

    Geisteskrank (oder irre), zu sein, ist etwas anderes als eine Störung, die den Betroffenen veranlasst, Menschenleben so gering zu schätzen, dass deren Auslöschung zum Erreichen seiner Ziele legitim erscheint. Irre benehmen sich unberechenbar.

    Nach einer solchen Tat darf man sicherlich auf eine psychische oder soziale Störung schliessen. Wie W. Messer schrieb, ist das eine Erklärung, keine Entschuldigung. Irgendwas ist aus irgendeinem Grund falsch gepolt, sonst würden ja alle Frustrierten ständig die Leute umlegen, die sie nerven.

    Menschen sind es dennoch, alle.

  30. Christian
    27. Juli 2011, 12:33

    Ist das Ereignis groß genug, pflanzt sich jede Zeitung – egal welcher Ausrichtung – auf das Territorium des Boulevard.

    Die Emotionen und massigen Informationen der Katastrophe überdecken dann die “heimlichen” Mechanismen, die auch bei Constanze Rick zum Rezeptionsgefühl von Wut, Neid, Abscheu, Hass usw. werden.

    Deine Argumentation ist richtig und prinzipiell OK. Nur gibt es bei jeder Katastrophe diejenigen, die auch genau deinen Beitrag bringen. Schon immer ist uns klar, dass Aufmerksamkeit Spielgewinn der Amokläufer/Terroristen ist. Schonn immer ist uns klar, dass das genau der Angriffspunkt für Lösung ist.

    Diese Diskussion gab is bei 9/11, Emsdetten und co. Sie ist Teil des Spiels, scheint aber keine Lösung herbeizuführen, weil wir in diesem Falle gar keine Lösung haben wollen. Dann würde ja nichts mehr passieren und man könnte sich nicht über die Aufreger aufregen und damit auf beiden Seiten einen flächendeckenden Bedarf an Text produzieren.

    Wie können wir das durchbrechen? Und warum ziehen die Medien NIE Konsequenzen aus ihrer Selbstkritk?

  31. erich
    27. Juli 2011, 12:38

    Hallo,

    guter und richtiger Beitrag. Hab schon an alle großen Medien getwittert, sie mögen nur noch von einem “debilen Kriminellen” sprechen. Machen sie natürlich nicht.

  32. Muriel
    27. Juli 2011, 12:48

    @B.Wondraschek: Das war zwar nicht meine Frage, aber trotzdem danke ich für die Antwort.

    Aber heute erleben wir in unserer Medienlandschaft die Überschreitung der Schwelle zur Sucht.

    Auch hier drängt sich mir eigentlich dieselbe Frage auf: Woher kommt die Erkenntnis? Wer ist in welchem Sinne süchtig, nach was? Und was meinen Sie mit “heute”? War das früher besser? Wann?

  33. zumzu
    27. Juli 2011, 12:51

    Der Artikel sagt viel wahres, lässt jedoch auch einiges unbeleuchtet. Die Massenmorde in Norwegen waren eben kein normaler Amoklauf, sondern eine hochpolitische Tat. Erwachsen kann so etwas in einem Klima, indem Diskurse über “belastende Zuwanderung”, “die Gefahr des Islams” oder die “(Selbst)Abschaffung des Abendlands”) tief im Mainstream verankert sind. Nicht nur im Sinne von Prävention (ich glaube nicht, dass jeder Leser von Sarrazin, jeder Stammtischrassist ein potentieller Amokläufer sein könnte, dazu gehören noch pathologischste Dispositionen, die zum Glück nicht allzu häufig sind), sondern auch, um aufzuzeigen, wieso der Täter seine Taten legitimiert und weite Teile der europäischen Bevölkerung hinter sich sah (was natürlich Blödsinn ist, aber seine Wahrnehmung). Deshalb ist eine Debatte über die “wirren Ideen” (Wagner) absolut sinnvoll. Die Stilisierung des Täters samt Foto und dem anderen Kram, ist natürlich bedenklich und mutmaßlich durch Sensationsgier motiviert, d’accord.

  34. Wolfgang Messer
    27. Juli 2011, 12:51

    @Lukas Was in diesem Zusammenhang auch mal ein Aspekt für BildBlog wäre: Im Pressekodex steht zum Einen:

    “Die Nennung des vollständigen Namens und/oder die Abbildung von Tatverdächtigen, die eines Kapitalverbrechens beschuldigt werden, ist ausnahmsweise dann gerechtfertigt, wenn dies im Interesse der Verbrechensaufklärung liegt und Haftbefehl beantragt ist oder wenn
    das Verbrechen unter den Augen der Öffentlichkeit begangen wird.”

    Soweit wäre die Berichterstattung ja okay. Direkt darunter steht aber auch:

    “Liegen Anhaltspunkte für eine mögliche Schuldunfähigkeit eines Täters oder Tatverdächtigen vor, sollen Namensnennung und Abbildung unterbleiben”

    Dass in diesem Fall solche Anhaltspunkte vorliegen, dürfte unstrittig sein. Hätte man also prinzipiell nicht mit Namen und Bild berichten dürfen? Ich mag’s nicht beurteilen.

  35. Ekkehard Knauff
    27. Juli 2011, 13:16

    Die “Todesstrafe” für fjw wäre, sich einfach nicht mehr um kümmern.
    Warum also zitieren oder auf verweisen?
    Verstehe ich nicht,

  36. Howie Munson
    27. Juli 2011, 13:33

    @chris

    ************ Ich frage mich noch immer, wo die Stimme der Vernunft in den jeweiligen Redaktionen gewesen ist, der angesichts der gezielt platzierten Brotkrumen des Täters im Netz einfach mal “Halt” sagt. Macht das denn keinen Journalisten stutzig, wenn Profile grade mal 10 Tage vor der Tat erstellt werden? ************

    Die schauen da gar nicht hin, sei es aus Unkenntnis, Zeitmangel oder Charakterschwäche….

    es zählt doch nur noch wer als erstes eine Meldung/neue Details bringt, ob die dann stimmt/en ist doch den Medienbesitzern völlig egal… siehe ToBa in Post1 wichtig ist nur was man verkaufen kann, nicht die Wahrheit oder Moral.

    Ein Grund mehr, die Quantitätsmedien nicht mehr zu finanzieren *duck*

  37. Wolfgang Messer
    27. Juli 2011, 15:08

    @Lukas: Ich habe mich mal selbst an den Aspekt drangesetzt und liege hoffentlich nicht völlig daneben:
    http://fastvoice.net/2011/07/27/schuld-und-buhne/

  38. Jakob
    27. Juli 2011, 16:42

    Im großen und ganzen stimme ich dem Artikel zu. Aber die “nicht-boulevard” Medien kommen mir hier zu kurz. Angeblich seriöse Zeitungen, wie z.B. die SZ, springen nicht nur auf den Zug auf, sondern treiben den Mechanismus auch noch willig voran. Dank der SZ weiß ich auch jetzt wirklich den vollen Namen des Mörders, obwohl ich noch versucht habe, ihn zu überlesen. Aber bei der auffällig häufigen Nennung des vollen Namens, inkl. zweitem Vornamen, in der heutigen Ausgabe war das schlicht unmöglich. Und ich hab noch nicht mal einen einzigen der gefühlten 500 Artikel über den Kerl zu Ende gelesen, weil mich das so angekotzt hat.

  39. zawihawass
    27. Juli 2011, 22:07

    Ich mag dem Artikel im Grunde nicht zustimmen, aber die Polemik gegen Henryk M. Broder war einfach Spitze. Vielen Dank!

    Ich habe Herrn Broder meinerseits einmal mit einem Borstentier verglichen, das sich vor aller Augen im eigenen Unrat wälzt und dreckverschmiert der Menschheit höhnisch entgegengrunzt.

  40. zakky
    27. Juli 2011, 22:58

    Liegt es nicht in dne Händen der Leser, welche “Zeitungen” auf dme Makrt erfolgreich sind oder welche vielleicht für immer verschwinden? Sind wir nicht bereits durch den Medienüberfluß so abgestumpft, daß wir nach solchen Schreckensmeldungen gieren – anstatt sich zu sagen, so einen Mist les ich nicht?
    Aber den Täter als “Teufel”, “verrückt” etc. zu bezeichnen zeigt doch nur die Hilflosigkeit eienr Erklärung – dabei dürfte er vermutlich ähnlich über seine Opfer gedacht haben. Nur wer in einem Menschen keinen Menschen mehr sieht ist zu solchen Taten fähig.

  41. Gnadenvolle Schokolade
    28. Juli 2011, 0:24

    Seit einiger Zeit seh ich selbst auch davon ab, Menschen in entmenschlichende Kategorien wie “Monster”, “Bestie”, “Scheusal” oder “Teufel” einzuordnen. Das ist billig und einfach, um Taten zu erklären vor der eigenen engen Moral, die nicht erklärbar sind und die tieferes, eingehenderes Nachdenken erfordern, um vielleicht zum Denkergebnis zu gelangen, dass auch der brutalste Täter immer noch ein Mensch ist, dass seine Taten aber aufs Schwerste zu verurteilen sind. Aber Mensch bleibt Mensch, ganz gleich was er tut, auch wenn es das unvorstellbar Grausame ist.

    Somit finde ich BILD-Schlagzeilen, Überschriften wie “Hier grinst die Killer-Bestie” (Killer-Bestie, ohnehin einer der häufigst verwendeten Termini von BILD) nicht nur reichlich übertrieben, sondern grundfalsch bzw. ärgerlich. Aber mich ärgert ja alles an der BILD, die ich nicht lese, nur die Schlagzeilen, die mir aus jedem Laden/Geschäft/Markt entgegenbrüllen in ihrer visuellen Penetranz.
    Da wird billig, wie in diesem Artikel sehr gut und anschaulich wahrhaftig dargelegt, populistisch herausgeschissen, sensationslüstern und vor allem auf die hohe Auflage bedacht, da ja fast nur denkferne Schichten… äh Einzeltäter sie lesen… nun ja, man kennt das BILD-Problem.

    Jetzt ist bei Google zu sehen, was dort steht, wenn man neugierdehalber mal das Stichwort KILLER-BESTIE zum Suchbegriff eingibt: Jetzt wird bei BILD.DE die ganze Analyse- und Warum-nur-Chose von der politischen und religiösen Ideologie und wahnhaften Selbstsicht (er hält sich für einen Tempelritter) nun offenbar noch um die sexuelle Komponente erweitert wird. Jetzt hat ihn angeblich sein mangelnder Erfolg bei Mädchen und zu wenig Sex (oh, armes Putput!)… Das ist wirklich die unterste Schiene, das letzte Fass Gammelwein, das hier aufgemacht wird. Und alles erinnert dennoch frappierend an die Ausschlachtung früherer Amoktaten früherer Amokläufer, kranker Psychopathen, Menschen also, denen man viel Bühne für ihr windiges Selbstaufblasungstheater gegeben hat. Und nichts lernt die Journalie daraus – es wird immer noch so darüber berichtet wie eh und je: Sensationsheischend, effekthascherisch, auf simple Erklärungsmodelle fixiert.

    Schön, wie es hier angesprochen wird, wie man dann vereinfachend pauschalisiert, um die schlimmsten Verbrechen griffig erklärbar zu machen.

    Was diesen Killertypen betrifft, also diesen Mörder eher, bleibt zu sagen: Er sollte für immer in der Gefängnis-Versenkung verschwinden und er als Person nicht weiter beachtet werden. Seine Taten werden leider unvergessen bleiben, denn sie haben eine nachträgliche Spur des Leids hinterlassen.
    Doch sollte man ihm keine weitere Möglichkeit geben, seine ideologischen Wahnvorstellungen weiter unters Volk zu streuen. Deshalb finde ich es auch gut, dass man seinem Wunsch nicht entsprochen hat, die Verhandlung vor dem Haftrichter, dem er vorgeführt wurde, öffentlich zu zeigen, da er “noch viel zu erzählen” habe.

    Die Digital- und Printmedien sind hingegen angehalten: ihn nicht zum Märtyrer zu stilisieren.

  42. Twitter Tweets 21-07-2011 – 27-07-2011 - - So Do Media: Filmblog – Medienblog
    28. Juli 2011, 1:43

    [...] wie die medien die #pr gehilfen eines massenmörders werden http://www.coffeeandtv.de/2011.....n-seite-1/ [...]

  43. der peter
    28. Juli 2011, 12:35

    hmmmmm…

    also fuer die gebildeten ‘themenwälzer’ sind es alles ja schöne ausführungen hier und anderswo, allerdings…

    ist es nicht so, dass auch dieses ‘ereignis’ für die breite masse nur ein weiteres kurzes gesprächsthema ist ???

    bis dann das nächste ereignis folgt …

    das bedienen die massenmedien eben, das bedürfnis der massen…

    wer um gottes willen hat denn bei allen seine alltagssorgen wirklich noch die zeit und die lust sich wirklich tiefer in die materie zu begeben, es sei denn es ist sein beruf !

    hmmm zum zweiten…

    ist es nicht so, dass es ein schöner kreislauf in ‘interlektuellen’ kreisen nur ist…die kritik, die kritik and der kritik, die ..naja und so weiter

    die breite masse braucht eine schnelle erklärung/meinung von aussen, egal ob richtig oder falsch…weil :

    man muss schnell reagieren, der schichtarbeiter kann nicht wochen warten, bis ein ergebnis der untersuchungen vorliegt.

    es muss schnell eine meinung da sein, zwischen schraubenanziehen und pausenbrot ‘sarkasmus !!!!’

    es ist einfach zuviel information, und es herscht der glaube alle hätten was zu sagen, das ist das fatale.

    alle sollen sofort reagieren dürfen, aber müssen wir wirklich alles wissen.

    also mir ist es zuviel, wie war das noch mit den vielen leuten in psycho-behandlung ??

    in der zeit, als ich die schrieb, starben vielleicht 3 kinder im strassen verkehr…wen juckts ? wir haben uns dran gewöhnt…mit schwund muss man rechnen und der/die täterin nimmt nen anwalt, zahlt euros und weiter gehts !!!

    nein ehrlich, es ist zu viel, japan war gestern, abgehakt !!!

    norwegen ist heute, ok…

    der mond ist es morgen….

    und immer werden sich leute finden die damit geldverdienen, und immer gibts welch denen das nicht passt

    ummm, hab ja ganz den murdoch vergessen ;)

    also wenns um geld geht gibt es keine moral, auch wenn wir uns das noch so wünschen.

    und den meisten ist es egal, weil wie gesagt…es ist zuviel

    aber es macht spass das alles so zu lesen…ein tip wie man mit medienkritik richtig kohle macht:

    http://www.thedailyshow.com/

  44. Norwegen | unlesbar.de
    28. Juli 2011, 17:12

    [...] ausgerechnet aus dem Körper von Franz Josef Wagner spricht”, schreibt Lukas Heinser bei coffeeandtv.de. Wagner hatte in seinem täglichen Brief geschrieben, dass die wohl höchst Strafe für den Täter [...]

  45. Christian
    31. Juli 2011, 13:21

    Ein eigener Artikel und Nachtrag zu #30, weil hier einige Leute in die gleiche Richtung gucken:

    http://bruellzeichen.de/2011/0.....en-sollte/

  46. “Haha”, said the clown – Coffee And TV
    24. Juli 2012, 1:04

    [...] im Rudel zu fangen: Die Medien begehen die finale Beihilfe zur Selbstinszenierung. Es ist also so wie [...]

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