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Die schwei­zer Bank Juli­us Bär ist gericht­lich gegen die Inter­net-Platt­form Wiki­leaks vor­ge­gan­gen, weil auf die­ser Kun­den­da­ten auf­ge­taucht waren, die Geld­wä­sche und Steu­er­hin­ter­zie­hung auf den Cayman Islands bele­gen sol­len. Inzwi­schen ist Wiki­leaks wie­der online.

Da mein Inter­es­se am Finanz­ge­sche­hen eher gering ist, kann­te ich die Bank Juli­us Bär vor­her gar nicht – genau­so wenig wie Wiki­leaks. Eben­so war mir der Begriff für der­art unfrei­wil­li­ge PR bis­her unbe­kannt, aber Dank NPR weiß ich nun, dass man in sol­chen Fäl­len vom „Strei­sand effect“ spricht. Die­ser ist benannt nach der Schau­spie­le­rin Bar­bra Strei­sand, die einen Foto­gra­fen ver­klagt hat­te, dem beim Foto­gra­fie­ren der kali­for­ni­schen Küs­te auch das Haus der Schau­spie­le­rin vor die Lin­se gera­ten war. Bis zu ihrer Kla­ge war das nie­man­dem auf­ge­fal­len, danach war das Foto auf Inter­net­sei­ten und in Zei­tun­gen zu sehen.

Auch in Deutsch­land kennt man Fäl­le, in denen die (ver­such­te) Ver­hin­de­rung von Bericht­erstat­tung sehr viel mehr Auf­merk­sam­keit erzeugt hat als die ursprüng­li­che Bericht­erstat­tung selbst. Aller­dings unter etwas ande­ren Vor­zei­chen:

Da wäre der Nach­rich­ten­spre­cher, der 1998 gericht­lich gegen die Behaup­tung vor­ging, er sei homo­se­xu­ell, und mit die­sem Schritt eine grö­ße­re media­le Auf­merk­sam­keit erreg­te, als es die Nischen-Medi­en, die die Behaup­tung auf­ge­stellt hat­ten, je gekonnt hät­ten.

Oder der dama­li­ge Bun­des­kanz­ler, der vor Gericht zog, weil eine Nach­rich­ten­agen­tur in einem Neben­satz die Behaup­tung einer Image-Bera­te­rin zitiert hat­te, der Poli­ti­ker fär­be sein dunk­les Haupt­haar.

Nun ver­hält es sich in die­sen Fäl­len etwas anders als bei Juli­us Bär und Bar­bra Strei­sand: Gericht­lich bestä­tigt müs­sen wir davon aus­ge­hen, dass der Nach­rich­ten­spre­cher wirk­lich nicht homo­se­xu­ell ist, der Kanz­ler wirk­lich nicht gefärbt hat.

Allein: Das Unter­be­wusst­sein kennt ja angeb­lich kei­ne Ver­nei­nung und spei­chert des­halb den Begriff „schwul“ unter dem Foto des Nach­rich­ten­spre­chers ab und addiert beim (inzwi­schen Alt-)Kanzler „Haa­re fär­ben“. Mal davon ab, dass man als Spit­zen­po­li­ti­ker mit einem klein­li­chen Pro­zess in der Regel mehr blei­ben­den Ein­druck hin­ter­lässt, als eine unbe­kann­te Image-Bera­te­rin mit einem dahin­ge­sag­ten Halb­satz über die Haa­re des Kanz­lers.

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Hier könnte Ihre Metropole stehen

Nördliches Ruhrgebiet von der Zeche Zollverein aus

Ich mag das Ruhr­ge­biet, wirk­lich. Ich lebe ger­ne hier und fin­de vie­les in einem kon­ven­tio­nel­len, gar nicht iro­ni­schen Sin­ne „schön“. Neben ein paar klei­ne­ren Macken, die man in jeder Gegend fin­den könn­te, hat das Ruhr­ge­biet aber ein paar ekla­tan­te Pro­ble­me, die exis­tenz­be­dro­hend sein kön­nen.

Damit mei­ne ich noch nicht mal „Der­Wes­ten“, das lan­ge und groß ange­kün­dig­te, in der Umset­zung aber desas­trö­se Online-Por­tal der WAZ. Zwar bin ich der Mei­nung, dass sich die WAZ-Grup­pe viel­leicht erst mal auf ihre Kern­kom­pe­ten­zen besin­nen (bzw. sol­che auf­bau­en) soll­te, bevor man sich an Kon­zert­agen­tu­ren betei­li­gen will, und auch über die geplan­te Koope­ra­ti­on mit dem WDR wer­de ich mich zu gege­be­ner Zeit sicher­lich noch auf­re­gen, „Der­Wes­ten“ selbst habe ich aber völ­lig abge­schrie­ben und will mich am Ein­prü­geln auf der­art wei­che Zie­le auch nicht mehr betei­li­gen.

Reden wir lie­ber vom Ruhr­ge­biet selbst: Bei ruhrbarone.de gibt es einen sehr lesens­wer­ten Arti­kel über das Image-Pro­blem des Ruhr­ge­biets, das unter ande­rem auch dar­aus resul­tiert, dass die größ­te Metro­pol­re­gi­on Deutsch­lands (und fünft­größ­te Euro­pas – aller­dings mit Köln und Düs­sel­dorf) nach wie vor als unüber­sicht­li­ches Wirr­warr von 56 Städ­ten und Krei­sen wahr­ge­nom­men wird und sich tra­gi­scher­wei­se auch noch selbst so wahr­nimmt.

Im Ruhr­ge­biet leben 5,2 Mil­lio­nen Men­schen – auf­ge­teilt in drei Regie­rungs­be­zir­ke, von denen der eine nach einer Klein­stadt im Sau­er­land benannt ist, zwei Land­schafts­ver­bän­de, vier Krei­se, elf kreis­freie Städ­te, min­des­tens drei WDR-Lan­des­stu­di­os und unge­zähl­te Nah­ver­kehrs­un­ter­neh­men. Der Regio­nal­ver­band Ruhr (RVR) soll das gan­ze halb­wegs zusam­men­hal­ten – wenn nicht gera­de die nicht ganz unbe­deu­ten­de Stadt Dort­mund aus­stei­gen und lie­ber Haupt­stadt der west­fä­li­schen Pro­vinz als Teil einer Metro­po­le sein oder der Kreis Wesel lie­ber nie­der­rhei­ni­sche Pro­vinz als grü­ne Lun­ge der Regi­on sein will. Die SPD, die es in gefühl­ten hun­dert Jah­ren in der NRW-Lan­des­re­gie­rung nicht geschafft hat, das Ruhr­ge­biet zusam­men­zu­brin­gen, will den RVR gar gleich ganz auf­lö­sen.

Fragt man Men­schen aus Bran­den­burg nach ihrer Her­kunft, wer­den sie mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit „Ber­lin“ ant­wor­ten. Wer im Umkreis von etwa hun­dert Mei­len um Städ­te wie New York, Chi­ca­go oder Los Ange­les lebt, wird sich als Ein­woh­ner die­ser (zuge­ge­be­ner­ma­ßen extrem nam­haf­ten) Metro­po­len füh­len. Im Ruhr­ge­biet leben Men­schen, die dar­auf bestehen, aus einem seit 33 Jah­ren unselb­stän­di­gen Stadt­teil Bochums zu kom­men, und ein lau­tes Weh­kla­gen anstim­men, wenn sich das irgend­wann auch mal in der Bahn­hofs­be­schil­de­rung nie­der­schla­gen soll. Kein Wun­der, dass im Aus­land noch nie jemand vom Ruhr­ge­biet gehört hat und man immer „I live near Colo­gne“ sagen muss. Köln hat außer sei­nem wun­der­ba­ren Dom kei­nen Grund, in der Welt bekannt zu sein – im Ruhr­ge­biet gibt es wenigs­tens Bier und fünf Mal so vie­le Leu­te.

Schafft es das Ruhr­ge­biet in die Nach­rich­ten, sind gera­de wie­der ein paar Tau­send Arbeits­plät­ze in Gefahr oder weg­ge­fal­len und irgend­ein Ober­bür­ger­meis­ter, den nicht mal die Ein­woh­ner der Nach­bar­stadt ken­nen, spricht von einem „schwe­ren Schlag“ für sei­ne Stadt und die dor­ti­ge Wirt­schaft. Wahr­lich beein­dru­ckend ist die Soli­da­ri­tät unter den Men­schen hier: Da wird man als Besu­cher des Bochu­mer Schau­spiel­hau­ses gebe­ten, Pro­test­post­kar­ten an die Nokia-Füh­rung in Finn­land aus­zu­fül­len, und die aller­meis­ten machen das ein­fach. Zu Demons­tra­tio­nen am Nokia-Werk kom­men tau­sen­de Leu­te mit unter­schied­lichs­ten Beru­fen und sozia­len Hin­ter­grün­den, aber es klappt nicht, die­se „Wir schaf­fen das!“-Stimmung über die Medi­en zu trans­por­tie­ren – dort heißt es dann, eine gan­ze Stadt ste­he am Abgrund. Über­haupt: Wie wirkt denn das, wenn von „Nokia­nern“ oder „Ope­la­nern“ die Rede ist, ganz so, als gin­ge es um außer­ir­di­sche Lebens­for­men oder schlim­me Krank­hei­ten? Ent­las­se­ne Simens-Mit­ar­bei­ter hei­ßen doch auch „Sie­mens-Mit­ar­bei­ter“.

Zwar wer­den regel­mä­ßig neue For­schungs­zen­tren, Indus­trie­parks und ähn­li­ches eröff­net (und manch­mal auch wie­der geschlos­sen), aber das wird selbst in der regio­na­len Pres­se immer unter einem Rubrum wie „IT statt Koh­le“ auf­ge­führt, ganz so, als lie­fen hier immer noch alle mit schwarz ver­schmier­ten Gesich­tern durch stau­bi­ge Stra­ßen und wür­den gera­de ihre ers­te elek­tri­sche Schreib­ma­schi­ne anschlie­ßen. Fast scheint es, als wol­le man den gera­de statt­fin­den­den Struk­tur­wan­del ver­schwei­gen, weil es immer noch bes­ser ist, der „Koh­len­pott“ zu sein als so ein eigen­schafts­lo­ser Wachs­tums­raum wie Halle/​Leipzig.

Dafür wird das Ruhr­ge­biet ja euro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt des Jah­res 2010, mag man jetzt den­ken. Die Hoff­nun­gen, dass von die­ser Ver­an­stal­tung irgend­ein posi­ti­ver Impuls aus­ge­hen könn­te, habe ich aller­dings so gut wie begra­ben. Zwar ist es in Deutsch­land guter Brauch, alles im Vor­hin­ein schei­ße zu fin­den und es hin­ter­her zu beju­beln (Welt­aus­stel­lun­gen, Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten, Die Lin­ke), aber in die­sem Fall deu­tet vie­les dar­auf hin, dass die „Ruhr.2010“ in der Tat ein Desas­ter unge­ahn­ten Aus­ma­ßes wer­den könn­te. Dju­re hat bei blog.50hz.de viel über den sog. Logostreit, den Slo­gan und die Finan­zie­rung geschrie­ben und sich trotz opti­mis­ti­scher Aus­gangs­hal­tung inzwi­schen zur For­de­rung „Absa­gen, ein­fach absa­gen …“ hoch­ge­ar­bei­tet.

Wie gesagt: Ich mag das Ruhr­ge­biet. Aber ich habe das Gefühl, die Leu­te, die in die­ser Regi­on etwas zu sagen haben, has­sen die Idee dahin­ter. Und die Leu­te, die hier leben, mer­ken gar nicht, dass sie im Ruhr­ge­biet leben.

Universitätsstraße in Bochum
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Radio Rundfunk Gesellschaft

Der Unratskübel auf dem anti-anglistischen Schutzwall

Das Schö­ne an getrof­fe­nen Hun­den ist ja, dass sie durch ihr Bel­len häu­fig schla­fen­de Hun­de wecken. Äh …

Die Wochen­zei­tung „Neue Soli­da­ri­tät“, Zen­tral­or­gan des „Schil­ler-Insti­tuts“ und der „Bür­ger­rechts­be­we­gung Soli­da­ri­tät“ (mit der wir uns schon das ein oder ande­re Mal beschäf­tigt haben), ließ sich in ihrer Aus­ga­be vom 30. Janu­ar in einem „Zwi­schen­ruf“ über den WDR und zwei sei­ner Mit­ar­bei­te­rin­nen aus:

Dort [in Köln, Anm. d. Blog­gers] befin­det sich näm­lich der WDR (West­deut­scher Rund­funk), der sich am 24. Janu­ar in sei­nem Radio­pro­gramm WDR5 bemü­ßigt fühl­te, zwan­zig Minu­ten lang einen Unrats­kü­bel über die BüSo, das Schil­ler-Insti­tut und vor allem natür­lich Lyn­don LaRou­che aus­zu­schüt­ten.

Ein Unrats­kü­bel, den man zwan­zig Minu­ten über zwei Orga­ni­sa­tio­nen und einen alten Mann aus­schüt­ten kann, muss natür­lich gewal­tig groß sein. Und was war drin?

Der betref­fen­de Bei­trag, der am 24. Janu­ar in der WDR-5-Sen­dung „Neu­gier genügt“ lief und den man hier nach­hö­ren kann, beschäf­tig­te sich mit dem bis heu­te unge­lös­ten Todes­fall Jere­mi­ah Dug­gan. Der 22-jäh­ri­ge Eng­län­der war in der Nacht zum 27. März 2003 in Wies­ba­den ums Leben gekom­men, nach­dem er kurz zuvor zwei tele­fo­ni­sche Hil­fe­ru­fe an sei­ne Mut­ter in Lon­don abge­setzt hat­te.

Jere­mi­ah hat­te in der Nähe von Wies­ba­den eine Tagung des „Schil­ler-Insti­tuts“ besucht und soll sich dann mit­ten in der Nacht auf einer Schnell­stra­ße vor ein Auto gewor­fen haben. Die deut­schen Behör­den haben den Fall trotz eini­ger Unge­reimt­hei­ten schnell als Selbst­mord abge­hakt und lie­ßen sich weder durch einen Auf­ruf des renom­mier­ten Simon-Wie­sen­thal-Zen­trums (Jere­mi­ah war Jude) noch durch einen Appell von 96 bri­ti­schen Abge­ord­ne­ten zu einer Wie­der­auf­nah­me bewe­gen. Genaue­res zum Fall Jere­mi­ah Dug­gan ent­neh­men Sie bit­te der „taz“, der „Ber­li­ner Zei­tung“, „Tele­po­lis“ oder dem „Dai­ly Tele­graph“, die­sem Bei­trag des Hes­si­schen Rund­funks (von dem ich lei­der nicht weiß, wann und in wel­cher Sen­dung er gelau­fen ist) und der Web­site „Jus­ti­ce For Jere­mi­ah“.

Und damit zurück zum WDR-Bas­hing der „Neu­en Soli­da­ri­tät“:

Allen Erklä­run­gen und Ent­schei­dun­gen der deut­schen Staats­an­walt­schaft, des Frank­fur­ter Ober­lan­des­ge­richts und den mitt­ler­wei­le frei­ge­ge­be­nen Akten der Lon­do­ner Metro­po­li­tan Poli­ce zuwi­der brach­te die Sen­dung, in rei­ße­ri­scher Manier und gegen bes­se­res Wis­sen, die BüSo und das Schil­ler-Insti­tut wie­der in Zusam­men­hang mit die­sem Selbst­mord.

Wer den Bei­trag gehört hat, wird wenig fin­den, was als „rei­ße­risch“ durch­ge­hen könn­te. Auch scheint mir das Haupt­in­ter­es­se der WDR-Autorin auf dem Ver­hal­ten der deut­schen Behör­den zu lie­gen:

Der zustän­di­ge Beam­te der Wies­ba­de­ner Poli­zei erklärt den Dug­gans,
man behand­le den Fall als Selbst­mord. Ein Fremd­ver­schul­den sei aus­zu­schlie­ßen. Eine Ver­si­on, die Hart­mut Fer­se, Pres­se­spre­cher der Wies­ba­de­ner Staats­an­walt­schaft auch mir gegen­über tele­fo­nisch bestä­tigt. Eine von der am Unfall­ort anwe­sen­den Not­ärz­tin emp­foh­le­ne Obduk­ti­on unter­blieb, wie aus den Unter­la­gen her­vor­geht.

Der deut­sche Poli­zei­be­am­te wuss­te offen­bar, dass Jere­mi­ah im Alter von sie­ben Jah­ren nach der Tren­nung sei­ner Eltern bei einer Fami­li­en­be­ra­tung in der Lon­do­ner
Tavi­stock-Kli­nik war, und schloss dar­aus, dass er auch mit 22 noch „Psych­ia­trie-
Pati­ent“ sei.

Im Bei­trag heißt es wei­ter:

O‑Ton Eri­ca Dug­gan: „And then the poli­ce offi­cer said: Lyn­don LaRou­che… And then we asked more ques­ti­ons and he said: No com­ment.“
Autorin: Lyn­don LaRou­che?
Spre­cher: Lyn­don LaRou­che, ame­ri­ka­ni­scher Polit-Akti­vist, der poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Orga­ni­sa­tio­nen in den USA und in Euro­pa, auch in Deutsch­land, auf­ge­baut
hat? Lyn­don LaRou­che, heu­te 85 Jah­re alt, in der Ver­gan­gen­heit mehr­mals selbst­er­nann­ter Kan­di­dat für das Amt des Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten? Lyn­don LaRou­che, der von ame­ri­ka­ni­schen und deut­schen Jour­na­lis­ten und Sek­ten­ex­per­ten als „Extre­mist“ und „gefähr­li­cher Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker“ bezeich­net wird?
Autorin: Die Eltern Dug­gan for­schen nach und kom­men zu dem Schluß, dass ihr Sohn in die Fän­ge einer Orga­ni­sa­ti­on gera­ten sein muss­te, die etwa der „Spie­gel“ als eine der umstrit­tens­ten „Welt­ver­schwö­rungs­sek­ten“ bezeich­net: in die von Lyn­don LaRou­che. Klar wird ihnen, dass der Schlüs­sel zu all den Ereig­nis­sen dem Anschein nach bei den Orga­ni­sa­to­ren des von Jer­ry besuch­ten Semi­nars lie­gen muss­te.

Angeb­lich habe sogar ein Poli­zei­be­am­ter gesagt:

Wir wol­len kei­ne Ermitt­lun­gen gegen die LaRou­che-Orga­ni­sa­ti­on ein­lei­ten …

Inter­es­san­ter­wei­se wirft „BüSo“ der Autorin des WDR-Bei­trags eine Men­ge, nicht aber Ein­sei­tig­keit vor. Das wäre ja auch etwas lächer­lich, sagt sie doch selbst:

Alle Ver­su­che mei­ner­seits, Stel­lung­nah­men von LaRou­che-Orga­ni­sa­tio­nen zu bekom­men, ver­lau­fen im San­de. Ange­ge­be­ne Tele­fon­num­mern exis­tie­ren nicht oder nicht mehr. Bei einem kur­zen tele­fo­ni­schen Kon­takt mit der Pres­se­agen­tur der Orga­ni­sa­ti­on in Wies­ba­den, wird mir erklärt, mit dem Fall Dug­gan habe man „nichts zu tun.“

Wer sich den­noch für den Stand­punkt von „BüSo“, „Schil­ler-Insti­tut“ und/​oder LaRou­che inter­es­siert, bekommt auf deren Web­site ein paar Infor­ma­tio­nen und einen Auf­satz von Lyn­don LaRou­che aus dem Novem­ber 2006, in dem die­ser inter­es­san­te Schlüs­se zieht:

Lon­do­ner Quel­len, die eng mit US-Vize­prä­si­dent Dick Che­ney und des­sen Ehe­frau Lyn­ne Che­ney ver­bun­den sind, haben erneut eine Pres­se­kam­pa­gne in Gang gesetzt, um eine wie­der­holt dis­kre­di­tier­te Lügen­ge­schich­te hin­sicht­lich der Ursa­chen und Umstän­de des Selbst­mords eines emo­tio­nal gestör­ten jun­gen Bri­ten, Jere­my Dug­gan, wie­der auf­zu­wär­men, der sich, wie der offi­zi­el­le foren­si­sche Bericht zwei­fels­frei ergab, an einer Schnell­stra­ße bei Wies­ba­den mehr­fach gegen vor­bei­fah­ren­de Fahr­zeu­ge gewor­fen hat.

Der Grund für die ursprüng­li­che und nun wie­der­hol­te Ver­brei­tung die­ses Pres­se­schwin­dels war und ist der per­sön­li­che Haß Che­neys und sei­ner Ehe­frau gegen eine Per­son – mich – , die sie wei­ter­hin als beun­ru­hi­gen­den poli­ti­schen Geg­ner betrach­ten, der mit einer füh­ren­den, hoch­ran­gi­gen Frak­ti­on in der Demo­kra­ti­schen Par­tei der USA ver­bun­den ist.

Die Vor­stel­lung, der US-Vize­prä­si­dent habe weni­ge Tage nach der ver­lo­re­nen mid­term elec­tion nichts bes­se­res zu tun, als einem als Witz­fi­gur gel­ten­den Greis schlech­te Schlag­zei­len anzu­hän­gen, ist irgend­wie rüh­rend. In Wahr­heit dürf­te die Geschich­te im Herbst 2006 noch ein­mal durch die Pres­se gegan­gen sein, weil Eri­ca Dug­gan zu die­ser Zeit vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Beschwer­de ein­ge­reicht, um eine Wie­der­auf­nah­me der Unter­su­chun­gen zu erzwin­gen. Die Ent­schei­dung dazu steht bis heu­te aus.

Doch zurück zur „Neu­en Soli­da­ri­tät“:

War­um, so möch­te man erfah­ren, da es doch kei­ner­lei neue Erkennt­nis­se gibt? Die Ant­wort ist sim­pel, aber fun­da­men­tal, und sie liegt in der Geschich­te des WDR. Die­ser erhielt bekann­ter­ma­ßen sei­ne Lizenz durch die bri­ti­sche Besat­zungs­macht, wor­an er sich immer, wenn es dar­auf ankommt, treu­lich erin­nert hat.

Mit dem WDR hat sich die LaRou­che-Bewe­gung noch nie gut ver­stan­den, wie man z.B. in „Deck­na­me Schil­ler“, einem Buch von Hel­mut Lor­scheid und Leo A. Mül­ler aus dem Jahr 1986 nach­le­sen kann. Damals warf man dem Sen­der zwar noch „Goeb­bels-Metho­den“ vor, aber die Zei­ten ändern sich und so kann sich der West­deut­sche Rund­funk natür­lich auch in einen heim­li­chen Feind­funk ver­wan­delt haben. Dazu muss man wis­sen, dass Lyn­don LaRou­che und sei­ne Anhän­ger bei jeder sich bie­ten­den (also viel mehr: bei jeder) Gele­gen­heit eine bri­ti­sche Ver­schwö­rung ver­mu­ten: Der Bom­ben­an­schlag in Okla­ho­ma City 1995, die ver­such­te Amts­ent­he­bung von Bill Clin­ton, selbst Kom­men­ta­re in kana­di­schen Bou­le­vard­zei­tun­gen sol­len auf das Kon­to „der Bri­ten“ gehen – kein Wun­der, dass LaRou­che „die ame­ri­ka­ni­sche Repu­blik vor der Zer­stö­rung durch ihren Erz­feind, das bri­ti­sche Empire“ bewah­ren will.

Statt also Pro­pa­gan­da für die bösen, bösen Bri­ten zu betrei­ben, so der wei­te­re Tenor in der „Neu­en Soli­da­ri­tät“, hät­te der WDR mal lie­ber über die wirk­lich wich­ti­gen The­men spre­chen sol­len. Natür­lich mit jeman­dem, der sich damit aus­kennt:

Man fra­ge sich doch ein­mal ganz unvor­ein­ge­nom­men: Wäre es im gegen­wär­ti­gen finan­zi­el­len Zusam­men­bruchs­pro­zeß, der spä­tes­tens seit Mon­tag, dem 21. Janu­ar, jedem deut­lich gewor­den ist, nicht „nor­ma­ler“ gewe­sen, wenn der WDR Hel­ga Zepp-LaRou­che ange­ru­fen und sie zu ihren Lösungs­vor­schlä­gen für die Kri­se („Neu­es Bret­ton Woods“, Schutz­wall für das Gemein­wohl) und zu den Initia­ti­ven ihres Man­nes in Ame­ri­ka befragt und dar­über eine Sen­dung gemacht hät­te? Das sind die The­men, die gegen­wär­tig die Men­schen bren­nend inter­es­sie­ren, vor allem, weil die poli­ti­sche Füh­rung offen­bar bis­her kom­plett ver­sagt! Als öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk wäre das die Auf­ga­be des WDR, statt die Gel­der der Bür­ger dazu zu ver­geu­den, die ein­zi­ge gegen­wär­tig in Deutsch­land sicht­ba­re Per­sön­lich­keit, die kom­pe­ten­te Initia­ti­ven zum Schutz des Gemein­wohls prä­sen­tiert, anzu­grei­fen. Es sei denn, man fühlt sich ande­rem ver­pflich­tet… und da liegt wohl „der Hase im Pfef­fer“, wie man so schön sagt.

Ein­mal in Rage geschrie­ben macht die stell­ver­tre­ten­de Bun­des­vor­sit­zen­de der „BüSo“, die die­sen „Zwi­schen­ruf“ ver­fasst hat, noch einen etwas wir­ren Schlen­ker zu dem Ver­lag, in dem die Autorin die­ser „Sen­dung“ (da steht wirk­lich Sen­dung in Anfüh­rungs­stri­chen) ihre Bücher ver­öf­fent­licht, und greift dann zum Schlimms­ten: Namens­wit­zen.

Die ver­ant­wort­li­che Redak­teu­rin heißt übri­gens Frau Dreck­mann – kein Kar­ne­vals­scherz.

Eben­falls kein Scherz: Die aus­gie­big zitier­te „Neue Soli­da­ri­tät“ wird bei „Goog­le News“ als Nach­rich­ten­quel­le geführt. Zwei Anfra­gen mei­ner­seits (eine im Janu­ar, eine letz­te Woche), ob man bei Goog­le eigent­lich wis­se, um was für eine Publi­ka­ti­on es sich bei der „Neu­en Soli­da­ri­tät“ han­de­le, sind bis heu­te unbe­ant­wor­tet geblie­ben.

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Politik Gesellschaft

„Nazi!“ – „Selber!“

Bei­na­he wöchent­lich erschüt­tert ein neu­er „Nazi-Skan­dal“ die Öffent­lich­keit. Kaum jemand kann noch den Über­blick behal­ten, wer gera­de wie­der ver­se­hent­lich oder absicht­lich etwas gesagt hat, was „halt nicht geht“.

Das Dienst­leis­tungs­blog Cof­fee And TV hat sich des­halb bemüht, einen his­to­ri­schen Abriss der skan­da­lö­ses­ten Skan­da­le und der empö­rens­wer­tes­ten Ent­glei­sun­gen zusam­men­zu­stel­len, der selbst­ver­ständ­lich kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhe­ben will:

  • 1979 Als Franz Josef Strauß im Wahl­kampf mit Eiern und Toma­ten bewor­fen wird, ver­gleicht sein Wahl­kampf­lei­ter Edmund Stoi­ber das Ver­hal­ten der Men­schen mit dem der „schlimms­ten Nazi-Typen in der End­zeit der Wei­ma­rer Repu­blik“.
  • Sep­tem­ber 1980 In „Kon­kret“ erscheint ein Arti­kel von Hen­ryk M. Bro­der, der glaubt, bei einer Artis­tik­num­mer im „Cir­cus Ron­cal­li“ eine „faschis­ti­sche Ästhe­tik“ und den Hit­ler­gruß beob­ach­tet zu haben.
  • 15. Juni 1983 Hei­ner Geiß­ler (CDU) sagt in einer Sicher­heits­de­bat­te im Bun­des­tag: „Ohne den Pazi­fis­mus der 30er Jah­re wäre Ausch­witz über­haupt nicht mög­lich gewe­sen.“
  • 15. Juli 1982 Oskar Lafon­taine äußert sich über die „Sekun­där­tu­gen­den“ von Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt, mit denen „man auch ein KZ betrei­ben“ kön­ne.
  • 25. April 1983 Der „Stern“ prä­sen­tiert auf einer Pres­se­kon­fe­renz die angeb­li­chen Tage­bü­cher Adolf Hit­lers, die sich zehn Tage spä­ter als Fäl­schung erwei­sen. Die Chef­re­dak­ti­on muss zurück­tre­ten, Repor­ter Gerd Hei­de­mann und Fäl­scher Kon­rad Kujau wer­den zu Haft­stra­fen ver­ur­teilt.
  • 1985 Alt-Kanz­ler Brandt sagt, Hei­ner Geiß­ler sei „seit Goeb­bels der schlimms­te Het­zer in unse­rem Land.“
  • 15. Okto­ber 1986 In einem Inter­view mit „News­week“ ver­gleicht Hel­mut Kohl die PR-Fähig­kei­ten des sowje­ti­schen Staats- und Par­tei­chefs Michail Gor­bat­schow mit denen von Joseph Goeb­bels.
  • 17. Okto­ber 1988 In einem Arti­kel in der „taz“ bezeich­net der freie Mit­ar­bei­ter Tho­mas Kapiel­ski ein Dis­co als „Gas­kam­mer­voll“. Nach wochen­lan­gen Leser­pro­tes­ten wer­den die zustän­di­gen Redak­teu­rin­nen ent­las­sen.
  • 10. Novem­ber 1988 Bun­des­tags­prä­si­dent Phil­ipp Jen­nin­ger hält eine Rede über das „Fas­zi­no­sum“ des Natio­nal­so­zia­lis­mus und muss nach öffent­li­chen Pro­tes­ten sei­nen Rück­tritt erklä­ren.
  • 10. Dezem­ber 1988 Wiglaf Dros­te über­schreibt einen Arti­kel in der „taz“ über Wolf­gang Neuss mit „Trau­er­ar­beit macht frei“. Die Leser­brie­fe tref­fen wasch­kör­be­wei­se in der Redak­ti­on ein.
  • 6. April 1994 Das für den 20. April geplan­te Fuß­ball­län­der­spiel Deutsch­land – Eng­land im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on wird nach Pro­tes­ten abge­sagt.
  • 10. Febru­ar 1997 In Flo­ri­da herrscht ein betrun­ke­ner Harald Juhn­ke einen far­bi­gen Wach­mann an: „Du dre­cki­ger N[*****], bei Hit­ler wäre so etwas ver­gast wor­den.“
  • Mai 1997 Bei einem Gast­spiel in Isra­el unter­schreibt ein Bas­sist der Deut­schen Oper eine Hotel­rech­nung mit „Adolf Hit­ler“.
  • Juni 1998 Nokia wirbt mit dem Slo­gan „Jedem das Sei­ne“ für aus­tausch­ba­re Han­dy­co­ver. Nach Pro­tes­ten wird die Kam­pa­gne ein­ge­stellt.
  • 11. Okto­ber 1998 Mar­tin Wal­ser hält in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che sei­ne „Moralkeulen“-Rede, für die er von Ignatz Bubis lang­an­hal­tend kri­ti­siert wird.
  • Febru­ar 1999 Nach dem Raus­wurf von Trai­ner Horst Ehrm­an­traut sagt der Ein­tracht-Frank­furt-Spie­ler Jan-Age Fjör­toft laut Sport­di­rek­tor Ger­not Rohr: „Vor­her war es Hit­ler­ju­gend, jetzt ist es kor­rekt.“
  • 1. Febru­ar 2001 Nico­la Beer, FDP-Abge­ord­ne­te im hes­si­schen Land­tag, sieht den Unter­schied zwi­schen den „Putz­grup­pen“, denen Josch­ka Fischer frü­her ange­hört hat, und Neo­na­zis „nur dar­in, dass die Putz­trup­pen damals mit Turn­schu­hen im Wald unter­wegs waren und dass die heu­te Sprin­ger­stie­fel anha­ben.“
  • 12. März 2001 Bun­des­um­welt­mi­nis­ter Jür­gen Trit­tin sagt über den kahl­köp­fi­gen CDU-Gene­ral­se­kre­tär, die­ser habe „die Men­ta­li­tät eines Skin­heads und nicht nur das Aus­se­hen“.
  • März 2002 Jamal Kars­li, damals Grü­nen-Abge­ord­ne­ter im NRW-Land­tag ver­öf­fent­licht eine Pres­se­er­klä­rung mit der Über­schrift „Israe­li­sche Armee wen­det Nazi-Metho­den an!“ Kurz dar­auf ver­lässt er die Grü­nen und wird von Jür­gen W. Möl­le­mann kurz­zei­tig in die FDP-Frak­ti­on geholt.
  • 13. Mai 2002 Im FAZ-Feuil­le­ton schreibt Patrick Bah­ners über die feh­len­de Regie­rungs­er­fah­rung des FDP-Kanz­ler­kan­di­da­ten Gui­do Wes­ter­wel­le: „Der letz­te deut­sche Kanz­ler, den nur das Cha­ris­ma des Par­tei­füh­rers emp­fahl, war Adolf Hit­ler.“ FDP-Gene­ral­se­kre­tä­rin Cor­ne­lia Pie­per for­dert ver­geb­lich eine Ent­schul­di­gung.
  • 13. August 2002 Weil er sich vom Rasen­mä­hen sei­ner Nach­barn beläs­tigt fühlt, bezeich­net der Lie­der­ma­cher Rein­hard Mey die­se als „Gar­ten­na­zis“.
  • 29. August 2002 Wie der „Spie­gel“ berich­tet, habe Hel­mut Kohl Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Thier­se in einem pri­va­ten Gespräch als „schlimms­ten Prä­si­den­ten seit Her­mann Göring“ bezeich­net.
  • Sep­tem­ber 2002 Nach einer wochen­lan­gen Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te mit Michel Fried­man ver­öf­fent­licht Jür­gen W. Möl­le­mann weni­ge Tage vor der Bun­des­tags­wahl ein Flug­blatt, auf dem er Fried­man und Ari­el Sharon scharf angreift. Dem Par­tei­aus­schluss kommt er im März 2003 durch einen Aus­tritt zuvor.
  • 18. Sep­tem­ber 2002 Her­ta Däub­ler-Gme­lin ver­gleicht die Poli­tik Geor­ge W. Bushs mit der Adolf Hit­lers.
  • 11. Dezem­ber 2002 Roland Koch bezeich­net die Rei­chen-Kri­tik von Ver.di-Chef Frank Bsir­s­ke als „eine neue Form des Sterns auf der Brust“.
  • 2. Juli 2003 Im Euro­päi­schen Par­la­ment schlägt Sil­vio Ber­lus­co­ni den deut­schen SPD-Abge­ord­ne­ten Mar­tin Schulz „für die Rol­le des Lager­chefs“ in einem Spiel­film über Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger vor.
  • 3. Okto­ber 2003 Bei einer Rede zum Tag der deut­schen Ein­heit han­tiert der CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Mar­tin Hoh­mann mit dem Begriff „Täter­volk“ in der Nähe zu „den Juden“ und wird im fol­gen­den Jahr aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen.
  • 30. August 2004 Auf dem selbst­be­ti­tel­ten Album der Liber­ti­nes erscheint ein Song namens „Arbeit Macht Frei“. Da Pete Doh­erty aber noch nicht der „Skan­dal-Rocker“ und „(Ex-)Freund von Kate Moss“ ist, ist die­ser Umstand kei­ne Mel­dung wert.
  • 15. Dezem­ber 2004 In Hes­sen dür­fen Ord­nungs­äm­ter „Ord­nungs­po­li­zei“ hei­ßen. Da der Begriff schon für die Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der Poli­zei im Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­wen­det wur­de, kommt es zu Pro­tes­ten und schließ­lich zur Auf­lö­sung der Behör­de.
  • 6. Janu­ar 2005 Der Köl­ner Erz­bi­schof Joa­chim Kar­di­nal Meis­ner ver­gleicht Abtrei­bun­gen mit den Ver­bre­chen von Hit­ler und Sta­lin.
  • 13. Janu­ar 2005 Der bri­ti­sche Prinz Har­ry erscheint in einer Nazi-Uni­form auf einem Kos­tüm­ball.
  • 13. Mai 2005 Der bay­ri­sche Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Tho­mas Gop­pel bezeich­net nach einer Rede das Ver­hal­ten pro­tes­tie­ren­der Stu­den­ten als „Hin­weis auf die Into­le­ranz, die uns damals in das Schla­mas­sel gebracht haben“.
  • 12. Juli 2005 SPD-Frak­ti­ons­vi­ze Lud­wig Stiegler ver­gleicht den CDU-Slo­gan „Sozi­al ist, was Arbeit schafft“ mit der KZ-Inschrift „Arbeit macht frei“.
  • 16. Sep­tem­ber 2005 Weil CDU-Abge­ord­ne­te die Rede eines SPD-Abge­ord­ne­ten mit Zwi­schen­ru­fen stö­ren, ver­gleicht Sig­mar Gabri­el deren Ver­hal­ten mit dem der Nazis.
  • Sep­tem­ber 2005 Die­ter Tho­mas Heck ver­gleicht Ange­la Mer­kels Rhe­to­rik mit der Adolf Hit­lers.
  • 24. Febru­ar 2006 Weil er einen jüdi­schen Jour­na­lis­ten mit einem KZ-Auf­se­her ver­gli­chen hat­te, wird der Lon­do­ner Bür­ger­meis­ter Ken Living­stone für vier Wochen vom Dienst sus­pen­diert.
  • 17. August 2006 Bei einem Test­spiel in Ita­li­en for­men kroa­ti­sche Fuß­ball­fans auf der Tri­bü­ne ein Haken­kreuz.
  • Novem­ber 2006 Der Stu­diVZ-Grün­der Ehs­san Daria­ni ver­schickt eine Geburts­tags­ein­la­dung im Sti­le des „Völ­ki­schen Beob­ach­ters“.
  • 9. Febru­ar 2007 Ein „Bild“-Leser ent­deckt in Goog­le Earth den Schrift­zug „Nazi Ger­ma­ny“ bei Ber­lin.
  • 9. Febru­ar 2007 Die RTL-Woh­nungs­ver­schö­ne­rin Tine Witt­ler erwirkt eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung gegen einen Trai­ler für die fik­ti­ve Sen­dung „Tine Hit­ler: Ein­marsch in vier Wän­den“ bei Come­dy Cen­tral („täg­lich von 19.33 Uhr bis 19.45 Uhr“).
  • 14. März 2007 Bei einer inter­nen Unter­su­chung stellt die Frank­fur­ter Poli­zei fest, dass sich Per­so­nen­schüt­zer von Michel Fried­man ger­ne mit Nazi-Sym­bo­len prä­sen­tier­ten.
  • 11. April 2007 In sei­ner Trau­er­re­de auf Hans Fil­bin­ger bezeich­net Gün­ther Oet­tin­ger den frü­he­ren Mari­ne­rich­ter als „Geg­ner des NS-Regimes“.
  • 6. Sep­tem­ber 2007 Bei einer Buch­vor­stel­lung äußert sich Eva Her­man umständ­lich und miss­ver­ständ­lich über die Fami­li­en­po­li­tik im Natio­nal­so­zia­lis­mus und wird vom NDR gefeu­ert.
  • 14. Sep­tem­ber 2007 Im Köl­ner Dom warnt Joa­chim Kar­di­nal Meis­ner: „Dort, wo die Kul­tur vom Kul­tus, von der Got­tes­ver­eh­rung abge­kop­pelt wird, erstarrt der Kult im Ritua­lis­mus und die Kul­tur ent­ar­tet.“
  • 9. Okto­ber 2007 Bei einem Auf­tritt in der Show von Johan­nes B. Ker­ner ver­hed­dert sich Eva Her­man aber­mals in rhe­to­ri­schen Fuß­an­geln, als sie von Hit­lers Auto­bah­nen spricht. Es ist ihr letz­ter Fern­seh­auf­tritt bis heu­te.
  • 20. Okto­ber 2007 Bischof Wal­ter Mixa fühlt sich durch Äuße­run­gen von Clau­dia Roth „in erschre­cken­der Wei­se an die Pro­pa­gan­da-Het­ze der Natio­nal­so­zia­lis­ten gegen die Katho­li­sche Kir­che und ihre Reprä­sen­tan­ten“ erin­nert.
  • 25. Okto­ber 2007 In der ers­ten Sen­dung von „Schmidt & Pocher“ kommt ein „Nazo­me­ter“ zum Ein­satz, das für Pro­tes­te sorgt.
  • 7. Novem­ber 2007 Wolf­gang Schäub­le sagt im Hin­blick auf die Mas­sen­kla­ge gegen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung: „Wir hat­ten den ‚größ­ten Feld­herrn aller Zei­ten‘, den GröFaZ, und jetzt kommt die größ­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de aller Zei­ten.“
  • 27. Dezem­ber 2007 Will Smith spe­ku­liert über Adolf Hit­lers Mor­gen­ge­dan­ken.
  • 20. Janu­ar 2008 Gui­do Knopp fühlt sich durch einen Vor­trag von Tom Crui­se an die Sport­pa­last-Rede von Joseph Goeb­bels erin­nert.
  • 23. Janu­ar 2008 „Bild“ ver­öf­fent­licht ein Video, das DJ Tomekk mit erho­be­nem rech­ten Arm und beim Sin­gen der ers­ten Stro­phe des „Deutsch­land­lieds“ zeigt.
  • 30. Janu­ar 2008 In der Pro­Sie­ben-Quiz­show „Night­l­oft“ sagt Mode­ra­to­rin Julia­ne Zieg­ler „Arbeit macht frei“. Am nächs­ten Mor­gen trennt sich der Sen­der von ihr.
  • 31. Janu­ar 2008 In Rio de Janei­ro ver­bie­tet ein Gericht den Ein­satz eines Kar­ne­vals­wa­gens mit über­ein­an­der gesta­pel­ten Holo­caust-Opfern und eines Tän­zers im Hit­ler­kos­tüm beim Kar­ne­vals­zug.

Mit Dank an Niels W. für die indi­rek­te Anre­gung und Ste­fan N. für die Unter­stüt­zung bei der Recher­che.

Unter Zuhil­fe­nah­me von agitpopblog.org, FAZ.net und der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler an der FU Ber­lin.

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Rundfunk Gesellschaft

Hitl, hitler, am hitlsten

So, da hat­te also DJ Tomekk, der zunächst wahn­sin­nig unsym­pa­thi­sche, dann aber immer knuf­fi­ger wer­den­de Dschun­gel­camp-Bewoh­ner, vor zehn Tagen in einer aus­tra­li­schen Hotel­hal­le den rech­ten Arm geho­ben und die ers­te Stro­phe des Deutsch­land­lieds (die übri­gens nicht „ver­bo­ten“ ist, lie­be Viva-Mit­ar­bei­ter) ange­stimmt. Ges­tern tauch­te das Video dann urplötz­lich auf und wur­de von „Bild.de“ ver­öf­fent­licht. Dass man die Erst­ver­öf­fent­li­chung des Vide­os mit dem Off-Kom­men­tar „Die­ses Skan­dal­vi­deo scho­ckiert Deutsch­land!“ ver­se­hen hat­te, spricht ent­we­der für eine Lücke im Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um oder für das Selbst­ver­ständ­nis von „Bild“.

Und „Bild“ soll­te recht behal­ten: Schon im eige­nen Arti­kel hat­te man die gut geöl­te Empö­rungs­ma­schi­ne­rie in Gang gebracht. Gut mög­lich, dass Die­ter Grau­mann, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land, weder wuss­te, wer DJ Tomekk war, noch das Video gese­hen hat­te, als „Bild“ ihn anrief und um einen Kom­men­tar bat. Aber „Wer Hit­ler fei­ert, muss geäch­tet wer­den“, kann man ja immer sagen.

Nun, es mag sicher eini­ger­ma­ßen geschmack­los sein, als Deut­scher im Aus­land den Hit­ler-Gruß zu zei­gen, aber … Moment, „Deut­scher“? Tomekk wur­de als Tomasz Kuklicz in Kra­kau gebo­ren, sein Mut­ter ist Polin, sein Vater Marok­ka­ner – für Roland Koch und erst recht für Neo­na­zis macht ihn das wohl zu einem „Aus­län­der“. Des­we­gen sind Über­schrif­ten wie „Nazi-Skan­dal im Dschun­gel-Camp“ gleich dop­pel­ter Unfug.

Der „Skan­dal“ fin­det näm­lich außer­halb des Camps statt, in laut­stark empör­ten Medi­en, deren Leser und Zuschau­er bis vor zwei Wochen nicht mal wuss­ten, dass es einen DJ namens Tomekk geben könn­te. Als wären die deut­schen Medi­en­kon­su­men­ten zu doof, Geschmack­lo­sig­kei­ten selbst zu erken­nen, wird ihnen von mög­lichst vie­len Fach­leu­ten für Ent­rüs­tung erklärt, war­um die­ses oder jenes „nicht geht“. Über kurz oder lang kann das aller­dings dazu füh­ren, dass die Leu­te irgend­wann eben nicht mehr selb­stän­dig wis­sen, was „schlimm“ ist.

Jan Fed­der­sen hat bei taz.de einen sehr inter­es­san­ten Arti­kel ver­öf­fent­licht, dem ich nicht in allen Punk­ten zustim­men wür­de, der aber die Lek­tü­re den­noch lohnt:

In Deutsch­land geht Nazi gar nicht. Nie­mals und auf ewig nicht. Ist schlimm. Poli­tisch, ästhe­tisch, kul­tu­rell, unter­schicht­stra­shig. Jeder muss wis­sen, dass jede semio­ti­sche Andeu­tung min­des­tens fünf Tank­las­ter Trä­nen der Empö­rung und der Wut und des Abscheus pro­vo­ziert. Soli­da­ri­täts­er­klä­run­gen von Zen­tral­rä­ten, Gewerk­schafts­krei­sen, Zir­keln der Opfer und Ver­ei­nen der Auch­be­trof­fen­heit in all­ge­mei­ner Hin­sicht.

Klar, dass das den Lesern sau­er auf­stößt:

Gera­de in der Taz ein Plä­doy­er für sol­che völ­lig unan­ge­brach­ten „Scher­ze“ zu fin­den, irri­tiert mich gera­de ziem­lich.

Oder:

Ich wuss­te gar nicht, dass die TAZ das Bil­dungs­fern­se­hen RTL und ihre tra­shi­ge-debi­le Dschun­gel­sen­ung anschaut!

Und damit wird viel­leicht auch die Marsch­rich­tung Inten­ti­on der gan­zen Kam­pa­gne ange­spro­chen: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ ist ja eh „Unter­schich­ten­fern­se­hen“. Wenn ein dort mit­ma­chen­der Hip­Hop-Proll (Hip­Hop ist ja eh böse, s. Bushi­do) also zum Nazi taugt, kann sich das Bür­ger­tum ent­spannt zurück­leh­nen und gleich drei Sachen auf ein­mal schei­ße fin­den. Das ist ein­fa­cher, als sich mit den ech­ten Neo­na­zis vor der eige­nen Haus­tür zu beschäf­ti­gen.

Die wirk­lich span­nen­de Fra­ge, die Fed­der­sens Arti­kel auf­wirft, ist die, war­um man in Deutsch­land eigent­lich immer noch kei­ne Wit­ze über Nazis machen soll:

DJ Tomekk mag uns der Beweis sein: 75 Jah­re nach der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten in Deutsch­land darf über den Füh­rer, darf über Goeb­bels, Hit­ler, über all das Nazig’schwurbel gelacht und geläs­tert wer­den.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wel­che „Wit­ze“ man über Nazis machen soll­te und wel­che nicht. Aber wer­den Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten etwa „weni­ger schlimm“, wenn man sich über die Anfüh­rer von damals lus­tig macht? Fast scheint es, als wür­den die­se Arsch­lö­cher heu­te erns­ter genom­men als je im „Drit­ten Reich“.

Wei­ter­füh­ren­de Links
DJ Tomekks Reak­ti­on und Ent­schul­di­gung im Wort­laut
Das Hit­ler-Blog der taz zum The­ma

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Gesellschaft Musik

Der Anfang vom endgültigen Ende

„Blunt­ly put, in the fewest of words:
Cunts are still run­ning the world“

(Jar­vis Cocker – Run­ning The World)

Auch schon ausgestorben: Dinosaurier

Vor­ges­tern ver­kün­de­te der ange­schla­ge­ne Musik­kon­zern EMI, er wer­de welt­weit zwi­schen 1500 und 2000 Stel­len strei­chen und damit wohl ein Drit­tel sei­ner Ange­stell­ten feu­ern. Der pri­va­te-equi­ty-Kon­zern Ter­ra Fir­ma, der das Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men im ver­gan­ge­nen Som­mer über­nom­men hat­te, will aus EMI bin­nen kur­zer Zeit ein pro­fi­ta­bles Unter­neh­men machen.

Das allein klingt schon mal nach einer ziem­lich däm­li­chen Idee, denn jedes Kind weiß, dass Plat­ten­fir­men so ziem­lich die schlech­tes­te Wahl sind, wenn man auf schnel­les Geld aus ist. Oder über­haupt auf Geld. Man könn­te sich genau­so gut in eine Fabrik für elek­tri­sche Schreib­ma­schi­nen oder in einen Zei­tungs­ver­lag ein­kau­fen.

Das Bei­spiel EMI zeigt was pas­siert, wenn glo­bal play­er nicht mehr von welt­frem­den Trot­teln, son­dern von geld­gei­len Voll­trot­teln geführt wer­den: Die Musi­ker, mei­nen lai­en­haf­ten Wirt­schafts­vor­stel­lun­gen zufol­ge nicht unbe­dingt der unwich­tigs­te Teil eines Musik­kon­zerns, waren näm­lich mit den Ansa­gen der neu­en Chefs (vie­le Krea­ti­ve reagie­ren bei­spiels­wei­se auf Zeit­druck all­er­gisch) gar nicht gut zu spre­chen und kün­dig­ten eine Art Ver­öf­fent­li­chungs­boy­kott an. Rob­bie Wil­liams, Cold­play und die wie­der­ver­ei­nig­ten The Ver­ve wol­len angeb­lich erst mal nichts mehr raus­brin­gen, mit Paul McCart­ney, Radio­head und jetzt wohl auch den Rol­ling Stones haben Künst­ler, die teils über meh­re­re Jahr­zehn­te Zug­pfer­de bei EMI waren, dem Kon­zern den Rücken gekehrt oder dies ange­kün­digt. Und egal, ob die Ver­trä­ger einen Musi­ker-Streik wirk­lich zulas­sen und ob aus den Res­ten der EMI wirk­lich ein pro­fi­ta­bler Kon­zern wer­den kann: Ich glau­be, wir erle­ben damit das letz­te Kapi­tel der Musik­in­dus­trie im alten Sin­ne und es wird ein Ende mit Schre­cken.

Es ist fast acht Jah­re her, dass Metal­li­ca-Drum­mer Lars Ulrich dem US-Senat vor­heul­te, dass die Musik sei­ner Band bei Naps­ter auf­ge­taucht sei. Die Poli­tik reagier­te auf die­ses völ­lig neu­ar­ti­ge Phä­no­men mit immer neu­en Geset­zen, die es nun auch in Deutsch­land wie­der ver­lo­cken­der erschei­nen las­sen, CDs direkt im Laden zu klau­en anstatt sie ille­gal her­un­ter­zu­la­den. Die Musik­kon­zer­ne reagier­ten unter ande­rem damit, dass sie ihren ver­blie­be­nen zah­len­den Kun­den High-Tech-Müll ver­kauf­ten, der auf vie­len Abspiel­ge­rä­ten nicht lief (beson­ders lus­tig beim Musik­kon­zern und Elek­tronik­her­stel­ler Sony) oder die Com­pu­ter-Sicher­heit des Käu­fers gefähr­de­ten. Spä­ter ver­such­ten sie, den Wert von Musik dadurch zu ver­mit­teln, dass sie ein­sa­me CDs ohne Book­let (BMG, inzwi­schen heim­lich, still und lei­se wie­der vom Markt ver­schwun­den) oder in bil­li­gen Papp­schu­bern (Uni­ver­sal) zu ver­meint­li­chen „Son­der­prei­sen“ auf den Markt war­fen.

Zuge­ge­ben: Auch ich habe kei­nen bril­lan­ten Plan, wie man auf die feh­len­de Bereit­schaft eines Teils (mög­li­cher­wei­se sogar tat­säch­lich eines Groß­teils) der Bevöl­ke­rung, für die stän­di­ge Ver­füg­bar­keit von Musik Geld zu zah­len, reagie­ren soll­te. Womög­lich wür­de ich nicht mit der Belei­di­gung und Schi­ka­nie­rung der Rest-Kund­schaft begin­nen. Aber ich bin auch nicht die Musik­in­dus­trie, ich muss gar kei­nen bril­lan­ten Plan haben.

Viel­leicht ist das Wort „Musik­in­dus­trie“ allei­ne (Prof. Die­ter Gor­ny, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Deut­schen Pho­no-Aka­de­mie, spricht sogar von „Krea­tiv­wirt­schaft“) schon ein Irr­tum, ein schreck­li­ches Miss­ver­ständ­nis. Musik ist (wie Film, Lite­ra­tur, Thea­ter, bil­den­de Kunst) in ers­ter Linie Kunst und somit weder unter „Indus­trie“ noch unter „Wirt­schaft“ ein­zu­sor­tie­ren. Die Tat­sa­che, dass Groß­kon­zer­ne ein paar Jahr­zehn­te gut von der Ver­mark­tung die­ser Kunst leben konn­ten, ist his­to­risch betrach­tet eine Aus­nah­me, eine Art Ver­se­hen. Beet­ho­ven, van Gogh und Goe­the haben ihre Kunst nicht geschaf­fen, um damit irgend­wel­chen Unter­neh­mern zu Geld und Ruhm zu ver­hel­fen – im Fal­le von van Gogh hat es zu Leb­zei­ten nicht mal zu eige­nem Geld und Ruhm gereicht.

Natür­lich soll das im Umkehr­schluss nicht hei­ßen, dass alle Künst­ler hun­gern und ver­armt ster­ben sol­len. Selbst über die Fra­ge, ob ein Künst­ler wie Rob­bie Wil­liams einen 120-Mil­lio­nen-Euro-Ver­trag wert sein soll­te, lässt sich noch dis­ku­tie­ren – zumin­dest, wenn die Plat­ten­fir­ma durch die Ver­mark­tung von des­sen Musik ein Viel­fa­ches ein­nimmt. Ich glau­be aber, dass es eine irri­ge Idee ist, mit der Ver­mark­tung von Kunst auch noch jedes Jahr fet­te Ren­di­te erwirt­schaf­ten zu kön­nen. Thea­ter und Muse­en wer­den sub­ven­tio­niert, es gibt die Buch­preis­bin­dung und die Film­för­de­rung – was sagt uns das über die Wirt­schaft­lich­keit von Kul­tur, Stich­wort „Krea­tiv­wirt­schaft“?

Einer der Grund­sät­ze von Wirt­schaft ist die Sache mit Ange­bot und Nach­fra­ge. Was aber tun, wenn die Nach­fra­ge nach kos­ten­pflich­ti­ger Musik wirk­lich nach­lässt? Es wäre eine Mög­lich­keit, das Kon­zept „Songs gegen Koh­le“ zu beer­di­gen, aber das muss viel­leicht nicht mal sein. Eine neue Idee aber braucht es: Einer­seits wäre es wün­schens­wert, jun­gen Men­schen, die fünf Euro für einen Becher Kaf­fee mit Geschmack zah­len, klar zu machen, dass auch das Erdenken, Ein­spie­len, Pro­du­zie­ren und Ver­öf­fent­li­chen von Musik har­te Arbeit ist, ande­rer­seits erscheint es mir eini­ger­ma­ßen begreif­lich, dass kein nor­ma­ler Mensch 18 Euro für eine aktu­el­le CD zah­len will, wenn die­se vor ein paar Jah­ren noch 15 Euro gekos­tet hät­te. Ich mag CDs wirk­lich – ich mag es, das Book­let durch­zu­blät­tern und die Schei­be selbst in den Hän­den zu hal­ten -, aber die Dif­fe­renz von bis zu acht Euro zum lega­len Down­load lässt mich immer häu­fi­ger zum Down­load schwen­ken – zumal ich mir da die oft­mals erfolg­lo­se Suche bei „Saturn“ spa­ren und die Musik sofort hören kann.

Ich könn­te grund­sätz­lich wer­den, ein fehl­ge­lei­te­tes Wirt­schafts­sys­tem gei­ßeln und das Fass mit dem Grund­ein­kom­men auf­ma­chen. Das soll­te nicht aus den Augen gelas­sen wer­den, hilft aber im Moment auch nicht wei­ter. Im Moment droht 2000 Men­schen die Arbeits­lo­sig­keit, die selbst bei dem Ver­such, Künst­ler wie Lisa Bund oder Revol­ver­held an den Mann zu brin­gen, noch Enga­ge­ment zei­gen: die Ansprech­part­ner bei den Plat­ten­fir­men für Pres­se und Künst­ler, die schon in der Ver­gan­gen­heit so häu­fig wech­sel­ten wie sonst nur beim Speed Dating. Die ein­fa­chen Mit­ar­bei­ter, die bei Mee­tings auf Kaf­fee und Gebäck ver­zich­ten müs­sen, wäh­rend die Mana­ger in der Busi­ness Class um die Welt jet­ten und über­all zei­gen, wie wenig Ideen sie selbst noch haben. Und natür­lich geht es auch weni­ger um die Zukunft von Rob­bie Wil­liams und den Rol­ling Stones, als viel­mehr um die Chan­cen mög­li­cher Nach­wuchs­stars.

Dabei wird aber über­se­hen, dass der hoch­do­tier­te Major-Ver­trag, der lebens­lan­gen Reich­tum garan­tiert, längst schon Aus­nah­me statt Regel ist – vor allem aber ist er kein Muss mehr. Das Inter­net bie­tet so vie­le Mög­lich­kei­ten, Hörer (und damit poten­ti­el­le Käu­fer und Fans) zu fin­den, aber auch um die Ver­mark­tung selbst in die Hand zu neh­men. Zwar gehen Krea­ti­vi­tät und Mar­ke­ting- oder gar Finanz­ge­schick sel­ten Hand in Hand, aber das wird sich auch noch fin­den. Das nächs­te oder über­nächs­te „Inter­net­phä­no­men“ (und damit der Nach­fol­ger von den Arc­tic Mon­keys und Lily Allen) wird sei­ne Musik viel­leicht gar nicht mehr bei einer regu­lä­ren Plat­ten­fir­ma und auf CD her­aus­brin­gen.

Ich jeden­falls wür­de den Musi­kern, deren Werk ich schät­ze, mei­ne finan­zi­el­le Aner­ken­nung ger­ne direkt zukom­men las­sen. Ich war durch­aus noch bereit, mit dem Kauf einer Cold­play-CD zur Gegen­fi­nan­zie­rung klei­ne­rer Bands bei­zu­tra­gen. Aber ich habe wenig Bock, irgend­wel­chen geld­gei­len, men­schen- und kul­tur­ver­ach­ten­den hedge-fonds-Teil­ha­bern bei der Auf­bes­se­rung ihrer Ren­di­te zu hel­fen.

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Digital Gesellschaft

Warum ich meine Brüste bei MySpace zeige

Man­che Din­ge sind nur schwer zu erklä­ren: die Abseits­re­gel angeb­lich, der Erfolg von Modern Tal­king oder alles, was mit dem soge­nann­ten Web 2.0 zu tun hat. Wer ein­mal ver­sucht hat, sei­nen Groß­el­tern das Kon­zept eines Blogs oder gar die Funk­ti­ons­wei­se von Twit­ter zu erklä­ren, kennt danach alle Meta­phern und Syn­ony­me der deut­schen Spra­che.

Zu den Din­gen, die für Außen­ste­hen­de (aber nicht nur für die) unver­ständ­lich erschei­nen, gehört die Bereit­schaft jun­ger Men­schen, pri­va­tes­te Din­ge im World Wide Web preis­zu­ge­ben. Bei MySpace, Face­book, Live­Jour­nal, Stu­diVZ und ähn­li­chen Klo­nen tei­len sie theo­re­tisch der gan­zen Welt ihr Geburts­da­tum, ihre Schu­le und ihre sexu­el­le Ori­en­tie­rung mit und bebil­dern das Gan­ze mit jeder Men­ge Fotos, auf denen sie – wenn man der Pres­se glau­ben schen­ken darf – min­des­tens betrun­ken oder halb­nackt sind, meis­tens sogar bei­des.

In der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ von ges­tern war ein gro­ßer Arti­kel von Patrick Ber­nau zu dem The­ma – inter­es­san­ter­wei­se im Wirt­schafts­teil. Dort geht es haupt­säch­lich um die per­so­na­li­sier­ten Wer­be­an­zei­gen, die Stu­diVZ, Face­book und die „Hal­lo Boss, ich suche einen bes­se­ren Job!“-Plattform Xing zum Teil ange­kün­digt, zum Teil ein­ge­führt und zum Teil schon wie­der zurück­ge­nom­men haben. Ber­nau mon­tiert die Aus­kunfts­freu­dig­keit der User gegen die Pro­tes­te gegen die Volks­zäh­lung vor zwan­zig Jah­ren, er hät­te aber ein noch grö­ße­res schein­ba­res Para­do­xon fin­den kön­nen: die Pro­tes­te gegen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung.

Gele­gent­lich fra­ge ich mich selbst, war­um ich einer­seits so ent­schie­den dage­gen bin, dass Poli­zei und Staats­an­walt­schaft im Juli nach­gu­cken könn­ten, wen ich ges­tern ange­ru­fen habe (sie brau­chen nicht nach­zu­gu­cken: nie­man­den), ich aber ande­rer­seits bei diver­sen Platt­for­men und natür­lich auch hier im Blog in Form von Urlaubs­fo­tos (also Land­schafts­auf­nah­men), Anek­do­ten und Mei­nun­gen einen Teil mei­nes Lebens und mei­ner Per­sön­lich­keit einem nicht näher defi­nier­ten Publi­kum anbie­te. Aber ers­tens hal­te ich Aus­künf­te über mei­ne Lieb­lings­bands und ‑fil­me oder die Tat­sa­che, dass ich Fan von Borus­sia Mön­chen­glad­bach bin, für rela­tiv unspek­ta­ku­lär (ich drü­cke die­se Prä­fe­ren­zen ja auch durch das Tra­gen von ent­spre­chen­den T‑Shirts öffent­lich aus), und zwei­tens gebe ich die­se Aus­künf­te frei­wil­lig, ich mache von mei­nem Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung Gebrauch.

Wenn also bei­spiels­wei­se die Juso-Hoch­schul­grup­pe Bochum auf einem Flug­blatt ange­sichts der per­so­na­li­sier­ten Wer­bung im Web 2.0 fragt:

Muss der Staat ein­grei­fen? Wie weit darf die „Markt­wirt­schaft 2.0“ gehen?

und dann auch noch „Schnüf­felVZ“ und Vor­rats­da­ten­spei­che­rung bei einer Podi­ums­dis­kus­si­on gemein­sam behan­deln will, weiß ich schon mal, wel­cher Lis­te ich bei der Wahl zum „Stu­die­ren­den­par­la­ment“ nächs­te Woche mei­ne Stim­me nicht gebe. 1

Ich habe ein wenig Angst, wie die FDP zu klin­gen, aber: Die Mit­glied­schaft in der Gru­schel­höl­le oder beim Frei­be­ruf­ler-Swin­ger­club Xing ist frei­wil­lig, nie­mand muss dort mit­ma­chen, nie­mand muss dort sei­ne Daten ange­ben. Sie ist dar­über­hin­aus aber auch kos­ten­los (Xing gibt’s gegen Bares auch als Pre­mi­um-Ver­si­on, aber das soll uns hier nicht stö­ren) und wird dies auf lan­ge Sicht nur blei­ben kön­nen, wenn die Unter­neh­men über die Wer­bung Geld ver­die­nen. Und war­um per­so­na­li­sier­te Wer­bung effek­ti­ver (und damit für den Wer­be­flä­chen­ver­mie­ter ertrag­rei­cher) ist, erklärt der „FAS“-Artikel in zwei Sät­zen:

Wenn zum Bei­spiel nur die ange­hen­den Inge­nieu­re die Stel­len­an­zei­gen für Inge­nieu­re bekom­men, blei­ben die Juris­ten von den Anzei­gen ver­schont. Wenn ein bewor­be­nes Rasier­was­ser schon zur Alters­grup­pe passt, ist die Wahr­schein­lich­keit höher, dass es dem Nut­zer tat­säch­lich gefällt.

Ob ich nun nach der ein­ma­li­gen pos­ta­li­schen Bestel­lung bei einem Musik­in­stru­men­ten­ver­sand unauf­ge­for­dert die Pro­be­aus­ga­be einer Musik­erzeit­schrift im Brief­kas­ten habe, oder ein wenig auto­ma­tisch erzeug­te Digi­tal­wer­bung auf mei­nem Moni­tor, macht qua­li­ta­tiv kaum einen Unter­schied. Wenn mich das nervt oder mir mei­ne hin­ter­leg­ten Daten zu unge­schützt erschei­nen, kann ich mich ja bequem zurück­zie­hen – dann aller­dings soll­te ich auch die Mög­lich­keit haben, mei­ne Daten Rück­stands­los ent­fer­nen zu las­sen, die­se Min­des­ter­war­tung habe ich an den Platt­form-Anbie­ter.

Wir brau­chen also viel weni­ger einen staat­li­chen Ein­griff (obwohl die Vor­stel­lung, dass Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Bri­git­te Zypries im Fern­se­hen erklä­ren soll, was denn so ein „social net­work“ ist, durch­aus einen erheb­li­chen Trash-Charme hat) und viel mehr Medi­en­kom­pe­tenz. Die kommt frei­lich nicht von selbst, wie man auch am Super-RTL-Kri­ti­ker Gün­ther „Scheiß Pri­vat­fern­se­hen!“ Oet­tin­ger sehen kann. Medi­en­kom­pe­tenz könn­te auch nicht ver­hin­dern, dass von ein paar Mil­lio­nen Com­pu­ter­spie­lern und Hor­ror­film-Zuschau­ern zwei, drei Gestör­te auf die Idee kom­men, das Gese­he­ne nach­zu­ah­men, aber sie könn­te Jugend­li­che wenigs­tens so weit brin­gen, dass die­se das Für und Wider von Betrun­ken-in-Unter­wä­sche-im-Inter­net-Fotos abwä­gen könn­ten.

Aber auch bei dem The­ma sehe ich noch Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten: Wenn Mäd­chen und jun­ge Frau­en in ihren Foto­ga­le­rien bei MySpace oder Face­book Biki­ni- oder Unter­wä­sche­bil­der von sich rein­stel­len, heißt das ja noch lan­ge nicht, dass sie von einer Kar­rie­re im Por­no­ge­schäft träu­men, wie es für man­che Beob­ach­ter aus­se­hen mag. Zwar lässt sich bei ein paar Mil­lio­nen Mit­glie­dern nicht aus­schlie­ßen, dass dar­un­ter auch ein paar Per­ver­se sind, aber die Bil­der die­nen ja ganz ande­ren Zwe­cken: sich selbst zu zei­gen 2 und den Her­ren in der peer group gefal­len.

Nackt­fo­tos von sich selbst hat bestimmt jede zwei­te Frau, die heu­te zwi­schen 18 und 30 ist, schon mal gemacht – min­des­tens, denn die Digi­tal­tech­nik ver­ein­facht auch hier eine Men­ge. Ob sie die ins Inter­net stellt und viel­leicht sogar bei Sui­ci­de­Girls oder ähn­li­chen Sei­ten Kar­rie­re macht 3, soll­te sie natür­lich auch vor dem Hin­ter­grund der ange­streb­ten Berufs­lauf­bahn („Froll­ein Mei­er, mein gro­ßer Bru­der hat sie nackt im Inter­net gese­hen!“), ihres Selbst­ver­ständ­nis­ses und des Risi­kos der Beläs­ti­gung gut abwä­gen. In jeder Klein­stadt gibt es ein Foto­stu­dio, das im Schau­fens­ter mit schwarz-wei­ßen Akt­fo­tos irgend­ei­ner Dorf­schön­heit wirbt – die­se Bil­der sind oft von gerin­ger künst­le­ri­scher Qua­li­tät und sind Leh­rern, Nach­barn und gehäs­si­gen Mit­schü­lern oft viel leich­ter zugäng­lich als MySpace-Fotos.

Auch Bil­der von Alko­hol­ge­la­gen gibt es, seit die ers­te Klein­bild­ka­me­ra auf eine Ober­stu­fen­fahrt mit­ge­nom­men wur­de. Ob Kin­der ihren betrun­ke­nen Vater mit Papier­korb auf dem Kopf im Wand­schrank einer Mün­che­ner Jugend­her­ber­ge 4 nun zum ers­ten Mal sehen, wenn er zum fünf­zigs­ten Geburts­tag von sei­nen Alten Schul­freun­den ein gro­ßes Foto­al­bum bekommt 5, oder sie die Fotos jeder­zeit im Inter­net betrach­ten kön­nen, ist eigent­lich egal. Nicht egal ist es natür­lich, wenn die Abge­bil­de­ten ohne ihre Ein­wil­li­gung im Inter­net lan­den oder die Bil­der jeman­dem zum Nach­teil gerei­chen könn­ten.

Doch auch das wird auf lan­ge Sicht egal wer­den, wie Kolum­nist Mark Mor­ford letz­tes Jahr im „San Fran­cis­co Chro­nic­le“ schrieb:

For one thing, if ever­yo­ne in Gene­ra­ti­on Next even­tual­ly has their tell-all MySpace jour­nals that only 10 fri­ends and their the­ra­pist are forced to read, then soon enough the who­le cul­tu­re, the enti­re work­force will muta­te and absorb the phe­no­me­non, and it will beco­me exact­ly no big deal at all that you once reve­a­led your cra­zy love of pet rats and tequi­la shoo­ters and boys‘ butts online, becau­se hell, ever­yo­ne reve­a­led simi­lar sil­li­ne­ss and ever­yo­ne saw ever­yo­ne else’s drun­ken under­wear and ever­yo­ne stop­ped giving much of a damn about 10 years ago.

Es wird zukünf­ti­gen Poli­ti­kern ver­mut­lich nicht mehr so gehen wie Bill Clin­ton, der irgend­wann mit nicht-inha­lier­ten Joints kon­fron­tiert war, oder Josch­ka Fischer, des­sen Stein­wurf-Fotos nach über drei­ßig Jah­ren auf­tauch­ten: Über wen schon alles bekannt (oder zumin­dest theo­re­tisch zu ergoo­geln) ist, der muss kei­ne Ent­hül­lun­gen oder Erpres­sun­gen fürch­ten. Auch die Bigot­te­rie, mit der Men­schen, die ihre eige­nen Ver­feh­lun­gen geheim­hal­ten konn­ten, ande­ren die­sel­ben vor­hal­ten, könn­te ein Ende haben. Und das Inter­net könn­te über Umwe­ge tat­säch­lich zur Gleich­ma­chung der Gesell­schaft bei­tra­gen.

Nach­trag 16. Janu­ar: Wie es der Zufall so will, hat sich „Fron­tal 21“ dem The­ma ges­tern ange­nom­men. Wenn man die übli­che Welt­un­ter­gangs­stim­mung und die Ein­sei­tig­keit der Exper­ten­mei­nun­gen aus­klam­mert, ist es ein recht inter­es­san­ter Bei­trag, den man sich hier anse­hen kann.

  1. Nicht, dass nach der gro­ßen Geld­ver­bren­nungs­ak­ti­on des Juso-AStAs noch die Gefahr bestan­den hät­te, die­sem Hau­fen mein Ver­trau­en aus­zu­spre­chen, aber dop­pelt hält bes­ser.[]
  2. Und ich höre mich mit beben­der Stim­me rufen: „Wir soll­ten in Zei­ten von Mager­wahn froh sein, wenn unse­re Töch­ter so zufrie­den mit ihrem Kör­per sind, dass sie ihn im Inter­net zei­gen!“[]
  3. Ich fin­de Sui­ci­de­Girls ziem­lich span­nend und sehe dar­in eine gera­de­zu his­to­ri­sche Mög­lich­keit weib­li­cher Selbst­be­stim­mung, doch das ver­tie­fen wir ein ander­mal.[]
  4. Ich habe eine blü­hen­de Phan­ta­sie, müs­sen Sie wis­sen.[]
  5. Alles aus­ge­dacht![]
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Digital Gesellschaft

Auf der Palme des elektronischen Frankensteinmonsters

Im Dezem­ber schrieb ich über eine merk­wür­di­ge Bro­schü­re, die von der „Bür­ger­rechts­be­we­gung Soli­da­ri­tät“ („BüSo“) an der Ruhr-Uni Bochum ver­teilt wor­den war.

Wie ich erst jetzt fest­stell­te, hat „BüSo“, die umstrit­te­ne Polit­sek­te unter Füh­rung des „demo­kra­ti­schen US-Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat“ (Quel­le) Lyn­don LaRou­che, „der Ende Juli bekannt gab, daß das Finanz­sys­tem zusam­men­ge­bro­chen sei“ (Quel­le), schon vor drei Wochen auf mei­nen Arti­kel reagiert:

„Steckt der Teufel in deinem Laptop“ treibt die Spielwahnsinnigen auf die Palme

„Spiel­wahn­sin­nig“, uiuiui. Gut, dass nie­mand weiß, dass ich zum letz­ten Mal vor drei Jah­ren ein Spiel auf mei­nem Com­pu­ter instal­liert habe: „Sim City 4“.

Aber ich erfah­re noch so viel mehr Neu­es über mich:

Mit Arti­keln auf zwei Inter­net­blogs der Uni­ver­si­tä­ten­sze­ne, reagier­te die „Laßt mein Myspace in Ruhe“-Lobby auf eine kraft­vol­le Inter­ven­ti­on der LaRou­che-Jugend­be­we­gung (LYM), bei der Anfang der Woche 1500 Pam­phle­te der neu­en Mas­sen­bro­schü­re „Steckt der Teu­fel in dei­nem Lap­top?“ an der Uni­ver­si­tät Bochum ver­teilt wur­den.

Fra­gen Sie mich nicht, ob es auch Blogs außer­halb des Inter­nets gibt, in die­ser Wirk­lich­keit ken­ne ich mich ja nicht so aus. Aber dass ich Mit­glied der „„Laßt mein Myspace in Ruhe“-Lobby“ bin, war mir neu – aber wenigs­tens ist es nicht die Atom­ener­gie­lob­by. Auch schön ist natür­lich die unfrei­wil­li­ge Komik bei der Ver­wen­dung des Begriffs „Pam­phlet“, bei dem es sich um einen fal­se fri­end des eng­li­schen „pam­phlet“ han­delt:

(bildungsspr. abwertend)

Bei­de Arti­kel zei­gen einen tief­grei­fen­den Aus­ras­ter gegen­über dem Fron­tal­an­griff der BüSo auf die nicht exis­ten­te Welt der Spie­le. Der Arti­kel in Hoel­len­dumm spie­gelt mehr den Schock über ein beson­de­res Ein­satz­lied der LYM mit dem Text „Myspace macht impo­tent“ wie­der. Der ande­re Arti­kel bei Cof­fee and TV ist gegen­über LaRou­che etwas gehä­ßi­ger.

„Hoel­len­dumm“ kann­te ich bis gera­de gar nicht und ein kur­zes Über­flie­gen des Blogs legt die Ver­mu­tung nahe, dass ich kein regel­mä­ßi­ger Leser wer­de. Der „Schock über ein beson­de­res Ein­satz­lied der LYM“ liest sich jeden­falls so:

Was da sang, das waren kei­ne seni­len Fest-Fana­ti­ker und auch kei­ne her­un­ter­ge­kom­me­nen Ost­eu­ro­pä­er, das war eine Grup­pe jun­ger Men­schen in bes­tem Stu­den­ten­al­ter, wie sie gera­de zu Hun­der­ten die U‑Bahn-Trep­pe rauf­ström­ten. Was die­se zum Teil far­bi­gen – aber das macht nichts – Jugend­li­chen vom Rest unter­schied, war nicht nur die Tat­sa­che, dass sie san­gen, son­dern auch, dass sie ihren Alters­ge­nos­sen Zei­tun­gen in die kal­ten Hän­de zu drü­cken ver­such­ten.

Ich ent­kam ihren Ambi­tio­nen mich zu ihrem Wer­be­op­fer zu machen, hör­te im seit­lich dran Vor­bei­ge­hen eini­ge Wor­te ihres Gesan­ges her­aus und das, mei­ne Damen und Her­ren, waren kei­ne Weih­nachts­lie­der. Die Melo­die hat­te weih­nacht­li­che Anklän­ge aber oh nein, sie san­gen – hal­ten Sie sich fest – „MySpace, MySpace macht impo­tent!“

Das hät­te ich nun wirk­lich auch ger­ne gehört. Ich aber schrieb über ande­res:

Bei­der Arti­kel füh­len sich genö­tigt, Tei­le des Pam­phlets über „die Zom­bies aus dem vir­tu­el­len Raum“zu zitie­ren, und Cof­fee and TV schreibt sogar über die von der BüSo gefor­der­te „Welt­land­brü­cke“ mit Magnet­stre­cken auf der gan­zen Welt „für die Welt nach dem Finanz­krach“.

Lei­der nicht zitiert hat dage­gen „BüSo“ selbst die von mir auf­ge­lis­te­ten sach­li­chen Feh­ler des „Pam­phlets“ (wir erin­nern uns bei­spiels­wei­se an Bill Gates, des­sen Fir­ma Micro­soft laut Flug­schrift unter ande­rem für “Coun­terstrike” und “Doom” ver­ant­wort­lich ist).

Die bei­den eher lau­ni­gen Ein­trä­ge in zwei doch recht unbe­deu­ten­den Blogs (Cof­fee And TV kommt in den Monat­charts von Wikio auf Platz 76, Höl­len­dumm taucht dort mit sei­ner Tech­no­ra­ti-Aut­ho­ri­ty von 8 gar nicht auf), schei­nen die Leu­te bei „BüSo“ so hart getrof­fen zu haben, dass sie dar­über nicht nur auf ihrer deut­schen Nach­rich­ten­sei­te berich­ten, son­dern auch auf der eng­lisch­spra­chi­gen Sei­te von Lyn­don LaRou­che und in der vom LaRou­che-nahen „Schil­ler-Insti­tut“ her­aus­ge­ge­be­nen Wochen­zei­tung „Neue Soli­da­ri­tät“. Dort fin­det sich in direk­ter Nach­bar­schaft auch ein neu­er­li­cher Auf­ruf von Lyn­don LaRou­che gegen alles Digi­ta­le:

Die krank­haf­ten Mas­sen­ef­fek­te des „Hexen­ge­bräus“ aus der Kom­bi­na­ti­on sol­cher Com­pu­ter­pro­gram­me wie MySpace und Face­book mit Com­pu­ter-Kil­ler­spie­len (und ver­wand­ten Prak­ti­ken) erfor­dert als Reak­ti­on drin­gend ent­spre­chen­de Neue­run­gen im Recht, bei den Straf­ver­fol­gungs­me­tho­den und im Ver­ständ­nis des Zusam­men­le­bens unse­rer Gesell­schaft im all­ge­mei­nen.

Nun kann man es einem 85-Jäh­ri­gen nach­se­hen, wenn er den Unter­schied zwi­schen einem Com­pu­ter­pro­gramm und einer Web­sei­te nicht kennt – er soll­te dann nur nicht anfan­gen, dar­über zu schrei­ben.

Jedem auf­merk­sa­men und kom­pe­ten­ten Psy­cho­lo­gen oder Sozio­lo­gen, der die vor­han­de­nen Indi­zi­en betrach­tet, soll­te klar sein, daß man die Rol­le der elek­tro­ni­schen Medi­en bei der Ent­ste­hung die­ses töd­li­chen Phä­no­mens nicht mit Fäl­len ver­glei­chen kann, in denen Elek­tro­nik bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on von Mensch zu Mensch ein­ge­setzt wird.

Natür­lich wäre es inter­es­sant zu erfah­ren, wer denn bei MySpace oder Face­book mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­re, wenn nicht Men­schen. Die Ant­wort lau­tet aber nicht etwa „Röh­ren“, nein, sie ist viel scho­ckie­ren­der:

Es ist das Medi­um der Kom­mu­ni­ka­ti­on selbst, nicht eine dem Medi­um ange­schlos­se­ne Per­son, das die Befeh­le des „gro­ßen Bru­ders“ über­bringt, der als Leit­rech­ner des ver­wen­de­ten Medi­ums ope­riert.

Hin­ter allem steckt wie immer Adolf Hit­ler Geor­ge Orwell Bill Gates:

Ein Bill Gates hat die Ver­ant­wor­tung für die Per­son, die das Sys­tem pro­gram­miert, und es ist Bill Gates’ Absicht oder die Absicht einer wo auch immer loka­li­sier­ba­ren höhe­ren, Gates kon­trol­lie­ren­den Auto­ri­tät, die zum „Gott ähn­li­chen“ Adolf Hit­ler wird und hin­ter einer den Nürn­ber­ger Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen der 1930er Jah­re ver­gleich­ba­ren Inter­net­ver­si­on steht.

Und wenn Sie glau­ben, noch kon­fu­ser könn­te ein Text über die Gefah­ren von Com­pu­tern nicht wer­den, dann irren Sie (Sie irren sowie­so, sagt Lyn­don LaRou­che, aber in die­sem Fall beson­ders):

Das Begrei­fen die­ser Art eines elek­tro­ni­schen „Fran­ken­stein­mons­ters“, zu dem das sozia­le Sys­tem der Com­pu­ter-Kil­ler­spie­le gewor­den ist, soll­te uns noch ein­mal an die Stu­di­en der Sozio­lo­gen den­ken las­sen, die nach Durk­heim und sei­nen Schwei­zer und ander­wei­ti­gen Nach­fol­gern kamen und gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts und im 20. Jahr­hun­dert die Prin­zi­pi­en der Spie­le von Kin­dern zum The­ma ihrer Arbeit mach­ten. So erkann­ten eini­ge unter uns heu­te mit ähn­li­cher Wir­kung ein patho­lo­gi­sches Poten­ti­al der auf Wett­kampf basie­ren­den Mann­schafts­sport­ar­ten, aber auch die Bedeu­tung des Kon­zepts der Auf­trags­ori­en­tie­rung des älte­ren Molt­ke für qua­li­fi­zier­te nach­ran­gi­ge Offi­zie­re und Unter­of­fi­zie­re oder die Rol­le die­ses Prin­zips bei der sieg­rei­chen dop­pel­ten Flan­ken­ope­ra­ti­on Fried­rich des Gro­ßen in der Schlacht von Leu­then (im Unter­schied zu dem, was Chur­chills alber­ner Mont­go­me­ry der Ers­ten Armee der nord­eu­ro­päi­schen Flan­ke Ende 1944 antat, oder was Chur­chill selbst sich gegen­über den gegen Ata­türk kämp­fen­den Aus­tra­li­ern im Ers­ten Welt­krieg zu Schul­den kom­men ließ).

Noch Fra­gen?

Zu die­sem äußerst wich­ti­gen The­ma muß noch mehr gesagt wer­den. Dies hier war nur ein Anfang.

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Die volkstümliche Schlägerparade

Bis vor drei Wochen gab es in Deutsch­land aus­schließ­lich net­te, klu­ge Jugend­li­che, die zwar viel­leicht ab und zu mal Amok­läu­fe an ihren Schu­len plan­ten, aber das waren ja die Kil­ler­spie­le schuld. Seit Ende Dezem­ber reicht es nicht, dass die Jugend­li­chen in der U‑Bahn nicht mehr für älte­re Mit­men­schen auf­ste­hen, sie tre­ten die­se jetzt auch noch zusam­men. Plötz­lich gibt es in Deutsch­land Jugend­ge­walt – so viel, dass die „Bild“-„Zeitung“ ihr eine eige­ne Serie (Teil 1, Teil 2, Teil 3, …) wid­met. Bei „Bild“ sind aller­dings immer die Aus­län­der schuld.

Mit dem The­ma Jugend­kri­mi­na­li­tät ist es wie mit jedem The­ma, das jah­re­lang tot­ge­schwie­gen wur­de: Plötz­lich ist es aus hei­te­rem Wahl­kampf-Him­mel in den Medi­en und alle haben ganz töf­te Erklä­run­gen dafür und Mit­tel dage­gen. In die­sem kon­kre­ten Fall füh­ren sich die Poli­ti­ker auf wie Eltern, die ihre Kin­der die gan­ze Zeit ver­nach­läs­sigt haben und dann plötz­lich, als sie die nicht mehr ganz so lie­ben Klei­nen auf der Poli­zei­wa­che abho­len muss­ten, „War­um tust Du uns das an?“ brül­len und dem Blag erst­mal eine lan­gen. Nur, dass „Ver­nach­läs­si­gung“ in der Poli­tik eben nicht „kei­ne gemein­sa­men Aus­flü­ge in den Zoo“ und „das Kind allei­ne vor dem RTL-II-Nacht­pro­gramm hocken las­sen“ heißt, son­dern „Zuschüs­se für die Jugend­ar­beit strei­chen“ und „desas­trö­ses­te Bil­dungs­po­li­tik betrei­ben“.

Ich hal­te wenig von Gene­ra­tio­nen-Eti­ket­tie­rung, ein gemein­sa­mer Geburts­jahr­gang sagt zunächst ein­mal gar nichts aus. Auch wenn Phil­ipp Lahm und ich im Abstand von sechs Wochen auf die Welt gekom­men und wir bei­de mit „Duck Tales“, Kin­der-Cola und „Kevin allein zuhaus“ auf­ge­wach­sen sind, wäre der sym­pa­thi­sche klei­ne Natio­nal­spie­ler doch nicht unbe­dingt unter den ers­ten ein­hun­dert Leu­ten, die mir ein­fie­len, wenn ich mir ähn­li­che Per­so­nen auf­sa­gen soll­te. 1 Es gibt in jeder Alters­grup­pe (und bei jeder Pass­far­be, Eth­ni­zi­tät, sexu­el­len Ori­en­tie­rung, Kör­per­form, Haar­län­ge und Schuh­grö­ße) sym­pa­thi­sche Per­so­nen und Arsch­lö­cher. Mög­li­cher­wei­se war zum Bei­spiel die Chan­ce, in einer Stu­den­ten-WG an Mit­be­woh­ner zu gera­ten, die sich nicht an den Putz­plan hal­ten und ihre Bröt­chen­krü­mel nicht aus dem Spül­stein ent­fer­nen, vor vier­zig Jah­ren bedeu­tend höher als heu­te, und auch wenn Schlun­zig­keit kein Gewalt­ver­bre­chen ist, so ist doch bei­des sehr unschön für die Betrof­fe­nen.

Doch ich schwei­fe ab: Das Kri­mi­no­lo­gi­sches For­schungs­in­sti­tut Nie­der­sach­sen e.V. mit sei­nem viel­zi­tier­ten und fast zu Tode inter­view­ten Direk­tor Prof. Dr. Chris­ti­an Pfeif­fer hat im ver­gan­ge­nen Jahr eine Stu­die zum The­ma „Gewalt­tä­tig­keit bei deut­schen und nicht­deut­schen Jugend­li­chen“ ver­öf­fent­licht.

Auf Sei­te 4 gibt es einen recht schlüs­sig erschei­nen­den Erklä­rungs­ver­such, war­um gera­de bestimm­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen eher zu Gewalt nei­gen als ande­re:

Beson­de­re Rele­vanz für eine erhöh­te Gewalt­tä­tig­keit von Nicht­deut­schen scheint aktu­el­len Stu­di­en zufol­ge bestimm­ten, mit Gewalt asso­zi­ier­ten Männ­lich­keits­vor­stel­lun­gen zuzu­kom­men. Die­sen hän­gen in ers­ter Linie tür­ki­sche, aber auch rus­si­sche Jugend­li­che an (vgl. Enzmann/​Brettfeld/​Wetzels 2004, Strasser/​Zdun 2005). Die Männ­lich­keits­vor­stel­lun­gen resul­tie­ren aus einem Ehr­kon­zept, das sich unter spe­zi­fi­schen gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen her­aus­ge­bil­det hat. […] Der Mann als Fami­li­en­vor­stand muss Stär­ke demons­trie­ren, um even­tu­el­le Angrei­fer bereits im Vor­hin­ein abzu­schre­cken.

Lai­en­haft ver­stan­den und über­spitzt gesagt: Eva Her­mans Ruf nach der Rück­kehr ins Patri­ar­chat wür­de auf lan­ge Sicht dazu füh­ren, dass wir wie­der mehr prü­geln­de Jungs hät­ten, weil die archai­schen Männ­lich­keits­bil­dern anhän­gen und den dicken Lar­ry mar­kie­ren wür­den. Oder anders: In Ober­bay­ern wer­den nur des­halb kei­ne Leu­te in U‑Bahnen zusam­men­ge­schla­gen, weil es dort kei­ne U‑Bahnen gibt.

Noch span­nen­der ist aber wohl der auf Sei­te 5 aus­ge­führ­te Ansatz, wonach der ver­meint­lich hohe Anteil an kri­mi­nel­len Aus­län­dern auch ein Wahr­neh­mungs­pro­blem ist:

Die eti­ket­tie­rungs­theo­re­ti­sche Erklä­rung sieht den Grund für eine höhe­re Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung dabei nicht allein auf Sei­ten der Migran­ten, son­dern sie bezieht das Ver­hal­ten der Ein­hei­mi­schen mit ein. So konn­te u.a. gezeigt wer­den, dass die Kri­mi­na­li­sie­rungs­wahr­schein­lich­keit (d.h. die Regis­trie­rung als Tat­ver­däch­ti­ger) bei Aus­län­dern im Ver­gleich zu den Deut­schen dop­pelt bis drei­mal so hoch ist (Albrecht 2001; Mansel/​Albrecht 2003). Zudem exis­tie­ren Befun­de, die bele­gen, dass straf­fäl­lig gewor­de­ne Aus­län­der einer zuneh­mend här­te­ren Sank­ti­ons­pra­xis aus­ge­setzt sind (vgl. Pfeif­fer et al. 2005, S. 77ff). Abwei­chung, so die dar­aus ableit­ba­re The­se, ist nicht nur des­halb unter den eth­ni­schen Min­der­hei­ten ver­brei­te­ter, weil die­se tat­säch­lich öfter ein ent­spre­chen­des Ver­hal­ten zei­gen, son­dern weil die auto­chtho­ne Bevöl­ke­rung bzw. ihre Straf­ver­fol­gungs­or­ga­ne die Abwei­chung von Migran­ten anders wahr­nimmt und auf sie beson­ders sen­si­bel reagiert.

Und wer ein­mal im Gefäng­nis sitzt, lernt dort die fal­schen Leu­te ken­nen, fin­det kei­nen Job mehr und befin­det sich mit­ten­drin in einer Abwärts­spi­ra­le. Der „kri­mi­nel­le Aus­län­der“ ist also zum Teil eine selbst erfül­len­de Pro­phe­zei­hung: Wie oft liest man in der Pres­se von jun­gen Tür­ken, Grie­chen oder Alba­nern, die gewalt­tä­tig gewor­den sind, und wie sel­ten von jun­gen Deut­schen? Bei Deut­schen lässt man in Deutsch­land die Staats­bür­ger­schaft ein­fach weg und der Leser nimmt die Natio­na­li­tät nur wahr, wenn es sich Aus­län­der han­delt. Die Situa­ti­on ist ver­gleich­bar mit den schlecht gepark­ten Autos auf dem Sei­ten­strei­fen, die Sie auch nur wahr­neh­men, wenn eine Frau aus­steigt.

Als ich vor andert­halb Jah­ren für drei Mona­te in San Fran­cis­co weil­te (wo ich mich übri­gens stets sehr sicher fühl­te – auch, weil ich kei­ne loka­len Zei­tun­gen las), wur­de ich eines Tages auf dem Fuß­weg in die Innen­stadt von einem jun­gen Mann ange­rem­pelt. Es war nicht son­der­lich bru­tal, der Mann woll­te nur offen­bar genau dort lang gehen, wo ich stand. So etwas pas­siert einem in deut­schen Fuß­gän­ger­zo­nen nahe­zu täg­lich. Der jun­ge Mann aber war von schwar­zer Haut­far­be und aus dem Fern­se­hen glau­ben wir zu wis­sen: Schwar­ze bege­hen viel mehr Ver­bre­chen als Wei­ße. Ich als auf­ge­schlos­se­ner, ratio­na­ler Mensch muss­te mein Hirn zwin­gen, die­sen Vor­fall nicht als sym­pto­ma­tisch abzu­tun: Nach gröbs­ten sta­tis­ti­schen Schät­zun­gen wur­de ich im Jahr 2006 etwa 42 Mal ange­rem­pelt. In 95% der Fäl­le waren es unfreund­li­che Rent­ner in grau­en Stoff­ja­cken, her­ri­sche Frau­en mit mür­ri­schem Gesichts­aus­druck und dicke unge­zo­ge­ne Kin­der in Deutsch­land. Aber das war All­tag – und in die­sem einen Fall pass­te der Remp­ler auf­grund sei­ner Haut­far­be in ein dif­fu­ses Täter­pro­fil, dass ich im Hin­ter­kopf hat­te. Ich war von mir selbst scho­ckiert.

In San Fran­cis­co wur­de ich noch ein wei­te­res Mal ange­rem­pelt: Als ich an Hal­lo­ween auf der Stra­ße stand, lief eine Grup­pe Jugend­li­cher an mir vor­bei. Jeder ein­zel­ne ver­pass­te mir einen Schul­ter­check, bis ich schließ­lich auf den Geh­weg flog. 2 Ihre genaue Eth­ni­zi­tät konn­te ich nicht erken­nen, aber schwarz waren sie nicht. Mei­ne ame­ri­ka­ni­schen Freun­de waren ent­setzt und ver­si­cher­ten mir teils am Ran­de der Trä­nen, dass so etwas in die­ser Gegend sonst nie vor­kä­me. Ich sag­te, ich sei in Dins­la­ken auf­ge­wach­sen, da sei man schlim­me­res gewohnt.

  1. Mei­ne Fuß­bal­ler­kar­rie­re ende­te zum Bei­spiel nach einem ein­ma­li­gen Pro­be­trai­ning in der D‑Jugend.[]
  2. Ich beein­druck­te die Fest­ge­mein­de, indem ich bei dem Sturz kei­nen ein­zi­gen Trop­fen Bier aus mei­ner Dose ver­schüt­te­te. Es war das ers­te und ein­zi­ge Mal in mei­nem Leben, dass ich mich als Deut­scher fühl­te.[]
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Gesellschaft

Schutzbehauptungen

Rauch (Symbolbild)

In der mor­gi­gen „FAZ“ fin­det sich eine Repor­ta­ge von Judith Lembke, die sich drei Mona­te nach der Ein­füh­rung des Rauch­ver­bots in Hes­sen in Frank­fur­ter Knei­pen umge­se­hen hat.

Auch wenn ich – wie bereits beschrie­ben – Nicht­rau­cher bin und sehr ent­schie­den etwas dage­gen habe, wenn frem­de Leu­te mei­ne Kla­mot­ten und mei­ne Gesund­heit rui­nie­ren wol­len, muss ich doch fest­stel­len, dass das Nicht­rau­cher­schutz­ge­setz offen­bar wie­der sämt­li­che Qua­li­tä­ten der gro­ßen Koali­ti­on ver­eint: Am Leben vor­bei, übers Ziel hin­aus­schie­ßend, allen­falls zur Hälf­te durch­dacht und (wie so oft) nicht so ganz mit der Ver­fas­sung ver­ein­bar:

Die Loka­le, die nur aus einem Schank­raum bestehen und kei­ne Mög­lich­keit haben, beson­de­re Rau­cher­zo­nen aus­zu­wei­sen, sind beson­ders stark vom Gäs­te­schwund betrof­fen. Da dort ein gene­rel­les Rauch­ver­bot herrscht, wei­chen die rau­chen­den Gäs­te auf Knei­pen aus, wo sie sich auch wei­ter­hin die Ziga­ret­te zum Fei­er­abend­bier geneh­mi­gen kön­nen. Und der Rau­cher, der sei­nem Stamm­lo­kal die Treue hält, trinkt weni­ger, weil er zum Rau­chen nicht in die Käl­te, son­dern lie­ber wie­der nach Hau­se geht.

Es sieht also so aus, dass die Wir­te klei­ner Eck­knei­pen, die in eini­gen Fäl­len sogar Besit­zer der Immo­bi­lie sein mögen, ihren Kun­den in ihren eige­nen vier Wän­den das Rau­chen ver­bie­ten müs­sen, wenn sie kei­nen abtrenn­ba­ren Neben­raum haben. Und das wol­len sich die meis­ten rau­chen­den Kun­den natür­lich nicht antun.

Sicher: Ich wür­de kei­ne Rau­cher­knei­pe auf­su­chen, aber das müss­te ich ja auch nicht, solan­ge es für mich Nicht­rau­cher­knei­pen gäbe. Die aller­dings hät­te es auf frei­wil­li­ger Basis schon lan­ge geben kön­nen und ich ken­ne bis heu­te kei­ne ein­zi­ge. Und damit befin­den wir uns mit­ten drin in einem Dilem­ma, das so undurch­schau­bar scheint, dass ich die Erstel­lung einer Pro- und Con­tra-Lis­te für ein pro­ba­tes Mit­tel erach­te:

Pro Rauch­ver­bot in Knei­pen

  • Rau­chen ist unge­sund. Wenn nur ein Mensch mit dem Rau­chen auf­hört, weil er sich den Gang vor die Tür nicht mehr antun will, ist das ein Gewinn. Auch für die Kran­ken­kas­sen, deren Finan­zie­rung immer­hin auch durch Nicht­rau­cher erfolgt.
  • Die Mit­ar­bei­ter müs­sen geschützt wer­den. In Deutsch­land gibt es Vor­schrif­ten zur Grö­ße von Schreib­ti­schen und der Beleuch­tung in Büros, da erscheint es drin­gend ange­zeigt, Ange­stell­te end­lich vor den Gefah­ren des Pas­siv­rau­chens zu schüt­zen.
  • Wo geraucht wird, muss häu­fi­ger reno­viert wer­den. In Extrem­fäl­len kann auch der Wert der Immo­bi­lie sin­ken. Rau­chen ist also eigent­lich unver­ant­wort­lich, wenn es nicht in den (im juris­ti­schen Sin­ne) eige­nen vier Wän­den pas­siert. Rauch­ver­bo­te wären dem­nach auch in Miet­woh­nun­gen und Rau­cher­zim­mern in gemie­te­ten Gast­stät­ten erfor­der­lich.
  • Es hat bis­her kaum Nicht­rau­cher­knei­pen auf frei­wil­li­ger Basis gege­ben – und das, obwohl der Markt mit Sicher­heit da wäre. Wenn sich der Markt nicht mehr selbst regu­lie­ren kann, soll­te der Staat über eine Inter­ven­ti­on nach­den­ken.

Con­tra gene­rel­les Rauch­ver­bot

  • Jeder erwach­se­ne Mensch soll­te selbst ent­schei­den kön­nen, was er mit sei­nem Kör­per macht: Mara­thon lau­fen, Puls­adern auf­schnei­den, Bart wach­sen las­sen, rau­chen, trin­ken, Dro­gen neh­men. Ich hiel­te eine unauf­ge­reg­te Grund­satz­dis­kus­si­on über die völ­li­ge Lega­li­sie­rung aller berau­schen­den Stof­fe für begrü­ßens­wert, bin mir aber sicher, sie zeit­le­bens und hier­zu­lan­de nicht mehr zu erle­ben.
  • In den meis­ten Eck­knei­pen bedie­nen ein Besit­zer und ein, zwei Ange­stell­te, die nicht sel­ten zur Fami­lie des Besit­zers gehö­ren. Einer per­sön­li­chen Erhe­bung nach wür­de ich sagen, dass sämt­li­che (dau­er­haf­ten) Bedie­nun­gen in sol­chen Knei­pen selbst rau­chen.
  • Es grenzt das Recht auf Berufs­frei­heit ein, wenn Gast­wir­te per Gesetz zu Nicht­rau­cher­gast­wir­ten gemacht wer­den. Mög­li­cher­wei­se ver­stößt es sogar wirk­lich gegen das Grund­ge­setz. Wer ent­schei­den darf, wie sei­ne Knei­pe aus­sieht, wel­ches Bier dort aus­ge­schenkt wird 1 und wel­che Musik dort läuft, soll­te auch ent­schei­den dür­fen, was dar­in im Rah­men der gesetz­li­chen Gren­zen – wobei ich das Nicht­rau­cher­schutz­ge­setz natür­lich aus­ge­klam­mert wis­sen will – erlaubt ist und was nicht. Hät­te ich eine Knei­pe, gäbe es dort kei­ne „Gold“-Biere und kei­ne Musik von Bryan Adams oder Revol­ver­held.
  • Wenn die Nicht­rau­cher nicht Wil­lens oder in der Lage waren, sämt­li­che Gast­stät­ten, in denen geraucht wur­de, zu boy­kot­tie­ren (und dem Wirt das auch mit­zu­tei­len), müs­sen sie sich die Fra­ge gefal­len las­sen, wie wich­tig ihnen ihr Anlie­gen war. Nur spre­chen­den Men­schen kann gehol­fen wer­den und man kann es nie allen recht machen, wie mei­ne Groß­mutter schon immer sag­te.
  • Im Gegen­satz zu Zügen, Behör­den, Kon­zert­hal­len und Kinos kann man sich sei­ne bevor­zug­te Gast­stät­te selbst aus­su­chen. Nichts und nie­mand zwingt einen 2, genau in eine Rau­cher­knei­pe zu gehen. 18 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und in Zei­ten einer immer wei­ter aus­ein­an­der klaf­fen­den sozia­len Sche­re wäre eine Zwei-Klas­sen-Gesell­schaft im Nacht­le­ben nur kon­se­quent.
  • Rau­chen­de, laut schnat­tern­de Men­schen vor einer Knei­pe sind schlim­mer als rau­chen­de, laut schnat­tern­de Men­schen in der glei­chen Knei­pe – vor allem für die Anwoh­ner. Wer über dem Ein­gang einer Gast­stät­te wohnt, wird Dank des Nicht­rau­cher­schutz­ge­set­zes sein Fens­ter in die­sem Som­mer nachts geschlos­sen hal­ten müs­sen.
  • Zahl­rei­che Wir­te wol­len ihre Knei­pen jetzt zu Ver­eins­hei­men umwid­men und grün­den eigens dafür Rau­cher­clubs. Das Letz­te, was Deutsch­land braucht, sind aber noch mehr Ver­eins­mei­er und orga­ni­sier­te Wich­tig­tu­er. Das wird Ihnen jeder Finanz­be­am­te, der die ver­damm­ten Jah­res­rech­nungs­be­rich­te kon­trol­lie­ren muss, bestä­ti­gen.

Die höhe­re Anzahl an Con­tra-Argu­men­ten legt mir die Ver­mu­tung nahe, ich sei eher gegen ein gene­rel­les Rauch­ver­bot. Ganz sicher bin ich mir da aber auch nicht. Dafür weiß ich, dass ich jeder­zeit einen eige­nen Debat­tier­club nur mit mir grün­den könn­te. Mein Club­haus wäre selbst­ver­ständ­lich rauch­frei.

  1. Für mich auch ein wich­ti­ges Aus­schluss­kri­te­ri­um. Beson­ders in Bochum.[]
  2. „zwin­gen“ ist in die­sem Fall eher meta­pho­risch gemeint. Schon das Kon­zert einer bestimm­ten Band wäre dem­nach ein zwin­gen­der Grund, eine bestimm­te Kon­zert­hal­le auf­zu­su­chen, die dann auch bit­te rauch­frei sein soll­te.[]
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Das virtuelle Massengrab der Nischendekadenz

Bei Wind und Wet­ter ste­hen auf der Dr.-Gerhard-Petschelt-Brücke, die die Bochu­mer Stadt­bahn-Hal­te­stel­le „Ruhr-Uni­ver­si­tät“ mit dem eigent­li­chen Gelän­de der Ruhr-Uni­ver­si­tät ver­bin­det (und die daher zum öffent­li­chen Raum gehört) Men­schen mit einem klapp­ri­gen Cam­ping­tisch, auf dem Flug­schrif­ten aus­lie­gen. Mit wack­li­gen Holz­auf­stel­lern, auf denen wir­re For­de­run­gen geschrie­ben ste­hen, ver­sper­ren sie den Stu­den­ten den Weg zu ihrer Alma Mater. Dies sind die Mit­glie­der der „Bür­ger­rechts­be­we­gung Soli­da­ri­tät“, kurz „BüSo“.

Die meis­ten Stu­den­ten has­ten vor­bei, nur weni­ge las­sen sich von Bot­schaf­ten wie „Die Kern­schmel­ze des Welt­fi­nanz­sys­tems ist in vol­lem Gang!“ oder „Kil­ler­spie­le töten die See­le!“ dazu hin­rei­ßen, Infor­ma­ti­ons­ge­sprä­che zu suchen. Ges­tern fand ich aber eine aus­ge­le­se­ne „BüSo“-Kampfschrift in einem Semi­nar­raum und mei­ne jour­na­lis­ti­sche Neu­gier zwang mich dazu, das Werk mit spit­zen Fin­gern (sehr bil­li­ge Dru­cker­schwär­ze, saut rum wie sonst was) in Augen­schein zu neh­men. Ein Pro­to­koll.

Die Flug­schrift, die an eine klei­ne Zei­tung erin­nert („2 € emp­foh­le­ner Bei­trag“), ist zwei­ge­teilt: Aus der einen Rich­tung beschäf­tigt sie sich mit der Fra­ge „Steckt der Teu­fel in Dei­nem Lap­top?“ (dazu kom­men wir gleich noch aus­führ­lich), dreht man sie um, lacht einen die über­ra­schen­de For­de­rung „Bau­en wir die Welt­land­brü­cke!“ an.

“BüSo”: “Bauen wir die Weltlandbrücke!”Die „Welt­land­brü­cke“, das soll ein „genau auf­ein­an­der abge­stimm­tes Sys­tem von Schnell­bah­nen, Trans­ra­pidstre­cken, Auto­bah­nen sowie Was­ser­we­gen“ wer­den, ergänzt durch die „Que­rung der Bering­stra­ße mit einem 100 km lan­gen Tun­nel“. Gebraucht wer­de die­ses völ­lig neu­ar­ti­ge Ver­kehrs­netz für die Zeit nach dem „gegen­wär­tig kol­la­bie­ren­den Sys­tem der Glo­ba­li­sie­rung“ und um eine „neue Frie­dens­ord­nung“ mög­lich zu machen. Sol­che Uto­pien von laten­tem Grö­ßen­wahn üben immer eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on auf mich aus, so wie die das „Glo­ba­le Wie­der­auf­bau­pro­gramm für dau­er­haf­ten Welt­frie­den“ oder die Plä­ne für die „Welt­haupt­stadt Ger­ma­nia“ (deren zugrun­de lie­gen­der Grö­ßen­wahn aller­dings nicht mehr latent war).

Die „Welt­land­brü­cke“ basiert auf einem Vor­schlag von Lyn­don LaRou­che, einem ame­ri­ka­ni­schen Poli­ti­ker, der vor allem durch den sie­ben­ma­li­gen Ver­such, Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Demo­kra­ten zu wer­den, anti­se­mi­ti­sche Äuße­run­gen und eine Ver­ur­tei­lung wegen Ver­schwö­rung und Post­be­trug von sich reden mach­te. 1 Geschrie­ben wur­de der Arti­kel von Hel­ga Zepp-LaRou­che, der Gat­tin Lyn­don LaRou­ch­es und Grün­de­rin des „Schil­ler-Insti­tuts“, der Par­tei­en „Euro­päi­schen Arbei­ter­par­tei“ und „Patrio­ten für Deutsch­land“, sowie von „BüSo“. In der gan­zen Schrift fin­det sich kein Arti­kel, der nicht aus der Feder eines der Bei­den stammt, sie zitiert oder auf ihre Theo­rien Bezug nimmt.

Besorg­nis­er­re­gen­der als die For­de­rung, eine „Eura­si­sche Land­brü­cke“ zu bau­en, ist der ande­re Teil der Flug­schrift, der mit mar­ki­gen Wor­ten ein­ge­lei­tet wird:

His­to­risch betrach­tet könn­te man die­ser Flug­schrift viel­leicht eben­so viel Wert bei­mes­sen wie den Flug­blät­tern der Wei­ßen Rose, die mit Hel­den­mut den Feind im eige­nen Land bekämpf­ten und bis zuletzt das wah­re Deutsch­land Fried­rich Schil­lers ver­tei­dig­ten. Wie im fol­gen­den klar wer­den wird, kommt Faschis­mus heu­te nicht im brau­nen Gewand daher, son­dern mit­tels sub­ti­ler Gleichschaltung/„Vernetzung“ einer gan­zen Gene­ra­ti­on, bei der sowohl Joseph Goeb­bels als auch Aldous Hux­ley vor Neid erblaßt wären. Die­se Flug­schrift soll vor allem den jun­gen Leser befä­hi­gen, dies als Krank­heit zu erken­nen, um sich recht­zei­tig davon zu befrei­en.

„Oh mein Gott, wor­um geht’s?“, wer­den Sie sich ent­setzt fra­gen. Oder: „Was kann ich dage­gen tun?“ Nichts, denn Sie und ich, wir sind schon mit­ten­drin im Elend, im Kampf „Noo­sphä­re con­tra Blogo­sphä­re“. Was die „Noo­sphä­re“ ist, ent­neh­men Sie bit­te der Wiki­pe­dia.

Doch wor­um geht es wirk­lich? MySpace, Face­book und Kil­ler­spie­le, die allen Erns­tes durch­ge­hend in die­ser Drei­fal­tig­keit genannt wer­den, sind Schuld dar­an, dass die Jugend völ­lig ver­kommt und zu bru­ta­len Amok­läu­fern wird:

Ob iPod, Lap­top, wLAN, Kil­ler­spie­le, Second Life usw.; wer sich die­se Art von Zeit­ver­treib a la MySpace, Stu­diVZ oder Schü­lerVZ mal genau­er anschaut, wird schnell fest­stel­len, daß er hier auf ein vir­tu­el­les Mas­sen­grab gesto­ßen ist, in dem wirk­lich jede Form von Deka­denz ihre Nische gefun­den hat, bis hin zur Nekro- und Pädo­phi­lie.

Hin­ter all dem ste­cken das „Inter­na­tio­nal Net­work of Social Net­work Ana­ly­sis“ (INSNA), das das Inter­net erfun­den hat, um die Mensch­heit zu unter­jo­chen, und Bill Gates, des­sen Fir­ma Micro­soft laut Flug­schrift unter ande­rem für „Coun­terstrike“ und „Doom“ ver­ant­wort­lich ist, zwei „Kil­ler­spie­le“, die in der Welt, die wir für die Rea­li­tät hal­ten, natür­lich von Sier­ra Entertainment/​EA Games bzw. id soft stam­men und mit Micro­soft so rein gar nichts am Hut haben.

Wir haben aber natür­lich alle kei­ne Ahnung, weil wir uns auf Goog­le und die Wiki­pe­dia ver­las­sen. In einem ganz­sei­ti­gen Arti­kel wird der Ver­such unter­nom­men, die Geschich­te der Wiki­pe­dia zu erklä­ren, die ihrem Grün­der Jim Wales unter­stellt sei. Der eben­so zen­tra­le wie ent­lar­ven­de Satz des Arti­kels lau­tet:

Stöhnt man stets „Ver­schwö­rungs­theo­rie!“ und schließt aus, was nicht dem gän­gi­gen Kon­sens ent­spricht, so ver­bie­tet man effek­tiv, nach Grün­den und Ursa­chen zu for­schen, und zwingt ande­re, sich der Mani­pu­la­ti­on und Über­re­dung des ein­fa­chen Kon­sens zu unter­wer­fen.

“BüSo”: “Steckt der Teufel in Deinem Laptop?”Der Satz bezieht sich auf die 9/11-Ver­schwö­rungs­theo­rien, die durchs Inter­net geis­tern, von LaRou­che ger­ne mal befeu­ert wer­den und theo­re­tisch mit­hil­fe der Wiki­pe­dia belegt wer­den kön­nen – wenn man ihr denn als Quel­le traut. Er sagt aber im Umkehr­schluss auch alles über die Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker die­ser Welt aus: Hat man näm­lich ein­mal den Gedan­ken ver­in­ner­licht, dass eine gleich­ge­schal­te­te Welt­öf­fent­lich­keit einem Infor­ma­tio­nen vor­ent­hält, dann muss man ja die Infor­ma­tio­nen, die einem die Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker unter­brei­ten, schon allein des­halb für bare Mün­ze neh­men, weil man sie ja nir­gend­wo sonst fin­det. Und schon befin­det man sich mit­ten in der alt­be­kann­ten Logik­schlei­fe der Para­no­iden, die man auch gar nicht mehr stop­pen kann, weil man ja sys­tem­im­ma­nent kei­nen Gegen­be­weis antre­ten kann. Des­halb sieht es für mich als Opfer der Ver­schwö­rung natür­lich auch so aus, als ste­cke hin­ter dem Wiki­pe­dia-Bas­hing vor allem gekränk­te Eitel­keit, wie die­ser Abschnitt sug­ge­riert:

Ori­gi­nal­schrif­ten, die von LaRou­che oder sei­ner Bewe­gung ver­faßt wur­den, dür­fen aus jedem Wiki­pe­dia-Arti­kel, außer den Arti­keln „Lyn­don­La­Rou­che“ und ande­ren eng ver­wand­ten, gelöscht wer­den. Wei­ter­hin wer­den die Unter­stüt­zer LaRou­ch­es ange­wie­sen, kei­ne direk­ten Refe­ren­zen zu ihm in Arti­kel ein­zu­fü­gen, es sei denn dort, wo sie sehr rele­vant sind. Es soll nichts geschrie­ben wer­den, was als „Wer­bung“ für LaRou­che wahr­ge­nom­men wer­den könn­ten.

Es wur­de, so erfah­ren wir wei­ter, ein Arti­kel rück­gän­gig gemacht, in dem Lyn­don LaRou­che als „die drit­te gro­ße Schu­le der Kri­tik an der Frank­fur­ter Schu­le zitiert wur­de“.

In einem vor den übli­chen Kli­schees nur so strot­zen­den Drei­sei­ter über Amok­läu­fer soll nach­ge­wie­sen wer­den, dass „die Fak­ten“ „auf der Hand“ lie­gen, was im Klar­text heißt: Sie alle haben „Kil­ler­spie­le“ gespielt und Nine Inch Nails („die Lieb­lings­band bereits frü­he­rer Schul­at­ten­tä­ter“) gehört. Inwie­fern die Lieb­lings­bü­cher eines fin­ni­schen Amok­läu­fers („1984 von Geor­ge Orwell, Schö­ne neue Welt von Aldous Hux­ley und Nietz­sches Gesamt­werk“) da hin­ein­pas­sen sol­len, erschließt sich mir als ahnungs­lo­sem Außen­ste­hen­den zwar nicht, aber Hux­ley haben wir ja wei­ter oben schon in einem Atem­zug mit Goeb­bels getrof­fen.

Ein wei­te­rer Arti­kel han­delt von den „42 Mil­lio­nen MySpace-Nut­zern bzw. ‑Opfern!“, der „alten ang­lo-hol­län­di­schen Poli­tik, die die Kul­tur len­ken und den Geist der­je­ni­gen kon­trol­lie­ren will, die in Zukunft die Füh­rung der Mensch­heit dar­stel­len“ und war­tet mit so geist­rei­chen Fak­ten wie die­sen auf:

Wie die Inter­net­sei­te MyDe­ath­Space im Nov. 2006 berich­te­te, gab es 600 Mord­op­fer und 35 Mör­der, die bei MySpace regis­triert waren.

Das hört sich natür­lich spek­ta­ku­lär an. In Deutsch­land mit sei­nen 82 Mil­lio­nen (also fast dop­pelt so vie­len) Ein­woh­nern gab es im Jahr 2006 983 Mord­op­fer (1,19 Mor­de pro 100.000 Ein­woh­ner). Zieht man zum Ver­gleich aber die Kri­mi­na­li­täts­ra­te in den USA her­an, die 7,8 Mord­op­fer pro 100.000 Ein­woh­ner zählt, wäre selbst eine Zahl von 600 Mord­op­fern bei 42 Mil­lio­nen „MySpace-Opfern“ noch die rela­tiv harm­lo­se Mord­quo­te von 1,43 Opfern pro 100.000. Und Ber­lin wäre froh, wenn sich dort nur 35 Mör­der rum­trie­ben!

Das Geeie­re um „Kil­ler­spie­le und Inter­net­ge­walt“ wirkt, als hät­ten die Redak­teu­re von „Fron­tal 21“ und „Süd­deut­scher Zei­tung“ einen Eier­li­kör­rei­chen Nach­mit­tag bei mei­nen Groß­el­tern auf der Couch ver­bracht, und das sons­ti­ge Welt­bild hin­ter „BüSo“ ist so bunt und kru­de zusam­men­ge­zim­mert, dass selbst L. Ron Hub­bard und Eva Her­man noch etwas ler­nen könn­ten. Das nord­rhein-west­fä­li­sche Innen­mi­nis­te­ri­um nennt das gan­ze „all­ge­mei­ne poli­ti­sche Theo­rien, uto­pi­sche Vor­stel­lun­gen und z. T. ver­wir­ren­de For­de­run­gen und The­sen“, die „im Übri­gen jedoch kei­ne Kern­for­de­run­gen der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung in Fra­ge stel­le“.

  1. LaRou­che bezeich­net sei­ne Ver­ur­tei­lung als eine Ver­schwö­rung von – hal­ten Sie sich bit­te fest! – Hen­ry Kis­sin­ger, dem FBI, dem „Wall Street Jour­nal“, NBC, „Reader’s Digest“ und der Anti-Defa­ma­ti­on League.[]
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Geld verbrennen leicht gemacht

Ich hat­te es letz­te Woche schon mal erwähnt: Der All­ge­mei­ne Stu­die­ren­den-Aus­schuss (kurz: AStA) 1 der Ruhr-Uni Bochum hat eine gro­ße Par­ty ver­an­stal­tet, um mal rich­tig Geld zu ver­bren­nen. Jetzt hat Niels dar­über geschrie­ben und da dach­te ich mir: „Wenn man sich schon in Kiel über ‚unse­ren‘ AStA aus­lässt, muss ich da auch noch mal nach­tre­ten …“

Vor lan­ger, lan­ger Zeit, als ich noch nicht Stu­dent der Ruhr-Uni­ver­si­tät war, fan­den angeb­lich „legen­dä­re“ Par­ties in der damals noch unre­no­vier­ten Men­sa statt, die einen enor­men Ruf hat­ten und wohl – ähn­lich wie die Fach­schafts­par­ties heu­te noch – haupt­säch­lich als Geld­quel­le für die Arbeit des AStA dien­ten. Inso­fern hät­te man schon mehr als gewarnt sein müs­sen, als der aktu­el­le AStA-Vor­sit­zen­de Fabi­an Fer­ber noch vor der dies­jäh­ri­gen Neu­auf­la­ge in den „Ruhr Nach­rich­ten“ sag­te:

„Wir haben von Anfang an nicht damit gerech­net, Gewinn ein­zu­fah­ren.“ Jahr für Jahr hät­ten die Vor­gän­ger-ASten Über­schüs­se erwirt­schaf­tet, „wir haben Rück­la­gen von 170.000 Euro.“ Da hält Fer­ber es für legi­tim, den Stu­die­ren­den eine gro­ße Show zum klei­nen Preis zu bie­ten – selbst wenn sie am Ende Ver­lus­te bringt. 35 Euro (ermä­ßigt 28 Euro) kos­tet der Ein­tritt zur Par­ty.

Und, in deed: Das Line-Up konn­te sich sehen las­sen. Auf Schul­hö­fen oder bei der „MTV Cam­pus Inva­si­on“, zu der ja ver­mut­lich auch mehr Schü­ler als Stu­den­ten kom­men, hät­te man mit Juli, 2raumwohnung, Cul­cha Can­de­la oder Joy Den­alane sicher gro­ße Erfol­ge fei­ern kön­nen. Wenn die nicht sowie­so stän­dig an jeder Ecke spie­len wür­den.

200.000 Euro hat die Ver­an­stal­tung unge­fähr gekos­tet, was schon erstaun­lich ist, wenn man bedenkt, dass ein „gro­ßes Open-Air-Rock­fes­ti­val“ mit meh­re­ren Büh­nen, an die hun­dert Bands, Dixie-Klos und Cam­ping­plät­zen angeb­lich “nur” sechs Mil­lio­nen kos­ten soll. Dort kal­ku­liert man frei­lich auch mit mehr als 5.000 Besu­chern, von denen dann noch nicht mal die Hälf­te kommt.

Ich gebe zu, mich immer eben­so wenig für Hoch­schul­po­li­tik inter­es­siert zu haben wie 85% mei­ner Kom­mi­li­to­nen. Die Stu­den­ten­ver­tre­ter, das waren eben immer die­se Freaks, die man in jeder SPD-Orts­grup­pe aus­ge­lacht hät­te. Die ganz lin­ken Grup­pen, die in ihren Flug­blät­tern die Hälf­te des Plat­zes für poli­tisch kor­rek­te Pos­ten­um­schrei­bun­gen („die Ver­tre­te­rIn­nen des Aus­län­de­rIn­nen­re­fe­rats“) und seit vier­zig Jah­ren ver­al­te­te Klas­sen­kampf­pa­ro­len ver­wen­de­ten, konn­te man noch weni­ger ernst neh­men. Aber was soll­ten die auch groß (falsch) machen? Hilf­lo­se Aktio­nen gegen Stu­di­en­ge­büh­ren unter­neh­men und dafür sor­gen, dass die Nazi-Paro­len auf den Klo­wän­den alle paar Mona­te über­pin­selt wer­den, viel­leicht. Es konn­te ja kei­ner ahnen, dass die im Stil­len an der Ver­pul­ver­ung mei­nes Gel­des arbei­ten. 2

Nun ist die Orga­ni­sa­ti­on von Groß­ver­an­stal­tun­gen eine durch­aus kom­ple­xe, ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be, die man allei­ne schon des­halb Pro­fis über­las­sen soll­te, weil man dabei so viel falsch machen kann. Der AStA der Ruhr-Uni Bochum 3 ent­schied sich offen­bar dazu, so ziem­lich jeden Feh­ler selbst zu machen. Das reich­te von der Band­aus­wahl, die sicher­lich zu einem gewis­sen Teil auch Geschmacks­sa­che ist, über den Umfang der Ver­an­stal­tung (statt acht Bands und zehn Stun­den Live­mu­sik von mit­tags bis abends hät­te es viel­leicht auch eine Num­mer klei­ner getan), bis hin zu einem umfang­rei­chen PR-Desas­ter: Das Uni-eige­ne Cam­pus­ra­dio, von so ziem­lich jedem bis­he­ri­gen AStA geschnit­ten, wur­de im Vor­feld außen vor gelas­sen und das Ein­ge­ständ­nis des finan­zi­el­len GAUs geriet zu dem, was man in der Poli­tik (oder eben bei Vat­ten­fall) eine „Sala­mi-Tak­tik“ nennt. Der AStA-Vor­sit­zen­de Fabi­an Fer­ber von den „RUB-Rosen“ 4 emp­fahl sich dabei auch gleich für die gro­ße Poli­tik, indem er bei sei­nem Rück­tritt die „vol­le Ver­ant­wor­tung“ über­nahm. „Vol­le Ver­ant­wor­tung“ heißt natür­lich nicht, dass er jetzt den Fehl­be­trag aus­glei­chen wür­de – ja, es soll noch nicht mal hei­ßen, dass er wirk­lich für das Desas­ter ver­ant­wort­lich ist, wie die „RUB-Rosen“ klar­stel­len wol­len:

Wenn man selbst von den eige­nen Fehl­trit­ten ablen­ken will, dann sucht man sich halt einen Sün­den­bock und der heißt in die­sem Monat Fabi­an Fer­ber. Wie ein­fach, wie bil­lig und wie schmut­zig!

Es ist der klas­si­sche Fall, wo ich alle doof fin­de: Beker­ner und Her­man, Schell und Meh­dorn, AStA, RCDS und Ganz­lin­ke.

Nach­trag 19. Dezem­ber: Jetzt erst gese­hen: Sogar die „Süd­deut­sche Zei­tung“ hat schon über den Fall berich­tet.

  1. Hat eigent­lich schon mal jemand dar­über phi­lo­so­phiert, dass beson­ders lin­ke Stu­den­ten­grup­pen, die sich ger­ne Stu­die­ren­den­grup­pen nen­nen, einen ähn­lich gro­tes­ken Hang zu Abkür­zun­gen haben wie die Nazis mit ihren Stu­Kas und GröFa­zen?[]
  2. Inter­es­sant: Um das im Stu­den­ten­aus­weis ent­hal­te­ne Semes­ter­ti­cket kann man sich mit etwas Mühe drü­cken, falls man auf dem Unige­län­de wohnt und nie Zug fah­ren will. Den AStA muss jeder Stu­dent unter­stüt­zen, ob er das will oder nicht.[]
  3. Der RCDS, eigent­lich auch AStA-Mit­glied, nennt das Gan­ze einen „Lis­ten-ego­is­ti­schen Allein­gang der Juso-Rubro­sen“[]
  4. Die ganz lin­ken Grup­pen wür­den jetzt noch schrei­ben, dass es sich dabei um eine „SPD-nahe Stu­den­ten­grup­pe“ han­delt, was einer­seits eine hilf­rei­che Infor­ma­ti­on ist, bei den Ganz­lin­ken aber nur hei­ßen soll: „Iiiih, bah, Poli­tik mit mög­li­chen Fern­zie­len!“[]