Das virtuelle Massengrab der Nischendekadenz

Von Lukas Heinser, 19. Dezember 2007 19:47

Bei Wind und Wetter stehen auf der Dr.-Gerhard-Petschelt-Brücke, die die Bochumer Stadtbahn-Haltestelle „Ruhr-Universität“ mit dem eigentlichen Gelände der Ruhr-Universität verbindet (und die daher zum öffentlichen Raum gehört) Menschen mit einem klapprigen Campingtisch, auf dem Flugschriften ausliegen. Mit wackligen Holzaufstellern, auf denen wirre Forderungen geschrieben stehen, versperren sie den Studenten den Weg zu ihrer Alma Mater. Dies sind die Mitglieder der „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“, kurz „BüSo“.

Die meisten Studenten hasten vorbei, nur wenige lassen sich von Botschaften wie „Die Kernschmelze des Weltfinanzsystems ist in vollem Gang!“ oder „Killerspiele töten die Seele!“ dazu hinreißen, Informationsgespräche zu suchen. Gestern fand ich aber eine ausgelesene „BüSo“-Kampfschrift in einem Seminarraum und meine journalistische Neugier zwang mich dazu, das Werk mit spitzen Fingern (sehr billige Druckerschwärze, saut rum wie sonst was) in Augenschein zu nehmen. Ein Protokoll.

Die Flugschrift, die an eine kleine Zeitung erinnert („2 € empfohlener Beitrag“), ist zweigeteilt: Aus der einen Richtung beschäftigt sie sich mit der Frage „Steckt der Teufel in Deinem Laptop?“ (dazu kommen wir gleich noch ausführlich), dreht man sie um, lacht einen die überraschende Forderung „Bauen wir die Weltlandbrücke!“ an.

“BüSo”: “Bauen wir die Weltlandbrücke!”Die „Weltlandbrücke“, das soll ein „genau aufeinander abgestimmtes System von Schnellbahnen, Transrapidstrecken, Autobahnen sowie Wasserwegen“ werden, ergänzt durch die „Querung der Beringstraße mit einem 100 km langen Tunnel“. Gebraucht werde dieses völlig neuartige Verkehrsnetz für die Zeit nach dem „gegenwärtig kollabierenden System der Globalisierung“ und um eine „neue Friedensordnung“ möglich zu machen. Solche Utopien von latentem Größenwahn üben immer eine gewisse Faszination auf mich aus, so wie die das „Globale Wiederaufbauprogramm für dauerhaften Weltfrieden“ oder die Pläne für die „Welthauptstadt Germania“ (deren zugrunde liegender Größenwahn allerdings nicht mehr latent war).

Die „Weltlandbrücke“ basiert auf einem Vorschlag von Lyndon LaRouche, einem amerikanischen Politiker, der vor allem durch den siebenmaligen Versuch, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden, antisemitische Äußerungen und eine Verurteilung wegen Verschwörung und Postbetrug von sich reden machte.1 Geschrieben wurde der Artikel von Helga Zepp-LaRouche, der Gattin Lyndon LaRouches und Gründerin des „Schiller-Instituts“, der Parteien „Europäischen Arbeiterpartei“ und „Patrioten für Deutschland“, sowie von „BüSo“. In der ganzen Schrift findet sich kein Artikel, der nicht aus der Feder eines der Beiden stammt, sie zitiert oder auf ihre Theorien Bezug nimmt.

Besorgniserregender als die Forderung, eine „Eurasische Landbrücke“ zu bauen, ist der andere Teil der Flugschrift, der mit markigen Worten eingeleitet wird:

Historisch betrachtet könnte man dieser Flugschrift vielleicht ebenso viel Wert beimessen wie den Flugblättern der Weißen Rose, die mit Heldenmut den Feind im eigenen Land bekämpften und bis zuletzt das wahre Deutschland Friedrich Schillers verteidigten. Wie im folgenden klar werden wird, kommt Faschismus heute nicht im braunen Gewand daher, sondern mittels subtiler Gleichschaltung/“Vernetzung“ einer ganzen Generation, bei der sowohl Joseph Goebbels als auch Aldous Huxley vor Neid erblaßt wären. Diese Flugschrift soll vor allem den jungen Leser befähigen, dies als Krankheit zu erkennen, um sich rechtzeitig davon zu befreien.

„Oh mein Gott, worum geht’s?“, werden Sie sich entsetzt fragen. Oder: „Was kann ich dagegen tun?“ Nichts, denn Sie und ich, wir sind schon mittendrin im Elend, im Kampf „Noosphäre contra Blogosphäre“. Was die „Noosphäre“ ist, entnehmen Sie bitte der Wikipedia.

Doch worum geht es wirklich? MySpace, Facebook und Killerspiele, die allen Ernstes durchgehend in dieser Dreifaltigkeit genannt werden, sind Schuld daran, dass die Jugend völlig verkommt und zu brutalen Amokläufern wird:

Ob iPod, Laptop, wLAN, Killerspiele, Second Life usw.; wer sich diese Art von Zeitvertreib a la MySpace, StudiVZ oder SchülerVZ mal genauer anschaut, wird schnell feststellen, daß er hier auf ein virtuelles Massengrab gestoßen ist, in dem wirklich jede Form von Dekadenz ihre Nische gefunden hat, bis hin zur Nekro- und Pädophilie.

Hinter all dem stecken das „International Network of Social Network Analysis“ (INSNA), das das Internet erfunden hat, um die Menschheit zu unterjochen, und Bill Gates, dessen Firma Microsoft laut Flugschrift unter anderem für „Counterstrike“ und „Doom“ verantwortlich ist, zwei „Killerspiele“, die in der Welt, die wir für die Realität halten, natürlich von Sierra Entertainment/EA Games bzw. id soft stammen und mit Microsoft so rein gar nichts am Hut haben.

Wir haben aber natürlich alle keine Ahnung, weil wir uns auf Google und die Wikipedia verlassen. In einem ganzseitigen Artikel wird der Versuch unternommen, die Geschichte der Wikipedia zu erklären, die ihrem Gründer Jim Wales unterstellt sei. Der ebenso zentrale wie entlarvende Satz des Artikels lautet:

Stöhnt man stets „Verschwörungstheorie!“ und schließt aus, was nicht dem gängigen Konsens entspricht, so verbietet man effektiv, nach Gründen und Ursachen zu forschen, und zwingt andere, sich der Manipulation und Überredung des einfachen Konsens zu unterwerfen.

“BüSo”: “Steckt der Teufel in Deinem Laptop?”Der Satz bezieht sich auf die 9/11-Verschwörungstheorien, die durchs Internet geistern, von LaRouche gerne mal befeuert werden und theoretisch mithilfe der Wikipedia belegt werden können – wenn man ihr denn als Quelle traut. Er sagt aber im Umkehrschluss auch alles über die Verschwörungstheoretiker dieser Welt aus: Hat man nämlich einmal den Gedanken verinnerlicht, dass eine gleichgeschaltete Weltöffentlichkeit einem Informationen vorenthält, dann muss man ja die Informationen, die einem die Verschwörungstheoretiker unterbreiten, schon allein deshalb für bare Münze nehmen, weil man sie ja nirgendwo sonst findet. Und schon befindet man sich mitten in der altbekannten Logikschleife der Paranoiden, die man auch gar nicht mehr stoppen kann, weil man ja systemimmanent keinen Gegenbeweis antreten kann. Deshalb sieht es für mich als Opfer der Verschwörung natürlich auch so aus, als stecke hinter dem Wikipedia-Bashing vor allem gekränkte Eitelkeit, wie dieser Abschnitt suggeriert:

Originalschriften, die von LaRouche oder seiner Bewegung verfaßt wurden, dürfen aus jedem Wikipedia-Artikel, außer den Artikeln „LyndonLaRouche“ und anderen eng verwandten, gelöscht werden. Weiterhin werden die Unterstützer LaRouches angewiesen, keine direkten Referenzen zu ihm in Artikel einzufügen, es sei denn dort, wo sie sehr relevant sind. Es soll nichts geschrieben werden, was als „Werbung“ für LaRouche wahrgenommen werden könnten.

Es wurde, so erfahren wir weiter, ein Artikel rückgängig gemacht, in dem Lyndon LaRouche als „die dritte große Schule der Kritik an der Frankfurter Schule zitiert wurde“.

In einem vor den üblichen Klischees nur so strotzenden Dreiseiter über Amokläufer soll nachgewiesen werden, dass „die Fakten“ „auf der Hand“ liegen, was im Klartext heißt: Sie alle haben „Killerspiele“ gespielt und Nine Inch Nails („die Lieblingsband bereits früherer Schulattentäter“) gehört. Inwiefern die Lieblingsbücher eines finnischen Amokläufers („1984 von George Orwell, Schöne neue Welt von Aldous Huxley und Nietzsches Gesamtwerk„) da hineinpassen sollen, erschließt sich mir als ahnungslosem Außenstehenden zwar nicht, aber Huxley haben wir ja weiter oben schon in einem Atemzug mit Goebbels getroffen.

Ein weiterer Artikel handelt von den „42 Millionen MySpace-Nutzern bzw. -Opfern!“, der „alten anglo-holländischen Politik, die die Kultur lenken und den Geist derjenigen kontrollieren will, die in Zukunft die Führung der Menschheit darstellen“ und wartet mit so geistreichen Fakten wie diesen auf:

Wie die Internetseite MyDeathSpace im Nov. 2006 berichtete, gab es 600 Mordopfer und 35 Mörder, die bei MySpace registriert waren.

Das hört sich natürlich spektakulär an. In Deutschland mit seinen 82 Millionen (also fast doppelt so vielen) Einwohnern gab es im Jahr 2006 983 Mordopfer (1,19 Morde pro 100.000 Einwohner). Zieht man zum Vergleich aber die Kriminalitätsrate in den USA heran, die 7,8 Mordopfer pro 100.000 Einwohner zählt, wäre selbst eine Zahl von 600 Mordopfern bei 42 Millionen „MySpace-Opfern“ noch die relativ harmlose Mordquote von 1,43 Opfern pro 100.000. Und Berlin wäre froh, wenn sich dort nur 35 Mörder rumtrieben!

Das Geeiere um „Killerspiele und Internetgewalt“ wirkt, als hätten die Redakteure von „Frontal 21“ und „Süddeutscher Zeitung“ einen Eierlikörreichen Nachmittag bei meinen Großeltern auf der Couch verbracht, und das sonstige Weltbild hinter „BüSo“ ist so bunt und krude zusammengezimmert, dass selbst L. Ron Hubbard und Eva Herman noch etwas lernen könnten. Das nordrhein-westfälische Innenministerium nennt das ganze „allgemeine politische Theorien, utopische Vorstellungen und z. T. verwirrende Forderungen und Thesen“, die „im Übrigen jedoch keine Kernforderungen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in Frage stelle“.

  1. LaRouche bezeichnet seine Verurteilung als eine Verschwörung von – halten Sie sich bitte fest! – Henry Kissinger, dem FBI, dem „Wall Street Journal“, NBC, „Reader’s Digest“ und der Anti-Defamation League. []

15 Kommentare

  1. Sebastian
    19. Dezember 2007, 23:02

    Bitte bediene Dich in meinem stetig wachsenden Facepalm-Ordner.

    Vielleicht ist es politisch nicht korrekt, aber ich finde Paranoiker sehr unterhaltsam, also auch die Freigeld-, Freienergie- und sonstige Freidreher.

  2. felix
    20. Dezember 2007, 0:12

    anglo-holländisch?
    Was haben die Tulpenzüchter denn damit zu tun?

  3. ckwon
    20. Dezember 2007, 9:38

    Oh mein Gott, jetzt haben SIE sogar Blogs gekapert. Coffeandtv gehört zur Verschwörung dazu! Oh mein Gott!

    ;-)

  4. Stitch
    20. Dezember 2007, 10:21

    Als jemand, der sich bereits vor einigen Jahren, nachdem ein guter Bekannter nach und nach in diese Politsekte abgerutscht ist, mit LaRouche und der BüSo beschäftigt hat, finde ich natürlich in diesen Zitaten altbekanntes wieder. Es lässt sich aber auch hier wieder gut beobachten, wie sehr immer wieder neue Aspekte und gerade aktuelle Diskussionen in den Verschwörungsbrei hineingerührt werden, hier die Debatte um „Killerspiele“. Das Prinzip ist dabei nicht neu und besonders geschickt führt die BüSo es auch nach wie vor nicht aus, aber es reicht offensichtlich (und nach eigener Erfahrung, s.o.) immer wieder aus, um den einen oder anderen auf ihre Seite zu ziehen. Das muss einen vielleicht nicht verwundern, aber es ärgert mich einfach.

    @felix: Die Tulpenzüchter kommen bei LaRouche immer wieder ins Spiel, die „anglo-holländische Verschwörung“ geht bei ihm bis ins 18. Jahrhundert zurück und bezeichnet ein krudes Theorien-Gebräu, in der die britische Ostindienhandelsgesellschaft, der Liberalismus und der Freihandel, Isaac Newton, Hobbes, Adam Smith und die parlamentarische Demokratie die wesentlichen Rollen spielen. Wirklich verstehen tut das außer ihm und seiner Frau vermutlich niemand…

  5. TR33
    20. Dezember 2007, 10:41

    die wollte doch mal kanzlerin werden:
    http://www.youtube.com/watch?v=lbKyIsKe5BY

  6. Fragen kostet ja nix
    20. Dezember 2007, 12:00

    Auf dem Plakat, der Herr im Hintergrund, ist das der Teufel? Hab‘ ich mir ganz anders vorgestellt.

  7. Lukas
    20. Dezember 2007, 20:20

    Was ich mich seit heute noch frage: Sind es wirklich 42 Millionen MySpace-Opfer oder doch 41.999.984?

  8. Christoph
    21. Dezember 2007, 3:25

    Nietzsche bitte, bitte mit Z.

  9. Henning
    21. Dezember 2007, 10:28

    Ich muss da doch mal fragen: Angesichts der offenen Forderung nach einer Weltlandbrücke, weswegen nennst du den Größenwahn „latent“?

  10. Lukas
    21. Dezember 2007, 11:30

    @Christoph: Selbstverständlich. Mein Fehler beim Abschreiben. Ist korrigiert.

    @Henning: Zugegeben, die Forderung zeugt schon von einem gewissen Größenwahn. Ich weiß, dass mir die Verwendung des Wortes „latent“ angemessen und sinnvoll erschien, kann aber gerade nicht mehr erklären, wieso. So gesehen könnte es einen „latenten Größenwahn“ kaum geben, weil die Äußerung solcher Pläne zugleich immer auch seine Manifestation darstellt.

  11. Coffee And TV
    10. Januar 2008, 17:40

    Auf der Palme des elektronischen Frankensteinmonsters…

    Im Dezember schrieb ich über eine merkwürdige Broschüre, die von der “Bürgerrechtsbewegung Solidarität” (”BüSo”) an der Ruhr-Uni Bochum verteilt worden war.
    Wie ich erst jetzt feststellte, hat “BüSo”, die umst…

  12. Hilde Benjamin
    17. Februar 2008, 16:21

    .

  13. Coffee And TV: » Und ein Haken für Juli …
    28. Juli 2008, 0:38

    […] drei Vergleiche zum Preis von einem liefert die Büso-Chefin, Anglo-holländische-Verschwörungs-Gegnerin und Atomstromaktivistin Helga Zepp-LaRouche in […]

  14. Coffee And TV: » Ein Esszimmertisch aus ganz besonderem Holz
    21. August 2009, 13:42

    […] der deutsche Ableger “Bürgerrechtsbewegung Solidarität” (BüSo) vor allem durch unfreiwillige Komik und mysteriöse Todesfälle auffällt, tritt die Politsekte in den USA weit weniger subtil […]

  15. aileen
    19. Februar 2010, 12:46

    top!
    nach der erfreulichen lektüre dieses artikels, der nicht nur unglaublich amüsiert, sondern die von mir bereits festgestellte absurdität mancher büso-forderungen nur noch bestätigt, erscheint mir der gestrige anruf (nämlich der eines büso-aktiven, der mich im einschlafprozess mit dingen wie hamelt und fälschung von statistiken aufhielt) wie ein diffuser traum…
    sehr gut. ich les ihn gleich nochmal.

    auf schiller!