Geld verbrennen leicht gemacht
Von Lukas Heinser am Dienstag, 18. Dezember 2007 15:36
Kategorie: Political Science, Social Distortion
Ich hatte es letzte Woche schon mal erwähnt: Der Allgemeine Studierenden-Ausschuss (kurz: AStA)1 der Ruhr-Uni Bochum hat eine große Party veranstaltet, um mal richtig Geld zu verbrennen. Jetzt hat Niels darüber geschrieben und da dachte ich mir: “Wenn man sich schon in Kiel über ‘unseren’ AStA auslässt, muss ich da auch noch mal nachtreten …”
Vor langer, langer Zeit, als ich noch nicht Student der Ruhr-Universität war, fanden angeblich “legendäre” Parties in der damals noch unrenovierten Mensa statt, die einen enormen Ruf hatten und wohl – ähnlich wie die Fachschaftsparties heute noch – hauptsächlich als Geldquelle für die Arbeit des AStA dienten. Insofern hätte man schon mehr als gewarnt sein müssen, als der aktuelle AStA-Vorsitzende Fabian Ferber noch vor der diesjährigen Neuauflage in den “Ruhr Nachrichten” sagte:
“Wir haben von Anfang an nicht damit gerechnet, Gewinn einzufahren.” Jahr für Jahr hätten die Vorgänger-ASten Überschüsse erwirtschaftet, “wir haben Rücklagen von 170.000 Euro.” Da hält Ferber es für legitim, den Studierenden eine große Show zum kleinen Preis zu bieten – selbst wenn sie am Ende Verluste bringt. 35 Euro (ermäßigt 28 Euro) kostet der Eintritt zur Party.
Und, in deed: Das Line-Up konnte sich sehen lassen. Auf Schulhöfen oder bei der “MTV Campus Invasion”, zu der ja vermutlich auch mehr Schüler als Studenten kommen, hätte man mit Juli, 2raumwohnung, Culcha Candela oder Joy Denalane sicher große Erfolge feiern können. Wenn die nicht sowieso ständig an jeder Ecke spielen würden.
200.000 Euro hat die Veranstaltung ungefähr gekostet, was schon erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass ein “großes Open-Air-Rockfestival” mit mehreren Bühnen, an die hundert Bands, Dixie-Klos und Campingplätzen angeblich “nur” sechs Millionen kosten soll. Dort kalkuliert man freilich auch mit mehr als 5.000 Besuchern, von denen dann noch nicht mal die Hälfte kommt.
Ich gebe zu, mich immer ebenso wenig für Hochschulpolitik interessiert zu haben wie 85% meiner Kommilitonen. Die Studentenvertreter, das waren eben immer diese Freaks, die man in jeder SPD-Ortsgruppe ausgelacht hätte. Die ganz linken Gruppen, die in ihren Flugblättern die Hälfte des Platzes für politisch korrekte Postenumschreibungen (“die VertreterInnen des AusländerInnenreferats”) und seit vierzig Jahren veraltete Klassenkampfparolen verwendeten, konnte man noch weniger ernst nehmen. Aber was sollten die auch groß (falsch) machen? Hilflose Aktionen gegen Studiengebühren unternehmen und dafür sorgen, dass die Nazi-Parolen auf den Klowänden alle paar Monate überpinselt werden, vielleicht. Es konnte ja keiner ahnen, dass die im Stillen an der Verpulverung meines Geldes arbeiten.2
Nun ist die Organisation von Großveranstaltungen eine durchaus komplexe, verantwortungsvolle Aufgabe, die man alleine schon deshalb Profis überlassen sollte, weil man dabei so viel falsch machen kann. Der AStA der Ruhr-Uni Bochum3 entschied sich offenbar dazu, so ziemlich jeden Fehler selbst zu machen. Das reichte von der Bandauswahl, die sicherlich zu einem gewissen Teil auch Geschmackssache ist, über den Umfang der Veranstaltung (statt acht Bands und zehn Stunden Livemusik von mittags bis abends hätte es vielleicht auch eine Nummer kleiner getan), bis hin zu einem umfangreichen PR-Desaster: Das Uni-eigene Campusradio, von so ziemlich jedem bisherigen AStA geschnitten, wurde im Vorfeld außen vor gelassen und das Eingeständnis des finanziellen GAUs geriet zu dem, was man in der Politik (oder eben bei Vattenfall) eine “Salami-Taktik” nennt. Der AStA-Vorsitzende Fabian Ferber von den “RUB-Rosen”4 empfahl sich dabei auch gleich für die große Politik, indem er bei seinem Rücktritt die “volle Verantwortung” übernahm. “Volle Verantwortung” heißt natürlich nicht, dass er jetzt den Fehlbetrag ausgleichen würde – ja, es soll noch nicht mal heißen, dass er wirklich für das Desaster verantwortlich ist, wie die “RUB-Rosen” klarstellen wollen:
Wenn man selbst von den eigenen Fehltritten ablenken will, dann sucht man sich halt einen Sündenbock und der heißt in diesem Monat Fabian Ferber. Wie einfach, wie billig und wie schmutzig!
Es ist der klassische Fall, wo ich alle doof finde: Bekerner und Herman, Schell und Mehdorn, AStA, RCDS und Ganzlinke.
Nachtrag 19. Dezember: Jetzt erst gesehen: Sogar die “Süddeutsche Zeitung” hat schon über den Fall berichtet.
- Hat eigentlich schon mal jemand darüber philosophiert, dass besonders linke Studentengruppen, die sich gerne Studierendengruppen nennen, einen ähnlich grotesken Hang zu Abkürzungen haben wie die Nazis mit ihren StuKas und GröFazen? [↩]
- Interessant: Um das im Studentenausweis enthaltene Semesterticket kann man sich mit etwas Mühe drücken, falls man auf dem Unigelände wohnt und nie Zug fahren will. Den AStA muss jeder Student unterstützen, ob er das will oder nicht. [↩]
- Der RCDS, eigentlich auch AStA-Mitglied, nennt das Ganze einen “Listen-egoistischen Alleingang der Juso-Rubrosen” [↩]
- Die ganz linken Gruppen würden jetzt noch schreiben, dass es sich dabei um eine “SPD-nahe Studentengruppe” handelt, was einerseits eine hilfreiche Information ist, bei den Ganzlinken aber nur heißen soll: “Iiiih, bah, Politik mit möglichen Fernzielen!” [↩]
Dienstag, 18. Dezember 2007 17:03
Also ich habe Partys in der alten Mensa noch miterlebt. Die waren halt gross und voll. Grossraumdisko.
Zum eigentlichen Thema fällt mir leider nicht viel ein, ich bin sprachlos, wenn auch nicht überrascht.
Dienstag, 18. Dezember 2007 17:16
Bei der K-Foundation hatte das wenigsten noch Stil. :)
Sollte es sich übrigens tatsächlich so zugetragen haben, wie oben nach den Ruhr-Nachrichten geschildert, dass man von vornherein damit rechnete und plante, den Budget-Ansatz zu überschreiten, dürfte es sich immerhin um einen nicht unerheblichen Verstoß gegen Haushaltsrecht handeln.
Dienstag, 18. Dezember 2007 21:12
Du scheinst ja eine gewisse Abneigung gegenüber politisch links-orientierten Menschen zu besitzen oder beschränkt sich das eher auf diejenigen, welche mit ihrer ideologischen Engstirnigkeit praxisnahe Politik verhindern?!
Bisher entnahm ich deinen Texten nämlich allzu oft auch diverse “linke” Tendenzen, da scheine ich jedoch einem Irrtum aufgesessen zu sein (oder ich bin mit meiner Müdigkeit kaum in der Lage Nuancen bzgl. Ironie zu extrahieren). Ich scheue mich derartig richtungsweisende Wörter wie “links” und “rechts” – bzw. neuerdings ja auch “die Mitte” – zu verwenden, denn dies wird der gesamten Komplexilität kaum gerecht.
Nun ja, als baldiger Student eurer uni werde ich mich mal galant um diesen Bund winden. Ich kannte weder diesen Bund noch die Partys… sind sie über die Statdgrenzen hinaus denn besonders bekannt? Mein Bruder studiert in Bonn, meine Schwester in Münster, sie kannten diese Großveranstaltung beide nicht…
Aber ich ergötze mich immer wieder – täglich – an deinem Blog. Dabei bin ich noch nichtmal in der Lage das Besondere daran hervorzuheben…
Vielleicht magst du das ja selbst formulieren
Mittwoch, 19. Dezember 2007 16:48
grad kam ein beitrag über die flop-party auf einslive!
Mittwoch, 19. Dezember 2007 17:57
Da werden Erinnerungen wach: Kaum Platz für’s Essen mehr auf den Tischen der Mensa – alles voller Flugblätter, mehr Politikparodie als ernstzunehmende Programme. Linke und nicht ganz so linke Wichtigtuer inszenieren sich selbst. Wahlbeteiligung: 3%. Die so “Legitimierten” werfen also das Geld der Studenten (oh, pardon, der StudentInnen) mit beiden Händen zum Fenster heraus. Zumindest dazu muss dann wohl das Selbstgedrehte mal kurz aus der Hand gelegt werden.