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Rundfunk

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Ruhr-Uni Bochum

An der Ruhr-Uni Bochum wird so langsam aber sicher die dringend notwendige Sanierung in Angriff genommen. Das ist gut, hat aber einen kleinen bis mittelgroßen Nachteil: Mein früherer Heimatsender CT das radio wird dadurch … äh: obdachlos.

Jetzt ist die derzeitige Mannschaft des Campusradios auf der Suche nach einer neuen Bleibe, die – so nehme ich an – in Uninähe liegen und wenig bis nichts kosten sollte. Und da dachte ich, vielleicht haben Sie ja eine Idee.

Das ambitionierte Immobiliengroßprojekt in Innenstadtnähe ist ja noch lange nicht fertig.

Für Vorschläge sind die Kollegen dankbar und es gibt sogar etwas zu gewinnen.

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Politik Gesellschaft

Mein Protest-Problem

Um das Verhältnis der Ruhr-Uni Bochum zu Studentenprotesten zu verstehen, muss man wissen, dass es in Bochum eher die Ausnahme ist, wenn gerade mal nicht irgendwo wofür oder wogegen demonstriert wird. Als vor drei Jahren das damals leerstehende Querforum West (erst Übergangsmensa für die Zeit des Mensaumbaus, heute Tutorienzentrum und für diese Funktion denkbar ungeeignet) besetzt wurde, belauerten sich Uni-Verwaltung und Besetzer etwa acht Monate lang, bis das Gebäude dann doch von der Polizei geräumt wurde.

Studentenvertretung und Protestkomitee – ein Wort, bei dem ich im Geiste immer “Kölner Karneval” ergänzen will – schaffen es grundsätzlich nicht, der riesigen Mehrheit der Studentenschaft ihre Anliegen zu erklären. Auf den spärlich besuchten Vollversammlungen springen die Redner oft binnen weniger Sätze von der Kritik am Bildungssystem zur Abschaffung des Kapitalismus und dem Krieg in Afghanistan. Während an anderen Unis die Professoren und Dozenten ihre Studenten zur Teilnahme am Bildungsstreik ermutigen, haben in Bochum selbst die engagiertesten Professoren keine Lust mehr, sich mit Protesten auseinanderzusetzen, und fragen, ob es nicht geeignetere Methoden gäbe, die durchaus berechtigte Kritik an der desaströsen Bildungspolitik der schwarz-gelben Landesregierung zu artikulieren.

Heute Morgen dann wurde die Uni-Brücke belagert. Die Protestler flehten die heranströmenden Studenten fast schon an, sich doch ihre Argumente und Ziele anzuhören. Aber irgendwie war die Idee, die Leute über und unter Absperrungen klettern zu lassen, nicht geeignet, die gewünscht Botschaft zu vermitteln. Die Studenten waren genervt und machten Witze. Vor dem Zelt des Proteskomitees saßen Menschen, für deren Besetzung als Studentenvertreter in einem Fernsehfilm man den zuständigen Castingdirektor wegen Klischeelastigkeit entlassen hätte. Und als schließlich etwa achtzig Protestler die Hörsäle stürmten und “Solidarisieren, Mitmarschieren!” skandierten, wusste ich plötzlich wieder ganz genau, warum mir das alles nicht gefällt: Ich mag einfach kein Gebrüll und kein Marschieren.

Vor drei Jahren war ich für CT das radio bei einer Demonstration gegen Studiengebühren in Düsseldorf und dieser Tag hat mein Verhältnis zu Protestaktionen nachhaltig gestört: Während am Straßenrand Passanten standen und sich angesichts der doch recht allgemein gehaltenen Transparente und Sprechchöre fragten, worum es eigentlich ginge, kam ein Teil der Menge auf die Idee, zur Melodie von “Einer geht noch, einer geht noch rein” immer wieder “Ohne Bildung wer’n wir Polizist” zu grölen, was ich auch rückblickend noch als empörenswerten Ausbruch von Arroganz und Menschenverachtung empfinde.

Kaum waren die Absperrungen entlang der Bannmeile um den Landtag erreicht, hielt es ein Teil der Demonstranten offenbar für geboten, diese als erstes zu Überspringen, was die Polizei zum Heranstürmen veranlasste. Ich floh derweil mit einem Redaktionsnachweis in der einen und meinem Jugendpresseausweis in der anderen Hand hinter die Polizeilinien und telefonierte aufgeregt in die Livesendung, während ein paar Meter weiter Chinaböller in Richtung von Kindern und alten Frauen flogen, die sich bizarrerweise im Park um den Landtag aufhielten.

Demonstranten schrien andere Demonstranten an, sie sollten doch mit dem Scheiß aufhören. Polizisten bellten in ihre Funkgeräte, was für Idioten denn wohl veranlasst hätten, die Menge auch noch mit Videokameras zu filmen — auf solche Provokationen könne man ja wohl verzichten. Eine andere Hundertschaft machte gerade Mittagspause in der Sonne. Ich dachte – und denke es gerade angesichts der Meldungen aus Teheran wieder -, dass es vielleicht im Großen und Ganzen doch nicht so übel ist, in Deutschland zu leben.

Wenn heutige Studenten jetzt von ’68 träumen, legen sie damit immerhin die für erfolgreiche Revolutionen benötigte Weltfremde an den Tag. Zwar neigt Geschichte dazu, in Abständen von etwa vierzig Jahren vergleichbare gesellschaftliche Spannungen zu durchlaufen, aber die Welt ist 2009 doch in fast jeder Hinsicht eine andere als 1968. Oder: Zumindest Deutschland ist ein anderes.

Auch wenn ich persönlich mit meinem Studium ziemlich zufrieden bin, weiß ich von genug Leuten, bei denen die Bachelor/Master-Studiengänge zu Desastern geführt haben. Ich glaube in der Tat, dass bildungspolitisch einiges, wenn nicht alles, im Argen liegt. Aber mich überzeugen diese Formen des Protests (zumindest die, dich ich bisher mitbekommen habe) nicht — ich halte sie viel eher für kontraproduktiv. Dass Demonstrationszüge ohne den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung allenfalls Mitleid erzeugen, kann man jeden Montagabend in der Bochumer Innenstadt besichtigen.

Fragen Sie mich nicht, wie ich das machen würde. Ich leiste mir nach wie vor die Naivität, an die Macht des Dialogs zu glauben und an den Sieg der Vernunft. Auch hunderte Landes- und Bundesregierungen werden mich nicht davon abbringen können — und mit dieser Weltfremde bin ich doch irgendwie wieder ganz bei den Protestlern.

Musik!

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Gesellschaft

Von den Autoren von “Koreanische Gebrauchsanleitungen”

Studiengebühren sin sozial GERECHT & NICHT Steine können fliegen

Ich frage das wirklich ungern, aber: Wie viele Semester Germanistik müsste ich wohl noch studieren, um dieses Transparent an der Bochumer Uni-Bibliothek sinnentnehmend lesen zu können?

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Ja, Ihr könnt mich mal (26 & 27)

Die Wahl zum neuen Bochumer Studierendenparlament setzt ungeahnte Energien frei und lässt einen bereits mit Sorge auf den Bundestagswahlkampf im Herbst blicken.

Letzte Woche hatten wir den RCDS, diese Woche das hier:

Der schwarze Ritter ist unbesiegbar. Der erste Schwarze im AStA. Yes, we can

(Wobei die Liste “Der schwarze Ritter ist unbesiegbar” sowieso gewisse Probleme hat, ernst genommen zu werden. Aber das ist wohl gewünscht.)

Gestern fand ich dann in meinem Briefkasten eine Postkarte, die mir ein anonymer Leser freundlicherweise weitergeleitet hatte:

Yes ... we can! Ja, das schaffen wir. Obama hat es vorgemacht und sein Ziel konsequent verfolgt! Geradlinig, klug und ausdauernd. Sie können das auch! PaX eröffnet Ihnen Zugang zu umsatzstarken Kundensegmenten. Mit einem überzeugenden Kraft-Paket, das Ihnen Impulse bietet, die Krise besser zu meistern. PaX macht stark. Umdenken - handeln - gewinnen.

Der Preis in der Kategorie “Abwegigster Obama-Verweis unter Einbeziehung von sowohl Uncle Sam als auch der Weltwirtschaftskrise” geht damit an PaX, eine Firma, die – obwohl man bei dem Werbetext anderes vermuten könnte – Fenster und Türen herstellt.

Andererseits: Der wahre Erfinder des Slogans “Yes we can!” stammt ja bekanntlich auch aus dem Baugewerbe

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Politik

Schlechter Wechselkurs

Zugegeben: Ich hätte den RCDS bei den anstehenden Wahlen zum Bochumer Studierendenparlament eh nicht gewählt.

Change. Wechsel wollen. RCDS wählen.

Aber nach dieser Plakatkampagne wäre ich überrascht, wenn der Ring Christlich-Demokratischer Studenten auch nur eine Stimme mehr bekäme als er Mitglieder hat.

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Leben Rundfunk

Die geheimnisvollen Listen des WDR

Dem Thema Rundfunkgebühren kann man sich kaum nähern, ohne dass nicht innerhalb von zwei Minuten mindestens einem Gesprächspartner die Halsschlagader platzt und Worte wie “Planwirtschaft” und “Musikantenstadl” fallen. Deswegen hätte ich schon vorab die Bitte, dass wir in den Kommentaren die grundsätzliche Debatte über den Sinn und Unsinn von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und der GEZ ausklammern.

Am Freitag stand ein Gebührenbeauftragter des WDR (Name und Dienstnummer liegen mir vor) vor unserer WG-Tür im Studentenwohnheim. Er sagte, der WDR arbeite schon seit langem mit dem Akademischen Förderungswerks (Akafö) zusammen, um zu kontrollieren, ob da auch alles richtig laufe (“Sie könnte ja auch versehentlich etwas angemeldet haben, was Sie gar nicht anmelden müssen!”) und um Stress zu vermeiden. Deswegen habe er auch vom Akafö eine Liste mit allen Bewohnern der Wohnheime erhalten und klappere die seit einigen Jahren (“mein Sohn hat ja auch hier studiert und im Wohnheim gewohnt”) ab.

Da stand natürlich plötzliche eine sehr unschöne Frage unübersehbar im Raum: Das Studentenwerk gibt Daten seiner Bewohner weiter? ((Zunächst einmal erschließt sich mir nicht ganz, warum man in Studentenwohnheimen Listen benötigt, um Studenten ausfindig zu machen. Als Gebührenbeauftragter angelt man da ja quasi im Fass.))

Fakt ist: Der Mann hatte eine Liste, auf der – soweit ich das erkennen konnte – die Namen aller Heimbewohner nach WGs sortiert waren. Und zwar in meinem Fall beide Vornamen. ((Warum das Akafö Briefe an mich seit 2005 mit beiden Vornamen adressiert, obwohl ich mich 2004 nur mit Lukas angemeldet habe, ist eine andere Frage, die sich mir gerade bei der Durchsicht meiner Unterlagen stellte. Vermutlich haben sie den zweiten Vornamen einfach von meiner Studienbescheinigung übernommen, weil sie dachten, ich lege Wert darauf.)) Das Einwohnermeldeamt scheidet als Quelle eigentlich aus, weil vermutlich längst nicht alle Bewohner auch in Bochum gemeldet sind, und man dort auch nicht wüsste, wer in welcher Wohnung wohnt.

In der Pressestelle des Akafö sagte man mir, dass man aus Datenschutzgründen keine Daten weitergeben dürfe — entsprechend tue man das natürlich auch nicht. Das Akafö habe aber, nachdem es früher viele “Reibereien” gegeben habe, vor einigen Jahren eine Übereinkunft mit dem WDR getroffen, nach der dieser etwa einmal im Jahr Gebührenbeauftragte in die Wohnheime schicke. Diese Besuche würden aber in der Regeln vorher angekündigt und mit den Heimräten besprochen. Wenn der WDR das mit irgendwem beim Akafö bespreche, kriege die Pressestelle den Auftrag, Flugblätter zu drucken. Da man aber in diesem Jahr noch keine gedruckt hätte, die auf einen derartigen Besuch hinwiesen, sei der Pressestelle nichts derartiges bekannt.

In der Pressestelle des WDR war man zunächst sehr hilfsbereit und versprach, der Geschichte nachzugehen. Das war allerdings am Montag und seitdem warten meine Fragen auf Antworten:

– Woher stammen die (offenbar nach Wohnungsnummer sortierten) Listen mit den Namen der Heimbewohner, wenn sie nicht vom Akafö stammen?
– Warum wurden die Besuche nicht (wie sonst üblich) mit dem Akafö abgesprochen?
– Handelt es sich bei den Gebührenbeauftragten des WDR um andere Personen als die Rundfunkgebührenbeauftragte der LfM? Falls ja: Worin bestehen die Unterschiede?

Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, ob es sich dabei um einen “Datenschutzskandal” handelt oder um einen der unzähligen Grenzfälle aus jener Grauzone, die die GEZ ((Mit der übrigens auch Journalisten nicht telefonisch kommunizieren können.)) umgibt. Aber die Frage, wer was mit meinen Daten macht, ((Und bevor Sie fragen: Nein, die stammen ganz sicher weder aus dem Impressum dieses Blogs, noch aus irgendeinem Social Network — und auch nicht von meiner Bank, dem Deutschen Jugendherbergswerk, dem Miles-and-More-Programm der Lufthansa und der Jungen Presse NRW.)) die hätte ich doch ganz gerne noch mal beantwortet.

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Meine Ruhr-Uni (Teil 3)

Die letzten zehn Tage habe ich mit Filmen, Schneiden, Freunde treffen und Familie besuchen zugebracht (und in all der Zeit die neue Tomte-Platte bisher genau einmal hören können). Währenddessen hat mich die Weltgeschichte rechts überholt und vorwurfsvoll eine Weltwirtschaftskrise, ein Fernsehpreis-Skandälchen, ein Fußball-Skandälchen und einen toten österreichischen Politiker (also einen weiteren) auf meinem Schreibtisch abgeladen. Ich aber sage: “Ach, verzieh Dich, Weltgeschichte, über Dich werden noch genug andere schreiben!”

Stattdessen widme ich mich noch einmal meiner Ruhr-Uni, genauer: dem dritten Teil der Serie “Meine Ruhr-Uni” (s.a. Teil 1 und Teil 2). Heute geht’s da hin, wo ich ohne Quatsch am Abend nur ungern unterwegs wäre — und in die Uni-Bibliothek, die immer so schön nach Kindheit riecht.

Das alles in den letzten viereinhalb Minuten von “Meine Ruhr-Uni”:

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Natürlich wieder mit Dank an Kamerakind Fabian!

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Meine Ruhr-Uni (Teil 2)

Kommen wir nun zum zweiten Teil unserer kleinen Serie über die schönste Universität, an der ich je als Student eingeschrieben war.

Heute gehen wir in der Mensa essen und sehen uns mein Institutsgebäude genauer an:

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[Direktlink, vorher Teil 1 ansehen]

Wieder mal mit vielen Dank an Kamerakind Fabian!

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Meine Ruhr-Uni (Teil 1)

Schauen Sie mal in Ihren Kalender. Was sehen Sie da (von dem roten Kringel mal ab)?

Richtig: Heute vor fünf Jahren begann mein Studium an der Ruhr-Uni Bochum mit einer Informationsveranstaltung der Germanisten für Erstsemester bei Dr. Ralph Köhnen und Dr. Benedikt Jeßing.

Inzwischen habe ich längst meinen Bachelor-Abschluss, aber die Ruhr-Uni ist natürlich immer noch etwas besonderes für mich. So besonders, dass ich sie Ihnen vorstellen will — mit subjektiven Eindrücken, aber auch mit einigen Fakten.

Im ersten Teil der neuen Serie “Meine Ruhr-Uni”, die sich an Erstsemester, Eltern und sonstwie interessierte Leser dieses Blogs richtet, räumen wir heute mit einigen Klischees auf und verlaufen uns in einem obskuren Gebäude namens “HZO”:

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Mit besonderem Dank an Kamerakind Fabian!

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Züge, Tiere, Sensationen

Das mit den Tieren und der Deutschen Bahn ist noch viel schlimmer, als bisher vermutet:

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Biber

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Unterwegs Kultur

Hoffentlich ist es Beton

Ruhr-Uni Bochum

Wenn Menschen verreisen, geben sie viel Geld aus um weit weg zu kommen, dorthin, wo’s schön ist. Wenn sie dann wieder heimkehren, denken sie “Ach, schrecklich, wie das hier aussieht”, und die ganze Erholung ist weg. Warum fahren sie also nicht in die nähere Umgebung, gucken sich dort die Tagebaugebiete, Fußgängerzonen und Gefängnisse an und sind ganz entzückt, wenn sie endlich wieder zuhause sein dürfen?

Ich war also am Dienstag in Marl. Die Innenstadt wurde in den 1960er Jahren am Reißbrett entworfen und war damals sicher visionär: ein Einkaufszentrum amerikanischer Bauart, davon ausgehend verschiedene Wohn-Hochhäuser, ein klar strukturiertes, dabei aber luftiges Rathaus, ein künstlicher See. Wenn man in der Dämmerung durch den Nieselregen schlurft (wie Stefan am Montag), wirkt dieser Ort wie der post-apokalyptische Schauplatz einer Architekturschau längst vergangener Epochen, aber man ahnt, wie begeistert die Macher von ihren Ideen waren, wie durchdacht und modern diese Stadt einmal gewesen sein muss. Nur leben wollen die Leute so nicht und ohne Anzüge und Petticoats wirken sie dort auch seltsam deplatziert.

Es ist das Schicksal mindestens einer Generation deutscher Architekten und Stadtplaner, dass ihre hehren Pläne und Konzepte kolossal gescheitert sind. Wie oft höre ich, die Ruhr-Uni Bochum sei ja “so hässlich”, dabei sieht sie kaum anders aus als die Universitätsneubauten in Düsseldorf, Dortmund, Duisburg, Essen, Bielefeld oder Paderborn. Genau genommen ist die Ruhr-Uni sogar von einer viel höheren Qualität: klar strukturiert, ohne Schnörkel und anheimelnde Gemütlichkeit, nur gebaut, um möglichst vielen Arbeiterkindern die Möglichkeit eines Hochschulstudiums zu bieten. Ein Blick in die hell erleuchteten Zimmer des Nachbarhauses bringt hässlicheres zu Tage.

Christuskirche DinslakenIn Dinslaken wurde im vergangenen Jahr die evangelische Christuskirche abgerissen, weil sie zu nah an den anderen Kirchen lag und ihr Erhalt zu teuer war. Der Betonbau aus den späten 1960er Jahren war immer unbeliebt gewesen: groß, kalt, mit der Ausstrahlung einer Mehrzweckturnhalle. Selbst unter Aufbringung von christlicher Nächstenliebe und kulturellem Verständnis war die Kirche hässlich – und doch war zum Beispiel die Idee, bei der Gestaltung der “Fenster”, die eher kleine farbige Lichtlöcher in Betonelementen waren, völlig auf Motive zu verzichten, eine konsequente bauliche Umsetzung des Protestantismus gewesen. Den Vorschlag, einfach die klassizistische Schwesterkirche abzureißen, hätte nie jemand zu äußern gewagt – mal davon ab, dass diese natürlich unter Denkmalschutz steht und gerade frisch restauriert war.

Und so wird zur Zeit in weiten Teilen Deutschlands eine ganze Epoche der Architekturgeschichte aus den Stadtbildern entfernt: die der Nachkriegsarchitektur. Natürlich hatte damals kaum jemand ahnen können, wie schrecklich nackter Beton im Laufe der Zeit aussehen würde, aber diese Architektur war nicht nur unglaublich funktional, sie hatte dabei auch nicht selten tolle Details und die Kunst am Bau. Diese Gebäude, die ja weißgott nicht alle hässlich sind, gehören zur deutschen Geschichte wie römische Siedlungen, Barockschlösser, faschistische Protzbauten und das Bauhaus. Ihr Verschwinden aus den Stadtbildern verzerrt die Geschichte und endet in einem Revisionismus, der sich zum Beispiel in den Bestrebungen zeigt, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen – oder auf die Spitze getrieben in den Braunschweiger Schlossarkaden.

AT&T Switching Center, New York

Pathetisch gesprochen stehen Marl und all die Städte, die so ähnlich konzipiert wurden, für eine gescheiterte Utopie. Sie sind betongewordene Sozialdemokratie. Die Menschen wollten nicht in Etagenwohnungen mitten in der Stadt wohnen und auf riesige Betonfläche gucken, sie wollten in die Vorstädte, wo sie bizarrerweise nun Häuser bewohnen, die sich untereinander gleichen wie damals die Wohnungen im Hochhaus. Die Berliner Gropiusstadt und Köln-Chorweiler sind in einer Dimension gescheitert, wie sie nur in der Architektur möglich ist, die Stuttgarter Weißenhofsiedlung und die Berliner Wohnmaschine hingegen gelten immer noch als Vorzeigeobjekte. Woran das nun wieder liegt, kann ich mir auch nicht erklären. Vielleicht ist Brasília auch nicht deshalb so schön, weil es von Oscar Niemeyer entworfen wurde, sondern weil dort so häufig die Sonne scheint.

Eines der merkwürdigsten Neubauprojekte, das ich aus der Nähe mitbekommen habe, ist die Neue Mitte Oberhausen, ein künstliches Stadtzentrum mitten in einem früheren Industriegebiet. Das ganze Areal wirkt ein bisschen unnatürlicher als Disneyland, wird aber mit großer Begeisterung angenommen. Wohnhäuser gibt es keine, aber das riesige Einkaufszentrum “CentrO” mit angeschlossener Gastronomie-Promenade. Die seelenlose Beliebigkeit eines internationalen Flughafens scheint den Besuchern nichts auszumachen, aber selbst wenn: auf dem Gelände gibt es einen Irish Pub, der das Konzept Irish Pub sklavisch und bis zur Übertreibung einhält. Junge Menschen können sich in einem völlig künstlichen, aber realistischen Gebäude betrinken, das jünger ist als sie selbst, aber nach jahrhundertealter Tradition aussieht.

Und mit der Frage, ob falsche Gemütlichkeit wirklich echter Kälte vorzuziehen ist, möchte ich Sie in die Nacht entlassen. Allerdings nicht, ohne vorher auf restmodern.de hingewiesen zu haben, wo man sich einen schönen Überblick über die Nachkriegsarchitektur in Berlin verschaffen kann.

Hinterhof in Chicago
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Gesellschaft Leben

Das virtuelle Massengrab der Nischendekadenz

Bei Wind und Wetter stehen auf der Dr.-Gerhard-Petschelt-Brücke, die die Bochumer Stadtbahn-Haltestelle “Ruhr-Universität” mit dem eigentlichen Gelände der Ruhr-Universität verbindet (und die daher zum öffentlichen Raum gehört) Menschen mit einem klapprigen Campingtisch, auf dem Flugschriften ausliegen. Mit wackligen Holzaufstellern, auf denen wirre Forderungen geschrieben stehen, versperren sie den Studenten den Weg zu ihrer Alma Mater. Dies sind die Mitglieder der “Bürgerrechtsbewegung Solidarität”, kurz “BüSo”.

Die meisten Studenten hasten vorbei, nur wenige lassen sich von Botschaften wie “Die Kernschmelze des Weltfinanzsystems ist in vollem Gang!” oder “Killerspiele töten die Seele!” dazu hinreißen, Informationsgespräche zu suchen. Gestern fand ich aber eine ausgelesene “BüSo”-Kampfschrift in einem Seminarraum und meine journalistische Neugier zwang mich dazu, das Werk mit spitzen Fingern (sehr billige Druckerschwärze, saut rum wie sonst was) in Augenschein zu nehmen. Ein Protokoll.

Die Flugschrift, die an eine kleine Zeitung erinnert (“2 € empfohlener Beitrag”), ist zweigeteilt: Aus der einen Richtung beschäftigt sie sich mit der Frage “Steckt der Teufel in Deinem Laptop?” (dazu kommen wir gleich noch ausführlich), dreht man sie um, lacht einen die überraschende Forderung “Bauen wir die Weltlandbrücke!” an.

“BüSo”: “Bauen wir die Weltlandbrücke!”Die “Weltlandbrücke”, das soll ein “genau aufeinander abgestimmtes System von Schnellbahnen, Transrapidstrecken, Autobahnen sowie Wasserwegen” werden, ergänzt durch die “Querung der Beringstraße mit einem 100 km langen Tunnel”. Gebraucht werde dieses völlig neuartige Verkehrsnetz für die Zeit nach dem “gegenwärtig kollabierenden System der Globalisierung” und um eine “neue Friedensordnung” möglich zu machen. Solche Utopien von latentem Größenwahn üben immer eine gewisse Faszination auf mich aus, so wie die das “Globale Wiederaufbauprogramm für dauerhaften Weltfrieden” oder die Pläne für die “Welthauptstadt Germania” (deren zugrunde liegender Größenwahn allerdings nicht mehr latent war).

Die “Weltlandbrücke” basiert auf einem Vorschlag von Lyndon LaRouche, einem amerikanischen Politiker, der vor allem durch den siebenmaligen Versuch, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden, antisemitische Äußerungen und eine Verurteilung wegen Verschwörung und Postbetrug von sich reden machte. ((LaRouche bezeichnet seine Verurteilung als eine Verschwörung von – halten Sie sich bitte fest! – Henry Kissinger, dem FBI, dem “Wall Street Journal”, NBC, “Reader’s Digest” und der Anti-Defamation League.)) Geschrieben wurde der Artikel von Helga Zepp-LaRouche, der Gattin Lyndon LaRouches und Gründerin des “Schiller-Instituts”, der Parteien “Europäischen Arbeiterpartei” und “Patrioten für Deutschland”, sowie von “BüSo”. In der ganzen Schrift findet sich kein Artikel, der nicht aus der Feder eines der Beiden stammt, sie zitiert oder auf ihre Theorien Bezug nimmt.

Besorgniserregender als die Forderung, eine “Eurasische Landbrücke” zu bauen, ist der andere Teil der Flugschrift, der mit markigen Worten eingeleitet wird:

Historisch betrachtet könnte man dieser Flugschrift vielleicht ebenso viel Wert beimessen wie den Flugblättern der Weißen Rose, die mit Heldenmut den Feind im eigenen Land bekämpften und bis zuletzt das wahre Deutschland Friedrich Schillers verteidigten. Wie im folgenden klar werden wird, kommt Faschismus heute nicht im braunen Gewand daher, sondern mittels subtiler Gleichschaltung/”Vernetzung” einer ganzen Generation, bei der sowohl Joseph Goebbels als auch Aldous Huxley vor Neid erblaßt wären. Diese Flugschrift soll vor allem den jungen Leser befähigen, dies als Krankheit zu erkennen, um sich rechtzeitig davon zu befreien.

“Oh mein Gott, worum geht’s?”, werden Sie sich entsetzt fragen. Oder: “Was kann ich dagegen tun?” Nichts, denn Sie und ich, wir sind schon mittendrin im Elend, im Kampf “Noosphäre contra Blogosphäre”. Was die “Noosphäre” ist, entnehmen Sie bitte der Wikipedia.

Doch worum geht es wirklich? MySpace, Facebook und Killerspiele, die allen Ernstes durchgehend in dieser Dreifaltigkeit genannt werden, sind Schuld daran, dass die Jugend völlig verkommt und zu brutalen Amokläufern wird:

Ob iPod, Laptop, wLAN, Killerspiele, Second Life usw.; wer sich diese Art von Zeitvertreib a la MySpace, StudiVZ oder SchülerVZ mal genauer anschaut, wird schnell feststellen, daß er hier auf ein virtuelles Massengrab gestoßen ist, in dem wirklich jede Form von Dekadenz ihre Nische gefunden hat, bis hin zur Nekro- und Pädophilie.

Hinter all dem stecken das “International Network of Social Network Analysis” (INSNA), das das Internet erfunden hat, um die Menschheit zu unterjochen, und Bill Gates, dessen Firma Microsoft laut Flugschrift unter anderem für “Counterstrike” und “Doom” verantwortlich ist, zwei “Killerspiele”, die in der Welt, die wir für die Realität halten, natürlich von Sierra Entertainment/EA Games bzw. id soft stammen und mit Microsoft so rein gar nichts am Hut haben.

Wir haben aber natürlich alle keine Ahnung, weil wir uns auf Google und die Wikipedia verlassen. In einem ganzseitigen Artikel wird der Versuch unternommen, die Geschichte der Wikipedia zu erklären, die ihrem Gründer Jim Wales unterstellt sei. Der ebenso zentrale wie entlarvende Satz des Artikels lautet:

Stöhnt man stets “Verschwörungstheorie!” und schließt aus, was nicht dem gängigen Konsens entspricht, so verbietet man effektiv, nach Gründen und Ursachen zu forschen, und zwingt andere, sich der Manipulation und Überredung des einfachen Konsens zu unterwerfen.

“BüSo”: “Steckt der Teufel in Deinem Laptop?”Der Satz bezieht sich auf die 9/11-Verschwörungstheorien, die durchs Internet geistern, von LaRouche gerne mal befeuert werden und theoretisch mithilfe der Wikipedia belegt werden können – wenn man ihr denn als Quelle traut. Er sagt aber im Umkehrschluss auch alles über die Verschwörungstheoretiker dieser Welt aus: Hat man nämlich einmal den Gedanken verinnerlicht, dass eine gleichgeschaltete Weltöffentlichkeit einem Informationen vorenthält, dann muss man ja die Informationen, die einem die Verschwörungstheoretiker unterbreiten, schon allein deshalb für bare Münze nehmen, weil man sie ja nirgendwo sonst findet. Und schon befindet man sich mitten in der altbekannten Logikschleife der Paranoiden, die man auch gar nicht mehr stoppen kann, weil man ja systemimmanent keinen Gegenbeweis antreten kann. Deshalb sieht es für mich als Opfer der Verschwörung natürlich auch so aus, als stecke hinter dem Wikipedia-Bashing vor allem gekränkte Eitelkeit, wie dieser Abschnitt suggeriert:

Originalschriften, die von LaRouche oder seiner Bewegung verfaßt wurden, dürfen aus jedem Wikipedia-Artikel, außer den Artikeln “LyndonLaRouche” und anderen eng verwandten, gelöscht werden. Weiterhin werden die Unterstützer LaRouches angewiesen, keine direkten Referenzen zu ihm in Artikel einzufügen, es sei denn dort, wo sie sehr relevant sind. Es soll nichts geschrieben werden, was als “Werbung” für LaRouche wahrgenommen werden könnten.

Es wurde, so erfahren wir weiter, ein Artikel rückgängig gemacht, in dem Lyndon LaRouche als “die dritte große Schule der Kritik an der Frankfurter Schule zitiert wurde”.

In einem vor den üblichen Klischees nur so strotzenden Dreiseiter über Amokläufer soll nachgewiesen werden, dass “die Fakten” “auf der Hand” liegen, was im Klartext heißt: Sie alle haben “Killerspiele” gespielt und Nine Inch Nails (“die Lieblingsband bereits früherer Schulattentäter”) gehört. Inwiefern die Lieblingsbücher eines finnischen Amokläufers (“1984 von George Orwell, Schöne neue Welt von Aldous Huxley und Nietzsches Gesamtwerk“) da hineinpassen sollen, erschließt sich mir als ahnungslosem Außenstehenden zwar nicht, aber Huxley haben wir ja weiter oben schon in einem Atemzug mit Goebbels getroffen.

Ein weiterer Artikel handelt von den “42 Millionen MySpace-Nutzern bzw. -Opfern!”, der “alten anglo-holländischen Politik, die die Kultur lenken und den Geist derjenigen kontrollieren will, die in Zukunft die Führung der Menschheit darstellen” und wartet mit so geistreichen Fakten wie diesen auf:

Wie die Internetseite MyDeathSpace im Nov. 2006 berichtete, gab es 600 Mordopfer und 35 Mörder, die bei MySpace registriert waren.

Das hört sich natürlich spektakulär an. In Deutschland mit seinen 82 Millionen (also fast doppelt so vielen) Einwohnern gab es im Jahr 2006 983 Mordopfer (1,19 Morde pro 100.000 Einwohner). Zieht man zum Vergleich aber die Kriminalitätsrate in den USA heran, die 7,8 Mordopfer pro 100.000 Einwohner zählt, wäre selbst eine Zahl von 600 Mordopfern bei 42 Millionen “MySpace-Opfern” noch die relativ harmlose Mordquote von 1,43 Opfern pro 100.000. Und Berlin wäre froh, wenn sich dort nur 35 Mörder rumtrieben!

Das Geeiere um “Killerspiele und Internetgewalt” wirkt, als hätten die Redakteure von “Frontal 21” und “Süddeutscher Zeitung” einen Eierlikörreichen Nachmittag bei meinen Großeltern auf der Couch verbracht, und das sonstige Weltbild hinter “BüSo” ist so bunt und krude zusammengezimmert, dass selbst L. Ron Hubbard und Eva Herman noch etwas lernen könnten. Das nordrhein-westfälische Innenministerium nennt das ganze “allgemeine politische Theorien, utopische Vorstellungen und z. T. verwirrende Forderungen und Thesen”, die “im Übrigen jedoch keine Kernforderungen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in Frage stelle”.