Hoffentlich ist es Beton

Von Lukas Heinser, 7. Februar 2008 2:19

Ruhr-Uni Bochum

Wenn Menschen verreisen, geben sie viel Geld aus um weit weg zu kommen, dorthin, wo’s schön ist. Wenn sie dann wieder heimkehren, denken sie „Ach, schrecklich, wie das hier aussieht“, und die ganze Erholung ist weg. Warum fahren sie also nicht in die nähere Umgebung, gucken sich dort die Tagebaugebiete, Fußgängerzonen und Gefängnisse an und sind ganz entzückt, wenn sie endlich wieder zuhause sein dürfen?

Ich war also am Dienstag in Marl. Die Innenstadt wurde in den 1960er Jahren am Reißbrett entworfen und war damals sicher visionär: ein Einkaufszentrum amerikanischer Bauart, davon ausgehend verschiedene Wohn-Hochhäuser, ein klar strukturiertes, dabei aber luftiges Rathaus, ein künstlicher See. Wenn man in der Dämmerung durch den Nieselregen schlurft (wie Stefan am Montag), wirkt dieser Ort wie der post-apokalyptische Schauplatz einer Architekturschau längst vergangener Epochen, aber man ahnt, wie begeistert die Macher von ihren Ideen waren, wie durchdacht und modern diese Stadt einmal gewesen sein muss. Nur leben wollen die Leute so nicht und ohne Anzüge und Petticoats wirken sie dort auch seltsam deplatziert.

Es ist das Schicksal mindestens einer Generation deutscher Architekten und Stadtplaner, dass ihre hehren Pläne und Konzepte kolossal gescheitert sind. Wie oft höre ich, die Ruhr-Uni Bochum sei ja „so hässlich“, dabei sieht sie kaum anders aus als die Universitätsneubauten in Düsseldorf, Dortmund, Duisburg, Essen, Bielefeld oder Paderborn. Genau genommen ist die Ruhr-Uni sogar von einer viel höheren Qualität: klar strukturiert, ohne Schnörkel und anheimelnde Gemütlichkeit, nur gebaut, um möglichst vielen Arbeiterkindern die Möglichkeit eines Hochschulstudiums zu bieten. Ein Blick in die hell erleuchteten Zimmer des Nachbarhauses bringt hässlicheres zu Tage.

Christuskirche DinslakenIn Dinslaken wurde im vergangenen Jahr die evangelische Christuskirche abgerissen, weil sie zu nah an den anderen Kirchen lag und ihr Erhalt zu teuer war. Der Betonbau aus den späten 1960er Jahren war immer unbeliebt gewesen: groß, kalt, mit der Ausstrahlung einer Mehrzweckturnhalle. Selbst unter Aufbringung von christlicher Nächstenliebe und kulturellem Verständnis war die Kirche hässlich – und doch war zum Beispiel die Idee, bei der Gestaltung der „Fenster“, die eher kleine farbige Lichtlöcher in Betonelementen waren, völlig auf Motive zu verzichten, eine konsequente bauliche Umsetzung des Protestantismus gewesen. Den Vorschlag, einfach die klassizistische Schwesterkirche abzureißen, hätte nie jemand zu äußern gewagt – mal davon ab, dass diese natürlich unter Denkmalschutz steht und gerade frisch restauriert war.

Und so wird zur Zeit in weiten Teilen Deutschlands eine ganze Epoche der Architekturgeschichte aus den Stadtbildern entfernt: die der Nachkriegsarchitektur. Natürlich hatte damals kaum jemand ahnen können, wie schrecklich nackter Beton im Laufe der Zeit aussehen würde, aber diese Architektur war nicht nur unglaublich funktional, sie hatte dabei auch nicht selten tolle Details und die Kunst am Bau. Diese Gebäude, die ja weißgott nicht alle hässlich sind, gehören zur deutschen Geschichte wie römische Siedlungen, Barockschlösser, faschistische Protzbauten und das Bauhaus. Ihr Verschwinden aus den Stadtbildern verzerrt die Geschichte und endet in einem Revisionismus, der sich zum Beispiel in den Bestrebungen zeigt, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen – oder auf die Spitze getrieben in den Braunschweiger Schlossarkaden.

AT&T Switching Center, New York

Pathetisch gesprochen stehen Marl und all die Städte, die so ähnlich konzipiert wurden, für eine gescheiterte Utopie. Sie sind betongewordene Sozialdemokratie. Die Menschen wollten nicht in Etagenwohnungen mitten in der Stadt wohnen und auf riesige Betonfläche gucken, sie wollten in die Vorstädte, wo sie bizarrerweise nun Häuser bewohnen, die sich untereinander gleichen wie damals die Wohnungen im Hochhaus. Die Berliner Gropiusstadt und Köln-Chorweiler sind in einer Dimension gescheitert, wie sie nur in der Architektur möglich ist, die Stuttgarter Weißenhofsiedlung und die Berliner Wohnmaschine hingegen gelten immer noch als Vorzeigeobjekte. Woran das nun wieder liegt, kann ich mir auch nicht erklären. Vielleicht ist Brasília auch nicht deshalb so schön, weil es von Oscar Niemeyer entworfen wurde, sondern weil dort so häufig die Sonne scheint.

Eines der merkwürdigsten Neubauprojekte, das ich aus der Nähe mitbekommen habe, ist die Neue Mitte Oberhausen, ein künstliches Stadtzentrum mitten in einem früheren Industriegebiet. Das ganze Areal wirkt ein bisschen unnatürlicher als Disneyland, wird aber mit großer Begeisterung angenommen. Wohnhäuser gibt es keine, aber das riesige Einkaufszentrum „CentrO“ mit angeschlossener Gastronomie-Promenade. Die seelenlose Beliebigkeit eines internationalen Flughafens scheint den Besuchern nichts auszumachen, aber selbst wenn: auf dem Gelände gibt es einen Irish Pub, der das Konzept Irish Pub sklavisch und bis zur Übertreibung einhält. Junge Menschen können sich in einem völlig künstlichen, aber realistischen Gebäude betrinken, das jünger ist als sie selbst, aber nach jahrhundertealter Tradition aussieht.

Und mit der Frage, ob falsche Gemütlichkeit wirklich echter Kälte vorzuziehen ist, möchte ich Sie in die Nacht entlassen. Allerdings nicht, ohne vorher auf restmodern.de hingewiesen zu haben, wo man sich einen schönen Überblick über die Nachkriegsarchitektur in Berlin verschaffen kann.

Hinterhof in Chicago

13 Kommentare

  1. Onkel Peppy
    7. Februar 2008, 8:55

    Ich glaube, einer von wahrscheinlich mehreren Gründen, warum so viele Menschen ins Centro gehen, lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass es im Ruhrgebiet (nehmen wir vielleicht mal Bochum mit dem Bermuda-Dreieck raus) keine wirklichen, ähm, Entertainment-Zentren gibt. Überall ist irgendwas, wo man hingehen kann, aber nirgendwo ist irgendwas geballt.
    In Essen beispielsweise muss man schon ordentlich Ortskenntnisse haben, um an einem Abend 2 verschiedene Lokalitäten aufzusuchen.
    Und im Centro ist man unter Menschen, die nicht alle irgendwas machen wollen, aber nicht alle das Gleiche.
    Und dass man sich dann in künstlich erzeugter Atmosphäre wohl fühlt, haben wir wohl Disney zu verdanken.

  2. kathrin (m.y)
    7. Februar 2008, 10:32

    schön schön, eines meiner lieblingsthemen.
    im übrigen liebe ich ich die bielefelder uni…

  3. Christian
    7. Februar 2008, 13:02

    Vielen Dank für diesen sehr lesenswerten Beitrag!

    Auch mir geht es so, dass ich – bei aller Hässlichkeit – das enthusiastisch, im Glauben an kommende bessere Zeiten in nacktem Beton Gebaute den heute so selbstverständlichen hingenommenen architektonischen Lügen (der Irish Pub im CentrO. ist ein gut gewähltes Beispiel) vorziehe.

    Ich komme aus Oberhausen. Ich liebe diese Stadt: ihre in ihrer Hässlichkeit liebenswerte Innenstadt, die wenigen architektonischen Höhepunkte (das Rathaus, der Hauptbahnhof, die Siedlung Eisenheim), die kleinen Freuden des Lebens (der Kaisergarten als Deutschlands wohl einziger Zoo mit freiem Eintritt) und das völlige Fehler metropoler Überdrehtheit.

    Wenn mir jemand sagt, er sei „in Oberhausen“ gewesen und meint das CentrO., schüttele ich immer traurig den Kopf. Und freu mich auf’s nächte RWO-Heimspiel.

  4. Carlo
    7. Februar 2008, 14:24

    Durchaus interessantes Thema: Hättest du nicht im letzten Absatz restmodern.de gepostet, dann hätte ich es getan; die Seite hat mir vor einiger Zeit auch die Augen geöffnet für den unprätentiösen Reiz, den die Nachkriegsarchitektur bietet. Solche Bauten hatte ich nämlich, da architektonisch eher unbewandert, lange Zeit pauschal als „hässliche Betonklötzen“ etikettiert. Aber vielleicht weiß man diese Architektur auch erst im Rückblick zu würdigen.
    Es gibt zwar wohl nicht zu wenig Hässlichkeiten von Nachkriegsbauten, aber als architektonischer Ansatz wirkt das – gerade etwa im Vergleich zum Berliner Stadtschloss – angenehm, ja: uneitel.

  5. h. aus f.
    7. Februar 2008, 18:05

    danke für den schönen beitrag. ich lebe in frankfurt am main, wo radikal Nachkriegsarchitektur weggerissen wird, sobald sich ein investor findet, der seelenlose passage und bürohochhäuser bauen will. eines der traurigsten beispiele: das rundschau-haus: http://www.flickr.com/photos/1.....278456746/

  6. Marsellinho
    7. Februar 2008, 20:09

    Hmm, irgendwie sehe ich das ein bisschen anders. Ich mag „falsche“ Gemütlichkeit irgendwie lieber als „ehrliche“ Kälte – solange es gut gemacht ist, habe ich damit kein Problem. (Kenne jetzt den Irish Pub im CentrO nicht)

    Ich persönlich finde die Nachkriegsarchitektur -generell- hässlich und kann ihr in der Regel nicht sonderlich viel abgewinnen. Finde in diesem Zusammenhang den Begriff „Geschichtsrevisionismus“ auch ziemlich hoch gegriffen, denn es liegt doch im Wesen von Architektur und Wohnungsbau, dass sie irgendwann überholt und ersetzt wird durch zeitgemäßere Bauten.

  7. Lukas
    7. Februar 2008, 20:19

    Wenn der – sicherlich hässliche – Palast der Republik tatsächlich durch eine Kopie eines barocken Schlosses ersetzt werden sollte, halte ich jetzt nicht wirklich für einen Einsatz von „zeitgemäßeren Bauten“. Auch werden sicherlich bedeutend mehr Gebäude, die zwischen 1950 und 1980 entstanden sind, abgerissen, als beispielsweise Jugendstilvillen.

  8. Sebastian
    7. Februar 2008, 22:33

    Das mit dem Schloss ist auch eher ein Einzelfall. Das mehr Gebäude aus der Nachkriegszeit abgerissen werden als Jugendstilvillen ist denke ich eine Verbeugung vor der Realität. Die Betonklötze sind manchmal nett anzusehen, verbreiten aber überaus unangenehme Atmosphäre, wenn man sie jeden Tag sehen muss.
    Das ist kein Revisionismus, an den Gebäuden hängt keine Symbolik, die an etwas erinnern muss. Manchmal muss man einfach einsehen, dass eine Fehlplanung vorlag, dann muss man auch die, sorry, Eier haben, sich das einzugestehen und von vorne anzufangen. Die Gebäude sind ja kein Freichlichtmuseum, da sollen ja auch noch Leute drin wohnen.

  9. Christian
    8. Februar 2008, 7:44

    „an den Gebäuden hängt keine Symbolik“

    Genau das sehe ich anders. Nach dem Krieg, unter dem Einfluss des Erlebten und mit viel Hoffnung auf bessere Zeiten gebaute Gebäude beinhalten für mich jede Menge Symbolik.

    Gebäude sind eben nicht nur Kulisse für Leben, sie sind Ausdruck von (Zeit-)Geist. Und da ist mir der Geist einer zum Wohle der Menschen entwickelten „künstlichen“ Innenstadt wie in Marl um einiges lieber als der Geist hinter dem „Oberhausener“ CentrO.

  10. Carlo
    8. Februar 2008, 11:08

    Ich habe bei Architektur generell das Gefühl, dass allem Alten bzw. Historischem grundsätzlich mehr Charme, „Wärme“ und „Authentizität“ attestiert wird, und alles Neue grundsätzlich erstmal als kalt und künstlich abgetan wird, bis das Neue selbst historisch wird und dann im Rückblick Wertschätzung erfährt. Und das wird auch mit der Nachkriegsarchitektur so sein.
    In dem Zusammenhang freue ich mich auch schon darauf, wenn die nächste Generation (die…ähm…neo-digitale Bohème) über spiessige Altbauwohnungen herzieht und Plattenbauten und Reihenhaussiedlungen als neue Hipster-Domizile auserkoren werden.

  11. Uwe
    8. Februar 2008, 11:22

    die Kölner Initiative ‚Liebe Deine Stadt‘ versucht sehr erfolgreich Interessierten die ästhetische und architektonische Relevanz (und auch die Schönheit auf den zweiten Blick) von Nachkriegsbauten näherzubringen…dabei habe ich Gebäude schätzen gelernt, die ich entweder ständig übersehen habe, oder beim flüchtigen Betrachten für abstossend erachtet habe…die von mir pauschal verdammte Nachkriegsarchitektur betrachte ich nun deutlich aufmerksamer und differenzierter…

  12. Eike
    9. Februar 2008, 3:27

    Ich muss nur mal eben einwerfen, dass auch Brasilia im nachhinein als gescheitert gilt ;)
    gruß

  13. Betonfrass
    4. April 2008, 13:11

    Und warum fahren wir so gern in den Urlaub, nach Frankreich, Italien, Spanien etc?. Gut, viele verbringen da auch ihre Ferien in den Betonsilos! Und merken es nicht einmal, dass das wie zu Hause aussieht, nur mit eventuell schönerem Wetter. Aber man fährt doch auch dahin, um die historischen Städte zu sehen, über die Boulevards zu flanieren, in alten Gassen in richtigen Geschäften (nicht „Shops“) zu stöbern, in Cafés zu sitzen, die noch keiner Starbucks-Kette angehören… Und nicht wegen der betonierten Tristesse.

    Gruß von Betonfrass