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Digital Gesellschaft

Kürzen und Würgen

Zugegeben: Ich halte Wirtschaftswissenschaftler und Artverwandte sowieso für moderne Schamanen. Ich wäre nicht im Mindesten überrascht, wenn man im Keller des ifo-Instituts (bekannt durch seinen monatlich ermittelten “Geschäftsklimaindex”, einer Art Gefühlsbarometer der Wirtschaft) großflächige Kreidekreise und Hühnerknochen fände oder bei den sogenannten Ratingagenturen Glaskolben mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten. Ich habe also auch nicht näher verfolgt, was es mit dem aktuell stattfindenden Ökonomenstreit auf sich hat — mutmaßlich eine Art Historikerstreit ohne Nazis, also für Außenstehende sehr, sehr langweilig.

Gestern berichtete “Handelsblatt Online” unter der angemessen unaufgeregt Überschrift “Der Krieg der Ökonomen eskaliert” über den Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer:

Nichts zeigt die Zerstrittenheit deutscher Ökonomen so dramatisch, wie ein Interview mit dem Ökonomieprofessor Walter Krämer in der Dortmunder Studentenzeitung “Pflichtlektüre”. “Was von unseren Gegnern an Gehässigkeit in die Tinte geflossen ist, das ist ja kaum zu glauben, Leute wie Herr Bofinger der übrigens eine akademische Nullnummer ist.” Keiner nehme Herrn Bofinger ernst, wettert Krämer. Dieser sei nur in den Rat der Wirtschaftsweisen gekommen, weil die Gewerkschaften ihn dort rein kooptiert hätten. Handelsblatt Online konfrontierte Bofinger mit der harten Kritik, eine Reaktion gab es auf die Email-Anfrage aber bisher nicht.

Mit mangelndem Expertentum muss sich Krämer auskennen wie kaum ein Zweiter, ist der Ökonomieprofessor doch Vorsitzender des “Vereins Deutsche Sprache”, der mit ernstzunehmender Germanistik ungefähr so viel gemein hat wie Kreationisten mit der Evolution.

Vor ein paar Wochen hat Krämer einen Appell veröffentlicht. Bei der Berichterstattung darüber fühlte er sich missverstanden, wie “Handelsblatt Online” weiter schreibt:

Im Interview mit der Dortmunder Studentenzeitung versucht Krämer nun, aufzuklären. [Hans-Werner] Sinn sei an dem Aufruf nicht beteiligt gewesen, sagt er. Der “Spiegel” stelle ihn aber als mediengeilen Dummschwätzer da. “Diesen Redakteur könnte ich erwürgen und an die Wand klatschen”, so Krämer.

Der Wirtschaftswissenschaftler Gustav Horn verlinkte den “Handelsblatt”-Text bei Facebook und kommentierte, Krämer habe sich “für weitere wirtschaftspolitische Debatten als ungeeignet erwiesen”. Dann bekam Horn offenbar Post von Krämer, die er “der Korektheit wegen” ebenfalls auf Facebook veröffentlichte:

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich falle gerade aus allen Wolken, im Handelsblatt einen nicht autorisierten Mitschnitt einer flapsigen Nebenbemerkung während eines Interviews zu finden.
Den von Ihnen zitierten Text hatte ich bis heute Mittag nicht gesehen.
Sie dürfen gerne in der Redaktion der Pflichtlektüre nachfragen.
Die autorisierte Fassung des Interviews finden Sie hier:

http://www.pflichtlektuere.com/

Wie Sie darin sehen, bemühe ich mich nach Kräften um das Gegenteil dessen, was Sie mir vorwerfen.
Nämlich die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Ansätze herauszustellen.
Und bei dem Kollegen Bofinger werde ich mich für diesen faux pas entschuldigen.
Was treibt eigentlich das Handelsblatt, mit aller Gewalt eine allenfalls auf persönlicher, aber kaum auf wissenschaftlicher Ebene existierende Frontenbildung zwischen deutschen Ökonomen zu erfinden?

Mit irritierten Grüßen Walter Krämer

PS: Bitte leiten Sie diese Nachricht auch an den zuständigen Redakteur weiter, ich habe die elektronische Anschrift leider nicht

(“Faux pas” ist offenbar okay für den “Verein Deutsche Sprache”.)

Wenn man nun das Interview auf pflichtlektuere.com liest, findet man dort tatsächlich keine Erwähnung Bofingers und keine Gewaltphantasien gegenüber “Spiegel”-Redakteuren.

Man findet sie nicht mehr.

Rund eine Woche stand das Interview offenbar in seiner ursprünglichen Form online, gestern wurde es überarbeitet und die entsprechenden Passagen wurden ohne einen Hinweis entfernt.

Bei scribd.com oder im Google-Cache kann man aber noch einmal nachlesen, wie Krämer anderen vorwarf, sich im Ton zu vergreifen:

Neben der Kanzlerin gab es aber auch noch deutlichere Worte, beispielsweise von Wolfgang Schäuble. Manche Kritiker werfen Ihnen unter anderem Pathos und inhaltliche Armut vor…

Krämer: Also, wenn sich hier jemand im Ton vergreift, dann sind das die anderen. Was von unseren Gegnern an Gehässigkeit in die Tinte geflossen ist, das ist ja kaum zu glauben. Leute wie Herr Bofinger (Anmerk. Der Red.: Peter Bofinger, VWL-Professor an der Uni Würzburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen) der übrigens eine akademische Nullnummer ist. Keiner nimmt ihn ernst, er ist nur in den Rat gekommen, weil von den Gewerkschaften rein kooptiert worden ist. Wenn hier jemand auf Stammtischniveau argumentiert, dann die Gegenseite.

An fast 20 Stellen unterscheiden sich die Versionen mal mehr, mal weniger stark voneinander. Die Leser von “Pflichtlektüre” erfuhren davon bis zum heutigen Nachmittag nichts, nur der Hinweis “[Update 24.7.2012]” im Vorspann deutete vage eine Überarbeitung an.

Ich habe mich an die Redaktion gewandt und unter anderem gefragt, ob die Überarbeitung des Interviews, gerade wenn es beim “Handelsblatt” zitiert und verlinkt wird, nicht kenntlich gemacht werden müsste. Der Redaktionsleiter erklärte mir dann, dass es mehrere Nachfragen gegeben habe und man darauf nun reagieren werde.

Seit dem späten Nachmittag steht nun unter dem Artikel:

Hinweis der Redaktion:

Das verschriftliche Interview mit Walter Krämer vom 17. Juli 2012 lag dem Befragten vor der Veröffentlichung nicht vor. Die aktualisierte Fassung enthält die Änderungen, die Herr Walter Krämer am 24. Juli 2012 ergänzt hat.

Tobias Schweigmann
Leiter der Lehrredaktion Online

“Ergänzt”, soso. Wenn der “Verein Deutsche Sprache” von dieser Bedeutungsverschiebung erfährt …

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Musik

Creative, common

Aus Gründen, die heute vermutlich niemand mehr kennt, sehen die Veranstalter der Echo-Verleihung ihren Preis noch immer in einer Reihe mit Grammy und Brit Award stehen. (Fairerweise muss man bemerken, dass “in einer Reihe” nicht “in einer Liga” bedeutet.)

Am 4. März wird der Echo mal wieder verliehen und Prof. Dieter Gorny, Insolvenzverwalter der deutschen Tonträgerindustrie, lässt sich anlässlich der Auszeichnung der kommerziell erfolgreichsten Musiker mit den Worten zitieren:

"Hier geht es um Kreativität, um Kultur und um Kunst", Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie e.V.

“Vorhersehbarkeit, Verkaufszahlen und Verzweiflung” wären als Beschreibung des zu erwartenden Abends zwar passender, aber natürlich längst nicht so … kreativ.

Alles, was es sonst noch zu sagen gäbe, hat Tim Renner schon gesagt.

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Musik

Schöner Heulen

Man hört ja leider viel zu selten Dan Bern.

Besonders Dieter Gorny und Hubert Burda (und all den anderen hungernden Medienfutzis) möchte ich aber seinen “Albuquerque Lullaby” aus dem Jahr 2001 ans Herz legen.

Schon vor acht Jahren sang Bern da:

I have a friend
Sits in his office
Where he’s had his big success
Now he cries all day
He says the Internet
Is stealing his royalties
Talks of his glory days
I say no one cares about your glory days

In diesem Livevideo verhaut er zwar die entscheidende Zeile, aber schön ist der Song trotzdem:

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Gesellschaft Politik

Wo bitte geht’s zur Bildung?

Es werden momentan wichtige Weichen gestellt. Nicht nur in der Weltwirtschaft, sondern auch in der Bildung. Denn nicht nur in Deutschland muss Bildung ironischer Weise zugunsten der Wirtschaft zurückstecken, europaweit leiden Universitäten an den Beschlüssen der Politik zugunsten der Wirtschaftskrise.

Es werden Banken unterstützt, Milliardenbeträge für Automobilkonzerne aufgebracht und auf der anderen Seite werden sozialen Einrichtungen, Schulen, Kindergärten und Universitäten Zuschüsse gekürzt oder fallen ganz weg.

Wie soll jedoch die Gesellschaft von morgen optimal auf all die Probleme der Zukunft vorbereitet werden, wenn Schulen geschlossen werden? Wenn kein Geld in Bildung investiert wird? Wenn die Qualität der Lehre nicht verbessert, sondern gar nicht erst ernst genommen wird?

Wer wird ein Konto bei einer Bank eröffnen, ein Auto oder im Kaufhaus etwas kaufen können, wenn er kein eigenes Geld verdienen kann, weil er keine Ausbildung anfangen kann? Wenn für das Studium und die Ausbildung zu einem Beruf immer weniger Zeit bleibt?

Wie sollen Schüler und Studenten ausprobieren und ihre Nische finden, ihr Wissen festigen und sich in ihrem Beruf sicher fühlen, wenn sie in 6 Semestern durch die Uni katapultiert werden? Was, wenn sie ihr Studium wegen fehlender finanzielle Unterstützung erst gar nicht anfangen können?

Es sind Fragen, die vielmehr auch darauf aufmerksam machen, wie die Studenten bis jetzt mit ihrer Situation umgegangen sind: Der Großteil der Studenten nahm brav hin und zahlte die Studiengebühren, nahm einen Kredit auf oder brach das Studium ab.

Es tat sich nicht viel. Der große Ruck ging nicht durchs Land. Ein paar Proteste in den größeren Uni-Städten, vereinzelte Aktionen gegen Studiengebühren, aber die große Masse an Studenten konnte bisher nicht mobilisiert werden, alle Mühen der Demonstrationen blieben vergebens.

Jedoch gab es auch die Gründung verschiedener Organisationen, die sich für eine bessere Bildungslobby einsetzen wollten und dies auch taten!

Und es scheint, dass die Initiative – Bildungsstreik 09 – in diesen Tagen die Früchte ihrer Arbeit ernten kann. In bis zu 80 großen und kleinen Städten in Deutschland wird ab nächster Woche in Schulen und Universitäten gestreikt. Ab dem 15. Juni sind verschiedene Aktionen geplant die ein Zeichen setzen sollen – von Plakataktionen bis zu Debatten.

Chancengleichheit in der Bildung, selbstbestimmtes Lernen und die Verantwortung des Landes gegenüber der Schulen und Universitäten sind nur ein Teil der Forderungen.

An der Demonstration am 17. Juni werden rund 100.000 SchülerInnen und StudentInnen erwartet. Auch Attac und die Bildungsgewerkschaft GEW gab ihre Unterstützung bekannt.

Natürlich ist auch ein Hauch von Skepsis angebracht, ob die Demonstrationen ihre Wirkung nicht verfehlen? Ob viele wenige etwas ausrichten können?

Ich sage, ja! Es ist an der Zeit und angebracht, sich verantwortungsvoll zu engagieren. Denn es muss ein Stein ins Rollen gebracht werden. Nur dann nimmt die Öffentlichkeit davon auch Notiz.

Man konnte es in meiner Uni, der Pädagogischen Hochschule Weingarten ganz deutlich fühlen, dass die Zeit reif ist, sich für seine Ideale und seine Zukunft einzusetzen. In der Vollversammlung letzte Woche fanden knapp 300 Studenten zusammen. Das sind immerhin 10% der immatrikulierten Studentenschaft. Mit großem Interesse hörte man den Initiatoren des Bildungsstreiks 09 zu, die uns darüber informierten, wie der Stand der Dinge ist und was zu erwarten ist, wenn die Situation so bleibt wie sie ist. Sogar Professoren waren von der Stimmung während der Kundgebung begeistert und gaben durch die Blume ihre Unterstüzung bekannt.

Rückendeckung gibt es nicht nur von Seiten der Gewerkschaften, auch die Universitäten und Schulen haben für den Bildungsstreik die Regeln gelockert, aber auch klare Verhaltensregeln festgelegt! Nur mit Rückendeckung kann der Bildungsstreik ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Was sich im Bildungsstreik 09 alles live tun wird, kann man ab nächster Woche nicht nur hier nachlesen!

Wer sich informieren möchte was in seiner Stadt geplant ist: bs.risiko09.de

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Digital

Auswärtsspiel: Sprechen in Münster

Hörsaal 6

Vergangene Woche war ich in Münster, um auf dem Symposium Oeconomicum jungen Wirtschaftswissenschaftlern etwas zum Thema Blogs zu erzählen.

Wie es mir dort gefallen hat und was ich von dieser Veranstaltung mitgenommen habe, steht in meinem Gastbeitrag, den ich fürs SOM Blog verfasst habe.

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Kultur Musik

Turm und Jungfrau sind aus dem Spiel

Ein iPod und eine CD-Sammlung (Ausschnitt).

Der Virgin Megastore in San Francisco (Ecke Market und Stockton Street) macht dicht. Die Menschen werden ihre Kiss-Hemden, AC/DC-Unterhosen und Jonas-Brothers-Regenschirme in Zukunft woanders angucken (denn wer kauft sowas schon?) müssen.

cnet.com illustriert diesen Vorgang mit einem Foto, dem man hohe Symbolkraft unterstellen könnte: Genau gegenüber vom Virgin Megastore verkauft der Apple Store seine iPods — und Downloads machen inzwischen ein Drittel der verkauften Musik in den USA aus.

Ich will das alles nicht kleinreden. Seit ich meinen iPod habe, habe ich auch mehr aktuelle Alben in Form von Downloads gekauft als auf CD. Nur Musik von Künstlern, deren Gesamtwerk ich im Regal stehen habe, muss weiterhin auch physisch erworben werden — was bei Starsailor z.B. hieß, dass ich für die Hülle und das Booklet acht Euro Aufpreis gezahlt habe, was selbst unter Fan-Aspekten einigermaßen bescheuert ist.

Was ich aber am Beispiel San Francisco besonders faszinierend finde: Zweieinhalb Jahre, nachdem Tower Records pleite ging und sein Filialen an der Ecke Columbus/Bay Street schließen musste, zieht sich die zweite große Entertainment-Kette zurück. Es bleiben Best Buy (eine Art amerikanischer Media Markt außerhalb der Innenstädte) und die “alternativen” Klein-Ketten wie Rasputin und Amoeba (s.a. Reisetipps für San Francisco: Geschäfte). Die sind natürlich viel zu groß und dann doch zu gut organisiert, um noch als “David” durchzugehen (andererseits: verglichen mit Virgin …), aber doch scheinen sie gewonnen zu haben.

Die Frage bleibt, wie lange es überhaupt noch Plattenläden geben wird.

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Politik

Der Nazi-Vergleich des Monats

… wird Ihnen präsentiert von Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts.

Den zitiert der “Tagesspiegel” wie folgt:

“In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken”, sagte er dem Tagesspiegel. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 “hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager”.

Damit sichert sich Sinn natürlich einen der begehrten Plätze in der großen Nazi-Vergleichs-Liste von Coffee And TV — auch wenn es sich streng genommen nur um eine Coverversion von Roland Kochs Schlager “Eine neue Form von Stern an der Brust” handelt.

Streng genommen handelt es sich hierbei natürlich nicht direkt um einen Nazi-Vergleich, weil das obligatorische “wie/seit Hitler/Goebbels/1945” fehlt. Andererseits wird hier gleich jeder, der heute Manager kritisiert, mit Antisemiten gleichgesetzt. Und das wäre, wenn Sinn das tatsächlich gemeint haben sollte, natürlich schon eine ziemlich verunglückte Weltsicht.

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Print

Die Zeitungskrise erreicht den Westen

So ein bisschen hatte der WDR Pech mit seinem Timing. Da hat man mit “Dramatische Entwicklungen bei der WAZ-Gruppe: Zeitungen erscheinen nur noch in reduziertem Umfang” eine Top-Meldung, die nicht nur für Medienkreise, sondern weit darüber hinaus interessant ist, aber leider war es schon 19:00 Uhr, als die Pressemitteilung dazu rausging. Die Mediendienste und -blogs (mit Ausnahme von Medienrauschen) waren schon im Feierabend und bei der “WAZ” war niemand mehr (also: noch niemander), der für Rückfragen zur Verfügung hätte stehen können. Auch bei den Pressemitteilungen der WAZ-Mediengruppe findet sich noch nichts zu den aktuellen Entwicklungen.

Das Branchenblatt “Werben & Verkaufen” hatte das zwar schon am Nachmittag angedeutet, aber dass die Zeitungen des Konzerns (“Westdeutsche Allgemeine Zeitung”, “Neue Rhein/Neue Ruhr-Zeitung”,”Westfälische Rundschau” und “Westfalenpost”) schon ab morgen in deutlich geringerem Umfang erscheinen sollen (32 statt 48 Seiten), das ist schon ein ziemlicher Hammer. Darüber hinaus könnten bis zu einem Drittel der Stellen abgebaut werden.

Die Zeitungskrise, die schon etliche amerikanische Traditionsblätter zerlegt oder ins Internet gedrängt hat, ist damit mitten im Kerngeschäft von Deutschlands drittgrößtem Verlagshaus angekommen. Das Fernsehen hatte die Krise ja schon gestern erwischt.

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Uncategorized

Wissensvorsprung

Mir wird ja hin und wieder vorgeworfen, ich würde immer alles so schrecklich negativ sehen und mich völlig in meinen “Hass” auf “RP Online” verrennen.

Kommen wir deshalb nun mal zu etwas Positivem: der globalen Finanzkrise.

Rashida Jones (“The Office”) und Natalie Portman (tollste Frau der Welt) haben eine Lösung dafür gefunden, die nicht “42” lautet, die sie aber auf funnyordie.com der Weltöffentlichkeit mitteilen.

Bitte sehr:

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See more Natalie Portman videos at Funny or Die

[via natalieportman.com]

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Digital Print

Blame it on the Internet

Dass die “Süddeutsche Zeitung” ein eher gespaltenes Verhältnis zum Internet hat, ist ja schon länger bekannt. Insofern überrascht es wenig, dass vorgestern ein Artikel erschien, der diesen ganzen Internetkram und vor allem Google mal wieder als den Untergang von Abendland, Weltwirtschaft und Qualitätsjournalismus beschrieb.

Schon die Dachzeile (die Überschrift über der Überschrift) macht klar, wer hier der Böse ist:

Google-News: Automatischer Absturz. Der Computer als Journalist: Google News meldete vergangene Woche den Konkurs einer amerikanischen Airline - obwohl die Nachricht sechs Jahre alt war. Die Folgen waren verheerend. Von Thomas Schuler

Durch eine Verkettung von mehreren unglücklichen Umständen hatte ein Suchskript in der vergangenen Woche einen sechs Jahre alten, aber undatierten Artikel des “Chicago Tribune” über den Konkurs von United Airlines im Archiv des “South Florida Sun-Sentinel” entdeckt, für neu gehalten und ins Archiv von “Google News” einsortiert.

Das ist schon aus rein journalistischen Aspekten doof — Artikel ohne Datum sollten einfach nicht sein. Wenn es sich auch noch um eine Meldung aus dem Wirtschaftsbereich handelt, wo traditionell unvorstellbare Geldbeträge verschoben werden aufgrund von Zuckungen im kleinen Zeh irgendwelcher Vorstandsvorsitzender und von den Schatten, die abgenagte Hühnerknochen in einer Vollmondnacht werfen, können die Folgen verheerend sein: Der Börsenkurs von United Airlines brach zwischenzeitlich um 75% ein. Wir können uns also darauf einigen: Sowas sollte nicht passieren.

Erstaunlich ist aber – neben der Tatsache, dass unsere Weltwirtschaft offenbar von leichtgläubigen Idioten abhängig ist – wie die “Süddeutsche Zeitung” über den Vorgang berichtet:

Denn je öfter die Beteiligten – ein Finanzdienstleister aus Miami und die Medienunternehmen Tribune, Bloomberg und Google – in den Tagen danach Untersuchungen ankündigten, sich in Details widersprachen, gegenseitig Schuld zuwiesen und Antworten auf die Frage suchten, wie es zu der Falschmeldung kommen konnte, desto deutlicher wurde, dass dies keine der üblichen Diskussionen um gefälschte Meldungen oder menschliches Versagen ist. Es gibt ein neues Problem: Journalismus ohne Journalisten. Kann das gut gehen?

Ja, Journalismus ohne Journalisten. Ob das gut geht?

Bei der “Süddeutschen Zeitung” offenbar bestens, denn nur wenige Absätze später erklärt Autor Thomas Schuler, wie es genau zu den Folgen dieses technischen Fehlers kam:

Den ganzen Sonntag über sei die Geschichte so oft abgerufen worden, dass sie weiter unter “most viewed” gelistet blieb. Dort entdeckte sie ein Mitarbeiter einer Investmentdienstleisters, der am Montag für den Finanzdienst Bloomberg einen Newsletter über in Konkurs gegangene Firmen verfasste. Dass United seit 2006 wieder zahlungsfähig ist, stand natürlich nicht in dem Bericht. Bloomberg verbreitete den Newsletter. So kam es zum Absturz der Aktie.

Da hat also irgendein Mensch, der für einen Finanzdienst (laut “New York Times” handelt es sich um Income Security Advisors) Newsletter verfassen soll, bei “Google News” ein bisschen rumgeklickt, eine undatierte Meldung gefunden und sie ohne eine weitere Sekunde der Recherche (ich meine: wir reden hier über United Airlines — wenn die pleite wären, stünde das sicher noch irgendwo anders) in seinen Newsletter aufgenommen. Das klingt für mich irgendwie schwer nach menschlichem Versagen.

Und wenn stimmt, was die “Los Angeles Times” schreibt, hat der Mitarbeiter an jenem Tag zum ersten Mal den Internetauftritt einer Zeitung besucht:

The reporter […] thought it was fresh because of the date and because the Google search found the story on a current Sun-Sentinel page, which included an item on Hurricane Ike.

Das Problem des Journalismus liegt also eine Etage höher: Wo kommen wir hin, wenn wir den ganzen Agenturen und “Google News” nicht mehr blind vertrauen können? Wenn wir jede bunte Meldung, mit der wir unsere Zeitungen und Webseiten füllen, noch mal überprüfen oder wenigstens auf Plausibilität überprüfen müssen? Oder völlig überraschende Meldungen über den Konkurs einer der weltgrößten Fluglinien?

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Digital Gesellschaft

Sommerschlussverkauf mal anders

Die Warenhauskette Hertie hat heute beim Essener Amtsgericht den Insolvenzantrag eingereicht. Was mich als Wirtschaftslaie immer ein bisschen überrascht: Dies geschieht, damit der Betrieb der 73 Warenhäuser der früheren Karstadt-Kompakt-Gruppe (darunter Häuser, die früher schon einmal Hertie hießen, bevor Karstadt Hertie aufgekauft und die Läden umbenannt hatte) aufrechterhalten werden kann. Der englische Mutterkonzern Dawnay Day war in erhebliche Schieflage geraten, weswegen die Zukunft von Hertie keine anderthalb Jahre nach der Umbenennung nun in den Sternen steht.

Die Meldung wird (neben den Angestellten) auch die Stadtoberen von Dinslaken sehr beunruhigen – deren Pläne, ein neues Einkaufszentrum in der Innenstadt zu bauen, fußten nämlich unter anderem auf der vagen Hoffnung, dass Hertie sich am Bau beteiligen würde. Jetzt könnte es passieren, dass es in Dinslaken bald nicht einmal mehr das alte Hertie-Kaufhaus gibt.

Die vielen An- und Verkäufe, Um- und Rückbenennungen bei Karstadt und Hertie sind natürlich unglaublich verwirrend. Als man sich bei “RP Online” daran machte, “Zehn Fakten über Hertie” aufzuschreiben (natürlich nicht etwa in einer Liste, sondern in einer verdammten Klickstrecke) schlug das Schicksal unbarmherzig zu:

Die Zulieferung der Waren vom Karstadt-Quelle-Konzern hat Hertie nach und anch eingestellt. Heute kommen 80 Prozent der Waren von der Arcandor AG

Um die ganze Tragweite dieser zwei Sätze zu verstehen, müssen Sie zwei Dinge wissen:
Erstens sind die “80 Prozent” offenbar aus der Wikipedia abgeschrieben – aber leider genau falsch:

Bis Mitte 2007 sollten 80 Prozent des Sortimentes auf andere Zulieferer als die Arcandor AG umgestellt werden.

Und zweitens ist “Arcandor” seit 2007 der neue Name von … nun ja: Karstadt-Quelle.

Nachtrag, 22:51 Uhr: Aus den “Zehn Fakten zu Hertie” sind neun “Fakten zu Hertie” geworden. Wer die Zulieferer sind oder nicht sind, erfährt der Leser jetzt nicht mehr.

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Digital Musik

Silberscheiben am Horizont

In meinem Zimmer stapelt sich der Sondermüll. Dafür musste ich weder ein Atomkraftwerk überfallen noch Altöl abzapfen, ich wurde über Jahre hinweg bemustert, was im Klartext heißt: Plattenfirmen schicken einem eine ganze Menge CDs, von denen ein relativ kleiner Teil sehr, sehr gut ist, der Großteil aber egal bis schlimm.

Viele dieser CDs sind mit dem Hinweis versehen, sie befänden sich weiterhin im Eigentum der aushändigenden Plattenfirma oder Promoagentur und dürften unter keinen Umständen (die Formulierungen variieren da etwas, legen aber drakonische bis schmerzhafte Strafen nahe) verkauft, verschenkt oder sonstwie veräußert werden. Einige Firmen arbeiten inzwischen mit digitalen Wasserzeichen, die angeblich eine präzise Rückverfolgung zulassen, wenn mal wieder ein böser, böser Journalist die CD ins Internet gestellt hat – und dann gnade ihm Gott. (Insider gehen davon aus, dass unveröffentlichte CDs fast immer von unterbezahlten Mitarbeitern in Presswerken und an Packstraßen gerippt werden und fast nie von Journalisten oder DJs.)

Universal Music führt deshalb zur Zeit einen Rechtsstreit gegen den eBay-Händler Troy Augusto, dessen Ausgang bizarre Folgen haben könnte, mindestens in den USA: Wenn nämlich eine Firma durch ein paar schlichte Sätze einfach festlegen kann, was der Konsument mit ihrem Produkt machen darf und was nicht – wobei der Konsument im Extremfall ein zahlender Kunde sein könnte, der das Produkt für viel Geld erworben hat.

Der Fall zeigt wieder einmal die Hilf- und Ahnungslosigkeit der Musikindustrie auf: Dabei geht es gar nicht so sehr um den konkreten Fall, in dem man die Weitergabe von Werbegeschenken (und nichts anderes sind Promo-CDs ja in den meisten Fällen) unterbinden will. Der Fall zeigt vielmehr, wie unbedarft die großen Unterhaltungskonzerne immer noch mit dem Internet umgehen, denn jetzt stehen sie schon wieder als klagewütige, ansonsten aber ideenlose Firmen da.

[Ähnlich geschickt stellte sich zuletzt übrigens SonyBMG an.]