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Klickbefehl (16)

In einer riesigen Beitragsserie, die mich mitunter an Besessenheit glauben lässt, dokumentiert Jens vom Pottblog die “Umstrukturierung” des WAZ-Konzerns, was im Wesentlichen heißt: Eigenständigkeit der einzelnen Titel aufgeben, Leute entlassen und völlig den Bezug zur Realität verlieren. (In der letzten Disziplin sind WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz und WAZ-Gruppen-Geschäftsführer Bodo Hombach besonders gut, denn sie waren früher bei der “Rheinischen Post” bzw. im Kabinett Schröder.)

Gerade hat er den Brief eines anonymen WAZ-Mitarbeiters veröffentlicht, in dem dieser (oder diese) sich über die letzte Betriebsversammlung auslässt und sehr schlüssig erklärt, warum die Lokalteile (die ja das eigentlich bzw. einzig Interessante an den WAZ-Titeln sind) so schlecht sind, wie sie sind: Zu wenig Personal, zu viele Anforderungen gleichzeitig, Konzentration auf andere Sachen (wie den Mantelteil und derwesten.de).

Es ist ein wütendes, aber nichtsdestotrotz sehr lesenswertes Dokument, das sicher keine alleinige Erklärung für das Zeitungssterben ist, aber sehr schön aufzeigt, wie weit sich Chefs von ihren Angestellten entfernen können.

“WAZ-Betriebsversammlung: Was für eine Scheiße!” im Pottblog

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Die Zeitungskrise erreicht den Westen

So ein bisschen hatte der WDR Pech mit seinem Timing. Da hat man mit “Dramatische Entwicklungen bei der WAZ-Gruppe: Zeitungen erscheinen nur noch in reduziertem Umfang” eine Top-Meldung, die nicht nur für Medienkreise, sondern weit darüber hinaus interessant ist, aber leider war es schon 19:00 Uhr, als die Pressemitteilung dazu rausging. Die Mediendienste und -blogs (mit Ausnahme von Medienrauschen) waren schon im Feierabend und bei der “WAZ” war niemand mehr (also: noch niemander), der für Rückfragen zur Verfügung hätte stehen können. Auch bei den Pressemitteilungen der WAZ-Mediengruppe findet sich noch nichts zu den aktuellen Entwicklungen.

Das Branchenblatt “Werben & Verkaufen” hatte das zwar schon am Nachmittag angedeutet, aber dass die Zeitungen des Konzerns (“Westdeutsche Allgemeine Zeitung”, “Neue Rhein/Neue Ruhr-Zeitung”,”Westfälische Rundschau” und “Westfalenpost”) schon ab morgen in deutlich geringerem Umfang erscheinen sollen (32 statt 48 Seiten), das ist schon ein ziemlicher Hammer. Darüber hinaus könnten bis zu einem Drittel der Stellen abgebaut werden.

Die Zeitungskrise, die schon etliche amerikanische Traditionsblätter zerlegt oder ins Internet gedrängt hat, ist damit mitten im Kerngeschäft von Deutschlands drittgrößtem Verlagshaus angekommen. Das Fernsehen hatte die Krise ja schon gestern erwischt.

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Drunter und drüber mit RP-Online

Willkommen zu unserem kleinen Quiz “Sprechen Sie RPO?”, bei dem es gilt, eine Überschrift ins Deutsche zu übersetzen.

Worum geht es wohl in einem “Artikel”, den RP-Online wie folgt überschreibt?

Gisele Bündchen zeigt, was Frau drunter trägt

Sie haben es natürlich sofort an der Präposition “drunter” erkannt: es geht um Schuhe, aufbereitet in einer fünfzehnteiligen Bildergalerie, in der im Prinzip vierzehn Mal das gleiche Motiv zu sehen ist.

Begleitet wird dieser “Artikel” in bester RP-Online-Tradition nicht von drei, nicht von vier und nicht von fünf, sondern von sechs weiteren Bildergalerien:

Sechs Bildergalerien braucht’s schon

Wenn man alle durchklickt, hat man 131 neue Klicks generiert.

Bodo Hombach, Chef der WAZ-Gruppe, hat übrigens eine Prämie ausgesetzt, wenn das WAZ-Portal derwesten.de RP-Online bis zum Jahresende als führendes regionales Internetangebot in NRW ablöst. Ich hätte da ja durchaus einen Masterplan, den ich Herrn Hombach gegen einen geringen Obulus gerne ausführlich erkläre …

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“Die wichtigen medienethischen Grundsätze”

Die Karriere des Bodo Hombach ist geprägt von merkwürdigen Zufällen. So war er z.B. neun Monate Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder, ehe er u.a. wegen Vorwürfen, der Energiekonzern VEBA habe den Bau seines Privathauses in Mülheim a.d. Ruhr mit einer sechsstelligen Summe unterstützt, zurücktrat. Daraufhin wurde er Special Coordinator of the Stability Pact for South-East Europe bei der EU und sollte u.a. dabei helfen, die Korruption in Südosteuropa zu bekämpfen.
Seit 2002 ist Hombach Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, die daraufhin eine monopolähnliche Stellung auf dem Medienmarkt Südosteuropas aufbaute.

Das alles soll uns aber gar nicht interessieren, denn dieser Bodo Hombach von dieser WAZ-Mediengruppe hat nun einen Verhaltenskodex vorgestellt, der u.a. eine klare Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbung vorsieht:

Werbebotschaften dürfen nicht in einer Aufmachung (Schriftart und Typographie) präsentiert werden, die für redaktionelle Beiträge üblich ist.

Die Idee ist natürlich weder neu noch blöd, genau genommen findet man sie auch unter Ziffer 7 im Pressekodex, an den sich alle Journalisten halten sollten – die Ergebnisse sind bekannt.

Spannender ist schon, was der Kodex zur immer wieder kritisierten Praxis bei Reisereportagen (das Reiseunternehmen zahlt, der Artikel fällt entsprechend wohlwollend aus) zu sagen hat:

Für Pressereisen, bei denen der Veranstalter alle Kosten übernehmen will, ist vor einer Zusage der journalistische Wert kritisch zu prüfen. Anzustreben ist die Herausrechnung eines WAZ-Kostenanteils, den der Verlag bezahlt. Von der Grundregel der Kostenübernahme kann abgewichen werden, wenn die Herausrechnung eines Eigenanteils nicht praktikabel ist oder bei den Einladern des Anlasses auf Befremden stoßen würde – zum Beispiel bei Eröffnungsflügen.
Reine „Lustreisen“ müssen abgelehnt werden.

Auch die Vorteile der sog. Journalistenrabatte sollen eingeschränkt werden:

Die Inanspruchnahme von Presserabatten ist dem Chefredakteur / der Chefredakteurin anzuzeigen, wenn die Vorteilsgewährung deutlich über den Rahmen handelsüblicher Rabatte hinausgeht. Diese Regelung dient der Vermeidung von Interessenkollisionen.

Und auch ein paar eh gesetzlich geregelte Sachen werden noch mal klargestellt:

Auf nicht-öffentlichen Vorausinformationen beruhende Insider-Geschäfte mit Wertpapieren sind verboten. Eine Vorab-Unterrichtung darf nur für die journalistische Veröffentlichung, nicht aber geschäftlich und zur persönlichen Vorteilsgewinnung genutzt werden.

Leider findet sich im WAZ-Kodex kein Wort zum Thema Ideendiebstahl und Quellenangaben. Vielleicht geht man davon aus, dass niemand bei der WAZ je auch nur auf die Idee käme, irgendwas irgendwo abzuschreiben und vertraut auf die Aufrichtigkeit seiner Autoren. Wo man doch jetzt das Qualitätssiegel des Deutschen Journalistenverbands hat.