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Musik

Ein Kessel Buntes

Mal ein kurzes Update, was meine Lieblingskünstler eigentlich so im Moment machen:

Starsailor veröffentlichen am 9. März ihr viertes Album “All The Plans”, die Vorabsingle “Tell Me It’s Not Over” ist bereits eine Woche früher erhältlich.

Besonders crazy: Brandon Flowers von den Killers hat einen “Remix” des Songs angefertigt (er hat ein bisschen Hall und Effekte in den Hintergrund gemischt und beim Refrain mitgesungen), der bereits jetzt verfügbar ist — und zwar kostenlos.

[via visions.de]

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Single-Downloads haben ja schon viele Bands und Künstler verschenkt, aber nur wenige so schlicht wie Phoenix: Bitte einmal auf die Website gehen, die Animation laden lassen und “1901” herunterladen. Ganz ohne Registrierung, E-Mail-Adresse oder Fingerabdruck.

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Tomte haben “Wie sieht’s aus in Hamburg?” als dritte Single aus ihrem Album “Heureka” ausgekoppelt und mit einem Video versehen:

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TOMTE – Wie siehts aus in Hamburg from Kay Otto on Vimeo.

[via Tomte Blog]

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Ein Video gibt’s auch zu “Love Etc.”, der neuen und leider nicht sehr guten Single der Pet Shop Boys:

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Bereits vor zwei Wochen hatte EMI den Song bei YouTube eingestellt — und weil es damals noch kein Video gab, lief zur Musik eben eine schlichte Animation des Albumartworks. Falls noch jemand Fragen hatte, was die wichtigste Anlaufstation zum Musikhören ist …

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Gesellschaft Musik

Der Anfang vom endgültigen Ende

“Bluntly put, in the fewest of words:
Cunts are still running the world”

(Jarvis Cocker – Running The World)

Auch schon ausgestorben: Dinosaurier

Vorgestern verkündete der angeschlagene Musikkonzern EMI, er werde weltweit zwischen 1500 und 2000 Stellen streichen und damit wohl ein Drittel seiner Angestellten feuern. Der privateequity-Konzern Terra Firma, der das Traditionsunternehmen im vergangenen Sommer übernommen hatte, will aus EMI binnen kurzer Zeit ein profitables Unternehmen machen.

Das allein klingt schon mal nach einer ziemlich dämlichen Idee, denn jedes Kind weiß, dass Plattenfirmen so ziemlich die schlechteste Wahl sind, wenn man auf schnelles Geld aus ist. Oder überhaupt auf Geld. Man könnte sich genauso gut in eine Fabrik für elektrische Schreibmaschinen oder in einen Zeitungsverlag einkaufen.

Das Beispiel EMI zeigt was passiert, wenn global player nicht mehr von weltfremden Trotteln, sondern von geldgeilen Volltrotteln geführt werden: Die Musiker, meinen laienhaften Wirtschaftsvorstellungen zufolge nicht unbedingt der unwichtigste Teil eines Musikkonzerns, waren nämlich mit den Ansagen der neuen Chefs (viele Kreative reagieren beispielsweise auf Zeitdruck allergisch) gar nicht gut zu sprechen und kündigten eine Art Veröffentlichungsboykott an. Robbie Williams, Coldplay und die wiedervereinigten The Verve wollen angeblich erst mal nichts mehr rausbringen, mit Paul McCartney, Radiohead und jetzt wohl auch den Rolling Stones haben Künstler, die teils über mehrere Jahrzehnte Zugpferde bei EMI waren, dem Konzern den Rücken gekehrt oder dies angekündigt. Und egal, ob die Verträger einen Musiker-Streik wirklich zulassen und ob aus den Resten der EMI wirklich ein profitabler Konzern werden kann: Ich glaube, wir erleben damit das letzte Kapitel der Musikindustrie im alten Sinne und es wird ein Ende mit Schrecken.

Es ist fast acht Jahre her, dass Metallica-Drummer Lars Ulrich dem US-Senat vorheulte, dass die Musik seiner Band bei Napster aufgetaucht sei. Die Politik reagierte auf dieses völlig neuartige Phänomen mit immer neuen Gesetzen, die es nun auch in Deutschland wieder verlockender erscheinen lassen, CDs direkt im Laden zu klauen anstatt sie illegal herunterzuladen. Die Musikkonzerne reagierten unter anderem damit, dass sie ihren verbliebenen zahlenden Kunden High-Tech-Müll verkauften, der auf vielen Abspielgeräten nicht lief (besonders lustig beim Musikkonzern und Elektronikhersteller Sony) oder die Computer-Sicherheit des Käufers gefährdeten. Später versuchten sie, den Wert von Musik dadurch zu vermitteln, dass sie einsame CDs ohne Booklet (BMG, inzwischen heimlich, still und leise wieder vom Markt verschwunden) oder in billigen Pappschubern (Universal) zu vermeintlichen “Sonderpreisen” auf den Markt warfen.

Zugegeben: Auch ich habe keinen brillanten Plan, wie man auf die fehlende Bereitschaft eines Teils (möglicherweise sogar tatsächlich eines Großteils) der Bevölkerung, für die ständige Verfügbarkeit von Musik Geld zu zahlen, reagieren sollte. Womöglich würde ich nicht mit der Beleidigung und Schikanierung der Rest-Kundschaft beginnen. Aber ich bin auch nicht die Musikindustrie, ich muss gar keinen brillanten Plan haben.

Vielleicht ist das Wort “Musikindustrie” alleine (Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phono-Akademie, spricht sogar von “Kreativwirtschaft”) schon ein Irrtum, ein schreckliches Missverständnis. Musik ist (wie Film, Literatur, Theater, bildende Kunst) in erster Linie Kunst und somit weder unter “Industrie” noch unter “Wirtschaft” einzusortieren. Die Tatsache, dass Großkonzerne ein paar Jahrzehnte gut von der Vermarktung dieser Kunst leben konnten, ist historisch betrachtet eine Ausnahme, eine Art Versehen. Beethoven, van Gogh und Goethe haben ihre Kunst nicht geschaffen, um damit irgendwelchen Unternehmern zu Geld und Ruhm zu verhelfen – im Falle von van Gogh hat es zu Lebzeiten nicht mal zu eigenem Geld und Ruhm gereicht.

Natürlich soll das im Umkehrschluss nicht heißen, dass alle Künstler hungern und verarmt sterben sollen. Selbst über die Frage, ob ein Künstler wie Robbie Williams einen 120-Millionen-Euro-Vertrag wert sein sollte, lässt sich noch diskutieren – zumindest, wenn die Plattenfirma durch die Vermarktung von dessen Musik ein Vielfaches einnimmt. Ich glaube aber, dass es eine irrige Idee ist, mit der Vermarktung von Kunst auch noch jedes Jahr fette Rendite erwirtschaften zu können. Theater und Museen werden subventioniert, es gibt die Buchpreisbindung und die Filmförderung – was sagt uns das über die Wirtschaftlichkeit von Kultur, Stichwort “Kreativwirtschaft”?

Einer der Grundsätze von Wirtschaft ist die Sache mit Angebot und Nachfrage. Was aber tun, wenn die Nachfrage nach kostenpflichtiger Musik wirklich nachlässt? Es wäre eine Möglichkeit, das Konzept “Songs gegen Kohle” zu beerdigen, aber das muss vielleicht nicht mal sein. Eine neue Idee aber braucht es: Einerseits wäre es wünschenswert, jungen Menschen, die fünf Euro für einen Becher Kaffee mit Geschmack zahlen, klar zu machen, dass auch das Erdenken, Einspielen, Produzieren und Veröffentlichen von Musik harte Arbeit ist, andererseits erscheint es mir einigermaßen begreiflich, dass kein normaler Mensch 18 Euro für eine aktuelle CD zahlen will, wenn diese vor ein paar Jahren noch 15 Euro gekostet hätte. Ich mag CDs wirklich – ich mag es, das Booklet durchzublättern und die Scheibe selbst in den Händen zu halten -, aber die Differenz von bis zu acht Euro zum legalen Download lässt mich immer häufiger zum Download schwenken – zumal ich mir da die oftmals erfolglose Suche bei “Saturn” sparen und die Musik sofort hören kann.

Ich könnte grundsätzlich werden, ein fehlgeleitetes Wirtschaftssystem geißeln und das Fass mit dem Grundeinkommen aufmachen. Das sollte nicht aus den Augen gelassen werden, hilft aber im Moment auch nicht weiter. Im Moment droht 2000 Menschen die Arbeitslosigkeit, die selbst bei dem Versuch, Künstler wie Lisa Bund oder Revolverheld an den Mann zu bringen, noch Engagement zeigen: die Ansprechpartner bei den Plattenfirmen für Presse und Künstler, die schon in der Vergangenheit so häufig wechselten wie sonst nur beim Speed Dating. Die einfachen Mitarbeiter, die bei Meetings auf Kaffee und Gebäck verzichten müssen, während die Manager in der Business Class um die Welt jetten und überall zeigen, wie wenig Ideen sie selbst noch haben. Und natürlich geht es auch weniger um die Zukunft von Robbie Williams und den Rolling Stones, als vielmehr um die Chancen möglicher Nachwuchsstars.

Dabei wird aber übersehen, dass der hochdotierte Major-Vertrag, der lebenslangen Reichtum garantiert, längst schon Ausnahme statt Regel ist – vor allem aber ist er kein Muss mehr. Das Internet bietet so viele Möglichkeiten, Hörer (und damit potentielle Käufer und Fans) zu finden, aber auch um die Vermarktung selbst in die Hand zu nehmen. Zwar gehen Kreativität und Marketing- oder gar Finanzgeschick selten Hand in Hand, aber das wird sich auch noch finden. Das nächste oder übernächste “Internetphänomen” (und damit der Nachfolger von den Arctic Monkeys und Lily Allen) wird seine Musik vielleicht gar nicht mehr bei einer regulären Plattenfirma und auf CD herausbringen.

Ich jedenfalls würde den Musikern, deren Werk ich schätze, meine finanzielle Anerkennung gerne direkt zukommen lassen. Ich war durchaus noch bereit, mit dem Kauf einer Coldplay-CD zur Gegenfinanzierung kleinerer Bands beizutragen. Aber ich habe wenig Bock, irgendwelchen geldgeilen, menschen- und kulturverachtenden hedgefonds-Teilhabern bei der Aufbesserung ihrer Rendite zu helfen.

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Ohne Ecken und Kanten

Ich mag Musik, wirklich. Ich mag Musik so sehr, dass ich jedes Jahr ein Heidengeld für Tonträger und Konzerte ausgebe. Gerne würde ich den Musikern das Geld, das sie meiner Meinung nach dafür verdient haben, dass sie schöne wie traurige Momente meines Lebens untermalen, selbst in die Hand drücken. Aber zwischen die Musiker und mich hat irgendjemand die Musikindustrie gesetzt.

Die Musikindustrie mag die Menschen, von denen sie ihr Geld bekommt und die man anderswo “Kunden” nennt, nicht so sehr. Sie kriminalisiert sie, sie will sie ausspionieren und sie will ihre Wohnungen verschandeln.

CD-Hülle (hinten), merkwürdiges Teil (vorne)

Im vergangenen Jahr kamen EMI und Universal in Europa auf die absurde Idee, Tonträger nicht mehr wie bisher in diesen eckigen Plastikhüllen, den sogenannten Jewel Cases, auszuliefern, sondern dafür Hüllen mit abgerundeten Ecken zu nehmen, die Super Jewel Boxes. Diese sollen angeblich stabiler sein, haben aber den Nachteil, dass man nicht vernünftig an das Booklet herankommt, dass man die Hüllen nicht so leicht ersetzen kann, wenn sie doch mal kaputt gehen, und dass sie vor allem ziemlich dämlich aussehen.

Im Regal wird die durchgehende Kante, die alle nebeneinander stehenden CD-Hüllen sonst bildeten, plötzlich unschön unterbrochen von den neuen Hüllen, die mit ihren Rundungen aussehen wie Kinderspielzeug für Dreijährige.

Das war mir bisher alles relativ egal, denn bei CD Wow kann man die internationalen Versionen der CDs kaufen. Zu Zeiten des sogenannten Kopierschutzes, der auf meinen Geräten immer ein Abspielschutz war, bekam man dort echte CDs, die man sogar hören konnte, später dann weiterhin CDs in eckigen Hüllen. “Bekam”, denn heute kam die erste Lieferung von CD Wow mit runden Ecken.

Oasis 1997 (eckig, hinten), Rihanna 2007 (abgerundet, vorne)

Wo Sie grad “Don’t judge a book by its cover” sagen: Auch auf dem Buchmarkt gibt es schlechte Nachrichten. Nachdem man uns jahrelang mit extrem edlen, matten Taschenbuchcovern beglückt hatte, schwenken nun die ersten Verlage wieder zu den extrem billig aussehenden, Fingerabdruckfreundlichen Einbänden in Hochglanzoptik zurück.

In was für einer Welt leben wir eigentlich, wo schon die Mitarbeiter der Kulturindustrie jedwedes ästhetisches Gespür vermissen lassen?????ß

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Musik Gesellschaft

Die Vergangenheit der Musikindustrie

Die wenigsten Jugendlichen, die heute Musik hören (und das sind laut neuesten Umfragen 98% der Europäer), werden wissen, welches Jubiläum dieser Tage begangen wird: Vor 25 Jahren schloss SonyUniversal, die letzte Plattenfirma der Welt, ihre Pforten. Ein Rückblick.

Es war ein wichtiger Tag für Deutschland, als der Bundestag der Musikindustrie im Jahr 2009 das Recht einräumte, sogenannte “Terrorkopierer” (die Älteren werden sich vielleicht auch noch an den archaischen Begriff “Raubkopierer” erinnern) selbst zu verfolgen und bestrafen. Als unmittelbare Folge mussten neue Gefängnisse gebaut werden, da die alten staatlichen Zuchthäuser dem Ansturm neuer Insassen nicht Herr werden konnten. Dies war die Geburtsstunde der Prisonia AG, dem Konsortium von Bau- und Musikindustrie und heute wichtigstem Unternehmen im EuAX. Die Wiedereinführung der Todesstrafe scheiterte im Jahr darauf nur am Veto von Bundespräsident Fischer – die große Koalition aus FDP, Linkspartei und Grünen hatte das Gesetz gegen die Stimmen der Piratenpartei, damals einzige Oppositionspartei im Bundestag, verabschiedet.

Im Jahr 2011 fuhr der frisch fusionierte Major WarnerEMI den höchsten Gewinn ein, den je ein Unterhaltungskonzern erwirtschaftet hatte. Kritiker wiesen schon damals darauf hin, dass dies vor allem auf die völlige Abschaffung von Steuern für die Musikindustrie und die Tatsache zurückzuführen sei, dass die sogenannten “Klingeltöne”, kleine Musikfragmente auf den damals so beliebten “Mobiltelefonen”, für jede Wiedergabe extra bezahlt werden mussten – eine Praxis, die WarnerEMI zwei Jahre später auch für seine MP5-Dateien einführte.

Die Anzeichen für einen Stimmungsumschwung verdichteten sich, wurden aber von den Unternehmen ignoriert: Der erfolgreichste Solo-Künstler jener Tage, Justin Timberlake, veröffentlichte seine Alben ab 2010 ausschließlich als kostenlose Downloads im Internet und als Deluxe-Vinyl-Versionen im “Apple Retro Store”. Heute fast vergessene Musiker wie Madonna, Robbie Williams oder die Band Coldplay folgten seinem Vorbild. Hohn und Spott gab es in allen Medien für den damaligen CEO von WarnerEMI, als der in einem Interview mit dem Blog “FAZ.net” hatte zugeben müssen, die Beatles nicht zu kennen.

Diese öffentliche Häme führte zu einem umfassenden Presseboykott der Musikkonzerne. Renommierte Musikmagazine in Deutschland und der ganzen Welt mussten schließen, Musikjournalisten, die nicht wie die Redakteure des deutschen “Rolling Stone” direkt in Rente – wie man es damals nannte – gehen konnten, gründeten eine Bürgerrechtsbewegung, die schnell verboten wurde. Die Lunte aber war entfacht.

Im Herbst 2012 kündigte Prof. Dieter Gorny, damals Vorsitzender der “Konsum-Agentur für Runde Tonträger, Elektrische Lieder und Lichtspiele” (K.A.R.T.E.L.L.), seine Kanzlerkandidatur an, worüber der damalige Bundeskanzler Guido Westerwelle alles andere als erfreut war. Er setzte neue Kommissionen für Medien- und Kulturindustrie ein und kündigte eine mögliche Zerschlagung der Musikkonzerne an. Diese fusionierten daraufhin in einer “freundlichen feindlichen Übernahme” am Europäischen Kartellamt vorbei zum Konzern SonyUniversalEMI und drohten mit einer Abwanderung in die Mongolei und damit dem Verlust der restlichen 300 Arbeitsplätze.

Aber weder Kanzler Westerwelle noch das deutsche Volk ließen sich erpressen: Zum 1. Januar 2013 musste MTViva den Sendebetrieb einstellen. Die neugegründete Bundesmedienaufsicht unter Führung des parteilosen Stefan Niggemeier hatte dem Fernsehsender, der als sogenannter Musikkanal galt, die Sendelizenz entzogen, da dieser weniger als die gesetzlich geforderten drei Musikvideos täglich gespielt hatte. Die Castingshow “Europa sucht den Superstar” erwies sich für SonyUniversalEMI als überraschender Mega-Flop, der Wert des Unternehmens brach um ein Drittel ein, das “EMI” verschwand aus dem Namen.

Im Berliner Untergrund gründete sich die Deutsche (heute: Europäische) Musicantengilde. Deren heutiger Ehrenvorsitzende Thees Uhlmann erinnert sich: “Es war ja damals schon so, dass die kleinen Bands ihr Geld ausschließlich über Konzerte machen konnten, die ja dann auch noch verboten werden sollten. Erst haben wir unsere CDs ja selbst rausgebracht, aber als die Musikkonzerne dann die Herstellung von CDs außerhalb ihrer Fabriken unter Strafe stellen ließen, mussten wir auf Kassetten ausweichen.” Heute kaum vorstellbar: Das Magnetband galt damals als so gut wie ausgestorben, nur die kleine Manufaktur “Telefunken” produzierte überhaupt noch Abspielgeräte, die entsprechend heiß begehrt waren.

Am 29. November 2013, heute vor 25 Jahren, war es dann soweit: Der Volkszorn entlud sich vor der SonyUniversal-Zentrale am Berliner Reichstagsufer. Das Medienmagazin “Coffee & TV” hatte kurz zuvor aufgedeckt, dass die Musikindustrie jahrelang hochrangige Mitarbeiter gedeckt hatte, die durch “Terrorkopieren” aufgefallen waren. Während der normale Bürger für solche Verbrechen bis zu sechs Jahre ins Gefängnis musste, waren die Manager und Promoter straffrei ausgegangen. Als nun die Mutter des dreijährigen Timmie zu einem halben Jahr Arbeitsdienst verurteilt werden sollte, weil sie ihrem Sohn ein Schlaflied vorgesungen hatte, ohne die dafür fälligen Lizenzgebühren von 1.800 Euro zahlen zu können, zogen die Bürger mit Fackeln und selbst gebastelten Galgen zum “Dieter-Bohlen-Haus” am Spreebogen.

Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder, dann zog der Mob unter den Augen von Feuerwehr und Polizei weiter zur Zentrale der “GEMA” am Kurfürstendamm (der heutigen Toyota-Allee). Wie durch ein Wunder wurde an diesem Tag niemand ernstlich verletzt. Die meisten Führer der Musikindustrie konnten ins nordkoreanische Exil fliehen, den “kleinen Fischen” wurde Straffreiheit zugesichert, wenn sie ein Berufsverbot akzeptierten und einer dreijährigen Therapie zustimmten.

Drei Tage später fand im Berliner Tiergarten ein großes Konzert statt, die erste öffentliche Musikaufführung in Europa seit vier Jahren. Die Kilians, heute Rocklegenden, damals noch junge Männer, spielten vor zwei Millionen Zuhörern, während die Bilder von gestürzten Dieter-Gorny-Statuen um die Welt gingen.

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Musik

Voll auf die … Ach, lassen wir das!

Den Deutschen sagt man ja (neben vielem anderen) auch ein etwas gestörtes Verhältnis zur Popkultur nach. Wenn also die Veröffentlichung eines neuen Tonträgers in jedem Medium von der F.A.Z. bis zur “Vanity Fair”, von “Wetten dass…?” bis zu MTV thematisiert wird, dann ist das schon etwas ganz besonderes. Herbert Grönemeyer ist populärer als jeder andere deutsche Musiker und so über jeden Zweifel erhaben wie andernorts Bob Dylan. Eine CD-Besprechung verbietet sich fast von selbst, denn kein noch so kritischer Musikjournalist mag an Grönemeyer herummäkeln. Er ist einfach eine Ausnahmeerscheinung, auch wenn er das selber nicht hören mag. In den letzten Wochen hat Grönemeyer so viele Interviews gegeben, dass man als aufmerksamer Medienkonsument mittlerweile an seiner statt Interviews geben könnte (was aktuell übrigens auch für Christoph Maria Herbst und den Start der dritten “Stromberg”-Staffel gilt).

Jetzt kreist “Zwölf” endlich seit ein paar Tagen in meinem CD-Laufwerk und in der Tat habe ich keine Ahnung, was ich darüber schreiben sollte. Wie schon bei “Mensch” bin ich mir sicher, dass es sich um ein wichtiges Album mit ausgefeilter Musik und klugen Texten handelt, und wieder hab ich keine Ahnung, ob mir das Album persönlich jetzt sehr viel oder gar nichts bedeutet. Dieses Gefühl habe ich wirklich nur bei Platten des Ex-Bochumers. (Wäre dies ein Zeitungsartikel, hätte der Textchef gerade “Ex-Bochumer” durchgestrichen und “Wahl-Londoner” hingeschrieben. Aber Lokalpatriotismus ist halt stärker als der Drang zum Mainstream-Synonym.) Schon beim ersten Hören kommt einem die Musik seltsam vertraut vor und selbst wenn Grönemeyer immer wieder betont, wie unwichtig ihm selbst die Texte eigentlich seien: in jedem Lied findet sich mindestens eine Zeile, die man unter “Das hat er wieder sehr schön gesagt” in sein Notizbüchlein kritzeln möchte.

Und weil mir immer noch zwei Tonnen Hermeneutik und die eigene diffuse Erwartung den Zugang dem Werk versperren, stattdessen hier ein paar Fakten und Beobachtungen:

  • Aus Gründen, die wohl nur der Plattenfirma EMI bekannt sind, erscheint die CD in einer “Super Jewel Box”. was eine normale CD-Hülle mit abgerundeten Ecken ist. Sieht im Regal total dämlich aus und man kommt schlecht ans Booklet ran. Aber weil Universal in Europa mit dieser Unsitte angefangen hat (richtige CD-Hüllen gibt es noch in den USA), musste EMI wohl nachziehen.
  • Für die epische Single “Stück vom Himmel” scheint Nick Ingham schon wieder den gleichen Streichersatz verwendet zu haben, den er auch schon bei “Whatever” von Oasis und zuletzt bei Grönemeyers eigenem “Demo (Letzter Tag)” verbraten hat.
  • “Marlene” klingt ein bisschen wie Peter Gabriel und behandelt auch ähnlich schwere Themen wie der Ex-Genesis-Sänger: Aids in Afrika.
  • “Ich versteh” erinnert wegen seines prominenten Bass-Einsatzes an Kompositionen von Sting. Also an die wirklich guten Sachen von Sting.
  • In “Zieh deinen Weg” singt Grönemeyer “Sei aus Unsicherheit nicht arrogant / Hab immer Mitgefühl als Unterpfand”. Es handelt sich damit erst um das zweite mir bekannte Lied, in dem das Wort “Unterpfand” vorkommt. Das andere ist die deutsche Nationalhymne.
  • Lied 12 (“Liebe liegt nicht”) fängt an wie irgendwas von Kaizers Orchestra. Danach spielt Fran Healy von Travis die Akustikgitarre (und ich bilde mir ein, ihn auch im Chor singen zu hören). Deren letztes Album hieß “12 Memories” und hatte auch zwölf Stücke, was eine nicht gerade unspannende Parallele zu Grönemeyers “Zwölf” ist.
  • “Zwölf” ist nicht der letzte Eintrag, wenn ich meine iTunes-Bibliothek alphabetisch nach Albumtiteln sortiere. Danach kommt noch (warum auch immer) “ZZYZX” von Zeromancer.

Doch, ich finde das Album schon sehr gut. Vielleicht ist es einfach normal, dass mich Grönemeyer-Alben nicht voll ins Herz treffen. Aber gerade der streichergetränkte Abschluss sorgt schon für Glücksgefühle. Die werden übrigens noch größer, wenn ich gerade noch eben die anderen Achtziger-Jahre-Deutschrockgrößen abhake: Westernhagen: lange nichts mehr gehört, hoffentlich bleibt das so; Maffay: schreibt Kindermusicals und stemmt bei Thomas Gottschalk Gewichte; Nena: ach, schweigen wir über Nena; Heinz Rudolf Kunze: tritt heute Abend beim Grand-Prix-Vorentscheid an. Damit wäre dann wohl alles gesagt.