Die Vergangenheit der Musikindustrie

Von Lukas Heinser, 29. November 2007 1:34

Die wenigsten Jugendlichen, die heute Musik hören (und das sind laut neuesten Umfragen 98% der Europäer), werden wissen, welches Jubiläum dieser Tage begangen wird: Vor 25 Jahren schloss SonyUniversal, die letzte Plattenfirma der Welt, ihre Pforten. Ein Rückblick.

Es war ein wichtiger Tag für Deutschland, als der Bundestag der Musikindustrie im Jahr 2009 das Recht einräumte, sogenannte „Terrorkopierer“ (die Älteren werden sich vielleicht auch noch an den archaischen Begriff „Raubkopierer“ erinnern) selbst zu verfolgen und bestrafen. Als unmittelbare Folge mussten neue Gefängnisse gebaut werden, da die alten staatlichen Zuchthäuser dem Ansturm neuer Insassen nicht Herr werden konnten. Dies war die Geburtsstunde der Prisonia AG, dem Konsortium von Bau- und Musikindustrie und heute wichtigstem Unternehmen im EuAX. Die Wiedereinführung der Todesstrafe scheiterte im Jahr darauf nur am Veto von Bundespräsident Fischer – die große Koalition aus FDP, Linkspartei und Grünen hatte das Gesetz gegen die Stimmen der Piratenpartei, damals einzige Oppositionspartei im Bundestag, verabschiedet.

Im Jahr 2011 fuhr der frisch fusionierte Major WarnerEMI den höchsten Gewinn ein, den je ein Unterhaltungskonzern erwirtschaftet hatte. Kritiker wiesen schon damals darauf hin, dass dies vor allem auf die völlige Abschaffung von Steuern für die Musikindustrie und die Tatsache zurückzuführen sei, dass die sogenannten „Klingeltöne“, kleine Musikfragmente auf den damals so beliebten „Mobiltelefonen“, für jede Wiedergabe extra bezahlt werden mussten – eine Praxis, die WarnerEMI zwei Jahre später auch für seine MP5-Dateien einführte.

Die Anzeichen für einen Stimmungsumschwung verdichteten sich, wurden aber von den Unternehmen ignoriert: Der erfolgreichste Solo-Künstler jener Tage, Justin Timberlake, veröffentlichte seine Alben ab 2010 ausschließlich als kostenlose Downloads im Internet und als Deluxe-Vinyl-Versionen im „Apple Retro Store“. Heute fast vergessene Musiker wie Madonna, Robbie Williams oder die Band Coldplay folgten seinem Vorbild. Hohn und Spott gab es in allen Medien für den damaligen CEO von WarnerEMI, als der in einem Interview mit dem Blog „FAZ.net“ hatte zugeben müssen, die Beatles nicht zu kennen.

Diese öffentliche Häme führte zu einem umfassenden Presseboykott der Musikkonzerne. Renommierte Musikmagazine in Deutschland und der ganzen Welt mussten schließen, Musikjournalisten, die nicht wie die Redakteure des deutschen „Rolling Stone“ direkt in Rente – wie man es damals nannte – gehen konnten, gründeten eine Bürgerrechtsbewegung, die schnell verboten wurde. Die Lunte aber war entfacht.

Im Herbst 2012 kündigte Prof. Dieter Gorny, damals Vorsitzender der „Konsum-Agentur für Runde Tonträger, Elektrische Lieder und Lichtspiele“ (K.A.R.T.E.L.L.), seine Kanzlerkandidatur an, worüber der damalige Bundeskanzler Guido Westerwelle alles andere als erfreut war. Er setzte neue Kommissionen für Medien- und Kulturindustrie ein und kündigte eine mögliche Zerschlagung der Musikkonzerne an. Diese fusionierten daraufhin in einer „freundlichen feindlichen Übernahme“ am Europäischen Kartellamt vorbei zum Konzern SonyUniversalEMI und drohten mit einer Abwanderung in die Mongolei und damit dem Verlust der restlichen 300 Arbeitsplätze.

Aber weder Kanzler Westerwelle noch das deutsche Volk ließen sich erpressen: Zum 1. Januar 2013 musste MTViva den Sendebetrieb einstellen. Die neugegründete Bundesmedienaufsicht unter Führung des parteilosen Stefan Niggemeier hatte dem Fernsehsender, der als sogenannter Musikkanal galt, die Sendelizenz entzogen, da dieser weniger als die gesetzlich geforderten drei Musikvideos täglich gespielt hatte. Die Castingshow „Europa sucht den Superstar“ erwies sich für SonyUniversalEMI als überraschender Mega-Flop, der Wert des Unternehmens brach um ein Drittel ein, das „EMI“ verschwand aus dem Namen.

Im Berliner Untergrund gründete sich die Deutsche (heute: Europäische) Musicantengilde. Deren heutiger Ehrenvorsitzende Thees Uhlmann erinnert sich: „Es war ja damals schon so, dass die kleinen Bands ihr Geld ausschließlich über Konzerte machen konnten, die ja dann auch noch verboten werden sollten. Erst haben wir unsere CDs ja selbst rausgebracht, aber als die Musikkonzerne dann die Herstellung von CDs außerhalb ihrer Fabriken unter Strafe stellen ließen, mussten wir auf Kassetten ausweichen.“ Heute kaum vorstellbar: Das Magnetband galt damals als so gut wie ausgestorben, nur die kleine Manufaktur „Telefunken“ produzierte überhaupt noch Abspielgeräte, die entsprechend heiß begehrt waren.

Am 29. November 2013, heute vor 25 Jahren, war es dann soweit: Der Volkszorn entlud sich vor der SonyUniversal-Zentrale am Berliner Reichstagsufer. Das Medienmagazin „Coffee & TV“ hatte kurz zuvor aufgedeckt, dass die Musikindustrie jahrelang hochrangige Mitarbeiter gedeckt hatte, die durch „Terrorkopieren“ aufgefallen waren. Während der normale Bürger für solche Verbrechen bis zu sechs Jahre ins Gefängnis musste, waren die Manager und Promoter straffrei ausgegangen. Als nun die Mutter des dreijährigen Timmie zu einem halben Jahr Arbeitsdienst verurteilt werden sollte, weil sie ihrem Sohn ein Schlaflied vorgesungen hatte, ohne die dafür fälligen Lizenzgebühren von 1.800 Euro zahlen zu können, zogen die Bürger mit Fackeln und selbst gebastelten Galgen zum „Dieter-Bohlen-Haus“ am Spreebogen.

Das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder, dann zog der Mob unter den Augen von Feuerwehr und Polizei weiter zur Zentrale der „GEMA“ am Kurfürstendamm (der heutigen Toyota-Allee). Wie durch ein Wunder wurde an diesem Tag niemand ernstlich verletzt. Die meisten Führer der Musikindustrie konnten ins nordkoreanische Exil fliehen, den „kleinen Fischen“ wurde Straffreiheit zugesichert, wenn sie ein Berufsverbot akzeptierten und einer dreijährigen Therapie zustimmten.

Drei Tage später fand im Berliner Tiergarten ein großes Konzert statt, die erste öffentliche Musikaufführung in Europa seit vier Jahren. Die Kilians, heute Rocklegenden, damals noch junge Männer, spielten vor zwei Millionen Zuhörern, während die Bilder von gestürzten Dieter-Gorny-Statuen um die Welt gingen.

32 Kommentare

  1. Christoph
    29. November 2007, 4:04

    Dystopie trifft Größenwahn. ;-)

  2. moritz
    29. November 2007, 8:35

    wunderschön. „in Rente – wie man es damals nannte“, köstlich

  3. GHLing
    29. November 2007, 8:50

    Timmey! ;)

  4. Patsy Jones
    29. November 2007, 9:33

    Also so langsam bin ich hier wirklich ein großer Fan von dir. Ich les schon seit einigen Wochen regelmäßig mit und weiß bei deinen Beiträgen nie ob ich lachen oder weinen soll, was ein durchaus gutes Zeichen ist. Top!

  5. Alberto Green
    29. November 2007, 9:47

    Meine Damen und Herren, wir unterbrechen das Programm. Wie so eben bekannt wurde, ist Johannes Heesters kurz vor seinem 135. Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert worden: Woran er leidet sei noch nicht klar, aber es gehe ihm den Umständen entsprechend gut. Sehen Sie nun die Fortsetzung von Ocean’s fiftyeight.

  6. ckwon
    29. November 2007, 11:15

    Uiuiuiui, was hast du denn im Kaffee gehabt? ;-)

    Du hast vergessen, dass durch die Gesetzänderungen die Jugendarbeitslosigkeit massiv gesenkt werden konnte, da ja alle ins Gefängnis wanderten…

    habe herzlich gegrinst beim Lesen!

  7. Sebastian
    29. November 2007, 11:33

    Einträge, die nur um halb 2 in der Nacht entstehen können :-)

  8. André
    29. November 2007, 11:46

    Sehr schön, wirklich!

  9. Jörg Friedrich
    29. November 2007, 13:01

    Das erinnert mich ein bisschen an das „We will rock you“-Musical, nur ist deine Geschichte realistischer.

  10. Fragen kostet ja nix
    29. November 2007, 18:32

    Warum hat die Musikindustrie eigentlich einen so schlechten Ruf? Was ist so schlimm an dem, was sie machen? Ernst gemeinte Frage, kann mir das mal jemand erklären?

  11. Kai
    29. November 2007, 19:45

    Sehr schön, vielen Dank für die amüsanten Minuten.

  12. xconroy
    29. November 2007, 22:32

    Jetzt wollte ich hier gerne einen etwas ausführlicheren Beitrag reinsetzen zu „Fragen kostet ja nix“, in dem es darum geht, was die MI zumindest für mich falsch macht und wie sie es evtl. besser machen könnte.

    Ging aber irgendwie nicht, nicht mal ne Fehlermeldung hat man mir gegönnt. War`s zu lang, oder wie kommts?

  13. Lukas
    30. November 2007, 0:00

    Ich hab leider keine Ahnung. Im Spamverdacht ist es nicht gelandet. Schade.

    Als Platzhalter für vieles, was an der Musikindustrie so schlimm ist, muss deshalb das hier herhalten.

  14. TR33
    30. November 2007, 8:58

    war das nicht eine woche, bevor Chinese Democracy rausgekommen wäre?

  15. johnny
    30. November 2007, 10:59

    Sehr cool. Bitte ein Video dazu! Nur eine Stelle ist total unglaubwürdig: Westerwelle als Kanzler. Ich bitte dich! ;)

    @TR33: Ich hab‘ gerade sehr laut gelacht … :)

  16. StalinOrgel
    30. November 2007, 13:01

    Lach wie genial

    tolle Story und na mal sehen wie nah wir noch der Realität kommen

  17. Christian
    30. November 2007, 14:24

    Genial!
    „Toyota-Allee“ fand ich am Besten! ;)

  18. euphoriefetzen
    30. November 2007, 17:39

    ganz großes kino. *lobaussprech*


  19. 30. November 2007, 18:13

    sehr gut! hab mich köstlich amüsiert…

  20. Sina
    30. November 2007, 18:52

    Okay, das ist wirklich zu genial!
    I was very amused xD

    Und ich hab mich die ganze Zeit gefragt, wann und wie du wohl die Kilians einbringen würdest! (:

  21. Kay
    30. November 2007, 19:17

    Wer erklärt mir, wie die wenigsten Jugendlichen gleichsam die meisten Europäer (98 %) darstellen sollen? Das schaffen doch nicht einmal die meisten Jugendlichen?! Oder bin ich jetzt ganz von der Rolle?

  22. Coffee And TV
    30. November 2007, 19:24

    Ohne Ecken und Kanten…

    Ich mag Musik, wirklich. Ich mag Musik so sehr, dass ich jedes Jahr ein Heidengeld für Tonträger und Konzerte ausgebe. Gerne würde ich den Musikern das Geld, das sie meiner Meinung nach dafür verdient haben, dass sie schöne wie traurige Momente me…

  23. Lukas
    30. November 2007, 19:26

    @Kay:

    Die wenigsten Jugendlichen, die heute Musik hören (und das sind laut neuesten Umfragen 98% der Europäer)

    98% der europäischen Jugendlichen hören Musik.
    Die wenigsten davon erinnern sich an den Sturm auf die Bohlille.

    2038 ist der Satzbau eben ein bisschen anders als heute … ;-)

  24. Lisi
    1. Dezember 2007, 1:12

    Der Mann ist vom Fach, das steht fest. Und die derzeitige Kopf- und Hilflosigkeit kommt auch schön raus. Klapperschlange meets Grisham oder so. Wie gut, dass es uns nicht alleine so schlecht geht, Disney hat alle Zeichner entlassen, ich glaube das nennt man euphemistisch Fortschritt. TR33 darf sich vom Lob-Brot auch ein paar Krümel nehmen. Cheers

  25. Putrick
    6. Dezember 2007, 22:47

    Vielen Dank, sehr schöner Text. Erinnert mich aber schon irgendwie an eine Schrift aus dem Jahr 2003 mit dem Titel „Die Zukunft der Musik“.
    Ich weiß leider nicht mehr, woher ich ihn hab und ich weiß auch nicht, von wem er stammt. Zumindest nicht von mir, aber gut ist er trotzdem:

    „2002: Als beste Künstler werden Madonna, Herbert Grönemeyer, Tom Jones, Cher, und Santana ausgezeichnet. Zu den Top-Hits gehören Westlife mit „Uptown Girl“, die No Angels mit „All Cried Out“, Kelly Osbourne mit „Papa Don`t Preach“, Madonna mit „American Pie“. Die Musikindustrie erfährt zum ersten Mal nach einer langen Boomzeit einen Umsatzrückgang. Als Hauptursachen macht sie das in Mode gekommene Kopieren von CDs und das Tauschen von Musikdateien im Internet verantwortlich. Um den Kids klar zu machen, daß das Kopieren von Musik letzendlich die Künstler schädigt, startet die Industrie die Kampagne „Copying Music is Killing Music“.

    2003: Die Musikindustrie zeichnet Herbert Grönemeyer, Nena, Kim Wilde, Ozzy Osbourne und Metallica als beste Künstler aus. Das Album Nr. 1 ist Nena mit Remixen ihrer größten Hits. In den Hitparaden finden sich neben Alexander, Juliette und Daniel K. auch Jeanette Biedermann mit „Rock my Life“, das stark nach Roxette klingt.
    Weiterhin gehören Lichtenfels mit „Sounds like a Melody“, Outlandish mit „Aicha“, Kraftwerk mit „Tour de France 2003“, KCPK mit „We will Rock You“ und Murphy Brown mit „Axel F 2003“ und Culture Beat mit „Mr. Vain Recall“ zu den Tophits.
    Die meisten CDs haben Kopierschutz. Seit August ist das Kopieren kopiergeschützter CDs verboten, ebenso das Herunterladen von Musik aus dem Internet. Der Umsatz der Musikindustrie geht um weitere 15% zurück, besonders betroffen Hit-Kompilationen mit 47%.

    2004: Die Musikindustrie zeichnet Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen, DJ Bobo, Marianne Faithfull und Pur aus. In den Charts stehen das Hollywood Dance Project mit „Relax Reloaded“, Kajagoogoo mit „Too Shy 2004“, Nena mit „Haus der 2004 Sonnen“ und Nico W aus „GZSZ“ mit „Ich vermiß Dich wie die Hölle“ lange Zeit ganz oben.
    Mithilfe einer automatisierten Sauger-Suche kann die Musikindustrie alle Nutzer von Tauschbörsen ausfindig machen. Fünf Millionen Haushalte in Deutschland erhalten daraufhin Post des Münchner Anwalts G., der ultimativ die Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung einfordert und die Erstattung von Auslagen über 583,74 Euro.
    Die Tauschbörsen brechen zusammen. Die Hälfte aller T-DSL-Anschlüsse wird gekündigt. Der Umsatz der Musikindustrie geht um weitere 10% zurück.

    2005: Es werden Herbert Grönemeyer, Tom Jones, die Supremes, Suzi Quatro und Elvis Presley als Künstler des Jahres ausgezeichnet, dazu Status Quo mit dem Innovationspreis des Musiker-Managements. Die Charts führen an Peter Maffay mit „So bist Du 2005“, Roberto Blanco mit „Ein bisschen Spaß muß wieder mal sein“ und Zarah Leander mit „Ich weiß, auch 2005 wird ein Wunder gescheh`n.“
    Der Umsatz der Musikindustrie schrumpft erneut um 50%.
    Die Trend-Scouts entdecken, daß unter den Jugendlichen 60er- 70er- 80er und 90er- Revivals in sind. Sie treffen sich zu FlowerPower-, Disco-, New Wave- und Rave-Parties und hören die CDs ihrer Eltern. Original-CDs und LPs der vergangenen vier Jahrzehnte werden verstärkt bei Ebay gehandelt. Es wird vermutet, daß die Kids die CD erwerben, kopieren und dann weiterverkaufen. Das ist legal, da die alten CDs keinen Kopierschutz haben und nur Originale angeboten werden.

    2006: Die Musikindustrie bringt ein neues Tonträgerformat heraus: Die „Smart CD“. Sie benötigt spezielle Abspielgeräte mit Internet-Anschluß. Die Smart-CDs lassen sich nur abspielen, nachdem vorher eine Lizenz über das Internet gekauft wurde. Lizenzen gibt es nur noch temporär, es ist nicht mehr möglich, ein Musikstück „für immer “ zu erwerben. Dafür werden die „Smart-CD“-Spieler im Bundle mit einem Musik-Abo für einen Euro angeboten.
    Als erfolgreichste Künstler werden Herbert Grönemeyer, die Scorpions, Mark Oh, Oli P. und Peter Kraus ausgezeichnet. Die Charts werden beherrscht durch Songs wie „Flugzeuge im Bauch Ultimate Edition“ mit Herbert Grönemeyer, Oli P. und Xavier Naidoo, „You Keep Me Hanging On“ mit den Supremes, Kim Wilde und Sinema sowie „Anyplace, anywhere, whatever“ von Nena, Kim Wilde und Jan Delay.
    Aus Anlass der Fußball-WM wird mit großem Marketing-Aufwand eine neue Latino-Salsa-Welle propagiert, mit Carlos Santana und Richie Valens („La Bamba World Cup 2006 Mousse T. Remix“) als Galionsfiguren. Obwohl Brasilien zum sechsten Mal Weltmeister wird, hat die Welle nur mäßigen Erfolg.
    Der Absatz der Musikindustrie sinkt weiter.

    2007: Mit Hinweis auf die vielen bedrohten Arbeitsplätze setzt die Musik-Lobby ein Gesetz durch, nachdem der Rückruf einmal erteilter Lizenzen möglich ist. Prompt widerruft die Industrie alle bisher erteilten Lizenzen auf nicht kopiergeschützte Tonträger. Damit werden alle älteren CDs und alle LPs illegal, ebenso Plattenspieler und CD-Spieler, die nicht dem „Smart CD“ Standard entsprechen. Im Austausch für ihre Original-CDs bietet die Industrie CD-Besitzern eine Einjahreslizenz für die auf der CD vorhandene Musik an.
    Nach einer erneuten Abmahnwelle der Kanzlei G. aus M. bricht der Tonträgerhandel über eBay zusammen.
    Auf die Veröffentlichung von Charts und die Auszeichnung von Künstlern wird verzichtet. Zunächst einmal müssen die Lagerbestände an CDs abverkauft werden.

    2008: Musik wird in Deutschland nur noch im Radio oder bei Konzerten gehört. Das Radio verliert aber an Popularität, seit die Industrie die Sender zwingt, nur noch neueste Produktionen zu spielen und über diese drüberzusprechen, damit das Aufnehmen mit Tapedecks verhindert wird. Konzerte sind fast unbezahlbar geworden, da das gesamte Management von den Eintrittspreisen mitbezahlt werden muss.
    Dagegen häufen sich die sogenannten „Open Jams“, spontane Zusammenschlüsse von Hobby-Musikern, die auf öffentlichen Plätzen mit Gitarre, kleinem Schagzeug, Keyboard, Saxophon etc. Musik spielen und von begeisterten Zuhörern gefeiert werden.

    2009: Die Musiklobby setzt beim Gesetzgeber das Verbot öffentlicher und privater Performance urheberrechtlich geschützen Materials durch.
    Musikinstrumente werden mit einer Urheber-Abgabe belegt, da man ja eine Gitarre etwa zum Raub-Abspielen von Stones-Songs mißbrauchen kann. „Making music is killing music“ lautet die begleitende Kampagne, die den Leuten Unrechtsbewußtsein beibringen soll.

    2010: Um Arbeitsplätze bei Musikern zu schützen, wird Musikunterricht rationiert: Es dürfen nur noch so viele Nachwuchsmusiker ausgebildet werden, wie der Markt braucht. Da dieser schneller schrumpft als die Musiker wegsterben, bedeutet das faktisch ein Verbot des Musikunterrichts. Hunderte Musikschulen werden geschlossen.

    2011: Sarah Connor versucht mit „Terminate Me“ einen neuen, nicht gecoverten Song herauszubringen, wird aber dafür von den Anwälten der Musikrechteinhaber verklagt, die es nicht erlauben, daß neue Urheber am kleiner werdenden Kuchen mitverdienen wollen. „Composing music is killing music“ heißt das Schlagwort der Inhaber alter Rechte. Sarah Connor gewinnt den Rechtsstreit, wird aber kurz darauf unter mysteriösen Umständen ermordet aufgefunden. Von nun an traut sich niemand mehr, neue Songs zu schreiben.

    2012: Die Eltern des 6-jährigen Wolfgang Amadeus Moherb, des „Jugend-musiziert“-Siegers, werden zu 150.000 Euro Schadenersatz an die Musikindustrie verurteilt, weil sich herausgestellt hat, daß ihr Kind erst seit eineinhalb Jahren musiziert, also nach dem Inkrafttreten der Unterrichts-Rationierung. Seine Lehrerin, die Violinistin Anne-Sophie Mutter, entzieht sich einer Gefängnisstrafe durch Flucht in den Irak, dem einzigen Land, das nicht unter Kontrolle der westlichen Wertegemeinschaft und damit der Musikindustrie ist.

    2020: Nahezu jede tonliche Äußerung, darunter Motorgeräusche, Trittschall, Türschließgeräusche und gesprochenes Wort, sind unter urheberrechtlichen Schutz gefallen. Eine Tür zumachen darf quasi nur noch, wer nachweisen kann, daß der dabei erzeugte Schall nicht dem von Porsche patentierten ähnelt. Die einzigen lizenzfreien Worte sind „der“, „die“, „das“, „und“ und „hallo“. Die Gespräche von Menschen, die sich das „Deutsche Sprache Abo“ nicht leisten können, sind daher fast unverständlich geworden. Überhaupt ist es sehr still geworden, da fast jede Schallerzeugung das Risiko einer Abmahnung durch den Münchner Justizkonzern G. und Söhne mit sich bringt.
    Die Anwälte der Ton und Schall Industrie-Gemeinschaft machen Jagd auf Park- und Waldbesitzer, die in ihren Anwesen das illegale Singen von Vögeln dulden.

    2050: Europa und die USA sind in einem Handstreich vom Irak eingenommen worden. Die Iraker brauchten nur einen einzigen Muezzin, um die halbe Streitmacht der Westmächte auszuschalten, die sich, an Schall nicht mehr gewöhnt, mit zugehaltenen Ohren am Boden wälzte.
    Die andere Hälfte und die zivile Bevölkerung wurden dadurch gewonnen, daß man ihnen Kinderlieder vorsang. Die Menschen fingen an zu weinen und den Invasoren auf Knien zu danken, für diese neue und wunderbare Gabe, die sie so lange vermißt hatten. Seither ist der Islam die größte Weltreligion und das Reich Allahs unter der weisen Herrschaft des Kalifen von Washington schwingt sich auf zu neuer Blüte.

    Salem aleikum.“

  26. Lukas
    7. Dezember 2007, 0:30

    Der Text war mir nicht bekannt oder zumindest hatte ich keinerlei Erinnerungen daran. Was natürlich angesichts der Überschriften nicht sonderlich glaubwürdig klingt, wie ich auch gerne einräume. Ist aber so.

  27. ckwon
    7. Dezember 2007, 15:39

    Also ich kannte den…der war auch nicht schlecht.
    Ich glaube, der wurde gerne mal im Heise-Forum gepostet.

    Ich denke, der Urheber wird sich eher freuen, wenn andere ähnliche Ideen haben und dich nicht wegen Ähnlichkeit verklagen ;-)

  28. a daily indie soap (everything in its right blog) » Blog Archive » Musikbranche im Wandel - Teil II
    8. Januar 2008, 0:17

    […] Eine bitterbös-satirische Zukunftsvision von Coffe and TV. […]

  29. u n k e w l
    12. Januar 2008, 10:07

    Die Zukunft der Musikindustrie?…

    Von wegen Wunderwaffe Digital Rights Management: Amazon übernimmt die Rolle des Innovators und verkauft in den USA MP3s aller großen Labels ohne Kopierschutz. Apple wird mit iTunes folgen und schon sind drei Viertel des weltweiten Marktes für bezahl…

  30. Coffee And TV: » Die Quotenfrau
    13. Januar 2010, 13:51

    […] und fünf Mal Platin in jedem zweiten deutschen CD-Schrank zu stehen – und damit die deutsche Plattenindustrie im Alleingang zu retten. Dann meldet der Musikmarkt auch noch, daß diese Frau einen ganz neuen […]

  31. Eine kleine Retrospektive « Vermischtes « BLOG OFF!
    22. Oktober 2010, 5:56

    […] gar nicht zu würdigen, was wir der Musikindustrie seit 2007 alles zu verdanken haben…Zum Beitrag    Ähnliche Beiträgezu Eine kleine RetrospektiveUPS, they do it again and […]

  32. Die Quotenfrau | Die Sockenseite
    26. Oktober 2013, 22:16

    […] mit elf Mal Gold und fünf Mal Platin in jedem zweiten deutschen CD-Schrank zu stehen – und damit die deutsche Plattenindustrie im Alleingang zu retten. Dann meldet der Musikmarkt auch noch, daß diese Frau einen ganz neuen […]

Diesen Beitrag kommentieren: