Ohne Ecken und Kanten

Von Lukas Heinser, 30. November 2007 19:24

Ich mag Musik, wirklich. Ich mag Musik so sehr, dass ich jedes Jahr ein Heidengeld für Tonträger und Konzerte ausgebe. Gerne würde ich den Musikern das Geld, das sie meiner Meinung nach dafür verdient haben, dass sie schöne wie traurige Momente meines Lebens untermalen, selbst in die Hand drücken. Aber zwischen die Musiker und mich hat irgendjemand die Musikindustrie gesetzt.

Die Musikindustrie mag die Menschen, von denen sie ihr Geld bekommt und die man anderswo „Kunden“ nennt, nicht so sehr. Sie kriminalisiert sie, sie will sie ausspionieren und sie will ihre Wohnungen verschandeln.

CD-Hülle (hinten), merkwürdiges Teil (vorne)

Im vergangenen Jahr kamen EMI und Universal in Europa auf die absurde Idee, Tonträger nicht mehr wie bisher in diesen eckigen Plastikhüllen, den sogenannten Jewel Cases, auszuliefern, sondern dafür Hüllen mit abgerundeten Ecken zu nehmen, die Super Jewel Boxes. Diese sollen angeblich stabiler sein, haben aber den Nachteil, dass man nicht vernünftig an das Booklet herankommt, dass man die Hüllen nicht so leicht ersetzen kann, wenn sie doch mal kaputt gehen, und dass sie vor allem ziemlich dämlich aussehen.

Im Regal wird die durchgehende Kante, die alle nebeneinander stehenden CD-Hüllen sonst bildeten, plötzlich unschön unterbrochen von den neuen Hüllen, die mit ihren Rundungen aussehen wie Kinderspielzeug für Dreijährige.

Das war mir bisher alles relativ egal, denn bei CD Wow kann man die internationalen Versionen der CDs kaufen. Zu Zeiten des sogenannten Kopierschutzes, der auf meinen Geräten immer ein Abspielschutz war, bekam man dort echte CDs, die man sogar hören konnte, später dann weiterhin CDs in eckigen Hüllen. „Bekam“, denn heute kam die erste Lieferung von CD Wow mit runden Ecken.

Oasis 1997 (eckig, hinten), Rihanna 2007 (abgerundet, vorne)

Wo Sie grad „Don’t judge a book by its cover“ sagen: Auch auf dem Buchmarkt gibt es schlechte Nachrichten. Nachdem man uns jahrelang mit extrem edlen, matten Taschenbuchcovern beglückt hatte, schwenken nun die ersten Verlage wieder zu den extrem billig aussehenden, Fingerabdruckfreundlichen Einbänden in Hochglanzoptik zurück.

In was für einer Welt leben wir eigentlich, wo schon die Mitarbeiter der Kulturindustrie jedwedes ästhetisches Gespür vermissen lassen?????ß

6 Kommentare

  1. juliaL49
    1. Dezember 2007, 10:44

    Wieder mal ein aufrüttelnder Beitrag :-)

    Aber ich finde die runden Kanten ganz ok (vielleicht habe ich mich zu viel auf CSS-Seiten im Internet rumgetrieben….).

    Viel schlimmer finde ich die Super-Sonder-Editionen aus Pappe. Das sind dann zwar immer echte Sahnestückchen bzgl. des CD-Inhalts, aber das Format ist ganz anders! Die sind nämlich höher und nicht so tief! DAS sieht doof im CD-Regal aus!!
    Vorteil: die zerkratzen nicht so leicht.

  2. vib
    1. Dezember 2007, 15:06

    Mich nerven vor allem die Preisschilder, denn die kriegt man immer nur mit Hilfsmitteln ab, wenn sie da länger als ein paar Tage kleben!

  3. OliverDing
    1. Dezember 2007, 17:36

    Sollten die Preisschilder auf der Plastikhülle pappen, bekommt man den klebrigen Rest mit Lampenöl weggewischt. Auf Papphüllen nützt das leider nichts.

    HTH

  4. wonko
    2. Dezember 2007, 0:11

    Nein, CDs sind schon als Format ein Blödgeburt. Da ist es auch egal, wa ssie da noch anstellen, um die paar Quadratzentimeter anders zu bemassen. Wie schön ist doch dagegen Vinyl: Immer gleiches Kantenmass, schön plakativ in der Gesamtgrösse und ein paar davon nebeneinander sind immer ein sehr angenehmer Wandschmuck

    ;-)

  5. Fragen kostet ja nix
    3. Dezember 2007, 15:57

    Ich muss nochmal fragen: Was ist so schlimm an der Musikindustrie (abgesehen von der Erfindung abgerundeter CD-Hüllen)? Jemanden, der illegal Musik aus dem Netz zieht, muss man nicht kriminalisieren: Er beght ja bereits eine Straftat.
    Bitte versteht das nicht falsch: Ich habe mit der Branche nix am Hut, vielleicht machen die ja auch wirklich viel Scheiß, ich kenne mich da w irklich nicht aus. Mein Eindruck ist bisher aber, dass viele Kritiker zu weit gehen – oder zu schlecht argumentieren.
    Nur, weil es möglich ist, Musik kostenlos runterzuladen, ist es noch lange nicht verwerflich, wenn der Rechte-Inhaber dieser Musik trotzdem gerne Geld sehen würde dafür.
    Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass der miese Ruf, den die Branche bei manchen Musikfans hat, nur damit begründet wird, dass die ihren Kram nicht freiwillig herschenken – mir reicht das nicht als Argument, um die Firmen so abzulehnen.
    Das mit der Vorratsdatenspeicherung ist natürlich heftig. Aber: Letztlich sorgen politische Entscheider dafür, ob die Musikindustrie an diese Daten kommt, oder nicht. Und außerdem standen die Firmen auch schon vor dem Bekanntwerden der Vorratsdatenspeicherung in der Kritik. Also nochmal: Was ist so schlimm an der Branche? Ich meine das ganz ernst als Frage, nicht als Meinungsäußerung.

  6. Lukas
    3. Dezember 2007, 17:51

    @Fragen kostet ja nix: Da ist zum Beispiel die erwähnte Nummer mit dem Kopierschutz, bei dem ja exakt die Leute bestraft wurden, die die CDs tatsächlich gekauft haben – und die Musiker, die sich das laute Geschrei ihrer verärgerten Fans anhören mussten.
    Da sind so hilflose Aktionen wie die Idee, eine CD ohne Booklet für 9,99 Euro zu verkaufen, in der Hoffnung, sie würde dann nicht so häufig gebrannt oder heruntergeladen.
    Da sind Stellungnahmen, bei denen verkaufte CD-Rohlinge gegen eigene Verluste aufgerechnet werden und verkannt wird, dass man Rohlinge auch für andere Sachen als zum „Raubkopieren“ nutzen kann und dass sich das Konsumverhalten einfach weg von CDs und hin zu DVDs, MP3s oder Klingeltönen verschoben hat.

    Seit fast einem Jahrzehnt versucht die Musikindustrie in einer Mischung aus Wahn und Aktionismus einer Situation Herr zu werden, die sie nicht zu verstehen scheint und niemals rückgängig wird machen können. Und ich habe dabei nicht das Gefühl, dass es ihr dabei primär um das Wohl der Künstler ginge, denn ansonsten hätte sich die Musikindustrie mit der Macht, die sich ja anscheinend hat, bestimmt schon für neue Ansätze in der Verwertung eingesetzt, die über den Verkauf der Musikerseele an die GEMA hinausgehen.