Kein Wellenreiten in der Gruft

Von Lukas Heinser, 1. Dezember 2007 14:51

Es gibt Tage, an denen fühle ich mich sehr alt. Zum Beispiel, wenn es bei „Yesterday“ auf WDR 2 um die 90er Jahre geht oder wenn ich auf die Frage nach der Uhrzeit mit „Viertel vor Nesquik“ antworte und mich die jungen, schönen Menschen um mich herum fassungslos anstarren. Oder wenn ich denke, dass ich eigentlich nicht mehr auf Rockkonzerte gehen sollte.

Gestern veranstaltete das Musikmagazin „Visions“ eine seiner „Visions Partys“ (nur echt ohne Bindestrich und mit falschem Plural), die früher einmal im Monat im Dortmunder „Sabotage“ stattfanden, inzwischen aber an jedem Wochenende in jeder deutschen Stadt, die nicht Gräfentonna oder Dinslaken ist. Im „Sabotage“ indes finden sie nicht mehr statt, der Laden wurde (mutmaßlich wegen feuerpolizeilicher Mängel) geschlossen.

Da ich Nada Surf sehr mag und spannende Konzerte in Bochum auch nicht gerade an der Tagesordnung sind, schleppte ich mich zur gestrigen Party mit eben jenen Nada Surf, Minus The Bear und Escapado – auch wenn sie in der „Matrix“ in Langendreer stattfand. Die Matrix ist eine völlig unübersichtliche Gothic-Großraumdisco1 unter der Erde und der mit Abstand schlechteste Ort für Konzertveranstaltungen, den ich kenne. Die eigentliche Konzerthalle liegt am Ende eines langen Labyrinthartigen Raumverbundes, ist schlauchförmig und zeichnet sich vor allem durch große Hitze und Luftarmut aus. Schon bevor Escapado anfingen, hatte ich eigentlich keinen Bock mehr.

Escapado machen Hardcore mit deutschen Texten, von denen man live leider nicht allzu viel mitbekommt, weil sich die Konzepte „Hardcore“ und „Texte verstehen“ irgendwie ausschließen. Da fiel mir auch wieder ein, dass ich deren aktuelles Album „Initiale“ noch irgendwo ungehört rumfliegen habe, was ich dringend ändern sollte, denn schlecht fand ich die Band nicht, obwohl Hardcore (oder „Lärm“, wie mein Vater sagen würde) nicht unbedingt meine Musik ist. Wer wie ich gedacht hatte, Hardcore-Konzerte müsse man sich aus sicherer Entfernung vom Hallenende aus ansehen, wurde gestern allerdings enttäuscht: die Masse ließ sich nicht bewegen. Wenigstens war der Sound in der Halle nicht so schlecht wie bei meinem letzten Besuch dort.

Minus The Bear machten netten Indierock, aber die Bedingungen in der Halle und mein Rücken (Alter, s.o.) sorgten dafür, dass ich mich lieber mit ein paar Freunden an eine der Bars zurückzog, wo man sich allerdings auch nicht unterhalten konnte, weil dort die vorhersehbarsten Indiehits der letzten 25 Jahre sehr laut liefen.

Nada Surf wollte ich mir eigentlich aus der Nähe ansehen, aber meine Klaustrophobie und Abneigung gegenüber großen Menschenmassen verstärkt sich noch, wenn diese Menschenmasse an der linken und der rechten Seite von massiven Backsteinwänden eingeschlossen ist. Ich sollte mehr in Jazzclubs gehen. Mein ganzer Hass auf den Laden, den ich schließlich auf die Liste „Orte, an denen Ben Folds spielen könnte, und wo ich trotzdem nie mehr hingehen würde“ setzte2, verflog aber mit den ersten Takten von „Happy Kid“.

Die drei New Yorker zeigten sichtliche Spielfreude Man merkte, dass die Band Spaß hatte, mal wieder in Deutschland zu spielen. Die meisten Stücke waren einen Tacken schneller und rockiger als sonst, Matthew Caws und Ira Elliot quakten zwischen den Songs munter durcheinander und es gab mit „I Like What You Say“ (eigentlich vom „John Tucker Must Die“-Soundtrack) und „Whose Authority“ auch noch zwei Songs aus ihrem neuen Album „Lucky“, das im Februar 2008 erscheinen soll. Schließlich spielten sie auf besonderen Wunsch eines Label-Mitarbeiters (und sicher nicht zum Missfallen des Publikums) ihren versehentlichen Hit „Popular“ und an dieser Stelle hätte die Menge auch gekocht, wenn das Konzert irgendwo im Packeis und nicht in diesem Steinofen stattgefunden hätte. Wie Matthew Caws den Text in den Strophen so schnell sprechen kann, werde ich allerdings nie verstehen.

Heute spielen Nada Surf übrigens in Bielefeld. Sie ahnen nie, welche Band noch dabei ist …

  1. Nur alternative Reggae-Kulturzentren laufen noch weniger Gefahr, von mir besucht zu werden. []
  2. Falls es Sie interessiert: Auf der Liste stand bisher nur das Immergut-Festival in Neustrelitz. []

Ein Kommentar

  1. Jörg Friedrich
    3. Dezember 2007, 8:47

    Dass man alt wird merkt man nicht so sehr an den von dir beschriebenen Indizien, sondern daran, dass kleine Veränderungen an gewohnten Gegenständen (wie z.B.runde Ecken von CD-Verpackungen) einen plötzlich sehr aufregen ;-)