Hier könnte Ihre Metropole stehen

Von Lukas Heinser, 27. Februar 2008 18:36

Nördliches Ruhrgebiet von der Zeche Zollverein aus

Ich mag das Ruhrgebiet, wirklich. Ich lebe gerne hier und finde vieles in einem konventionellen, gar nicht ironischen Sinne „schön“. Neben ein paar kleineren Macken, die man in jeder Gegend finden könnte, hat das Ruhrgebiet aber ein paar eklatante Probleme, die existenzbedrohend sein können.

Damit meine ich noch nicht mal „DerWesten“, das lange und groß angekündigte, in der Umsetzung aber desaströse Online-Portal der WAZ. Zwar bin ich der Meinung, dass sich die WAZ-Gruppe vielleicht erst mal auf ihre Kernkompetenzen besinnen (bzw. solche aufbauen) sollte, bevor man sich an Konzertagenturen beteiligen will, und auch über die geplante Kooperation mit dem WDR werde ich mich zu gegebener Zeit sicherlich noch aufregen, „DerWesten“ selbst habe ich aber völlig abgeschrieben und will mich am Einprügeln auf derart weiche Ziele auch nicht mehr beteiligen.

Reden wir lieber vom Ruhrgebiet selbst: Bei ruhrbarone.de gibt es einen sehr lesenswerten Artikel über das Image-Problem des Ruhrgebiets, das unter anderem auch daraus resultiert, dass die größte Metropolregion Deutschlands (und fünftgrößte Europas – allerdings mit Köln und Düsseldorf) nach wie vor als unübersichtliches Wirrwarr von 56 Städten und Kreisen wahrgenommen wird und sich tragischerweise auch noch selbst so wahrnimmt.

Im Ruhrgebiet leben 5,2 Millionen Menschen – aufgeteilt in drei Regierungsbezirke, von denen der eine nach einer Kleinstadt im Sauerland benannt ist, zwei Landschaftsverbände, vier Kreise, elf kreisfreie Städte, mindestens drei WDR-Landesstudios und ungezählte Nahverkehrsunternehmen. Der Regionalverband Ruhr (RVR) soll das ganze halbwegs zusammenhalten – wenn nicht gerade die nicht ganz unbedeutende Stadt Dortmund aussteigen und lieber Hauptstadt der westfälischen Provinz als Teil einer Metropole sein oder der Kreis Wesel lieber niederrheinische Provinz als grüne Lunge der Region sein will. Die SPD, die es in gefühlten hundert Jahren in der NRW-Landesregierung nicht geschafft hat, das Ruhrgebiet zusammenzubringen, will den RVR gar gleich ganz auflösen.

Fragt man Menschen aus Brandenburg nach ihrer Herkunft, werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit „Berlin“ antworten. Wer im Umkreis von etwa hundert Meilen um Städte wie New York, Chicago oder Los Angeles lebt, wird sich als Einwohner dieser (zugegebenermaßen extrem namhaften) Metropolen fühlen. Im Ruhrgebiet leben Menschen, die darauf bestehen, aus einem seit 33 Jahren unselbständigen Stadtteil Bochums zu kommen, und ein lautes Wehklagen anstimmen, wenn sich das irgendwann auch mal in der Bahnhofsbeschilderung niederschlagen soll. Kein Wunder, dass im Ausland noch nie jemand vom Ruhrgebiet gehört hat und man immer „I live near Cologne“ sagen muss. Köln hat außer seinem wunderbaren Dom keinen Grund, in der Welt bekannt zu sein – im Ruhrgebiet gibt es wenigstens Bier und fünf Mal so viele Leute.

Schafft es das Ruhrgebiet in die Nachrichten, sind gerade wieder ein paar Tausend Arbeitsplätze in Gefahr oder weggefallen und irgendein Oberbürgermeister, den nicht mal die Einwohner der Nachbarstadt kennen, spricht von einem „schweren Schlag“ für seine Stadt und die dortige Wirtschaft. Wahrlich beeindruckend ist die Solidarität unter den Menschen hier: Da wird man als Besucher des Bochumer Schauspielhauses gebeten, Protestpostkarten an die Nokia-Führung in Finnland auszufüllen, und die allermeisten machen das einfach. Zu Demonstrationen am Nokia-Werk kommen tausende Leute mit unterschiedlichsten Berufen und sozialen Hintergründen, aber es klappt nicht, diese „Wir schaffen das!“-Stimmung über die Medien zu transportieren – dort heißt es dann, eine ganze Stadt stehe am Abgrund. Überhaupt: Wie wirkt denn das, wenn von „Nokianern“ oder „Opelanern“ die Rede ist, ganz so, als ginge es um außerirdische Lebensformen oder schlimme Krankheiten? Entlassene Simens-Mitarbeiter heißen doch auch „Siemens-Mitarbeiter“.

Zwar werden regelmäßig neue Forschungszentren, Industrieparks und ähnliches eröffnet (und manchmal auch wieder geschlossen), aber das wird selbst in der regionalen Presse immer unter einem Rubrum wie „IT statt Kohle“ aufgeführt, ganz so, als liefen hier immer noch alle mit schwarz verschmierten Gesichtern durch staubige Straßen und würden gerade ihre erste elektrische Schreibmaschine anschließen. Fast scheint es, als wolle man den gerade stattfindenden Strukturwandel verschweigen, weil es immer noch besser ist, der „Kohlenpott“ zu sein als so ein eigenschaftsloser Wachstumsraum wie Halle/Leipzig.

Dafür wird das Ruhrgebiet ja europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2010, mag man jetzt denken. Die Hoffnungen, dass von dieser Veranstaltung irgendein positiver Impuls ausgehen könnte, habe ich allerdings so gut wie begraben. Zwar ist es in Deutschland guter Brauch, alles im Vorhinein scheiße zu finden und es hinterher zu bejubeln (Weltausstellungen, Fußballweltmeisterschaften, Die Linke), aber in diesem Fall deutet vieles darauf hin, dass die „Ruhr.2010“ in der Tat ein Desaster ungeahnten Ausmaßes werden könnte. Djure hat bei blog.50hz.de viel über den sog. Logostreit, den Slogan und die Finanzierung geschrieben und sich trotz optimistischer Ausgangshaltung inzwischen zur Forderung „Absagen, einfach absagen …“ hochgearbeitet.

Wie gesagt: Ich mag das Ruhrgebiet. Aber ich habe das Gefühl, die Leute, die in dieser Region etwas zu sagen haben, hassen die Idee dahinter. Und die Leute, die hier leben, merken gar nicht, dass sie im Ruhrgebiet leben.

Universitätsstraße in Bochum

17 Kommentare

  1. Michael
    27. Februar 2008, 19:11

    das ist lustig: gerade habe ich im neuen Rolling Stone die Konzerttermine gecheckt (Beispiel: R.E.M. – Dresden, Berlin, Stuttgart, St. Goarshausen, Würzburg) und mich gefragt, wie das wohl kommt, dass sich so selten mal eine Band ins Ruhrgebiet, sagen wir nach Dortmund, wagt.

  2. Lukas
    27. Februar 2008, 19:24

    R.E.M. hätten vor sieben, acht Jahren im Georg-Melches-Stadion in Essen spielen sollen. Weil nicht genug Karten weggingen, wurde das Konzert in die Arena Oberhausen verlegt. Wer einmal da spielen musste, wird die ganze Region meiden.

  3. vib
    27. Februar 2008, 22:55

    Nun ja, ich komme auch aus dem Ruhrgebiet (MH) und hab ähnliches auch schon festgestellt. Ich hab das aber nie als Problem empfunden, denn gerade das Understatement macht das Ruhrgebiet so sympathisch. Und irgendwie liebe ich es, Leute zu korrigieren, die keinen Plan haben und denken, Düsseldorf oder Leverkusen oder Mönchengladbach (!) wären Ruhrgebiet ;) Ach ja: Früher waren die Westfalenhallen (Mehrzahl) ein Mekka der Konzertszene. Ebenso wie die Grugahalle. Aber ich glaube, das ist seit Ende der 80er vorbei…

  4. Zapp
    27. Februar 2008, 23:32

    Oh ja, das “I live near Cologne” kenn‘ ich nur zu gut und es stösst mir immer sauer auf, wenn ich es von mir geben muss. Und wenn ich dann noch erklären muss, dass ich mit dem kölschen Karneval so gar nichts anfangen kann…

  5. SvenR
    28. Februar 2008, 9:35

    Ach, ich liebe Lokalpatriotismus.

    Wenn es Sie tröstet, ich sage auch immer, dass ich aus Frankfurt (frei nach Grönemeyer: „Denn wer wohnt schon im Kreis Offenbach…?“ – immerhin arbeiten meine Frau und ich wenigstens in Frankfurt) komme, und so wie ich das sage, weiß jeder, dass ich das am Main meine. Das kennt wenigstens jeder. Warum weiß ich aber eigentlich auch nicht. Wahrscheinlich der Flughafen.

    Meine Kollegen aus London, die ich mal mit nach Hause nehme, um sie von den ewig-gleichen Business-Hotels und Fusion-Food-Restaurants zu erlösen, sind immer ganz verwundert, dass ich nicht in Frankfurt wohne, und trotzdem in 25 Minuten nach Hause komme. Sie müssen anderthalb Stunden „commuten“ und sind dann immer noch in London…

  6. Onkel Peppy
    28. Februar 2008, 12:11

    Ich bin einfach nach Köln gezogen, damit ich das near weglassen kann.

  7. Marsellinho
    28. Februar 2008, 17:15

    Tztztz. Immer diese unverhohlene Köln-Antipathie, die du hier verstärkt an den Tag legst…

    Ansonsten aber ein sehr interessanter Text, dessen These ich als Nicht-Pottler (sondern eben Kölner) durchaus auch so wahrnehme, wenn man sich mit Ruhrgebietsbewohnern unterhält.

    Wobei in Sachen Umkreis-Identifikation Köln schon eine sehr außergewöhnliche Rolle einnimmt. Sowohl nach Westen als auch nach Osten kann man locker jeweils 50km ins „Hinterland“ und dennoch fühlen sich die Leute dort mit Köln stark verbunden. Auch in Richtung Süden ist das halbwegs ähnlich, wenngleich man sich da mit Bonn ein bisschen ins Gehege kommt (wenn auch eher im Sinne von „Bonn ist doch auch ein bisschen die hübschere Ecke von Köln).
    Nur in Richtung Norden beginnt schon recht bald eine klare Abgrenzung – entweder Köln oder das Dorf an der Düssel.

  8. Lukas
    28. Februar 2008, 20:29

    Diese ständige Abgrenzung zwischen Köln und Düsseldorf ist doch auch nur eine ausgelutschte PR-Nummer, oder?

    Als Niederrheiner bzw. Ruhrgebietler (Es gibt nicht mal ein richtiges Wort für uns!!!!1) erkenne ich überhaupt keinen Unterschied zwischen den beiden Bierfreien Großstädten in NRW.

  9. Marsellinho
    2. März 2008, 16:50

    Natürlich ist das Ganze wie jede Städterivalität mitterweile zu so etwas wie „lokalem Brauchtum“ geworden. Würde sicherlich etwas anders ausschauen, wenn man fußballerisch halbwegs durchgängig in derselben Liga spielen würde (wie z.B. Schalke/Dortmund o.ä.), aber so ist es sicherlich eher oftmals eine „Neckerei“, die kultiviert wird.

    Wobei ich das persönlich nochmal anders sehe, nachdem eine Ex aus Düsseldorf kommt. =) Aber andere Geschichte.

    Und das Bier aus Düsseldorf ist wirklich schlechter als unseres! (und JA, es ist Bier, auch wenn die Gläser klein sind…)

  10. Christian
    3. März 2008, 1:25

    Interessant finde ich den Bezug zu Köln in diesem Bericht gleich aus zweierlei Hinsicht: Zum einen, weil Köln ja nun wirklich ein Stück weg ist vom Ruhrgebiet, da hat es mich schon häufiger gewundert, wenn ich das von Menschen hörte mit dem „i live near…“. Zum anderen, weil Köln genau das hat, was im Bericht bemängelt wird: Identität bzw. einen (fast übertriebenen) Lokalpatriosmus, der interessanterweise tatsächlich noch über die Stadtgrenze hinweg ausstrahlt (insbesondere auf der Ost-West-Achse (Bergheim, Gummersbach…).

  11. Lukas
    3. März 2008, 13:44

    Zum einen, weil Köln ja nun wirklich ein Stück weg ist vom Ruhrgebiet

    Aber doch nicht, wenn man einem Amerikaner die Lage des Ruhrgebiets zu erklären versucht: die kennen in der Regel Heidelberg (weil Verwandte in der Gegend stationiert waren), München, Hamburg und Berlin (weil große Städte), Frankfurt (wegen des Flughafens), Dresden (weil angeblich sehr schön – im Gegensatz zu meinen amerikanischen Bekannten war ich selbst noch nie dort) und eben Köln (weil wegen Dom).

    Nun weiß ich nicht, wie viele Deutsche mit dem Städtenamen Detroit allzuviel anzufangen wüssten, aber ein wenig seltsam finde ich es schon, dass das ehemals bedeutendste Industriegebiet Deutschlands derart unbekannt ist.

  12. destiny clontz
    4. März 2008, 0:51

    ^Pittsburgh in den USA oder Sheffield in GB, um mal ähnlich industrielle Gegenden als Beispiel zu nennen, sind doch auch eher unbekannt und wirden von den wenigsten Deutschen auf der Landkarte gefunden. Das sind halt Gegenden, die Allgemein als „nicht schön“ angesehen werden und keine Landestypischen Besonderheiten aufweisen können.
    Industriegebiete haben halt selten einen touristischen Marktwert.

  13. ruhrpottjunge
    4. März 2008, 7:25

    Was hat die hier kritisierte Außendarstellung des Ruhrgebiets mit der Vorliebe für kleine räumliche Bezugseinheiten zu tun? Wer eher Wattenscheider ist eals Bochumer, eher Höntroper als Wattenscheider (…), der verschließt sich der größeren Idee der „Ruhrstadt“? Sind wir nicht eh alle „Europäer“ oder gar „Weltbürger“?

    Zu große Bezugsräume sind nicht identitätstiftend, weil sie nichts „zum Festhalten“ bieten. Das ist im Ruhrgebiet nicht anders als in Köln (mit seinen viel besungenen Veedeln).

    Das Versagen einiger Marketing-Wichtigschwätzer beim Marketing für einer per se künstliche und für den Normalbürger gänzlich uninteressante Veranstaltungsreihe fast als Versagen einer Region darzustellen, ist grober Unfug.

  14. ruhrpottjunge
    4. März 2008, 7:27

    Kleine Ergänzung:

    Was stört es mich, wenn irgendwelche Amerikaner mit meiner Heimat nichts anfangen können? Vielleicht ist mir das sogar lieber. Ich lasse die lieber dumm sterben, als dass mir ein „near Cologne“ über die Lippen käme. Gegen Lippenherpes gibt es so wenig, das wirklich hilft.

  15. Coffee And TV
    8. März 2008, 16:32

    Scheiße zum Quadrat…

    Aus Düsseldorf kommt nichts Gutes: Studiengebühren, Alt-”Bier” und die Toten Hosen, zum Beispiel. Oder der neue Slogan fürs Ruhrgebiet, den sich die Werbeagentur Grey entweder aus Unkenntnis oder reiner Verachtung für die dort lebenden …

  16. Coffee And TV: » Oslog (6)
    24. Februar 2009, 15:12

    […] daran war jeder einzelne Gedanke, der mich von Schottland weg und in meine Heimatregion Ruhrgebiet führte, wo jede Stadt mit viel Lust versucht, sich von ihren Nachbarstädten abzugrenzen — […]

  17. Coffee And TV: » Woanders is’ auch scheiße
    30. Januar 2012, 2:00

    […] führt dazu, dass sich im fünftgrößten Ballungsraum Europas niemand zuhause fühlt. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht erst ganz langsam, Jahrzehnte nach der Blütezeit der Ruhrindustrie und auch recht […]