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Neuer iPod schon lange bekannt

Das hier ist seit Mona­ten auf Pla­ka­ten der Boges­tra zu sehen:

Der neue iPod "Verryloud" Hier nicht! Essen, Trinken und lautes Musikhören verboten!

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Alle Räder stehen still

Gewerkschafter in San Francisco, CA

Heu­te brau­che ich die Woh­nung nicht zu ver­las­sen, denn im Bochu­mer ÖPNV sieht es aus, als wären Weih­nach­ten, das Fuß­ball-WM-Fina­le Deutsch­land – Hol­land, ein Schnee­sturm, ein Strom­aus­fall und eine Son­nen­fins­ter­nis auf einen Tag gefal­len: Nichts geht mehr.

Glück­li­cher­wei­se muss ich heu­te weder zur Uni noch mit irgend­wel­chen tol­len Frau­en in noch tol­le­re Kino­fil­me, denn sonst wäre ich SEHR, SEHR ANGEKOTZT. Mei­ne Soli­da­ri­tät und mein Mit­ge­fühl wer­den näm­lich nicht in einer Wäh­rung erkauft, die „mir auf die Ner­ven gehen“ heißt. ((Größ­te Sym­pa­thien kann erwar­ten, wer mich in Frie­den lässt. Die Welt­po­li­tik soll­te mei­nem Bei­spiel fol­gen.))

Strei­ken tun Ver.di und Kom­ba, was nicht etwa lus­ti­ge Figu­ren aus lehr­rei­chen Seri­en beim KiKa sind, son­dern Gewerk­schaf­ten. Gewerk­schaf­ten, das weiß ich seit mei­nem ach­ten Lebens­jahr, sind böse: Sie wer­den geführt von Men­schen, die so lus­ti­ge Namen wie Moni­ka Wulf-Mathies oder Frank Bsir­s­ke tra­gen, und wenn sie mal schlecht gelaunt sind, wird der Müll wochen­lang nicht abge­holt und es lau­fen Rat­ten über den Schul­hof. Am 1. Mai, wenn nor­ma­le Men­schen aus­schla­fen, lau­fen sie mit selbst­ge­mal­ten Trans­pa­ren­ten durch die Stra­ßen und wol­len Geld.

War­um die Gewerk­schaf­ten das dies­mal wol­len, war mir bis ges­tern nicht so ganz klar. Jens muss­te es mir bei der pl0gbar erklä­ren und war so freund­lich, die­se Erklä­rung gleich auch noch mal bei sich zu blog­gen. Von Sei­ten der Gewerk­schaf­ten hat­te ich bis­her nur einen Zet­tel in der U‑Bahn gese­hen, auf dem stand, dass man als allein­ste­hen­der Stra­ßen­bahn­fah­rer zum Berufs­ein­stieg einen Hun­ger­lohn von 1.200 Euro net­to bekom­me, was für mich jetzt irgend­wie nicht all­zu dra­ma­tisch klang. Auch der Web­site von Ver.di oder die­ser Kam­pa­gnen­sei­te konn­te ich allen­falls ent­neh­men, dass die Gewerk­schaf­ter mehr Geld wol­len. Das will aber jeder, wes­we­gen ich ein paar klei­ne Erklä­run­gen ganz töf­te gefun­den hät­te.

Des­halb for­de­re ich: PR-Bera­ter in die Gewerk­schaf­ten!

Was ein Müll­mann, ein Bus­fah­rer, eine Biblio­the­ka­rin macht, weiß ich selbst – ich möch­te wis­sen, war­um sie mehr Geld wol­len – und da fin­de ich „Weil sie in den letz­ten Jah­ren immer weni­ger Geld gekriegt haben“, schon eine ziem­lich nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung. Ich wet­te nur, wenn man heu­te Mor­gen ein­hun­dert ent­nerv­te Pend­ler befragt hät­te: „Nen­nen Sie einen Grund, war­um Sie heu­te nicht zur Arbeit gefah­ren wer­den!“, wäre „Real­lohn­ver­lus­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren“ nicht die Top-Ant­wort gewe­sen.

Locker ver­teil­te Warn­streiks sind nur ärger­lich: Wenn Mon­tags die Kin­der­gärt­ne­rin­nen strei­ken, Diens­tags die Bus­fah­rer und Mitt­wochs die Müll­ab­fuhr, hat die Bevöl­ke­rung jeden Tag einen Grund sich zu ärgern und total unso­li­da­risch drauf zu sein. Wie wäre es denn mal mit einem ordent­li­chen, alles läh­men­den Gene­ral­streik? Man müss­te sich kei­ne Gedan­ken mehr machen, wer die Kin­der ver­sorgt und wie man zur Arbeit kommt, man könn­te mit den Klei­nen gemüt­lich zuhau­se sit­zen, Kakao trin­ken und ihnen die Rat­ten in den Müll­ber­gen im Vor­gar­ten zei­gen. Frank­reich und Ita­li­en sind berühmt für ihre Gene­ral­streiks und die Deut­schen sind doch sonst immer so ver­narrt in Mer­lot, Lat­te Mat­s­ch­ia­to und Brusket­ta, war­um nicht mal einen schi­cken Gene­ral­streik impor­tie­ren? Danach wüss­ten alle, wo über­all Men­schen arbei­ten, die mehr Geld ver­dient hät­ten, ((Ist es nicht völ­lig bizarr, dass man in der deut­schen Spra­che weni­ger Geld ver­die­nen kann als man ver­dient hät­te?)) und es wäre ein biss­chen wie Urlaub mit­ten im Jahr. Die Stra­ßen wären nicht ver­stopft (auch Gewerk­schaf­ten soll­ten sich dem Umwelt­schutz nicht ver­schlie­ßen) und alle wür­den ein­an­der mögen und toll fin­den.

Statt­des­sen: In Müll­tü­ten geklei­de­te Schnauz­bart­trä­ger, die hin­ter einem bren­nen­den Fass ste­hen und in Tril­ler­pfei­fen bla­sen. So zwan­zigs­tes Jahr­hun­dert, so SPD, so nicht 2.0.

Natür­lich kann es sein, dass dies ein über­kom­me­nes Kli­schee ist oder in Gewerk­schafts­krei­sen als Folk­lo­re im Sin­ne von Kar­ne­val, Fuß­ball oder Volks­mu­sik gilt, aber es ist immer noch das bestim­men­de Bild in den Medi­en. Was letzt­lich auch dar­an lie­gen könn­te, dass Medi­en­kon­zer­ne letzt­lich auch in Gewerk­schaf­ten orga­ni­sier­te Ange­stell­te haben, und des­halb wenig Wert dar­auf legen, dass Strei­ken­de sym­pa­thisch rüber­kom­men.

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Ein Wochenstart nach Maß

Die gute Nach­richt des Tages: Deutsch­land ist dem Unter­gang geweiht. Schon in weni­gen Jah­ren wird es in die­sem Land kei­ne intel­lek­tu­el­le Eli­te mehr geben. Wie ich dar­auf kom­me? Nun, wenn nicht ein­mal die Stu­den­ten einer Bei­na­he-Eli­te-Uni über ein­fachs­te geis­ti­ge Fähig­kei­ten ver­fü­gen, kann das mit dem Bil­dungs­bür­ger­tum ja nichts mehr wer­den.

Heu­te mor­gen habe ich über 30 Minu­ten an der Stadt­bahn-Hal­te­stel­le ver­bracht. Alle Züge, die ein­fuh­ren und mich zur Uni­ver­si­tät (zwei Stopps ent­fernt) hät­ten brin­gen sol­len, waren voll. Nein, Ver­zei­hung: „voll“. Denn das pen­deln­de Pack, das am Haupt­bahn­hof in die Stadt­bahn ein­steigt, pos­tiert sich immer so vor den Türen, dass ein Ein­stieg im wei­te­ren Stre­cken­ver­lauf unmög­lich ist. Dabei wäre in den Zügen durch­aus noch Platz, wenn die Men­schen beim Ein­stei­gen nur mal den gesam­ten Raum aus­nut­zen wür­den. Die Angst, dann an der Uni nicht aus­stei­gen zu kön­nen, ist voll­kom­men unbe­grün­det: um Vier­tel vor zehn fah­ren nur Stu­den­ten Bahn.

Natür­lich trägt der ört­li­che Nah­ver­kehrs­an­bie­ter eine Mit­schuld an der Mise­re, denn sei­ne Züge mit Vie­rer­sitz­grup­pen mögen außer­halb der Stoß­zei­ten gemüt­lich sein, zur rush hour aller­dings wären Wagen mit Bän­ken an den Außen­wän­den, wie man sie teil­wei­se in Ber­lin fin­det, hilf­rei­cher. Die Men­schen hät­ten von vor­ne­her­ein kei­ne Abstands­zo­nen um sich her­um und wür­den sich viel bereit­wil­li­ger anein­an­der­drän­geln.

Als ich es schließ­lich in den fünf­ten ein­fah­ren­den Zug schaff­te, kreis­ten mei­ne Gedan­ken bereits um qual­men­de Zug­trüm­mer und „Ame­ri­can Psycho“. Dann wur­de ich mit häss­li­chen Men­schen, die bil­li­ge Jacken tru­gen und viel zu laut schlech­te Musik hör­ten, in eine Stadt­bahn gesperrt. Zwei Ischen, die mehr Stuck im Gesicht hat­ten als man für die Decken­sa­nie­rung einer Jugend­stil­vil­la bräuch­te, stan­den allei­ne im Mit­tel­gang. Eine jede von ihnen hät­te genug Raum gehabt, auf dem Fuß­bo­den ein vik­to­ria­ni­sches Pick­nick zu ver­an­stal­ten. In den Frei­raum drän­geln konn­te ich mich frei­lich nicht, dafür war der Pfrop­fen dum­mer Men­schen, der den Ein­gangs­be­reich ver­stopf­te, zu dicht. Ich beschloss, mich näher mit den Leh­ren des Zen zu beschäf­ti­gen und merk­te, wie mein Geist mei­nen Kör­per ver­ließ.

Als die Bahn an der Uni-Hal­te­stel­le ein­fuhr, stieg er als ers­tes aus und stapf­te mit dump­fem Schritt die Trep­pen hin­auf. Sein Unter­kie­fer schob sich mah­lend nach vor­ne und aus sei­nen Nasen­lö­chern stie­gen klei­ne Rauch­wölk­chen. Sei­ne Arme hat­te er ange­spannt, sei­ne Schul­tern wirk­ten dop­pelt so breit wie sonst. Der eis­kal­te Wind trieb ihm Trä­nen in die zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen, aber er stapf­te unauf­hör­lich wei­ter. Jeder, der sich ihm in den Weg gestellt hät­te, wäre ohne wei­te­res Zutun zu Staub zer­fal­len. Mit jedem Schritt lös­ten sei­ne Füße klei­ne Druck­wel­len auf dem Pflas­ter aus, die Erschüt­te­run­gen waren noch in zwei Kilo­me­tern Tie­fe zu spü­ren. Da fing es an zu Reg­nen.

Als er das Hör­saal­zen­trum betrat, kipp­te er sei­nen Kopf zurück und ließ sei­nen Nacken kna­cken. Er atme­te tief durch. Die Vor­le­sung lief bereits seit zehn Minu­ten, der Hör­saal war halb leer. Die Stu­den­ten hat­ten alle Plät­ze am Rand der Sitz­rei­hen besetzt.