Ein Rauch von Nichts

Von Lukas Heinser, 7. November 2007 2:13

Seit Jahren versuche ich, mit dem Rauchen anzufangen, aber ich schaffe es einfach nicht. Es könnte daran liegen, dass ich weder Zigaretten noch Feuerzeuge besitze und die Momente, in denen ich irgendwo stehe und mir denke, ich müsste jetzt dringend „eine qualmen“, somit ungenutzt verstreichen.

Eigentlich will ich überhaupt nicht rauchen. Das wäre auch absurd: Meine Eltern rauchen nicht, von meinen Freunden in der Schule hat niemand geraucht und wenn die Boulevardjournalisten auf der Suche nach jemandem wären, der auch in den tiefsten Momenten der Pubertät nie auch nur einmal an einer Zigarette gezogen hat, dann wären sie bei mir an der richtigen Adresse. Aber Boulevardjournalisten sind wohl eher auf der Suche nach Kindern, die mit zwölf Jahren ihre erste Alkoholvergiftung hatten und mit 14 die Katze der Nachbarstochter getötet haben. Nachdem sie die Nachbarstochter geschwängert haben.

Jedenfalls kannte ich bis zu meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr quasi keine Raucher und hatte auch nie das Bedürfnis, selbst einer zu werden. Als unser Englischlehrer in der zehnten Klasse mehrere Stunden damit füllte, uns auf Deutsch vorzurechnen, wie viel Geld wir sparen könnten, wenn wir es nicht für Zigaretten ausgäben, sondern zur Bank brächten, interessierte mich das nicht: Mein Taschengeld ging für CDs und Musikmagazine raus, da war an Rauchwaren und Sparkonten nicht zu denken.1

Eigentlich gibt es keine Argumente für das Rauchen: Es ist die einzige Droge, die keinen Rausch verursacht, den Körper aber trotzdem schädigt; es ist jetzt noch teurer als schon zu meinen Schulzeiten und es stinkt ekelhaft. Warum habe ich also Tage, an denen ich denke, ich müsste jetzt dringend rauchen? Vielleicht, weil es immer noch als Rock’n’Roll-Geste gilt? Oder weil ich das Gefühl habe, irgendwas mit meinen Händen und Lippen tun zu müssen, und ich nicht schon wieder zum Lippenpflegestift greifen kann, weil die Umstehenden dann (nicht ganz zu Unrecht) glauben, ich sei von dem Ding körperlich abhängig?

Ich wette, ich wäre einer dieser Menschen, bei denen Rauchen auch noch gänzlich uncool aussieht. Die ersten zehn, zwölf Stangen würde ich eh in einem alten Bunker im Wald rauchen müssen, damit mich keiner beim Husten und Schleim auswürgen beobachten kann. Ich müsste meine Klamotten jeden Abend auf den Balkon hängen, müsste aber im Gegenzug nicht mehr vor dem Waschen überlegen, ob ich in den nächsten Tagen noch weggehen will, weil sowieso alle meine Kleidungsstücke ganz grauenhaft röchen. Das ist auch der Grund, weshalb ich Raucher für verantwortungsloser halte als beispielsweise Heroinjunkies: Der Junkie setzt sich in einer dunklen Ecke seinen Schuss und riecht vielleicht ungewaschen, mit einer Handvoll Rauchern im Raum riechen danach alle ungewaschen. Ein Biertrinker, der einer anderen Person versehentlich ein halbes Glas Bier übers Hemd schüttet, müsste sich danach wer-weiß-was anhören und die Reinigung bezahlen. Ein Raucher alleine ist nicht weiter schlimm, in der Gruppe verdrecken sie aber allen Leuten in ihrer Umgebung die Kleidung, erhöhen deren Chancen, an Krebs zu erkranken, und zahlen niemandem die Reinigung. „Selbstmordattentäter“, nennt Volker Pispers diese Leute, die sich selbst töten und dabei noch so viele Unschuldige wie möglich mitnehmen.

Obwohl ich das Rauchen aus den oben genannten Gründen hasse und auch gerne lebenslanges Bahnverbot für die Menschen fordere, die auf den Toiletten ansonsten rauchfreier Züge ihrer Sucht frönen, finde ich Nichtraucher oft genug noch unerträglicher: Wer schon laut und affektiert hustet, wenn sich jemand knapp innerhalb seiner Sichtweite eine Zigarette ansteckt, hat vermutlich andere Probleme als den nahenden Tod durch Passivrauchen. Auch in diesen Momenten ärgere ich mich, dass ich nicht rauche.

Ich freue mich auf das Rauchverbot, das ab 1. Januar auch in NRW gelten soll. Es wird merkwürdig sein, in meiner Dinslakener Stammkneipe, die außer von meinem Freundeskreis hauptsächlich von älteren Herren und Stammtischbrüdern bevölkert wird, vom hintersten Tisch aus noch die Theke sehen zu können. Ich hoffe, dass die Gäste mit ihrer Sucht umzugehen lernen und dem Wirt kein finanzieller Nachteil entsteht. Ein Freund aus Baden-Württemberg berichtete mir kürzlich, dass es in den dortigen Clubs und Discotheken immer grauenhaft nach Schweiß und Bier stinke, seit dort nicht mehr geraucht werden darf. Das wäre in der Tat ein unschöner Nebeneffekt. Zu Beginn dieses Jahrzehnts war ein nach Melone duftendes Parfüm sehr in Mode, das mich auch heute immer noch verzückt, wenn ich es an jungen Damen rieche. Ich würde mir vom Bundesgesundheitsministerium wünschen, dass dieses Parfüm kostenlos an die Bevölkerung ausgegeben wird, bis uns eine andere Lösung eingefallen ist.

1 An Sparkonten ist auch heute noch nicht zu denken, wie mein Anlageberater neulich erst wieder feststellte.

14 Kommentare

  1. Marcus
    7. November 2007, 9:02

    > Es ist die einzige Droge, die keinen Rausch verursacht…

    Mei, das kann auch nur jemand sagen, der noch nie geraucht hat. ;)

  2. nele
    7. November 2007, 9:20

    Als Baden-Württembergerin kann ich nur sagen: Ja, es ist so. Es stinkt nicht mehr nach Rauch, sondern nach Schweiß, umgekipptem Bier und nassen Klamotten. Die Anwohner kriegen die Krise, weil betrunkene Raucher bis tief in die Nacht vor ihrer Haustür rumgrölen. Und Deine Stammkneipe wird finanzielle Einbußen zu ertragen haben. Ich kenne einen Laden hier, der macht bald zu. Weil eben die Nachbarschaft nicht mehr abends kommt, um noch ein Bier zu trinken und nebenher eine zu rauchen. Das machen die jetzt zuhause. Da ist’s nicht verboten…

    Völlig in Ordnung, Nichtraucherschutz und alles. Aber mE hätte man den Lokalen die Wahl lassen sollen. Das „R“ an der Tür war ja hier zumindest angedacht, ist aber nicht durchgegangen…

  3. Marsellinho
    7. November 2007, 10:12

    lol, das habe ich mir auch gedacht…

    Abgesehen davon, dass ich auch ein Raucher bin, finde ich das kommende Rauchverbot definitiv sehr in Ordnung. Ich hätte mir lediglich ein wenig mehr Kulanz gewünscht bei der Auslegung. In öffentlichen Gebäuden und auch Restaurants kann ich das völlig verstehen, aber in Discos und auch kleineren Kneipen hätte ich es mir schon gewünscht, dass der Wirt wählen kann. Ich denke mir, dass es genügend Wirte gegeben hätte, die eine rauchfreie Gaststätte eingerichtet hätten.

    Vorletzte Woche war ich in Hessen und auf einmal auch mehr als irritiert, als wir abends an der Hotelbar nicht mehr zum Bier die Zigarette anmachen durften. Das ist dann schon extrem ungewohnt, aber ich denke mal, dass wir NRW-Raucher uns auch nach zwei, drei Monaten dran gewöhnt haben. Es ist zwar lästig immer mal wieder rauszugehen, wie ichs auch schon in Schottland und den USA immer tun muss, aber irgendwann wird auch das zu einer Routine und zudem hat das ganze definitiv einen sehr sozialen Aspekt. Selten in so kurzer Zeit so viele Leute kennengelernt, wie vor dem Frankfurter Hotel beim Rauchen…

  4. Sebastian
    7. November 2007, 10:24

    Du hast mit 26 einen Anlageberater, da ist es nicht verwunderlich, dass Du Dich nach Rock’n’Roll-Gesten sehnst ;-)

  5. Lukas
    7. November 2007, 11:54

    Ich hätte eine Wahlfreiheit auch besser gefunden. Das Argument „Dann läuft alles weiter wie bisher“ halte ich für recht dürftig, da Nichtraucherkneipen definitiv eine Marktlücke wären – es hat sich bisher nur nie jemand getraut.

    @Marsellinho: In den USA ist es in einigen Städten mittlerweile verboten, innerhalb eines bestimmten Radius um Gebäudeeingänge zu rauchen.

    @Sebastian: Der Anlageberater kam zum Girokonto kostenlos dazu. Außerdem bin ich noch gar nicht so alt.

  6. Axel
    7. November 2007, 12:35

    Schöner LINK in dem Zusammenhang:
    http://raucherkabinen.de

  7. Marsellinho
    7. November 2007, 13:03

    Das Argument war in der Tat ein sehr schwaches. Selbst in meinem kleinen Heimatstädtchen, das nun wirklich eher „alteingesessene“ Bewohner hat, gab es eine Kneipe (mit Küche), die vor ca. einem Jahr eingerichtet haben, dass jeden Tag grundsätzlich bis 14 Uhr Rauchverbot ist, was ich z.B. einen sehr gelungenen Ansatz fand. Natürlich hat man dennoch ein gewisses „Raucharoma“ im Hintergrund, aber man hatte eben nicht den direkten Rauch in der Nase. Und das passt zudem sehr gut zum unterschiedlichen Klientel. Während vormittags/mittags eher Leute zum Frühstücken, Brunchen und Mittagessen kommen, ist abends eher das typische, jüngere Kneipenpublikum anwesend.
    Bei guter Lüftung eine wirklich ordentliche Lösung.

    In Kalifornien gibt es übrigens sogar eine Stadt (ich glaube es war Barstow, aber bin mir nicht sicher), in der sogar das Rauchen in Wohnungen verboten ist! Völlig übertrieben.
    Das mit den Eingangstüren kann ich ja durchaus nachvollziehen. Schließlich zieht ja der ganze Rauch direkt rein, wenn man unmittelbar vor der Türe steht (schönen Gruß an dieser Stelle auch an Räume mit Raucher & Nichtraucherzonen)

    Eine der albernsten Auswüchse sind derzeit aber immer noch die Raucherzonen mit den gelben Vierecken auf Freiluftbahnhöfen. Eine völlig absurde Reglementierung, die meiner Meinung nach keinen Sinn macht, weder aus hygienischen Gründen, noch aus Nichtraucherschutzgründen.

  8. OliverDing
    7. November 2007, 13:06

    Es hat auch vorher schon nach Schweiß und Bier gestunken, nur war der Rauchgeruch noch penentranter. Da weder Schweiß noch abgestandenes Bier aber bislang im Verdacht stehen, krebserregend zu sein, halte ich das für einen okayen Verzicht.

    Außerdem denke ich, daß auch in einem rauchfreien Deutschland nach einer Konsolidierungsphase die Umsätze (wie in den anderen Ländern, die den Nichtraucherschutz bereits umgesetzt haben) eher wieder steigen werden, weil auch die Nichtraucher wieder in die Kneipen gehen würden, aus denen sie mit gutem Grund noch fernbleiben. Zudem vermute ich die Ursache von wirtschaftlichen Problemen eher in lang- bis mittelfristigen Einbußen, die man kaum auf die erst seit kurzem geltenden Verbote schieben kann.

  9. Lukas
    7. November 2007, 13:15

    Es ist natürlich schon ein krasser Ansatz, den Leuten sogar das Rauchen in der eigenen Wohnung zu verbieten. Andererseits sind Wohnungen ja zumeist so „eigen“ gar nicht, sondern gehören einem Vermieter.

    In Kalifornien gilt darüber hinaus ab Januar 2008 ein Rauchverbot im Auto – allerdings nur, wenn Minderjährige anwesend sind.

  10. Marsellinho
    7. November 2007, 13:38

    Klar, Mietwohnungen wären da sicherlich irgendwo nachvollziehbar, aber das Rauchverbot gilt, afaik, für die gesamte Stadt.

    Ein Rauchverbot in Autos bei Anwesenheit von Minderjährigen finde ich eine sehr begrüßenswerte Sache. Es darf schließlich absolut nicht sein, dass Kinder in einem kleinen Auto einer so konzentrierten Rauchbelastung ausgesetzt sein dürfen. Das ekelt mich selbst immer an, wenn ich das mal irgendwo sehe.

    @Oli
    Auf Dauer denke ich auch nicht, dass dies wirtschaftlich allzu großen Schaden bei den Wirten selbst hinterlassen wird. Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier und er muss sich einfach nur an diese neue Situation gewöhnen (*5€insPhrasenschweinwerf*)

  11. Henning
    7. November 2007, 14:20

    Du kanntest bis zu deinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr keinen Raucher? Hattest du, äh, viele Freunde, damals?

  12. ckwon
    7. November 2007, 14:30

    Hier in niedersachsen ist nun auch seit ein paar Monaten Racuhverbot und seitdem gehe ich auch mal wieder öfter weg. So einen Abend in ner Kneipe hatte ich anschließend 1-2 Tage im Hals gespürt.

    Es ist eigentlich komisch, das nur selten das logischste Argument in dieser Diskussion herausgekramt wurde, nämlich Mitarbeiterschutz. Wenn ich mir vorstelle, wieviel ich in 2 Stunden abbekommen habe und wie sehr mich das belastet hat, dann möchte ich nicht wissen, um wieviel Jahre Lebenszeit die Mitarbeiter in Kneipen gebracht werden.

    Und in Diskotheken hatte man teilweise eine so hohe Feinstaubbelastung festgestellt, wo man in Fabriken schon längst mit Atemschutzmaske rumlaufen müsste als Mitarbeiter.

    Schweiß und Biergestank finde ich auf Dauer deutlich weniger nervig.

    Aber einen Nachteil hat das Rauchverbot dann doch, nämlich für den Klimaschutz und Energieprese. Was nämlich bei diesen unsäglichen Heizpilzen,die sich nun Kneipen für die Raucher vor die Tür stellen, verballert wird, das ist schon ne ganze Menge Energie…

    In Schottland ist nach Einführung des Rauchverbots die Herzinfarktrate rasant zurückgegangen. So gesehen ist das ja auch für die Gastronomen langfristig dann gut, denn dann stirbt die Kundschaft ja nicht weg…

  13. S.
    7. November 2007, 17:24

    Lustig finde ich allerdings den Nebeneffekt, dass durch diese Mainstream-Ächtung des Rauchens, es natürlich ein ganzes Stück cooler wird zu rauchen. Kriegt gleich so ein bisschen wieder die erstrebenswertern Etiketten „rebellisch-unangepasst“, „hedonistisch-individuell“, „romantisch-unverantwortlich“ usw.. Wenn es nicht so teuer und unpraktisch wäre, würde ich mir ja glatt überlegen jetzt meinen braven, gesunden Nichtraucherlebensstil aufzugeben ;-)

  14. Jens
    7. November 2007, 23:41

    Gibt es für die Kneipen in NRW nicht eine Ausnahmeregelung bis zum 30.06.08?