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Musik

Listenpanik 04/​09

Nor­ma­ler­wei­se könn­te ich im Lau­fe des Monats einen Sta­pel mit allen CDs bil­den und ihn am Ende abar­bei­ten. Dage­gen spricht aber zum einen mein Zwang, neue Ton­trä­ger direkt ins Regal ein­sor­tie­ren zu müs­sen, und zum ande­ren die Tat­sa­che, dass ich immer mehr Musik als Down­load kau­fe.

Ich bin aber der Ansicht, dass sie dadurch nicht schlech­ter wird, und ent­spre­chend gut sind dann auch die Sachen, die ich im April gehört und für erwäh­nens­wert befun­den habe:

Alben
Gre­at Lake Swim­mers – Lost Chan­nels
Begin­nen wir mit einem Nach­trag aus dem März, weil mir nie­mand Bescheid gesagt hat­te: Die Gre­at Lake Swim­mers aus Kana­da machen Folk Rock, was sich als Gen­re schlim­mer anhört denn als Musik. Sie spie­len zer­brech­li­che Bal­la­den, die nur aus der Stim­me von Sän­ger Tony Dek­ker und Gitar­ren­klän­gen bestehen, die ver­mut­lich ent­ste­hen, wenn man die Sai­ten anhaucht oder zu streng anguckt, und etwas schwung­vol­le­re Coun­try-Klän­ge, zu denen man gleich sich gleich auf den Appa­la­chi­an Trail bege­ben möch­te. Das alles ist ihnen auf dem Vor­gän­ger­al­bum „Ongi­a­ra“ zwar noch etwas stim­mungs­vol­ler gera­ten, aber das war vor zwei Jah­ren auch ein Über­al­bum.

Death Cab For Cutie – The Open Door EP
Noch­mal März, aber dies­mal nur kurz: Death Cab (wie man als auf­merk­sa­mer „O.C., California“-Zuschauer ja sagt) haben eine EP mit vier neu­en Songs und einer Demo aus den „Nar­row Stairs“-Sessions zusam­men­ge­stellt. Wie immer auf hohem Niveau und auch etwas pop­pi­ger als die Songs, die es aufs Album geschafft hat­ten.

Kili­ans – They Are Cal­ling Your Name
Über­ra­schung! Ich bil­de mir aber auch dies­mal wie­der ein, dass ich das Album auch dann noch sehr gut fän­de, wenn ich nicht mit den Musi­kern befreun­det wäre. Musi­ka­lisch ist das Album anspruchs­vol­ler und noch etwas abwech­lungs­rei­cher als das Debüt (rich­tig abwechs­lungs­reich wird’s, wenn man sich die Spe­cial Edi­ti­on mit Elek­tro- und Cha-Cha-Cha-Ein­la­gen anhört) und man hört auch genau­er auf die Tex­te. Das führt etwa bei „Used To Pre­tend“ dazu, dass man sich hin­ter­her sicher ist, ein unglaub­lich klu­ges, auf­rich­ti­ges und ein­dring­li­ches Tren­nungs­lied gehört zu haben – und den viel­leicht bes­ten Kili­ans-Song bis­her.

Bob Dylan – Tog­e­ther Through Life
Und noch jemand, den man nicht ernst­haft bewer­ten kann. Auch, wenn ich mich nicht als gro­ßen Dylan-Fan (oder gar ‑Ken­ner) bezeich­nen wür­de, schät­ze ich sei­ne Musik und sei­ne Per­son doch sehr und bin gera­de von sei­nen jüngs­ten Alben schwer begeis­tert. „Tog­e­ther Through Life“ steht „Love And Theft“ und „Modern Times“ da in nichts nach: Blues, der mal tro­cken nach vor­ne stapft, mal melan­cho­lisch am Kla­vier gespielt wird. Bemer­kens­wert ist es dann aber schon, dass Dylan mit dem Album die ers­te UK-Num­ber-One seit 39 Jah­ren gelun­gen ist und die Sin­gle „Bey­ond Here Lies Not­hin‘ “, die ein biss­chen an „Black Magic Woman“ von San­ta­na erin­nert und die es einen Tag als kos­ten­lo­sen Down­load auf Dylans Web­site gab, plötz­lich im Radio rauf und run­ter läuft.

Offi­ci­als Secrets Act – Under­stan­ding Elec­tri­ci­ty
Es gibt Alben, da weiß ich beim ers­ten Hören, dass ich sie mag, aber nicht son­der­lich oft hören wer­de. „Under­stan­ding Elec­tri­ci­ty“ könn­te die­ses Schick­sal blü­hen, obwohl der Indie­rock zwi­schen Maxï­mo Park, We Are Sci­en­tists und The Wom­bats wirk­lich schön ist. Mit­un­ter ner­ven man­che abge­dreh­ten Sounds ein biss­chen, aber Songs wie „Litt­le Birds“ und „Hold The Line“ (hat nichts mit Toto zu tun) sind dann auf der ande­ren Sei­te ein­fach ganz gro­ßer Pop und haben zumin­dest erhöh­tes Mix­tape-Poten­ti­al.

Songs
Kili­ans – Home­town
Hat­te ich nicht gera­de noch „Used To Pre­tend“ als „den viel­leicht bes­ten Kili­ans-Song bis­her“ bezeich­net? Ja, klar. Aber wenn die Kili­ans einen Song namens „Home­town“ schrei­ben, der auch noch so einen cat­chy Refrain hat, dann muss der natür­lich noch ein­mal beson­ders her­vor­ge­ho­ben wer­den. Auch wenn es angeb­lich gar nicht um Dins­la­ken an sich geht, son­dern um das Gefühl, von einer Stadt und ihren Men­schen geprägt wor­den zu sein, emp­fiehlt sich die­ser Song natür­lich als inof­fi­zi­el­le Stadt­hym­ne. Wenn die Dins­la­ke­ner cool wären, wür­de im Som­mer kein ande­res Lied aus Cabri­os und offe­nen Woh­nungs­fens­tern tönen.

Bob Dylan – Life Is Hard
In die Rei­he von „Moon­light“ und „Workingman’s Blues #2“ gesellt sich „Life Is Hard“: Ein ruhi­ger Blues und die Stim­me eines Man­nes, der alles erlebt hat und den nichts mehr erschüt­tern kann. Schlicht und ergrei­fend.

Muff Pot­ter – Nie­mand will den Hund begra­ben
Ich weiß nicht, wie oft ich die neue Muff-Pot­ter-Plat­te „Gute Aus­sicht“ hören müss­te, bis sie mir gefällt. Bei „Ste­ady Fremd­kör­per“ hat’s ja auch irgend­wann geklappt – nur, dass ich die Plat­te seit Ewig­kei­ten nicht mehr gehört habe und mich nur an einen Song erin­nern kann. „Nie­mand will den Hund begra­ben“ könn­te also das dies­jäh­ri­ge „Die Guten“ sein. Dies­mal geht’s aber nicht um Tren­nun­gen son­dern – Super-Song­the­ma – um Land­flucht. Die Schil­de­rung der Hei­mat­stadt, in der es kaum noch jun­ge Leu­te gibt, und in der alles lang­sam stirbt, hat schon Springsteen’sche Dimen­sio­nen und hät­te auch gut auf die letz­te kett­car-Plat­te gepasst. Das war übri­gens auch so ein Album, das ich mir erst schön­hö­ren muss­te, um es dann ganz schnell wie­der zu ver­ges­sen.

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]

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Gesellschaft

Von den Autoren von „Koreanische Gebrauchsanleitungen“

Studiengebühren sin sozial GERECHT & NICHT Steine können fliegen

Ich fra­ge das wirk­lich ungern, aber: Wie vie­le Semes­ter Ger­ma­nis­tik müss­te ich wohl noch stu­die­ren, um die­ses Trans­pa­rent an der Bochu­mer Uni-Biblio­thek sinn­ent­neh­mend lesen zu kön­nen?

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Digital Leben

Stilblümchensex

Alle paar Mona­te muss ich bei GMX.de vor­bei­schau­en um zu über­prü­fen, ob mei­ne dort vor über einem Jahr­zehnt ein­ge­rich­te­te E‑Mail-Adres­se noch exis­tiert. Es ist jedes Mal ein freud­lo­ser Akt, der einem zeigt, wie gut man es mit all den Funk­tio­nen von Goo­gle­mail tat­säch­lich hat.

Das Schlimms­te an GMX aber ist das ange­schlos­se­ne Por­tal, bei dem man dann auch tat­säch­lich jedes Mal auf irgend­wel­chen Quatsch drauf klickt und im Bezug auf die zu erwar­ten­de Boden­lo­sig­keit sel­ten ent­täuscht wird. So las ich heu­te ver­se­hent­lich einen Text, der offen­bar ursprüng­lich vom Her­ren­ma­ga­zin „Men’s Health“ stammt und das The­ma „Slow Sex“ behan­delt. Und selbst, wenn das The­ma Sie nicht inter­es­siert: Das soll­ten Sie gele­sen haben!

Los geht es mit ein paar All­ge­mein­plät­zen der Sor­te „Es hilft, wenn Sie min­des­tens zu zweit sind“:

Musi­ka­lisch soll­ten Sie’s zwar ruhig ange­hen las­sen, jedoch ruhig ein paar Drum-Akzen­te set­zen. Die frü­hen Alben von Mas­si­ve Attack oder Air sind dafür her­vor­ra­gend geeig­net.

Dann geht’s aber auch schon schnell zur Sache – zumin­dest was gro­tes­ke Kose­na­men angeht:

Las­sen auch Sie sich von ihr eben­so lang­sam aus­zie­hen. Wird sie dabei zu schnell, brem­sen Sie Ihre Gazel­le, indem Sie ihren Kopf in die Hän­de neh­men und sie küs­sen.

Und dass die „Gazel­le“ kein Aus­rut­scher war, son­dern Teil des Plans, wird schnell deut­lich. Machen Sie auch mal was Ver­rück­tes: Lesen Sie die fol­gen­den Zei­len und ver­su­chen Sie dabei, nicht zu lachen. Den­ken Sie immer dar­an, dass es hier um etwas ent­fernt Sinn­li­ches gehen soll:

Mit einer Hand hält sie sich an Ihrem Ret­tungs­an­ker fest, mit der Hand­flä­che der ande­ren reibt sie fort­wäh­rend und krei­send über Ihre Eichel – etwa so, als wür­de sie einen Apfel polie­ren. Klingt harm­los? Sie wer­den jodeln, Mann!

Jodeln wer­den Sie womög­lich auch, wenn Sie erfah­ren, dass das männ­li­che Geni­tal von den „Men’s Health“-Autoren nicht nur „Ret­tungs­an­ker“ genannt wird, son­dern auch „Ihr bes­ter Freund“, „der klei­ne Don Juan“, „der gute Don“, „Don­ny“, „Don J.“, „Don“ oder schlicht „er“. Für den weib­li­chen Kör­per reich­te die Phan­ta­sie dann nicht mehr, dort ist nur von „Lady K.“ die Rede.

Und wen es nicht abtörnt, sein Glied im Geis­te „Don“ zu nen­nen, der steht bestimmt auch auf syn­tak­tisch kor­rek­ten dir­ty talk:

Und noch ein klei­ner Tipp am Ran­de: Neh­men Sie beim Blo­wjob ihren Kopf nur dann zwi­schen Ihre Hän­de, wenn sie aus­drück­lich zu Ihnen sagt: „Nimm beim Blo­wjob mei­nen Kopf zwi­schen dei­ne Hän­de!“ Genau mit die­sen Wor­ten.

Fast wünscht man sich die Zei­ten zurück, in denen einem die „Bra­vo“ umständ­lich erklär­te, was „Pet­ting“ ist und dass man davon nicht schwan­ger wer­den kön­ne.

Dann kommt’s aber end­lich zum Höhe­punkt und „Men’s Health“ fackelt ein Feu­er­werk der sprach­li­chen Bil­der ab, das garan­tiert das Rücken­mark schä­digt:

Ehe Sie wie Nut und Feder inein­an­der glei­ten, soll­ten Sie die Zügel noch ein­mal stramm­zie­hen, die Geschich­te etwas abbrem­sen.

[…]

Bevor er in tiefs­te Tie­fen vor­dringt, soll er eine Zeit lang am Ein­gang ste­hen und mit der Dame plau­dern. Rei­ben Sie sei­nen Kopf an ihrem Knöpf­chen.

Und plötz­lich beginnt man, Wolf Wond­rat­schek zu schät­zen.

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Digital

Klickbefehl (19)

Wenn man sich heu­te wun­dert, dass der im Regie­rungs­auf­trag Ver­bots­re­geln für das Inter­net ent­wi­ckeln­de Vor­sit­zen­de der Oli­ven­nes Kom­mis­si­on zugleich der Auf­sichts­rats­chef von Frank­reichs grö­ßer Kul­tur­kauf­haus­ket­te FNAC ist, oder in Schwe­den ein Rich­ter über Pira­te Bay urteilt, der nicht nur selbst Mit­glied der loka­len Urhe­be­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen ist, son­dern auch die Pro­zess­ver­tre­te­rin der Film­in­dus­trie in Inter­net-Domain Strei­tig­kei­ten berät, dann ist die Erklä­rung die­sel­be wie vor 123 Jah­ren: Sys­te­me die nicht mit der Zeit gehen und sich umstel­len wol­len, weh­ren sich mit allen Mit­teln. Im Not­fall auch mit wel­chen am Ran­de der Rechts­staat­lich­keit.

Tim Ren­ner schreibt im Motor­blog mal wie­der etwas sehr Klu­ges über Digi­ta­li­sie­rung, Urhe­ber­rech­te und digi­ta­len Wan­del und gibt ganz neben­bei eine klei­ne Geschichts­stun­de zum Tag der Arbeit.

* * *

Wel­chen Ein­druck wird ein nor­ma­ler, unin­for­mier­ter Mensch haben, wenn ein nerdi­ger Typ “Zen­sur!” schreit, wäh­rend Frau von der Ley­en schein­bar gegen Kin­des­miss­brauch kämpft? Wie reagiert ein Fließ­band­ar­bei­ter bei Opel auf Sascha Lobo, der im Fern­se­hen erzählt, dass ohne Social Web bald nichts mehr geht, man auch pri­ma mit dem Lap­top im Café arbei­ten kann und war­um er trotz Auf­schie­be­ri­tis pro­duk­tiv ist? Glaubt jemand, ein Arbeits­lo­ser mit mas­si­ven Selbst­zwei­feln und Angst, nicht mehr dazu­zu­ge­hö­ren, weil er kei­ne Ahnung vom Inter­net hat, fühlt sich ange­spro­chen, den Kampf für Netz­neu­tra­li­tät zu unter­stüt­zen? Mei­nen Sie, Tan­te Han­na von neben­an wird die Anlie­gen einer Par­tei, die sich Pira­ten­par­tei nennt, auch nur ent­fernt seri­ös fin­den kön­nen?

Enno macht sich (wie ich neu­lich auch) Gedan­ken über die Zwei­tei­lung der Welt in On- und Off­li­ner, hält aber sogar Lösungs­an­sät­ze bereit.

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Digital

Understanding In A Car Crash

War­nung!

In die­sem Ein­trag wer­den Sei­ten ver­linkt, auf denen bru­ta­le und ver­stö­ren­de Fotos bzw. Vide­os zu sehen sind. Wenn Sie emp­find­lich auf sol­che Dar­stel­lun­gen reagie­ren oder es Ihnen reicht, sich vor­zu­stel­len, wie die Opfer eines Ver­kehrs­un­falls aus­se­hen, dann kli­cken Sie bit­te auf kei­nen die­ser Links!

Da hat man sich den Mund fus­se­lig dis­ku­tiert nach dem Amok­lauf von Win­nen­den, hat an jour­na­lis­ti­sche Ethik oder ein­fach nur an den gesun­den Men­schen­ver­stand appel­liert, wenn es um Gewalt­dar­stel­lun­gen in den Medi­en ging. Gera­de letz­te Woche hat­te ich mich und mög­li­che mit­le­sen­de Jour­na­lis­ten mal wie­der gefragt (da dürf­ten Sie jetzt drauf kli­cken, das ist nur ein Cof­fee-And-TV-Arti­kel), ob man eigent­lich alle Quel­len nut­zen müss­te, die einem so zur Ver­fü­gung ste­hen, um ein schreck­li­ches Ereig­nis auf­zu­be­rei­ten.

Aber letzt­lich braucht es wohl ein­fach nur genug Blut und in den Gehir­nen der Online-Redak­teu­re rei­ßen die letz­ten Syn­ap­sen ab.

Im nie­der­län­di­schen Apel­doorn ist bei der Para­de zum heu­ti­gen Köni­gin­nen­tag gegen 12 Uhr Mit­tags ein Auto in die Men­schen­men­ge gefah­ren und erst vor einem Denk­mal zum Ste­hen gekom­men. Im Moment geht man von vier Toten und min­des­tens 20 Ver­letz­ten aus.

Weil sich zumin­dest Tei­le die­ses Unfalls in der direk­ten Nähe des könig­li­chen Bus­ses abspiel­ten, wur­den die­se Bil­der live im Fern­se­hen über­tra­gen. Dass grau­sa­me Din­ge on air pas­sie­ren, gehört zu den Risi­ken einer Live-Über­tra­gung. Die Fra­ge ist, wie man in den nächs­ten Momen­ten damit umgeht.

Die Sen­der des nie­der­län­di­schen RTL haben Vide­os ins Inter­net gestellt, auf denen Men­schen über die Stra­ße geschleu­dert wer­den. Zuschau­er schrei­en ent­setzt (und gut hör­bar) auf, spä­ter sieht man Poli­zis­ten bei ver­zwei­fel­ten Wie­der­be­le­bungs­ver­su­chen. Ich weiß nicht, was davon live über den Sen­der ging und was „nur“ auf­ge­nom­men wur­de – ich bin mir nur ziem­lich sicher, dass die Betrach­tung die­ser bru­ta­len Bil­der kei­ne zwin­gen­de Vor­aus­set­zung für ein Ver­ständ­nis des Vor­gangs „Auto rast in Men­schen­men­ge“ dar­stellt.

In den nie­der­län­di­schen Fern­seh­sen­dern sind die Bil­der des Vor­falls immer wie­der zu sehen – auf man­chen nur die letz­ten Meter, bevor das Auto in die Umzäu­nung des Denk­mals kracht, auf den Sen­dern der RTL-Grup­pe auch noch mal ein paar Men­schen, die getrof­fen wer­den. Repor­ter der Pri­vat­sen­der ste­hen vor dem Auto-Wrack, wäh­rend im Bild­hin­ter­grund die abge­deck­ten Lei­chen lie­gen, die Öffent­lich-Recht­li­chen haben ihre Repor­ter inzwi­schen vor dem Königs­pa­last abge­stellt.

Aber die nie­der­län­di­schen Medi­en, die eh sehr viel libe­ra­ler sind im Umgang mit expli­zi­ten Dar­stel­lun­gen, sol­len uns hier nur am Ran­de und unter exo­ti­schen Aspek­ten inter­es­sie­ren. Wir haben ja unse­re eige­nen Medi­en, allen vor­an die im Inter­net.

Trash-Por­ta­le wie „Spie­gel Online“, Bild.de, focus.de und stern.de, aber auch FAZ.net zei­gen Bil­der­ga­le­rien, in denen man sich unter ande­rem dar­über infor­mie­ren kann, wie eigent­lich schwe­re Kopf­ver­let­zun­gen oder Mund-zu-Mund-Beatmun­gen aus­se­hen.

tagesschau.de zeigt als Auf­ma­cher­bild eine Tota­le (wie man sie auch in der „Net­zei­tung“ und der Klick­stre­cke von „RP Online“ fin­det) mit meh­re­ren Ver­let­zen, wäh­rend im Fern­seh­bei­trag haupt­säch­lich ent­setz­te Augen­zeu­gen (dar­un­ter ein wei­nen­des Kind) zu sehen sind.

Spe­ku­la­tio­nen schie­ßen (natür­lich) ins Kraut und Bild.de brauch­te nur weni­ge Zen­ti­me­ter, um aus einer Fra­ge …

Schock für Beatrix am Königinnentag in Holland: War es ein Anschlag? Autofahrer raste in Menschenmenge - vier Tote und fünf Schwerverletzte

… eine Tat­sa­che zu machen:

Anschlag auf Königin Beatrix: Der Bus mit der königlichen Familie – nur wenige Meter trennen ihn von der Stelle, an der der Suzuki in das Denkmal gerast ist. In der Mitte zu erkennen...

Beim Wes­ten war ver­mut­lich eher sprach­li­ches Unver­mö­gen als Zynis­mus Schuld an einer Bild­un­ter­schrift wie die­ser:

Begeistert warten die Zuschauer im holländischen Apeldoorn auf den Besuch der Königsfamilie, als ein Auto in die Menschenmenge rast.

(Unnö­tig zu erwäh­nen, dass das Foto natür­lich kei­ne begeis­ter­ten War­ten­den zeigt, son­dern in Bewe­gung befind­li­che Unfall­op­fer. Der Bild­aus­schnitt wur­de übri­gens spä­ter noch ver­än­dert, so dass nun weni­ger von den Kör­pern und mehr vom Auto zu sehen ist.)

Von allen gro­ßen Por­ta­len, die mir spon­tan ein­fie­len, kommt nur sueddeutsche.de ohne all­zu bru­ta­le Fotos und/​oder Bil­der­ga­le­rien aus. Aller­dings erhielt mei­ne zag­haf­te Erleich­te­rung einen Dämp­fer, als ich in den Kom­men­ta­ren zum Arti­kel erst Kri­tik an (offen­bar vor­her dort gezeig­ten) Bil­dern fand und dann das hier las:

 30.04.2009  14:29:35 Moderator (sueddeutsche.de): Liebe user, obwohl das von uns zunächst gezeigte Bild aus dokumentarischen Gründen auch in anderen Publikationen zu sehen war, haben wir uns aus Pietätsgründen dazu entschieden ein anderes Bild zu verwenden. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Moderator

Die obli­ga­to­ri­sche Gegen­pro­be beim Online-Auf­tritt des „Guar­di­an“ ergab: Ein zer­trüm­mer­tes Auto sagt auch viel aus.

Mit beson­de­rem Dank an unse­re Nie­der­lan­de-Kor­re­spon­den­tin Leo­nie.

Nach­trag, 23:55 Uhr: Zu früh gelobt: Der „Guar­di­an“ hat mit einer Bil­der­ga­le­rie und einem Video nach­ge­legt, wo Bil­der zu sehen sind, die mei­nes Erach­tens auch nicht nötig wären.

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Digital Gesellschaft

What Difference Does It Make?

Ich zeig Euch Individualität!

Als ich 16 Jah­re alt war, stand ich vor einem mora­li­schen Dilem­ma: WDR 2 hat­te ange­kün­digt, ein Kon­zert mei­ner Lieb­lings­band Ben Folds Five aus­zu­strah­len. Einer­seits freu­te ich mich dar­über, die Band mal „live“ zu hören, 1 ande­rer­seits dach­te ich, damit sei die Band end­gül­tig im Main­stream ange­kom­men. 2 Ich las „Solo­al­bum“ und „Tris­tesse Roya­le“, die vol­ler Arro­ganz und Distik­ti­ons­wut waren, und freu­te mich, als der deut­sche „Rol­ling Stone“ die „Drawn From Memo­ry“ von Embrace schlecht bewer­te­te, weil ich dach­te, dann wür­den weni­ger Leu­te die­se CD hören. Das alles ist lan­ge her und mein dama­li­ges Ver­hal­ten bezeich­net man ana­log zur dama­li­gen Lebens­pha­se als puber­tär.

Heu­te freue ich mich, wenn Bands, die ich schät­ze, in die Charts ein­stei­gen, weil das die Chan­ce erhöht, dass die Musi­ker von ihrer Musik auch leben kön­nen. Natür­lich ist es scha­de, Bands wie Cold­play oder die Kil­lers nicht mehr in klei­nen Clubs sehen zu kön­nen, 3 aber es kom­men ja fast täg­lich neue Bands für die Clubs dazu und unter einem kul­tu­rel­len Aspekt ist es doch alle­mal bes­ser, wenn die Fri­seu­rin­nen und Kin­der­gärt­ne­rin­nen, die man bei Cold­play-Kon­zer­ten arg­wöh­nisch mus­tert, eben sol­che Musik hören und nicht Sil­ber­mond.

Natür­lich gibt es auch heu­te noch Men­schen, die Bands auto­ma­tisch schei­ße fin­den, wenn sie mehr als 300 Hörer haben, 4 aber die nennt man dann eben „Indi­en­a­zis“ und sie müs­sen zur Stra­fe Tex­te von Jan Wig­ger, Died­rich Diede­rich­sen und Plat­ten­tests online lesen.

Das alles kam mir in den Sinn, als ich durch Zufall einen Ein­trag im Blog von Ste­fan Win­ter­bau­er auf meedia.de las:

Pro­blem: Das iPho­ne ist gewöhn­lich gewor­den.

Mitt­ler­wei­le ist das Gerät der­art weit ver­brei­tet (selbst unter Stu­den­ten!), dass es beim bes­ten Wil­len nicht mehr als Sta­tus­sym­bol her­hal­ten kann. Manch­mal muss man sich gera­de­zu schä­men. Zum Bei­spiel, wenn ein Ver­triebs-Och­se in Kurz­arm-Hemd und schril­ler Kra­wat­te im Zug ein iPho­ne zückt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst der Text gemeint ist, 5 glau­be aber, dass sich im Zwei­fels­fall genug Men­schen fän­den, die Win­ter­bau­er auch dann zustim­men wür­den, wenn er das eigent­lich irgend­wie augen­zwin­kernd gemeint hät­te.

Jetzt denkt jeder Schlips­trä­ger aus Ver­trieb und Mit­tel-Manage­ment, ein biss­chen was von Glanz und Sexy­ness des iPho­ne abha­ben zu kön­nen. No way. Das Gegen­teil ist der Fall. Dadurch, dass die­se Schnauz­bart­trä­ger, Kurz­arm­hem­den und blon­de Damen auf hohen Hocken jetzt alle ein iPho­ne haben, machen sie den Mythos kaputt.

Win­ter­bau­er sitzt da zunächst ein­mal einem weit ver­brei­te­ten Miss­ver­ständ­nis auf: Unter­wegs zu tele­fo­nie­ren – oder brei­ter gefasst: zu kom­mu­ni­zie­ren – hat nichts mit Gla­mour und Sexy­ness zu tun, son­dern mit Abhän­gig­keit oder man­geln­der Orga­ni­sa­ti­on. Wer noch auf dem Nach­hau­se­weg in der S‑Bahn mit dienst­li­chen Pro­ble­men behel­ligt wird, wäre selbst dann noch ein armes Schwein, wenn er mit einem Pla­tin­bar­ren tele­fo­nier­te, und wer aus dem Zug sei­ne Ankunfts­zeit mit­teilt, war in den meis­ten Fäl­len nur zu faul, sich vor­her eine Ver­bin­dung her­aus­zu­su­chen und dann recht­zei­tig am Bahn­hof zu sein. 6

Als in der letz­ten Woche das Mobil­funk­netz von T‑Mobile zusam­men­brach war ich auf­rich­tig über­rascht über die Aus­wir­kun­gen, die das auf das Leben vie­ler Men­schen zu haben schien. Mein ME 45 mit Pre­paid-Kar­te dient mir in ers­ter Linie als Uhr und Wecker, mit dem ich hin und wie­der SMSen schrei­ben kann. Und als ich fest­stell­te, dass ich nach wie vor über T‑Mobile tele­fo­nie­ren konn­te, muss­te ich 20 Minu­ten über­le­gen, wen ich eigent­lich anru­fen könn­te, um ihm die­se (völ­lig irrele­van­te) Sen­sa­ti­on mit­zu­tei­len.

Das heißt nicht, dass ich das iPho­ne an sich schlecht fän­de – ich bin ja auch von mei­nem iPod touch ziem­lich begeis­tert. Aber den mag ich, weil es ein gut durch­dach­tes und funk­tio­nie­ren­des tech­ni­sches Gerät ist, nicht wegen des ange­bis­se­nen Apfels auf der Rück­sei­te. 7 Auch mein Mac­Book nut­ze ich, weil ich App­les Betriebs­sys­tem gelun­ge­ner fin­de als Win­dows, weil der Akku län­ger hält und auch – das gebe ich ger­ne zu – weil das Gerät ein­fach bes­ser aus­sieht als so ziem­li­che jeder ande­re Lap­top – aber doch nicht aus Pres­ti­ge­grün­den.

Wer glaubt, sich über sein Mobil­te­le­fon pro­fi­lie­ren und von ande­ren abgren­zen zu müs­sen, hat mög­li­cher­wei­se zu wenig Geld für den Por­sche, der von den zu klei­nen Geni­ta­li­en ablen­ken soll. Es ist mir ein Rät­sel, war­um aus­ge­rech­net ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­werk­zeug Aus­druck von Indi­vi­dua­li­tät sein soll­te. 8 Wer anders sein will, muss sich schon ein biss­chen mehr Mühe geben – zum Bei­spiel indem er die bei H&M gekauf­ten Motiv-T-Shirts erst mal ein Jahr in den Schrank packt, ehe er sie trägt. Sogar die Punks sahen irgend­wann alle gleich aus mit ihren Iro­ke­sen­schnit­ten und Sicher­heits­na­deln.

Und wer Men­schen bewun­dert, nur weil sie ein teu­res Spiel­zeug mit sich füh­ren, ist mög­li­cher­wei­se noch ober­fläch­li­cher als der Tech­nik-Besit­zer selbst, der einen gera­de für Schnauz­bart und Kurz­arm­hemd ver­ach­tet.

  1. Ja, lie­be Kin­der, damals hat­ten wir noch kein You­Tube und Live-Mit­schnit­te von Kon­zer­ten waren sel­te­ne Samm­ler­stü­cke.[]
  2. Ich saß damals der sel­ben Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on des Begriffs „Main­stream“ auf, die heu­te im Bezug auf die Ver­brei­tung von twit­ter die Run­de macht.[]
  3. Als ob ich das je hät­te.[]
  4. Wer sich eine Band durch äuße­re Umstän­de ver­lei­den lässt, hat sie mei­nes Erach­tens nie wirk­lich gemocht.[]
  5. Mein Iro­nie-Detek­tor ist gera­de zur Jah­res-Inspek­ti­on.[]
  6. Ich weiß, wovon ich spre­che.[]
  7. Die Rück­sei­te ist übri­gens sowie­so ein Desas­ter. Der Idi­ot, der auf die Idee gekom­men ist, einen Gebrauchs­ge­gen­stand zur Hälf­te mit einer hoch­glän­zen­den Metal­lic-Ober­flä­che zu ver­se­hen, soll­te eigent­lich öffent­lich aus­ge­peitscht wer­den, bis er genau­so vie­le Strie­men auf dem Hin­tern hat wie mein iPod Krat­zer.[]
  8. Wobei ein iPho­ne ja in der Regel sehr indi­vi­du­ell ist: Man kann einen Sinn­spruch ein­gra­vie­ren las­sen und Pro­gram­me und Musik nach eige­nem Wunsch dar­auf über­spie­len.[]
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Literatur Print Digital

Klickbefehl (18)

[D]as Inter­net, ver­tre­ten durch die, die dort anzu­tref­fen sind, mag es nicht, wenn man es nicht mag. Es ist dann schnell belei­digt, denn es ist noch jung und nicht beson­ders sou­ve­rän. Aber das ver­wächst sich sicher noch.

Peter Rich­ter hat ges­tern in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ über die Zukunft des Buches geschrie­ben (so viel vor­weg: Es gibt eine). Es ist ein klu­ger, mit­un­ter sehr komi­scher Arti­kel, der gegen Ende lei­der ein biss­chen zu sehr in Rich­tung der „Goog­le ist böse!“-Linie der Ver­la­ge abrutscht.

Man soll­te ihn aber trotz­dem gele­sen haben und das kann man bei FAZ.net jetzt tun.

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Rundfunk Digital

Programmhinweis: Sie kocht den DJ

Mor­gen beko­chen sich beim „per­fek­ten Pro­mi-Din­ner“ auf Vox fol­gen­de Per­so­nen: Theo „Mahn Man“ West (wir erin­nern uns), Oli­ver Beer­hen­ke („Upps! – Die Super-Pan­nen­show), Kel­ly Trump („Bea­te Uhse TV“) und Micha­el „Der König des Pop-Schla­gers“ Wend­ler.

Da es immer noch eher sel­ten vor­kommt, dass bun­des­weit emp­fang­ba­re Fern­seh­pro­gram­me zu Tei­len in Dins­la­ken-Ober­loh­berg pro­du­ziert wer­den, wol­len wir die­se Sen­dung zum Anlass neh­men, mal wie­der ein Pro­mi-Din­ner live zu blog­gen:

Am Sonn­tag, 26. April 2009
Ab 20:00 Uhr
Auf coffeeandtv.de

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Leben

Aaaah, Glückauf

Bochum im Frühling

Als BILD­blog­ger muss man regel­mä­ßig „Bild“ lesen. Um nicht als Vor­zei­ge-Leser zu gel­ten und irgend­wann nament­lich begrüßt zu wer­den, ver­su­che ich, mei­ne Zei­tung immer woan­ders zu kau­fen. Bei uns im Vier­tel gibt es eine Tank­stel­le, einen Aldi, eine Lot­to­an­nah­me­stel­le und ein Büd­chen, die „Bild“ im Sor­ti­ment haben. Ich ver­su­che mich an einem rotie­ren­den Sys­tem, gehe aber trotz­dem am liebs­ten zum Büd­chen.

Das liegt nicht nur am nächs­ten, es hat auch die schöns­te Atmo­sphä­re: Neben Bou­le­vard­zei­tun­gen wer­den dort auch Eis und gemisch­te Tüten ver­kauft. Da ich nicht weiß, ob letz­te­res außer­halb des Ruhr­ge­biets über­haupt bekannt ist, hier eine kur­ze Erklä­rung: In zahl­rei­chen Glas- oder Plas­tik­ge­fä­ßen lagern ver­schie­de­ne Süßig­kei­ten, die einem der Büd­chen-Besit­zer dann nach Wunsch („Drei Frö­sche, vier Sala­mi-Bre­zeln und drei Cola-Kra­cher“) oder nach Pau­scha­le („Eine gemisch­te Tüte für einen Euro, bit­te“) zusam­men­stellt. Das ist zwar teu­rer als im Super­markt, fühlt sich aber bes­ser an.

Schon die knapp 200 Meter zum Büd­chen sind wun­der­bar. An man­chen Com­pu­ter-inten­si­ven Tagen sind sie das ein­zi­ge, was ich von der Außen­welt sehe. Im Moment zeigt sich der Früh­ling von sei­ner knal­ligs­ten Sei­te (Büsche in pink und gelb leuch­ten am Weges­rand) und die Men­schen brin­gen ihre Bal­ko­ne und Vor­gär­ten in Ord­nung. Da wer­den Fens­ter geputzt, Rasen gemäht und Trep­pen geschrubbt.

Vor­hin sah ich eine alte Frau in Kit­tel­schür­ze, die sich mit einem Leder, des­sen Ober­flä­che zu mehr als 50% aus Löchern bestand, und einem Schrub­ber abmüh­te. Kin­der gin­gen von der nahen Grund­schu­le nach hau­se, sag­ten so klu­ge Kin­der­sät­ze wie „Die größ­te Win­ter­zeit war mal in Nor­we­gen. Da waren Minus neu­nen­neun­zich Grad!“ und ein Mäd­chen erin­ner­te mich unfrei­wil­lig an eines mei­ner größ­ten Kind­heits­trau­ma­ta: Mit dem Tor­nis­ter auf dem Rücken hin­fal­len und dann hilf­los wie ein Mai­kä­fer lie­gen blei­ben.

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Literatur

Literaturtipps zum Welttag des Buches

Bücher (Symbolfoto)

Buch­be­spre­chun­gen sind hier ja eher die Sache von Anni­ka, aber ich dach­te mir, zum Welt­tag des Buches kann ich auch mal ein biss­chen was über Lite­ra­tur erzäh­len.

Und das hab ich dann auch getan: Eine gute hal­be Stun­de über die Bücher gere­det, die ich seit mei­ner letz­ten Buch­vor­stel­lungs­run­de gele­sen habe. Es geht um gro­ße Namen und klei­ne Meis­ter­wer­ke, um Chris­toph Hein, Dani­el Kehl­mann, Hart­mut Lan­ge, Chuck Klos­ter­man und Goe­the.

Wir nen­nen es Pod­cast:

Lite­ra­tur­tipps zum Welt­tag des Buches (Zum Her­un­ter­la­den rechts kli­cken und „Ziel spei­chern unter …“ wäh­len.)

Sie kön­nen die Pod­casts übri­gens auch als eige­nen Feed abon­nie­ren. An der Ein­bin­dung in iTu­nes arbei­ten wir gera­de.

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Wir sind noch nicht so weit

Es gibt wohl mal wie­der Grund für Kri­tik an der Bun­des­re­gie­rung und jede Men­ge Auf­schreie aus der Blogo­sphä­re. Eini­ge Stim­men mei­nen gar, die Bun­des­re­gie­rung wol­le den Faschis­mus ein­füh­ren.

Ich hal­te das für Unsinn. Die­se Bun­des­re­gie­rung könn­te den Faschis­mus nicht ein­füh­ren, wenn sie es woll­te. Sie kann nur ver­se­hent­lich den Boden dafür berei­ten.

Denn wenn man sich die Pres­se­kon­fe­renz ange­se­hen hat, auf der Nicht-Wil­helm von Gut­ten­berg, Ursu­la von der Ley­en und Bri­git­te Zypries heu­te über die Inter­net­sper­ren gegen Kin­der­por­no­gra­phie gespro­chen haben, kann man nur zu einem Schluss kom­men: Die­se Men­schen wis­sen wirk­lich nicht, wovon sie reden. Es gilt das glei­che wie in den Debat­ten über Bun­destro­ja­ner und „Kil­ler­spie­le“: Ja, die Betei­lig­ten sind ahnungs­los – aber bös­wil­lig? Wohl kaum.

Don Dah­l­mann und Tho­mas Knü­wer haben schö­ne Tex­te geschrie­ben über die „Sys­tem­kämp­fe“ bzw. die „digi­ta­le Spal­tung“, die der Gesell­schaft dro­hen. Ich habe das vor einem Jahr auch schon mal an ganz pri­va­ten Bei­spie­len durch­ex­er­ziert.

Und bei aller ver­mut­lich sehr berech­tig­ten Kri­tik an den gan­zen Vor­ha­ben die­ser Ber­li­ner Dilet­tan­ten fra­ge ich mich immer wie­der, ob wir „Inter­net­ak­ti­vis­ten“, deren Zahl ich mal sehr groß­zü­gig auf 500.000 Men­schen schät­zen möch­te, nicht so eine Art digi­ta­le Auto­schrau­ber sind: Nerds mit einem schö­nen Hob­by, das aber gesell­schaft­lich nur bedingt rele­vant ist.

Die Mil­lio­nen­gro­ßen Nut­zer­zah­len von You­Tube, MySpace, Face­book und Stu­diVZ soll­ten nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass das Inter­net für die aller­meis­ten Nut­zer in Deutsch­land so etwas ähn­li­ches ist wie ein Auto (isch abe gar keins) für mich: Es ist prak­tisch, aber wie es funk­tio­niert und was damit noch mög­lich wäre, ist irgend­wie egal. Für die­se Men­schen ist Goog­le „das Inter­net“, und sie nut­zen es, um mit Freun­den zu kom­mu­ni­zie­ren, für die Uni zu recher­chie­ren und bil­li­ge Flug­rei­sen zu buchen. Eine Zen­sur von regie­rungs­kri­ti­schen Inter­net­sei­ten, wie sie immer wie­der an die Wand gemalt wird, hät­te für die­se Gele­gen­heits-User ver­mut­lich die glei­che Bedeu­tung wie ein Tem­po­li­mit für mich: Es wäre ihnen egal.

Selbst wenn wir eine Mil­li­on wären: Wir stün­den immer noch mehr als 80 Mil­lio­nen Men­schen gegen­über. Zwar ist Mas­se in den sel­tens­ten Fäl­len ein Beleg für die Rich­tig­keit von Ideen, aber über deren wah­re Bedeu­tung ent­schei­det immer noch der Ver­lauf der Geschich­te. Und so wird die Zukunft zei­gen, ob das Inter­net mit all sei­nen Chan­cen und Gefah­ren, mit all dem Tol­len und Abscheu­li­chen (das ich ja immer schon nur für eine digi­ta­le Abbil­dung der Lebens­wirk­lich­keit gehal­ten habe), wirk­lich in eine Rei­he mit den gro­ßen Errun­gen­schaf­ten der Mensch­heit (Feu­er, Rad, geschnit­ten Brot) gehört, oder ob es „nur“ ein sehr, sehr gutes Werk- und Spiel­zeug war.

Mich beschlei­chen immer wie­der Zwei­fel, ob das World Wide Web wirk­lich das gro­ße Demo­kra­tie-Instru­ment ist, als das es gefei­ert wird. Ich glau­be schon, dass da ein enor­mes Poten­ti­al vor­han­den ist, aber noch weiß kaum jemand davon. Die Deut­schen schimp­fen einer­seits seit Erfin­dung ihres Lan­des auf „die da oben“, sind aber ande­rer­seits in besorg­nis­er­re­gend hoher Zahl mit der „Arbeit“ von Ange­la Mer­kel zufrie­den. Die­sen Men­schen die Chan­ce auf Mit­be­stim­mung zu geben käme ver­mut­lich ähn­lich gut an, wie wenn man ihren Flie­sen­tisch zer­schlü­ge und ihnen „Du bist frei von den Fes­seln des Klein­bür­ger­tums!“ ent­ge­gen rie­fe.

PS: Per­sön­lich ent­täuscht bin ich von Ursu­la von der Ley­en, die ich bis­her immer für eine kom­pe­ten­te und erfri­schend pro­gres­si­ve Fami­li­en­mi­nis­te­rin gehal­ten habe. Ich weiß nicht, ob sie ein­fach schlech­te Bera­ter hat, oder ob ihr die Ber­li­ner Luft nicht bekommt. Aber letz­te­res wäre durch­aus ver­ständ­lich.

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Die zwei Bedeutungen von „Erinnerung“

Wenn man sich tag­ein, tag­aus mit den klei­nen und gro­ßen Feh­lern von Medi­en beschäf­tigt, sieht man irgend­wann über­all Merk­wür­dig­kei­ten. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich nur über­sen­si­bi­li­siert bin, oder ob der fol­gen­de Absatz tat­säch­lich ein biss­chen gaga ist:

Car­la June Hoch­hal­ter, 48, nahm sich am 22. Okto­ber 1999 das Leben. Das Datum ihres Selbst­mords war kein Zufall. Fast genau sechs Mona­te zuvor war ihre Toch­ter Anne Marie bei dem Mas­sa­ker in der Colum­bi­ne High School so schwer ver­letzt wor­den, dass sie seit­her an den Roll­stuhl gefes­selt war.

„kein Zufall“ und „fast genau“ in zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Sät­zen?!

Das Gute ist: Wir müs­sen uns gar nicht mit die­sen zwei Sät­zen auf­hal­ten, wenn es um den Arti­kel geht, den Marc Pitz­ke für „eines­ta­ges“ geschrie­ben hat, das Zeit­ge­schichts­por­tal von „Spie­gel Online“. Es gibt viel span­nen­de­re Fra­gen.

Der zehn­te Jah­res­tag von Colum­bi­ne, wie die Tra­gö­die hier nur heißt, dürf­te vie­le der alten Wun­den neu auf­rei­ßen.

schreibt Pitz­ke. Und wer sich das nicht vor­stel­len kann, wie sich das Auf­rei­ßen alter Wun­den unge­fähr vor­stellt, der kann zwei Absät­ze in die­sem Absatz auf einen Link kli­cken:

News-Mode­ra­to­ren waren sprach­los ange­sichts der Sze­nen des Grau­ens, wie etwa die Bil­der von Patrick Ire­land, 17, der sich, blut­über­strömt, in den Kopf getrof­fen und halb gelähmt, aus dem zer­schos­se­nen Fens­ter der Cafe­te­ria im ers­ten Ober­ge­schoss in die Arme des Son­der­ein­satz­kom­man­dos der Poli­zei stürz­te. „Ein Alp­traum“, erin­ner­te sich Pau­li­ne Rive­ra vom loka­len TV-Sen­der KMGH spä­ter. Sie nann­te es den Tag, „als die Unschuld starb“.

Der Link führt zu einem Video, in dem sich Patrick Ire­land, 17, blut­über­strömt, in den Kopf getrof­fen und halb gelähmt, aus dem zer­schos­se­nen Fens­ter der Cafe­te­ria im ers­ten Ober­ge­schoss in die Arme des Son­der­ein­satz­kom­man­dos der Poli­zei stürzt. Und wenn der Link mit den Wor­ten „bloo­dy as hell“ anmo­de­riert wor­den wäre, sie hät­ten nicht zu viel ver­spro­chen.

Ein paar Absät­ze spä­ter kann man sich anhö­ren, wie das klingt, wenn am ande­ren Ende einer Tele­fon­lei­tung Men­schen hin­ge­rich­tet wer­den:

Allein [in der Biblio­thek] kamen zehn Schü­ler um, zwölf wur­den ver­letzt. Die­ses Mor­de wur­den live über Tele­fon mit­an­ge­hört: Leh­re­rin Pat­ti Niel­son hat­te den Not­ruf gewählt, die Tele­fo­nis­tin hielt sie die gan­ze Zeit in der Lei­tung.

Ich habe den Autor Marc Pitz­ke vor zwei Tagen per E‑Mail gefragt, ob es sei­ne Idee war, die ver­stö­ren­den Doku­men­te zu ver­lin­ken, und ihn gefragt, ob sol­che Bild- und Ton­do­ku­men­te nicht even­tu­ell dazu bei­tra­gen könn­ten, alte Wun­den neu auf­zu­rei­ßen. Bis­her habe ich kei­ne Ant­wort erhal­ten.

Aber wie schon im letz­ten Jahr, als der 20. Jah­res­tag des Glad­be­cker Gei­sel­dra­mas anstand, fra­ge ich mich, ob die Pres­se auf alle his­to­ri­schen Quel­len zurück­grei­fen soll­te, die ihr zur Ver­fü­gung ste­hen. Klar: Wir haben alle ein paar Dut­zend Mal gese­hen, wie „Hin­den­burg“ und „Chal­len­ger“ explo­dier­ten, wie John F. Ken­ne­dy in den Kopf geschos­sen wur­de und die Bil­der von den Flug­zeu­gen, die ins World Trade Cen­ter kra­chen, sind welt­weit öfter über die Bild­schir­me geflim­mert als die Vide­os zu „Thril­ler“, „Smells Like Teen Spi­rit“ und „Baby One More Time“ zusam­men. (Die Bil­der aller­dings, auf denen die ver­zwei­fel­ten Men­schen aus den bren­nen­den Tür­men in den siche­ren Tod sprin­gen, sind für ame­ri­ka­ni­sche Medi­en weit­ge­hend tabu.) Aber hel­fen mir die­se Bil­der als Zuschau­er wei­ter?

Ich weiß die Ant­wort auf die­se Fra­gen wirk­lich nicht. Ich hat­te die Idee, dass es viel­leicht einen Unter­schied macht, wie vie­le Opfer es gab und in wel­cher Form die Täter auf­ge­tre­ten sind. Aber nach län­ge­rem Nach­den­ken war mir auch nicht mehr klar, war­um es da Unter­schie­de geben soll­te. Dann fie­len mir wie­der die Begrif­fe „Auf­klä­rung“ und „Nach­ah­mung“ ein: Wäh­rend uns die Bil­der aus den frisch befrei­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern dar­an erin­nern sol­len, dass so etwas nie wie­der pas­sie­ren darf, und die Chan­cen eher gering sind, dass mor­gen ein durch­ge­knall­ter Schü­ler anfängt, sei­ne eige­nen Gas­kam­mern zu mau­ern, sieht es bei school shoo­tings, die in der Regel von Ein­zel­tä­tern began­gen wer­den, genau anders­her­um aus: Wir kön­nen fast nichts dage­gen unter­neh­men, dass sie sich nicht wie­der­ho­len (außer die Waf­fen­ge­set­ze zu ver­schär­fen, uns mehr um gesell­schaft­li­che Außen­sei­ter zu küm­mern und unse­re Schu­len zu sozia­le­ren Orten machen), aber jede Wie­der­ho­lung der Bil­der kann als Inspi­ra­ti­on für Nach­ah­mer die­nen.

Pitz­kes Text ist wirk­lich nicht schlecht, er beschreibt in ein­zel­nen Moment­auf­nah­men, wie die Opfer und ihre Ange­hö­ri­gen mit den Fol­gen des Amok­laufs in Litt­le­ton umgin­gen und wie die­ser die gan­ze Gemein­schaft belas­te­te, sowie die Hilf­lo­sig­keit bei der Suche nach einem Tat­mo­tiv. Und den­noch wer­den den Lesern auch die Namen der Täter wie­der ins Gedächt­nis geru­fen – für den Fall, dass sie die­se ver­ges­sen haben soll­ten. Am 26. April wird man wie­der den Namen des Erfur­ter Amok­läu­fers lesen kön­nen und nächs­tes, über­nächs­tes Jahr am 11. März den des Mas­sen­mör­ders aus Win­nen­den. Und das wirft für mich die Fra­ge auf: Kann man sich auch an die Opfer eines Ver­bre­chens erin­nern, ohne an das grau­sa­me Ver­bre­chen selbst und – vor allem – an die Täter zu erin­nern?

Der „Spie­gel“ selbst hat mit sei­nem Titel­bild, das den Amok­läu­fer zeigt, dazu bei­getra­gen, ein mor­bi­des Denk­mal zu errich­ten. So ent­steht jene post­hu­me, media­le Unsterb­lich­keit, die für jun­ge Men­schen, die das Gefühl haben, sie hät­ten eh nichts mehr zu ver­lie­ren, ein Anreiz sein kann, den extre­men letz­ten Schritt zu gehen.

Nun kommt natür­lich gleich die Fra­ge auf, ob es irgend­et­was ändert, die Namen der Täter zu ver­schwei­gen. Der Psy­cho­lo­ge und Kri­mi­no­lo­ge Park Dietz fin­det, man sol­le sie nicht ins Zen­trum der Bericht­erstat­tung stel­len, und ich wür­de mir wün­schen, die Medi­en wür­den auf ihn hören. Denn ändert es etwas, ob wir den Namen des Täters, sein Gesicht und sein Lieb­lings­es­sen ken­nen? Gewiss: Es mag für die Bewer­tung der Tat einen gewis­sen Unter­schied machen, ob es sich um einen gemobb­ten Außen­sei­ter oder um einen sozi­al inte­grier­ten psy­chisch Kran­ken gehan­delt hat. Ande­rer­seits: Er ist in der Regel tot, sei­ne Opfer sowie­so, und zur Früh­erken­nung von Amok­läu­fern haben die diver­sen Erkennt­nis­se, die wir in den letz­ten zehn Jah­ren über ihre Pri­vat­le­ben erlangt haben, auch nicht bei­getra­gen.

Zuletzt sehe ich einen guten Grund, zumin­dest den Nach­na­men von Tätern zu ver­schwei­gen: die Ange­hö­ri­gen. Ich habe gera­de „In sei­ner frü­hen Kind­heit ein Gar­ten“ von Chris­toph Hein gele­sen, ein sehr emp­feh­lens­wer­tes Buch über ein Eltern­paar, deren Sohn als Ter­ror­ver­däch­ti­ger gilt und bei der ver­such­ten Ver­haf­tung erschos­sen wird. Neben dem Schmerz über den Tod des Kin­des kommt die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit hin­zu, die Last, die plötz­lich auf dem Nach­na­men liegt.

Als Timo­thy McV­eigh hin­ge­rich­tet wur­de, der beim Bom­ben­an­schlag von Okla­ho­ma City 168 Men­schen getö­tet hat­te, ver­öf­fent­lich­te die „Chi­ca­go Tri­bu­ne“ eine Lis­te mit den Namen aller Opfer und erzähl­te ein biss­chen was über sie. Chuck Klos­ter­man schrieb dazu, dass man außer­halb des eige­nen Freun­des­krei­ses jeden Men­schen mit einem Satz zusam­men­fas­sen kön­ne, und dass die­ser Umstand Men­schen dazu moti­vie­re, Kin­der zu krie­gen, weil man dann wenigs­tens greif­ba­re Spu­ren hin­ter­las­sen habe. Das gehe aber nicht immer gut:

Which is why the most depres­sing thing about the Okla­ho­ma City bom­bings is that there’s now an inno­cent woman who­se one-sen­tence news­pa­per bio will fore­ver be, „She was Timo­thy McVeigh’s mother.“