Scheiß auf Freunde bleiben

Von Lukas Heinser, 14. April 2008 18:47

Kürzlich fragte ich in die Runde der Dinslakener Schul- und Jugendfreunde, ob und wie sie eigentlich online zu erreichen wären. MySpace, Facebook, LiveJournal, Twitter, last.fm, … – es gäbe da ja zahlreiche Möglichkeiten. Eine der Antworten lautete sinngemäß, derartige Plattformen seien Zeitverschwendung und dienten nur der Ausbreitung des Privatlebens vor den Augen der Weltöffentlichkeit, persönliche Gespräche seien doch viel besser.

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob eine solche Aussage nicht eher zu greisen Redakteuren Lesern der „Süddeutschen Zeitung“ passe als zu aufgeschlossenen Mittzwanzigern – noch dazu, wenn diese schon aus beruflichen Gründen am Erhalt und Ausbau von Netzwerken interessiert sein sollten. Ich will aber gar nicht darüber urteilen, jeder Mensch soll bitte genau so leben und kommunizieren, wie er es für richtig hält. Ich will auf etwas völlig anderes hinaus: Die Gesellschaft wird sich über kurz oder lang nicht mehr (nur) in alt und jung, arm und reich, oder nach Wohnorten aufteilen, die Grenze wird entlang von „online“ und „offline“ verlaufen.

Natürlich: Ich verweigere mich ja auch vehement der Nutzung von StudiVZ (seit dem Eintrag sind bei denen noch mal etwa drei Dutzend neue Sündenfälle hinzugekommen). Wer das tut, verschließt sich automatisch einem breiten Teil seiner Altersgenossen, denn wenn jemand von denen online ist, dann bei StudiVZ. Andererseits stellt sich sowieso die Frage, ob man Leute, denen man in der Uni oder gar in der Schule ab und zu „Hallo“ gesagt hat, in unregelmäßigen Abständen „Wie geht’s?“ fragen und ihnen zum Geburtstag gratulieren sollte, wenn einen die entsprechende Website darauf hinweist. Ich habe Schulfreunde, die nicht bei Google zu finden sind, und zu denen ich seit Jahren keinen Kontakt mehr habe, was ich immerhin aufrichtiger finde, als wenn sie Karteileichen in meinem Facebook-Account wären.

Die meisten Leute, die davon sprechen „im Internet“ zu sein, meinen damit ihre E-Mail-Adresse für die ganze Familie bei T-Online, bei der sie einmal in der Woche nach elektronischer Post gucken. Das ist völlig in Ordnung und wer seine Eltern oder gar Großeltern einmal so weit gebracht hat, will ihnen nicht auch noch Usenet, IRC, Instant Messenger und VoIP-Dienste erklären. Als meine Großmutter mir einmal in einem Nebensatz mitteilte, dass sie dieses Blog hier lese, hätte ich fast meinen Kaffee gegen den Fernseher über den Tisch geprustet.

Außenstehenden zu erklären, worum es sich beim Barcamp Ruhr oder der re:publica handelte, wird schwieriger, je tiefer man in der Materie drin ist. Zwar konnte ich gerade noch so erklären, was ein Startup ist („ein junges Unternehmen im Internet“), aber die Frage nach Twitter hätte ich nicht beantworten wollen – geschweige denn die Frage, was man denn davon überhaupt habe.

Während die große Mehrheit an Leuten im Internet höchstens Nachrichten „Spiegel Online“ liest, befasst sich ein kleiner Kreis von Leuten mit immer schneller wechselnden Spielzeugen. Aus der Mode gekommene Sachen sind heute nicht mehr „so 2000“, sondern „so März 2008“. Das, was ich mittlerweile doch ganz gerne „Web 2.0“ nenne, ist selbst für viele Leute, die in Webforen und ähnlichen 1.0-Gebilden aktiv sind, oft genug noch terra incognita.

Ich war selbst lange Zeit skeptisch, was viele dieser Dinge angeht, habe aber mit der Zeit gemerkt, dass es gar nicht wehtut, Social Networks zu nutzen, zu twittern oder zu Treffen (pl0gbar, Barcamp, re:publica) hinzugehen. So habe ich über das Web 2.0 neue Leute kennengelernt und sogar neue Freunde gefunden. Mein Bekanntenkreis gliedert sich zunehmend in On- und Offliner, wobei ich mit ersteren fast täglich in Kontakt stehe, mit letzteren meist nur noch zu Weihnachten.

19 Kommentare

  1. amazeman
    14. April 2008, 19:26

    Gut beobachtet. Ich denke aber es sei dir erlaubt, auch zu schreiben, das Totalverweigerer manchmal schon nervig sind. (Es sei denn du denkst tatsächlich, jeder darf leben und kommunizieren wie er will ;-)

    Es gibt denke ich schon Situationen, in denen man Leute mit Nachdruck drauf hinweisen muss, dass sie ihre E-Mails (nicht nur einmal die Woche) lesen müssen.

  2. Sal
    14. April 2008, 20:06

    Durchaus alles nicht verkehrt. Social Networks sind eben nicht nur nette (zusätzliche) Spielereien, sondern mehr und mehr der modus operandi sozialer Gefüge; wie Menschen ihre Freund- und Bekanntschaften pflegen, wie sie ihr soziales Leben organisieren oder ganz generell, wie sie miteinander kommunizieren. Und das unterscheidet sich so erheblich davon, wie es früher war, dass ich mir heute gar nicht mehr vorstellen kann, wie man es früher auf die Reihe bekommen hat, seinen Bekanntenkreis „analog zu organisieren“. Davon, wie es vor 10+ Jahren war, als noch nicht mal Handys eine Selbstverständlichkeit waren, ganz zu schweigen. Das ist ein gefühltes Jahrhundert her. Wie drastisch sich das alles in den letzten Jahren verändert hat, ist durchaus eine „Revolution des Sozialen“, oder wie man es auch immer bezeichnen mag; und das rechtfertigt durchaus auch die Einteilung der Gesellschaft in online und offline.

    Allerdings gehöre ich in Sachen Social Networks auch zu den Totalverweigerern. Ich hab gegen StudiVZ, Facebook & Co. so eine diffuse Abneigung, die ich nicht wirklich präzisieren kann, und tendiere stattdessen dazu meinen Bekanntenkreis über Skype und sonstige Instant-Messenger zu organisieren.

  3. Nummer 9
    14. April 2008, 20:10

    Grade heute wurde ich wieder von zwei Leuten bei Xing geadded. Mit der einen bin ich zur Schule gegangen – das ist mittlerweile 9 Jahre her und seitdem nichts mehr von ihr gehört (geschweige denn in der Schulezeit mit ihr zu tun gehabt). Mit der anderen habe ich studiert, das ist jetzt 3 Jahre her und habe seitdem nichts mehr von ihr gehört.

    Ob sich das jetzt dadurch wieder ändert oder nicht… ich bin skeptisch. Aber man hat sich wieder im Blick.

  4. Sebastian
    14. April 2008, 21:06

    Hat Deine Großmutter wirklich „Blog“ gesagt? Meine Famlilie liest nämlich nur meine „Homepage“ (und ich hege den starken Verdacht, dass auch sie es sind, die mein Blog jedesmal aufrufen, in dem sie bei Google meinen vollen Namen eingeben).

  5. Lukas
    15. April 2008, 0:26

    @amazeman: Ach, die sollen schon alle so kommunizieren, wie sie wollen. Wenn sie nicht alle drei Minuten in ihren Posteingang oder auf ihr Handy gucken müssen, finde ich das mitunter schon beneidenswert. Außerdem will ich mir nicht andererleuts Kopf zerbrechen, wie sie am Besten berufliche Netzwerke aufbauen.

    @Sebastian: Ich glaube, sie sagte sowas wie „bei Dir im Internet“ oder so.

  6. Mjays Planet
    15. April 2008, 12:24

    Das Internet unter Generalverdacht…

    Warum sich die deutsche Blogosphäre so schwer tut, sich zu behaupten.
    Nachdem sich der Wirbel um den Artikel in der Netzeitung etwas gelegt hat, sollen hier noch ein paar Gedanken dazu geäußert werden. Ich hatte mich in in den Kommentaren zu meinem …

  7. ruhrpottjunge
    15. April 2008, 12:50

    Um wieder einmal wird die Mär von den für den beruflichen Erfolg ach so bedeutsamen „Netzwerken“ nachgeplappert. Wenn Netzwerke eine Bedeutung haben, dann mit Sicherheit nicht solche wie die bekannten „Social Networking“-Seiten, die nur Klickibuntikontakti bieten. Dann schon eher richtige Netzwerke aus richtigen Menschen im richtigen Leben.

    Und selbst da: Es gibt welche, die können was – die haben Erfolg. Und es gibt welche, die können nichts – die sezten auf „ir Netzwerk“.

  8. Learnmore D.
    15. April 2008, 16:27

    Mir ist aufgefallen, dass gerade in Deutschland noch viele Leute Probleme mit der „Social Web“- Kommunikation haben. Auch wenn sie „im Netz“ sind. In etwa einem Jahr in Myspace bin ich bei deutschen Usern (am schlimmsten: meine Mit-Berliner) auf ziemliche Verhaltensunsicherheiten gestoßen, Freundesanfragen wurden mit Pampigkeiten beantwortet – bis ich einem dieser Kandidaten mal eine Mail geschickt habe, um zu fragen, warum er sich in einem quasi öffentlichen Raum präsentiert, wenn er die Begegnung mit Fremden dort als erklärungswürdig betrachtet … Im Gegensatz dazu waren Amerikaner z. B. meist sehr höflich, lobten Sachen, die ihnen gefielen. Das gilt hierzulande ja als „Oberflächlichkeit“.

  9. ElRayo
    15. April 2008, 18:53

    Ich halte das Internet für eines der überschätztesten Medien ever.

    Nichts hier ist evidenzbasiert, alles bloß lose daherschwadroniert, nicht stichhaltig.
    Eine Seifenblase halt. Geblubber.

  10. Lukas
    15. April 2008, 23:26

    @ruhrpottjunge: Es geht mir nicht mal um den beruflichen Erfolg (obwohl der sicher kein Mär ist). Ich finde es einfach spannend, neue Leute kennenzulernen, die wenigstens am anderen Ende der Republik hocken – wenn nicht gar der Welt.

  11. ruhrpottjunge
    16. April 2008, 7:11

    Vor die Wahl gestellt – und der begrenzenden Faktor Zeit stellt uns immer vor die Wahl – ist mir die Festigung bestehender, im wirklichen Leben entstandener und erprobter Freundschaften immer wichtiger als wahlloses „Leute Kennenlernen“. Jeder „Leut“, zu dem ich einen oberflächigen Klick-Kontakt halte, nimmt mir Zeit und Fokussierung auf die fünf bis zehn Leute, die als Freunde in meinem Leben wirklich wichtig sind und die auch wichtig bleiben, wenn sich um mich herum viel verändert.

    Ich bin glücklich (und übrigens auch erfolgreich), ohne je „Social Networking“ betrieben zu haben.

  12. amazeman
    16. April 2008, 10:57

    @ruhrpottjunge – Es gibt tatsächlich eine lebenswerte Welt jenseits von Geld und Karriere.

    Ansonsten – Wer Granovetter liest weiss, es sind nicht die festen Beziehungen sondern die flüchtigen Bekannten die Berufschancen eröffnen – Da einen online/offline Unterschied hineinzuinterpretieren ist eigentlich blöd. Die ‚Mär‘, dass Internet flüchtige Bekanntschaften fördert ist keine Fiktion von Realitätsverweigerern sondern Fakt.

    Online Social Networks zu ignorieren ist zudem eine Option und keine hochtrabende Lebensentscheidung.

  13. Kathrin
    16. April 2008, 14:43

    Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dieses wilde Internetzeugs auch durchaus gute Seiten haben kann und einen auch näher an die lokalen Freunde bringen kann.
    Auch diese „oberflächlichen Klick-Kontakte“ können zu guten Freundschaften werden, zumindest bei mir was das der Fall. Erproben sollte man seine Onlinekontakte sowieso irgendwann, und dafür gibt es dann ja zentrale „Treffen“ (BarCamps, pl0gbars, Messen) oder einfach mal das persönlich abgemachte Zusammentreffen. Einfach mal ausprobieren. Hilft.

  14. ruhrpottjunge
    16. April 2008, 14:45

    Einfach mal sein lassen. Nicht alles ausprobieren. Hilft auch.

  15. openbc
    18. April 2008, 17:24

    Hast du auch nach OpenBC/Xing gefragt?

  16. Lukas
    18. April 2008, 17:48

    Ich habe nur nach den Sachen gefragt, die ich selber nutze – also weder nach StudiVZ, noch nach Xing. Natürlich bin ich (wie ich ja oben auch schreibe) damit automatisch selber Teil einer Verweigerung.

  17. Roland
    19. April 2008, 7:51

    … drauf hinweisen muss, dass sie ihre E-Mails (nicht nur einmal die Woche) lesen müssen.
    Das ist ja wohl an Egoismus und Selbstüberschätzung kaum zu übertreffen! Irgendwo darüber steht etwas von Leben. Ich nenne dies jedoch „funktionieren“, wenn ich mich ständig und überall zur Kommunikation bereitstelle. Wenn es jemandem nicht passt, wie und wann ich kommuniziere, darf er mich gerne aus seiner „Bekanntenliste“ streichen.
    Damit kein falscher Verdacht aufkommt: ich rufe meine Mails täglich ab. Doch auf „Bekannte“, die mir derart vorschreiben wollten, wie ich mein (Privat)leben zu gestalten hätte, würde ich aus Prinzip verzichten. Meine Entscheidung, oder?

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