Beiträge vom April, 2009

Understanding In A Car Crash

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 30. April 2009 16:13

Warnung!

In diesem Eintrag werden Seiten verlinkt, auf denen brutale und verstörende Fotos bzw. Videos zu sehen sind. Wenn Sie empfindlich auf solche Darstellungen reagieren oder es Ihnen reicht, sich vorzustellen, wie die Opfer eines Verkehrsunfalls aussehen, dann klicken Sie bitte auf keinen dieser Links!

Da hat man sich den Mund fusselig diskutiert nach dem Amoklauf von Winnenden, hat an journalistische Ethik oder einfach nur an den gesunden Menschenverstand appelliert, wenn es um Gewaltdarstellungen in den Medien ging. Gerade letzte Woche hatte ich mich und mögliche mitlesende Journalisten mal wieder gefragt (da dürften Sie jetzt drauf klicken, das ist nur ein Coffee-And-TV-Artikel), ob man eigentlich alle Quellen nutzen müsste, die einem so zur Verfügung stehen, um ein schreckliches Ereignis aufzubereiten.

Aber letztlich braucht es wohl einfach nur genug Blut und in den Gehirnen der Online-Redakteure reißen die letzten Synapsen ab.

Im niederländischen Apeldoorn ist bei der Parade zum heutigen Königinnentag gegen 12 Uhr Mittags ein Auto in die Menschenmenge gefahren und erst vor einem Denkmal zum Stehen gekommen. Im Moment geht man von vier Toten und mindestens 20 Verletzten aus.

Weil sich zumindest Teile dieses Unfalls in der direkten Nähe des königlichen Busses abspielten, wurden diese Bilder live im Fernsehen übertragen. Dass grausame Dinge on air passieren, gehört zu den Risiken einer Live-Übertragung. Die Frage ist, wie man in den nächsten Momenten damit umgeht.

Die Sender des niederländischen RTL haben Videos ins Internet gestellt, auf denen Menschen über die Straße geschleudert werden. Zuschauer schreien entsetzt (und gut hörbar) auf, später sieht man Polizisten bei verzweifelten Wiederbelebungsversuchen. Ich weiß nicht, was davon live über den Sender ging und was “nur” aufgenommen wurde — ich bin mir nur ziemlich sicher, dass die Betrachtung dieser brutalen Bilder keine zwingende Voraussetzung für ein Verständnis des Vorgangs “Auto rast in Menschenmenge” darstellt.

In den niederländischen Fernsehsendern sind die Bilder des Vorfalls immer wieder zu sehen — auf manchen nur die letzten Meter, bevor das Auto in die Umzäunung des Denkmals kracht, auf den Sendern der RTL-Gruppe auch noch mal ein paar Menschen, die getroffen werden. Reporter der Privatsender stehen vor dem Auto-Wrack, während im Bildhintergrund die abgedeckten Leichen liegen, die Öffentlich-Rechtlichen haben ihre Reporter inzwischen vor dem Königspalast abgestellt.

Aber die niederländischen Medien, die eh sehr viel liberaler sind im Umgang mit expliziten Darstellungen, sollen uns hier nur am Rande und unter exotischen Aspekten interessieren. Wir haben ja unsere eigenen Medien, allen voran die im Internet.

Trash-Portale wie “Spiegel Online”, Bild.de, focus.de und stern.de, aber auch FAZ.net zeigen Bildergalerien, in denen man sich unter anderem darüber informieren kann, wie eigentlich schwere Kopfverletzungen oder Mund-zu-Mund-Beatmungen aussehen.

tagesschau.de zeigt als Aufmacherbild eine Totale (wie man sie auch in der “Netzeitung” und der Klickstrecke von “RP Online” findet) mit mehreren Verletzen, während im Fernsehbeitrag hauptsächlich entsetzte Augenzeugen (darunter ein weinendes Kind) zu sehen sind.

Spekulationen schießen (natürlich) ins Kraut und Bild.de brauchte nur wenige Zentimeter, um aus einer Frage …

Schock für Beatrix am Königinnentag in Holland: War es ein Anschlag? Autofahrer raste in Menschenmenge - vier Tote und fünf Schwerverletzte

… eine Tatsache zu machen:

Anschlag auf Königin Beatrix: Der Bus mit der königlichen Familie – nur wenige Meter trennen ihn von der Stelle, an der der Suzuki in das Denkmal gerast ist. In der Mitte zu erkennen...

Beim Westen war vermutlich eher sprachliches Unvermögen als Zynismus Schuld an einer Bildunterschrift wie dieser:

Begeistert warten die Zuschauer im holländischen Apeldoorn auf den Besuch der Königsfamilie, als ein Auto in die Menschenmenge rast.

(Unnötig zu erwähnen, dass das Foto natürlich keine begeisterten Wartenden zeigt, sondern in Bewegung befindliche Unfallopfer. Der Bildausschnitt wurde übrigens später noch verändert, so dass nun weniger von den Körpern und mehr vom Auto zu sehen ist.)

Von allen großen Portalen, die mir spontan einfielen, kommt nur sueddeutsche.de ohne allzu brutale Fotos und/oder Bildergalerien aus. Allerdings erhielt meine zaghafte Erleichterung einen Dämpfer, als ich in den Kommentaren zum Artikel erst Kritik an (offenbar vorher dort gezeigten) Bildern fand und dann das hier las:

 30.04.2009  14:29:35 Moderator (sueddeutsche.de): Liebe user, obwohl das von uns zunächst gezeigte Bild aus dokumentarischen Gründen auch in anderen Publikationen zu sehen war, haben wir uns aus Pietätsgründen dazu entschieden ein anderes Bild zu verwenden. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Moderator

Die obligatorische Gegenprobe beim Online-Auftritt des “Guardian” ergab: Ein zertrümmertes Auto sagt auch viel aus.

Mit besonderem Dank an unsere Niederlande-Korrespondentin Leonie.

Nachtrag, 23:55 Uhr: Zu früh gelobt: Der “Guardian” hat mit einer Bildergalerie und einem Video nachgelegt, wo Bilder zu sehen sind, die meines Erachtens auch nicht nötig wären.

What Difference Does It Make?

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 30. April 2009 13:20

Ich zeig Euch Individualität!

Als ich 16 Jahre alt war, stand ich vor einem moralischen Dilemma: WDR 2 hatte angekündigt, ein Konzert meiner Lieblingsband Ben Folds Five auszustrahlen. Einerseits freute ich mich darüber, die Band mal “live” zu hören,1 andererseits dachte ich, damit sei die Band endgültig im Mainstream angekommen.2 Ich las “Soloalbum” und “Tristesse Royale”, die voller Arroganz und Distiktionswut waren, und freute mich, als der deutsche “Rolling Stone” die “Drawn From Memory” von Embrace schlecht bewertete, weil ich dachte, dann würden weniger Leute diese CD hören. Das alles ist lange her und mein damaliges Verhalten bezeichnet man analog zur damaligen Lebensphase als pubertär.

Heute freue ich mich, wenn Bands, die ich schätze, in die Charts einsteigen, weil das die Chance erhöht, dass die Musiker von ihrer Musik auch leben können. Natürlich ist es schade, Bands wie Coldplay oder die Killers nicht mehr in kleinen Clubs sehen zu können,3 aber es kommen ja fast täglich neue Bands für die Clubs dazu und unter einem kulturellen Aspekt ist es doch allemal besser, wenn die Friseurinnen und Kindergärtnerinnen, die man bei Coldplay-Konzerten argwöhnisch mustert, eben solche Musik hören und nicht Silbermond.

Natürlich gibt es auch heute noch Menschen, die Bands automatisch scheiße finden, wenn sie mehr als 300 Hörer haben,4 aber die nennt man dann eben “Indienazis” und sie müssen zur Strafe Texte von Jan Wigger, Diedrich Diederichsen und Plattentests online lesen.

Das alles kam mir in den Sinn, als ich durch Zufall einen Eintrag im Blog von Stefan Winterbauer auf meedia.de las:

Problem: Das iPhone ist gewöhnlich geworden.

Mittlerweile ist das Gerät derart weit verbreitet (selbst unter Studenten!), dass es beim besten Willen nicht mehr als Statussymbol herhalten kann. Manchmal muss man sich geradezu schämen. Zum Beispiel, wenn ein Vertriebs-Ochse in Kurzarm-Hemd und schriller Krawatte im Zug ein iPhone zückt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst der Text gemeint ist,5 glaube aber, dass sich im Zweifelsfall genug Menschen fänden, die Winterbauer auch dann zustimmen würden, wenn er das eigentlich irgendwie augenzwinkernd gemeint hätte.

Jetzt denkt jeder Schlipsträger aus Vertrieb und Mittel-Management, ein bisschen was von Glanz und Sexyness des iPhone abhaben zu können. No way. Das Gegenteil ist der Fall. Dadurch, dass diese Schnauzbartträger, Kurzarmhemden und blonde Damen auf hohen Hocken jetzt alle ein iPhone haben, machen sie den Mythos kaputt.

Winterbauer sitzt da zunächst einmal einem weit verbreiteten Missverständnis auf: Unterwegs zu telefonieren – oder breiter gefasst: zu kommunizieren – hat nichts mit Glamour und Sexyness zu tun, sondern mit Abhängigkeit oder mangelnder Organisation. Wer noch auf dem Nachhauseweg in der S-Bahn mit dienstlichen Problemen behelligt wird, wäre selbst dann noch ein armes Schwein, wenn er mit einem Platinbarren telefonierte, und wer aus dem Zug seine Ankunftszeit mitteilt, war in den meisten Fällen nur zu faul, sich vorher eine Verbindung herauszusuchen und dann rechtzeitig am Bahnhof zu sein.6

Als in der letzten Woche das Mobilfunknetz von T-Mobile zusammenbrach war ich aufrichtig überrascht über die Auswirkungen, die das auf das Leben vieler Menschen zu haben schien. Mein ME 45 mit Prepaid-Karte dient mir in erster Linie als Uhr und Wecker, mit dem ich hin und wieder SMSen schreiben kann. Und als ich feststellte, dass ich nach wie vor über T-Mobile telefonieren konnte, musste ich 20 Minuten überlegen, wen ich eigentlich anrufen könnte, um ihm diese (völlig irrelevante) Sensation mitzuteilen.

Das heißt nicht, dass ich das iPhone an sich schlecht fände — ich bin ja auch von meinem iPod touch ziemlich begeistert. Aber den mag ich, weil es ein gut durchdachtes und funktionierendes technisches Gerät ist, nicht wegen des angebissenen Apfels auf der Rückseite.7 Auch mein MacBook nutze ich, weil ich Apples Betriebssystem gelungener finde als Windows, weil der Akku länger hält und auch – das gebe ich gerne zu – weil das Gerät einfach besser aussieht als so ziemliche jeder andere Laptop — aber doch nicht aus Prestigegründen.

Wer glaubt, sich über sein Mobiltelefon profilieren und von anderen abgrenzen zu müssen, hat möglicherweise zu wenig Geld für den Porsche, der von den zu kleinen Genitalien ablenken soll. Es ist mir ein Rätsel, warum ausgerechnet ein Kommunikationswerkzeug Ausdruck von Individualität sein sollte.8 Wer anders sein will, muss sich schon ein bisschen mehr Mühe geben — zum Beispiel indem er die bei H&M gekauften Motiv-T-Shirts erst mal ein Jahr in den Schrank packt, ehe er sie trägt. Sogar die Punks sahen irgendwann alle gleich aus mit ihren Irokesenschnitten und Sicherheitsnadeln.

Und wer Menschen bewundert, nur weil sie ein teures Spielzeug mit sich führen, ist möglicherweise noch oberflächlicher als der Technik-Besitzer selbst, der einen gerade für Schnauzbart und Kurzarmhemd verachtet.

  1. Ja, liebe Kinder, damals hatten wir noch kein YouTube und Live-Mitschnitte von Konzerten waren seltene Sammlerstücke. []
  2. Ich saß damals der selben Fehlinterpretation des Begriffs “Mainstream” auf, die heute im Bezug auf die Verbreitung von twitter die Runde macht. []
  3. Als ob ich das je hätte. []
  4. Wer sich eine Band durch äußere Umstände verleiden lässt, hat sie meines Erachtens nie wirklich gemocht. []
  5. Mein Ironie-Detektor ist gerade zur Jahres-Inspektion. []
  6. Ich weiß, wovon ich spreche. []
  7. Die Rückseite ist übrigens sowieso ein Desaster. Der Idiot, der auf die Idee gekommen ist, einen Gebrauchsgegenstand zur Hälfte mit einer hochglänzenden Metallic-Oberfläche zu versehen, sollte eigentlich öffentlich ausgepeitscht werden, bis er genauso viele Striemen auf dem Hintern hat wie mein iPod Kratzer. []
  8. Wobei ein iPhone ja in der Regel sehr individuell ist: Man kann einen Sinnspruch eingravieren lassen und Programme und Musik nach eigenem Wunsch darauf überspielen. []

Klickbefehl (18)

Von Lukas Heinser am Montag, 27. April 2009 18:52

[D]as Internet, vertreten durch die, die dort anzutreffen sind, mag es nicht, wenn man es nicht mag. Es ist dann schnell beleidigt, denn es ist noch jung und nicht besonders souverän. Aber das verwächst sich sicher noch.

Peter Richter hat gestern in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” über die Zukunft des Buches geschrieben (so viel vorweg: Es gibt eine). Es ist ein kluger, mitunter sehr komischer Artikel, der gegen Ende leider ein bisschen zu sehr in Richtung der “Google ist böse!”-Linie der Verlage abrutscht.

Man sollte ihn aber trotzdem gelesen haben und das kann man bei FAZ.net jetzt tun.

Liveblog: Das perfekte Promi-Dinner

Von Coffee And TV am Sonntag, 26. April 2009 19:59

Programmhinweis: Sie kocht den DJ

Von Lukas Heinser am Samstag, 25. April 2009 18:27

Morgen bekochen sich beim “perfekten Promi-Dinner” auf Vox folgende Personen: Theo “Mahn Man” West (wir erinnern uns), Oliver Beerhenke (“Upps! – Die Super-Pannenshow), Kelly Trump (“Beate Uhse TV”) und Michael “Der König des Pop-Schlagers” Wendler.

Da es immer noch eher selten vorkommt, dass bundesweit empfangbare Fernsehprogramme zu Teilen in Dinslaken-Oberlohberg produziert werden, wollen wir diese Sendung zum Anlass nehmen, mal wieder ein Promi-Dinner live zu bloggen:

Am Sonntag, 26. April 2009
Ab 20:00 Uhr
Auf coffeeandtv.de

Aaaah, Glückauf

Von Lukas Heinser am Freitag, 24. April 2009 14:10

Bochum im Frühling

Als BILDblogger muss man regelmäßig “Bild” lesen. Um nicht als Vorzeige-Leser zu gelten und irgendwann namentlich begrüßt zu werden, versuche ich, meine Zeitung immer woanders zu kaufen. Bei uns im Viertel gibt es eine Tankstelle, einen Aldi, eine Lottoannahmestelle und ein Büdchen, die “Bild” im Sortiment haben. Ich versuche mich an einem rotierenden System, gehe aber trotzdem am liebsten zum Büdchen.

Das liegt nicht nur am nächsten, es hat auch die schönste Atmosphäre: Neben Boulevardzeitungen werden dort auch Eis und gemischte Tüten verkauft. Da ich nicht weiß, ob letzteres außerhalb des Ruhrgebiets überhaupt bekannt ist, hier eine kurze Erklärung: In zahlreichen Glas- oder Plastikgefäßen lagern verschiedene Süßigkeiten, die einem der Büdchen-Besitzer dann nach Wunsch (“Drei Frösche, vier Salami-Brezeln und drei Cola-Kracher”) oder nach Pauschale (“Eine gemischte Tüte für einen Euro, bitte”) zusammenstellt. Das ist zwar teurer als im Supermarkt, fühlt sich aber besser an.

Schon die knapp 200 Meter zum Büdchen sind wunderbar. An manchen Computer-intensiven Tagen sind sie das einzige, was ich von der Außenwelt sehe. Im Moment zeigt sich der Frühling von seiner knalligsten Seite (Büsche in pink und gelb leuchten am Wegesrand) und die Menschen bringen ihre Balkone und Vorgärten in Ordnung. Da werden Fenster geputzt, Rasen gemäht und Treppen geschrubbt.

Vorhin sah ich eine alte Frau in Kittelschürze, die sich mit einem Leder, dessen Oberfläche zu mehr als 50% aus Löchern bestand, und einem Schrubber abmühte. Kinder gingen von der nahen Grundschule nach hause, sagten so kluge Kindersätze wie “Die größte Winterzeit war mal in Norwegen. Da waren Minus neunenneunzich Grad!” und ein Mädchen erinnerte mich unfreiwillig an eines meiner größten Kindheitstraumata: Mit dem Tornister auf dem Rücken hinfallen und dann hilflos wie ein Maikäfer liegen bleiben.

Literaturtipps zum Welttag des Buches

Von Lukas Heinser am Donnerstag, 23. April 2009 0:03

Bücher (Symbolfoto)

Buchbesprechungen sind hier ja eher die Sache von Annika, aber ich dachte mir, zum Welttag des Buches kann ich auch mal ein bisschen was über Literatur erzählen.

Und das hab ich dann auch getan: Eine gute halbe Stunde über die Bücher geredet, die ich seit meiner letzten Buchvorstellungsrunde gelesen habe. Es geht um große Namen und kleine Meisterwerke, um Christoph Hein, Daniel Kehlmann, Hartmut Lange, Chuck Klosterman und Goethe.

Wir nennen es Podcast:

 

Literaturtipps zum Welttag des Buches (Zum Herunterladen rechts klicken und “Ziel speichern unter …” wählen.)

Sie können die Podcasts übrigens auch als eigenen Feed abonnieren. An der Einbindung in iTunes arbeiten wir gerade.

Wir sind noch nicht so weit

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 22. April 2009 14:20

Es gibt wohl mal wieder Grund für Kritik an der Bundesregierung und jede Menge Aufschreie aus der Blogosphäre. Einige Stimmen meinen gar, die Bundesregierung wolle den Faschismus einführen.

Ich halte das für Unsinn. Diese Bundesregierung könnte den Faschismus nicht einführen, wenn sie es wollte. Sie kann nur versehentlich den Boden dafür bereiten.

Denn wenn man sich die Pressekonferenz angesehen hat, auf der Nicht-Wilhelm von Guttenberg, Ursula von der Leyen und Brigitte Zypries heute über die Internetsperren gegen Kinderpornographie gesprochen haben, kann man nur zu einem Schluss kommen: Diese Menschen wissen wirklich nicht, wovon sie reden. Es gilt das gleiche wie in den Debatten über Bundestrojaner und “Killerspiele”: Ja, die Beteiligten sind ahnungslos — aber böswillig? Wohl kaum.

Don Dahlmann und Thomas Knüwer haben schöne Texte geschrieben über die “Systemkämpfe” bzw. die “digitale Spaltung”, die der Gesellschaft drohen. Ich habe das vor einem Jahr auch schon mal an ganz privaten Beispielen durchexerziert.

Und bei aller vermutlich sehr berechtigten Kritik an den ganzen Vorhaben dieser Berliner Dilettanten frage ich mich immer wieder, ob wir “Internetaktivisten”, deren Zahl ich mal sehr großzügig auf 500.000 Menschen schätzen möchte, nicht so eine Art digitale Autoschrauber sind: Nerds mit einem schönen Hobby, das aber gesellschaftlich nur bedingt relevant ist.

Die Millionengroßen Nutzerzahlen von YouTube, MySpace, Facebook und StudiVZ sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Internet für die allermeisten Nutzer in Deutschland so etwas ähnliches ist wie ein Auto (isch abe gar keins) für mich: Es ist praktisch, aber wie es funktioniert und was damit noch möglich wäre, ist irgendwie egal. Für diese Menschen ist Google “das Internet”, und sie nutzen es, um mit Freunden zu kommunizieren, für die Uni zu recherchieren und billige Flugreisen zu buchen. Eine Zensur von regierungskritischen Internetseiten, wie sie immer wieder an die Wand gemalt wird, hätte für diese Gelegenheits-User vermutlich die gleiche Bedeutung wie ein Tempolimit für mich: Es wäre ihnen egal.

Selbst wenn wir eine Million wären: Wir stünden immer noch mehr als 80 Millionen Menschen gegenüber. Zwar ist Masse in den seltensten Fällen ein Beleg für die Richtigkeit von Ideen, aber über deren wahre Bedeutung entscheidet immer noch der Verlauf der Geschichte. Und so wird die Zukunft zeigen, ob das Internet mit all seinen Chancen und Gefahren, mit all dem Tollen und Abscheulichen (das ich ja immer schon nur für eine digitale Abbildung der Lebenswirklichkeit gehalten habe), wirklich in eine Reihe mit den großen Errungenschaften der Menschheit (Feuer, Rad, geschnitten Brot) gehört, oder ob es “nur” ein sehr, sehr gutes Werk- und Spielzeug war.

Mich beschleichen immer wieder Zweifel, ob das World Wide Web wirklich das große Demokratie-Instrument ist, als das es gefeiert wird. Ich glaube schon, dass da ein enormes Potential vorhanden ist, aber noch weiß kaum jemand davon. Die Deutschen schimpfen einerseits seit Erfindung ihres Landes auf “die da oben”, sind aber andererseits in besorgniserregend hoher Zahl mit der “Arbeit” von Angela Merkel zufrieden. Diesen Menschen die Chance auf Mitbestimmung zu geben käme vermutlich ähnlich gut an, wie wenn man ihren Fliesentisch zerschlüge und ihnen “Du bist frei von den Fesseln des Kleinbürgertums!” entgegen riefe.

PS: Persönlich enttäuscht bin ich von Ursula von der Leyen, die ich bisher immer für eine kompetente und erfrischend progressive Familienministerin gehalten habe. Ich weiß nicht, ob sie einfach schlechte Berater hat, oder ob ihr die Berliner Luft nicht bekommt. Aber letzteres wäre durchaus verständlich.

Die zwei Bedeutungen von “Erinnerung”

Von Lukas Heinser am Dienstag, 21. April 2009 16:46

Wenn man sich tagein, tagaus mit den kleinen und großen Fehlern von Medien beschäftigt, sieht man irgendwann überall Merkwürdigkeiten. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich nur übersensibilisiert bin, oder ob der folgende Absatz tatsächlich ein bisschen gaga ist:

Carla June Hochhalter, 48, nahm sich am 22. Oktober 1999 das Leben. Das Datum ihres Selbstmords war kein Zufall. Fast genau sechs Monate zuvor war ihre Tochter Anne Marie bei dem Massaker in der Columbine High School so schwer verletzt worden, dass sie seither an den Rollstuhl gefesselt war.

“kein Zufall” und “fast genau” in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen?!

Das Gute ist: Wir müssen uns gar nicht mit diesen zwei Sätzen aufhalten, wenn es um den Artikel geht, den Marc Pitzke für “einestages” geschrieben hat, das Zeitgeschichtsportal von “Spiegel Online”. Es gibt viel spannendere Fragen.

Der zehnte Jahrestag von Columbine, wie die Tragödie hier nur heißt, dürfte viele der alten Wunden neu aufreißen.

schreibt Pitzke. Und wer sich das nicht vorstellen kann, wie sich das Aufreißen alter Wunden ungefähr vorstellt, der kann zwei Absätze in diesem Absatz auf einen Link klicken:

News-Moderatoren waren sprachlos angesichts der Szenen des Grauens, wie etwa die Bilder von Patrick Ireland, 17, der sich, blutüberströmt, in den Kopf getroffen und halb gelähmt, aus dem zerschossenen Fenster der Cafeteria im ersten Obergeschoss in die Arme des Sondereinsatzkommandos der Polizei stürzte. “Ein Alptraum”, erinnerte sich Pauline Rivera vom lokalen TV-Sender KMGH später. Sie nannte es den Tag, “als die Unschuld starb”.

Der Link führt zu einem Video, in dem sich Patrick Ireland, 17, blutüberströmt, in den Kopf getroffen und halb gelähmt, aus dem zerschossenen Fenster der Cafeteria im ersten Obergeschoss in die Arme des Sondereinsatzkommandos der Polizei stürzt. Und wenn der Link mit den Worten “bloody as hell” anmoderiert worden wäre, sie hätten nicht zu viel versprochen.

Ein paar Absätze später kann man sich anhören, wie das klingt, wenn am anderen Ende einer Telefonleitung Menschen hingerichtet werden:

Allein [in der Bibliothek] kamen zehn Schüler um, zwölf wurden verletzt. Dieses Morde wurden live über Telefon mitangehört: Lehrerin Patti Nielson hatte den Notruf gewählt, die Telefonistin hielt sie die ganze Zeit in der Leitung.

Ich habe den Autor Marc Pitzke vor zwei Tagen per E-Mail gefragt, ob es seine Idee war, die verstörenden Dokumente zu verlinken, und ihn gefragt, ob solche Bild- und Tondokumente nicht eventuell dazu beitragen könnten, alte Wunden neu aufzureißen. Bisher habe ich keine Antwort erhalten.

Aber wie schon im letzten Jahr, als der 20. Jahrestag des Gladbecker Geiseldramas anstand, frage ich mich, ob die Presse auf alle historischen Quellen zurückgreifen sollte, die ihr zur Verfügung stehen. Klar: Wir haben alle ein paar Dutzend Mal gesehen, wie “Hindenburg” und “Challenger” explodierten, wie John F. Kennedy in den Kopf geschossen wurde und die Bilder von den Flugzeugen, die ins World Trade Center krachen, sind weltweit öfter über die Bildschirme geflimmert als die Videos zu “Thriller”, “Smells Like Teen Spirit” und “Baby One More Time” zusammen. (Die Bilder allerdings, auf denen die verzweifelten Menschen aus den brennenden Türmen in den sicheren Tod springen, sind für amerikanische Medien weitgehend tabu.) Aber helfen mir diese Bilder als Zuschauer weiter?

Ich weiß die Antwort auf diese Fragen wirklich nicht. Ich hatte die Idee, dass es vielleicht einen Unterschied macht, wie viele Opfer es gab und in welcher Form die Täter aufgetreten sind. Aber nach längerem Nachdenken war mir auch nicht mehr klar, warum es da Unterschiede geben sollte. Dann fielen mir wieder die Begriffe “Aufklärung” und “Nachahmung” ein: Während uns die Bilder aus den frisch befreiten Konzentrationslagern daran erinnern sollen, dass so etwas nie wieder passieren darf, und die Chancen eher gering sind, dass morgen ein durchgeknallter Schüler anfängt, seine eigenen Gaskammern zu mauern, sieht es bei school shootings, die in der Regel von Einzeltätern begangen werden, genau andersherum aus: Wir können fast nichts dagegen unternehmen, dass sie sich nicht wiederholen (außer die Waffengesetze zu verschärfen, uns mehr um gesellschaftliche Außenseiter zu kümmern und unsere Schulen zu sozialeren Orten machen), aber jede Wiederholung der Bilder kann als Inspiration für Nachahmer dienen.

Pitzkes Text ist wirklich nicht schlecht, er beschreibt in einzelnen Momentaufnahmen, wie die Opfer und ihre Angehörigen mit den Folgen des Amoklaufs in Littleton umgingen und wie dieser die ganze Gemeinschaft belastete, sowie die Hilflosigkeit bei der Suche nach einem Tatmotiv. Und dennoch werden den Lesern auch die Namen der Täter wieder ins Gedächtnis gerufen — für den Fall, dass sie diese vergessen haben sollten. Am 26. April wird man wieder den Namen des Erfurter Amokläufers lesen können und nächstes, übernächstes Jahr am 11. März den des Massenmörders aus Winnenden. Und das wirft für mich die Frage auf: Kann man sich auch an die Opfer eines Verbrechens erinnern, ohne an das grausame Verbrechen selbst und – vor allem – an die Täter zu erinnern?

Der “Spiegel” selbst hat mit seinem Titelbild, das den Amokläufer zeigt, dazu beigetragen, ein morbides Denkmal zu errichten. So entsteht jene posthume, mediale Unsterblichkeit, die für junge Menschen, die das Gefühl haben, sie hätten eh nichts mehr zu verlieren, ein Anreiz sein kann, den extremen letzten Schritt zu gehen.

Nun kommt natürlich gleich die Frage auf, ob es irgendetwas ändert, die Namen der Täter zu verschweigen. Der Psychologe und Kriminologe Park Dietz findet, man solle sie nicht ins Zentrum der Berichterstattung stellen, und ich würde mir wünschen, die Medien würden auf ihn hören. Denn ändert es etwas, ob wir den Namen des Täters, sein Gesicht und sein Lieblingsessen kennen? Gewiss: Es mag für die Bewertung der Tat einen gewissen Unterschied machen, ob es sich um einen gemobbten Außenseiter oder um einen sozial integrierten psychisch Kranken gehandelt hat. Andererseits: Er ist in der Regel tot, seine Opfer sowieso, und zur Früherkennung von Amokläufern haben die diversen Erkenntnisse, die wir in den letzten zehn Jahren über ihre Privatleben erlangt haben, auch nicht beigetragen.

Zuletzt sehe ich einen guten Grund, zumindest den Nachnamen von Tätern zu verschweigen: die Angehörigen. Ich habe gerade “In seiner frühen Kindheit ein Garten” von Christoph Hein gelesen, ein sehr empfehlenswertes Buch über ein Elternpaar, deren Sohn als Terrorverdächtiger gilt und bei der versuchten Verhaftung erschossen wird. Neben dem Schmerz über den Tod des Kindes kommt die öffentliche Aufmerksamkeit hinzu, die Last, die plötzlich auf dem Nachnamen liegt.

Als Timothy McVeigh hingerichtet wurde, der beim Bombenanschlag von Oklahoma City 168 Menschen getötet hatte, veröffentlichte die “Chicago Tribune” eine Liste mit den Namen aller Opfer und erzählte ein bisschen was über sie. Chuck Klosterman schrieb dazu, dass man außerhalb des eigenen Freundeskreises jeden Menschen mit einem Satz zusammenfassen könne, und dass dieser Umstand Menschen dazu motiviere, Kinder zu kriegen, weil man dann wenigstens greifbare Spuren hinterlassen habe. Das gehe aber nicht immer gut:

Which is why the most depressing thing about the Oklahoma City bombings is that there’s now an innocent woman whose one-sentence newspaper bio will forever be, “She was Timothy McVeigh’s mother.”

Was tun wenn’s brennt? Stopschilder aufstellen!

Von Lukas Heinser am Samstag, 18. April 2009 13:08

Hilft fast immer: Einfach die Augen schließen!

Es war vermutlich reiner Zufall, dass Günther Jauch ausgerechnet gestern bei “Wer wird Millionär?” die Frage stellte, was gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes in Deutschland nicht stattfinde. Wo doch gerade am Vormittag die Vertreter von fünf Telekommunikationsunternehmen gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen einen Vertrag unterschrieben hatten, wonach sie ab Oktober einfach den Zugang zu Internetseiten sperren, auf denen kinderpornographische Inhalte liegen bzw. vermutet werden.

Man soll sich den ekelerregenden Schweinkram halt nicht mehr so leicht angucken können. Um auf Nummer Sicher zu gehen, könnte man natürlich auch gleich alle Computer beschlagnahmen oder allen Bundesbürgern die Augen ausstechen — Tadaa! Schon kann das keiner mehr sehen. Unsere Bundesregierung ist ungefähr so kompetent wie der gefräßige Plapperkäfer von Traal, der annimmt, dass er einen auch nicht sehen kann, wenn man ihn nicht sieht.

In Blogs und auf Nachrichtenseiten erfreuen sich Feuer als Vergleichsgröße großer Beliebtheit:

Bei einem Waldbrand, um im Bild zu bleiben, würde niemand auf die Idee kommen, nur einen Paravent davor zu stellen, mit der Aufschrift: Stopp, ab hier wird es heiß und gefährlich. Damit zufällig vorbeikommende Spaziergänger die Flammen nicht sehen – zumindest, solange sie nicht um den Paravent herumlaufen.

Genau das aber geschieht beim Missbrauch von Kindern. Statt die Server mit den Inhalten abzuschalten, die Flammen also zu löschen, wird nur ein Stoppschild davor gehängt. Erreichbar sind die Fotos und Filme weiterhin. Zumindest für all jene, die sich die Mühe machen, um den Paravent herumzugehen.

Das populistische Gehampel der Ministerin1 wird nur noch getoppt von Hans-Peter Uhl, einem mir bisher unbekannten2 Bundestagsabgeordneten der CSU, der es (offenbar ohne rot zu werden) fertig brachte, folgendes bei abgeordnetenwatch.de zu Protokoll zu geben:

Für mich steht jedoch fest, dass z.B. das Freiheitsrecht eines Kindes, nicht sexuell missbraucht und Pädophilen zur Schau gestellt zu werden, um einiges höher zu bewerten ist als eine verabsolutierte “Freiheit des Internets” oder anderes dummes Geschwätz. Die ganze pseudo-bürgerrechtsengagierte Hysterie von Pseudo-Computerexperten, man müsse um jeden Preis ein “unzensiertes Internet” verteidigen etc. – vgl. www.ccc.de -, fällt für mich in die Kategorie: juristisch ohne Sinn und Verstand und moralisch verkommen.

Nun kriege ich generell bei Verwendung des Präfixes “Pseudo” ein ganz starkes Ziehen im Nacken und in der rechten Hand. Die Art, wie Uhl hier Bedenken und Kritik von Leuten wie dem renommierten Rechtsprofessor Thomas Hoeren abbügelt, ist aber derart ekelerregend und arrogant, dass es mich schlicht fassungslos zurücklässt.

Was der Innenexperte tun möchte, damit Kinder nicht nur nicht “Pädophilen zur Schau gestellt” werden, sondern auch schlicht nicht sexuell missbraucht werden, verrät er leider nicht.

Der kleine, kleine Trost (der vor allem bei CSU-Abgeordneten natürlich weitgehend wertlos ist): Auch pseudoofe Leute wie Hans-Peter Uhl müssen sich einer Wiederwahl stellen.

[via Euphoriefetzen]

  1. Auf die Idee muss man auch erst mal kommen, potentiellen Kinderpornokonsumenten ein Stopschild (Verzeihung: “Stopp”-Schild) unter die Nase zu halten. []
  2. Offenbar lohnt die Beschäftigung mit diesem Mann: Er gilt als “Innenexperte”, redet gerne wirres Zeug und fordert die Überwachung “terrorverdächtiger” Zwölfjähriger. []
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