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Musik

Listenpanik 01/​08

Mit die­sen Lis­ten ist das ja so eine Sache: Die Jah­res­lis­ten woll­te ich schon am 2. Janu­ar wie­der umwer­fen und um wenigs­tens zwei Künst­ler (M.I.A. und Band Of Hor­ses) ergän­zen. Trotz­dem ver­su­che ich mich auch in die­sem Jahr wie­der an einer monat­li­chen Rück­schau auf die musi­ka­li­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen. Der Janu­ar wirft dabei erschre­ckend weni­ge neue Alben ab, was aber auch ganz gut ist, denn ich höre eh die meis­te Zeit den ers­ten gro­ßen Favo­ri­ten auf das Album des Jah­res 2008:

Alben
1. Slut – StillNo1
Nach ihrem ordent­li­chen, ins­ge­samt aber eher unspek­ta­ku­lä­ren letz­ten Album „All We Need Is Silence“ betä­tig­ten sich Slut als Thea­ter­ka­pel­le für die „Drei­gro­schen­oper“ und nah­men eine ordent­li­che Por­ti­on Kurt Weill mit ins Stu­dio, wo sie ihr sechs­tes Album auf­nah­men. „StillNo1“ steht in einer Linie zu ihrem Opus Magnum „Look­book“, ist dann aber doch ganz anders gewor­den: Slut klin­gen plötz­lich nach Sigur Rós, Peter Gabri­el den Shout Out Louds und Dres­den Dolls und wären Beat­les-Ver­glei­che nicht ver­bo­ten, dräng­ten sich auch noch gewis­se Par­al­le­len zu „Sgt. Pep­per“ auf. So klingt eine Band, die zwi­schen Melan­cho­lie und Eupho­rie ganz bei sich ist, und die des­halb mal eben ein Meis­ter­werk aus dem Ärmel schüt­teln kann. Und über das … eigen­wil­li­ge Plat­ten­co­ver schwei­gen wir uns ein­fach mal aus.

2. Cat Power – Juke­box
Wenn Musi­ker Cover-Alben ver­öf­fent­li­chen, muss man immer ein biss­chen Angst haben, ihnen sei­en die Ideen aus­ge­gan­gen. Bei Cat Power ist das nicht der Fall. Dass sie sen­sa­tio­nel­le Cover­ver­sio­nen voll­brin­gen kann, wis­sen wir spä­tes­tens seit ihrer Inter­pre­ta­ti­on von „(I Can’t Get No) Satis­fac­tion“. Auf „Juke­box“ spielt sie nun eige­ne und ander­erleuts Lie­der neu ein. Von „New York“ (ja, dem Frank-Sina­tra-Ever­green) bleibt außer dem Text nicht mehr viel übrig und auch die Songs von Hank Wil­liams, Bil­lie Holi­day, Bob Dylan und Joni Mit­chell klin­gen über­ra­schend anders, aber toll.

3. Get Well Soon – Rest Now, Wea­ry Head
Der Hype der Stun­de, die deut­sche Band des Monats. Da ich Hypes has­se und mir die Natio­na­li­tät von Leu­ten grund­sätz­lich egal ist, zählt die Musik: Eine char­man­te Mischung aus orches­tra­lem Pop, melan­cho­li­schen Folk­lo­re-Ein­flüs­sen und ver­hal­te­ner Elek­tro­nik. Das erin­nert mal an Bei­rut, mal an Pulp oder The Divi­ne Come­dy und immer wie­der auch an die neue Slut-Plat­te. Lei­der sind eini­ge Stü­cke zu ver­spielt und eklek­tisch gera­ten und die Stim­me von Kon­stan­tin Grop­per ist nicht so meins. Bei man­chen Songs wie der Sin­gle „If This Hat Is Miss­ing I Have Gone Hun­ting“ berei­tet sie mir gar kör­per­li­che Schmer­zen. Auch ein wenig kom­pak­ter hät­te das Album (14 Songs in 60 Minu­ten) sein kön­nen, aber für ein Debüt ist es schon ganz ordent­lich und das „Born Slippy“-Cover ist in der Tat fan­tas­tisch gera­ten.

4. The Magne­tic Fields – Dis­tor­ti­on
Ist es eigent­lich noch „Pop“, wenn man sei­ne Pop­songs so auf­nimmt, dass sie klin­gen, als höre man die Beach Boys über Tele­fon? Mit einem zwi­schen­ge­schal­te­ten Effekt­pe­dal? Live über­tra­gen aus einem unbe­to­nier­ten Erd­loch? Egal, wie man’s nennt: Das neue Album der Magne­tic Fields trägt sei­nen Titel durch­aus zu Recht und auch als War­nung. Man muss sowas mögen, um es gran­di­os zu fin­den, aber das gilt ja für alles.

5. The Hoo­siers – The Trick To Life
„Worried About Ray“ ist und bleibt ein char­man­ter Pop­song, das Album kann aber noch mehr als Indie-Dis­co. In den ruhi­gen Momen­ten klopft gar Jeff Buck­ley an. Nicht alles ist kom­plett aus­ge­reift und mei­ner Mei­nung nach könn­te jetzt mal wirk­lich Schluss mit die­ser Wel­le sein, aber bit­te: „The Trick To Life“ ist ein okayes Album für Men­schen, die gera­de erst anfan­gen, Plat­ten zu sam­meln.

Songs
1. Slut – Wed­nes­day
Ein Kla­vier, die immer wie­der berüh­ren­de Stim­me von Chris Neu­bur­ger, eine Akus­tik­gi­tar­re, ein paar Strei­cher und Stör­ge­räu­sche – mehr braucht es nicht, um Gän­se­haut zu buch­sta­bie­ren und die viel­leicht unwahr­schein­lichs­te (Promo-)Single der letz­ten Mona­te zu wer­den.

2. Nada Surf – Who­se Aut­ho­ri­ty
Jetzt müss­te ich über­le­gen, ob Nada Surf je einen Song gemacht haben, der nicht wenigs­tens okay war, son­dern wirk­lich schlecht. Mir fie­le so spon­tan kei­ner ein. „Who­se Aut­ho­ri­ty“ gehört aber eh zum obe­ren Drit­tel der Nada-Surf-Lie­der und er wird mit jedem Hören bes­ser. So eupho­risch klingt ein sich lang­sam ankün­di­gen­der Früh­ling und wenn nichts mehr dazwi­schen kommt, wird das dazu­ge­hö­ri­ge Album „Lucky“ hier im Febru­ar die Bes­ten­lis­te anfüh­ren.

3. Fet­tes Brot – Bet­ti­na (Zieh dir bit­te etwas an)
Fet­tes Brot klau­en sich Ver­satz­stü­cke aus 15 Jah­ren deut­schem Hip-Hop zusam­men und bau­en dar­aus einen Track, der einen sicher in einem hal­ben Jahr tie­risch ner­ven wird. Im Moment ist er aber die bes­te Bro­te-Sin­gle seit „Schwu­le Mäd­chen“, von dem er musi­ka­lisch auch gar nicht so weit ent­fernt ist. Der Text ist natür­lich Gesell­schafts­kri­tik in Rein­form.

4. Gre­gor Meyle – Nie­mand
Damit hät­te ich auch nicht gerech­net, dass mal ein Cas­ting­show-Teil­neh­mer auf mei­ner Lis­te lan­den wür­de. Aber „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“ war ja kei­ne her­kömm­li­che Cas­ting­show und Gre­gor Meyle ist jemand ganz ande­res als ver­dammt, ich hab die gan­zen Namen ver­ges­sen und bin zu faul, sie nach­zu­goo­geln. „Nie­mand“ ist ein sehr guter Song, auch wenn das Video so typisch deutsch gera­ten ist.

5. Nick Cave & The Bad Seeds – Dig, Laza­rus, Dig!!!
So rich­tig Zugang habe ich zu Nick Cave nie gefun­den. Ein­zel­ne Songs fin­de ich sehr gut, aber zur tie­fer­ge­hen­den Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem Werk fehl­te mir immer die Muße. Jetzt gibt es eine neue Sin­gle, die ordent­lich rockt und auf eine ange­neh­me Art über­dreht ist.

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Digital

Für das Leben

Gera­de bei „Spie­gel Online“ gele­sen: Wäh­rend man­che Leh­rer mit erschüt­tern­der Kon­se­quenz und eben­sol­cher Erfolg­lo­sig­keit gegen das Leh­rer-Bewer­tungs­por­tal spickmich.de kla­gen, mel­den sich ande­re ein­fach als Schü­ler dort an und polie­ren die Bewer­tung ihrer Kol­le­gen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wel­ches Ver­hal­ten ich kin­di­scher fin­den soll.

Wäh­rend eini­ge mei­ne Uni-Dozen­ten am Ende jedes Semes­ters anony­me Umfra­gen zur Qua­li­tät ihrer Lehr­ver­an­stal­tun­gen durch­füh­ren (inzwi­schen sogar online), bezeich­ne­te Peter Sil­ber­na­gel vom Phi­lo­lo­gen­ver­band die anony­men Bewer­tun­gen bei spickmich.de im letz­ten Som­mer als „eine Form von Feig­heit“. Bei allem Respekt vor dem Leh­rer­be­ruf und grund­sätz­li­cher Ableh­nung von Ver­all­ge­mei­ne­run­gen: Mir fie­len allei­ne aus mei­ner Schul­lauf­bahn zehn Leh­rer ein, die auf eine un-anony­me, also offe­ne Kri­tik an ihrem Unter­richt mit deut­lich ver­än­der­ter Beno­tung des ent­spre­chen­den Schü­lers reagiert hät­ten oder haben.

Die pau­scha­li­sier­te Kri­tik am Berufs­stand Leh­rer hat, so berech­tigt sie in vie­len Ein­zel­fäl­len auch sein mag, vie­le Leh­rer in eine Posi­ti­on gedrängt, in der sie jede Äuße­rung von Kri­tik als unge­recht­fer­tigt und sich selbst als feh­ler­frei anse­hen. Dies sind häu­fig genug die Kol­le­gen, die schon ein biss­chen zu lan­ge im Dienst sind, deren Pen­sio­nie­rung aber auch noch in wei­te­rer Fer­ne liegt. Die „alten Hasen“, die fast alle zeit­gleich mit mei­nem Abitur in Pen­si­on gin­gen, waren hin­ge­gen deut­lich offe­ner für Rück­mel­dun­gen (was viel­leicht dar­an lie­gen kann, dass vie­le von ihnen in den spä­ten 1960er Jah­ren an den Uni­ver­si­tä­ten waren) oder lie­fer­ten gleich kaum Anlass zu Kri­tik. Jun­ge Leh­rer gab es zu unse­rer Schul­zeit kei­ne, aber sie sol­len recht enga­giert sein, habe ich gehört.

Ich wür­de kein Leh­rer sein wol­len. Die Fra­ge habe ich gleich bei mei­ner Ein­schrei­bung ver­neint und seit­dem noch maxi­mal zehn Sekun­den dar­über nach­ge­dacht. Ers­tens bin ich unter­ir­disch schlecht im Erklä­ren, zwei­tens hät­te ich wenig Bock auf ner­ven­de Schü­ler und drit­tens erscheint mir die stän­di­ge Wie­der­ho­lung ähn­li­cher Inhal­te unter immer neu­en Vor­zei­chen dann auch nicht so span­nend. Ent­spre­chend hoch ist mein grund­sätz­li­cher Respekt vor dem Beruf des Leh­rers. Ich habe eini­ge sehr gute Leh­rer erlebt, denen ich viel zu ver­dan­ken habe, aber auch eini­ge sehr, sehr schlech­te. Wenn man sich die Lis­te mei­ner Deutsch- und Eng­lisch­leh­rer so ansieht, geht es wohl als mit­tel­schwe­res Wun­der durch, dass ich mich ernst­haft für ein Ger­ma­nis­tik- und Anglis­tik­stu­di­um ent­schie­den habe. Nahe­lie­gend wären Geschich­te und Erd­kun­de (das es aber in der Form lei­der nicht als Stu­di­en­fach gibt) gewe­sen.

Wir hät­ten uns damals gefreut, wenn wir unse­re Leh­rer auf einer Platt­form wie spickmich.de hät­ten bewer­ten kön­nen und wenn die­se sich die Bewer­tun­gen auch ange­se­hen und zu Her­zen genom­men hät­ten. Ich den­ke, dass Schü­ler durch­aus in der Lage sind, die Qua­li­tät des Unter­richts und das Ver­hal­ten eines Leh­rers gut zu beur­tei­len. Wenn ich mir die Leh­rer­be­wer­tun­gen für mein altes Gym­na­si­um bei spickmich.de so anse­he (bzw. den Teil der Leh­rer, die ich noch ken­ne), so zeigt sich mir ein rea­lis­ti­sches Bild. Und was spricht dage­gen, die Arbeit von Men­schen, die jeden Tag ande­re beur­tei­len sol­len, deren letz­te eige­ne Beur­tei­lung aber in den letz­ten Tagen ihres Stu­di­ums statt­fand, mit schlich­ten Zah­len­wer­ten zu beur­tei­len? Das ist kei­ne „Feig­heit“, son­dern Kon­se­quenz.

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Unterwegs Kultur

Hoffentlich ist es Beton

Ruhr-Uni Bochum

Wenn Men­schen ver­rei­sen, geben sie viel Geld aus um weit weg zu kom­men, dort­hin, wo’s schön ist. Wenn sie dann wie­der heim­keh­ren, den­ken sie „Ach, schreck­lich, wie das hier aus­sieht“, und die gan­ze Erho­lung ist weg. War­um fah­ren sie also nicht in die nähe­re Umge­bung, gucken sich dort die Tage­bau­ge­bie­te, Fuß­gän­ger­zo­nen und Gefäng­nis­se an und sind ganz ent­zückt, wenn sie end­lich wie­der zuhau­se sein dür­fen?

Ich war also am Diens­tag in Marl. Die Innen­stadt wur­de in den 1960er Jah­ren am Reiß­brett ent­wor­fen und war damals sicher visio­när: ein Ein­kaufs­zen­trum ame­ri­ka­ni­scher Bau­art, davon aus­ge­hend ver­schie­de­ne Wohn-Hoch­häu­ser, ein klar struk­tu­rier­tes, dabei aber luf­ti­ges Rat­haus, ein künst­li­cher See. Wenn man in der Däm­me­rung durch den Nie­sel­re­gen schlurft (wie Ste­fan am Mon­tag), wirkt die­ser Ort wie der post-apo­ka­lyp­ti­sche Schau­platz einer Archi­tek­tur­schau längst ver­gan­ge­ner Epo­chen, aber man ahnt, wie begeis­tert die Macher von ihren Ideen waren, wie durch­dacht und modern die­se Stadt ein­mal gewe­sen sein muss. Nur leben wol­len die Leu­te so nicht und ohne Anzü­ge und Pet­ti­coats wir­ken sie dort auch selt­sam deplat­ziert.

Es ist das Schick­sal min­des­tens einer Gene­ra­ti­on deut­scher Archi­tek­ten und Stadt­pla­ner, dass ihre heh­ren Plä­ne und Kon­zep­te kolos­sal geschei­tert sind. Wie oft höre ich, die Ruhr-Uni Bochum sei ja „so häss­lich“, dabei sieht sie kaum anders aus als die Uni­ver­si­täts­neu­bau­ten in Düs­sel­dorf, Dort­mund, Duis­burg, Essen, Bie­le­feld oder Pader­born. Genau genom­men ist die Ruhr-Uni sogar von einer viel höhe­ren Qua­li­tät: klar struk­tu­riert, ohne Schnör­kel und anhei­meln­de Gemüt­lich­keit, nur gebaut, um mög­lichst vie­len Arbei­ter­kin­dern die Mög­lich­keit eines Hoch­schul­stu­di­ums zu bie­ten. Ein Blick in die hell erleuch­te­ten Zim­mer des Nach­bar­hau­ses bringt häss­li­che­res zu Tage.

Christuskirche DinslakenIn Dins­la­ken wur­de im ver­gan­ge­nen Jahr die evan­ge­li­sche Chris­tus­kir­che abge­ris­sen, weil sie zu nah an den ande­ren Kir­chen lag und ihr Erhalt zu teu­er war. Der Beton­bau aus den spä­ten 1960er Jah­ren war immer unbe­liebt gewe­sen: groß, kalt, mit der Aus­strah­lung einer Mehr­zweck­turn­hal­le. Selbst unter Auf­brin­gung von christ­li­cher Nächs­ten­lie­be und kul­tu­rel­lem Ver­ständ­nis war die Kir­che häss­lich – und doch war zum Bei­spiel die Idee, bei der Gestal­tung der „Fens­ter“, die eher klei­ne far­bi­ge Licht­lö­cher in Beton­ele­men­ten waren, völ­lig auf Moti­ve zu ver­zich­ten, eine kon­se­quen­te bau­li­che Umset­zung des Pro­tes­tan­tis­mus gewe­sen. Den Vor­schlag, ein­fach die klas­si­zis­ti­sche Schwes­ter­kir­che abzu­rei­ßen, hät­te nie jemand zu äußern gewagt – mal davon ab, dass die­se natür­lich unter Denk­mal­schutz steht und gera­de frisch restau­riert war.

Und so wird zur Zeit in wei­ten Tei­len Deutsch­lands eine gan­ze Epo­che der Archi­tek­tur­ge­schich­te aus den Stadt­bil­dern ent­fernt: die der Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur. Natür­lich hat­te damals kaum jemand ahnen kön­nen, wie schreck­lich nack­ter Beton im Lau­fe der Zeit aus­se­hen wür­de, aber die­se Archi­tek­tur war nicht nur unglaub­lich funk­tio­nal, sie hat­te dabei auch nicht sel­ten tol­le Details und die Kunst am Bau. Die­se Gebäu­de, die ja weiß­gott nicht alle häss­lich sind, gehö­ren zur deut­schen Geschich­te wie römi­sche Sied­lun­gen, Barock­schlös­ser, faschis­ti­sche Protz­bau­ten und das Bau­haus. Ihr Ver­schwin­den aus den Stadt­bil­dern ver­zerrt die Geschich­te und endet in einem Revi­sio­nis­mus, der sich zum Bei­spiel in den Bestre­bun­gen zeigt, das Ber­li­ner Stadt­schloss wie­der auf­zu­bau­en – oder auf die Spit­ze getrie­ben in den Braun­schwei­ger Schlos­s­ar­ka­den.

AT&T Switching Center, New York

Pathe­tisch gespro­chen ste­hen Marl und all die Städ­te, die so ähn­lich kon­zi­piert wur­den, für eine geschei­ter­te Uto­pie. Sie sind beton­ge­wor­de­ne Sozi­al­de­mo­kra­tie. Die Men­schen woll­ten nicht in Eta­gen­woh­nun­gen mit­ten in der Stadt woh­nen und auf rie­si­ge Beton­flä­che gucken, sie woll­ten in die Vor­städ­te, wo sie bizar­rer­wei­se nun Häu­ser bewoh­nen, die sich unter­ein­an­der glei­chen wie damals die Woh­nun­gen im Hoch­haus. Die Ber­li­ner Gro­pi­us­stadt und Köln-Chor­wei­ler sind in einer Dimen­si­on geschei­tert, wie sie nur in der Archi­tek­tur mög­lich ist, die Stutt­gar­ter Wei­ßen­hof­sied­lung und die Ber­li­ner Wohn­ma­schi­ne hin­ge­gen gel­ten immer noch als Vor­zei­ge­ob­jek­te. Wor­an das nun wie­der liegt, kann ich mir auch nicht erklä­ren. Viel­leicht ist Bra­sí­lia auch nicht des­halb so schön, weil es von Oscar Nie­mey­er ent­wor­fen wur­de, son­dern weil dort so häu­fig die Son­ne scheint.

Eines der merk­wür­digs­ten Neu­bau­pro­jek­te, das ich aus der Nähe mit­be­kom­men habe, ist die Neue Mit­te Ober­hau­sen, ein künst­li­ches Stadt­zen­trum mit­ten in einem frü­he­ren Indus­trie­ge­biet. Das gan­ze Are­al wirkt ein biss­chen unna­tür­li­cher als Dis­ney­land, wird aber mit gro­ßer Begeis­te­rung ange­nom­men. Wohn­häu­ser gibt es kei­ne, aber das rie­si­ge Ein­kaufs­zen­trum „Cen­trO“ mit ange­schlos­se­ner Gas­tro­no­mie-Pro­me­na­de. Die see­len­lo­se Belie­big­keit eines inter­na­tio­na­len Flug­ha­fens scheint den Besu­chern nichts aus­zu­ma­chen, aber selbst wenn: auf dem Gelän­de gibt es einen Irish Pub, der das Kon­zept Irish Pub skla­visch und bis zur Über­trei­bung ein­hält. Jun­ge Men­schen kön­nen sich in einem völ­lig künst­li­chen, aber rea­lis­ti­schen Gebäu­de betrin­ken, das jün­ger ist als sie selbst, aber nach jahr­hun­der­te­al­ter Tra­di­ti­on aus­sieht.

Und mit der Fra­ge, ob fal­sche Gemüt­lich­keit wirk­lich ech­ter Käl­te vor­zu­zie­hen ist, möch­te ich Sie in die Nacht ent­las­sen. Aller­dings nicht, ohne vor­her auf restmodern.de hin­ge­wie­sen zu haben, wo man sich einen schö­nen Über­blick über die Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur in Ber­lin ver­schaf­fen kann.

Hinterhof in Chicago
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Leben

Sie sind überall!

Ich weil­te heu­te (bzw. am Diens­tag­abend) beim „Berg­fest“ des 44. Adolf-Grim­me-Prei­ses in Marl. Im offi­zi­el­len Teil gab es unter ande­rem eine Podi­ums­dis­kus­si­on zur Fra­ge, ob im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen kei­ne Wer­bung mehr lau­fen soll­te. Wie begeis­tert ich immer von Podi­ums­dis­kus­sio­nen bin und was dabei her­um­kommt, kön­nen Sie sich hier oder hier zusam­men­rei­men.

Beim anschlie­ßen­den Bei­sam­men­sein, das soweit ich weiß nicht get tog­e­ther hieß, lern­te ich unter ande­rem Cle­mens Schön­born ken­nen, des­sen Film „Der letz­te macht das Licht aus“ in der Kate­go­rie „Fik­ti­on“ nomi­niert ist. Im Lau­fe des Gesprächs stell­ten wir fest, dass Cle­mens in Dins­la­ken auf­ge­wach­sen ist – sein Bru­der ging aufs glei­che Gym­na­si­um wie ich.

Und dann kam ich nach hau­se und fand einen Link­tipp von mei­ner Mut­ter im Post­ein­gang. Tho­mas Tuma hat­te in einen ziem­lich dada­is­ti­schen „Spiegel“-Text über Bruce Dar­nell fol­gen­den Absatz ein­ge­baut:

Aber sol­le wir ähr­lisch sein, der Wahr­heit sage wie är? Bruce als eine Typ­be­ra­ter in die Äi Ar Di … es ist, als ob Elton John gibt Jodel­kurs in die VHS Dins­la­ken.

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Fernsehen Rundfunk

Licht und Schatten: Heute-Journal

Am Mon­tag durf­te Stef­fen Sei­bert das „Heu­te-Jour­nal“ im ZDF mode­rie­ren – Claus Kle­ber war ver­mut­lich ent­we­der krank, Fast­nacht fei­ern oder auf dem Weg zum super tues­day. Direkt zu Beginn muss­te er einen Bei­trag über das aktu­el­le Cha­os bei Unicef Deutsch­land ankün­di­gen, aber bevor der schließ­lich lief, brach­te Sei­bert noch das, was man in Blogs immer mal wie­der als „Dis­clai­mer“ bezeich­net fin­det:

Ich soll­te Ihnen ehr­li­cher­wei­se an die­ser Stel­le sagen, dass ich seit län­ge­rem und mit gan­zem Her­zen bei Unicef mit­ar­bei­te – das „Heu­te-Jour­nal“ und unse­ren Autor Peter Böh­mer hin­dert das natür­lich nicht, alle nöti­gen kri­ti­schen Fra­gen zu stel­len.

Erst war ich mir nicht sicher, ob ich das für eine etwas eit­le Serio­si­täts­ges­te oder für auf­rich­ti­ges Wind-aus-den-Segeln-Neh­men hal­ten soll­te, aber ich ent­schied mich schnell für letz­te­res. Es pass­te auch schön in mein Bild, das ich in letz­ter Zeit vom „Heu­te-Jour­nal“ als bes­ter Nach­rich­ten­sen­dung Deutsch­lands habe.

Aber dann …

Dann kam im Bör­sen­teil die seit Frei­tag gras­sie­ren­de Mel­dung, dass Micro­soft Yahoo! über­neh­men wol­le. Eine Geschich­te, die selbst ich als Wirt­schafts-Igno­rant mit­be­kom­men hat­te. Vor allem aber: Eine Geschich­te, die am Mon­tag rich­tig span­nend wur­de, als es hieß, Goog­le-Chef Eric Schmidt wol­le dem Kon­kur­ren­ten Yahoo! unter die Arme grei­fen, um Micro­soft doch noch abzu­wim­meln. Davon erfuhr der ZDF-Zuschau­er im „Heu­te-Jour­nal“ lei­der nichts. Viel­leicht, weil der Bei­trag schon vor­pro­du­ziert und die zustän­di­ge Redak­ti­on im Fasching unter­wegs war.

Über­haupt: Kar­ne­val. Mit einem lus­tisch-gereim­ten Bei­tra­aach über die Fasenacht am Ende der Sen­dung hat die „Heute“-Redaktion dann den gan­zen guten Ein­druck der ers­ten Sen­de­mi­nu­te platt gemacht. Das „Heu­te-Jour­nal“ ist trotz­dem die bes­te Nach­rich­ten­sen­dung im deut­schen Fern­se­hen.

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Fernsehen Rundfunk

Bata Man

Ges­tern hab ich mal wie­der „Das per­fek­te Pro­mi-Din­ner“ geguckt. Ich tue das sehr ger­ne, beson­ders, wenn ich wäh­rend­des­sen essen kann. Plötz­lich kam ein älte­rer Herr ins Bild und ich dach­te „Ach, guck mal da!“ Dann erst stell­te ich fest, dass ich Bata Illic streng genom­men gar nicht ken­ne, also jeden­falls nicht in einem Maße, das eine sol­che Freu­de und Über­ra­schung gerecht­fer­tigt hät­te.

Bis vor einem Monat wuss­te ich von Bata Illic gera­de mal, dass er vor vie­len Jah­ren einen Hit namens „Michae­la“ gehabt hat­te, dass er aus­sah wie Franz Josef Wag­ner, und dass er nicht an der Schuh­fir­ma Bata betei­ligt war. 1 In der Zwi­schen­zeit aber war Bata Illic ins RTL-Dschun­gel­camp ein­ge­zo­gen und war dort bis zum letz­ten Tag ver­blie­ben. War er dort anfangs kaum auf­ge­fal­len, hat­te er mit sei­ner ers­ten Dschun­gel­prü­fung, bei der er mit Rat­ten sprach und die­se von sei­nen fried­vol­len Absich­ten zu über­zeu­gen ver­such­te, die Her­zen der Zuschau­er erobert. Ich habe von jun­gen Damen gehört, die ihn am liebs­ten als Opi mit­ge­nom­men hät­ten.

Über­haupt: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ dürf­te sich für die RTL-Redak­teu­re zum Super-GAU ent­wi­ckelt haben. Statt sich anzu­kei­fen und in Gra­ben­kämp­fe zu ver­fal­len, konn­te man den Pro­mi­nen­ten 2 bei Selbst­fin­dung und Grup­pen­ku­scheln zuse­hen. Ross Ant­o­ny und Michae­la Schaf­frath waren mir vor­her unbe­kannt bis egal gewe­sen, aber es war schon ein Erleb­nis, dem anfangs völ­lig hys­te­ri­schen Ross bei der Über­win­dung sei­ner Ängs­te zuzu­se­hen oder eine Frau zu erle­ben, die mit ihrer inne­ren Ruhe und Güte die gan­ze Trup­pe zusam­men­hielt und so gar nicht dem Kli­schee des über­all apo­stro­phier­ten Ex-Por­no­stars ent­sprach. Die­se Staf­fel ent­wi­ckel­te sich dann auch ver­se­hent­lich zum Gegen­ent­wurf aller Cas­ting­shows, wo inner­halb weni­ger Wochen aus Nobo­dies Stars gemacht wer­den: Plötz­lich saßen da Stars, die vie­le nicht kann­ten, im Dschun­gel, rede­ten auf eine ganz eigen­ar­tig poe­ti­sche Art belang­lo­ses Zeug und mach­ten sich bei über­trie­be­nen Kin­der­ge­burts­tags­spie­len zum Affen. Der Unter­schied zu „Zim­mer frei!“ bestand teil­wei­se nur noch in den Mode­ra­to­ren und der Reak­ti­on der Öffent­lich­keit.

Und wäh­rend mich das For­mat „Rea­li­ty TV“ nor­ma­ler­wei­se über­haupt nicht inter­es­siert, weil ich schon nicht wis­sen will, wie falsch sich mei­ne Nach­barn ernäh­ren oder wie grau­en­haft sie ihre Woh­nung ein­ge­rich­tet haben, fin­de ich die Pro­mi­nen­ten-Able­ger davon meis­tens ganz groß­ar­tig. Es gibt kaum einen bes­se­ren Weg, Leu­te etwas über Leu­te zu erfah­ren, als ihnen beim Dschun­gel-Bewoh­nen oder Essen zuzu­se­hen. Danach braucht man kei­ne Papa­raz­zi mehr.

Die „Promidinner“-Redakteure hat­ten dann auch eine an „Lost“ erin­nern­de Akri­bie bei der Zusam­men­set­zung der gest­ri­gen Köche an den Tag gelegt: Neben Bata Illic waren John Jür­gens, Sohn der Schla­ger­le­gen­de Udo Jür­gens; Kriem­hild Jahn, Sopra­nis­tin und Ehe­frau von Schla­ger­pro­du­zen­ten­le­gen­de Ralph Sie­gel, sowie Heydi Núñez Gómez ver­tre­ten, die auch schon mal im RTL-Dschun­gel war und mit Ralph Sie­gel eine Plat­te auf­ge­nom­men hat­te. Und wäh­rend sich die ande­ren Kan­di­da­ten mit exqui­si­ten und exo­ti­schen Gerich­ten zu über­trump­fen ver­such­ten, ser­vier­te Bata Illic eine Roh­kost­plat­te mit liter­wei­se Mayon­nai­se, frit­tier­te Schnit­zel nach einem Rezept sei­ner „Schwie­ger­ma­ma“ und eine Rum­tor­te, deren Zucker­guss noch vor dem Fern­se­her Zahn­schmer­zen ver­ur­sach­te. Las er auf den Menü-Kar­ten der ande­ren Kar­ten etwas, was sei­ner Frau Olga gefal­len könn­te, woll­te er gleich eine dog­gy bag für sie ordern, und immer, wenn er für die Koch­küns­te der Ande­ren Punk­te ver­tei­len soll­te, tat er das mit den Wor­ten „Ich freue mich, ihm/​ihr zehn Punk­te geben zu dür­fen“, und man glaub­te ihm die­se Freu­de genau­so wie jedes ein­zel­ne „wun­der­schön“. 3

Noch mehr als im Dschun­gel oder am Ess­tisch erfährt man über Men­schen nur, wenn man sieht, wie sie leben. Bata Illic und sei­ne Olga leben in einem Haus, das mit sei­nen ter­ra­cot­ta­far­be­nen Wän­den, run­den Türz­ar­gen, selbst geschrie­be­nen Iko­nen, baro­cken Kom­mo­den und eng­li­schen Club­ses­seln wie ein wüst, aber lie­be­voll zusam­men­ge­stell­tes Muse­um wirkt. Wer die bei­den mit­ein­an­der reden sieht, wird dem Mann jedes Wort jedes Schla­ger­tex­tes abneh­men. Bei Kriem­hild Jahn und Ralph Sie­gel zuhau­se gibt es einen glä­ser­nen Fahr­stuhl, die Küche liegt (wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe) im Kel­ler und der Ess­tisch steht in einem Raum, der aus­sieht wie die Lob­by eines Hotels in Las Vegas.

  1. Danach hat­te ihn Roger Wil­lem­sen vor fast eben­so vie­len Jah­ren bei „Wil­lem­sens Woche“ mal gefragt.[]
  2. Ich fin­de es so unfair, die Dschun­gel-Cam­per als „Pro­mi­nen­te“ mit Anfüh­rungs­zei­chen zu bezeich­nen. Zumin­dest einem Teil der Bevöl­ke­rung dürf­te jeder Ein­zel­ne bekannt gewe­sen sein und wenn man „Pro­mi­nen­ter“ mal mit „jemand, von dem sich Men­schen gemein­sa­me Han­dy­fo­tos wün­schen“ über­setzt, soll­ten alle zehn als Pro­mi­nen­te durch­ge­hen. Außer­dem bin ich neu­lich ver­se­hent­lich in eine Auto­gramm­stun­de von Mar­tin Stosch hin­ein­ge­ra­ten, bei der es für die zahl­rei­chen Besu­che­rin­nen zwei „Abend­essen“ (mit Anfüh­rungs­zei­chen) mit dem Star zu gewin­nen gab.[]
  3. Dass er sich strikt wei­ger­te, mit dem Essen zu begin­nen, bevor die Gast­ge­be­rin Platz genom­men hat­te, und er den Damen jedes­mal, wenn sie sich hin­set­zen woll­ten, umständ­lich den Stuhl ran­schie­ben woll­te, zeigt, dass sein Kom­men­tar im Dschun­gel zu (ich glau­be) DJ Tomekk „Wir zwei sind Gen­tle­men“ zumin­dest zur Hälf­te voll­kom­men rich­tig war.[]
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Licht und Schatten: Bildergalerien

Bil­der­ga­le­rien sind nicht so meins, Kar­ne­val noch viel, viel weni­ger. Trotz­dem will es mir als eine recht gute Idee erschei­nen, aus­ge­rech­net Kar­ne­vals­zü­ge in einer Bil­der­ga­le­rie abzu­fei­ern: Der Foto­graf ist eh vor Ort und ver­knippst etli­che Fil­me Spei­cher­kar­ten und die Kos­tü­mier­ten freu­en sich, wenn Sie am nächs­ten Tag im Inter­net zu sehen sind.

Ges­tern war Kar­ne­vals­zug in Voer­de und die Lokal­re­dak­ti­on der „Rhei­ni­schen Post“ fea­tured die­ses Ereig­nis mit einem Arti­kel und einer dazu­ge­hö­ri­gen 27-teil­i­gen Bil­der­ga­le­rie.

Die „Neue Rhein Zei­tung“, Teil und Zulie­fe­rer des Inter­net-Regio­nal­por­tals „Der­Wes­ten“ hat eben­falls einen Arti­kel und eine Bil­der­ga­le­rie. Das habe ich aber nur durch Zufall fest­ge­stellt: Der Arti­kel ist eher eine Mel­dung und fällt recht kurz aus. Die 31-teil­i­ge Bil­der­ga­le­rie ist dort weder erwähnt noch ver­linkt und wird auch nicht im Feed ver­schickt, sie fand ich auf der Über­sichts­sei­te von Dins­la­ken.

Dins­la­ken? Hat­te ich nicht gera­de noch von Voer­de geschrie­ben? Natür­lich, aber Dins­la­ken und Voer­de tei­len sich einen Lokal­teil mit Hün­xe. Auf der Über­sichts­sei­te von Voer­de fehlt der Zug.

Nach­trag 13:30 Uhr: Im Lau­fe des Vor­mit­tags wur­de die Bil­der­ga­le­rie auf der Voer­der Start­sei­te hin­zu­ge­fügt. Ver­mut­lich war am Sonn­tag­abend ein­fach nie­mand ver­füg­bar. Die Mel­dung zum Zug fehlt dort aber immer noch.

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Und was ist mit „Vanity Fair“?

Der Zeit­schrif­ten­markt ist so unüber­sicht­lich, dass man selbst als Leser des Zeit­schrif­ten­blogs nicht alles mit­be­kom­men kann. Inso­fern fin­de ich es immer beson­ders inter­es­sant, was die Leu­te im Zug so lesen.

Mei­ne Favo­ri­ten:
Fire & Food – Das Bar­be­que-Maga­zin
Das Micro­wa­ve Jour­nal
Golf­Punk

PS: Dazu pas­send: „Galo­re“ gibt’s jetzt mit neu­em Lay­out und neu­em Kon­zept.

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„Nazi!“ – „Selber!“

Bei­na­he wöchent­lich erschüt­tert ein neu­er „Nazi-Skan­dal“ die Öffent­lich­keit. Kaum jemand kann noch den Über­blick behal­ten, wer gera­de wie­der ver­se­hent­lich oder absicht­lich etwas gesagt hat, was „halt nicht geht“.

Das Dienst­leis­tungs­blog Cof­fee And TV hat sich des­halb bemüht, einen his­to­ri­schen Abriss der skan­da­lö­ses­ten Skan­da­le und der empö­rens­wer­tes­ten Ent­glei­sun­gen zusam­men­zu­stel­len, der selbst­ver­ständ­lich kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhe­ben will:

  • 1979 Als Franz Josef Strauß im Wahl­kampf mit Eiern und Toma­ten bewor­fen wird, ver­gleicht sein Wahl­kampf­lei­ter Edmund Stoi­ber das Ver­hal­ten der Men­schen mit dem der „schlimms­ten Nazi-Typen in der End­zeit der Wei­ma­rer Repu­blik“.
  • Sep­tem­ber 1980 In „Kon­kret“ erscheint ein Arti­kel von Hen­ryk M. Bro­der, der glaubt, bei einer Artis­tik­num­mer im „Cir­cus Ron­cal­li“ eine „faschis­ti­sche Ästhe­tik“ und den Hit­ler­gruß beob­ach­tet zu haben.
  • 15. Juni 1983 Hei­ner Geiß­ler (CDU) sagt in einer Sicher­heits­de­bat­te im Bun­des­tag: „Ohne den Pazi­fis­mus der 30er Jah­re wäre Ausch­witz über­haupt nicht mög­lich gewe­sen.“
  • 15. Juli 1982 Oskar Lafon­taine äußert sich über die „Sekun­där­tu­gen­den“ von Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt, mit denen „man auch ein KZ betrei­ben“ kön­ne.
  • 25. April 1983 Der „Stern“ prä­sen­tiert auf einer Pres­se­kon­fe­renz die angeb­li­chen Tage­bü­cher Adolf Hit­lers, die sich zehn Tage spä­ter als Fäl­schung erwei­sen. Die Chef­re­dak­ti­on muss zurück­tre­ten, Repor­ter Gerd Hei­de­mann und Fäl­scher Kon­rad Kujau wer­den zu Haft­stra­fen ver­ur­teilt.
  • 1985 Alt-Kanz­ler Brandt sagt, Hei­ner Geiß­ler sei „seit Goeb­bels der schlimms­te Het­zer in unse­rem Land.“
  • 15. Okto­ber 1986 In einem Inter­view mit „News­week“ ver­gleicht Hel­mut Kohl die PR-Fähig­kei­ten des sowje­ti­schen Staats- und Par­tei­chefs Michail Gor­bat­schow mit denen von Joseph Goeb­bels.
  • 17. Okto­ber 1988 In einem Arti­kel in der „taz“ bezeich­net der freie Mit­ar­bei­ter Tho­mas Kapiel­ski ein Dis­co als „Gas­kam­mer­voll“. Nach wochen­lan­gen Leser­pro­tes­ten wer­den die zustän­di­gen Redak­teu­rin­nen ent­las­sen.
  • 10. Novem­ber 1988 Bun­des­tags­prä­si­dent Phil­ipp Jen­nin­ger hält eine Rede über das „Fas­zi­no­sum“ des Natio­nal­so­zia­lis­mus und muss nach öffent­li­chen Pro­tes­ten sei­nen Rück­tritt erklä­ren.
  • 10. Dezem­ber 1988 Wiglaf Dros­te über­schreibt einen Arti­kel in der „taz“ über Wolf­gang Neuss mit „Trau­er­ar­beit macht frei“. Die Leser­brie­fe tref­fen wasch­kör­be­wei­se in der Redak­ti­on ein.
  • 6. April 1994 Das für den 20. April geplan­te Fuß­ball­län­der­spiel Deutsch­land – Eng­land im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on wird nach Pro­tes­ten abge­sagt.
  • 10. Febru­ar 1997 In Flo­ri­da herrscht ein betrun­ke­ner Harald Juhn­ke einen far­bi­gen Wach­mann an: „Du dre­cki­ger N[*****], bei Hit­ler wäre so etwas ver­gast wor­den.“
  • Mai 1997 Bei einem Gast­spiel in Isra­el unter­schreibt ein Bas­sist der Deut­schen Oper eine Hotel­rech­nung mit „Adolf Hit­ler“.
  • Juni 1998 Nokia wirbt mit dem Slo­gan „Jedem das Sei­ne“ für aus­tausch­ba­re Han­dy­co­ver. Nach Pro­tes­ten wird die Kam­pa­gne ein­ge­stellt.
  • 11. Okto­ber 1998 Mar­tin Wal­ser hält in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che sei­ne „Moralkeulen“-Rede, für die er von Ignatz Bubis lang­an­hal­tend kri­ti­siert wird.
  • Febru­ar 1999 Nach dem Raus­wurf von Trai­ner Horst Ehrm­an­traut sagt der Ein­tracht-Frank­furt-Spie­ler Jan-Age Fjör­toft laut Sport­di­rek­tor Ger­not Rohr: „Vor­her war es Hit­ler­ju­gend, jetzt ist es kor­rekt.“
  • 1. Febru­ar 2001 Nico­la Beer, FDP-Abge­ord­ne­te im hes­si­schen Land­tag, sieht den Unter­schied zwi­schen den „Putz­grup­pen“, denen Josch­ka Fischer frü­her ange­hört hat, und Neo­na­zis „nur dar­in, dass die Putz­trup­pen damals mit Turn­schu­hen im Wald unter­wegs waren und dass die heu­te Sprin­ger­stie­fel anha­ben.“
  • 12. März 2001 Bun­des­um­welt­mi­nis­ter Jür­gen Trit­tin sagt über den kahl­köp­fi­gen CDU-Gene­ral­se­kre­tär, die­ser habe „die Men­ta­li­tät eines Skin­heads und nicht nur das Aus­se­hen“.
  • März 2002 Jamal Kars­li, damals Grü­nen-Abge­ord­ne­ter im NRW-Land­tag ver­öf­fent­licht eine Pres­se­er­klä­rung mit der Über­schrift „Israe­li­sche Armee wen­det Nazi-Metho­den an!“ Kurz dar­auf ver­lässt er die Grü­nen und wird von Jür­gen W. Möl­le­mann kurz­zei­tig in die FDP-Frak­ti­on geholt.
  • 13. Mai 2002 Im FAZ-Feuil­le­ton schreibt Patrick Bah­ners über die feh­len­de Regie­rungs­er­fah­rung des FDP-Kanz­ler­kan­di­da­ten Gui­do Wes­ter­wel­le: „Der letz­te deut­sche Kanz­ler, den nur das Cha­ris­ma des Par­tei­füh­rers emp­fahl, war Adolf Hit­ler.“ FDP-Gene­ral­se­kre­tä­rin Cor­ne­lia Pie­per for­dert ver­geb­lich eine Ent­schul­di­gung.
  • 13. August 2002 Weil er sich vom Rasen­mä­hen sei­ner Nach­barn beläs­tigt fühlt, bezeich­net der Lie­der­ma­cher Rein­hard Mey die­se als „Gar­ten­na­zis“.
  • 29. August 2002 Wie der „Spie­gel“ berich­tet, habe Hel­mut Kohl Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Thier­se in einem pri­va­ten Gespräch als „schlimms­ten Prä­si­den­ten seit Her­mann Göring“ bezeich­net.
  • Sep­tem­ber 2002 Nach einer wochen­lan­gen Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te mit Michel Fried­man ver­öf­fent­licht Jür­gen W. Möl­le­mann weni­ge Tage vor der Bun­des­tags­wahl ein Flug­blatt, auf dem er Fried­man und Ari­el Sharon scharf angreift. Dem Par­tei­aus­schluss kommt er im März 2003 durch einen Aus­tritt zuvor.
  • 18. Sep­tem­ber 2002 Her­ta Däub­ler-Gme­lin ver­gleicht die Poli­tik Geor­ge W. Bushs mit der Adolf Hit­lers.
  • 11. Dezem­ber 2002 Roland Koch bezeich­net die Rei­chen-Kri­tik von Ver.di-Chef Frank Bsir­s­ke als „eine neue Form des Sterns auf der Brust“.
  • 2. Juli 2003 Im Euro­päi­schen Par­la­ment schlägt Sil­vio Ber­lus­co­ni den deut­schen SPD-Abge­ord­ne­ten Mar­tin Schulz „für die Rol­le des Lager­chefs“ in einem Spiel­film über Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger vor.
  • 3. Okto­ber 2003 Bei einer Rede zum Tag der deut­schen Ein­heit han­tiert der CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Mar­tin Hoh­mann mit dem Begriff „Täter­volk“ in der Nähe zu „den Juden“ und wird im fol­gen­den Jahr aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen.
  • 30. August 2004 Auf dem selbst­be­ti­tel­ten Album der Liber­ti­nes erscheint ein Song namens „Arbeit Macht Frei“. Da Pete Doh­erty aber noch nicht der „Skan­dal-Rocker“ und „(Ex-)Freund von Kate Moss“ ist, ist die­ser Umstand kei­ne Mel­dung wert.
  • 15. Dezem­ber 2004 In Hes­sen dür­fen Ord­nungs­äm­ter „Ord­nungs­po­li­zei“ hei­ßen. Da der Begriff schon für die Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der Poli­zei im Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­wen­det wur­de, kommt es zu Pro­tes­ten und schließ­lich zur Auf­lö­sung der Behör­de.
  • 6. Janu­ar 2005 Der Köl­ner Erz­bi­schof Joa­chim Kar­di­nal Meis­ner ver­gleicht Abtrei­bun­gen mit den Ver­bre­chen von Hit­ler und Sta­lin.
  • 13. Janu­ar 2005 Der bri­ti­sche Prinz Har­ry erscheint in einer Nazi-Uni­form auf einem Kos­tüm­ball.
  • 13. Mai 2005 Der bay­ri­sche Wis­sen­schafts­mi­nis­ter Tho­mas Gop­pel bezeich­net nach einer Rede das Ver­hal­ten pro­tes­tie­ren­der Stu­den­ten als „Hin­weis auf die Into­le­ranz, die uns damals in das Schla­mas­sel gebracht haben“.
  • 12. Juli 2005 SPD-Frak­ti­ons­vi­ze Lud­wig Stiegler ver­gleicht den CDU-Slo­gan „Sozi­al ist, was Arbeit schafft“ mit der KZ-Inschrift „Arbeit macht frei“.
  • 16. Sep­tem­ber 2005 Weil CDU-Abge­ord­ne­te die Rede eines SPD-Abge­ord­ne­ten mit Zwi­schen­ru­fen stö­ren, ver­gleicht Sig­mar Gabri­el deren Ver­hal­ten mit dem der Nazis.
  • Sep­tem­ber 2005 Die­ter Tho­mas Heck ver­gleicht Ange­la Mer­kels Rhe­to­rik mit der Adolf Hit­lers.
  • 24. Febru­ar 2006 Weil er einen jüdi­schen Jour­na­lis­ten mit einem KZ-Auf­se­her ver­gli­chen hat­te, wird der Lon­do­ner Bür­ger­meis­ter Ken Living­stone für vier Wochen vom Dienst sus­pen­diert.
  • 17. August 2006 Bei einem Test­spiel in Ita­li­en for­men kroa­ti­sche Fuß­ball­fans auf der Tri­bü­ne ein Haken­kreuz.
  • Novem­ber 2006 Der Stu­diVZ-Grün­der Ehs­san Daria­ni ver­schickt eine Geburts­tags­ein­la­dung im Sti­le des „Völ­ki­schen Beob­ach­ters“.
  • 9. Febru­ar 2007 Ein „Bild“-Leser ent­deckt in Goog­le Earth den Schrift­zug „Nazi Ger­ma­ny“ bei Ber­lin.
  • 9. Febru­ar 2007 Die RTL-Woh­nungs­ver­schö­ne­rin Tine Witt­ler erwirkt eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung gegen einen Trai­ler für die fik­ti­ve Sen­dung „Tine Hit­ler: Ein­marsch in vier Wän­den“ bei Come­dy Cen­tral („täg­lich von 19.33 Uhr bis 19.45 Uhr“).
  • 14. März 2007 Bei einer inter­nen Unter­su­chung stellt die Frank­fur­ter Poli­zei fest, dass sich Per­so­nen­schüt­zer von Michel Fried­man ger­ne mit Nazi-Sym­bo­len prä­sen­tier­ten.
  • 11. April 2007 In sei­ner Trau­er­re­de auf Hans Fil­bin­ger bezeich­net Gün­ther Oet­tin­ger den frü­he­ren Mari­ne­rich­ter als „Geg­ner des NS-Regimes“.
  • 6. Sep­tem­ber 2007 Bei einer Buch­vor­stel­lung äußert sich Eva Her­man umständ­lich und miss­ver­ständ­lich über die Fami­li­en­po­li­tik im Natio­nal­so­zia­lis­mus und wird vom NDR gefeu­ert.
  • 14. Sep­tem­ber 2007 Im Köl­ner Dom warnt Joa­chim Kar­di­nal Meis­ner: „Dort, wo die Kul­tur vom Kul­tus, von der Got­tes­ver­eh­rung abge­kop­pelt wird, erstarrt der Kult im Ritua­lis­mus und die Kul­tur ent­ar­tet.“
  • 9. Okto­ber 2007 Bei einem Auf­tritt in der Show von Johan­nes B. Ker­ner ver­hed­dert sich Eva Her­man aber­mals in rhe­to­ri­schen Fuß­an­geln, als sie von Hit­lers Auto­bah­nen spricht. Es ist ihr letz­ter Fern­seh­auf­tritt bis heu­te.
  • 20. Okto­ber 2007 Bischof Wal­ter Mixa fühlt sich durch Äuße­run­gen von Clau­dia Roth „in erschre­cken­der Wei­se an die Pro­pa­gan­da-Het­ze der Natio­nal­so­zia­lis­ten gegen die Katho­li­sche Kir­che und ihre Reprä­sen­tan­ten“ erin­nert.
  • 25. Okto­ber 2007 In der ers­ten Sen­dung von „Schmidt & Pocher“ kommt ein „Nazo­me­ter“ zum Ein­satz, das für Pro­tes­te sorgt.
  • 7. Novem­ber 2007 Wolf­gang Schäub­le sagt im Hin­blick auf die Mas­sen­kla­ge gegen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung: „Wir hat­ten den ‚größ­ten Feld­herrn aller Zei­ten‘, den GröFaZ, und jetzt kommt die größ­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de aller Zei­ten.“
  • 27. Dezem­ber 2007 Will Smith spe­ku­liert über Adolf Hit­lers Mor­gen­ge­dan­ken.
  • 20. Janu­ar 2008 Gui­do Knopp fühlt sich durch einen Vor­trag von Tom Crui­se an die Sport­pa­last-Rede von Joseph Goeb­bels erin­nert.
  • 23. Janu­ar 2008 „Bild“ ver­öf­fent­licht ein Video, das DJ Tomekk mit erho­be­nem rech­ten Arm und beim Sin­gen der ers­ten Stro­phe des „Deutsch­land­lieds“ zeigt.
  • 30. Janu­ar 2008 In der Pro­Sie­ben-Quiz­show „Night­l­oft“ sagt Mode­ra­to­rin Julia­ne Zieg­ler „Arbeit macht frei“. Am nächs­ten Mor­gen trennt sich der Sen­der von ihr.
  • 31. Janu­ar 2008 In Rio de Janei­ro ver­bie­tet ein Gericht den Ein­satz eines Kar­ne­vals­wa­gens mit über­ein­an­der gesta­pel­ten Holo­caust-Opfern und eines Tän­zers im Hit­ler­kos­tüm beim Kar­ne­vals­zug.

Mit Dank an Niels W. für die indi­rek­te Anre­gung und Ste­fan N. für die Unter­stüt­zung bei der Recher­che.

Unter Zuhil­fe­nah­me von agitpopblog.org, FAZ.net und der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler an der FU Ber­lin.

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Musik

Coffee And TV empfiehlt: Jacqui Naylor live

Über Jac­qui Nay­lor (bzw. ihr Album „The Color Five“) hat­te ich im ver­gan­ge­nen Juli bereits reich­lich Lob aus­ge­schüt­tet. Jacqui NaylorIm Dezem­ber unter­leg­te ich mein stink­lang­wei­li­ges Weih­nachts­markt-Video mit ihrer außer­ge­wöhn­li­chen Inter­pre­ta­ti­on von „San­ta Claus Is Coming To Town“.

Des­halb freue ich mich beson­ders, dass die sym­pa­thi­sche Jazz­sän­ge­rin aus San Fran­cis­co, CA zum ers­ten Mal für eine klei­ne Tour nach Deutsch­land kommt:

27. Febru­ar: Ham­burg, Markt­hal­le
28. Febru­ar: Ber­lin, Qua­si­mo­do
29. Febru­ar: Min­den, Jazz Club Min­den
1. März: Mün­chen, Unter­fahrt
2. März: Frank­furt, Jazz­kel­ler

Jazz-Fans, die man merk­wür­di­ger­wei­se ja immer „Jazz-Lieb­ha­ber“ nennt, wer­den ange­tan sein, beson­ders emp­feh­len möch­te ich die Kon­zer­te aber Jazz-Skep­ti­kern und ‑Ein­stei­gern. Miss Nay­lor und ihre Band bewe­gen sich näm­lich im Drei­län­der­eck von Jazz, Folk und Pop und ihre „acou­stic smas­hes“ (Tex­te von Pop­songs über der Musik eines Jazz­stan­dards und vice ver­sa) sind etwas ganz beson­de­res.

Offi­zi­el­le Web­site
Jac­qui Nay­lor bei MySpace
Künst­ler­sei­te beim deut­schen Label

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Literatur

Er, Ich, Über-Ich

Es ist natür­lich rei­ner Zufall, dass aus­ge­rech­net in dem Herbst, in dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schei­det, dass Maxim Bil­lers Roman „Esra“ ver­bo­ten bleibt, weil er zu nah an der Rea­li­tät sei und die Per­sön­lich­keits­rech­te der „Prot­ago­nis­ten“ ver­let­ze, ein Roman erscheint, der der Wirk­lich­keit so nahe kommt, dass er schon fast die Fra­ge auf­wirft, ob es sich über­haupt noch um einen Roman han­delt: Die Haupt­fi­gur in Tho­mas Gla­vi­nic‘ Roman „Das bin doch ich“ heißt Tho­mas Gla­vi­nic, ist Schrift­stel­ler, hat gera­de einen Roman fer­tig­ge­stellt und war­tet auf des­sen Ver­öf­fent­li­chung. Er kämpft sich durch den All­tag mit Frau, Klein­kind und Neu­ro­sen, trinkt regel­mä­ßig viel zu viel und ist viel im öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur- und Kul­tur­be­trieb unter­wegs. Ansons­ten pas­siert wenig.

Es ist weni­ger die Hand­lung, die „Das bin doch ich“ zu einem unge­wöhn­li­chen Buch macht. Sie ist gleich­sam nicht vor­han­den und Gla­vi­nic (der ech­te wie der lite­ra­ri­sche) hat mit „Der Kame­ra­mör­der“ und „Die Arbeit der Nacht“ bedeu­tend hand­lungs­rei­che­re Roma­ne geschrie­ben. „Das bin doch ich“ lebt von der vor­der­grün­dig auf­ge­lös­ten Gren­ze zwi­schen Autor und Haupt­fi­gur, von der stän­di­gen Fra­ge, wel­che Roman-Pas­sa­gen abge­schrie­be­ne Wirk­lich­keit und wel­che Fik­ti­on sein könn­ten.

Gla­vi­nic (der Autor) war aber klug genug zu erken­nen, dass sol­che post­mo­der­nen Expo­si­tio­nen allei­ne einen Roman von 230 Sei­ten nur schwer­lich tra­gen kön­nen, und so lässt er sei­nen Tho­mas Gla­vi­nic im All­tag absur­de, quä­len­de und zum Teil rich­tig pein­li­che Geschich­ten erle­ben, die er mit unprä­ten­tiö­ser Spra­che erzählt. Das liest sich leicht und unter­hält.

Damit offen­ba­ren sich auch schon die zwei Haupt­les­ar­ten von „Das bin doch ich“: Die lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Her­an­ge­hens­wei­se, bei der man sich die gan­ze Zeit mit Erzähl­theo­rien und dem Kon­zept von Fik­ti­on und Rea­li­tät beschäf­ti­gen kann, und die Klatsch­va­ri­an­te, bei der man alles Beschrie­be­ne für bare Mün­ze nimmt und sich an den ver­meint­li­chen (dann aber doch eher unspek­ta­ku­lä­ren) Ein­sich­ten in die öster­rei­chi­sche Kul­tur­sze­ne erfreu­en kann. Angst vor juris­ti­schen Schrit­ten muss Gla­vi­nic dabei kaum haben: Von allen beschrie­be­nen Figu­ren ist der größ­te Säu­fer und Neu­ro­ti­ker sei­ne Haupt­fi­gur, also letzt­lich er selbst.

Dabei bleibt Gla­vi­nic, die Roman­fi­gur, trotz aller Wei­ner­lich­keit und sei­nem offen­sicht­li­chen Unver­mö­gen, mit sei­nem All­tag zurecht­zu­kom­men, immer sym­pa­thisch. Nur wenn er mor­gens ängst­lich vor dem Com­pu­ter hockt und sich fragt, wem er in der vor­he­ri­gen Nacht wie­der betrun­ke­ne E‑Mails geschrie­ben haben könn­te, wird die Situa­ti­on bei allem Amü­se­ment unglaub­wür­dig: „Guck doch ein­fach in Dei­nen ver­damm­ten ‚Gesendet‘-Ordner!“, möch­te man ihm da zuru­fen und wür­de damit aber­mals die Gren­zen der Lite­ra­tur spren­gen, mit denen Gla­vi­nic, der Autor, die gan­ze Zeit han­tiert. Eine drit­te Les­art wäre natür­lich, sich weder auf Theo­rien noch auf Klatsch zu kon­zen­trie­ren, son­dern das Buch als gelun­ge­ne Mischung aus bei­dem und als inter­es­san­te Unter­hal­tung zu betrach­ten.

Die außer­ge­wöhn­li­che Aus­gangs­la­ge des Romans sorgt schnell dafür, dass man sich genau­er mit sei­ner Form als mit sei­nem Inhalt aus­ein­an­der­setzt. Lässt man sich auf das Spiel ein und akzep­tiert das Geschrie­be­ne als im gro­ßen und gan­zen real, dann ist „Das bin doch ich“ ein inter­es­san­te Stu­die über einen Autor, der mit sei­ner Tages­frei­zeit nichts anzu­fan­gen weiß, was im Ergeb­nis dazu führt, dass er einen Meta-Roman über sich und sei­ne Situa­ti­on schreibt. Bei die­ser Kon­struk­ti­on muss man dann natür­lich vor­sich­tig sein, dass sie einen nicht bei län­ge­rem Nach­den­ken in den Wahn­sinn treibt, so wie der Roman-Gla­vi­nic mit sei­ner Hypo­chon­drie, sei­ner Flug­angst und sei­ner immer kon­fu­ser wer­den­den Kon­ver­sa­ti­on mit sei­nem Freund, dem Best­sel­ler­au­tor Dani­el Kehl­mann („Die Ver­mes­sung der Welt“), auch immer ein biss­chen wahn­sin­ni­ger zu wer­den scheint.

Unab­hän­gig vom tat­säch­li­chen Rea­li­täts­ge­halt zeich­net „Das bin doch ich“ ein glaub­wür­di­ges Bild aus dem Leben eines Krea­ti­ven mit all sei­nen Macken, Sor­gen und Ängs­ten. Gla­vi­nic pen­delt dabei gekonnt zwi­schen Kli­schees und eher über­ra­schen­den Anek­do­ten aus der Welt der Hoch­kul­tur und bringt den deut­schen Lesern ganz neben­bei sei­ne öster­rei­chi­sche Hei­mat und vor allem Wien näher. Wenigs­tens ein­mal will man auch beim Inder am Nasch­markt essen gehen, wie es der Prot­ago­nist jeden Tag tut. Viel­leicht wür­de man dort tat­säch­lich auf den ech­ten Tho­mas Gla­vi­nic tref­fen. Viel­leicht aber auch nicht.

Eine beson­de­re Iro­nie der Geschich­te (nicht des Romans): Mit „Das bin doch ich“ gelang Gla­vi­nic das, wor­auf sein Roman­held mit dem Vor­gän­ger „Die Arbeit der Nacht“ ver­geb­lich hofft – der Sprung auf die Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses.

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Leben

Forever Young

Ergän­zend zu mei­ner Alte-Fotos-Digi­ta­li­sier-Akti­on fand ich heu­te die­ses Bild in mei­ner Mail­box:

Lukas Heinser (veraltet)

Es zeigt mich vor 16, 17 Jah­ren, kommt von Tim Schnei­der, mit dem ich eini­ge Jah­re zur Grund­schu­le gegan­gen bin, und erreicht mich zu einer Zeit, in der ich ver­stärkt dar­über nach­den­ke, dass ich so jung auch nicht mehr bin.

Fuß­ball­na­tio­nal­spie­ler und Rock­stars sind bereits jün­ger als ich und neu­lich frag­te ich mich, wie man sich wohl fühlt, wenn auch erst mal die Spre­cher der „Tages­schau“ der eige­nen Gene­ra­ti­on ange­hö­ren – von Bun­des­mi­nis­tern ganz zu schwei­gen. Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de in mei­nem Freun­des­kreis das ers­te Kind gebo­ren und im Hei­mat­ur­laub hört man immer regel­mä­ßi­ger von Alters­ge­nos­sen, die Nach­wuchs erwar­ten oder den Bund der Ehe ein­zu­ge­hen geden­ken. 1 Eini­ge sind auch schon mit dem Stu­di­um fer­tig und müs­sen jetzt rich­tig arbei­ten.

Müt­ter wis­sen so etwas ja immer sofort und ganz genau, was zu Sät­zen führt wie:

Ich hab‘ die [Mut­ter eines Bekann­ten] getrof­fen, die hat gesagt, der … Wie hieß denn die­ser Pole in Eurer Stu­fe? Jeden­falls wird der jetzt Vater und der … Dings, der Sohn von die­sem … Ach, wer war das denn, da aus Eurer Par­al­lel­klas­se? Also, der ist schwul und sie mein­te [Name eines frü­he­ren Mit­schü­lers] viel­leicht auch, weil der noch nie ’ne Freun­din hat­te.

Danach braucht man fünf Minu­ten, um die eige­nen Gedan­ken zu sor­tie­ren und sich zu einem „Aha“ hin­rei­ßen zu las­sen, das auch auf­rich­tig des­in­ter­es­siert klin­gen soll und nicht so gespielt des­in­ter­es­siert wie die „Aha„s, die man äußert, wenn man von Drit­ten über die neu­es­ten Män­ner­be­kannt­schaf­ten ehe­ma­li­ger Schwär­me unter­rich­tet wird. Ich bin mir sicher, dass es die DDR heu­te noch gäbe, wenn man nur mehr Müt­ter als infor­mel­le Sta­si-Mit­ar­bei­ter hät­te gewin­nen kön­nen.

Wäh­rend ich die­se Zei­len tip­pe, lau­sche ich einer CD, die ich mir vor über zehn Jah­ren zum ers­ten Mal auf Kas­set­te über­spielt habe 2, und ich muss mir etwas Mühe geben, die Schrift auf mei­nem alten Röh­ren­mo­ni­tor zu fokus­sie­ren. Mei­ne Bril­le liegt zwar zwei Meter neben mir, aber ich wei­ge­re mich immer noch, sie außer­halb des Autos zu tra­gen. Oder außer­halb eines Kinos. Oder eines Hör­saals.

Mei­ne Bril­le bekam ich vor etwa neun Jah­ren, weil ich Pro­ble­me mit den Augen hat­te. 3 Ich such­te mir ein ähn­li­ches Modell wie es Rober­to Benig­ni bei der damals weni­ge Tage zurück­lie­gen­den Oscar­ver­lei­hung getra­gen hat­te, aus. Etwa ein Jahr lang trug ich die Bril­le in jeder wachen Minu­te, dann dach­te ich mir, dass ich auch ohne ganz gut sehen und mög­li­cher­wei­se bes­ser aus­se­hen wür­de. Im Zivil­dienst bekam ich ein wei­te­res Exem­plar, das mir zu wei­ten Tei­len von Bun­des­be­hör­den bezahlt wur­de, bei dem ich mich aber sti­lis­tisch so stark ver­griff, dass ich die alte Bril­le wei­ter bevor­zug­te.

Zum Beginn mei­nes Stu­di­ums trug ich die Bril­le, weil ich in den rie­si­gen Bochu­mer Hör­sä­len sonst die Tafeln und Over­head-Pro­jek­tio­nen nicht sehen konn­te. Dann fand ich, dass ich damit zu sehr nach Ger­ma­nis­tik-Stu­dent und nach Musik­jour­na­list aus­sä­he – zwei Ein­drü­cke, die ich unbe­dingt ver­mei­den woll­te. Lan­ge kam ich ganz ohne Bril­le aus, die ein­zi­gen Sicht­be­ein­träch­ti­gun­gen ent­stan­den durch mei­ne Fri­sur. Doch in der letz­ten Zeit wur­de es immer schwie­ri­ger, selbst grö­ße­re Schil­der zu ent­zif­fern, und als ich letz­te Woche bei einer Max-Goldt-Lesung im Bochu­mer Schau­spiel­haus dach­te, Herr Goldt habe nicht gerin­ge Ähn­lich­kei­ten mit Hugh Lau­rie, wuss­te ich Bescheid.

Wie bin ich jetzt hier­hin gekom­men? Ach, nicht mal das weiß ich mehr. Ich wer­de echt alt.

PS: Pas­send zur Über­schrift: Die mei­ner Mei­nung nach bes­te Ver­si­on von Alpha­villes „For­ver Young“ – die von Youth Group.

  1. Kürz­lich hör­te ich gar über Umwe­ge, ich selbst habe bereits vor eini­gen Jah­ren hei­ra­ten wol­len. Das fand ich sehr inter­es­sant, weil mir die Nach­richt zum einen völ­lig neu war und sie zum ande­ren aus einer Rich­tung kam, die für mich beim bes­ten Wil­len nicht mit Sinn zu fül­len war.[]
  2. Pet Shop Boys – Bilin­gu­al.[]
  3. Die­ser Satz erscheint mir beim Kor­rek­tur­le­sen eini­ger­ma­ßen banal und über­flüs­sig, aber irgend­wo muss die Infor­ma­ti­on, dass ich vor neun Jah­ren eine Bril­le bekam, ja hin.[]