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Das bizarre Massaker der Fehlorientierungen

Meine erste “Bravo” las ich im Deutschunterricht der achten Klasse. Nicht heimlich unter dem Tisch, sondern auf Geheiß unseres damaligen Deutschlehrers. Der hielt Deutschlands langlebigste Jugendzeitschrift für ein Super-Beispiel, um uns den Themenkomplex “Zeitung” näher zu bringen. ((Gerüchten zufolge ließ der gleiche Lehrer in sechsten Klassen Aufsätze mit dem Thema “Mein erstes Mal” schreiben. Es ist den Anstrengungen unseres herzensguten Klassenlehrers zu verdanken, dass wir nur zwei Jahre mit diesem Pädagogen zu tun hatten, der wenig später die Schule wechselte. Es beunruhigt mich ein bisschen, dass er auch heute mit Ende Fünfzig noch Schüler (und vor allem Schülerinnen) unterrichtet.))

Ich war damals dreizehn Jahre alt und den Inhalten der Zeitschrift noch nicht wirklich gewachsen. Die Unsicherheit, wie man sich angesichts von Texten über den vorzeitigen Samenerguss, Petting und die neueste Single von Worlds Apart verhalten sollte, übergingen meine besten Freunde und ich, indem wir jede einzelne Seite mit viel Aufwand künstlerisch verschönerten. Besonders die Foto Love Story hatte es uns angetan. ((Ich hoffe, ich denke daran, den gröbsten Irrsinn beim nächsten Elternbesuch mal zu scannen.))

Nach der Klassenarbeit zu dieser Unterrichtseinheit ((Aufgabenstellung: Wahlweise “Schreibe einen Brief ans Dr.-Sommer-Team aus der Perspektive des Mädchens, das in der Foto Love Story vergewaltigt wurde” oder “Schreibe eine Biographie über Mel B.”)) war “Bravo” für mich abgehakt. Aus Spaß an der Freude kauften wir uns allerdings genau ein Jahr später eine weitere Ausgabe, um auch diese zu verschönern. Die Feststellung, dass sich die Themen im Abstand von exakt 52 Wochen wiederholen ((“Skandalvideo von The Prodigy”, Vorzeitiger Samenerguss, Miniposter von Jon Bon Jovi.)), war meine erste Begegnung mit dem Medienjournalismus.

Warum erzähle ich Ihnen den ganzen Scheiß aus meiner noch nicht mal pickligen Pubertät? Ich bin im Internet ((Über eine Google Ad bei bild.de.)) auf eine völlig bizarre Seite gestoßen, die es in Sachen Wahn locker mit der “Bürgerrechtsbewegung Solidarität” aufnehmen kann: “Kinder in Gefahr” – eine Aktion der Deutsche Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V.

Neben einer Protestaktion gegen die “steigende Anzahl von Erotik-Sendungen” im ZDF, etlichen homophoben Ausfällen und diversen weiteren Forderungen, die man allenfalls von den bekannt-durchgeknallten Elternorganisationen in den USA erwartet hätte, gibt es dort auch eine Unterschriftenaktion zum Verbot der “Bravo”.

Dieses “Massaker an der Kindheit” äußert sich nach Ansicht der Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur beispielsweise in diesen Ausprägungen:

  • Jede Woche werden ein Junge und ein Mädchen splitternackt abgebildet, die dabei über ihre Sexualabenteuer berichten. So gut, wie in jeder Ausgabe werden Jugendliche beim Geschlechtsverkehr gezeigt.
  • In jeder Ausgabe gibt es Berichte über Themen wie „Kamasutra“, „Erotische Ausstrah-lung“, „Oralsex“ usw. usf., natürlich mit den dazugehörigen Erotik- und Nacktfotos, ab-gesehen von sexuellen Perversionen, wie beispielsweise Fesseln und Sadomaso-chismus.
  • Bizarres wird als „cool“ und „toll“ dargestellt, wie beispielsweise die „Rock-Party“ der Punk-Gruppe „Tokio Hotel“, die zu einer Zerstörungsorgie wurde.Die Liste solcher Beispiele könnte man beliebig erweitern.

In einem weiteren Artikel erklärt der (für Google quasi komplett unbekannte) Prof. Dr. Dieter Dahl, warum die Internetseite der “Bravo” zu “seelischer Zerstörung, Haltlosigkeit, Fehlorientierungen und Sucht” führt:

Dort wo ein Sexpartner nicht zur Hand ist, wird von BRAVO der Solosex, d.h. die Selbstbefriedigung, bebildert eingeübt und zwar nach Jungen und Mädchen getrennt. Natürlich für jeden einsehbar.

Wenn man sich vorstellt, wie schwer dem guten Professor das Tippen des Wortes “Selbstbefriedigung” gefallen sein muss, lässt sich erahnen, was in ihm vorging, als er folgende Passage schrieb:

Ich frage mich: Kann man sich an verantwortlicher Stelle nicht vorstellen, daß ein Junge sich an diesen Darstellungen aufgeilt, davon nicht loskommt, zum Dauerkonsument und schließlich sexsüchtig wird? Es entstehen dann seelische Zerstörung, Haltlosigkeit, Fehlorientierungen, nicht zuletzt andere Süchte, vor allem Drogensucht.

Fragen Sie mal die Mutter von Pete Doherty!

PS: Und wie man dem Heinrich-Bauer-Verlag eine eigene neun Jahre alte Pressemitteilung im Mund herumdreht, können Sie in einem weiteren Artikel lesen.

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Leben Politik

I’m With Stupid

Abizeitungs-Verkauf anno 2002

Ich habe ein NRW-Abi. Das alleine ist oft genug Grund für Hohn und Spott, den man sich von Menschen anhören muss, die in ihrer Schule alles, außer Hochdeutsch gelernt haben.

Das Abitur nordrhein-westfälischer Gymnasien hatte einen Ruf, der nur marginal besser ist als der von ukrainischen Steinpilzen in den 1980er Jahren oder der von Franjo Pooth heute. Das lag vor allem an einer desaströsen Schulpolitik, die die SPD über Jahrzehnte betrieben hatte – wobei das irgendwie schon zu aktivisch klingt: die Schulpolitik war eher irgendwie geschehen. Die zur Zeit meines Abitur zuständige Schulministerin Gabriele Behler war so unbeliebt, dass unser Physiklehrer bei Versuchen zur Flugbahn von Dartpfeilen vorschlug, die Zielscheibe mit einem Foto der Ministerin zu bekleben.

Nachdem man in NRW allgemein zu der Einsicht gelangt war, dass die rot-grüne Landesregierung ein kaum reparierbares und vor allem nicht zu überbietendes Desaster angerichtet hatte, entschied man sich im Mai 2005 dazu, einer neuen, schwarz-gelben Landesregierung die Gelegenheit zu geben, das Desaster eben doch noch zu überbieten. War Gerhard Schröder 1998 mit der Ansage ins Kanzleramt eingezogen, er werde nicht alles anders machen, aber vieles besser, hieß es bei CDU und FDP plötzlich: alles anders, aber nichts besser.

Da Bundesländer mit Zentralabitur bei Tests bedeutend besser abgeschnitten hatten, brauchte NRW plötzlich auch eines – und zwar sofort und ohne weiter groß darüber nachzudenken. Das erste Zentralabitur im Jahr 2007 litt unter fehlerhaften Aufgabenstellungen und anderen “Kinderkrankheiten”, wie es gerne bei schlecht angelaufenen Neuheiten heißt. Aber 2008, da sollte alles besser werden (und vermutlich manches anders).

Es ist, Sie entnehmen es meiner umständlichen Anmoderation, alles noch viel, viel schlimmer gekommen. “Spiegel Online” hat die gröbsten Schnitzer in den Fragestellungen zusammengestellt und berichtet von einer Schule, wo von 84 Abiturienten 74 in die Nachprüfung müssen. Da ist man wirklich froh, wenn man sein Doofen-Abi schon hat.

Eine Schülerin aus einem Englisch-LK wird mit den folgenden Worten zitiert:

“Meine Lehrerin meinte, das liege nur daran, dass sie die Antworten vom Ministerium als Vorlage nehmen muss”, sagt Desiree, “sonst hätte ich 13 Punkte von ihr bekommen – weil ich einen richtigen, aber anderen Gedankengang hatte als das Ministerium.”

Und während die Landesschülervertretung wenigstens eine Entschuldigung von Schulministerin Barbara Sommer fordert, kündigt die weitere Reformen an, mit denen sie die Eigenverantwortung der Schulen stärken will. Dass ich Eigenverantwortung und Zentralabitur für irgendwie widersprüchliche Konzepte halte, liegt vermutlich an meinem NRW-Abitur.

Kommen wir zum Schluss noch zu meiner Lieblingspassage aus dem SpOn-Artikel, vor deren Lektüre ich Sie allerdings bitten muss, kurz zu überprüfen, ob die Tischplatte, in die Sie gleich beißen werden, auch ihre eigene ist:

Bei einer Pädagogik-Aufgabe zu Sigmund Freud hatten die Autoren aus “Gefühlen, die uns bewusst sind”, ein “unbewusst” gemacht und so den Sinn ins Gegenteil verkehrt. Barbara Sommer: “Rückmeldungen haben ergeben, dass viele Schüler auch schon vor der Korrekturmitteilung das ‘un’ überlesen haben und den Satz richtig verstanden hatten.”

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Digital

Für das Leben

Gerade bei “Spiegel Online” gelesen: Während manche Lehrer mit erschütternder Konsequenz und ebensolcher Erfolglosigkeit gegen das Lehrer-Bewertungsportal spickmich.de klagen, melden sich andere einfach als Schüler dort an und polieren die Bewertung ihrer Kollegen. Ich bin mir nicht ganz sicher, welches Verhalten ich kindischer finden soll.

Während einige meine Uni-Dozenten am Ende jedes Semesters anonyme Umfragen zur Qualität ihrer Lehrveranstaltungen durchführen (inzwischen sogar online), bezeichnete Peter Silbernagel vom Philologenverband die anonymen Bewertungen bei spickmich.de im letzten Sommer als “eine Form von Feigheit”. Bei allem Respekt vor dem Lehrerberuf und grundsätzlicher Ablehnung von Verallgemeinerungen: Mir fielen alleine aus meiner Schullaufbahn zehn Lehrer ein, die auf eine un-anonyme, also offene Kritik an ihrem Unterricht mit deutlich veränderter Benotung des entsprechenden Schülers reagiert hätten oder haben.

Die pauschalisierte Kritik am Berufsstand Lehrer hat, so berechtigt sie in vielen Einzelfällen auch sein mag, viele Lehrer in eine Position gedrängt, in der sie jede Äußerung von Kritik als ungerechtfertigt und sich selbst als fehlerfrei ansehen. Dies sind häufig genug die Kollegen, die schon ein bisschen zu lange im Dienst sind, deren Pensionierung aber auch noch in weiterer Ferne liegt. Die “alten Hasen”, die fast alle zeitgleich mit meinem Abitur in Pension gingen, waren hingegen deutlich offener für Rückmeldungen (was vielleicht daran liegen kann, dass viele von ihnen in den späten 1960er Jahren an den Universitäten waren) oder lieferten gleich kaum Anlass zu Kritik. Junge Lehrer gab es zu unserer Schulzeit keine, aber sie sollen recht engagiert sein, habe ich gehört.

Ich würde kein Lehrer sein wollen. Die Frage habe ich gleich bei meiner Einschreibung verneint und seitdem noch maximal zehn Sekunden darüber nachgedacht. Erstens bin ich unterirdisch schlecht im Erklären, zweitens hätte ich wenig Bock auf nervende Schüler und drittens erscheint mir die ständige Wiederholung ähnlicher Inhalte unter immer neuen Vorzeichen dann auch nicht so spannend. Entsprechend hoch ist mein grundsätzlicher Respekt vor dem Beruf des Lehrers. Ich habe einige sehr gute Lehrer erlebt, denen ich viel zu verdanken habe, aber auch einige sehr, sehr schlechte. Wenn man sich die Liste meiner Deutsch- und Englischlehrer so ansieht, geht es wohl als mittelschweres Wunder durch, dass ich mich ernsthaft für ein Germanistik- und Anglistikstudium entschieden habe. Naheliegend wären Geschichte und Erdkunde (das es aber in der Form leider nicht als Studienfach gibt) gewesen.

Wir hätten uns damals gefreut, wenn wir unsere Lehrer auf einer Plattform wie spickmich.de hätten bewerten können und wenn diese sich die Bewertungen auch angesehen und zu Herzen genommen hätten. Ich denke, dass Schüler durchaus in der Lage sind, die Qualität des Unterrichts und das Verhalten eines Lehrers gut zu beurteilen. Wenn ich mir die Lehrerbewertungen für mein altes Gymnasium bei spickmich.de so ansehe (bzw. den Teil der Lehrer, die ich noch kenne), so zeigt sich mir ein realistisches Bild. Und was spricht dagegen, die Arbeit von Menschen, die jeden Tag andere beurteilen sollen, deren letzte eigene Beurteilung aber in den letzten Tagen ihres Studiums stattfand, mit schlichten Zahlenwerten zu beurteilen? Das ist keine “Feigheit”, sondern Konsequenz.

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Literatur

Aus den Papierkörben der Weltliteratur

Warum sollte es auf meiner Festplatte anders aussehen als in meinem Zimmer? Ich war grad auf der Suche nach etwas völlig anderem, als ich über eine Textdatei stolperte, die meine Aufmerksamkeit erregte. Sie ist ziemlich exakt sechs Jahre alt und mit “drama.txt” betitelt.

Da ich “drama.txt” für ein äußerst interessantes zeithistorisches Dokument halte, möchte ich den Inhalt hier gerne in vollem Umfang und unverändert wiedergeben:

Der Marsch der Institutionen – ein Drama in einem Akt.
Alle Namen sind frei erfunden.
Personen: Frau Händel, Lehrerin; Karl, Schüler; Herr Lingen, Schulleiter; etwa zwei dutzend Schüler
Bühne: Ein schlichter Klassenraum. Wichtig sind das Pult, eine Tür und ein stilisierter Kreml-Turm auf einem Schülertisch.

Die Schüler sitzen umher und reden. Offenbar sollen sie gleich eine Klausur schreiben. Die Lehrerin fehlt noch.
Manfred: Wenn die wirklich die gleiche Klausur nimmt, dann werde ich wahnsinnig.
Ludwig: So doof wird die kaum sein!
Torben: Gib mir noch mal den Text von Friedrich!

Die Tür geht auf, Frau Händel tritt ein. Sie trägt eine übertriebene Perücke und eine große Tasche.

Frau Händel: Hallo Kinder! Hier ist eure Klausur!

Frau Händel teilt ein Papier aus. Die Schüler blicken ungläubig darauf und beginnen dann, laut zu lachen.

Torben: Toll! Und jetzt hab ich das nicht gelesen!
Frau Händel: Was haben Sie nicht gelesen?
Torben: Äh, die Zusammenfassung der stilistischen Mittel, genau!

Frau Händel geht nach vorne. Karl meldet sich.

Frau Händel: Ja, Karl?
Karl: Ihnen ist klar, dass sie diese Klausur letztes Jahr im Grundkurs schon einmal geschrieben haben?!?
Frau Händel: (strahlt) Ja!
Karl: Ihnen ist klar, dass wir Kontakt zu den Schülern dieses Grundkurses haben?!?
Frau Händel: (strahlt) Ja!
Karl: Ihnen ist klar, dass einige von uns Zugang zu dieser Klausur hatten?
Frau Händel: (strahlt) Ja, aber schreiben Sie erstmal so gut, wie die im letzten Jahr!

Die Schüler gucken ungläubig, einige lachen. Karl steht auf und verlässt den Klassenraum.

Torben: Das meinte ich nämlich! Ich habe die Klausur nicht gelesen und jetzt haben die anderen einen Vorteil.
Frau Händel: (murmelt etwas in einer fremden Sprache)

Die Schüler machen sich an die Arbeit und lesen den Text.

Frau Händel: Nicht, dass ihr das Bild interpretiert! Den hab ich nur auf das Blatt kopiert, damit ihr weißt, wie das damals aussah!

Ludwig lässt seinen Kopf neben dem Kremlturm aufs Pult krachen, ehe er das Blatt in zwei Hälften (die eine mit dem Text, die andere mit dem Bild) reißt. Die Tür geht auf, Karl und Herr Lingen betreten die Szene.

Herr Lingen: Frau Händel, kommen Sie mal bitte eben raus?
Frau Händel: (steht auf) Ja, was ist denn?
Herr Lingen: (zu den Schülern) Kann ich mich darauf verlassen, dass Sie hier still weiterarbeiten?

Die Schüler murmeln ein “Ja”, Herr Lingen und Frau Händel treten vor die Tür. Die Schüler murmeln los.

Bert: Ist das ein fünfhebiger Jambus? Ist das ein fünfhebiger Jambus?!?
Ludwig: Ja, halt die Klappe!

[Anmerkung: hierbei muss deutlich werden, dass es sich natürlich um keinen fünfhebigen Jambus handelt, evtl. trägt Bert ein Affenkostüm o.ä.]

Die Tür wird kurz geöffnet, die Schüler verstummen, die Tür wird wieder geschlossen. Ludwig dreht sich begeistert zu Karl um und streckt ihm beide Daumen entgegen. Karl sitz an seinem blanken Pult. Die Tür öffnet sich erneut, Frau Händel kehrt etwas wacklig zu ihrem Pult zurück, Herr Lingen wendet sich an die Klasse.

Herr Lingen: Also, Sie müssen jetzt über das Thema schreiben, Sie können dann nachher Einspruch einlegen! (ab)

Karl, Ludwig und einige andere Schüler schütteln den Kopf. Frau Händel sagt kein Wort.

Lesen Sie nächste Woche: Meinen Dramenzyklus “Sturmfrei” (bestehend aus “Türen”, “Sitzgruppe” und “Türen 2”), sowie meine “Ämter”-Trilogie (bestehend aus dem Singspiel “Kreiswehrersatzamt”, dem klassischen Drama “Finanzamt” und dem absurden Fragment “Arbeitsamt”).

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Gesellschaft Leben Politik

“Ich habe gelacht, als meine Regierung verspottet wurde”

Es gibt sicher viele Gründe, politisches Kabarett doof zu finden (und weil man bei solchen Sätzen wenigstens einen Grund nennen sollte, sag ich mal: “Scheibenwischer”). Es gibt aber auch politisches Kabarett, dem ich mich freiwillig aussetze. Heute Abend habe ich mir z.B. zum vierten Mal Volker Pispers angesehen – zum dritten Mal mit seinem Best-Of-Programm “Bis neulich”, mit dem er seit fünf Jahren tourt. Und obwohl ich knapp die Hälfte des Programms hätte mitsprechen können, habe ich mich herrlich amüsiert. Das verzweifelte Mitschreiben und Rezitieren der bösesten Sprüche und besten Pointen überlasse ich ebenso den Reportern der Lokalzeitungen wie die Formulierungen “bitterböse”, “schwarzer Humor” und “Lachen im Halse steckenbleiben”.

Direkt zu Beginn des Abends, der inklusive einer halbstündigen Pause übrigens fast vier Stunden dauerte, bezeichnete Pispers das Kabarett als modernen Ablasshandel, der es den Zuschauer ermögliche, bequem gegen das System zu sein, in dem er lebt. Und so durfte das überraschend heterogene Publikum (ich möchte trotzdem wetten: 25% Lehrer) über Angela Merkel, George W. Bush, Wolfgang Schäuble, Franz Müntefering und wiesiealleheißen lachen, obwohl das, was diese Politiker so anrichten, selten zum Lachen ist. Entsprechend hoch war der Anteil der “Hohoho”s, also der Lacher, die man sich als politisch korrekter Mensch ja eigentlich gar nicht erlauben dürfte.

An Volker Pispers gefällt mir besonders gut, dass er sich nicht mit kindischen Parodien, Kostümierungen oder Aufführungen aufhält (s. “Scheibenwischer”), sondern den Zuschauern hauptsächlich Fakten um die Ohren haut. Natürlich sorgt er dafür, dass dabei Pointen entstehen, aber das, was er da auf der Bühne erzählt, lässt sich auch in den seriösesten Zeitungen nachlesen – nach Pispers Aussagen seine einzigen Quellen. Wie er Aufklärung und Unterhaltung gleichzeitig liefert, das ist fast schon ein bisschen mit der “Daily Show” vergleichbar.

Die Idee, dass Kabarett die Welt verändern könnte, wäre gänzlich absurd. Das Publikum hat gutes Geld bezahlt, sich köstlich unterhalten gefühlt, mal lauthals über die eigene und andererleuts Regierung gelacht und sich am Ende vielleicht sogar ein paar Fakten und Formulierungen gemerkt. Aber wird man Nachbarn, Freunde oder die obligatorischen Stammtischbrüder zurechtweisen, wenn diese die Politik eines Wolfgang Schäuble (ach, ein Zitat muss ich jetzt doch mal bringen: “Attentatsopfer und Rollstuhltäter”) gutheißen? Wird auch nur einer, nachdem er sich einen Abend lang über Politiker schlappgelacht hat, selbst in die Politik gehen und etwas ändern wollen?

Aber darum geht es ja gar nicht: Missionierung ist sicher nicht Ziel des Kabaretts, denn die, die hingehen, wissen ja eh zumeist, wie der Hase läuft, und die, die man wachrütteln müsste, die interessiert das alles kein bisschen. Trotzdem reden die Lehrer hinterher bei einem Glas Rotwein (und: ja, ich wünschte, das wäre einfach nur so ein haltloses Klischee, aber es ist natürlich schmerzhaft wahr) über das, was sie da gehört haben. Sie sind für einen Abend mal passiv engagiert gewesen und erzählen sich selbst noch einmal, dass beispielsweise die Chance, in Deutschland an Ärztepfusch zu sterben, unendlich höher ist als die, hier Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Und wo ich gerade dabei bin: Das Fantastival, in dessen Rahmen ich diesen Kabarettabend besuchen durfte, läuft noch zwei Wochen in Dinslaken. Karten für das Konzert der Kilians kann man noch bis Mittwoch bei uns gewinnen.

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Leben Politik

Teacher leave them kids alone

In Bremen tagt heute der Rechtsausschuss der Bürgerschaft. Die CDU will Aufklärung darüber, wie die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht unter neuem Namen Deutschlehrerin für Migrantenkinder an einer Bremer Grundschule werden konnte.
Die denkbar einfache Antwort eines Außenstehenden würde vermutlich lauten: “Sie hat bereits in der DDR als Lehrerin gearbeitet, als sie dort untergetaucht war, sie hatte eine positive Prognose und irgendjemand hat sie wohl eingestellt.” Und für diejenigen, die so klug sind, nicht auf dahergelaufene Außenstehende zu hören, erklärt Bremens früherer Bürgermeister Henning Scherf das alles noch mal etwas ausführlicher.

Nun ist im Zuge der Debatten der letzten Wochen klargeworden (no pun intended), dass manche Politiker, Bürger und Journalisten ein wenig Nachhilfe in Sachen rechtsstaatlicher Prinzipien benötigen (Hans Filbinger kann glücklicherweise nicht mehr zum Nachhilfelehrer umgeschult werden). Wer aber hätte gedacht, dass sich die zögerliche Aufarbeitung bundesrepublikanischer Vergangenheit dazu eignet, ein ganzes Berufsbild neu zu definieren?

CDU-Vorzeigeplappermaul Wolfgang Bosbach empörte sich in “Bild”:

Bei Lehrern darf an der charakterlichen Eignung keinerlei Zweifel bestehen. Es kann nicht sein, dass eine Ex-RAF-Terroristin ausgerechnet durch die Arbeit mit Kindern resozialisiert werden soll.

Und Hartmut Perschau, CDU-Fraktionschef in der Bremer Bürgerschaft (die zufälligerweise in neun Tagen neu gewählt wird), sekundiert:

Wer unsere Kinder unterrichtet, hat eine Vorbildfunktion zu erfüllen – dafür kommen Terroristen nicht in Frage!

Dank “Bild” weiß man ja immer, wie alt jemand (ungefähr) ist. Im aktuellen Artikel sind Bosbach 54 und Perschau 65 – ihre eigene Schulzeit liegt also noch länger zurück als Frau Albrechts RAF-Unterstützung. Da meine Schullaufbahn deutlich später endete, sehe ich mich in der Position, die Herren Bosbach und Perschau über charakterliche Eignung und Vorbildfunktion diverser Lehrer aufzuklären, die mir währenddessen untergekommen sind: da hatten wir ein paar Alkoholiker; cholerische Kunst- und Musiklehrer; neokonservative Kleinaktionäre; Deutschlehrer, die die Sprache gerade erst gelernt oder einen Sprachfehler hatten; Sportlehrer, die die 500 Meter zur Turnhalle im Mercedes zurücklegten; Verschwörungstheoretiker; Naturwissenschaftler, die keinerlei pädagogische Ausbildung durchlaufen hatten; Kettenraucher, die kaum eine Schulstunde ohne Nikotinzufuhr aushielten; Althippies, die es den Fünftklässlern überließen, ob sie Vokabeln lernen wollen oder nicht, und Deutschlehrer, die Sechstklässler Klassenarbeiten mit dem Thema “Mein erstes Mal” schreiben ließen – trotzdem sind mir keine Schädigungen bei irgendwelchen Schülern bekannt, die über das normale Maß hinausgehen.
Natürlich hatten wir auch jede Menge großartige Pädagogen, die ihre Begeisterung für Geschichte, Politik, Literatur oder Mathematik auf uns übertragen konnten – Lehrer bilden halt einen überraschend passenden Gesellschaftsschnitt ab und sind sowieso dankbare, weiche Ziele.

Was ich aber keinem noch so schlechten Lehrer wünsche, sind die skeptischen Seitenblicke und die Hexenjagd, die im Großraum Bremen eingesetzt haben dürfte. Ich würde da dieser Tage noch weniger Deutschlehrerin an einer Grundschule sein wollen als sonst schon …