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Musik Politik

The District Sleeps Alone Tonight

Keine 24 Stunden mehr, dann wird die Amtszeit von George W. Bush als 43. Präsident der USA vorbei sein. Wie er wohl den letzten Abend in Washington D.C. verbringen wird?

Wir wissen es nicht. Aber Dank dieses Musikvideos zu “As Tall As Cliffs” von Margot And The Nuclear So & So’s können wir uns ein Bild davon machen, wie es sein könnte:

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Margot and the Nuclear So and Sos – As Tall As Cliffs (Official Music Video)The top video clips of the week are here

Mit Dank an die beiden Leser, die mich durch ihre Wahl beim Aufguss 2008 auf das Video aufmerksam gemacht haben!

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Musik

Meeting Ben Folds

Heute machen wir’s mal so richtig Dogma-mäßig: Auf Sie wartet ein englischsprachiges Interview, ungeschnitten, gedreht in einer nicht wirklich ruhigen Hotellobby, mit einem Camcorder mit etwas verschmutzten Bild- und Tonköpfen.

Warum Sie sich das antun sollten? Nun, es ist ein Interview mit Ben Folds.

Teil 1:

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Rundfunk Politik

Florida Lady

3.595 Stimmen beträgt im vorläufigen amtlichen Endergebnis die Differenz zwischen der CDU und der SPD in Hessen. Das ist weniger als die 6.027 Stimmen, die die SPD bei der Bundestagswahl 2002 vor der CDU/CSU lag, aber bedeutend mehr als die 537 Stimmen Unterschied zwischen George W. Bush und Al Gore in Florida (bei mehr als doppelt so vielen abgegebenen Stimmen).

Ähnlich spannend wie damals in Florida war es auch heute Abend. In der ARD bewies Infratest dimap mal wieder, dass man teure Wahlumfragen auch wunderbar durch würfelnde Affen ersetzen könnte, denn am Ende waren alle wichtigen Details anders als prognostiziert: Um 18 Uhr lag die SPD bei 37,5%, die CDU bei 35,7%, Die Linke wäre draußen geblieben. Roland Koch wird sich also morgen trotz herber Verluste rühmen können, man habe ihn zu früh abgeschrieben.

Ähnlich wie damals in Florida gab es offenbar erhebliche Probleme und Unregelmäßigkeiten mit Wahlcomputern, die der Chaos Computer Club in einer Pressemitteilung zusammengefasst hat. Und in den Qualitätsmedien findet sich dazu (anders als in Blogs) kein Wort.

Nachtrag 13:52 Uhr: Die Rhein-Main-Zeitung hat einen Artikel zum Thema online.

Nachtrag 20:14 Uhr: Eine Meldung zum Thema hat’s sogar auf “Bild.de” geschafft.

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Digital

Klickbefehl (7)

In Sachen Nokia läuft gerade ein Fass über. Und die Verantwortlichen in der Politik – allen voran der Ministerpräsident Rüttgers – täten gut daran, jetzt kein Öl mehr ins Feuer zu gießen.

Nach der Ankündigung von Nokia, das Werk in Bochum dicht zu machen, überbieten sich die Politiker in Populismus. Djure von “blog.50hz.de” tritt einen Schritt zurück und nennt das Verhalten von Nokia “konsequent”.

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Während hierzulande Nikotinfreunde unter dem Kneipen-Rauchverbot ächzen, greifen kalifornische Behörden richtig hart durch. Die Kleinstadt Calabasas sollen in Zukunft qualmfrei sein – auch in den eigenen vier Wänden.

“Spiegel Online” berichtet über das geplante Rauchverbot in Mietwohnungen in Calabasas, CA (“LA Daily News” zum selben Thema).

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Heute bange ich um das Leben jedes Opas, der in der Tram die Augen rollt, wenn eine Clique 15-Jähriger die Belastbarkeit der Scheiben mit Schlagringen testet. Das Entrüstungspotential älterer Menschen wird ja immer mehr zum Sicherheitsrisiko im öffentlichen Raum. Ich greife dann sofort ein und verwickle den sich in Rage denkenden Mittsiebziger in ein Gespräch über Stauffenberg, die Wehrmacht oder die Segnungen von Essen auf Rädern.

Daniel Haas hat bei “Spiegel Online” eine wunderbare … ja, was eigentlich: Polemik, Satire? Er hat jedenfalls einen wunderbaren Text über die aktuell heraufbeschworenen Gefahren in U-Bahnen verfasst.

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„Riechen Sie die U-Bahn?“, frage ich. Wir steigen ein, fahren durch die Problemviertel Berlins. Drei Betrunkene steigen zu, sie haben Bierflaschen in den Händen. Ich habe keinen Augenkontakt mit den Biertrinkern. Frau Zypries auch nicht. Wir sprechen über die Architektur der Großstädte, die auch Gewalt auslöst, über Hochhäuser.

Gonzo-Journalismus bei “Bild.de”: Franz Josef Wagner und Brigitte Zypries fahren U-Bahn. Mit Video!

Passend dazu: “In zehn einfachen Schritten: Schreiben wie Franz Josef Wagner” bei medienlese.com

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When history was written, the final page will say …

Auch deutsche Politiker sagen mitunter merkwürdige Dinge. Aber niemand ist so merkwürdig wie George W. Bush – und niemand nimmt das besser auseinander als die eine “Daily Show”.

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„Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ wirkt eigentlich vergleichsweise ungefährlich gegenüber „Big Brother“ oder vielen Talkshows und Doku-Soaps, weil die Teilnehmer keine naiven Laien sind, sondern Profis, die wissen könnten, worauf sie sich einlassen, und Berater an ihrer Seite haben. Doch mit Blick auf Teile des Personals und ihr Verhalten im Dschungel muss man daran zweifeln, ob die Teilnahme für alle rein subjektiv wirklich so freiwillig ist.

Stefan Niggemeier macht sich in der “FAZ” Gedanken darüber, was die Kandidaten zu ihrer Teilnahme bei “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” getrieben haben könnte.

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The episode is the latest in which bloggers and others have used the Internet to force Chinese authorities to investigate beatings and other abuses by government officials.

Die Online-Ausgabe der “New York Times” berichtet darüber, wie Blogger in China die genauere Untersuchung eines mysteriösen Todesfalls anstoßen konnten.

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Gesellschaft Leben Politik

“Ich habe gelacht, als meine Regierung verspottet wurde”

Es gibt sicher viele Gründe, politisches Kabarett doof zu finden (und weil man bei solchen Sätzen wenigstens einen Grund nennen sollte, sag ich mal: “Scheibenwischer”). Es gibt aber auch politisches Kabarett, dem ich mich freiwillig aussetze. Heute Abend habe ich mir z.B. zum vierten Mal Volker Pispers angesehen – zum dritten Mal mit seinem Best-Of-Programm “Bis neulich”, mit dem er seit fünf Jahren tourt. Und obwohl ich knapp die Hälfte des Programms hätte mitsprechen können, habe ich mich herrlich amüsiert. Das verzweifelte Mitschreiben und Rezitieren der bösesten Sprüche und besten Pointen überlasse ich ebenso den Reportern der Lokalzeitungen wie die Formulierungen “bitterböse”, “schwarzer Humor” und “Lachen im Halse steckenbleiben”.

Direkt zu Beginn des Abends, der inklusive einer halbstündigen Pause übrigens fast vier Stunden dauerte, bezeichnete Pispers das Kabarett als modernen Ablasshandel, der es den Zuschauer ermögliche, bequem gegen das System zu sein, in dem er lebt. Und so durfte das überraschend heterogene Publikum (ich möchte trotzdem wetten: 25% Lehrer) über Angela Merkel, George W. Bush, Wolfgang Schäuble, Franz Müntefering und wiesiealleheißen lachen, obwohl das, was diese Politiker so anrichten, selten zum Lachen ist. Entsprechend hoch war der Anteil der “Hohoho”s, also der Lacher, die man sich als politisch korrekter Mensch ja eigentlich gar nicht erlauben dürfte.

An Volker Pispers gefällt mir besonders gut, dass er sich nicht mit kindischen Parodien, Kostümierungen oder Aufführungen aufhält (s. “Scheibenwischer”), sondern den Zuschauern hauptsächlich Fakten um die Ohren haut. Natürlich sorgt er dafür, dass dabei Pointen entstehen, aber das, was er da auf der Bühne erzählt, lässt sich auch in den seriösesten Zeitungen nachlesen – nach Pispers Aussagen seine einzigen Quellen. Wie er Aufklärung und Unterhaltung gleichzeitig liefert, das ist fast schon ein bisschen mit der “Daily Show” vergleichbar.

Die Idee, dass Kabarett die Welt verändern könnte, wäre gänzlich absurd. Das Publikum hat gutes Geld bezahlt, sich köstlich unterhalten gefühlt, mal lauthals über die eigene und andererleuts Regierung gelacht und sich am Ende vielleicht sogar ein paar Fakten und Formulierungen gemerkt. Aber wird man Nachbarn, Freunde oder die obligatorischen Stammtischbrüder zurechtweisen, wenn diese die Politik eines Wolfgang Schäuble (ach, ein Zitat muss ich jetzt doch mal bringen: “Attentatsopfer und Rollstuhltäter”) gutheißen? Wird auch nur einer, nachdem er sich einen Abend lang über Politiker schlappgelacht hat, selbst in die Politik gehen und etwas ändern wollen?

Aber darum geht es ja gar nicht: Missionierung ist sicher nicht Ziel des Kabaretts, denn die, die hingehen, wissen ja eh zumeist, wie der Hase läuft, und die, die man wachrütteln müsste, die interessiert das alles kein bisschen. Trotzdem reden die Lehrer hinterher bei einem Glas Rotwein (und: ja, ich wünschte, das wäre einfach nur so ein haltloses Klischee, aber es ist natürlich schmerzhaft wahr) über das, was sie da gehört haben. Sie sind für einen Abend mal passiv engagiert gewesen und erzählen sich selbst noch einmal, dass beispielsweise die Chance, in Deutschland an Ärztepfusch zu sterben, unendlich höher ist als die, hier Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Und wo ich gerade dabei bin: Das Fantastival, in dessen Rahmen ich diesen Kabarettabend besuchen durfte, läuft noch zwei Wochen in Dinslaken. Karten für das Konzert der Kilians kann man noch bis Mittwoch bei uns gewinnen.

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Rundfunk Politik Fernsehen

Acht- und Sachgeschichten

Ich glaub, ich verbring die nächsten Tage ausschließlich mit Phoenix-Gucken. Das Programm, das die aus Heiligendamm senden, muss man sich so vorstellen, wie wenn ARD und ZDF letztes Jahr rund um die Uhr von der Fußball-WM berichtet hätten, aber die Kameras nach den Nationalhymnen hätten abschalten müssen.

Dafür gibt es die ganze Zeit Gespräche mit Experten, die man sonst nie kennengelernt hätte – vorhin zum Beispiel mit dem Klimaforscher Mojib Latif. Zwischendurch wird an die Front geschaltet, wo Anwohner vorgestellt werden, die die Demonstranten mit Kaffee versorgen, dann werden direkt hinter dem Moderator Greenpeace-Boote aufgebracht. Wann bekommt man schon Weltpolitik, Lokalkollorit und Action gleichzeitig geboten?

Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass bei den Übertragungen auch Lippenleser zur Verfügung stehen. Zu gern hätte ich erfahren, worüber Nicolas Sarkozy, Tony Blair, Wladimir Putin und George W. Bush mit Angela Merkel gescherzt haben. Überhaupt: Von Bush gab es heute Morgen eine sehr schöne Szene, wie er mal wieder die Bundeskanzlerin anflirtete.

Ich könnte mir dieses Geplänkel stundenlang angucken. Und solange die Staats- und Regierungschefs sich benehmen wie Teenager auf Klassenfahrt, können sie auch keine politischen Fehlentscheidungen treffen.

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Musik

Listenpanik (3): Endlich ein Grund zur Panik

Der Monat ist um, es ist wieder mal Zeit, zurückzublicken. Hier die übliche subjektive Liste, in der hinterher wieder mindestens die Hälfte fehlt:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Wir Sind Helden – Soundso
Veröffentlichungsdaten sind was tolles: Bis vor zehn Minuten dachte ich, das Album erscheine erst morgen. Die Track-by-track-Analyse kommt also erst heute Nachmittag liegt jetzt vor. Dass “Soundso” ein großartiges Album ist, das den etwas unentschlossenen Vorgänger “Von hier an blind” fast vergessen macht, kann ich aber auch jetzt schon mal mitteilen.

2. Travis – The Boy With No Name
Auch Travis machen ihr letztes Album wieder wett. Auch nach zigfachem Hören bin ich das Album noch nicht leid und entdecke immer wieder ein paar Details, die ich noch nicht gehört hatte. “The Boy With No Name” könnte das Sommeralbum werden/bleiben – fehlt nur noch das entsprechende Wetter.

3. Muff Potter – Steady Fremdkörper
Muff Potter zählten eigentlich immer schon zu den besten Bands des Landes – sie wurden nur irgendwie immer ignoriert. Das gab sich aber mit den letzten beiden Alben und während die Band immer noch besser wurde, stieg auch ihre Popularität. Jetzt veröffentlichen die Wahl-Münsteraner ihr neues Album, das wie üblich all ihre Qualitäten vereint. Man könnte es “Deutschpunk” nennen, wenn man dabei nicht an die Toten Hosen denken müsste, und das nicht sowieso so ein spießiges Etikett wäre. Dann halt: Tolle Texte, umarmende Melodien und immer noch genug Wumms. Muss man (mehrfach) gehört haben.

4. Manic Street Preachers – Send Away The Tigers
Noch eine Band für die Liste “Schwache Vorgänger, die man jetzt getrost vergessen kann”. Was bin ich froh. Detailliert habe ich mich hier ausgelassen, deshalb nur noch: Die Manics sind wieder da, gehen wieder auf die Zwölf und werden trotzdem nicht den Soundtrack zu den G8-Protesten liefern.

5. Mumm-Ra – These Things Move In Threes
Schöner Indiepop, den man hierzulande bereits im Vorprogramm der Killers bewundern konnte. Hier wird das Rad nicht neu erfunden und es versucht auch niemand, mit diesen zur Zeit so beliebten, aber unendlich nervigen absichtlichen Übersteuerungen den Hörer zu misshandeln. Natürlich ist das irgendwie “Mädchenmusik”, aber irgendjemand muss ja die Nachfolge der Kooks antreten. Und irgendwas muss man ja auch auf Kassettenmädchenkassetten aufnehmen können – Mumm-Ra sind dafür perfekt geeignet.

Singles (inkl. iTunes-Links)
1. Shout Out Louds – Tonight I Have To Leave It
Der Preis für die beste The-Cure-Single des Jahres geht jetzt schon an die Shout Out Louds – sogar für den Fall, dass Robert Smith und Band selbst noch was veröffentlichen sollten. Bei manchen Bands wäre man vielleicht ein bisschen ungehalten, wenn sie so sehr nach einer anderen klänge. Nach The Cure zu klingen hat aber schon Blink 182 geholfen und die Shout Out Louds sind sowieso eine tolle Band, die man dieses Jahr unter anderem auf dem noch tolleren Haldern-Pop-Festival bewundern kann.

2. Tocotronic – Sag alles ab
Eigentlich muss man zu Tocotronic ja fast nichts mehr sagen, so sehr über alle Zweifel erhaben ist diese Band schon lange. Doch dann schicken sie ihrem Album “Kapitulation”, das erst im Juli erscheinen wird, eine Single voraus, die rumpelt wie Anno 1997 und einer Epigonentruppe wie Madsen mal eben zeigt, wo Hammer, Harke und Froschlocken sind. Und dann muss man doch wieder was sagen, nämlich: “Wahnsinn!”

3. Wir Sind Helden – Endlich ein Grund zur Panik
Wir Sind Helden haben schon mit “Gekommen um zu bleiben” gezeigt, dass sie gerne ein wenig untypische und sperrige Vorabsingles veröffentlichen. Das macht die Band noch ein bisschen sympathischer, denn “Endlich ein Grund zur Panik” dürfte für viele Hörer und selbst für zahlreiche Helden-Fans eine Tortur sein: Treibender Rhythmus, wildes Gekreische, dazu Wortspiele, die so schnell aneinandergereiht werden, dass man die Hälfte erst beim Mitlesen im Booklet versteht. Sollte Wolfgang Schäuble einmal dem Beispiel von George W. Bush folgen und seine iPod-Playlist öffentlich machen, ich bin mir sicher, dieser Song wäre dabei. Nur die Ironie dahinter, die müsste jemand anders liefern.

4. The Killers – Move Away
Keine Single im eigentlichen Sinne, aber ein Soundtrack-Beitrag, der auch gelegentlich im Radio läuft. Die Killers trauen sich noch ein bisschen mehr als auf ihrem letzten Album und liefern einen Song ab, der fast nur aus Schlagzeug und Bass besteht und gefährlich durch die Nacht rumpelt. So kommen sie ihren großen Helden Joy Division mal wieder ein Stückchen näher.

5. Björk – Earth Intruders
Björk ist ja immer so ein Kapitel für sich: Sie hat großartige Sachen gemacht und welche, die sicher auch großartig waren, die aber außer ihr niemand verstehen wollte. Jetzt hat sie eine Single mit Timbaland (dessen Soloalbum beinahe noch in der obereren Hitliste gelandet wäre) aufgenommen und dabei mal wieder alles richtig gemacht: Der zuckende Beat und ihr sphärischer Gesang passen erstaunlich gut zusammen und so entsteht ein Song, den man mal wieder großartig finden kann.

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Musik

Gott und die Welt: Ein Interview mit James Dean Bradfield

Morgen erscheint “Send Away The Tigers”, das achte Album der Manic Street Preachers (ausführliche Besprechung folgt). Zeit, für ein Gespräch mit deren Sänger James Dean Bradfield.

Das letzte Manics-Album “Lifeblood” wurde von der Kritik und den Hörern nicht so gut aufgenommen. Waren die Soloprojekte von Dir und Nicky der Versuch, neue Energie für die Manics zu sammeln?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir nach den Reaktionen auf „Lifeblood“ eine Auszeit nehmen mussten. Wir hatten das Gefühl, irgendwie unsere Perspektive verloren zu haben, und wussten zum allerersten Mal nicht, was wir als nächstes tun wollten. Ich denke, dass unsere Soloprojekte neues Leben in die Manics gebracht haben. Die neuen Songs klingen sehr lebendig und nach Rock’n’Roll. Sie sind viel optimistischer, seit ich dieses Soloding gemacht habe.

Wenn wir über Perspektiven sprechen: Ihr habt Millionen von Platten verkauft und zum Jahreswechsel 1999/2000 eine riesige Show im Millennium Stadium in Cardiff gespielt – wie motiviert man sich nach solchen Aktionen wieder, neues zu machen?

Wenn ich je Schwierigkeiten hätte, mich selbst zu motivieren, würde ich aufgeben. Es ist verdammt einfach, sich für eine Show wie die im Millennium Stadium zu motivieren – eigentlich für jede Show. Ich mache das jetzt, seit ich 15 war, und es war mir von Anfang an klar: Ich finde nicht viel Katharsis im Songwriting, aber sehr viel, wenn wir spielen. Für mich ist Katharsis, wenn das Emotionale auf das Körperliche trifft. Und deshalb liebe ich es, Konzerte zu spielen. Selbst, wenn es ein Konzert ist, das ich nie spielen wollte, ist es für mich das einfachste auf der Welt, motiviert zu sein.

Ihr wart immer und seid auch heute noch eine sehr politische Band. Wie ist das in Zeiten, wo immer noch kein Frieden im Nahen Osten herrscht und die Menschen fast überall gegen soziale Einschnitte protestieren: inwiefern hat das die neuen Songs beeinflusst?

Ich denke, die letzten fünf, sechs Jahre waren für die politische Linke die größte Herausforderung, der sie sich je stellen musste. Die zentrale Frage lautet, ob sie an die Demokratie glauben oder einen Gottesstaat gutheißen. Die Linken haben Religion immer gehasst, eines ihrer Grundprinzipien lautet, dass Religion das Opium des Volkes ist. Die Mischung von Staat und Kirche ist eine Todsünde für die Linke.
Im Irak hatten wir plötzlich die Situation, dass eine Theokratie gestürzt wurde, aber eine imperialistische amerikanische Macht hat sie ersetzt. Ich glaube, dass hat die Linke sehr verwirrt im Hinblick darauf, was sie will. Dabei geht es weniger um die Kriege an sich, sondern viel mehr um das Selbstverständnis der Linken.