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Zitatenstrauß: Fritz Pleitgen

Die „Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung“ berich­te­te am Frei­tag über Fritz Pleit­gen, der nach sei­ner Pen­sio­nie­rung als WDR-Inten­dant im letz­ten Jahr Vor­stand der Geschäfts­füh­rung der Ruhr 2010 GmbH in Essen gewor­den ist.

Er sagt, er habe ursprüng­lich ganz ande­re Plä­ne gehabt, als bei Reden „in Volks­hoch­schu­len, Kir­chen, Uni­ver­si­tä­ten, Rat­häu­sern, Muse­en, Knei­pen und sogar einer Müll-Ent­sor­gungs­an­la­ge“ das Ruhr­ge­biet von innen ken­nen zu ler­nen:

Aber dann sage ich mir: Was ist die men­schen­lee­re Wei­te Sibi­ri­ens gegen die gut­be­such­te Volks­hoch­schu­le Dins­la­ken oder die Schwü­le von Vera Cruz gegen die wohl­tem­pe­rier­te Luft der Müll-Ent­sor­gungs­be­trie­be von Her­ne?

[Zita­ten­strauß, die Serie]

Mit Dank an Jens für den Hin­weis.

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Film

Der Menschenfresser

Fil­me ver­stö­ren heu­te nicht mehr. Sie haben ent­we­der kei­ne Zeit dafür, kei­ne Lust dazu oder ohne­hin nicht die Mit­tel – und sie haben den schwer­wie­gen­den Nach­teil, dass jeder halb­wegs inter­es­sier­te Zuschau­er schon Wochen vor Kino­start zahl­lo­se Kri­ti­ken und Inter­views mit den Betei­lig­ten lesen kann, durch meh­re­re Trai­ler auf die Geschich­te vor­be­rei­tet wird und nicht zuletzt wegen IMDb-Durch­schnitts­be­wer­tun­gen, Gol­den-Glo­be-Ergeb­nis­sen und Oscar­no­mi­nie­run­gen zu wis­sen glaubt, was ihn erwar­tet. Ich kann mir schon gar nicht mehr vor­stel­len, wie es vor knapp drei­ßig Jah­ren für die Leu­te gewe­sen sein muss, die ohne Vor­wis­sen oder –war­nung Stan­ley Kubricks „The Shi­ning“ gese­hen haben. Ich erin­ne­re mich nur noch dar­an, dass ich als nicht eben wäh­le­ri­scher Teen­ager ins Kino gegan­gen bin und halt mal geguckt habe, was so pas­siert. Heu­te sehe ich mir „Der Krieg des Char­lie Wil­son“ an und weiß schon vor­her, dass mich amü­san­te, leich­te Unter­hal­tung erwar­tet. Ich sehe „Con­trol“ und weiß, dass der Film eine trost­lo­se, beklem­men­de Cha­rak­ter­stu­die wird. Oder ich sehe „The­re Will Be Blood“ und weiß, dass ein stren­ges, prä­zi­ses Meis­ter­werk auf mich zukommt.

Der Punkt ist natür­lich: Eigent­lich weiß ich über­haupt nichts. Ich glau­be höchs­tens, ein paar Din­ge zu wis­sen, füh­le mich als regel­mä­ßi­ger Film­kri­ti­ken­le­ser und Trai­ler­se­her gut ein­ge­stellt und möch­te in mei­ner vor­ge­fer­tig­ten Mei­nung lie­ber bestä­tigt als wider­legt wer­den. Das ist sehr doof, und ich kann mich an kei­nen Film erin­nern, der mir das jemals gna­den­lo­ser unter die Nase gerie­ben hat als Paul Tho­mas Ander­sons „The­re Will Be Blood“. Es ist sein fünf­ter Spiel­film, und es war schwie­rig, im Vor­aus eine Rezen­si­on dar­über zu lesen, die nicht min­des­tens tie­fen Respekt für die schau­spie­le­ri­sche und hand­werk­li­che Bril­lanz des Films zoll­te. Meis­tens ging das Lob aber noch viel wei­ter; die 160-minü­ti­ge Geschich­te um den kali­for­ni­schen Ölba­ron Dani­el Plain­view wur­de als Wie­der­auf­er­ste­hung des Wes­tern­gen­res bezeich­net, ohne selbst ein klas­si­scher Wes­tern zu sein. Sie wur­de für acht Oscars nomi­niert und steht der­zeit auf Platz 18 in der IMDb-Lis­te mit den 250 bes­ten Fil­men aller Zei­ten. Dass „The­re Will Be Blood“ aber ein ernst­haft und nach­hal­tig ver­stö­ren­der Film ist – dar­auf hat mich nie­mand vor­be­rei­tet.

Liegt wahr­schein­lich dar­an: Man muss ihn sehen, um es zu glau­ben. Man muss die nahe­zu wort­lo­se 15-Minu­ten-Sequenz am Anfang sehen, die in ihrer Selbst­si­cher­heit schon an Groß­kot­zig­keit grenzt. Man muss sehen, wie der Film in einem voll­kom­men rat­los machen­den, des­il­lu­sio­nie­ren­den Fina­le gip­felt, das kaum vor­aus­zu­ah­nen ist, aber doch unver­meid­bar scheint. Man muss sehen, wie der tod­si­che­re Oscar-Gewin­ner Dani­el Day-Lewis in der Haupt­rol­le des hass­erfüll­ten Men­schen­fres­sers Plain­view die Kino­lein­wand auf­saugt. Man muss sehen, wie des­halb nur noch Platz bleibt für den hys­te­ri­schen Pre­di­ger Eli Sun­day (Paul Dano), der sich als ein­zi­ge Neben­fi­gur ent­fal­ten kann, aber auch mit sei­nem kirch­li­chen Hin­ter­grund nicht zum mora­li­schen Gewis­sen des Films taugt. Und man muss die musi­ka­li­sche Leis­tungs­schau hören, die Radio­head-Mit­glied Jon­ny Green­wood dazu als bedroh­lich dröh­nen­den, per­ma­nent sti­cheln­den und nach­tre­ten­den Sound­track kom­po­niert hat. „Ich bin fer­tig“, sagt Plain­view am Ende des Films, und wenn er es nicht getan hät­te, dann ich.

Sieht man es als obers­te Pflicht eines Films an, sei­ne Zuschau­er zu unter­hal­ten, ist „The­re Will Be Blood“ ein boden­lo­ses Fias­ko. Es gibt nichts an die­sem Film zu Mögen oder gar zu Lie­ben, kei­ne leich­ten Momen­te, Erlö­sun­gen oder Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren. Statt­des­sen gibt es den Glau­ben an das Gute im Men­schen zu ver­lie­ren, das pure Böse am Bei­spiel einer ein­zi­gen Per­son zu erle­ben und die Fra­ge oben­drauf, wo so viel Hass auf alles und jeden bloß her­kom­men kann. Sie bleibt selt­sam unbe­frie­di­gend beant­wor­tet im Raum ste­hen, so als hät­te der Film selbst kei­ne Ahnung. Man könn­te sagen, dass er dadurch rui­niert wird, aber ich glau­be eher, gera­de das ist der Clou. Es ist jetzt 18 Stun­den her, dass ich „The­re Will Be Blood“ gese­hen habe, und ich habe seit­dem an nichts ande­res mehr gedacht, das irgend­wie von Bedeu­tung wäre.

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Musik Rundfunk

Liveblog: Echo 2008

20:00 Uhr
Lukas:
Hal­li­hal­lo und herz­lich Will­kom­men im schöns­ten Beton­bun­ker öst­lich des Ber­li­ner ICCs. Weil mir mein Arzt davon abge­ra­ten hat, deut­sche Preis­ver­lei­hun­gen ohne see­li­schen Bei­stand anzu­se­hen, habe ich mir ein biss­chen Ver­stär­kung geholt und wer­de wäh­rend des Abends auch noch die ein oder ande­re Live­schal­te ver­su­chen. Zunächst aber begrü­ße ich mei­ne char­man­te Co-Blog­ge­rin Kath­rin. Hal­lo Kath­rin!
Kath­rin: Hal­lo Lukas!

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Musik Leben

Mein Tag als Paparazzo

Bevor es rich­tig los­geht mit den Echos, möch­te ich Ihnen ger­ne noch mei­ne per­sön­li­che Echo-Geschich­te erzäh­len. Die geht so:

Im Febru­ar 2003 weil­te ich zwecks Ber­li­na­le und Stadt­be­gut­ach­tung eine Woche in Ber­lin. In die­se Zeit fie­len aber nicht nur die Film­fest­spie­le, son­dern (so wie die­ses Jahr auch wie­der) die Echo­ver­lei­hung und eine gro­ße Demons­tra­ti­on gegen den damals unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Irak­krieg.

Aus der für gewöhn­lich gut infor­mier­ten Ber­li­ner Lokal­pres­se erfuhr ich, dass Rob­bie Wil­liams, damals so ziem­lich der größ­te Pop­star im Uni­ver­sum, in town erwar­tet und im „Four Sea­sons“ näch­ti­gen wer­de. Da ich nichts bes­se­res zu tun hat­te, such­te ich das Hotel auf und fand mich zwi­schen etwa einem Dut­zend Fans und genau­so vie­len Medi­en­ver­tre­tern in der Eises­käl­te wie­der. Unschlüs­sig, auf wel­che Sei­te ich mich schla­gen soll­te, pack­te ich erst mal mei­ne sehr neue Nikon F65 aus, denn ich dach­te mir „bes­ser als einen Pro­mi zu sehen ist, ihn zu foto­gra­fie­ren“. Da kam Spike Lee vor­bei und ging unbe­hel­ligt ins Hotel.

Weil ich mit der Kame­ra in der Hand für einen Fan anschei­nend zu gut aus­ge­stat­tet war, glaub­ten die war­ten­den Papa­raz­zi in mir einen jun­gen Kol­le­gen erkannt zu haben und lie­ßen mich an ihren Gesprä­chen teil­ha­ben: Grö­ne­mey­er sei schon in der Stadt, er wer­de nach der Ver­lei­hung auf der gehei­men Par­ty im leer­ste­hen­den Palast der Repu­blik erwar­tet, Wowe­reit wer­de angeb­lich auch dort sein. Dann klin­gel­ten Mobil­te­le­fo­ne: die Foto­gra­fen erfuh­ren, dass Rob­bie Wil­liams gera­de den Ber­li­ner Flug­ha­fen ver­las­sen habe, bei mir woll­te mei­ne Mut­ter wis­sen, wie es mir gin­ge. Ich erzähl­te ihr, wo ich sei und dass gera­de in die­sem Moment Tho­mas Hein­ze an mir vor­bei­ge­he. „Tho­mas Hein­ze oder Kai Wie­sin­ger?“, frag­te mei­ne Mut­ter über­ra­schen­der­wei­se nicht, obwohl sie das sonst immer tut, wenn das Gespräch auf einen der bei­den Schau­spie­ler kommt. Es war aber Tho­mas Hein­ze, der sich gera­de frag­te, ob er das jetzt gut fin­den sol­le, dass er so unbe­hel­ligt über die Stra­ße gehen konn­te, oder ob er nicht doch lie­ber wenigs­tens um ein Auto­gramm gebe­ten wor­den wäre.

Eine ZDF-Mode­ra­to­rin pos­tier­te sich mit der Hotel­fas­sa­de im Rücken vor einer ZDF-Kame­ra, in die sie etwa fünf­mal den glei­chen Auf­sa­ger sprach, bis sie damit zufrie­den war. Oli­ver Stone kam vor­bei, gab zwei Fans, die extra sei­net­we­gen aus Spa­ni­en ange­reist waren, bereit­wil­lig Auto­gram­me und ver­schwand im Hotel. Das ZDF-Team film­te die Papa­raz­zi, die das ZDF-Team foto­gra­fier­ten. Irgend­wann hieß es, Wil­liams sei durch die Tief­ga­ra­ge ins Hotel gelangt: der Fan-Andrang am Ein­gang sei ein­fach zu klein gewe­sen und wie wür­de das denn aus­se­hen, wenn jetzt Bil­der um die Welt gin­gen, auf denen der größ­te leben­de Pop­star von einem Dut­zend Fans in Ber­lin emp­fan­gen wer­de?

Ich pack­te mei­ne Kame­ra ein und fuhr zum Inter­na­tio­na­len Con­gress­cen­trum, wo die Echo­ver­lei­hung statt­fand. Hier waren schon deut­lich mehr Fans, die Mousse T., Ralph Sie­gel und den Prin­zen zuju­bel­ten. Je frü­her man bei sol­chen Events vor­ge­fah­ren wird, des­to bedeu­tungs­lo­ser ist man. Ich pos­tier­te mich mit mei­ner Kame­ra, für die ich natür­lich kein Tele­ob­jek­tiv hat­te, am Ran­de der Absper­rung und guck­te, wer da wohl noch so kom­men möge. Avril Lavi­gne kam vor­bei und ich dach­te, dass die aber wirk­lich klein sei. Dann bog ein Müll­au­to ums Eck und hielt auf den blau­en Tep­pich zu. Ord­ner war­fen sich schon bei­na­he vor den oran­ge­far­be­nen Brum­mi und zwan­gen ihn zur Umkehr. Der Fah­rer hat­te sich in der Ein­fahrt geirrt.

Schließ­lich kamen noch Klaus Wowe­reit, Her­bert Grö­ne­mey­er und Rob­bie Wil­liams – alle mit gebüh­ren­dem Abstand zuein­an­der und emp­fan­gen von einem immer fre­ne­ti­scher wer­den­den Publi­kum. „Rob­bie ist auch nicht sehr groß“, dach­te ich und mach­te Fotos, auf denen hin­ter­her ein sehr klei­ner, aber auch sehr ver­wa­ckel­ter Rob­bie Wil­liams zu erah­nen war. Wäh­rend im ICC die Preis­ver­lei­hung begann, fuhr ich zurück zum Ber­li­na­le-Palast, wo gera­de die Pre­mie­re von „Gangs Of New York“ als Abschluss­ver­an­stal­tung lief. Ein­zel­ne Leu­te ver­lie­ßen das Kino bereits und wur­den ohne Anse­hen der Per­son von den war­ten­den Pas­san­ten mit fre­ne­ti­schem Jubel bedacht. Neben zahl­rei­chen Unbe­kann­ten kamen auch Mar­ti­na Gedeck und Jana Pal­las­ke vor­bei, Die­ter Koss­lick lüpf­te im Vor­bei­ge­hen sei­nen Hut. Dann pack­te ich mei­ne Kame­ra ein und rann­te in den Schau­spie­ler und Regis­seur Sebas­ti­an Schip­per, wor­auf­hin ich ihm ein Bier aus­ge­ben woll­te. Aber das ist eine ande­re Geschich­te.

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Rundfunk Digital

Bundesblinden Song Contest

Eigent­lich woll­te ich gar nichts über den „Bun­des­vi­si­on Song Con­test“ schrei­ben. Der Pop­kul­tur­jun­kie hat ein ganz wun­der­ba­res Live­blog geführt, in dem er unter ande­rem die bes­te und wahrs­te Ein­schät­zung zu den Sport­freun­den Stil­ler ablie­fer­te, die ich seit lan­gem gele­sen habe:

Es ist ja ein biss­chen scha­de, aber ich fin­de, die Sport­freun­de soll­ten sich auf­lö­sen. Oder nur noch live spie­len ohne neue Songs auf­zu­neh­men. Die Band dreht sich seit Jah­ren im Kreis, kei­ne ein­zi­ge neue Idee. Auch wenn sie sym­pa­thisch sind und eine groß­ar­ti­ge Live­band und über­haupt. Aber das hier ist ja wohl unglaub­lich mit­tel­mä­ßig.

Aber dar­um soll es gar nicht gehen: Der Pop­kul­tur­jun­kie ist auch ein Sta­tis­tik­freak und hat des­halb gleich ges­tern noch ein wenig rum­ge­rech­net:

Platz 1: Bran­den­burg, Platz 2: Thü­rin­gen, Platz 3: Sach­sen-Anhalt, Platz 5: Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Aber um die even­tu­el­len Ost-Ver­schwö­rungs­theo­rien gleich mal zu ent­kräf­ten: Ohne die fünf spä­ter hin­zu­ge­kom­me­nen Län­der hät­te die Rei­hen­fol­ge auf Platz 1 und 2 genau­so aus­ge­se­hen, nur Platz 3 wäre an Nie­der­sach­sen gegan­gen.

Das darf man natür­lich nicht ganz wört­lich neh­men, denn ohne die „neu­en Bun­des­län­der“ wäre ja weder Bran­den­burg noch Thü­rin­gen dabei dabei­ge­we­sen. Aber das ist Haar­spal­te­rei, denn auf die Punk­te aus den neu­en Bun­des­län­dern kam es bei den bei­den Erst­plat­zier­ten nicht an, wie er heu­te in einem wei­te­ren Bei­trag vor­rech­net:

Tat­säch­li­ches Ergeb­nis:

01 Bran­den­burg: Sub­way to Sal­ly – “auf kiel” (147 Punk­te)
02 Thü­rin­gen: Clue­so – “kei­nen zen­ti­me­ter” (146)
03 Sach­sen-Anhalt: Down Below – “sand in mei­ner hand” (96)
04 Nie­der­sach­sen: Madsen – “nacht­ba­den” (94)
05 Meck­len­berg-Vorp.: Jen­ni­fer Ros­tock – “kopf oder zahl” (79)
06 Schles­wig Hol­stein: Panik – “was wür­dest du tun?” (75)

Ergeb­nis ohne Wer­tun­gen aus den “neu­en Bun­des­län­dern”:

01 Bran­den­burg: Sub­way to Sal­ly – “auf kiel” (99 Punk­te)
02 Thü­rin­gen: Clue­so – “kei­nen zen­ti­me­ter” (96)
03 Nie­der­sach­sen: Madsen – “nacht­ba­den” (67)
04 Sach­sen-Anhalt: Down Below – “sand in mei­ner hand” (56)
05 Schles­wig Hol­stein: Panik – “was wür­dest du tun?” (54)

09 Meck­len­berg-Vorp.: Jen­ni­fer Ros­tock – “kopf oder zahl” (41)

„Wo kämen wir hin, wenn wir uns von Fak­ten eine schö­ne, vor­ein­ge­nom­me­ne Bericht­erstat­tung kaputt machen lie­ßen?“, wird sich Sebas­ti­an Wie­schow­ski gedacht haben, als er sei­nen lau­ni­gen schlecht gelaun­ten Arti­kel für „Spie­gel Online“ schrieb:

In die­ser Nacht war Deutsch­land kei­ne Bun­des­re­pu­blik – son­dern ein irr­wit­zi­ger Hau­fen aus 16 Klein­staa­ten, die sich bekämp­fen, pein­li­che Alli­an­zen gegen­ein­an­der schmie­den. Ergeb­nis: Der Osten putscht sich zum Sieg bei Ste­fan Raabs „Bun­des­vi­si­on Song Con­test“.

heißt es schon im Vor­spann und eigent­lich hat man da ja schon kei­nen Bock mehr zu lesen. „16 Klein­staa­ten“, wo erlebt man sowas schon – außer im Bun­des­rat, der Schul­po­li­tik oder der Radio­land­schaft?

Und als wäre das Gere­de von der „Ost­block-Mafia“ beim Grand Prix nicht hin­rei­chend wider­legt, pol­tert Wie­schow­ski wei­ter:

Und was ehe­ma­li­ge Ost­block­re­pu­bli­ken beim ech­ten Grand Prix schaf­fen, ist für die neu­en Bun­des­län­der eine leich­te Übung – die stat­ten näm­lich mit Lie­be ihre Nach­barn punk­te­mä­ßig aus. Bran­den­burg schiebt sie­ben Punk­te nach Meck­len­burg-Vor­pom­mern, acht nach Ber­lin, zehn nach Thü­rin­gen und zwölf in die eige­ne Tasche.

Auf die Idee, dass die Leu­te Clue­so (Thü­rin­gen) und Sub­way To Sal­ly (Bran­den­burg) ein­fach gut fan­den, und die bei­den Acts des­halb auch nahe­zu durch­ge­hend 8 bzw. 10 Punk­te aus allen Bun­des­län­dern beka­men, ist der Autor offen­bar gar nicht erst gekom­men. Auch nicht dar­auf, dass es in der Sum­me exakt kei­ne Aus­wir­kun­gen hat, wenn sich jeder sei­ne zwölf Punk­te selbst zuschiebt. Ein­zig NRW hat es mal wie­der nicht geschafft, sich selbst die zwölf Punk­te zu geben, was zwar dafür gesorgt hat, dass Clue­so am Ende nur einen Punkt Rück­stand auf Sub­way To Sal­ly hat­te, aber letzt­lich weder ent­schei­dend war, was zwar letzt­lich ent­schei­dend war (Kor­rek­tur von 19:30 Uhr), aber kaum als „Ost­kun­ge­lei“ ange­se­hen wer­den kann.

Aber man kann das natür­lich auch dra­ma­ti­scher for­mu­lie­ren:

Die deutsch­land­weit gül­ti­ge Faust­re­gel lau­tet: In ers­ter Linie liebt man sich selbst.

Kein Wort zum gran­dio­sen Schei­tern der Top-Favo­ri­ten Sport­freun­de Stil­ler (Bay­ern) und Cul­cha Can­de­la (Ber­lin), nichts dar­über, dass der „Bun­des­vi­si­on Song Con­test“ und „TV Total“ so ziem­lich die letz­ten Sen­dun­gen im deut­schen Fern­se­hen sind, an denen man sol­che Bands über­haupt noch sehen und live hören kann, seit Sarah Kutt­ners Sen­dung vor andert­halb Jah­ren ein­ge­stellt wur­de.

Statt­des­sen gerüt­tel­ter Unfug wie:

Deutsch­land, einig Vater­land, das war ges­tern – es lebe die wie­der­ge­bo­re­ne Klein­staa­te­rei. Und schuld ist Ste­fan Raab.

Ach, und der Euro­vi­si­ons-Wett­be­werb ist dann ein Angriff auf das ver­ein­te Euro­pa oder was will uns der Autor damit sagen?

Schön natür­lich auch, dass selbst so ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ge Ereig­nis­se wie so ein „Song Con­test“ für „Spie­gel Online“ immer noch gut genug sind, mit klick-gene­rie­ren­den Bil­der­ga­le­rien gewür­digt zu wer­den.

Die Begleit­tex­te dazu sind mal sinn­los

Sie­ger beim vier­ten Bun­des­vi­si­on Song Con­test – obwohl sie schon seit 15 Jah­ren Musik machen: Mit­tel­al­ter-Folk­ro­cker Sub­way to Sal­ly aus Bran­den­burg

mal falsch

Ber­li­ner Buben: Cul­cha Can­de­la woll­ten den letzt­jäh­ri­gen Erfolg von See­ed wie­der­ho­len – und schei­ter­ten am Mit­tel­al­ter-Folk ihrer Nach­barn.

Ja, Leu­te, wenn See­ed letz­tes Jahr gewon­nen hät­ten, war­um fand der Wett­be­werb die­ses Jahr dann in Nie­der­sach­sen statt? Viel­leicht, weil die Vor­jah­res­sie­ger Oomph! hie­ßen?

Ich soll­te „Spie­gel Online“ end­lich mal aus dem Feed­rea­der schmei­ßen …

Nach­trag 13:29 Uhr: … und sueddeutsche.de gleich mit:

Einen gut vor­be­rei­te­ten Ein­druck mach­ten die Nie­der­sach­sen, bestehend aus der drei­köp­fi­gen Rock-Band Madsen, […] Auch dem Bei­trag von Rhein­land Pfalz – dar­ge­bo­ten von der Gir­lie-Grup­pe Sis­ters – fehl­te es an effekt­vol­len Ein­fäl­len oder stimm­li­cher Qua­li­tät.

(Madsen sind zu fünft, Sis­ters für Nord­rhein-West­fa­len.)

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Musik

Burn & Fade

Nach­dem es in den letz­ten Jah­ren erstaun­lich ruhig zuging, hat sich end­lich mal wie­der eine mei­ner Lieb­lings­bands getrennt. Die­ses Mal: Vega4.

Das konn­te ja auch nicht gut gehen: Schon im Jahr 2001 behäng­te die Musik­pres­se das Quar­tett mit Vor­schuss­lor­bee­ren, die Ver­öf­fent­li­chung der ers­ten EP „Bet­ter Life“ wur­de eini­ger­ma­ßen groß ange­gan­gen. Inter­es­siert hat die Musik zwi­schen U2, Embrace und den frü­hen Radio­head dann aber die wenigs­ten. Mich schon: „Satel­li­tes“ fiel in die extrem prä­gen­de Zeit zwi­schen Abitur und Zivil­dienst, „Radio Song“ war eines die­ser Lie­der, bei denen man schon beim ers­ten Hören weiß, dass sie einen lan­ge beglei­ten wer­den. Dann war lan­ge Stil­le.

2006 kamen Vega4 dann plötz­lich wie­der. Auf ihrer MySpace-Sei­te, wo sie jetzt ihre Auf­lö­sung ver­kün­det haben, stand damals der neue Song „You And Me“. Jack­ni­fe Lee, einer der bes­ten Pro­du­zen­ten die­ser Tage, hat­te der Band den grad­li­ni­gen Rock bei­gebracht und als das Album „You And Others“ end­lich in Eng­land erschien, muss­te ich es natür­lich sofort als Import haben. Es war ein gutes Album, das sich eigent­lich ähn­lich gut hät­te ver­kau­fen müs­sen wie das sehr ähn­li­che „Eyes Open“ von Snow Pat­rol. Aber irgend­wie klapp­te es nicht, trotz des Ein­sat­zes von „Life Is Beau­tiful“ bei „Grey’s Ana­to­my“. Die Band kam auf Tour und spiel­te vor 120 Leu­ten mit einer Inbrunst, als wür­den sie gera­de ein Sta­di­on rocken.

Wie auch immer die eigent­li­chen Beweg­grün­de aus­ge­se­hen haben mögen (die Band hält sich in ihrem … nun ja: pathe­ti­schen State­ment mit Andeu­tun­gen zurück), irgend­wie schie­nen Vega4 immer zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort zu sein. Und mal ehr­lich – im Nach­hin­ein spra­chen die Song­ti­tel doch schon immer Bän­de: So Long Fore­ver, Drif­ting Away Vio­lent­ly, Love Breaks Down, The Love You Had, Burn & Fade, Not­hing Ever Comes Wit­hout A Pri­ce, Tearing Me Apart, Let Go, If This Is It, Boo­me­rang, Time Of Our Lives …

Was bleibt, sind wie­der mal die Songs und Erin­ne­run­gen. Und neu­er­dings auch die You­Tube-Vide­os von den Kon­zer­ten, auf denen man war:

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[„Radio Song“, Direkt­link]

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Digital Leben

Skandal-Nudeln

Irgend­was ist schief gelau­fen mit der Syn­onym-Daten­bank, auf die der Über­schrif­ten-Gene­ra­tor von „Spie­gel Online“ zugreift. Irgend­je­mand muss am Ein­trag zu Pete Doh­erty her­um­ma­ni­pu­liert haben, denn um den geht es heu­te gar nicht, obwohl die Über­schrift genau dar­auf hin­deu­tet:

Harry Potters Freundin von Skandalrocker verzaubert

Es geht viel mehr um John­ny Bor­rell von der eher öden Band Razor­light, den kein „Spie­gel Online“-Leser ken­nen dürf­te und der mit der Jung­schau­spie­le­rin Emma Wat­son, die der Ziel­grup­pe von Deutsch­lands erfolg­reichs­ter Nach­rich­ten­sei­te eben­so unbe­kannt sein dürf­te, um die Häu­ser gezo­gen ist:

Zwi­schen der 17-jäh­ri­gen Dar­stel­le­rin der Har­ry-Pot­ter-Freun­din Her­mi­ne und dem in bri­ti­schen Medi­en als „Skan­dal­ro­cker“ bezeich­ne­ten Bor­rell soll es nach einem Bericht der Zei­tung „Dai­ly Mail“ gewal­tig „knis­tern“.

Die Goog­le-Suche nach „scan­dal rocker“ bringt sat­te 55 Ergeb­nis­se, von denen sich fast alle auf Pete Doh­erty (oder Court­ney Love) bezie­hen, aber kein ein­zi­ges auf Bor­rell. Die „Dai­ly Mail“, auf die sich „Spie­gel Online“ und dpa als Quel­le beru­fen, schreibt vom „bad boy rocker“ (und ern­tet dafür den Leser­kom­men­tar „Oh come on – Jon­nie Bor­rell is hard­ly a a ‚bad boy rocker‚“), „Sky Show­biz“ spricht vom „rocker pal“ und „rocker fel­la“, die „Sun“ ver­wen­det den Begriff „ex-jun­kie rocker“ (und offen­bart ein sehr eige­nes Ver­ständ­nis von Rea­li­tät und Fik­ti­on: „Emma, who has dated rising rug­by star TOM DUCKER, 16, and mar­ries Ron (RUPERT GRINT) in the final Pot­ter book, was with Bor­rell at two Lon­don bas­hes.“) und bei „Fema­le First“ ist Bor­rell schlicht ein „rocker“.

Der „Skan­dal­ro­cker“ stammt offen­bar von dpa, die angeb­li­che Ver­wen­dung des Begriffs in den bri­ti­schen Medi­en oder des­sen Fehl­über­set­zung geht aber wohl auf das Kon­to von „Spie­gel Online“.

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Digital

Programmhinweis

Am Frei­tag wird das ver­lie­hen, was die Deut­sche Pho­no-Aka­de­mie immer wie­der „einen der wich­tigs­ten Musik­prei­se der Welt“ nennt: der Echo. Es wird wie­der eine krampf­haft locke­re Nabel­schau mit diver­sen gro­ßen und klei­nen Pein­lich­kei­ten wer­den, dafür sor­gen schon die bekann­ten Musik­jour­na­lis­ten Oli­ver Gei­ßen und Nazan Eckes, die durch den Abend füh­ren wer­den. Und da geteil­tes Leid hal­bes Leid ist, wer­den wir, also Sie und ich, die­sen Abend gemein­sam ver­brin­gen – wenn Sie wol­len:

Live­blog Echo 2008
am Frei­tag, 15. Febru­ar 2008
ab 20:00 Uhr
bei coffeeandtv.de

Die Nomi­nier­ten (in Gott­sei­dank nur 24 Kate­go­rien, wir sind ja nicht bei den Gram­mies) ent­neh­men Sie bit­te die­ser Sei­te. Ich habe das Ver­fah­ren, nach dem die Nomi­nier­ten und Preis­trä­ger bestimmt wer­den, bis heu­te nicht ver­stan­den und ken­ne auch wie­der maxi­mal die Hälf­te, was aber die denk­bar bes­ten Vor­aus­set­zun­gen für einen Abend vol­ler Über­ra­schun­gen sein dürf­ten.

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So’n Bart

Der Gewin­ner des dies­jäh­ri­gen Wolf­gang-Thier­se-Loo­ka­li­ke-Wett­be­werbs ist …

Wolfgang Thierse
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Digital

Feieralarm

Cof­fee And TV fei­ert heu­te sei­nen ers­ten Geburts­tag und wie es zu solch gro­ßen Ereig­nis­sen üblich ist, soll auch hier eine Nabel­schau der Extra­klas­se statt­fin­den.

Lesen Sie noch ein­mal nach, wie es war, als wir den Start mit einem Feu­er­werk der guten Lau­ne fei­er­ten oder sehen Sie sich das Ereig­nis auf Video an.

Kli­cken Sie sich auch noch ein­mal durch die Ein­trä­ge der ers­ten Wochen, als das Kon­zept „Grup­pen­blog“ irgend­wie noch bes­ser funk­tio­niert hat. Und erfreu­en Sie sich an den popu­lärs­ten Bei­trä­gen über irra­tio­na­le Ängs­te, den Kon­flikt von Spra­che und Jus­tiz, nack­te Jung­schau­spie­le­rin­nen, Eva Her­man, die Musik­in­dus­trie und Nazis. Oder lesen Sie den Text, in dem die meis­te jour­na­lis­ti­sche Arbeit steckt. Nen­nen Sie uns Ihren Lieb­lings­text auf Cof­fee And TV! Erzäh­len Sie, wie Sie zu die­sem Blog gefun­den haben! Boh­ren Sie sich ein Loch ins Knie und schüt­ten Sie Mag­gi rein!

Und wo ich grad vor sechs Zei­len „Grup­pen­blog“ geschrie­ben hab: Sagen Sie „Hal­lo!“ zu unse­rem neu­en Mit­ar­bei­ter Mar­kus Steidl!

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Unterwegs

Buchstaben über der Stadt

Ich habe Radio­sen­dun­gen und Fil­me dar­über gemacht, habe mein Blog und das von ande­ren Leu­ten voll­ge­schrie­ben. Ver­mut­lich gibt es nur noch eine jour­na­lis­ti­sche Form, in der ich mich noch nicht über Dins­la­ken geäu­ßert habe: die Bil­der­ga­le­rie.

Dinslaken (Schriftzug)

Und genau das soll heu­te anders wer­den, denn ich habe das Wochen­en­de bei den Eltern mal genutzt, um Ihnen Dins­la­ken von allen Sei­ten zu zei­gen. Danach wer­den Sie ver­ste­hen, war­um ich Marl so schön fand.

Bevor wir los­le­gen, soll­ten Sie das gigan­ti­sche Stadt­por­trät auf der offi­zi­el­len Web­site der Stadt lesen und sich fol­gen­den Satz immer vor Augen hal­ten:

Spek­ta­ku­lä­res, Gigan­ti­sches oder Din­ge mit dem Eti­kett „Das muss man unbe­dingt gese­hen haben“ sucht der Besu­cher ver­geb­lich.

Und obwohl damit eigent­lich alles gesagt ist, geht es jetzt erst los:

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Musik Digital

Hörhilfen fürs Wochenende

Heu­te war ein his­to­ri­scher Tag: Ich habe zum ers­ten Mal in mei­nem Leben einen Pod­cast unter­wegs gehört. Dabei han­del­te es sich um die zwei aktu­ells­ten Epi­so­den von „All Songs Con­side­red“, der über­aus emp­feh­lens­wer­ten Musik­sen­dung auf NPR. In den Sen­dun­gen, die man sich hier und hier noch ein­mal anhö­ren kann (am Bes­ten soll­te man natür­lich gleich den gan­zen Pod­cast abon­nie­ren), wur­den fast aus­schließ­lich Bands und Künst­ler gespielt, die Hörer als „ihre“ Band vor­ge­stellt hat­ten. Also nicht im Sin­ne von „das ist die Band, in der ich Mit­glied bin“, son­dern „ich lie­be die­se Band über alles und kann nicht ver­ste­hen, wie­so sie sonst kei­ner kennt“.

So habe ich wäh­rend einer ent­spann­ten Zug­fahrt in die tief­stehen­de Nach­mit­tags­son­ne neue Musik von Blan­che, Thrift Store Cow­boys, Neu­tral Milk Hotel und How I Beca­me The Bomb ken­nen­ge­lernt. Bands, mit denen ich mich näher befas­sen soll­te.

Die Akti­on ist übri­gens noch nicht abge­schlos­sen, im Blog zur Sen­dung kann man wei­ter eige­ne Vor­schlä­ge ein­rei­chen. Bevor ich dort Hotel Lights vor­schla­ge, soll­te ich die Band aber viel­leicht mal end­lich hier im Blog vor­stel­len.

Und wem das alles zu vie­le unbe­kann­te Bands sind: R.E.M. haben seit Mitt­woch ihre neue Sin­gle „Super­na­tu­ral Super­se­rious“ online. Wie ange­kün­digt klingt die Band wie­der rocki­ger und es gibt nach „Sym­pa­thy For The Devil“ end­lich mal wie­der einen Song einer inter­na­tio­nal respek­tier­ten Band, in dem der weib­li­che Vor­na­me „Gise­la“ vor­kommt.