Der Menschenfresser

Von Daniel Gerhardt, 17. Februar 2008 17:28

Filme verstören heute nicht mehr. Sie haben entweder keine Zeit dafür, keine Lust dazu oder ohnehin nicht die Mittel – und sie haben den schwerwiegenden Nachteil, dass jeder halbwegs interessierte Zuschauer schon Wochen vor Kinostart zahllose Kritiken und Interviews mit den Beteiligten lesen kann, durch mehrere Trailer auf die Geschichte vorbereitet wird und nicht zuletzt wegen IMDb-Durchschnittsbewertungen, Golden-Globe-Ergebnissen und Oscarnominierungen zu wissen glaubt, was ihn erwartet. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, wie es vor knapp dreißig Jahren für die Leute gewesen sein muss, die ohne Vorwissen oder –warnung Stanley Kubricks „The Shining“ gesehen haben. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich als nicht eben wählerischer Teenager ins Kino gegangen bin und halt mal geguckt habe, was so passiert. Heute sehe ich mir „Der Krieg des Charlie Wilson“ an und weiß schon vorher, dass mich amüsante, leichte Unterhaltung erwartet. Ich sehe „Control“ und weiß, dass der Film eine trostlose, beklemmende Charakterstudie wird. Oder ich sehe „There Will Be Blood“ und weiß, dass ein strenges, präzises Meisterwerk auf mich zukommt.

Der Punkt ist natürlich: Eigentlich weiß ich überhaupt nichts. Ich glaube höchstens, ein paar Dinge zu wissen, fühle mich als regelmäßiger Filmkritikenleser und Trailerseher gut eingestellt und möchte in meiner vorgefertigten Meinung lieber bestätigt als widerlegt werden. Das ist sehr doof, und ich kann mich an keinen Film erinnern, der mir das jemals gnadenloser unter die Nase gerieben hat als Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“. Es ist sein fünfter Spielfilm, und es war schwierig, im Voraus eine Rezension darüber zu lesen, die nicht mindestens tiefen Respekt für die schauspielerische und handwerkliche Brillanz des Films zollte. Meistens ging das Lob aber noch viel weiter; die 160-minütige Geschichte um den kalifornischen Ölbaron Daniel Plainview wurde als Wiederauferstehung des Westerngenres bezeichnet, ohne selbst ein klassischer Western zu sein. Sie wurde für acht Oscars nominiert und steht derzeit auf Platz 18 in der IMDb-Liste mit den 250 besten Filmen aller Zeiten. Dass „There Will Be Blood“ aber ein ernsthaft und nachhaltig verstörender Film ist – darauf hat mich niemand vorbereitet.

Liegt wahrscheinlich daran: Man muss ihn sehen, um es zu glauben. Man muss die nahezu wortlose 15-Minuten-Sequenz am Anfang sehen, die in ihrer Selbstsicherheit schon an Großkotzigkeit grenzt. Man muss sehen, wie der Film in einem vollkommen ratlos machenden, desillusionierenden Finale gipfelt, das kaum vorauszuahnen ist, aber doch unvermeidbar scheint. Man muss sehen, wie der todsichere Oscar-Gewinner Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle des hasserfüllten Menschenfressers Plainview die Kinoleinwand aufsaugt. Man muss sehen, wie deshalb nur noch Platz bleibt für den hysterischen Prediger Eli Sunday (Paul Dano), der sich als einzige Nebenfigur entfalten kann, aber auch mit seinem kirchlichen Hintergrund nicht zum moralischen Gewissen des Films taugt. Und man muss die musikalische Leistungsschau hören, die Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood dazu als bedrohlich dröhnenden, permanent stichelnden und nachtretenden Soundtrack komponiert hat. „Ich bin fertig“, sagt Plainview am Ende des Films, und wenn er es nicht getan hätte, dann ich.

Sieht man es als oberste Pflicht eines Films an, seine Zuschauer zu unterhalten, ist „There Will Be Blood“ ein bodenloses Fiasko. Es gibt nichts an diesem Film zu Mögen oder gar zu Lieben, keine leichten Momente, Erlösungen oder Identifikationsfiguren. Stattdessen gibt es den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren, das pure Böse am Beispiel einer einzigen Person zu erleben und die Frage obendrauf, wo so viel Hass auf alles und jeden bloß herkommen kann. Sie bleibt seltsam unbefriedigend beantwortet im Raum stehen, so als hätte der Film selbst keine Ahnung. Man könnte sagen, dass er dadurch ruiniert wird, aber ich glaube eher, gerade das ist der Clou. Es ist jetzt 18 Stunden her, dass ich „There Will Be Blood“ gesehen habe, und ich habe seitdem an nichts anderes mehr gedacht, das irgendwie von Bedeutung wäre.

8 Kommentare

  1. Dr. Azrael Tod
    17. Februar 2008, 18:42

    Für mich stellt sich bei diesem Artikel die Frage:
    „Gab es früher weniger Filmrezensionen oder hat man nur weniger davon gelesen?“

    Sicher weiß man heute bei den meisten Filmen schon im Vorraus worum es geht, aber das wusste ich auch in meiner Kindheit eigentlich meistens (Mal von 1-2 Filmen, die ich nur angesehen habe, da mich irgendwer überredet hat abgesehen.)
    Evtl. geht man wirklich einfach nur falsch ran, sollte mehr nach gutdünken ins Kino gehen und nicht vorher stundenlang überlegen zu welchem Film.
    Wobei mich in Zwickau eh kaum noch was ins Kino bringt, 14€ für EINE Karte ist kein Preis, das ist ne Frechheit. (in Chemnitz, erheblich besseres Kino, aber ebenfalls Cinestar: 5,90€ – 6,90) Lustigerweise steht auf der Cinestar Homepage grade 6-7€, aber ich hab Kinokarten, die was anderes aussagen.

  2. Carlo
    17. Februar 2008, 19:11

    Filme sind seltsamerweise ein Kulturmedium, dem ich mich völlig verweigere. Und das noch nicht mal bewusst oder aus einer bestimmten Attitude heraus, sondern: einfach so. Ich war in den letzten 5 Jahren, gefühlte 2 mal im Kino, besitze kaum eine DVD und Filme im Fernsehen kann ich keine drei Minuten schauen ohne wegzuzappen. Warum das so ist? Keine Ahnung. Stuckrad-Barre schrieb mal, bei Filmen mache ihn die ewig lange dramaturgische Anfahrt so fertig – vielleicht ist es das, vielleicht ist meine Aufmerksamkeitsspanne einfach zu Videoclipästhetik- und Internet-verdorben, als dass ich 90 Minuten Erzähl-Dramaturgie passiv über mich ergehen lassen könnte. Lesen geht aber komischer Weise problemlos. Seit ich mit neun Star Wars gesehen habe, hatte ich kein zentrales Filmerlebnis mehr, das mich in irgendeiner Form euphorisiert, verstört oder gar geprägt hat. Filme sind eine klaffende Lücke in meiner Popkultur-Bescheidwisserei. Aber so bin ich immerhin nicht das, was man hasst, nämlich Cineast und Kenner dieser fürchterlichen Streifen.

  3. Lukas
    17. Februar 2008, 19:31

    Deshalb habe ich auch immer noch keinen Text über „Cloverfield“ geschrieben. Zwar fand ich den Film wirklich gut, aber ich wäre nicht umhin gekommen, die Begriffe „9/11“ und „YouTube“ einfließen zu lassen. Und dann hätte ich mich permanent gefragt, ob das wirklich mein Text wäre oder doch nur ein Remix aller bisher gelesener.

  4. destiny clontz
    17. Februar 2008, 21:09

    ^Etwas über Cloverfield zu schreiben, und NICHT 9/11, Youtube, Godzilla oder „viral“ zu erwähnen verleugnete doch die Essenz des Filmes.

    Selten sah ich einen Film, der so berechnend konstruiert ist und gleichzeitig so unverfrohren seine Bezugspunkte zur Schau stellt.

    Ich kann aber verstehen, dass man kein Bedürfnis mehr hat über Cloverfield zu schreiben, da man schwerlich etwas anmemerken könnte, was nicht bereits an anderer Stelle schon geschrieben wurde.

  5. iolanthe
    17. Februar 2008, 21:12

    Da kann man nur Sneak Previews empfehlen. Dann weiß man vorher (oft) nicht, was einen erwartet. Und man kann sich auch ganz anders auf den Film einlassen. Vor allem muss man sich selbst ein Bild machen.
    Hätte ich vorher Kritiken gelesen, hätte ich August Rush ganz schrecklich gefunden (ich hätte ihn mir wohl gar nicht erst angeschaut…). Und ich hätte es ganz ehrlich gemeint. So wird es zwar sicher nicht zu meinem Lieblingsfilm, aber nett wars schon.

    Allerdings ist man für die Sneak ganz extrem auf den Geschmack des Kinomitarbeiters angewiesen. Das muss man ein paar mal austesten. Die Auswahl in Münster gefällt mir zB. fast immer gut.

    Und There Will Be Blood werde ich mir dann wohl mal anschauen, wenn ich gerade in passender Stimmung bin.

  6. Nummer 9
    17. Februar 2008, 22:06

    Also wenn man vorher die Handlung des Films in 1-2 Sätzen kennt, ist das mit Sicherheit kein Nachteil, sondern eine grobe Orientierung, ob einem der Film überhaupt interessiert. Ansonsten stimme ich dir zu. Cloverfield wollte ich mir auch ansehen, als dann aber überall zu lesen war, es wäre eigetnlich nur eine Art Godzilla-Film, habe ich es sein lassen.

    Es ist aber auch schon eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich einen Kinotrailer gesehen habe und dann dachte, den Film MUSS ich sehen. Find das eher peinlich, wenn man das bei jüngeren Kinogängern, die in der Nähe sitzen, mitbekommt.

  7. PhilParma
    18. Februar 2008, 18:17

    Magnolia=Lieblingsfilm evaar.
    Bin so gespannt auf There will Be Blood, und merkwürdigerweise glaub ich wirklich kaum etwas über den Film zu wissen, auch wenn ich schon soviel darüber las.

  8. grannysmith
    18. Juli 2008, 22:38

    gefällt mir, was du über ‚there will be blood‘ geschrieben hast.
    berlinale: hab herrn anderson auf der pressekonferenz erlebt nachdem er lediglich mit einem trostpreis abgespeist wurde… he was not amused. man hätte für diesen film eine extrabärenkategorie erfinden sollen…