Bata Man

Von Lukas Heinser, 4. Februar 2008 17:35

Gestern hab ich mal wieder „Das perfekte Promi-Dinner“ geguckt. Ich tue das sehr gerne, besonders, wenn ich währenddessen essen kann. Plötzlich kam ein älterer Herr ins Bild und ich dachte „Ach, guck mal da!“ Dann erst stellte ich fest, dass ich Bata Illic streng genommen gar nicht kenne, also jedenfalls nicht in einem Maße, das eine solche Freude und Überraschung gerechtfertigt hätte.

Bis vor einem Monat wusste ich von Bata Illic gerade mal, dass er vor vielen Jahren einen Hit namens „Michaela“ gehabt hatte, dass er aussah wie Franz Josef Wagner, und dass er nicht an der Schuhfirma Bata beteiligt war.1 In der Zwischenzeit aber war Bata Illic ins RTL-Dschungelcamp eingezogen und war dort bis zum letzten Tag verblieben. War er dort anfangs kaum aufgefallen, hatte er mit seiner ersten Dschungelprüfung, bei der er mit Ratten sprach und diese von seinen friedvollen Absichten zu überzeugen versuchte, die Herzen der Zuschauer erobert. Ich habe von jungen Damen gehört, die ihn am liebsten als Opi mitgenommen hätten.

Überhaupt: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ dürfte sich für die RTL-Redakteure zum Super-GAU entwickelt haben. Statt sich anzukeifen und in Grabenkämpfe zu verfallen, konnte man den Prominenten2 bei Selbstfindung und Gruppenkuscheln zusehen. Ross Antony und Michaela Schaffrath waren mir vorher unbekannt bis egal gewesen, aber es war schon ein Erlebnis, dem anfangs völlig hysterischen Ross bei der Überwindung seiner Ängste zuzusehen oder eine Frau zu erleben, die mit ihrer inneren Ruhe und Güte die ganze Truppe zusammenhielt und so gar nicht dem Klischee des überall apostrophierten Ex-Pornostars entsprach. Diese Staffel entwickelte sich dann auch versehentlich zum Gegenentwurf aller Castingshows, wo innerhalb weniger Wochen aus Nobodies Stars gemacht werden: Plötzlich saßen da Stars, die viele nicht kannten, im Dschungel, redeten auf eine ganz eigenartig poetische Art belangloses Zeug und machten sich bei übertriebenen Kindergeburtstagsspielen zum Affen. Der Unterschied zu „Zimmer frei!“ bestand teilweise nur noch in den Moderatoren und der Reaktion der Öffentlichkeit.

Und während mich das Format „Reality TV“ normalerweise überhaupt nicht interessiert, weil ich schon nicht wissen will, wie falsch sich meine Nachbarn ernähren oder wie grauenhaft sie ihre Wohnung eingerichtet haben, finde ich die Prominenten-Ableger davon meistens ganz großartig. Es gibt kaum einen besseren Weg, Leute etwas über Leute zu erfahren, als ihnen beim Dschungel-Bewohnen oder Essen zuzusehen. Danach braucht man keine Paparazzi mehr.

Die „Promidinner“-Redakteure hatten dann auch eine an „Lost“ erinnernde Akribie bei der Zusammensetzung der gestrigen Köche an den Tag gelegt: Neben Bata Illic waren John Jürgens, Sohn der Schlagerlegende Udo Jürgens; Kriemhild Jahn, Sopranistin und Ehefrau von Schlagerproduzentenlegende Ralph Siegel, sowie Heydi Núñez Gómez vertreten, die auch schon mal im RTL-Dschungel war und mit Ralph Siegel eine Platte aufgenommen hatte. Und während sich die anderen Kandidaten mit exquisiten und exotischen Gerichten zu übertrumpfen versuchten, servierte Bata Illic eine Rohkostplatte mit literweise Mayonnaise, frittierte Schnitzel nach einem Rezept seiner „Schwiegermama“ und eine Rumtorte, deren Zuckerguss noch vor dem Fernseher Zahnschmerzen verursachte. Las er auf den Menü-Karten der anderen Karten etwas, was seiner Frau Olga gefallen könnte, wollte er gleich eine doggy bag für sie ordern, und immer, wenn er für die Kochkünste der Anderen Punkte verteilen sollte, tat er das mit den Worten „Ich freue mich, ihm/ihr zehn Punkte geben zu dürfen“, und man glaubte ihm diese Freude genauso wie jedes einzelne „wunderschön“.3

Noch mehr als im Dschungel oder am Esstisch erfährt man über Menschen nur, wenn man sieht, wie sie leben. Bata Illic und seine Olga leben in einem Haus, das mit seinen terracottafarbenen Wänden, runden Türzargen, selbst geschriebenen Ikonen, barocken Kommoden und englischen Clubsesseln wie ein wüst, aber liebevoll zusammengestelltes Museum wirkt. Wer die beiden miteinander reden sieht, wird dem Mann jedes Wort jedes Schlagertextes abnehmen. Bei Kriemhild Jahn und Ralph Siegel zuhause gibt es einen gläsernen Fahrstuhl, die Küche liegt (wenn ich das richtig verstanden habe) im Keller und der Esstisch steht in einem Raum, der aussieht wie die Lobby eines Hotels in Las Vegas.

  1. Danach hatte ihn Roger Willemsen vor fast ebenso vielen Jahren bei „Willemsens Woche“ mal gefragt. []
  2. Ich finde es so unfair, die Dschungel-Camper als „Prominente“ mit Anführungszeichen zu bezeichnen. Zumindest einem Teil der Bevölkerung dürfte jeder Einzelne bekannt gewesen sein und wenn man „Prominenter“ mal mit „jemand, von dem sich Menschen gemeinsame Handyfotos wünschen“ übersetzt, sollten alle zehn als Prominente durchgehen. Außerdem bin ich neulich versehentlich in eine Autogrammstunde von Martin Stosch hineingeraten, bei der es für die zahlreichen Besucherinnen zwei „Abendessen“ (mit Anführungszeichen) mit dem Star zu gewinnen gab. []
  3. Dass er sich strikt weigerte, mit dem Essen zu beginnen, bevor die Gastgeberin Platz genommen hatte, und er den Damen jedesmal, wenn sie sich hinsetzen wollten, umständlich den Stuhl ranschieben wollte, zeigt, dass sein Kommentar im Dschungel zu (ich glaube) DJ Tomekk „Wir zwei sind Gentlemen“ zumindest zur Hälfte vollkommen richtig war. []

12 Kommentare

  1. Phillip
    4. Februar 2008, 22:54

    Naja, wenn sich aus dem Dschungelcamp ein Kuschelcamp entwickelt hat das schon fast Soap-Charakter. Das funktioniert auch. Und RTL hat das auch schön inszeniert. Und ich muss (zu meiner Schande) zugeben, dass ich bis auf die eine Blondine alle kannte. Natürlich sind das keine Top-Promis. Die sind sich für sowas zu Schade und für RTL zu teuer. Die müssen ja auch nur ein gewissen Grad an Prominenz vorweisen, damit man man ein oder zwei kennt, und nur deswegen mal kurz einschaltet. Sobald das passiert ist erledigt der Voyeurismus der Zuschauer den Rest. Die bleiben dran. Ziel erreicht. Und bei den Einschaltquoten bestimmt kein Super-GAU.

  2. Jens
    4. Februar 2008, 23:31

    Ich kann noch eine Epiosde zu Bata Illic beisteuern:

    Er war irgendwann mal vor einigen Jahren beim Prinzenball im Olfener Karneval. Dann kam eine Frau auf ihn zu, überreichte ihm Blumen und war dann so dreist und schüttete ein Glas über seinem Kopf aus.
    Er machte aber dennoch weiter, was man ihm hoch anrechnen kann.

  3. pantoffelpunk
    5. Februar 2008, 9:24

    Danke, dass mal einer positiv über diese außerordentlich angenehme Staffel des Dschungelcamps schreibt – ich hätte mich das nie getraut! 100% Zustimmung!

  4. Olli
    5. Februar 2008, 9:58

    Bereits Stefan Niggemeier fand sehr treffende Worte zum Dschungelcamp, was mit Sicherheit viele Leute erschüttert oder verwundert hat. Und wenn man mal vom ekligen Essen der seltsamsten Dinge absieht, war es eine unterhaltsame Studie über das Verhalten von Menschen. Wobei es ganz gut war, dass keine A-Promis dort vertreten waren. Die wären vielleicht nicht so offen und unverstellt gewesen, wie Bata Illic oder Anthony Ross un die die anderen.
    Schade, dass ich das Promi Dinner nicht gesehen habe.

  5. STU
    6. Februar 2008, 10:33

    Barbara Herzsprung hat es bis dato nichtmal zu einem eigenen Wikipedia-Artikel gebracht. Für mich ist die absolut nicht prominent, ich kenne niemanden, der die Dame vorher schon gekannt hat.
    Die blonde Tanzmaus kannte ich auch nicht.

  6. Olli
    6. Februar 2008, 11:29

    Barbara Herzsprungs Namen ging durch die Trennung von ihrem Mann mal kurz durch die Nachrichten. Und die „Tanzmaus“, Isabel Edvardsson wurde einem nicht-tanzbegeisterten Publikum nur durch die Sendung Let’s dance mit Hape Kerkeling bekannt.

  7. Kathrin
    6. Februar 2008, 12:20

    Bach und Zietlow: „Was designt Barbara Herzsprung?“
    Zietlow: „Dirndlschürzen!r
    Bach: „Es gibt Designer für Dirndlschürzen?“
    Zietlow: „Barbara Herzsprung!“

    Außerdem bhat sie gestern auf RTL offiziell mit ihrem Exmann abgeschlossen. Und das, obwohl er die Kaffeemaschine mitgenommen hat beim Auszug.

  8. Oliver Ding
    6. Februar 2008, 22:46

    Der Böse!!!1

  9. Philipp
    8. Februar 2008, 1:34

    „eine Frau zu erleben, die mit ihrer inneren Ruhe und Güte die ganze Truppe zusammenhielt und so gar nicht dem Klischee des überall apostrophierten Ex-Pornostars entsprach.“

    Vielleicht deshalb, weil Michaela Schaffrath nicht bloß ein Ex-Pornostar ist, sondern auch lange als Kinderkrankenschwester gearbeitet hat.

  10. Coffee And TV: » Frau Doktor und das liebe Vieh
    25. Juni 2008, 1:22

    […] wirkte. Doku-Soaps sind eh ein Genre, das mich – so es sich nicht um “Toto und Harry”, “Das perfekte Promi-Dinner” oder irgendwas mit kleinen Eichhörnchen und Katzen handelt – nur äußerst peripher tangiert. Mir […]

  11. Coffee And TV: » Welcome To The Jungle
    25. Januar 2009, 22:10

    […] einer Sendung, die ich für gelungene Unterhaltung halte, wie ich im vergangenen Jahr schon einmal aufgeschrieben […]

  12. Coffee And TV: » Post von Semino Rossi
    27. August 2009, 15:34

    […] es natürlich auch sein, dass ich nach meinen Sympathiebekundungen für Semino Rossi (und meinem Loblied auf Bata Illic) einfach zur Zielgruppe […]