Beiträge vom Dezember, 2009

I’ll be coming home next year

Von Lukas am Donnerstag, 31. Dezember 2009 10:55

Für alle, die außerhalb ihres Zuhauses ins Neue Jahr feiern wollen:

Für alle:

DADADA-2010 from eric peltier on Vimeo.

Und für alle, die immer noch nicht genug haben: Echt – 2010

Guten Rutsch und alles Gute!

Bis zum 10. Januar können Sie noch über die besten Irgendwasse des Jahres 2009 abstimmen und Karten für das Kilians-Konzert in Dinslaken gewinnen.

Kategorie: My Shared Folder | Kommentare (4)

A Decade Under The Influence: Abspann

Von Lukas am Dienstag, 29. Dezember 2009 10:10

Dieser Eintrag ist Teil 11 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

The producers wish to thank (in a somehow chronological order):

Mathias Z., Benjamin K., Thomas K., Sebastian B., Matthias B., Jochen T., Karl-Horst L., Armin L., Oliver D., Susanne Sch., Peter O., HwaYoun P., Benjamin S., Christian K., Martina R., Miriam M., Marc H., Yildiz G., Stefanie N., Samuel S., Johannes B., Christopher H., Philipp K., Hans-Peter Sch., Karl-Heinz T., Wolfgang L., Silvana F., Bianca T., Sibylle H., Harald F., Sebastian J., Gerd B., Sebastian D., Kathrin G., Nina P., Benedikt J., Ralph K., Susan V., Herbert G., Nina G., Martina D., Pavel A., Cordula P., Sebastian K., Björn T., Hans-Christian Sch., Thees U., Reimer B., Darren J., Simon R., Marcus W., Ina-Simone M., Thomas D., Benjamin F., Janine P., Matthias E., Jan T., Sonja B., Benjamin G., Nicholas H., Sandra Z., Katrin J., Martha B., Christoph K., Nicholas M., Sascha E., Gordian Sch., Simon H., Dominic L., Arne Sch., Michael Sch., Christian Sch., Thorsten N., Thorsten B., Ingeborg W., Nina P., Mark O., Daniel C., Bianca Sch., Lena N., Felix G., Fabian B., Andre S., Danny S., Gerne P., Dennis B., Oliver K., Max Sch., Timo B., Thomas B., Henrike H., Andre P., Stefan T., Christoph B., Wolfgang H., Helga H., Beatrice K., Jens H., Neil H., James B., Arndt P., Thomas H., Madeleine C., Jacqui N., Giovanna G., Julie W., Louis Sch., Todd H., Charles K., Heinz M., Jens M., Merle R., Stefan N., Christoph Sch., Heiko D., Charlotte R., Malte W., Astrid L., Markus S., Edward M., Stefan E., Simon B., Sascha L., Daniel F., Thomas K., Günter C., Jana W., Gregor M., Jörg H., Djure M., Roger W., Jörg K., Frederic G., Ulrike T., Sven R., Gernot P., Felix Sch., Thomas D., Teresa B., Caroline D., Rahel S., Arvid B., Andreas W., Sascha S., Tim K., Fiete K., Britta B., Annika K., Sina F., Christian I., Stephan U., Christian S., Stefan L., Simon F., Marcel S., Justus H., Anton A., Anna H., Ingo Sch., Ben R., Katrin L., Peer Sch., Lena R., Eileen O., Petra T., Jan-Lukas J., Christoph L., Till R., Rainer O., Ingo P., Sebastian B., Anika H., Sebastian B., Thomas F., Corinna S., James W., Matthias H., Hilmar B., Arthur K., Josh J., Philipp S., Britta S., Mario S., Michael R., Bernd F., Mischa-Sarim V., Daniel E., Katharina Sch.

Ich danke meiner Familie — may Gotzlow be with you!

Und natürlich meinen Lesern!

Hoffentlich hab ich niemanden vergessen …

Nachtrag, 14:05: Ich hatte tatsächlich was vergessen: Den Titelsong bzw. Namensgeber der Serie:

Kategorie: Somebody Told Me | Kommentare (10)

A Decade Under The Influence: 2009

Von Lukas am Montag, 28. Dezember 2009 10:09

Dieser Eintrag ist Teil 10 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Das Jahr begann mit Schnee, viel Schnee. Als ich am ersten Montag des Jahres morgens zu meiner Vorlesung aufbrechen wollte, hörte ich in den Nachrichten auf WDR 5, dass der Straßenbahnverkehr in Bochum “so gut wie eingestellt” sei. Da die Straßenbahnen auf dem Weg zur Uni schon an normalen Tagen ein verkehrstechnisches Desaster darstellen,1 entschied ich mich gegen die Bildung und für die Naturgewalt.

Ich hüpfte über den zugeschneiten2 Parkplatz vor dem Wohnheim und ging durch die benachbarten Waldgebiete. Alle Erwachsenen, auf die ich traf, hatten ein ähnlich entrückt-begeistertes Grinsen im Gesicht, wie auch ich es gehabt haben muss. Mir begegneten ganze Kindergartengruppen und jede Menge anderer Kinder mit Schlitten. Fast hätte ich gefragt, ob sie mir ihr Gerät für zwei, drei Abfahrten vermieten, aber ich hatte zu viel Angst.3

Dass ich seit Weihnachten einen iPod touch mein Eigen nannte, hatte meine Hörgewohnheiten noch einmal verändert: Musikdownloads waren plötzlich viel attraktiver als früher, weil ich sie ganz einfach auf meinen MP3-Player übertragen konnte. Entsprechend oft kaufte ich dieses Jahr Musik direkt am Computer, Vorzugsweise abends oder nachts.

Musikalisch los ging es erst mal mit den bisher übersehen Höhepunkten des Vorjahres: “The ‘59 Sound” von The Gaslight Anthem und “For Emma, Forever Ago” von Bon Iver. Während mir ersteres “nur” sehr gut gefiel, war letzteres eine Art Offenbarung. Seit langer Zeit hatte mich Musik nicht mehr so berührt, hatte ich ein Album nicht so oft hintereinander gehört. Die Akustikgitarren, der Falsett-Gesang von Justin Vernon, die Geräusche und Atmer im Hintergrund — näher an der Musik selbst kann man als Hörer einer Aufnahme kaum sein. Auch nach fast einem Jahr des intensiven Hörens sorgt das Album bei mir immer noch regelmäßig für Gänsehaut.

Neue Musik gab es in Form von ungemasterten neuen Kilians-Songs, die ich unter massiven Sicherheitsvorkehrungen überbracht bekam, um auf ihrer Grundlage die Presseinfo zum zweiten Album zu schreiben. Zwei Songs sprangen mich sofort mit der Wucht eines übermütigen jungen Hundes an: “Hometown”, aus naheliegenden Gründen,4 und “Used To Pretend”, einer der klügsten Songs, der in diesem Jahrzehnt über eine nicht funktionierende Beziehung geschrieben wurde.5

In Washington D.C. wurde Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Ich saß vor meinem kleinen Fernseher und filmte die Live-Übertragung mit meiner Digitalkamera mit — ganz so wie mein Großvater 1963 beim Deutschlandbesuch John F. Kennedys die TV-Bilder mit seiner Super-8-Kamera abgefilmt hatte. Große Geschichte als kleiner, privater Besitz. Die medialen Anspielungen auf Obama und seine Wahlkampagnen nahmen derart Überhand, dass ich ein eigenes Blog für das Thema aufmachte.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen führte ein lokales Veranstaltungstipp-Blättchen ein Interview mit mir. Das veröffentlichte Ergebnis sorgte dafür, dass ich eine Sekretärin einstellen wollte, deren einzige Aufgabe es sein sollte, sporadisch eintreffende Interview-Anfragen abschlägig zu beantworten. Da seitdem nie mehr Interviewanfragen kamen, bin ich froh, auf die sicherlich teure und arbeitsrechtlich schwer wieder loszuwerdende Bürokraft verzichtet zu haben. Als sogenannter Netzwerker arbeitete ich stattdessen einige Monate für den neuen Internet-Auftritt der Wochenzeitung “Der Freitag” und merkte dabei schnell wieder, dass Politik und die daraus erwachsenen Diskussionen kein Betätigungsfeld darstellten, in dem ich mich länger aufhalten wollte.

Mando Diao hauten mit “Dance With Somebody” einen derart gelungenen Indierockschlager raus, dass es eigentlich auch nicht weiter verwunderlich war, dass der Band nach Jahren – und der Abschreibung durch ihre alte Plattenfirma – dann doch noch der richtig große Mainstream-Durchbruch gelang. Den hatten die Kings Of Leon ja auch irgendwie geschafft, obwohl man sie nicht mehr auf dem Zettel hatte. Franz Ferdinand dagegen … Na ja: Die brachten auch ein neues Album raus, das ich allerdings zu selten gehört habe, um es begründet als doof bezeichnen zu können.

Zum ersten Mal sah ich mir eine komplette Fernsehserie auf DVD an:6 Die erste Folge von “Skins” hatte mich so begeistert, dass ich mir direkt die ersten beiden Staffeln bestellte. Das typische Serienjunkie-Gefühl, das ich bisher nur aus Schilderungen anderer kannte, hatte auch mich ergriffen und so lag ich nachts um drei mit meinem MacBook im Bett und sagte mir: “Ach, komm: Nur eine Folge noch für heute …”

Ende Februar flog ich auf Einladung des norwegischen Staates7 zum by:Larm nach Oslo. Drei Tage Konferenz zum Thema Musik und jeden Abend hunderte Konzerte in allen Clubs der Stadt. Oslo war großartig, die Mitreisenden waren sehr nett und es gab ein paar tolle Konzerte: The Alexandria Quartet, deren Debütalbum für mich in die Top 20 des Jahres gehört, die charmant wahnsinnigen I Was A Teenage Satan Worshipper, die wahnsinnig charmante Annie, der orchestrale Ólafur Arnalds, die klaren Headliner The Whitest Boy Alive8 und die schwedische Nachwuchssensation First Aid Kit. Außerdem hörte ich einen Vortrag des Grafikdesigners Stefan Sagmeister, auf den das oft überstrapazierte Adjektiv “inspirierend” zutraf. Eine Reise, die sich definitiv gelohnt hat.

Beim Rock im Saal in Haldern spielten die Kilians mit Enno Bunger und Gisbert zu Knyphausen, die alle auch sehr gut waren. Die Stimmung bei der anschließenden Party war hehr, obwohl Simon den Hartog und ich beide nüchtern bleiben und fahren mussten.9 Saturn haute im Internet MP3-Alben für 4,99 Euro raus und ich kaufte wie ein Wahnsinniger ein — überwiegend Elektronik: Empire Of The Sun, Röyksopp und Pet Shop Boys. Letzteren war mit “Yes” ein phänomenales Pop-Album gelungen, auf dem kein schlechter Song war, aber ein besonders guter: “Pandemonium”. Da ich für einige Artikel für einen Hamburger Großverlag viel unterwegs war, hatte ich auch viel Zeit, neue Musik zu hören. Einige Wochen lang war ich überzeugt davon, dass “Wake Up To America” von Ben Lee der beste Song des Jahres sein würde.

In Essen besuchte ich mein zweites Barcamp, das die Eindrücke vom Vorjahr festigte: Nette Leute, aber doch sehr speziell. Ich hatte begriffen, dass mir Rockkonzerte mehr geben, und war insofern ganz froh, mich gegen die re:publica und für das Konzert der Kilians auf dem Dinslakener Hans-Böckler-Platz entschieden zu haben.

Jener denkwürdige 3. April begann für mich allerdings an meiner alten Schule: Mein Bruder …

Moment, bevor ich weiter schreibe: Ich habe nicht nur einen Bruder, sondern auch eine Schwester, die in dieser Serie bisher sträflich vernachlässigt wurde. Es gibt dafür keinen speziellen Grund, ich sehe meinen Bruder nur ein bisschen öfter und mache dann mit ihm Blödsinn der Sorte, die Brüder halt so machen. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich nicht nur einen tollen Bruder, sondern auch eine tolle Schwester habe.

Mein Bruder jedenfalls hatte seinen letzten Schultag und da ich eh in Dinslaken war, dachte ich mir: “Wann, wenn nicht heute, sollte ich noch mal auf mein Gymnasium gehen?” Mein Vater setzte mich um zwanzig vor Acht an der Schule ab, ich traf mich mit meinem Bruder und seinen Mitschülern auf dem nahe gelegenen Spielplatz und zog in einem Pulk von sechs bis acht Jahre jüngeren Menschen in die Schulaula ein. Keinem meiner früheren Lehrer fiel auf, dass ich gar nicht hierhin gehörte.10 Da ich vermutlich als einziger Mensch unter 50 nüchtern in der Aula saß, war ich vermutlich auch der einzige, der die ausführlichen Ausführungen des Schulleiters zu den Zulassungsmodalitäten und der Prüfungsordnung aufmerksam verfolgte. Anschließend ging es in den Stadtpark, um die Zulassung dort zu begießen. Als ich im nahegelegenen Supermarkt einen Kasten Bier erwerben wollte, um ihn den angehenden Abiturienten zu stiften, musste ich meinen Personalausweis vorzeigen. “Geil”, dachte ich, “auf zehn Jahre jünger geschätzt zu werden, grenzt in dem Alter ja schon an eine Ehre.”

Am Abend rockten die Kilians im Sonnenuntergang Dinslakens größten Platz und spielten dabei vor dem größten Konzertpublikum, das die Stadt außerhalb von Stadtfesten je gesehen hatte.11 Auf die Aftershowparty musste ich leider verzichten, weil meine knapp 27-jährige Begleitung ohne ihren Personalausweis nicht in die Dorfdisco kam.12 Die Geschichten, die ich hinterher über jene Party hörte, könnten mehrere Bücher füllen, die ich allerdings nicht schreiben werde.

Über Ostern guckte ich die dritte Staffel “Skins”, die gerade erschienen war, und fing an, Quasi-Vollzeit fürs BILDblog zu arbeiten, das seit 1. April ein Watchblog für alle deutschsprachigen Medien war. Aus diesem Grund war ich auch zu einem Interview in “Eins Live Plan B” zugeschaltet — mein erstes Interview, bei dem ich das Gefühl hatte, dass der Moderator wusste, was er tat. Vielen Dank, Ingo Schmoll!13

In jugendlichem Übermut kaufte ich mir für acht Euro alle Beethoven-Symphonien als MP3 und verbrachte mehrere Tage damit, Klassik zu hören. Das klang schon sehr beeindruckend, aber langfristig brauchte ich dann doch Texte. Gisbert zu Knyphausen oder Tommy Finke hatten welche, weswegen ich ihnen gerne zuhörte.

Anfang Mai war ich in Münster, um beim “Symposium Oeconomicum” zu sprechen.14 Zwar hatte ich um Wirtschaftswissenschaftler seit jeher einen großen Bogen gemacht, aber das war eine Veranstaltung, die mir Spaß machte und von der ich noch heute zehre.15

Obwohl ich mich bis heute als unpolitischen Menschen sehe, hatte es die Bundesregierung geschafft, dass ich mich annähernd politisch engagierte: Nachdem Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die Unterzeichner einer Petition gegen Internetsperren, zu denen ich gehörte, in die Nähe von Kinderschändern gerückt hatte, war ich bereit, mit Forken und Fackeln gen Berlin zu marschieren und auf den Treppen des Reichstags zu sterben. Letztlich schickte ich dann doch nur eine E-Mail an alle meine Bekannten, in der ich sie aufrief, die Petition ebenfalls zu unterzeichnen und der Politik mal so richtig den Marsch zu blasen. Die Manic Street Preachers lieferten mit “Journal For Plague Lovers” den Soundtrack zu dieser Mini-Revolution und nur sieben Monate später sieht es so aus, als sei das ganze Vorhaben “Internetsperren” ähnlich erfolgreich verlaufen wie alle anderen Vorhaben der damaligen, jetzigen und aller kommenden Bundesregierungen: Geendet im totalen Desaster.

Im Düsseldorfer Zakk sah ich Bon Iver live, eines der beeindruckendsten Konzerte meines Lebens. Teilweise war die Musik so ruhig, dass man das Klicken der Fotoapparate hören (und leise zischelnd verurteilen) konnte. Fast noch beeindruckender war allerdings die Vorband The Acorn aus Kanada. Es passiert nicht oft, dass ich mir bei einem Konzert sofort die CD der Vorgruppe kaufen muss, aber in diesem Fall war es mir ein Bedürfnis. Es hat sich gelohnt.

Ich fuhr mal wieder nach Berlin und erlebte einige wunderbare Tage mit wundervollen Menschen. Irgendwann taumelte ich im Sonnenaufgang zu meiner Unterkunft und musste an “Schwarz zu blau” von Peter Fox denken. Berlin als Wohnort war für mich aber weiterhin undenkbar.

Weil ich immer schon mal wissen wollte, warum ich eigentlich heiße, wie ich heiße, kaufte ich mir “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” von Michael Ende und war begeistert, was für ein spannendes, kluges Buch das eigentlich war. In den USA lief die letzte16 Folge “Scrubs”, die mit einem großartigen Song zu Ende ging: “The Book Of Love” in der Version von Peter Gabriel. Ich brauchte 36 Stunden, bis es die meist gehörte Nummer in meinem iTunes und last.fm war. Meine beste Freundin empfahl mir The Pains Of Being Pure At Heart, die zwar auch sehr gut waren, es aber nicht ansatzweise auf so viele Plays eines einzelnen Titels schafften.

Thees Uhlmann und Simon den Hartog spielten ein gemeinsames Akustik-Konzert in Essen, bei dem sie unter anderem Travis, Glasvegas und The Killers coverten und auf offener Bühne Witze über mich rissen. Die anschließende Party entwickelte sich rasch zu einer der besten Nächte des Jahres.

Um eine alte Familientradition wiederzubeleben, fuhren unsere Eltern mit uns drei Kindern nach Domburg an die Nordsee. Meine Geschwister hatten vorab genaue Pläne aufgestellt, was wir alles tun müssten — statt zwei Wochen wie früher hatten wir diesmal nämlich nur drei Tage Zeit. Und wir haben alles geschafft: Krabbenbrötchen esse, im Meer schwimmen gehen, Radtour, Fritten essen, Kaffee trinken im Strandcafé, Ausflüge nach Middelburg, Vlissingen und Veere, chic Essen gehen, Minigolf spielen … Eigentlich hätte man nach diesem Urlaub erstmal Urlaub gebraucht, aber es war einfach nur wundervoll. Ich stand sogar am Strand und hörte die gleichen Songs, die ich dort vor acht, neun Jahren gehört hatte. Ich war der glücklichste Mensch der Welt.

Vor meinem Kurzurlaub hatte ich meinen Twitter-Account abgeschaltet und ich verspürte nicht das geringste Bedürfnis, ihn wieder einzuschalten. Er fraß zu viel Zeit und ich wollte gar nicht wissen, was irgendein Hinterbänkler in Berlin wieder für einen Unsinn in ein Mikrofon gesagt hatte. Sein Gerede würde keine anderen Folgen haben, außer dass ich mich darüber aufregte. In Holland hatte ich nicht einmal meine E-Mails abgerufen. “Vielleicht”, dachte ich völlig unaufklärerisch, “ist ignorance doch bliss.”

In Köln sah ich die Pet Shop Boys live: Ein unglaubliches Pop-Spektakel, für das sich die 50 Euro Eintritt durchaus gelohnt haben. Als ich zwei Tage später abends noch am Computer saß, kam per ICQ die Nachricht, dass Michael Jackson gestorben sei. Nach einigem Hin und Her auf Nachrichtenwebsites und amerikanischen Fernsehsendern bestätigte sich die Meldung. Ich schaltete das Radio ein, aber auf WDR 2 lief die ARD-Popnacht durch, als sei sie schon vor Monaten aufgezeichnet worden. Bei Eins Live moderierte gerade Jan Delay seine Hip-Hop-Show, die er sichtlich bewegt abbrach, um nur noch Michael-Jackson-Songs zu spielen. Die weltweite Anteilnahme war erstaunlich. Beim Abiball meines Bruders zwei Tage später füllte sich die Tanzfläche sofort, als die ersten zwei Takte von “Beat It” erklangen — nur eine Woche zuvor wäre der Song allenfalls von Hardcore-Jackson-Fans gefeiert worden, jetzt war er eine einzige Gedenk-Demonstration. Ich kaufte mir sogar endlich mal “Thriller” auf CD, hörte in diesen Tagen dann aber doch hauptsächlich “Far” von Regina Spektor.

In Essen fand das Fest van Cleef statt, es spielten Gisbert zu Knyphausen, Muff Potter, Kilians, die fantastischen WHY?, Tomte und Element Of Crime. Nachdem ich mir genug Mut angetrunken hatte, traute ich mich am Ende des Abends endlich, Sven Regener anzusprechen. Nachdem ich einige Interviews mit ihm gelesen hatte, hatte ich einen Heidenrespekt und etwas Angst vor dem Mann, aber er stellte sich als sehr sympathisch und unkompliziert heraus.

Die neue Single der Eels, “That Look You Give That Guy”, kam für mich einigermaßen zur Unzeit, war aber dennoch so gut, dass ich mir zum ersten Mal ein Eels-Album kaufte. Nach vielen Jahren nahm ich mir auch endlich mal meine Ausgabe von Jack Kerouacs “On The Road” vor und war schwer angetan von der Romantik des Unterwegsseins. Weil mein Leben aber kein Roman ist, fing ich doch mal an, nach Wohnungen zu suchen. Ich fand meine absolute Traumwohnung (Altbau, Holzielen, kleiner Erker, …), die natürlich sofort weg war. Aber gut: Wer würde schon in Bochum-Hamme wohnen wollen?

Zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich alleine zum Haldern Pop, wo ich neben dem Auftritt von Bon Iver in der Nachmittagssonne den meisten Spaß bei Fettes Brot und Colin Munroe hatte. In Köln fand mal wieder ein Umsonst-und-Draußen-Festivals statt: Aus Anlass der Computerspielemesse GamesCom spielten Bands wie Rival Schools und Tomte auf dem Kölner Rudolfplatz. Der Soundtrack zu meinem Sommer, ach: meinem Jahr, kam allerdings von The Hold Steady, von denen ich mir inzwischen alle Alben gekauft hatte, und Jack’s Mannequin, deren neues Album „The Glass Passenger“ zu einem treuen Begleiter wurde. Ich hatte neue Leute kennengelernt, neue Freunde ge- und alte wiedergefunden und war jetzt regelmäßig unterwegs. Egal ob mitten in der Nacht oder am nächsten Morgen in irgendwelchen Nahverkehrzügen: Diese beiden Bands waren immer dabei. Selten zuvor hatten Texte – allen voran die von “Boys And Girls In America” von The Hold Steady – besser auf mein Leben gepasst.17

Ich war bei einer Fernsehaufzeichnung zugegen, bei der ich dem SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier die Frage stellte, ob er manchmal noch von Murat Kurnaz träumte. Obwohl es eine quälend langweilige Sendung war, haben das offensichtlich einige Menschen gesehen und erst kürzlich gab mir noch mal jemand die Schuld am späteren Wahlsieg von CDU/CSU und FDP. Noel Gallagher stieg bei Oasis aus und es war mir im Grunde genommen egal.18

Die letzten Sommerwochenenden wurden gebührend gefeiert, zwischen Köln, Dinslaken, Hamburg und Duisburg. Alles war schön und nichts tat weh. In Hamburg interviewte ich James Walsh von Starsailor, der sehr nett, aber auch sehr müde wirkte. Als Vorband beim anschließenden Konzert spielten Oh, Napoleon, deren Debüt-EP mich ein paar Monate später hellauf begeisterte. Eine Woche später sah ich Starsailor in Köln erneut live und feierte anschließend mit einer Handvoll lieber Menschen in meinen Geburtstag hinein. Ich stellte fest: Wenn die Leute stimmen – und man sich in Ehrenfeld bewegt – ist auch Köln gar nicht schlimm. Und Mika fasste das alles wunderbar in einer Aussage zusammen: “We Are Golden”.

Im jugendlichen Überschwang bestellte ich mir das Boxset mit den remasterten Alben von The Beatles und verbrachte einige Tage damit, das Gesamtwerk der mutmaßlich besten Band aller Zeiten durchzuhören. Das kollidierte etwas mit “Immer da wo Du bist bin ich nie”, dem phantastischen neuen Album von Element Of Crime, das auch gebührend gewürdigt werden wollte, und den wunderschönen Folk-Alben von The Low Anthem und Kings Of Convenience.

Nachdem ich lange mit mir gerungen hatte, ob ich in Bochum bleiben oder eine neue Stadt aufsuchen sollte, entschied ich mich – mehr oder weniger aus Faulheit – für Bochum. Ich hatte eine recht okay aussehende Wohnung in einer der urbansten Gegenden der Stadt gefunden. “Forget And Not Slow Down” von Relient K sorgte bei mir mal wieder dafür, dass ich ein Album immer und immer wieder hören musste — und es dann nach zwei Wochen kaum noch auflegte.

In Dinslaken besuchte ich das Konzert von Jacqui Naylor, in Düsseldorf das von John K. Samson. Im Kino liefen die zwei sehr charmanten Liebeskomödien19 “Away We Go” und “(500) Days Of Summer”. Annie und Robbie Williams veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag und sorgten für eine leicht Pop-Überdosis.20 Jay Farrar & Ben Gibbard hatten “Big Sur” von Jack Kerouac vertont und damit ein wundervolles Album voller Fern- und Heimweh geschaffen.

Stefan Niggemeier bekam in Stuttgart den Hans Bausch Mediapreis verliehen, was mit der ersten okayen Preisverleihung einherging, der ich jemals beigewohnt hatte, und anschließend noch zu einem richtig netten Abend wurde. Auf dem Rückweg nach Bochum verabschiedete sich mein iPod, der schon längst nicht mehr derselbe war, den ich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte, in die ewigen Jagdgründe. Seitdem liegt er bei Apple und ich warte darauf, dass ich vielleicht doch noch irgendwann einen neuen bekomme.

Nachdem mich mein kleiner Bruder sachte in das Gebiet des Hip-Hop eingeführt hatte, hörte ich Jay-Z, k-os und – vor allem – Kid Cudi rauf und runter. Während mich die Rockmusik im Jahr 2009 überwiegend kalt gelassen hatte, entdeckte ich bei Hip-Hop, Folk und Elektropop immer wieder etwas Neues, Spannendes.

Die Kilians bekamen mal wieder nicht die “Eins Live Krone”, aber dass sie eine sensationelle Liveband sind, weiß man auch ohne Auszeichnung. Muff Potter, deren neuestes Album mich nicht sonderlich berührt hatte, gingen auf große Abschiedstour und ihr Konzert in Düsseldorf war eine Wucht. Im Gegensatz zu ihrem müden Auftritt beim Fest van Cleef gaben die vier Münsteraner noch einmal richtig Gas und verschafften sich so einen mehr als würdigen Abgang. In Dortmund sah ich Virginia Jetzt! live und obwohl ich eigentlich nur wegen der Vorband Oh, Napoleon gekommen war, war ich auch von der Hauptband schwer angetan. Leider kam die Spielfreude, die die Band live verbreitete, auf ihrem neuen Album kaum rüber. Auf dem Rückweg von Dortmund nach Bochum musste ich am Samstagabend um kurz vor Mitternacht 50 Minuten auf den Zug warten — plötzlich war ich mir sicher, dass das Ruhrgebiet der falsche Ort zum Leben war.

Mitte Dezember war ich noch einmal in Berlin und der Schnee, der überall lag, und eine Häufung von Zufällen sorgten dafür, dass ich innerhalb von 24 Stunden von “ich würde niemals nach Berlin ziehen” auf “ich könnte mir sehr gut vorstellen, in den nächsten Jahren nach Berlin zu ziehen” umschwenkte. Ich beschloss, keine Stadt mehr kategorisch auszuschließen21 und meine neue Wohnung eher als Zwischenlösung denn als Altersruhesitz zu betrachten. Gemütlich werden soll sie natürlich trotzdem.

Kurz vor Weihnachten sah ich im Kino den tollsten Film, den ich je gesehen habe: “Wo die wilden Kerle wohnen”. Die Weihnachtstage mit diversen Familienfeiern verliefen wunderbar ruhig und überraschend friedlich und jetzt – Achtung: Perspektivwechsel! – sitze ich hier und tippe die letzten Zeilen über ein Jahr, das noch gar nicht ganz zu Ende ist, aber das definitiv zu den Besten meines Lebens gehört. Ich habe viel Zeit mit großartigen Menschen verbracht, mit neuen und alten Freunden.

Es hat großen Spaß gemacht, auf die letzten zehn Jahre zurückzublicken, und wenn ich ein bisschen nach vorne schaue, bin ich mir sicher, dass es spannend und ereignisreich weitergehen wird. So eine Renovierung und ein Umzug wollen ja auch erst mal gemeistert werden und überhaupt gilt, was Dirk von Lowtzow auf dem Soundtrack zu “Absolute Giganten” sang:22 “Man muss immer weiter durchbrechen”.

Fehlt noch was? Ach ja: Der Song des Jahres 2009. Weil es so ein sensationell guter Popsong ist, weil mich Album und Band durch das ganze Jahr begleitet haben, und weil die Zeile “There’s chaos everytime we meet” auch noch eine wunderbare persönliche Bedeutung hat: Pet Shop Boys – Pandemonium

  1. Wer auf coffeeandtv.de alle 42 Stellen findet, an denen die Unfähigkeit Bochumer Studenten zum U-Bahn-Fahren thematisiert wird, der darf sich aufmerksam nennen. []
  2. 17 Centimeter Schneehöhe! Hunde, die bis zur Schnauze in der weißen Pracht versanken! []
  3. Davor, dass die Kinder mich zusammenschlagen. Man hört ja immer wieder … []
  4. An dieser Stelle sei allerdings noch einmal erwähnt, dass der Song nicht explizit von Dinslaken handelt – sonst würden ja auch die Grabenkämpfe zwischen Eppinghoven und Hiesfeld thematisiert -, sondern vom Gefühl einer Heimat an sich. []
  5. Für Komplettisten: Die anderen sind “Will The Violins Be Playing?” von Last Days Of April, “Du erkennst mich nicht wieder” von Wir Sind Helden und “The Ice Is Getting Thinner” von Death Cab For Cutie. Der klügste ever ist übrigens “Smoke” von Ben Folds Five. []
  6. Meine Box mit der ersten Staffel “Dawson’s Creek” war nach zwei Folgen irgendwo im Regal gelandet. []
  7. Oder irgendwie so. []
  8. Die kurz darauf auch ein Spitzenalbum veröffentlichten. []
  9. Intime Szenekenner streichen sich diesen Tag rot im Kalender an. []
  10. Eine sehr interessante Erfahrung für das eigene Ego, wenn man jahrelang dachte, bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, und sich das dann als Irrtum herausstellt. []
  11. Schätzung von mir. Wird aber ehrfahrungsgemäß wahr, wenn man es oft genug wiederholt. []
  12. Wenn die Menschheit also eines aus diesem Tag lernen kann, dann, dass Dinslakener unendlich schlecht im Datieren von Menschen sind. Was wiederum einiges über das Aussehen der anderen Dinslakener aussagen muss. []
  13. Das nächste Radiointerview mit MDR Sputnik über mein Obama-Blog war dann allerdings wieder ein Desaster. []
  14. Gott allein weiß, was mich dafür qualifizieren sollte. []
  15. Aus der Reihe: “Formulierungen, die exakt nichts aussagen und die man trotzdem immer schon mal verwenden wollte”. []
  16. Also: Nicht die letzte, sondern die “letzte”, wie man rückblickend sagen muss. []
  17. Bevor jemand die Texte zu aufmerksam nachliest: Pillen habe ich keine geschmissen. []
  18. Ich war nur froh, dass ich nicht zu Rock am See gefahren war, wo die Band dann kurzfristig durch Deep Purple ersetzt wurde. []
  19. Im weiteren Sinne. []
  20. Wobei ich immer noch rätsel, welches 80er-Jahre-Elektropop-Album besser ist: Das von Annie oder das von La Roux. []
  21. Ausnahmen: Koblenz, Dinslaken, Leverkusen und das gesamte Ruhrgebiet. []
  22. Dieser Soundtrack war – und wenn das keine phantastische Klammer ist, dann weiß ich‘s auch nicht – die erste CD, die ich mir im Januar 2000 gekauft habe. []

Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me | Kommentare (14)

Feieralarm

Von Lukas am Donnerstag, 24. Dezember 2009 2:00

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass es mein erstes Weihnachtsfest in einem (zumindest gefühlten) Vollzeitjob ist, oder daran, dass ich parallel einen Umzug vorzubereiten versuche. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass Weihnachten dieses Jahr wirklich erstaunlich plötzlich gekommen ist.

Weihnachtsdeko für die neue Wohnung.

Aber wo’s schon einmal da ist, müssen wir natürlich alle versuchen, das Beste draus zu machen. Ich wünsche Ihnen also (auch im Namen der anderen Autoren hier) ein frohes und stressfreies Weihnachtsfest.

Falls Sie an den Feiertagen noch ein bisschen Zeit haben, gehen Sie doch einfach ins Kino und sehen sich den – meines Erachtens – wundervollsten Film an, der jemals gedreht wurde: “Wo die Wilden Kerle wohnen”. Sie müssen nicht mal irgendein Alibi-Kind mitnehmen.

Musik fürs Fest sollen Sie auch noch haben — aber weil das Fest selbst für mich wie gesagt sehr überraschend kam, bin ich auf Weihnachtslieder nicht vorbereitet. Nehmen Sie stattdessen einfach mein peinliches Lieblingslied des Jahres 2009, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob mir das eigentlich peinlich sein muss:

Kategorie: Somebody Told Me | Kommentare (5)

Vom Apfel und der Schlange

Von Lukas am Mittwoch, 23. Dezember 2009 12:11

Die Firma Apple war mir lange Zeit sympathisch, ein bisschen so wie der Volvo unter den Computerfirmen.

Im Sommer des letzten Jahres kaufte ich mir ein MacBook — weil ich mit Windows immer unzufrieden und bei vorherigen Arbeiten an Macs einigermaßen begeistert von der Übersichtlichkeit und Funktionsweise dieser Computer gewesen war. Dass Apple längst eine Lifestyle-Firma war – und in dieser Funktion langsam aber sicher vom Gucci der Computerwelt zum Ed Hardy wurde -, war mir ziemlich egal: Ich wollte einen Computer, der ordentlich arbeitet, und das tat das MacBook.

Als ich mir einen MP3-Player kaufen wollte, war klar, dass es ein iPod werden würde. Meine Apple-Beraterin riet mir zum Modell “touch”, weil man damit auch via W-Lan ins Internet könne und überhaupt ganz viele tolle Programme darauf liefen.

Letztes Jahr zu Weihnachten schenkte ich mir zwei Drittel des iPods selbst, den Rest schenkten meine Eltern. Nach einem halben Tag mit dem Gerät wollte ich ein iPhone haben, so begeistert war ich von dem Teil. Es wurde mir ein treuer Begleiter, spielte immer brav die Musik, die ich gerade hören wollte, und verkürzte mir mit Sudokus, Fußballsimulationen und anderen Spielen so manche Bahnfahrt.

Im September drehte mein iPod selbständig seine Lautstärke auf Null. Er gab keine (hörbaren) Geräusche mehr von sich, was bei einem Gerät, das primär als Musikabspieler gekauft wurde, wenig hilfreich ist. Ich ging zu einem Bochumer Apple-Händer und reklamierte das Teil. Nach einer Woche kriegte ich es zurück: Es sei kein Fehler gefunden worden. Dafür bekam ich neue Kopfhörer, denn die halten bei Apple in der Regel so lange wie ein Fahrradschlauch auf Dinslakener Radwegen (Anm.: Also nicht sehr lange.)

Drei Wochen später tauchte derselbe Fehler wieder auf, ich brachte den iPod wieder in den Laden und konnte eine Woche später ein neues Exemplar abholen.

Keine drei Wochen später ging der neue iPod aus. “Haben Sie versucht, ihn wiederherzustellen?”, fragte der Mitarbeiter des Apple-Händlers am Telefon. Ich versuchte es, wobei der iPod derart abstürzte, dass er danach nicht einmal mehr von meinem MacBook erkannt wurde. Ich brachte ihn wieder vorbei.

Seit fast fünf Wochen ist mein iPod nun in Reparatur. Zufälligerweise fiel das Ende der einjährigen Garantiephase genau in diese Zeit. Angeblich dauert es so lange, weil mein neuer iPod (hoffentlich aus einer anderen Produktionscharge) noch graviert werden muss.

Ich bin also im Moment nur so mittelgut auf die Firma Apple zu sprechen. Vielleicht der richtige Zeitpunkt, um festzustellen, dass sich der iTunes Store in diesem Jahr für seine Aktion “12 Tage Geschenke” einen ganz besonderen Kooperationspartner ausgesucht hat: Bild.de.

Interessanterweise findet sich bei Apple selbst kein Hinweis auf Bild.de — im Gegenzug versucht “Bild” allerdings auch den Eindruck zu erwecken, als verschenke die Zeitung selbst ganz alleine jeden Tag einen Download an ihre Leser.

Kategorie: Digital Ist Besser | Kommentare (18)

A Decade Under The Influence: 2008

Von Lukas am Montag, 21. Dezember 2009 10:08

Dieser Eintrag ist Teil 9 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Ich begann das Jahr mit der Auswertung der Leserwahl unseres Blogs und war froh, dass mich mein früherer Mathelehrer bei dieser Arbeit nicht beobachten konnte. Weil Roland Koch das Thema Jugendgewalt zum Wahlkampfthema erkoren hatte, überschlugen sich die Medien in ihrer Berichterstattung. Für BILDblog interviewte ich deshalb den Kriminologen Christian Pfeiffer und war damit vermutlich der letzte Medienvertreter, mit dem er in diesen Tagen noch nicht gesprochen hatte..

Bei ProSieben ging Stefan Raabs Castingshow mit dem unmerkbaren Namen zu Ende: Zweiter wurde Gregor Meyle, Siegerin Stefanie Heinzmann, die zwar sympathisch war und eine tolle Stimmt hatte, deren Songs aber leider im Wesentlichen egal waren. Slut veröffentlichten mit “StillNo1″ ein Album, das es in Sachen Komplexität mit “Lookbook” aufnehmen konnte, Nada Surf machten mit “Lucky” da weiter, wo sie auf “The Weight Is A Gift” aufgehört hatten. Ich hörte allerdings hauptsächlich zwei Folk-Alben aus den Vorjahren, die ich gerade für mich entdeckt hatte: “Funnel Cloud” von Hem und “Ongiara” von den Great Lake Swimmers. Auf letztere war ich über “All Songs Considered” gestoßen, den Musik-Podcast von NPR, den ich jetzt jede Woche hörte.

Goldfrapp hatten ein neues Album veröffentlicht, das mich völlig in seinen Bann zog. Immer und immer wieder hörte ich mir “A&E” an, die hypnotische Single über Überdosierung berauschender Substanzen. Das neue Album von Danko Jones, das ich gleichzeitig erstanden hatte, konnte mich dagegen nicht so richtig kicken.

Bei einem Konzert in Oberhausen spielten die Kilians neue Songs, die damals noch Arbeitstitel wie “Ficken”, “Bumsen” und “Tackern” hatten.1 Ein paar Wochen später wurde ich als “Überraschungsgast” in ein Radiointerview mit den Jungs auf YouFM geschaltet. Die Nummer war ein Desaster auf ganzer Linie2 und ich nehme stark an, dass die Aufzeichnung nie gesendet wurde. Zumindest hätte ich so etwas zu Campusradio-Zeiten nie on air gelassen. Zum ersten Mal nach mehr als sechs Jahren sah ich die Stereophonics live und war hin und her gerissen: Irgendwie war es schön, die alten Hits noch einmal im Konzert zu erleben, andererseits zerfielen die Songs der Band teilweise unter den Händen. Die Nummern, die rockten, rockten dafür auf den Punkt.

In Essen fand ein BarCamp statt, ein Treffen für Leute, die was mit dem Internet zu tun haben. Es waren einige sehr nette Leute (und einige sehr seltsame), aber insgesamt kam ich mit dem offenen Konzept und dem betont lockeren Umgang nicht zurecht. Ähnlich ging es mir ein paar Wochen später bei der re:publica in Berlin: Einige sehr nette Momente, aber insgesamt zu viel Tamtam und zu viele Wichtigtuer. Trotzdem dachte ich eine zeitlang, ich müsste diesen Mediencircus mitmachen und bei solchen Veranstaltungen dabei sein. Aus Berlin nahm ich dann aber vor allem eine CD mit, die ich mir dort gekauft hatte: “Falling Off The Lavender Bridge” von Lightspeed Champion.

Fettes Brot brachten “Strom und Drang” raus, dessen Opener “Lieber Verbrennen als Erfrieren” bei mir aus dem Stand heraus zu einem der Songs des Jahres wurde. R.E.M. schalteten mal wieder ein paar Gänge hoch und klangen auf “Accelerate” so jung und schwungvoll wie lange nicht mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich ganz alleine in einer Kinovorstellung. “Juno” war eindeutig der Film des Jahres3 und ich wollte Ellen Page sofort heiraten. Bis wir uns irgendwann mal treffen, hörte ich als Ersatz erst mal den Soundtrack rauf und runter, der sich mit einem der übersehensten Alben des Jahres abwechselte: “Battle” von Sir Simon Battle.

In Köln besuchte ich ein Medienjournalismus-Seminar des Adolf-Grimme-Instituts. Vor einer kleinen Gruppe Seminarteilnehmer berichteten Medienprofis von ihrer Arbeit, was mal hochinteressant, mal deprimierend langweilig klang. Die Abende verbrachten wir gesellig in den örtlichen Kneipen und taten uns an dem gütlich, was man in Köln anstelle von Bier ausschenkt. Bemerkenswert war auch die schon an Unterwürfigkeit grenzende Verehrung, mit der hochrangige Mitarbeiter des Deutschlandfunks, in dessen Räumlichkeiten das Seminar stattfand, dem Enthüllungsjournalisten Hans Leyendecker begegneten. “Aha”, dachte ich, “Fandom gibt es also nicht nur in der Popkultur und im Fußball …”

Sonst passierte in meinem Leben nicht viel: Ich schrieb die verschiedenen Blogs voll, ging hin und wieder noch zur Uni, um Veranstaltungen zu besuchen, die mich interessierten, und kaufte wie ein Wahnsinniger CDs. Zum Beispiel “Sylt”, das dritte Album von kettcar, bei dem ich mir bis heute nicht ganz sicher bin, was ich davon halten soll. Musikalisch sicher sehr gut, aber textlich ließ mich vieles kalt — wenn es mich allerdings packte, so wie bei “Würde”, dann richtig.

Ich kaufte mir eine Strandmatte, mit der ich mich auf die Wiese neben dem Wohnheim zu legen gedachte. Ich verbrachte ja viel zu viel Zeit in meinem Zimmer und vor dem Computer, da musste ich dringend mal raus. 2008 habe ich diese Strandmatte genau einmal ausgerollt, 2009 immerhin zwei Mal. Hätte ich mehr Zeit in der Sonne verbracht, hätte ich wahrscheinlich noch mehr Jason Mraz gehört, denn dessen neues Album klang so wunderschön entspannt wie vier Wochen Sommerferien.

Mit Stefan Niggemeier machte ich mich wieder an die Besprechung sämtlicher Grand-Prix-Beiträge, die wieder zum größten Teil nicht sehr gut waren.4 Innerhalb weniger Wochen produzierte ich einige Videos für Youtube, darunter ein Interview mit dem schon erwähnten Gregor Meyle, dessen Debütalbum ganz erstaunlich geworden war, eine Norbert-Körzdörfer-Parodie fürs BILDblog und einen Film über Biber.

Borussia Mönchengladbach war der ungefährdete und sofortige Wiederaufstieg in die erste Liga gelungen, und weil der MSV Duisburg ebenso konsequent in die zweite Liga zurückkehrte, war am Niederrhein (und vor allem für mich) die Ordnung wiederhergestellt. Aus einer Mischung aus persönlichem Interesse, journalistischem Eifer und wissenschaftlichem Tatendrang begann ich in der Uni-Bibliothek mit Recherchen zu einem Projekt, dessen Notizen seitdem unberührt unter meinem Schreibtisch verstauben.5 In unserer WG wurde mal wieder ein Zimmer frei und ich begann mit meinem verbliebenen Mitbewohner ein munteres Casting. Der Bewerber, für den wir uns recht schnell entschieden hatten, meldete sich daraufhin nicht mehr und auch sonst blieben die Interessenten mitten im Semester aus.

Death Cab For Cutie klangen auf „Narrow Stairs“ ein ganzes Stück komplexer als drei Jahre zuvor auf “Plans”. Als ich zum ersten Mal “The Ice Is Getting Thinner” hörte, bekam ich eine Gänsehaut: So nah an meinem Leben war seit längerem kein Song mehr gewesen. Auch Coldplay hatten ein Album aufgenommen, das eigentlich viel zu komplex klang, um ein kommerzieller Großerfolg zu werden. Aber “Viva La Vida” wurde für die Band ein Triumphzug sonder gleichen und auch mir gefiel zum ersten Mal seit dem Debüt ein Coldplay-Album rundherum. Und dass der Titelsong zum Größten gehört, was in dieser Dekade so an Pop erschienen ist, daran kann es keinen Zweifel geben.

In Österreich und der Schweiz begann die Fußball-EM, für die ich mir sogar eine Schweden-Fahne gekauft hatte, die von meinem Balkon herunterwehte. Ich konnte sie nach drei Spielen wieder einpacken. In Köln wurde der Grimme Online Award verliehen, was sich als nette, aber spannungsarme Veranstaltung herausstellte.6 Dafür kam ich in den Genuss, von dem Comedian Hennes Bender nach hause gefahren zu werden, was eine sehr sympathische und unterhaltsame Erfahrung war.

Ein Mal noch schrieb ich einen Bewerbungstext für eine Journalistenschule, war dabei aber nicht sehr engagiert bei der Sache — ich hatte in den letzten Monaten einfach zu viele Journalisten live erlebt, als dass ich selber gerne noch einer geworden wäre. Dabei hatte ich mir gerade so einen stylischen Laptop bestellt, mit dem ich in den Szenecafés dieser Welt hätte sitzen können, wenn ich denn gewollt hätte. Nach drei Tagen des Wartens auf den Paketdienst kam dieser Computer sogar irgendwann an und begeisterte mich – das muss ich schon zugeben – auf Anhieb. Deutschland verlor das EM-Finale gegen Spanien.

Ben Folds war mal wieder in Deutschland — und er spielte nicht irgendwo, sondern in Bochum. Nachdem SonyBMG in München das angefragte Interview abgesagt und SonyBMG in New York es wieder zugesagt hatte, 7 traf ich Folds in der Lobby des Hotels am Ruhrstadion. Zwar hatte meine Verehrung für den Mann und seine Musik in den letzten Jahren ein wenig nachgelassen, aber er war natürlich immer noch ein Held meiner Adoleszenz. Entsprechend war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit vor einem Interview aufgeregt. Nachher war ich eher enttäuscht von meinen Fragen, die mir in dem Moment, da ich sie ausgesprochen hatte, allesamt doof erschienen. Das Konzert war dennoch wieder ein Fest.

The Ting Tings und MGMT liefen sicher in jeder Indiedisco rauf und runter, aber ich ging nie in eine. Die Musik gefiel mir auch zuhause. Dort konnte ich auch ganz entspannt She & Him und die neue Platte von Sigur Rós hören — die erste der Band, die ich nicht nur theoretisch gut fand, sondern auch ganz praktisch immer wieder hörte. Ich entdeckte – besser spät als nie – The Hold Steady, deren “Stay Positive” mir sehr, sehr gut gefiel, mich aber persönlich noch nicht so ganz packen konnte. Das würde noch einige Monate dauern.

Weil meine Geschwister keine Lust gehabt hatten, nahmen meine Eltern mich auf einen dreitägigen Amsterdam-Besuch mit. Ich konnte mich die ganze Zeit nicht entscheiden, ob ich die Stadt großartig oder schrecklich finden sollte — die Grachten waren toll, keine Frage, aber die vielen Fahrradfahrer machten mir Angst. Außerdem hinterließ es mich ziemlich unbefriedigt, dass ich riesige, tolle Plattenläden durchstöbert und eine einzige CD8 gekauft hatte.

Das Haldern Pop begann für mich mit einer Band, deren sensationelles Debütalbum gerade erschienen war: Fleet Foxes spielten im Spiegelzelt und obwohl sie hinterher auf anderen Festivals berichteten, wie schrecklich ihr Auftritt dort gewesen war, war ich schwer beeindruckt. Passend zum 25. Geburtstag des Festivals begingen die Flaming Lips einen Kindergeburtstag, wie ich ihn noch nie bei einem Konzert erlebt hatte. Im Zelt spielten Fettes Brot einen Überraschungsgig, den ich nur von Draußen verfolgen konnte. Am Samstag spielten die Kilians als erste Band auf dem Platz (der laut Veranstalter noch nie so früh so voll gewesen war) und hatten dabei wieder einmal das Wetter auf ihrer Seite: Vorher Regen, hinterher Regen, währenddessen strahlender Sonnenschein. Es haben bestimmt noch andere gute Bands gespielt, in Erinnerung blieb mir dann aber nur noch der würdige Abschluss mit Maxïmo Park.

In Peking fanden die Olympischen Sommerspiele statt, von denen ich als fanatischer TV-Sport-Junkie natürlich so wenig wie möglich verpassen durfte. Moralische Bedenken sind mir in diesem Fall leider fremd, ich hatte ja auch schon die gesamte Tour de France geguckt, immer in dem Wissen, dass ich dort die ganze Zeit verarscht werden könnte.

Darren Jessee war so freundlich, mir das neue Album von Hotel Lights zu schicken. Darauf enthalten war auch endlich der Song, den ich liebte, seit ich ihn acht Jahre zuvor – damals noch in der Live-Version von Ben Folds Five – gehört hatte: “Amelia Bright”. Ben Folds Five wiederum kündigten eine einmalige Reunion-Show in ihrer Heimatstadt Chapel Hill an: Für MySpace würden sie “The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner” von vorne bis hinten durchspielen. Meine Lieblingsband. Mein Lieblingsalbum. In den USA. Mehrere Tage überlegte ich ernsthaft, wie ich das alles organisieren und vor allem finanzieren sollte. Dann gab ich auf.

Stattdessen fuhr ich nach Berlin, um mal eine Woche Alltagsluft im BILDblog-Büro zu schnuppern. Es tat gut, nicht den ganzen Tag alleine am Schreibtisch zu hocken, sondern beim Arbeiten mal wieder Menschen um sich herum zu haben, mit denen man zum Beispiel einen Wettbewerb starten kann, wenn bei YouTube den schlimmeren Ohrwurmgaranten findet.9 Es war eine schöne Woche und ich war im weiteren Verlauf des Jahres noch einige weitere Male in Berlin, aber ich war mir auch schnell sicher, dass Berlin niemals mein Wohnort werden würde.

In Düsseldorf besuchte ich eine Messe namens OMD.10 Nachdem ich Kai Diekmann begegnet war, sah ich mich noch ein wenig auf der Messe um und merkte dort schnell, dass ich mit körperlichen Abwehrreaktionen auf die ganzen Werber, Berater und PR-Torten reagierte.11 Ich verschwand lieber, bevor ich noch auf den Fußboden kotzen konnte. Als ich wieder zuhause war, lag da das neue Ben-Folds-Album. Leider war es auch nicht so richtig toll.

Zeitgleich mit Folds erschien auch “Ode To J. Smith” von Travis. Die klangen plötzlich wieder so ruppig wie ganz zu Beginn ihrer Karriere, verzauberten mich aber am stärksten mit dem eher ruhigen “Before You Were Young”. Ich feierte meinen Geburtstag in Bochum und hatte mich erstmals ganz alleine um die Zubereitung der Speisen gekümmert. Trotzdem haben alle Gäste überlebt. Am nächsten Tag kam meine ganze Familie12 und es war auf eine sehr entrückte Art sehr festlich, all diese Menschen in meinem kleinen Studentenzimmer um mich zu haben.

Zu Beginn des Wintersemesters war das leerstehende WG-Zimmer endlich wieder besetzt. Ich ging zur Uni, um dort ein dreiteiliges Porträt über meine Uni zu drehen. Nach fünf Jahren in Bochum erkannte ich auch endlich, dass es hier eine lokale Kulturszene gab, und sah mir Konzerte von Tommy Finke und die Scudetto-Abende von Ben Redelings an. Ich ging sogar zum ersten Mal ins Ruhrstadtion — natürlich in die Gästekurve beim Auswärtsspiel der Gladbacher. Als meine Fohlen, die sich nur Tage zuvor mal wieder von einem Trainer getrennt hatten,13 mit 1:0 in Führung gingen, schrie ich mir die Kehle blutig. Das Spiel endete 2:2, nachdem Gladbach längere Zeit 1:2 hinten gelegen hatte. Ich merkte mal wieder: Stadion ist super, aber schlecht für die eigene Gesundheit.

Das neue Album von Tomte hörte ich zum ersten Mal, als ich in Dinslaken war und schlecht gelaunt durch die Landschaft stapfte. Das mit der schlechten Laune hielt sich allerdings nicht sehr lange. Da eh klar war, dass nie wieder ein Album für mich so eine große persönliche Bedeutung haben würde wie “Buchstaben über der Stadt”, ging ich ganz entspannt an “Heureka” heran. Und natürlich waren wieder jede Menge großartige Songs enthalten, fein säuberlich gruppiert um die zentrale Textstelle “Du nennst es Pathos, ich nenn’ es Leben”. Kurz darauf hörte ich erstmals die neue Single von The Killers und dachte erst: “Na, wenn sie da mal nicht vom Wendler verklagt werden …” und dann: “Geil”. Anhand von “Human” testete ich, wie oft mein Gehirn den gleichen Song hintereinander erträgt. Sehr oft.

Oasis hatten übrigens auch ein neues Album veröffentlicht. Es war nicht einmal schlecht, nur halt leider auch irgendwie überflüssig, wie fast alles, was die Band nach 1996 veröffentlicht hatte.

In den USA fand eine Präsidentschaftswahl statt. Nachdem ich mir schon für die Vorwahlen halbe Nächte um die Ohren geschlagen hatte, musste ich die Nacht der Nächte natürlich durchmachen. Barack Obama wurde zum Präsidenten gewählt und ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, Geschichte beim Stattfinden zusehen zu können.14 Auf Einladung der Grünen fuhr ich zum Bundesparteitag der Partei in Erfurt, was auch eine Erfahrung für die Box mit der Aufschrift “Erfahrungen” war. Politik und ich, das dämmerte mir schnell, das würde nie etwas geben — schon gar nicht in Form von Basisdemokratie und Diskussionen. In solchen Momenten bekomme ich immer ein schlechtes Gewissen, weil die Weltverbesserung ohne mich stattfinden muss, aber für mich waren ja schon die Diskussionen in den Bands und Redaktionen, in denen ich tätig war, oft eine Herausforderung. Mehr ginge wirklich nicht.

Nachdem ich “The Ice Is Getting Thinner” oft genug gehört hatte,15 fragte ich meine Freundin irgendwann abends beim gemeinsamen Kochen, ob wir eigentlich noch zusammen wären. So richtig nicht, stellten wir fest und beschlossen, dass es vielleicht das Beste wäre, uns einfach als “getrennt” anzusehen. Dann aßen wir das Essen, das wir vorher in den Ofen geschoben hatten. Im Radio sang Kate Nash “My finger tips are holding onto the cracks in our foundation” und ich dachte für einen winzigen Moment, dass es doch eigentlich auch mal ganz nett wäre, wenn mein Leben nicht permanent popkulturell kommentiert würde.

In der Essener Grugahalle, die ich spontan zum schlimmsten Ort ernannt hatte, an dem man Rockkonzerte ausrichten konnte — Beatles hin oder her, fand die Rocknacht des WDR-”Rockpalast” statt, die Jahre zuvor als “Osterrocknacht” irgendwann eingeschlafen war. Neben den Fleet Foxes waren es vor allem zwei Acts, die ich seit neun Jahren immer mal gemeinsam an einem Abend hatte sehen wollen: Ben Folds und Travis. Beide sah ich an jenem Abend zum fünften Mal live, aber Travis gefielen mir sehr viel besser. Nach den Konzerten hatte ich sogar endlich mal wieder einen “Almost Famous”-mäßigen Fan-Moment, als ich Travis am Bandbus abfangen und um Autogramme bitten konnte.

Das beeindruckendste Konzert des Jahres (und auch ansonsten: seit langem) erlebte ich Anfang Dezember in Köln, als ich das britische Duo Nizlopi live sah. Was diese beiden Männer da mit Akustikgitarre, Kontrabass, Human Beatbox und Stimmen auf die Bühne brachten, hatte ich in dieser Form noch nie erlebt. Bei so viel Begeisterung konnte ich sogar darüber hinwegsehen, dass die Kernzielgruppe der Band offenbar Menschen mit Wursthaaren waren.16

Im Radio hörte ich “Old White Lincoln” von The Gaslight Anthem und musste es sofort danach bei iTunes kaufen. Den “Human”-Rekord des meist gehörten Songs des Jahres konnte ich drei Wochen vor Jahresende nicht mehr aufholen und auch das Album habe ich mir leider erst im Januar 2009 gekauft (und erst noch ein bisschen später wirklich zu lieben gelernt), aber das war schon ein Riesen-Song.

Weil wir seit April nicht geprobt hatten, wurde der traditionelle Occident-Auftritt beim School’s Out in Dinslaken zum Solo-Auftritt umgewidmet, erst den letzten Song spielten wir mit der ganzen Band (und mal wieder einem Leih-Gitarristen). Zwar war es längst nicht so voll wie in den Vorjahren,17 aber uns war egal, ob da dreißig Leute standen oder dreihundert. In den einen Song legten wir alle unsere Energie und Leidenschaft und für dreieinhalb Minuten fühlte es sich an wie auf der Bühne des Wembley-Stadions.18 Dass ich hinterher meinte, dieser eine Song sei das Highlight des Jahres gewesen, spricht entweder für meine Band oder gegen das Jahr.

Mit meiner Ex-Freundin verstand ich mich nach wie vor gut. Zu Weihnachten nahm ich ihr ein Mixtape mit den wichtigsten Songs der gemeinsamen fünf Jahre auf — von “Hurricane” über “Half Light” bis zu “Foundations”. Den Abschluss bildeten Muff Potter, die auf „Die Guten“ alles gesagt hatten, was es zu sagen gab: “Es hat mit uns nicht funktioniert / Wir haben es akzeptiert und abgegeben.” Und natürlich: “Und weil ich mich nur selten irr mit Menschen, Mädchen sag ich dir: Wir beide sind die Guten.”

Vor dieser Erkenntnis hatte ein anderes Lied gestanden und es ist deshalb Song des Jahres: Death Cab For Cutie – The Ice Is Getting Thinner

  1. Aufmerksame Beobachter wissen: Einer dieser Songs sollte auch später auf dem Album noch so heißen. []
  2. Das lag allerdings nur zu 15% an uns und zu 85% am Moderator. []
  3. Ja, trotz “The Dark Knight”! []
  4. Den Schweizer Song habe ich mir allerdings anschließend als Download gekauft — er schied natürlich bereits im Halbfinale aus. []
  5. Unter Schreibtischen gelagerte Notizen tragen erfahrungsgemäß wenig zur Verbesserung von Einkommenssituation und Chancen auf den Pulitzer-Preis bei. []
  6. Ich habe einige Preisverleihungen in echt und im Fernsehen verfolgt und bin zu dem Schluss gekommen, dass es außerhalb der Oscar-Verleihung keinen Grund gibt, Preise bei wie auch immer gearteten Zeremonien wegzugeben. Selbst bei den Oscars gibt es oft genug keinen Grund dafür. []
  7. Ich telefoniere ja öfter mit den USA, aber gerade irgendwo unterwegs zu sein und dann auf dem Handy aus New York angerufen zu werden, das hat schon eine gewisse Lässigkeit. []
  8. Mylo – Destroy Rock‘n‘Roll, gebraucht für 5 Euro. []
  9. Es führt eigentlich kein Weg an “We Built This City” von Starship vorbei. []
  10. “Enola Gay” ist übrigens auch ein verdammter Ohrwurm-Garant, wenn man es sich recht überlegt. []
  11. Sind bestimmt privat alles total dufte Menschen, dürfen mich im Gegenzug gerne auch doof finden, aber: Nee. []
  12. Also: Nicht meine ganze Familie, dafür hätte ich in die Jahrhunderthalle laden müssen. Geschwister, Eltern und Großeltern halt. []
  13. Den Namen jetzt nachzuschlagen wäre bei dem Verein wirklich zu viel verlangt. []
  14. Ein Jahr später hat sich die Obama-Begeisterung in der ganzen Welt ja schon wieder weitgehend relativiert — mit Ausnahme des Friedensnobelkomitees, aber das sind alte Männer, die manchmal etwas länger brauchen. []
  15. “Then it saddens me to say / What we both knew was true / That the ice was getting thinner / Under me and you”. []
  16. Zugegeben: So ein bisschen nach Kiffermusik klingen Nizlopi auch. Egal. []
  17. Gleichzeitig stattfindende Weihnachtskonzerte einer bekannten Dinslakener Indie-Band in Köln mögen da einen gewissen Einfluss gehabt haben. []
  18. Ein Vergleich, der zum großen Teil auf Mutmaßungen basiert und nur wenig auf eigenen Erfahrungen. []

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Lokalrunde

Von Lukas am Freitag, 18. Dezember 2009 21:00

Kilians, live in Aktion

War Dinslaken vor den Kilians nur ein Fleck auf der Landkarte, haben die fünf Jungs aus der niederrheinischen Provinz das Städtchen für viele Fans zur deutschen Indie-Hauptstadt gemacht.

So etwas denke ich mir natürlich nicht aus, so etwas zitiere ich.

Oder anders formuliert, für unsere Leser über 50 70:

Heimspiel: Die Musikfachpresse, bundesweit erscheinende Tages- und Wochenzeitungen sowie die Hörer junger Radiowellen sind aus dem Häuschen. Grund sind die Kilians, derzeit Dinslakens populärste Band. Die Jungs haben beim Auftakt zu Kultur 2010 im Januar ein Heimspiel. Die jugendlichen Fans bekommen mehr Show für weniger Geld.

Aber ich fang’ mal besser von vorne an: Im nächsten Jahr, welches in weniger als zwei Wochen beginnt, wird das Ruhrgebiet ja Schauplatz des – so optimistische Schätzungen – größten kulturpolitischen Desasters seit dem Untergang des weströmischen Reichs — Wir sind “Kulturhauptstadt”!

Dass die Verkehrsinfrastruktur ein absolutes Desaster ist und die Verantwortlichen (u.a. Oliver Scheytt, Fritz Pleitgen und Dieter Gorny) schon seit Jahren den Eindruck vermitteln, als seien sie nicht nur Willens, sondern auch in der Lage, das ganze Großprojekt mit Pauken, Trompeten, wehenden Fahnen und Vollgas vor die Wand zu fahren, soll niemanden weiter stören. Im Ruhrgebiet sind wir es gewohnt, aus allem das Beste zu machen. Und wer den Niedergang der Montanindustrie überlebt, wird auch mit Dieter Gorny fertig.

Obwohl Essen es noch nicht ganz verstanden hat, ist übrigens das ganze Ruhrgebiet “Kulturhauptstadt”. In den 52 Wochen des Jahres sind 52 Städte sogenannter “Local Hero” — und mit welcher Stadt es losgeht, das erraten Sie nie!

Richtig.

Eine Woche lang gibt es Kulturevents am laufenden Band. Höhepunkt für Rockmusikinteressierte dürfte ohne Zweifel das Konzert am Freitag, 15. Januar sein:

In der Kathrin-Türks-Halle (in Dinslaken nur als “Stadthalle” bekannt) werden die Kilians, Dinslakens erfolgreichster Exportschlager außerhalb der Schlager-Branche, eines ihrer wenigen Konzerte des Jahres 2010 spielen. Als Vorbands spielen zwei weitere Bands, die gerade dabei sind, den Ruf Dinslakens als deutsches Omaha bzw. Borlänge in die Welt zu tragen: The Rumours und Cama Maya.

Hold your breath:

Entgegen der Ankündigung im Vorfeld sind Korrekturen an der Planung vorgenommen worden, die jugendliche Musikfreunde zufrieden quittieren dürften.

Und während Sie sich noch fragen, ob das Gekreische bei Konzerten dann als “Quittungston” durchgeht, bin ich schon bei den key facts:

Kilians, The Rumours & Cama Maya
15. Januar 2010, 19:30 Uhr
Stadthalle Dinslaken
Eintritt: 15 Euro
All Ages

Um das alles noch ein bisschen schöner zu machen, verlost Coffee And TV mit freundlicher Unterstützung von Liftboy 2×2 Gästelistenplätze für das Konzert.

Beantworten Sie einfach die Quizfrage:
Wie heißt der aktuelle Bürgermeister von Dinslaken?

Die Gewinner werden unter all denen gezogen, die die richtige Antwort bis zum 10. Januar 2010, 23:59:59, an gewinnegewinnegewinne@coffeeandtv.de schicken.

Die Gewinner werden am 11. Januar benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Listenpanik: Reste 2009

Von Lukas am Dienstag, 15. Dezember 2009 21:10

Das Jahr ist bald zu Ende, Markus hat seine Bestenliste schon rausgehauen, aber ich muss ja für nächste Woche erst mal das Jahr 2008 abfrühstücken, ehe ich mich doppelt und dreifach dem Rückblick auf das aktuelle Jahr widmen kann.

Vorher sollen aber schon die Alben und Songs genannt werden, die dieses Jahr für mich mitbestimmt haben, aber bisher auf keiner Listenpanik-Liste genannt sind. Dass ich immer noch jede Menge übersehen habe, dürfte klar sein. Aber wenigstens das hier ist schon mal nicht vergessen:

Alben
Kid Cudi – Man On The Moon — The End Of Day
Wie gesagt: Ich höre mich gerade erst ein in dieses Genre, das sie Hip-Hop oder Rap nennen. Ich bin also noch nicht sehr gut im Zuordnen (worauf die Zeile “I got ninety-nine problems and they all bitches” anspielt, ist mir trotzdem aufgefallen), aber wer dieses Album hört, muss sofort erkennen, dass da jemand kluges Musik macht. Beats, Samples und Instrumente werden da zu anspruchsvollen Playbacks aufgetürmt, über die der 25-jährige Scott Ramon Seguro Mescudi dann rappt wie ein Mann, der schon alles gesehen hat. Die meisten Songs sind eher laid back und düster und insgesamt ist das Album, an dem auch Bands wie MGMT und Ratatat mitgewirkt haben, weit entfernt vom Arsch-und-Titten-Hip-Hop, den man sonst im Musikfernsehen sieht, falls gerade mal Videos laufen. Ach ja: Lady Gaga wird auch noch gesampelt.

Jay-Z – The Blueprint 3
Noch mal Hip-Hop, noch mal klug und anspruchsvoll. Genauer kann ich das gar nicht beschreiben, aber es fühlt sich gut an, dieses Album zu hören. Und wer sich “Forever Young” von Alphaville vornimmt, hat bei mir quasi immer gewonnen (vgl. Die Goldenen Zitronen, Youth Group, Bushido feat. Karel Gott).

White Lies – To Lose My Life
Irgendwann bin ich nicht mehr mitgekommen mit diesen Joy-Division-Bands. Sind White Lies überhaupt eine? Jedenfalls kombinieren sie treibende Rhythmen, Gitarrengeschrammel, Keyboardflächen und leidenschaftlichen Gesang. Und obwohl mir das in vier von fünf Fällen unglaublich auf die Ketten geht, gefällt es mir hier.

Tom Liwa – Eine Liebe ausschließlich
Nach Esoterik-Projekten und einer Flowerpornoes-Reunion hat Tom Liwa mal wieder ein richtiges Soloalbum aufgenommen: nur er und eine Gitarre. Eröffnet wird “Eine Liebe ausschließlich” von einer Gänsehaut-Version von “Chasing Cars” (ja, das von Snow Patrol), hinterher gibt’s auch noch mal Dylan (“Idiot Wind”), dazwischen ganz viel Liwa. Man kann nur ahnen, was für Dramen sich abgespielt haben müssen, sollten die Texte allesamt autobiographisch sein. Es ist Liwas beste Platte seit “St. Amour” vor neun Jahren und erinnert in ihrer Reduktion und Direktheit mitunter sogar an die “American Recordings” von Johnny Cash — die mitunter gewagten Übersteuerungen inklusive.

Songs
Kid Cudi – Up Up & Away
Da lobe ich ein Hip-Hop-Album und hebe dann den einen Song hervor, in dem vor allem Gitarren zu hören sind. Aber, Entschuldigung, “Up Up & Away” ist einfach ein Hammer von einem Song. Textlich eine wunderbare Unabhängigkeitserklärung, musikalisch eine der euphoriesteigerndsten Nummern des Jahres. Und dann dieser Slogan für T-Shirts und Unterarm-Tätowierungen: “They go judge me anyway, so: whatever?”

Glasvegas – Geraldine
Glasvegas live zu sehen war eine schlechte Idee für den ersten Eindruck, denn ihr Auftritt hat mir die Band schon arg verleidet. So bedurfte es ausgerechnet einer Lagerfeuerversion von Thees Uhlmann und Simon den Hartog, damit ich erkannte, was für ein toller Song “Geraldine” ist. So ungefähr der einzige richtig tolle auf dem selbstbetitelten Debüt-Album der Schotten, aber dafür eben ein wirklich richtig toller. Als Linguist ist man erstaunt, wie viele Vokale in Zeilen wie “My name is Geraldine, I’m your social worker” offensichtlich überflüssig sind und ganz einfach weggelassen werden können.

Jay-Z – Empire State Of Mind
Er sei der neue Sinatra, rappt Jay-Z in seinem “New York”-Pendant. Und wahrscheinlich hat er damit nicht mal unrecht. Dazu Streicher, Klavier, Chöre und Alicia Keys. Einen Song dieser Größe hat die Stadt verdient (“und umgekehrt”, falls das Sinn ergibt), so wie Berlin “Schwarz zu Blau” von Peter Fox.

Tommy Finke – Halt’ alle Uhren an
Tommy Finke hat mir jetzt schon mehrfach zu erklären versucht, was das für ein Sound ist, der da das Riff spielt. Inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben, es zu verstehen, aber es ist auch egal. Ein schöner Sound, ein eingängiges Riff und ein wunderbarer Song. Das Album kommt im Januar 2010, die Single ist jetzt schon draußen und weil ich gemeinsam mit den Jungs von Get Addicted mit dem Künstler eine Wette über Chartplatzierungen laufen habe, täten Sie uns allen einen Gefallen (sich selbst natürlich sowieso), wenn Sie das Lied käuflich erwürben.

Virginia Jetzt! – Dieses Ende wird ein Anfang sein
Virginia Jetzt! hatte ich irgendwann nach dem zweiten Album aus den Augen verloren. Kürzlich war ich bei einem ihrer Konzerte (eigentlich nur, um mir Oh, Napoleon im Vorprogramm anzusehen) und ich war wirklich schwer begeistert. So sehr, dass ich mir ihr aktuelles Album gekauft habe. Was live super funktionierte, ist auf Platte mitunter arg hart an der Grenze (wobei die Idee, Stefan Zauner von der Münchener Freiheit Background-Chöre singen zu lassen, natürlich schon gigantisch ist), aber “Dieses Ende wird ein Anfang sein”, diese charmante Up-Tempo-Nummer mit Bläsern, die ist schon sehr gut geworden.

White Lies – To Lose My Life
“Let’s grow old together and die at the same time” ist eigentlich auch nichts groß anderes als das, was John Lennon 1980 in “Grow Old With Me” ausdrücken wollte — und trotzdem natürlich irre romantisch. Dazu ein treibender Refrain mit einem Keyboard, das so sensationell nervig rein dröhnt, dass man sich die Ohren zuhalten müsste — wenn das beim Tanzen nicht total beknackt aussähe. Ein schöner Song.

Lady Gaga – Paparazzi
“Ernsthaft?” Ernsthaft! Was für coole Sounds, was für ein gelungener Refrain! Außerdem dachte ich am Anfang, als ich nur die Strophe gehört habe, das sei eine neuer Song von The Knife.

[Listenpanik, die Serie]

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You should have known by now you were on my list

Von Markus am Dienstag, 15. Dezember 2009 15:12

Nachdem Lukas nun seit Wochen schon erhebliche Stücke seiner Zeit dafür aufbringt, die letzten zehn Jahre nach den musikalischen Häfen seines Lebens zu durchforsten,1 macht sich mittlerweile angesichts des mit Pferden und Streitwagen heranbrausenden Jahresendes auch bei mir der Zugzwang bemerkbar, zumindest die letzten zwölf Monate dieses überdurchschnittlich guten Plattenjahres in eine gewisse, zumindest für mich gültige Ordnung zu bringen.

Wenn ich meinen last.fm-Statistiken Glauben schenken darf, und das ist aufgrund einiger über das erste Quartal 2009 verteilten Komplettabstürze meines alten Rechners, denen regelmäßig eine eher sporadische Neuinstallation irgendwelcher Statistik-Plugins folgte, höchst fragwürdig, dann beginnt das Jahr und beginnt diese Rangliste mit bedenklich hoher Rotation des Albums “Noble Beast” von Andrew Bird, der mich schon mit der 2007 erschienenen Platte “Armchair Apocrypha” an meiner despektierlichen Haltung gegenüber Sportmusik und Muckertum hatte zweifeln lassen. Entgegen der statistischen Hinweise kann ich mich allerdings seltsamerweise kaum daran erinnern, Birds jüngstes Werk eingehend unter die Lupe genommen zu haben, im Gegenteil erinnere ich mich nur noch daran, dass im Opener “Oh No!” an einer Stelle von einem Gefängnis die Rede ist. Den Rest der Songs finde ich in der Rückschau entweder gar nicht mehr, oder ziemlich bedeutungslos. Dennoch steht der Mann hier, weil mich die relative Enttäuschung über “Noble Beast” dazu verleitet hat, “Armchair Apocrypha” wieder zu hören, wenn nicht gerade der vermaledeite Computer wieder im Abrauchen begriffen war. Daher gibt es hier jetzt also für dieses nicht 2009 erschienene Album von mir Platz 10 des Jahres 2009. Schöne Doppelstandards habe ich ja.

Auf Listenplatz 9 landet eine Scheibe, bei der ich mir zum Zeitpunkt ihres Erscheinens, also im März, noch unumstößlich sicher war, dass nichts und niemand mehr dazu in der Lage sein würde, mich davon abzubringen, es schon aus der hier semantisch überaus schief verwendeten ex-ante-Perspektive zum Album des Jahres zu erklären. “Hazards Of Love” von The Decemberists ist im positiven Sinne ein Konzeptalbum2 über so eine Art Liebesgeschichte. Allerdings werden da wohl auch Protagonisten von wilden Vögeln entführt und ins heutige Russland deportiert (ganz habe ich das noch nicht verstanden, vielleicht kommt das noch). Jedenfalls ist das ein wunderbares Album von einer ebenso wunderbaren Band, die wunderbarerweise am laufenden Band Aufnahmen veröffentlicht, ohne dass das nervt. Warum “Hazards Of Love” hier also nicht an der Pole Position steht,3 lässt sich wohl nur dadurch erklären, dass irgendwann folgende Dinge passiert sind:

Ich freundete mich mit Animal Collective an, was schon allein dadurch etwas Besonderes ist, weil ich ein paar Jahre vorher noch jedem vergiftete Blicke zugeworfen hatte, der mir deren vorletztes Album “Feels” nahelegen wollte. Für mich war diese Band und alles mit ihr Zusammenhängende ein vager Abklatsch von längst verblichenen Idolfiguren wie Circulatory System, Olivia Tremor Control und so weiter, mit dem Unterschied, dass Animal Collective es für meinen Geschmack ein wenig übertrieben mit der Psychedelität. Und nun diese Platte! “Merriweather Post Pavillion” ist einer der für mich (und vermutlich jeden anderen auch) seltenen Fälle, die sofort mit voller Wucht einschlagen und danach trotzdem immer noch besser und aber vor allen Dingen nicht langweilig werden. Dieses Album verursacht in mir ein nicht mehr wegzuleugnendes Bedürfnis zu tanzen,4 wo es möglich ist und ist auch sonst einfach ziemlich perfekt. Leider habe ich es erst sehr spät kennengelernt (lies: vor knapp eineinhalb Monaten) und kann es deshalb leider noch nicht guten Gewissens höher einstufen als auf Platz 8. Aber fragen Sie mich nächstes Jahr nochmal, wie ich retrospektiv entscheiden würde!

Ich springe chronologisch. Sie haben das vielleicht schon geahnt. Wenn ich mir also den Juni dieses Jahres so auf last.fm angucke, erschleicht mich ein Peinlichkeitsgefühl und noch dazu eine Mahnung an so etwas wie eine Pflichtschuldigkeit, nämlich dahingehend, dass es ja eigentlich nicht sein kann, dass man über vier Wochen hinweg nicht nur einen einzigen Künstler, sondern tatsächlich immer ein- und dasselbe Album des gleichen Künstlers hört, wieder und wieder. Dieses Deliktes habe ich mich schuldig gemacht, und das auch noch mit schmierigstem englischen Indierock, den man drüben beim NME in der Jahresendliste vermutlich auch irgendwo aufgeführt hat, aber fragen Sie mich nicht, ich habe keine Ahnung vom NME, die Charts dort verfolge ich quasi nicht. Ich vermute einfach, dass die da eine Great-Britain-Quote haben, die ihnen verbietet, mehr als fünfzig Prozent der jeweiligen Charts von Nicht-Briten einnehmen zu lassen, andernfalls wird wohl einfach irgendwas eingefügt, das entfernt nach Franz Ferdinand klingt. Aber ich schweife ab: Dieses schleimige, auf Hochglanz polierte und viel zu pathetische Album, das mich aus Gründen der inneren Kohärenz und der Gefühlsgewalt so umgeworfen hat, dass ich wage, ihm eine bessere Stelle als den Decemberists zukommen zu lassen, ist “Wall Of Arms” von The Maccabees. Man kann heutzutage keinen toten Fisch werfen, ohne jemanden zu treffen, der genauso klingt, ich weiß, aber dennoch: Sehr schönes Ding. Empfehlenswert ist hier insbesondere der Song “William Powers”. Platz 7 für die Maccabees und “Wall Of Arms”.

Irgendwann im September stolperte ich über eine Band namens Tap Tap, von der ich absolut gar nichts weiß, außer, dass sie dem Akzent des Sängers nach ebenfalls aus dem Vereinigten Königreich stammt und ein Album namens “On My Way” herausgebracht hatte. Es passiert mir indes nicht oft, dass mich eine Platte so überzeugt wie diese hier, ohne dass ich auch nur den geringsten Schimmer habe, wer eigentlich dahinter steckt. Vermutlich hängt das mit der Minimalmenge Fanboy-Tum zusammen, die einen dazu bringt, erstmal anhimmeln können zu wollen, ehe man entscheidet, das Produkt auch “objektiv” gut zu finden. Aber hier! So einfache, eigentlich so sehr nach Schema F komponierte Songs, dass man sofort wieder Pearl Jam hören dürfen will, und dennoch so originell und Vertrauensvorschuss heischend, dass es mir schon arg Weh tun würde, müsste ich irgendwann herausfinden, dass Tap Tap eine Band von politisch am rechten Rand sich tummelnden Sauerkrautstampfern wären, die wochentags gerne Vorschulkindern die Baseballmützen vom Kopf schießen oder sowas. Aber ich glaube auch nicht, dass es so weit kommen muss. Platz 6 over here!

Jetzt wird es ernst. Bei allem, was jetzt kommt, musste ich für die finale Reihenfolge derart grübeln, dass sich an meinen Schläfen nun tatsächliche Grübelgruben gebildet haben, aus denen man dann gerne mal kollektiv Zwiebeldip abstippen darf, sollte ich dereinst als Tisch in einem mexikanischen Restaurant angestellt sein. Es muss daher jetzt auch vergleichsweise schnell gehen, weil ich mir das mit dem Grübeln nicht so richtig abgewöhnen konnte und nun, einmal entschlossen, lieber mit geschlossenen Augen durch die Wand fahre, als mich wieder in endlosen Abwägungen wieder zu finden.

Platz 5 dieser mit niemandem abgesprochenen und überaus subjektiven Albumchartliste des vergangenen Jahres geht an eine kleine, feine Band namens Clues, die allerdings insofern hochkarätig ist, als in ihr sowohl ein ehemaliges Mitglied der Unicorns als auch ein Prä-Funeral-Mitmusiker von The Arcade Fire ihr zweifelsohne ernst gemeintes Blut-Schweiß-Tränen-Handwerk tun. Im Mai veröffentlichten sie ihr selbstbetiteltes Debut, bei dem es sich um den sprichwörtlichen Wahnsinn handelt. Der Grund, warum dieses Album fünf Plätze fallen musste und deshalb nicht auf dem ersten Platz liegt, ist ein in der Mitte des Albums verorteter Song namens “You Have My Eyes Now”, bei dem ich überhaupt keinen Zugang fand, und der meines Erachtens auch kohärenzmäßig überhaupt nicht auf dieses Album passt. Natürlich will ich nicht behaupten, dass ich die minutiös geplante Liedabfolge solch einer guten Platte besser verstehe als die betreffende Band selbst, aber in diesem Fall hat sich immer eine sehr interessante Reise in meinem Kopf aufgebaut, ehe dieser Track eine Verwirrung bei mir auslöst, die mich leider zum sofortigen Weiterskippen zwingt.

Platz 4 geht an “The Conformist” von Doveman, einem jungen Mann, der mir als Tourposaunist der fantastischen New Yorker Band The National bekannt wurde. “The Conformist” ist eine sehr ruhige und beständig traurige, aber natürlich auch aus anderen Gründen schöne Platte, die unter anderem mit Bryce und Aaron Dessner von The National aufgenommen und produziert wurde. Ab und an, zum Beispiel im Song “Angel’s Share” hört man gar Matt Berninger als zweite Stimme mitgrummeln, was für jemanden, der wie ich eine durchaus irrationale Liebe zu The National pflegt, eine vermutlich ebenso irrationale Verklärung aller Musik, in der die drin hängen, bedeutet. Aber das ist ja dann auch wieder egal, wenn das Produkt so schön klingt. Super Sache!5

Royal Bangs aus Knoxville greifen für ihr zweites Album “Let It Beep” den dritten Platz ab. Es gibt ja immer solche Scheiben, an denen alles stimmt. Die letzte dieser Art, die nicht aus 2009 stammt und an die ich mich ohne Hilfe erinnern kann, ist “Reconstruction Site” von The Weakerthans.6 Dieses Jahr gibt es für mich immerhin zwei dieser Art. Eine davon ist die eben Genannte der Royal Bangs, die ich mir einzig und allein wegen des Covers zulegte und dann zwei Wochen am Stück hören musste, wo ich ging und stand (eine Ausdrucksweise, die vom Erschaffer derselben vermutlich wohl doch eher ausschließlich für das Präsens gedacht war). Innerhalb dieser zwei Wochen gab es dann auch noch überraschend ein Konzert im Kreuzberger “Westgermany”, was natürlich kein Zufall sein konnte. Elektro-Rock ohne alles, was das Wort “Elektro-Rock” zu einem so wirkungsvollen Brechmittel machen kann. Die Herren landen aus Gründen der leider nicht verschwindend geringen “Tot-Hörbarkeit”, aber auch deshalb auf dem dritten Platz, weil ich ihnen dank oben erwähnten Konzertes einen gewissen Malus einräumen muss: Selten habe ich eine Band, die ihre Songs so gut vorträgt, so lustlos erlebt, mutmaßlich aufgrund der vielleicht zwanzig anwesenden Gäste. Das Konzert selbst war super, aber es hätte wegen der sieben Tage Regenwetter, die in den Bandgesichtern stattfanden, mit geschlossenen Augen höchstwahrscheinlich viel besser gefallen. Nur mäßig entschuldbares Verhalten, leider.

Platz zwei erhält eindeutig “Eskimo Snow” von WHY?. Ein fantastisches Album aus Folksongs von Hiphop-Musikern, die schon mit ihrer letzten Veröffentlichung “Alopecia” etwas herausgebracht hatten, was nirgends einzuordnen war und dennoch – nicht: “gerade deshalb”7 – eingängig und nachhaltig erheiternd. “Eskimo Snow” ist nun etwas ganz anderes als alle Vorgängeralben, vielleicht dadurch auch gewöhnungsbedürftig, aber ich bitte Sie: Hören Sie es durch. Vielleicht viermal, vielleicht hundertmal. Sie werden es lieben, allein für Texte wie “And when a thing starts finishing around me, I faint or fake a moustache, an accent, or flee, in fear my expired license be pulled by sheer proximity”, aber wahrscheinlich auch für das ganze Drumherum.8

So nun, zu Platz 1. Ich mache es kurz und schmerzlos: “Veckatimest” von Grizzly Bear. Nein, ich möchte gar nicht hypen. Unter allen Umständen will ich das vermeiden. Man sollte vielleicht denken, dass es nach allen Lobhudeleien auf diese Platte langsam einmal genug wäre, aber: Nein, ist es nicht. Dies ist eines der beiden Alben, bei denen in diesem Jahr für mich schon beim ersten Hören der Musik und Sehen des Artworks nichts auch nur vage unangenehm aufstößt, sondern mit jedem Blick und Hinhören, so flüchtig beides auch sein mag, nur wächst und wächst. Das hier ist aber schon deshalb weit großartiger, weil es mindestens zehnfaches Anhören der gesamten CD braucht, um es überhaupt auch nur in Teilen so weit verstanden zu haben, dass man es ohne Vorurteile gegenüber einer Pseudo-Prog-Rock-Haltung, die Grizzly Bear von anderen schon nachgesagt worden ist, gut finden kann. Hat man sich allerdings darauf eingelassen, ist es meiner Ansicht nach völlig unmöglich, das Gefallen an diesem Album zu verlieren, im Gegenteil ist man bis auf Weiteres dazu verurteilt, es nach jedem Durchhören um ein Vielfaches mehr zu mögen als vorher, sofern das überhaupt möglich ist. Auf Schultern klopfen und “Sehr gut gemacht!” sagen möchte man hier.

So. Ich freue mich, dergleichen mit Ihnen allen geteilt zu haben! Allerdings kann ich, wie bereits gesagt, nicht garantieren, dass ich in einer leicht anderen Tagesform die ersten fünf Plätze nicht vollkommen anders geordnet hätte. Ich hoffe, Sie verzeihen mir das. Außerdem sollte noch gesagt werden, dass es dieses Jahr auch einige sehr schöne Platten gab, die nicht zu meinen zehn Favoriten gehören, beispielsweise “Bitte Orca” von den Dirty Projectors, die ich noch vor Kurzem intern auf Platz 2 geführt habe. Aber diese Dinge ändern sich schnell, und insofern ist es vielleicht gut, wenn ich wie jedes Jahr nicht möchte, dass sich irgendein Album ärgert oder traurig ist. Deshalb, und weil zehn Ordnungsplätze einfach reichen, rangieren alle übrigen Veröffentlichungen, von denen ich dieses Jahr wohlwollend Kenntnis genommen habe, gleichrangig auf Platz 11. Hoffentlich gibt das kein Gedränge da unten!

  1. Für den Strauß Stilblüten, der in den nächsten Zeilen sicher noch dicker werden wird, darf man sich dann am Schluss bei mir bedanken. []
  2. Wenn ich im Zusammenhang mit Konzeptalben von positivem Sinn spreche, meine ich das durchaus als tiefe Würdigung des Künstlers. Das letzte “Konzeptalbum”, das mir von Freunden als hörbar nahegelegt worden ist, war irgendwas von Dream Theater und kann mittlerweile nachhaltig dazu verwendet werden, mich in rasender Geschwindigkeit aus der Wohnung zu jagen. Ob ich komplett angekleidet bin oder nicht. []
  3. Zu Ihrem Stilblütenstrauß haben Sie nun noch eine besonders prächtige Rose dazugeschenkt bekommen. []
  4. Liegt auf meiner persönlichen Wertschätzungsskala nur knapp oberhalb von Konzeptalben, diesmal aber eher aus vollkommen persönlichen Gründen. []
  5. Eine ebenso super Sache ist außerdem, dass weitere Backing Vocals von einer gewissen Norah Jones gesungen wurden, zu der man vermutlich auch nur eine höchst irrationale Liebe haben kann, was im vorliegenden Fall aber auch so ist. []
  6. Musik, Lyrics und Artwork waren so umwerfend, dass ich schon beim dritten oder vierten Hören wusste, dass hier jemand mal eben ein Meisterwerk abgeliefert haben musste, scheinbar ohne besonders exaltiert mit irgendwelchen Wimpern zu zucken. []
  7. Einfach weil der Stilblütenstrauß wohl sonst am Packlimit angekommen und bei Übertretung der Gewichtsgrenze nur noch als Sperrgut zu transportieren wäre. []
  8. Meine Damen und Herren, der Stilblütenstrauß ist soeben an Adipositas verendet und lässt sich nun auch nicht mehr durch ein beiläufig eingeworfenes “Bitte eine Packung gute Laune mitbringen!” ins Leben zurückholen. Das haben wir nun davon! []

Kategorie: Rock'n'Roll High School | Kommentare (5)

A Decade Under The Influence: 2007

Von Lukas am Montag, 14. Dezember 2009 10:07

Dieser Eintrag ist Teil 8 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Ein paar Tage, nachdem ich das Neue Jahr mit french toast begonnen hatte, kam mir die Idee, ich könne doch mal langsam mit den Vorbereitungen auf meine mündlichen Bachelor-Prüfungen Ende Januar beginnen.1 Ich ging also in die Uni-Bibliothek, um mich mit einer beeindruckenden Menge Bücher zu meinen Prüfungsthemen2 einzudecken. Obwohl sie laut OPAC hätten ausleihbar sein müssen, war kein einziges der von mir gesuchten Bücher auffindbar. Ich suchte nach anderen Quellen, schrieb mir die Signaturen auf, rannte zum Regal — und wieder fehlten genau die Bücher, die ich haben wollte. Als aus einem achtbändigen Werk über die englische Literaturgeschichte exakt der Teil fehlte, der sich mit der Schauerromantik befasst, war mir klar, dass es sich hierbei nur noch um eine direkte Verschwörung gegen mich handeln konnte. Die Idee, dass sich jemand die Mühe machte, mir die Bücher vor der Nase wegzuschnappen (und teilweise noch gut sichtbare Lücken zu hinterlassen, in die die nebenstehenden Bücher erst reinkippten, wenn ich davor stand), fand ich extrem erheiternd.

Die Art, wie ich Musik hörte, hatte sich grundlegend geändert: Weil er jetzt einen iPod hatte, überließ mir mein Bruder den alten MP3-Stick, den er ein Jahr zuvor nach einem Muff-Potter-Konzert auf dem Boden gefunden hatte. Ich musste – außer bei längeren Reisen – keinen Discman mehr mitschleppen und keine CDs aus ihren Hüllen nehmen und in ein kleines Schaumstoff-Mäppchen einsortieren. Gleichzeitig hatte ich mich bei last.fm angemeldet, was zur Folge hatte, dass ich sehr viel genauer darauf achtete, was ich eigentlich hörte und wie oft. Moderne Technik, die einem eigentlich das Leben erleichtern soll, führt so ganz subtil zur Selbstzensur.

Irgendwie hatte ich es doch noch geschafft, ein paar Bücher zu finden, mit deren Hilfe – sowie mit der Unterstützung von Freunden – ich mich auf die Prüfungen vorbereiten konnte. Meine Anglistik-Professorin eröffnete das Gespräch über Gedichte mit der Frage, warum ich mir ausgerechnet dieses Thema ausgesucht hätte. Ohne dass ich es groß gemerkt hätte, waren wir so vom Small Talk direkt in die Prüfung übergegangen und ich hatte gar keine Gelegenheit mehr gehabt, aufgeregt zu sein. Entsprechend entspannt verlief der Rest der Prüfung, die nach dreißig Minuten erstaunlich schnell vorbei war. Mit dem Ergebnis und der Note war ich mehr als zufrieden — ganz im Gegensatz zu meiner Germanistikprüfung eine Woche später.

Ben Folds war mal wieder in Deutschland, aber diesmal war ich nur bei seinem Kölner Konzert zugegen. Unser geplantes Interview war kurzfristig abgesagt worden, weil Folds krank war, aber bei der mehr als zweistündigen Liveshow wirkte er wieder topfit. Im Hustentropfen-Rausch improvisierte er einen Song, der anderthalb Jahre später unter dem Titel “Cologne” auf seinem nächsten Album erscheinen sollte. Ansonsten hörte ich die ganze Zeit das zweite Album von Bloc Party. “A Weekend In The City” war düster und traurig, verfügte aber auch über eingängige Gitarrenriffs wie bei “I Still Remember”.

Gemeinsam mit einigen Freunden und Bekannten, die ich aus verschiedenen Medien kannte, war ich auf die Idee gekommen, auch mal ein sogenanntes Blog zu starten. Die einzigen Vorgaben waren: “Popkultur im weitesten Sinne” und “Texte, die wir selbst gerne lesen würden”. In den ersten Tagen gingen wir emsig zu Werke und hauten zahlreiche Texte raus. Hier zeigten sich auch schnell die Vorteile eines Gruppenblogs: Wer zu neunt ist, hat automatisch acht Leser. Viel mehr waren es anfangs auch nicht. Je mehr Leser dann dazukamen, desto weniger Autoren hatten wir allerdings auch.

Der deutsche Zeitschriftenmarkt erlebte seinen vermutlich letzten großen Neustart: Mit einem Gesamtbudget von rund 42 amerikanischen Verteidigungshaushalten3 drängte die deutsche Ausgabe von „Vanity Fair“ auf den Markt. Aber weil kaum jemand außerhalb der Medienbranche das Magazin kaufte (und noch weniger es gut fanden), sah es von Anfang an nicht gut aus für das Blatt. Ich mochte die Zerstreuung, die mir “Vanity Fair” auf Zugfahrten bot, kann mich aber auch nicht an viel mehr erinnern, als an die Serie “Friedman bei den Nazis” und die Sudokus. Für letztere hatte ich gerade erst meine Leidenschaft entdeckt und löste sie die ganze Zeit.

Ich hatte eine Excel-Tabelle angelegt, um mir die komplexe Berechnung4 meiner möglichen Endnote zu erleichtern. Erstaunt stellte ich fest, dass ich mit der Note “gut” abschließen würde — egal, wie die Abschlussarbeit ausfallen sollte. Obwohl es also eigentlich nur noch um Nachkommastellen ging, verspürte ich immer noch einen Hauch von Motivation.

Als Gegenstand für meine BA-Arbeit hatte ich mir deutschsprachige Zeitungen im Ausland ausgesucht und schon diverse Ansichts-Exemplare bestellt und geliefert bekommen. Doch mein Professor war skeptisch: “Wenn Sie da keine präzise Fragestellung haben, artet das doch völlig aus! Was wäre denn Ihr Alternativvorschlag?” “Alternativvorschlag?!”, brüllte ich — nicht. Stattdessen deutete ich mit meiner rechten Hand bedeutungsschwer in Richtung seiner Bücherregale und hörte mich sagen: “Ich könnte mir auch vorstellen, noch mal was über Internetsprache zu machen …”

Mit einem Engagement, das mich selbst am meisten überraschte, ging ich zu Werke und verbrachte ganze Tage in der Institutsbibliothek und vor meinem Computer, der in diesem Fall nicht nur Werkzeug, sondern auch selbst irgendwie Thema der Arbeit war. Nebenher schrieb ich mein eigenes Blog voll und las mich in anderen fest. Der Übergang zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und Zerstreuung war fließend. Erstaunlicherweise kam ich trotzdem gut voran. Vermutlich habe ich in dieser Zeit auch viel Musik gehört, aber außer an “Life In Cartoon Motion” von Mika, “Lie Lover Lie” von The Blood Arm und den Song “European Lover” von Little Man Tate kann ich mich an nichts mehr erinnern.

Die vermutlich nicht ganz nüchtern geäußerte Idee, sich trotz aller Abneigung doch ein einziges Mal für einen Bandwettbewerb zu bewerben, rächte sich, als Occident ernsthaft zum “Best of Unsigned” nach Oberhausen eingeladen wurden — jenem Newcomer-Festival, bei dem die Kilians im Vorjahr schon so grandios in der Vorrunde gescheitert waren. Wir probten sogar mal wieder richtig intensiv, übten neue Stücke ein und holten uns Unterstützung in Form eines zweiten Gitarristen und Backgroundsängers, dessen Namen ich aus vertraglichen Gründen nicht nennen darf. Der Auftritt machte großen Spaß und es freute mich besonders, einmal auf den selben Bühnenbrettern zu stehen, auf denen ich vier Jahre zuvor Wir Sind Helden hatte spielen sehen. Wie schon die Kilians wurden auch wir vierte von fünf Bands — was aber nicht als Omen für den weiteren Karriereverlauf taugte. Unser Schlagzeuger dagegen zog ins Finale ein, denn er trommelte auch bei The Rumours, die weitergekommen waren.

Irgendwann war meine BA-Arbeit tatsächlich fertig. Ich ließ sie einige Male gegenlesen,5 dann in dreifacher Ausfertigung drucken und mit Thermobindung versehen. Weil ich so kurzfristig keine Marschkapelle mehr hatte auftreiben können, ging ich ganz allein zum Prüfungsamt und reichte meine Arbeit ein. Als Fan von Pathos und großen Momenten war ich definitiv enttäuscht. Und dann musste ich auch noch mal zurückkommen, weil ich eine aktuelle Studienbescheinigung vergessen hatte. Fünf Tage später ging begann das neue Semester und ich saß zum ersten Mal seit neun Monaten wieder in einem Seminarraum — einerseits fertig, andererseits wieder ganz normaler Student.

Ende April spielten wir mit Occident unser erstes Konzert in Dinslaken seit fast anderthalb Jahren (und unser Drittes in diesem Zeitraum insgesamt). In der Bahnhofskneipe “Lukkas” war es angenehm heiß, laut und voll und wir spielten zwischen Cama Maya und den Rumours. Wir hatten uns mal wieder einen Leih-Gitarristen besorgt und pflügten6 uns beherzt durch ein Set, das auch den ältesten jemals aufgenommenen Occident-Song aus dem Jahr 2001 enthielt.

Zwei meiner Lieblingsbands veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag: Travis und die Manic Street Preachers machten mit “The Boy With No Name” bzw. “Send Away The Tigers” endlich die schwachen Vorgängeralben vergessen.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier, der durch die altklugen Kommentare, die ich in seinem Blog hinterlassen hatte, auf meine Texte aufmerksam geworden war, fragte mich, ob ich mit ihm gemeinsam über alle Beiträge zum Schlager-Grand-Prix schreiben wolle. In einer konzertierten Aktion kämpften wir uns durch mehr als 40 Songs, von denen die meisten nicht sehr gut waren, und dachten uns Einschätzungen aus, die zumindest wir ganz lustig fanden. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Borussia Mönchengladbach hatte sich nach einem schönen Saisonstart, den ich noch von den USA aus verfolgt hatte, im Tabellenkeller eingenistet und stieg zum zweiten Mal innerhalb von acht Jahren ab. Mein Schmerz wurde noch größer, als ausgerechnet der MSV Duisburg in die erste Liga aufstieg.

Als ich eines Morgens in den WG-Flur trat, lag vor meiner Tür ein Großbrief von meiner Uni. Darin: Eine benotete Version meiner Abschlussarbeit und der Hinweis, dass ich von nun an die Buchstaben “BA” hinter meinen Namen stellen dürfe. “‘Heinserba’ klingt aber komisch”, dachte ich und ging ins Bad.7 Meine Familie, Freunde und Bekannte gratulierten mir, ohne dass ich genau gewusst hätte, warum. Auf die Frage “Und was machst Du jetzt?” antwortete ich stets doppelt. Eine Replik lautete: “Taxi fahren, natürlich!”, die andere: “So lange weiter studieren, bis ich irgendwas finde, was mit einem Beruf vergleichbar wäre …” Eins von beidem war ernst gemeint.

Entgegen langjähriger Angewohnheiten verbrachte ich wieder viel Zeit vor dem Fernseher und schaute mit großer Begeisterung Arztserien: “Emergency Room”, “Grey‘s Anatomy” und natürlich “Dr. House”. Monatelang fragte ich mich, warum Gregory House in Artikeln über die Serie eigentlich immer als “Arschloch” beschrieben wurde, obwohl ich ihn ganz sympathisch fand — dann dämmerte mir, dass die Frage einiges über mich selbst aussagte. Nicht in einem Krankenhaus spielte “Weeds”, aber ich mochte die Serie trotzdem. Übers Internet verfolgte ich die “Daily Show” und “Scrubs”. Von letzterer Serie – schon wieder über Ärzte – war ich spätestens Fan, seit wir sie im Jahr zuvor im Kilians-Tourbus rauf und runter geguckt hatten.

Muff Potter hatten mal wieder ein neues Album veröffentlicht, aber irgendwie wurde ich mit “Steady Fremdkörper” – bis auf einige Ausnahmen – nicht so richtig warm. Dafür hatten Wir Sind Helden auf “Soundso” mal wieder alles richtig gemacht — und mit “The Geek (Shall Inherit)” die Geek-Hymne geschrieben, die ich in meiner Schulzeit immer gebraucht hätte.

In Bochum fand erstmalig eine sogenannte “pl0gbar” statt, eine Art Stammtisch für Internet-Nerds. Trotz anfänglicher Skepsis8 ging ich hin, um mir diese komischen Menschen mal anzusehen. Es stellte sich heraus, dass die anderen auch nicht seltsamer waren als ich selbst und dass man nicht ausschließlich über Computerthemen sprechen musste. In der Folge entwickelten sich aus diesen Treffen Freundschaften und Geschäftsbeziehungen.

Im Kino sah ich mir “Zodiac” an. Wie nicht anders zu erwarten, wenn sich einer meiner Lieblingsregisseure (David Fincher) mit einem meiner Lieblingsschauspieler (Jake Gyllenhaal) in meiner Lieblingsstadt (San Francisco) einem meiner Lieblingsthemen (Serienkiller, besonders der Zodiac-Killer) widmet, fand ich den Film sehr, sehr gut. Auf dem Heimweg, besonders auf den dunklen letzten Metern, war mir trotzdem etwas mulmig. Ich schrieb meine ersten Texte fürs BILDblog, zu dem mich Stefan Niggemeier geholt hatte. Schon in meinem ersten Eintrag durfte ich mich an Franz-Josef Wagner abarbeiten.

Innerhalb von 24 Stunden sah ich die Kilians zwei Mal live in meinen beiden Heimatstädten: Erst beim Fantastival im Dinslakener Burgtheater, dann beim Bochum Total. In Sachen Wetter lag Dinslaken vorne,9 in Sachen Publikum Bochum. Mehr Verletzte (einen) gab es allerdings wiederum am Niederrhein, aber wer führt schon Hooligan-Statistiken? Beim Bochum Total spielten außerdem noch Karpatenhund, Jupiter Jones, Virginia Jetzt!, Sugarplum Fairy und Tocotronic, was dann in der Summe das beste Line-Up ergab, seit ich in dieser Stadt wohnte.

Crowded House veröffentlichten ein neues Album und weil ich spätestens seit Neil Finns Auftritt beim Haldern 2001 großer Fan von allem bin, was er so macht,10 war ich auch vom entspannten Ältere-Herren-Pop auf “Time On Earth” sehr angetan. Auch die Smashing Pumpkins brachten ein Comeback-Album heraus, das für sich genommen gar nicht mal so schlecht war,11 aber dem Schaffen der Band – die ja gar nicht mehr die Band war, die sich sieben Jahre zuvor aufgelöst hatte – nichts Neues hinzufügte.

Beide Bands spielten auch bei “Live Earth”, einem großen Rock-Awareness-Event, über das ich – wiederum mit Stefan Niggemeier – einen Text schreiben sollte. Als mein Name am nächsten Tag in der Autorenzeile der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” stand, wussten meine Eltern endlich, wofür sie mir mein ganzes Studium finanziert hatten. Ich vermute, meine Mutter hat alle in Dinslaken verfügbaren Ausgaben der Zeitung aufgekauft und am nächsten Markttag an Freunde und Bekannte verteilt. Sogar meine Großeltern riefen an. Print wirkt.

Im Rahmen einer kleinen, aber insgesamt sehr angemessenen Feierstunde12 wurden mir und zahlreichen Kommilitonen, die ich nie zuvor gesehen hatte, unsere Bachelor-Zeugnisse überreicht. Bis zum heutigen Tag hat sich nie jemand für meins interessiert.

Tocotronic zeigten mit ihrem Album “Kapitulation” und Slogan-Songs wie “Sag alles ab” mal wieder dem Zeitgeist den Mittelfinger und im Radio und in den Discotheken liefen sich zwei der wichtigsten Tanzboden-Brenner des Jahrzehnts “D.A.N.C.E.” von Justice und “Umbrella” von Rihanna.

Wie schon im Vorjahr begann das Haldern Pop mit einem Campingplatz-Konzert der Kilians. Ansonsten ist mir bis zum Auftritt der Shout Out Louds, deren “Tonight I Have To Leave It” sich als inoffizielle Festivalhymne herauskristallisiert hatte, wenig in Erinnerung geblieben. Wenigstens die anschließenden Konzerte von Ghosts und Duke Special im Zelt waren noch sehr schön.

Wie viel Zeit ich inzwischen im Internet verbrachte (und wie viele soziale Kontakte ich ausschließlich über diesen Weg aufrecht erhielt) fiel mir erst auf, als mein Computer kaputt ging und für einige Tage in die Reparatur musste. Tatsächlich hatte ich zu dieser Zeit schon zahlreiche Texte für verschiedene Blogs geschrieben und bei Coffee And TV durchaus eine solide Leserschaft versammelt, aber wenn ich heute an das Jahr 2007 zurück denke, kann ich mich an kaum etwas aus dieser Zeit erinnern. Es ist halt etwas anderes, ob man den ganzen Tag in seinem Zimmer hockt oder in eine richtige Redaktion geht und dort auf Menschen trifft.

Die Foo Fighters veröffentlichten ihr bestes Album seit “There Is Nothing Left To Lose”, Stars gelang mit “In Our Bedroom After The War” ein kleines Meisterwerk und The Weakerthans hatten auf “Reunion Tour” zwar Songs nach Edward-Hopper-Gemälden benannt, aber die Halbwertzeit des Albums war dann leider doch nicht so groß wie die der Vorgänger.

Ich hatte mir tatsächlich das Album von Rihanna gekauft und fand es zu meiner eigenen Verwunderung13 richtig gut. Als ich kürzlich darüber nachdachte, welches Album dieses Jahrzehnt eigentlich am Besten zusammenfassen würde, fiel mir als erstes “Good Girl Gone Bad” ein: Es beginnt mit “Umbrella”, einem instant classic,14, der wiederum von einem Rap von Jay-Z eröffnet wird. Im weiteren Verlauf hört man Samples von Michael Jackson und New Order, es gibt Anleihen bei Hip-Hop, Rock und Soul, R&B-Balladen und Kollaborationen mit Timbaland und Justin Timberlake. In diesem Jahrzehnt sind sicherlich viele Alben erschienen, die besser waren, aber definitiver für diese Zeit und ihre Trends war meiner Ansicht nach keines.

Die Veröffentlichung des Kilians-Debüts stand an und schlug sich in diversen Promo-Auftritten nieder. Als Simon und Arne bei “Eins Live Plan B” zu Gast waren, schickte ich ihnen eine SMS mit vier Begriffen, die sie ins Interview einfließen lassen sollten: “Bratwurst”, “Messdiener”, “Photosynthese” und “Körperfettwaage”. Sie nannten alle und gewannen einen Kasten Bier, den sie bis heute noch nicht bekommen haben. Vor der offiziellen Releaseparty im Dinslakener “Jägerhof” lief ich mit Simon durch halb Dinslaken und produzierte dabei mein erstes Video-Interview überhaupt. Das Konzert und die anschließende Party waren ein Fest und obwohl ich die Band schon seit fast zwei Jahren kannte, haute mich ein Song wie “When Will I Ever Get Home” schlichtweg aus den Latschen, so toll war er.

In meinem Freundeskreis wurden die ersten Kinder geboren, was erstaunlicherweise gar nicht dazu führte, dass ich mich alt fühlte oder eine Spontanverspießerung meiner Altersgruppe befürchtete. Im Gegenteil: Ich fand es toll und war mir sicher, dass schon alles seine Richtigkeit hat. Meinen Geburtstag feierte ich ein Mal in Bochum und ein Mal in Dinslaken. Weil sich zwei TV-Plaudertaschen im Fernsehen gezankt hatten, diskutierte ganz Deutschland15 über Autobahnen. Ich guckte lieber die ersten zwei Teile von “High School Musical”.

Bruce Springsteen veröffentlichte mit “Radio Nowhere” eine seiner besten Singles überhaupt und Kanye West sorgte mit “The Graduation” dafür, dass ich mich erstmals intensiver mit einem Hip-Hop-Album beschäftigte. Den Stereophonics gelang mit “Pull The Pin” ihr bestes Album seit sechs Jahren, was allerdings auch nicht allzu viel hieß. “Chase This Light” von Jimmy Eat World war objektiv betrachtet ein grauenhaft weichgespültes Schrott-Album, gefiel mir aber aus irgendwelchen Gründen trotzdem so gut, dass es über Monate auf meinem MP3-Stick blieb. Heute kann ich die Platte schwerlich ohne Brechreiz durchhören, erinnere mich dann aber immer noch gerne an Situationen, in denen ich sie vor zwei Jahren mit Freude gehört hab. Bizarr.

Ende Oktober unternahm ich die erste richtige Dienstreise meines Lebens, als ich zur BILDblog-Lesung nach Berlin fuhr. Ich machte einen Film über die Lesung, lernte meine “Chefs” persönlich kennen und hing backstage mit Charlotte Roche und Fettes Brot rum. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, die üblichen Plattenläden leerzukaufen und mich mit Menschen zu treffen, die ich teilweise seit Jahren über das Internet kannte, aber noch nie im real life getroffen hatte. Es war ein großer Spaß.

Dank Underworld hörte ich seit längerem mal wieder intensiv Elektro-Musik, denn ihr “Oblivion With Bells” war verdammt groß. Radiohead veröffentlichten das erste „Zahlt was Ihr wollt“-Album einer Band ihrer Gewichtsklasse. Ich schwankte lange, wie ich “In Rainbows” eigentlich finden solle,16 finde es inzwischen aber sehr gut — vor allem “Nude”.

In der Bochumer Innenstadt schloss ElPi seine Pforten, jener Plattenladen, in dem ich in den letzten vier Jahren den Großteil meiner Tonträger erworben hatte. Ich brauchte fast zwei weitere Jahre, bis ich mit Discover endlich wieder eine sympathische Alternative zum neuen Saturn-Markt in der Stadt entdeckte.

Die Kilians waren für die “Eins Live Krone” nominiert, verloren aber in der Kategorie “Bester Newcomer” gegen einen Mann, der mit seiner Hauptband seit sechs Jahren dick im Geschäft war. Beim “School’s Out” in Dinslaken spielten wir mit Occident zum ersten Mal seit zwei Jahren als Trio. Das klang zwar ein bisschen dünn, machte aber Spaß. Leider hatten wir uns beim Erstellen der Setlist verkalkuliert, so dass unsere Coverversion von “About You Now” der Sugababes (die mit “Change” übrigens wieder ein tolles Pop-Album veröffentlicht hatten) auf ewig ungespielt bleiben wird.

Dann war das Jahr auch schon wieder zu Ende. Silvester war es so neblig, dass man die Raketen am Himmel nicht sehen konnte. Eine schöne Metapher für ein Jahr, das für mich im Rückblick zu einem diffusen Rauschen ohne klare Struktur verschwommen ist. Die meiste Musik, die auf meinen Jahresbestenlisten auftauchte, habe ich seitdem nie wieder gehört. 2007 ist eines der seltsamsten und – trotz einiger neuer Erfahrungen und neu gefundener Freunde – langweiligsten Jahre meines Lebens überhaupt. Aber vielleicht ändert sich diese Einschätzung noch mit der Zeit.

Unter der Musik, die ich gehört habe, sticht ein Song besonders heraus, weil er sich ziemlich deutlich von meinen sonstigen Vorlieben unterschied. Und deshalb ist mein Song des Jahres 2007: Rihanna – Umbrella

  1. Liebe Kinder: Bitte nicht nachmachen! []
  2. First World War poetry und Gothic novels in Anglistik, Sturm’n'Drang und Popliteratur in Germanistik. []
  3. Schätzung. []
  4. Interessantes fun fact in der aktuellen Diskussion über die Bachelor/Master-Studiengänge: Meine Fachnote in Germanistik ergab sich aus der mündlichen BA-Prüfung und exakt zwei weiteren Noten aus meinem Germanistik-Studium. In die Fachnote Anglistik spielten alle jemals absolvierten Veranstaltungen des Fachs mit rein. []
  5. Was die Zahl der Rechtschreibfehler in den einstelligen Bereich drückte. []
  6. Seit jenem Abend weiß ich die Vorteile von Festivals mit knappem Zeitplan zu schätzen: Wir hatten so viel Zeit, dass unsere Quatsch-Dialoge zwischen den Songs etwa genauso viel Zeit in Anspruch nahmen wie die Songs selbst. Aber vielleicht nimmt man so was in Dinslaken auch einfach mit dem Trinkwasser auf. []
  7. In meinem Tagebucheintrag steht, dass ich an diesem Tag “schon ein kleines bisschen stolz” gewesen sei. Die Quelle ist eigentlich vertrauenswürdig. []
  8. “Wie jetzt? Internet-Treffen im real life?!” []
  9. Das ist einer der seltensten Sätze deutscher Sprache. Statistische Erhebungen im Freundeskreis haben ergeben, dass das Wetter in Dinslaken eigentlich immer schlechter ist als an jedem beliebigen anderen Ort der Welt — mit Ausnahme von Polesworth in der Grafschaft Warwickshire, vielleicht. []
  10. Das 2004 erschienene, 2006 von mir gekaufte und seitdem rauf und runter gehörte Album “Everyone Is Here”, das Neil Finn mit seinem Bruder Tim unter dem naheliegenden Projektnamen The Finn Brothers aufgenommen hatte, war bis zu diesem Moment in dieser Textserie noch unerwähnt. Diese große Ungerechtigkeit wäre jetzt endlich auch aus der Welt geräumt. []
  11. Also: Nicht so schlecht wie Billy Corgans Soloalbum, aber das wäre auch technisch schwer möglich gewesen. []
  12. Ich hatte mich vorab bei einem Dozenten erkundigt, ob wir alberne Roben und Hüte tragen müssten, was er mit einem “Um Gottes Willen!” verneinte. Ich wäre sonst auch nicht hingegangen. []
  13. Besorgnis hatte ich im Bezug auf meinen eigenen Musikgeschmack schon lange abgelegt. []
  14. Mutmaßlich jetzt schon das meistgecoverte Lied des Jahrhunderts. []
  15. “Bild”-Terminus für jede Menschenmenge, die mehr als zwei weniger als zehn Millionen Menschen umfasst. []
  16. Wenn ich für etwas bezahlt habe, bin ich meistens sehr viel stärker gewillt, es auch gut zu finden, weil ich ja nicht für etwas bezahlt haben will, das ich schlecht finde. Schwache Konzerte, bei denen ich auf der Gästeliste stand, empfinde ich daher immer als noch viel schwächer als schwache Konzerte, für die ich bezahlt habe. Da Radiohead meine Kreditkarte nicht akzeptierten, habe ich nicht bezahlt und hatte deshalb wenig Ambitionen, mir das Album schön zu hören. []

Kategorie: Rock'n'Roll High School, Somebody Told Me | Kommentare (23)

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