Nicht intelligent genug

Von Lukas Heinser, 13. Dezember 2009 23:29

Im Januar 2006 schrieb der „Musikexpress“ im Jahresrückblick auf 2005:

Jetzt haben sogar die Rolling Stones ein Lied über Ulf Poschardt geschrieben: „Sweet Neocon“. […] Die deutschen Neokonservativen verbergen sich hinter der „Initiative Neue Marktwirtschaft“, eine Agentur, die erfolgreich ihre Themen setzte. Zuletzt versuchten sie uns einzureden → „Du bist Deutschland“. Der Höhe- bzw. Tiefpunkt der neoliberalen Debatte war erreicht, als der Kulturwissenschaftler und angebliche ex-Linke Ulf Poschardt („DJ Culture“) vor den Wahlen allen Ernstes forderte: Westerwelle wählen gut, denn: FDP = mutig, radikal, wichtig und irgendwie auch: Pop. Ja, alles klar, gute Nacht.

Ein Jahr später war Poschardt Chefredakteur beim Launch der deutschen Ausgabe der „Vanity Fair“, die er nach nicht mal einem Jahr wieder verließ. Seitdem hatte ich erfrischend wenig von ihm gehört, aber er fungiert jetzt offenbar als Herausgeber von „Rolling Stone“, „Metal Hammer“ und – verdammte Ironie – „Musikexpress“.

Außerdem ist Poschardt stellvertretender Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, in der er heute umständlich über zwei Bücher schreibt, die vor zehn Jahren erschienen sind: „Tristesse Royale“ und „Generation Golf“.

Nach allerlei gesellschafts- und kulturgeschichtlicher Einordnung, an der einiges stimmen mag und einiges gewollt erscheint, schwingt sich Poschardt zu seiner Kernaussage auf:

Im neuen Kabinett sind Figuren wie Rösler, Röttgen, Guttenberg und Westerwelle Aktualisierung jenes kokett Adretten, das mit Stallgeruch so wenig anfangen kann wie mit Herrenwitzen. Die postheroische Eleganz ist bei den jüngeren Politikern mit einem Hauch Populismus versetzt, um das Zeitgenössische wählbar werden zu lassen.

Es macht keinen Spaß, sich durch Poschardts Text zu quälen, aber eigentlich muss man das ja auch nicht. Denn wie fragte Benjamin von Stuckrad-Barre in dem Buch, über das Poschardt schreibt?

Warum sind wir nicht intelligent genug, nicht so oft über Ulf Poschardt zu sprechen?

4 Kommentare

  1. Christian
    13. Dezember 2009, 23:39

    Ist das mit „Poschmann“ unten ein gewolltes Wolf-Dieter-Bashing? :D

  2. Lukas
    13. Dezember 2009, 23:56

    Nein. Ein Fehler im Sinne von Steffen Freund. Sigmund Freud.

  3. Daniel
    14. Dezember 2009, 7:34

    „Deshalb war das vor genau zehn Jahren veröffentlichte Manifest „Tristesse Royale“ weniger ein Verkaufs- als ein Kritikererfolg. (…) Die Kritik zerriss das Buch (…).“

    Allein für diesen Part lohnt es sich, den Artikel zu lesen. Den Rest des Geschwrubels hab ich allerdings nur überflogen…

  4. Fritz Goergen
    14. Dezember 2009, 12:27

    „Herrenwitze“ ist eine irreführende Bezeichnung für das, was ich in drei Jahrzehnten Politik von erstaunlich vielen Männern hören „durfte“. Als „Herren“ habe ich keinen der Erzähler empfunden. Und mit der Zeit gewann ich den Eindruck, wer am öftesten Unterleibswitze machte, bei dem dürfte wohl erotisch oder auch bloß sexuell wenig los gewesen sein.