A Decade Under The Influence: 2000

Von Lukas Heinser am Montag, 26. Oktober 2009 10:00

Dieser Eintrag ist Teil 1 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Natürlich weiß ich noch, wie das Jahr 2000 begann: Mit den Worten “I said let’s all meet up in the year 2000 / Won’t it be strange when we’re all fully grown”, gesungen von Jarvis Cocker. Ich saß mit meinen zwei besten Freunden im Wohnzimmer meiner Eltern, wo wir “Half-Life” im Multiplayermodus spielten. Das war Ausdruck unserer Anti-Haltung gegenüber dem allgegenwärtigen Millenniumswahn und wir hätten nie gedacht, dass das, was wir da spielten, später mal “Killerspiele” genannt und ein Thema in Polittalkshows werden würde.

Nach dem (letztlich dann doch unspektakulären, weil komplett ohne Y2K-Bug und Weltuntergang einhergehenden) Jahreswechsel kam das Jahr schnell in Fahrt: Schon Ende Januar fand ich mich am Schlagzeug einer Schülerband wieder, die gerne Punk sein wollte, aber unsere einzige Gemeinsamkeit mit den Sex Pistols war, dass wir auch keinen Bassisten hatten. Ich kaufte mir die “The Man Who” von Travis (ein Überbleibsel aus dem Jahr 1999) und beschloss, mir selbst Gitarre beizubringen.

Meine Freunde und ich gingen regelmäßig ins Kino, sahen Filme wie “American Beauty”, “The Million Dollar Hotel” und “Magnolia”, weswegen wir uns irre intellektuell vorkamen und das mit längst vergessenen Trashstreifen wie “Romeo Must Die”, “House On Haunted Hill” und “Mission To Mars” wieder ausgleichen mussten.

Im Frühjahr hatte ich angefangen, zum Einschlafen Musik zu hören1 und die Zahl der CDs, auf die ich in meinem “Benno”-CD-Regal2 zurückgreifen konnte, wurde immer größer: a-ha waren plötzlich wieder da, ich merkte, wie viele Songs ich von denen kannte, und kaufte mir deren neues Album “Minor Earth, Major Sky”, das mir auch heute noch sehr gut gefällt. Bon Jovi hatten mit “It’s My Life” einen besorgniserregenden Erfolg, der mich das dazugehörige Album kaufen ließ — der einzige CD-Kauf dieses Jahrzehnts, für den ich mich im Nachhinein schäme.

Bei der Fußballeuropameisterschaft verabschiedete sich Deutschland unter Trainer Erich Ribbeck nach der Vorrunde und in Hannover wurde eine Weltausstellung eröffnet, die ich aus verschiedenen Gründen gleich vier Mal besuchte. Die Smashing Pumpkins verkündeten ihre Auflösung, weswegen ich auf den letzten Metern schnell noch großer Fan wurde und mir für 69,50 D-Mark (umgerechnet etwa 69,50 Euro) eine Karte für ihr Konzert in Oberhausen kaufte.

Die Sommerferien verbrachte ich damit, in Domburg am Strand zu sitzen und “Just Looking” von den Stereophonics zu hören.3 Ich füllte meine CD-Sammlung mit “Protection” von Massive Attack, einem Lou-Reed-Best-Of und den “DJ-Kicks” von Kruder & Dorfmeister auf.

Am letzten Ferienwochenende war ich auf meinem ersten Festival: Einen Tag beim Haldern Pop. Die große Schwester meines besten Freundes musste uns mittags hinbringen und abends abholen. Gekommen waren wir wegen Embrace, aber besonders angetan hat es uns dann Tom Liwa, den wir zunächst ganz schrecklich fanden und dem wir dann im Laufe der nächsten 13 Monate durchs ganze Ruhrgebiet nachreisten.

Nach den Ferien hatten wir plötzlich Leistungskurse,4 worauf die meisten Schüler mit intensivem Feiern am Wochenende reagierten. Fast jeden Freitagabend trafen wir uns am Rhein, guckten aufs Wasser und tranken Bier. Kein Song fasste das besser zusammen als “Dancing In The Moonlight” von Toploader. Am Lagerfeuer versuchten alle Jungen, neben dem gleichen Mädchen zu sitzen, in das wir uns in einem seltenen Anfall von Kollektivismus alle zusammen und jeder für sich verliebt hatten. Im Fernsehen lief Sonntagnachmittags “Dawson’s Creek”.

Ich entdeckte die Bücher von Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht und begann, eigene Texte ins Internet zu stellen, die heute hoffentlich gänzlich unauffindbar sind. Robbie Williams wurde mit “Sing When You’re Winning” zum Superstar und schrieb für “Singing For The Lonely” einen Text, den man sich als 16/17-Jähriger gern eingerahmt hätte.5 Für noch mehr Melancholie sorgten im Herbst eine englische Nachwuchsband namens Coldplay, der “The Virgin Suicides”-Soundtrack von Air und der bereits erwähnte Tom Liwa. Passend zur Abschiedstour verschenkten die Smashing Pumpkins ein Doppelalbum über das Internet (was für viele Menschen damals noch nur mit einem 56k-Modem zu erreichen war) und verstörten mit dem Video zu “Try, Try, Try” noch mal nachhaltig.6

Im Oktober erschien eine Platte, von der alle sagten, dass sie unhörbar sei und an kommerziellen Selbstmord grenzte. Obwohl ich bis heute eher Pop- als Avantgardefan bin, liebte ich “Kid A” auf Anhieb und es stellte sich heraus, dass es vielen Menschen ähnlich gegangen sein muss, denn Radiohead waren plötzlich eine der größten Bands der Welt. U2 mussten sich diesen Status nur noch mal bestätigen lassen, was mit “All That You Can’t Leave Behind” und Songs wie “Beautiful Day” und “Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of” mühelos gelang.

Im Dezember hörte ich die aktuellen Alben von Teenage Fanclub und The Beautiful South, ehe The Wallflowers als Weihnachtsgeschenk mit “(Breach)” das Jahr abrundeten.7

Der persönliche Song des Jahrs aber8 stammt von Embrace. Also: den Britpop-Embrace, nicht den Hardcore-Embrace aus D.C. Deren “You’re Not Alone” hatte ich einige Male im Radio gehört und irrtümlicherweise für die neue Single von Oasis gehalten. Aber die Gallaghers waren im Jahr 2000 ganz unten, nämlich “Standing On The Shoulder Of Giants”. Abhilfe für einen Sommer schufen Embrace mit ihrem “Drawn From Memory”, das direkter Grund für meinen ersten Festivalbesuch war.

Die Bläser zu Beginn des Songs sind uplifting as hell, dann singt Danny McNamara davon, dass man nicht allein sei (ein sehr wichtiger Hinweis für Teenager), die Bridge kippt ins Melancholische, ehe man sich im Refrain wirklich “on top of the world” wähnt. Die Struktur des Songs entstammt direkt der Bauanleitung für Popsongs und der Text hat kaum Chancen auf irgendwelche Literaturpreise, aber es ist ein runder Song und einer, der mich lange begleitete.

Deswegen ist mein Song des Jahres 2000: Embrace – You’re Not Alone

  1. Damals nur drei Songs, vorher sorgfältig ausgewählt und in meinen Discman einprogrammiert. []
  2. 2000 war auch das Jahr, in dem ich von der chronologischen Sortierung zur alphabetischen überging. Nachdem ich “High Fidelity” gesehen und gelesen hatte, wollte ich das kurz rückgängig machen, aber nach einem Versuch, meine CDs nach Farben (!) zu sortieren, blieb ich bei der alphabetischen Sortierung. []
  3. Das ist eine arge Verkürzung von sechseinhalb Wochen auf sehr prägende 4:13 Minuten. Außerdem hatten meine Freunde und ich uns Ferientickets für den VRR gekauft, um jeden Donnerstag nach Essen zu fahren, und uns die neusten Filme (“High Fidelity”, “Glauben ist alles”) im Cinemaxx anzuschauen. Ich las Nick Hornbys “About a Boy”, wo der Charakter der Ellie nachhaltigen Einfluss auf meinen bevorzugten Mädchentyp ausübte. []
  4. Oder das, was man an unserem Gymnasium dafür hielt. []
  5. “I seem to spend my life just waiting for the chorus / ‘Cause the verse is never nearly good enough / The hooligan half of me that steals from Woolworths / While the other lives for love”, halte ich auch heute noch für brillante Zeilen und für eine gelungene Zusammenfassung meines Lebens. []
  6. Jonas Åkerlund, der den Clip über ein drogenabhängiges Obdachlosenpärchen gedreht hat, würde ich wirklich gerne mal kennenlernen. Ein Mann, der “Smack My Bitch Up” für The Prodigy und zuletzt “Pussy” für Rammstein, aber auch die Videos zu Madonnas “Music” und Mikas “We Are Golden” gedreht hat, kann doch nur ein interessanter Gesprächspartner sein. []
  7. Natürlich habe ich im Jahr 2000 auch viel Musik gehört, über die ich heute nur ungern spreche. Die Begeisterung, mit der das erste Aufkommen von “Take A Look Around”, dem “Mission: Impossible 2″-Titelsong von Limp Bizkit, im Internet aufgenommen wurde, ist rückblickend schwer zu erklären. Dass die Bloodhound Gang einige Male aus meinen PC-Boxen klang, weiß ich noch. Viele Peinlichkeiten habe ich aber schlicht vergessen bzw. verdrängt. []
  8. Und Sie dachten schon, ich würd’ direkt in der ersten Folge dieser Serie das wichtigste Element vergessen … []

A Decade Under The Influence: 2001

Von Lukas Heinser am Montag, 2. November 2009 10:01

Dieser Eintrag ist Teil 2 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Das Jahr 2001 begann natürlich (“Kräbääh, kräbääh!”) mit dem Refrain von Robbie Williams’ “Millennium”. In der dritten Januarwoche fuhren wir mit der Klasse für zweieinhalb Tage auf die “Tage religiöser Orientierung”, deren erste Ausgabe zwei Jahre zuvor intern auch als “Tage flächendeckender Alkoholisierung” bekannt geworden waren. Diesmal verlief alles harmlos, das Extremste war eine Waffelbackorgie, die wir nachts um halb Zwölf mit ins Haus geschmuggelten Zutaten und Waffeleisen in der Küche der Jugendbildungsstätte “Baustelle” in Dülmen-Daldrup veranstalteten.

Mein Elternhaus war erst im Vorjahr mit einer Satellitenschüssel ausgestattet worden,1 jetzt war Viva 2 auch über Astra zu empfangen. Ich verbrachte entsprechend ganze Nachmittage vor dem Fernseher und sog alternative Popkultur in mich auf. Charlotte Roche, Rocco Clein, Markus Meske, Nils Neumann und natürlich die süße Tanja Mairhofer erklärten mir, was angesagt war und ich kann heute noch die Videos herunterbeten, die im Frühjahr 2001 auf Heavy Rotation liefen: “Same Sane” von Blackmail, “It Was Easier” von Slut, “Lucky Denver Mint” von Jimmy Eat World (der verspätete Deutschland-Release von “Clarity” aus dem Jahr 1999 war schuld), “Used For Glue” von Rival Schools, “One More Time” von Daft Punk, “The Slow Phaseout” von Motorpsycho, “Shining Light” von Ash, “So Why So Sad” und “Found That Soul” von den Manic Street Preachers, “Mr. Writer” von den Stereophonics, schließlich “Sing” von Travis, …

Fast alle diese Videoclips resultierten im Kauf der dazugehörigen CDs.2 Ich kaufte mir die ersten Musikzeitschriften aus Dortmund und studierte sie intensiv. Dann schrieb ich meine erste eigene Rezension auf “Plattentest online” — ich weiß natürlich noch genau, welche das war, aber Sie und ich, wir wollen uns nicht die Mühe machen, diese auch wieder hervorzukramen.3

Weil mein Großvater krankheitsbedingt eine Pilgerreise absagen musste, fand ich mich mit meinem Vater in den Osterferien plötzlich in Rom wieder. Mein ambivalentes Verhältnis zur katholischen Kirche wurde nicht weniger widersprüchlich, als ich an Palmsonntag auf dem Petersplatz stand und von der Stimmung – damals wurde noch laut “Giovanni Paulo” skandiert – förmlich überrollt wurde. Abends auf den hell erleuchtenden Petersdom zu blicken und dabei die Smashing Pumpkins im Walkman zu hören, war sehr beeindruckend.

R.E.M. hatten mit “Imitation Of Life” nicht nur die dickste Radio-Rotation seit “Man On The Moon” (ungefähr), das dazugehörige Video war auch höchst beeindruckend. Ihre Gratis-Show auf dem Kölner Roncalliplatz habe ich mir trotzdem am heimischen Fernseher angesehen, weil ein Freund und ich uns dann doch nicht in eine völlig überfüllte Domstadt getraut haben. Dafür konnten wir bequem den Ton der MTV-Übertragung (die leider eine halbe Stunde später begann als das Konzert) mitschneiden und uns unser eigenes Bootleg basteln.

Der 11. Juni markierte den Tag, an dem ich eine CD erstmals am Tage ihrer Veröffentlichung erstand: bei “The Invisible Band” von Travis wollte ich wirklich nicht warten, bis sie am Donnerstag im Angebot stehen würde. Ich hörte das Album einige hundert Male und lernte alle Songs auf der Gitarre auswendig. Kurz darauf wurde es schon wieder religiös, denn ich fuhr zum evangelischen Kirchentag nach Frankfurt, wo es mir entgegen anfänglicher Zweifel auch sehr gut gefiel.

Radiohead brachten den zweiten Teil von “Kid A” heraus, den sie “Amnesiac” genannt hatten, und dem als Nachfolger eines Meisterwerk etwas die Größe und das Überraschungsmoment des Vorgängers fehlten. Ich hatte unterdessen die Möglichkeiten von Audioaufnahmen am PC entdeckt und mich daraufhin in meinem Schlagzeugkeller verbarikadiert, um mit dem herumstehenden Equipment – und ein wenig Hilfe von Freunden – ein komplettes Album aufzunehmen, das ich alsbald jedem in die Hand drückte, der es nicht haben wollte.

Kurz vor Beginn der Sommerferien kam es endlich zu einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Mädchen, für das ich die letzten sechs Monate geschwärmt hatte. Es lief in etwa wie folgt:

Sie: “Kann es sein, dass Du mir in letzter Zeit ein bisschen hinterherrennst?”
Ich: “Öh …”
Sie: “Dir muss doch auffallen, dass mich das nervt …”
Ich: “Oh, Entschuldigung …”
Sie: “Ja, schönen Tag noch!”

Ich beschloss, meine Energie vorerst für die Bewunderung von Ben Folds aufzuwenden. Begeistert lernte ich vorher schon mal das Tracklisting seines angekündigten Soloalbums “Rockin’ The Suburbs” auswendig, schnitt den Realplayer-Stream4 der gleichnamigen Single mit und markierte mir das Releasedate mit einem riesigen Ausrufezeichen in meinem Wandkalender: 11. September 2001.

Bevor es so weit war, kamen aber erst mal die Sommerferien und das Haldern Pop Festival. Inzwischen hatte mein bester Freund Führerschein und Auto und so fuhren wir am Freitagnachmittag von Dinslaken nach Haldern, um uns Blackmail, JJ72 und Muse anzusehen, abends wieder zurück nach Dinslaken und am Samstag wieder hin. Mit The Divine Comedy, Neil Finn, Starsailor,5 Slut und Travis wurde ein Line-Up in Stein gemeißelt, das zumindest für mich persönlich bis heute unerreicht geblieben ist.

Am 24. August, dem Geburtstag meiner Großmutter, klingelte der Postbote und brachte ein Rezensionsexemplar von “Rockin’ The Suburbs” vorbei. Ich legte die CD in meinen Computer, drückte auf Play und als nach zwei Takten “Annie Waits” der Handclap kam, hatte Ben Folds mich schon von seinem Album überzeugt. Weil die Geburtstagsfeier in einem Restaurant außerhalb stattfand, konnte ich die Hin- und Rückfahrt über in meinem Discman der CD lauschen. Das war vielleicht nicht sonderlich kommunikativ, aber – Hey! – es ging hier immerhin um das meist erwartete Album meines bisherigen Lebens.

Nach ungefähr drei Durchgängen stand “Still Fighting It” als mein Favorit fest: Allein die ersten Zeilen “Good morning, son / I am a bird / Wearing a brown polyester shirt” waren so irre, dass sie später in nahezu jeder Rezension zitiert wurden. Und auch wenn man Erzähler und Sänger eines Songs nie für ein und dieselbe Person halten sollte, war bei “Still Fighting It” klar, dass Folds hier direkt zu seinem damals zweijährige Sohn Louis sang. Und wer würde, egal wie alt, nicht zustimmen, wenn Folds erklärt: “Everybody knows it sucks to grow up / But everybody does”? Eben.

Zwei Wochen später fuhren wir mit unserem Erdkunde-LK auf Kursfahrt nach Berlin, neben diversen Mixtapes war eine auf Kassette überspielte Version von “Rockin’ The Suburbs” ständig in meinem Walkman. Ich muss das Album in den ersten Wochen an die hundert Mal gehört haben. In Berlin ärgerten wir uns, dass wir nicht eine Woche später in der Stadt waren, denn am darauf folgenden Dienstag hätten wir uns Radiohead in der Waldbühne anschauen können.

Wir fuhren wieder nach Dinslaken zurück, der darauf folgende Dienstag kam und ich hatte zu meiner mittäglichen Tiefkühlpizza mal wieder “Rockin’ The Suburbs” durchgehört. Die letzten Töne waren gerade verklangen, als meine Mutter von der Arbeit nach hause kam und sagte, im Radio hätte es geheißen, das World Trade Center stehe in Flammen. Wir schalteten den Fernseher ein und sahen Geschichte live beim Passieren zu.

Am Abend dieses 11. Septembers 2001 war ich verwirrt, erschrocken, in Angst. Als ich ins Bett ging, legte ich “Rockin’ The Suburbs” in meinen Discman und hörte “Still Fighting It”. In der Rückschau könnte man das Liedzitat “The years go on and / We’re still fighting it, we’re still fighting it” natürlich ganz anders interpretieren, aber in diesem Moment beruhigte mich der Song auf eine ganz merkwürdige Weise.6

Zwei Tage später war ich mit meinem besten Freund mal wieder auf einem Konzert von Tom Liwa. Er spielte mit seiner damaligen Rockband No Existe, es gab kaum Ansagen und die Songs wurden mit Gewalt und ohne Rücksicht auf Verluste durchgeprügelt. Nur die letzte Zugabe war ruhig: “Liebe ist in der Luft”, was unter den Vorzeichen wie eine Art Hilferuf oder Gebet wirkte.

Die nächsten Wochen über waren alle wie betäubt und ich war mir nicht sicher, ob ich meinen achtzehnten Geburtstag noch erleben würde oder ob vorher ein weiterer Anschlag oder ein Gegenschlag alles Leben beenden würde. Ich konnte meinen Geburtstag schließlich feiern und hörte fortan nur noch die Alben, die ich geschenkt bekommen hatte: “Get Ready” von New Order, die grüne “Weezer” von Weezer, “If You’ve Never Been” von Embrace und “Bleed American” von Jimmy Eat World, deren Titel alsbald zurückgezogen wurde, weil er plötzlich viel zu zynisch wirkte. Die Eels veröffentlichten “Souljacker”, auf deren Cover Mark Oliver Everett zufälligerweise selbst wie ein Terrorist aussah.

Dann begann der Krieg in Afghanistan, in den USA wurden Briefe mit weißem Pulver verschickt und irgendwie wurde alles noch bizarrer. Ich sah die Stereophonics live und abermals Travis. Fran Healy hielt einen beeindruckenden Vortrag darüber, dass wir Menschen doch eigentlich alle gleich wären, dann spielte die Band “Side”.

So unvorstellbar es anfangs auch erschienen war: Man gewöhnte sich an alles, das Leben ging weiter. LK-Klausuren mussten geschrieben, Abizeitungen vorbereitet werden, man ging weiter auf Parties und verliebte sich wieder hoffnungs- und ergebnislos. Im Radio entdeckte ich den Orchesterpop von Mercury Rev und kaufte mir das endlich erschienene Debütalbum von Starsailor. Die wichtigste neue Band des Jahres, wenn nicht Jahrzehnts, zog damals unbemerkt – was man ja auch erst mal schaffen muss – an mir vorbei: The Strokes.

Pünktlich zum Fest brachte Robbie Williams, der im Sommer schon mit dem fragilen “Eternity” beeindruckt hatte, den Swing zurück in die Jugendzimmer der Welt. Dann kam Weihnachten und war nicht groß anders als in den Jahren zuvor — wen interessiert ein Krieg in Afghanistan, wenn man sich unterm Tannenbaum in die Haare kriegen kann? Den Silvesterabend verbrachte ich natürlich damit, mit Freunden die letzten Stunden von Viva 2 zu gucken, das ja zum 1. Januar 2002 abgewickelt werden sollte. Nach nur einem Jahr Musikfernsehen für mich stand das Musikfernsehen in Deutschland kurz vor seinem Ende, das sich bis heute auf unappetitlichste Weise hinzieht.

Den Song des Jahres 2001 habe ich nie im Fernsehen gesehen: Ben Folds – Still Fighting It

Ben Folds - Still Fighting It (Screenshot)

[Dank GEMA nicht bei YouTube verfügbar und deshalb bei MyVideo verlinkt.]

  1. Jetzt, wo ich das alles mal so aufschreibe, entsteht bei mir der Eindruck, in einem eher technikfeindlichen Haushalt aufgewachsen zu sein: so spät Satelliten-Fernsehen, so spät Internet. Es fühlte sich aber damals gar nicht so an — immerhin hatten wir eine Brotbackmaschine. []
  2. Wie ich das alles finanziert habe, ist mir heute völlig schleierhaft — immerhin war mein Taschengeld eher übersichtlich und gearbeitet habe ich auch nie. Für das Jahr 2001 liegen mir leider keine Zahlen vor, aber es muss deutlich mehr gewesen sein als die 630 D-Mark im Vorjahr. Vielleicht war es von Vorteil, dass ich zu jener Zeit quasi nie in Kneipen oder Clubs ging. []
  3. Sowieso wollen wir uns nicht die Mühe machen, irgendwelche Archive zu sichten. []
  4. Kinder, bitte fragt Eure Eltern, was das war. Zu Beginn dieses Jahrtausends brauchte man im Internet noch jede Menge Zusatzprogramme, um Musik zu hören oder Videos zu gucken. Musikvideos tauschte man damals auch noch auf CD-Roms oder – sprecht Eure Großeltern mal drauf an – VHS-Kassetten. []
  5. Damals quasi Co-Headliner, bevor das Debütalbum auch nur erschienen war. []
  6. Ich weiß, dass meine Schilderungen spätestens jetzt konstruiert und künstlich klingen müssen, aber ich schwöre, ich schreibe nur auf, wie es war. []

A Decade Under The Influence: 2002

Von Lukas Heinser am Montag, 9. November 2009 10:02

Dieser Eintrag ist Teil 3 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Noch ehe das Jahr 2002 begonnen hatte, wollte mir jeder erwachsene Mensch aus meinem Umfeld erzählen, dass das ja ein ganz besonderes Jahr für mich werden würde. Von wegen Abitur und so. Unser hochverehrter Lateinlehrer hatte uns schon Jahre zuvor deutlich gemacht, dass wir ja kein Zeugnis der Reife ausgehändigt bekommen würden, sondern nur noch ein Abgangszeugnis — und dass uns das zu Denken geben sollte. Er hatte natürlich völlig recht gehabt, denn unsere mangelnde Reife hatten wir schon mit unserem Abimotto unter Beweis gestellt. Es lautete “Abiagra — Das Abi steht” und wir waren weder die ersten, noch die letzten, die mit diesem sensationellen Wortspiel aufwarten würden.

2002 begann dann tatsächlich aber eher damit, dass das Telefon in meinem Elternhaus am 3. Januar nicht mehr funktionierte. Ein Blick in den Briefkasten sorgte für Aufklärung: In einem Schreiben vom 27. Dezember 2001 teilte uns die Deutsche Telekom mit, dass unser ISDN-Anschluss am 3. Januar 2002 aufgeschaltet würde. Pech halt, wenn ein solcher Brief eine ganze Woche braucht, und man das ganze Haus dann im Eiltempo neu verkabeln muss. Dafür konnte man Lieder plötzlich fast in der gleichen Zeit herunterladen, die man brauchte, um sie einmal na gut: drei Mal zu hören.

Meine erste bildliche Erinnerung aber ist ein Rotweinglas, das ich in den Händen hielt, als ich zum ersten Mal “Gold” von Ryan Adams hörte. Mir gegenüber saß mein Vater, der das 70-minütige Meisterwerk aus dem Vorjahr für mich zeithistorisch einordnete: “Klingt wie Neil Young”, “Klingt wie die Rolling Stones”, “Klingt wie Bob Dylan”. Stimmt natürlich alles, aber so hatten die alle eben nie gleichzeitig geklungen und so gut war auch Ryan Adams selbst weder davor noch danach gewesen.

CDs kaufte man in Dinslaken zu jener Zeit im R&K Markt, einem Elektronikmarkt mit relativ umfangreicher CD-Abteilung. Der letzte richtige Plattenladen in der Stadt, Radio Bohlen, hatte im Vorjahr dicht gemacht, aber solange man Maximilian Hecker und Pete Yorn bei R&K kriegte, war alles in Ordnung.1

Mitte Januar fuhren wir mit etwa 15 Schulfreunden (und -freundinnen) in einen Ferienpark im Sauerland. Dort fahren normalerweise Familien mit kleinen Kindern hin und man kann nichts anderes machen als Schwimmen zu gehen, zu Essen, zu Schlafen und zu Trinken. Besonders letzteres wurde intensiv betrieben, während dazu irgendwelche Schlager liefen, deren Besitz oder gar Konsum ich keinem meiner Freunde zugetraut hätte. Bis heute finde ich es schwierig bis unmöglich, Musik auf einer ironischen Ebene zu hören.2

Zu jener Zeit haben wir oft für eine große Modekette Inventuren gemacht — eine Aufgabe, die uns durch den Vater eines Freundes zugefallen war. Ins Gedächtnis eingebrannt hat sich mir, wie wir eines Nachts (unter der Woche, natürlich) auf dem Rückweg von einer Inventur in Luxemburg (natürlich) an einer Tankstelle hielten. Weil wir alle dringend auf Toilette mussten, sparten wir es uns, den Schlüssel zu holen, und pinkelten nebeneinander stehend ins angrenzende, schneebedeckte Feld. In meinem Walkman lief “I’m Like A Bird” von Nelly Furtado und noch heute kann ich das Lied nicht hören, ohne automatisch das Bild von fünf Abiturienten vor Augen zu haben, die mitten in einer klirrend kalten Januarnacht wie die Orgelpfeifen aufgereiht an einer Tankstelle in der Nähe von Bonn stehen und in die Landschaft schiffen.3

Das nahende Abitur ließ uns keineswegs ernster werden — im Gegenteil: unsere Infantilisierung schritt in beeindruckendem Tempo voran und die Welt um uns herum schien ebenfalls frei zu drehen. Im Rest-Musikfernsehen lief ein Video, das niemals hätte im Fernsehen laufen dürfen. Es zeigte Mäuse im Gleisbett einer Londoner U-Bahn-Station und wurde nur gezeigt, weil der Regisseur Wolfgang Tillmanns hieß (unter anderem berühmt für ein Foto, das ein On-Board-Frühstück im Flugzeug und ein männliches Glied zeigt) und die Band dahinter Pet Shop Boys. “Home And Dry” ist heute noch einer meiner liebsten Songs der Band, auch wenn das dazugehörige Album “Release” (mit Johnny Marr an der Gitarre) die Jahre nicht ganz so gut überstanden hat.

Der Song der Stunde war “Ein Kompliment” der Sportfreunde Stiller. Beiläufiger als “Ich wollte Dir nur mal eben sagen, dass Du das Größte für mich bist” hatte nicht mal Stevie Wonder höchste Zuneigung ausdrücken können — und besser war diese Hymne der sympathischen Bayern eh. Natürlich eröffnete sie eine der Dutzenden Kassettenmädchenkassetten, die in jener Zeit die Kassettenmädchenkassettenmaufaktur Lukas Heinser verließen, und dass die Botschaft ungehört verhallte, lag sicher nicht am Song.4

Die Sportfreunde spielten auch bei der letzten Osterrocknacht in der Düsseldorfer Phillipshalle — genauso wie Jimmy Eat World, Heather Nova und A, die gerade mit “Hi-Fi Serious” ein Album veröffentlicht hatten, das nur zwei Jahre später zu einem meiner absoluten Lieblingsalben reifen sollte. Außerdem spielte dort eine Band namens The Mars Volta ihr erstes Deutschlandkonzert und war mir auf Anhieb scheißegal.

Unser letzter Schultag kam und meine Mitschüler feierten diesen Tag ausgelassen. Ich verstand nicht, was es an der Zulassung zur Abiturprüfung zu feiern geben sollte — es war ja bei jedem einigermaßen klar gewesen, dass man sie erreichen würde, und spannend, wichtig und anstrengend würden ja erst die Abiturprüfungen selbst werden. So stand ich erst missmutig neben einer Horde verkleideter und trinkender Mitschüler und fuhr dann entnervt nach hause, um mit meinem besten Freund, der ähnlich dachte, Mathe zu lernen.5 Als mein Vater an diesem Nachmittag heimkam, erzählte er uns, dass in Erfurt ein Schüler in seinem Gymnasium um sich geschossen habe.

Die Abiturprüfungen verliefen weitgehend unspektakulär. Auf meine Englisch-LK-Klausur bereitete ich mich vor, indem ich das neue Album von a-ha und das Best Of der erst gerade von mir entdeckten Joni Mitchell hörte und dabei aufmerksam die Texte mitlas. An die Themen meiner Klausuren habe ich keinerlei Erinnerungen,6 wohl aber daran, dass ich in Mathe meine beste Note seit Jahren schrieb und von meinem Mathelehrer, der mich sieben Jahre unterrichtet hatte, dafür mit einem halb-zufriedenen, halb-resignierten “Geht doch, Lukas!” bedacht wurde.

Nach der mündlichen Prüfung waren wir frei. Vor uns lagen rund zwei Monate des süßen Nichtstuns, was im wesentlichen hieß: zwei Monate Party. Inzwischen hatte auch DSL Einzug ins Elternhaus gehalten und ich hatte im Internet einen Dienst namens Audiogalaxy entdeckt, bei dem man alles (wirklich alles) herunterladen konnte, was es an Musik so gab. Natürlich war das nicht legal, aber ich glaube, dass ich fast alles aus dieser Zeit irgendwann noch mal auf CD nachgekauft habe. Mein Mixtape aus dem Mai 2002 (mit einer kruden Mischung aus Flowerpornoes, Myballoon, Re!nvented, Blackmail, Oasis, Weezer, Neil Finn und Rod Stewart, sowie B-Seiten von Travis, Ben Folds und The Divine Comedy) ist sicher einige hundert Mal in meinem Walkman gelaufen, bevor ich mir die Tracklist dieses Jahr in iTunes nachgebaut habe.

Der wichtigste Song des Tapes und der ganzen Nach-Abi-Zeit war allerdings schon fast drei Jahre alt, stammte von den Foo Fighters und hieß “Next Year”. Was fasst denn das Leben eines Abiturienten besser zusammen als Dave Grohl, der zur Streicherbegleitung Sachen singt wie “Into the sun we climb / Climbing our wings will burn white / Everyone strapped in tight / We’ll ride it out / I’ll be coming home next year”?

Als das nächste große Ding aus Großbritannien galten in der Musikpresse damals Vega 4. Wenigstens einmal wollte ich alle Singles, EPs und Alben einer aufsteigenden Band haben und kaufte fleißig alles, was auf den Markt kam. Bis heute ist mir nicht ganz klar, wie diese Band mit ihrem hymnischen Britpop gleich zwei Mal (das zweite Mal 2006/07) völlig am Markt vorbeischießen konnte, aber ich habe sie geliebt. Hatten mich die Vorabsingles “The Better Life” und “Sing” schon begeistert, war ich völlig entflammt, als ich “The Radio Song” hörte. Saublöder Titel, zwei fast wortgleiche Strophen und eine Wiederholung des Refrains ad nauseam, aber einfach genau das Maß an Pathos, das ich damals brauchte. Im Kino lief der erste “Spider-Man”-Film.

Die Abifeier kam und war sterbenslangweilig,7 ein paar Tage später genossen meine zwei besten Freunde und ich unsere neu gewonnene Freiheit, in dem wir erst mal Urlaub machten — in Domburg, wo ich die 15 Jahre zuvor jeden Sommer zwei Wochen mit meiner Familie verbracht hatte.

Dann begann der Ernst des Lebens, der Zivildienst. Wenn man die letzten zwei Monate immer erst gegen Mittag aus dem Bett gefallen war, ist es eine erhebliche Umstellung, morgens um Acht Uhr bereits bei der Dienststelle auf der Matte zu stehen. Und wer jahrelang Mittags um Viertel nach Eins Feierabend hatte, kam mit einem Acht-Stunden-Tag auch nur schleppend zurecht.

Meine Zivistelle war die Evangelische Kirchengemeinde, meine Aufgaben bestanden aus Hausmeistertätigkeiten, Botengängen, Hausaufgabenbetreuung, Unterstützung im Kindergarten, sowie Einkaufen und Gartenarbeit für alte Leute. Die alkoholkranke Seniorin, für die ich direkt am ersten Tag große Mengen Lebensmittel einkaufen sollte, die natürlich alle schlecht werden sollten, weil sie nie Besuch bekam, drückte mir direkt ein ordentliches Trinkgeld in die Hand, das ich zwar nie hätte annehmen dürfen, das ich aber immerhin gut investiert habe: ins neue Album von Oasis. Gut, das hieß “Heathen Chemistry”, was dem ganzen kirchlichen Konzept vielleicht wieder ein bisschen entgegenlief, aber was soll‘s? Immerhin waren mit “Stop Crying Your Heart Out”, “Little By Little” und “She Is Love” einige der besten Oasis-Songs aller Zeiten auf dem Album enthalten.

Mit meinem ersten Sold Mitte Juli war ich plötzlich reich. Hatte ich vorher mit eher überschaubaren Summen auskommen müssen, war mein Girokonto nun immer im dreistelligen Bereich.8 Zwar musste ich meine Kleidung jetzt selbst bezahlen, aber man kann ja eh nicht all sein Geld für CDs ausgeben. Ich habe es trotzdem versucht: Elvis Costello, Tom Liwa, The Notwist, The Electric Soft Parade, Moby und natürlich Phantom Planet, deren “California” mich schon auf meiner Abi-Kassette begleitet hatte.

Ende Juli schlug ein Blitz im Acker neben meinem Elternhaus ein, die Überspannung fraß sich in unser Stromnetz und zerstörte einen Computer, die Telefon- und die Satellitenanlage, vier Fernseher und die gute alte Braun-Stereoanlage meines Vaters, auf der ich regelmäßig Mixtapes für junge Damen und mich selbst aufgenommen hatte. In den Monaten bis zur Reparatur der Braun-Anlage war ich auf ältere Kassetten angewiesen. Im Radio wurden den Sommer über zwei Popballaden tot gedudelt: “Indigo Girl” von Watershed und “Just More” der deutschen Girlgroup Wonderwall. Mit ihrem sympathisch pubertären “It’s Just Porn, Mum” schafften es Trucks in Deutschland nicht mal zum One-Hit-Wonder.

Slut, die im April schon die “Teardrops”-EP herausgebracht hatten, veröffentlichten “Nothing Will Go Wrong” — ein Album, das wegen seines aufwendigen Kopierschutzmechanismuses auf keinem Computer dieser Welt abgespielt werden konnte, was sehr schade war, weil es sonst sehr gut war. Readymade liefen mit “The Feeling Modified” zur Bestform auf und zum letzten Mal außerhalb der Beatsteaks wurden englischsprachige Indiebands aus Deutschland in der heimischen Musikpresse ausführlich gewürdigt.

Zum Abitur hatte ich von meinen Eltern eine Spiegelreflexkamera geschenkt bekommen, die ich auf dem Haldern Pop Dank Fotopass direkt dem Härtetest aussetzen konnte. Allerdings waren die Motive (gerade nach dem geschichtsträchtigen Line-Up des Vorjahres) nicht so wirklich prickelnd. Außer The Notwist, The Electric Soft Parade, Belle & Sebastian, The Cooper Temple Clause und die The-Verve-Nachfolgeband The Shining kann ich heute keinen der auftretenden Acts mehr erinnern.9 Dafür verbrachte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Nacht im Zelt und lernte im Pressebereich neue Freunde kennen.

Coldplay brachten ihr zweites Album auf den Markt, der im Vergleich zum Debüt schon erheblich gewachsen war. Die Mädchen aus unser Stufe verabschiedeten sich zum Studium aus Dinslaken oder gingen gleich auf große Australienreise. Was blieb, war ein ziemlich asexueller Haufen von Zivil- und Wehrdienstleistenden, die sich regelmäßig in der örtlichen Altherrenkneipe trafen.

Aus den USA kamen zwei wichtige Alben, die ich damals aber noch nicht als solche wahrgenommen habe: “Yankee Hotel Foxtrott” von Wilco und “The Rising” von Bruce Springsteen. Ich hörte lieber das auch schon ältere „White Ladder“ des Briten David Gray, weil dessen “This Year’s Love” die erste Episode der vierten Staffel “Dawson’s Creek” untermalt hatte,10 und “New American Language” von Dan Bern.

Ich durfte zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl wählen und erst sah es so aus, als würde diese Premiere direkt von einem Desaster gekrönt — Edmund Stoiber hatte sein Glas Sekt schließlich schon aufgemacht. Hätte Gerhard Schröders Gegner nicht Edmund Stoiber geheißen, hätte der SPD-Kanzler die Wahl vermutlich verloren, aber die Sorge vor dem bayrischen Ministerpräsidenten war so stark, dass sich selbst sonst unpolitische Freunde und Künstler gegen Stoiber aussprachen. So politisch war mein Umfeld danach erst wieder am 28. September 2009, als alle feststellten, dass Schwarz/Gelb versehentlich die Bundestagswahl gewonnen hatte.

Im Oktober musste ich für drei Wochen auf Zivi-Lehrgänge, deren Sinn, Zweck und Nutzen sich mir bis heute nicht erschlossen haben.11 Weil mir die anderen Teilnehmer suspekt waren und ich nicht in Gaststätten landen wollte, die “Mausefalle” hießen, las ich viel (osteuropäische Erzähler der Moderne und Musikzeitschriften) und hörte viel Musik (Coldplay, Slut). Zur Belohnung fuhr ich nach dem Ende aller Lehrgänge zum Coldplay-Konzert nach Köln und konnte der Band live dabei zusehen, wie sie sich zu Superstars aufschwangen.

Ein Superstar war ganz klar schon Robbie Williams, der mit “Escapology” nicht nur die beeindruckende Schlagzahl von einem Album pro Jahr aufrecht erhielt, sondern auch ein erstaunlich erwachsenes Album ablieferte. Die Veröffentlichung ging einher mit der Ankündigung einer großen Welttournee und so sah ich mich eines Samstagmorgens um kurz nach Acht in einem Ticketcenter stehen und für vier Eintrittskarten für die Arena auf Schalke 228 Euro in Bar auf den Tresen blättern.

Dann sagte mir jemand, ich solle mir doch mal kettcar anhören. Weil meine Deutschpunk-Sozialisation allenfalls halbherzig verlaufen war, kannte ich Marcus Wiebusch vorher gar nicht von …But Alive und Rantanplan. Ich zog mir einfach ein paar Songs aus dem Internet und stieg entweder mit “Ich danke der Academy” oder “Im Taxi weinen” ein. Es wäre etwas übertrieben, von einem Erweckungsmoment zu sprechen, aber gepackt war ich sofort. Ich hatte in den Jahren zuvor recht wenig deutschsprachige Musik gehört und war sofort beeindruckt, wie wunderbar jemand auf Deutsch über Beziehungsenden und Selbstmitleid singen konnte und dabei weder nach Pur, noch nach den Toten Hosen klang. Ich suchte weiter nach MP3s und stieß auf “Genauer betrachtet” (bis heute mein Lieblings-kettcar-Song) und “Landungsbrücken raus”, das anderthalb Jahre später ganz klischeemäßig meinen ersten Besuch in Hamburg untermalen sollte. Am Ende des Abends hatte ich die komplette “Du und wieviel von Deinen Freunden” heruntergeladen, drei Tage später hab ich mir das Album dann brav im Plattenladen gekauft und es anschließend bei den Jahrespolls deutscher Musikmagazine überall zum Album des Jahres gewählt.

Im November/Dezember habe ich entsprechend kaum etwas anderes gehört — zumindest bis das Promo-Exemplar der neuen Platte der Wallflowers eintraf. “Red Letter Days” war für viele Jahre mein liebstes Wallflowers-Album, bis mir sein doch arg Mainstream-Radio-tauglicher Sound ganz plötzlich ziemlich auf die Nerven ging.12

In der Kirchengemeinde war die Vorweihnachtszeit natürlich besonders stressig: Ständig fanden irgendwelche Weihnachtsfeiern statt, ich musste bei der Diakoniesammlung helfen und beim Aufstellen des riesigen – ich wiederhole: riesigen – Tannenbaums in der Kirche. Trotz der vielen Arbeit, die in dieser Zeit anfiel, war es die schönste Weihnachtszeit meines Lebens, weil der Blick auf das Fest an sich zumindest an diesem Ort nicht durch den ganzen Kommerzquatsch verdeckt war.

Mit meinem traditionellen Silvestergetränk, einem Glas Robbie Bubble, schied ich aus dem Jahr, das ein besonderes hatte werden sollen. Natürlich war der Umbruch von Schule zu Zivildienst groß, natürlich war der Freundeskreis schon mitten in Auflösung begriffen. Aber die wirklich großen, persönlich wichtigen Sachen, die sollten erst noch kommen. So blieb am Ende nur ein Liedzitat: “2002 — the year Schwachsinn broke”.

Es stammt aus dem Song des Jahres 2002: kettcar – Landungsbrücken raus

  1. Heute gehört der Laden zu einer Billigkette und hat nur noch das Nötigste an CDs vorrätig. Hertie hat ebenfalls zugemacht, so dass es extrem schwierig sein muss, heutzutage noch in Dinslaken CDs zu kaufen. Zum Glück gibt‘s ja das Internet. Und Duisburg. []
  2. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass ich Guns ‘N Roses tatsächlich gut finden muss. []
  3. Möglicherweise wird es Ihnen in Zukunft ähnlich gehen. []
  4. Es lag auch nicht an mir. Es liegt an Frauen, die nicht hinhören, was Männer ihnen für Musik aufnehmen, und sich dann hinterher beschweren, dass Männer so unromantisch seien. Diese Frauen kriegen hinterher genau die Teelichtherzen-Typen und Kai-Pflaume-Moderationen, die sie verdient haben. Bitch! []
  5. Ich habe meine eigene Zulassungsfeier sieben Jahre später nachgeholt, als ich mich mit meinem kleinen Bruder und dessen Freunden in die Aula schlich, wo einer ganzen Reihe meiner ehemaligen Lehrer nicht auffiel, dass ich viel zu alt war, um mein Abitur zu machen. Ich habe es sogar geschafft, mit einem Kasten Bier in der Hand von meinem eigenen Stufenkoordinator vom Schulhof verwiesen zu werden. Warum man seine Zulassung feiert, weiß ich allerdings immer noch nicht. []
  6. Das wird ein großer Spaß, wenn ich in zweieinhalb Jahren meine Klausuren einsehen darf und vermutlich kein Wort mehr verstehe. []
  7. Ich nehme das an, weil ich keinerlei Erinnerung an diesen Abend habe. Es könnte auch sein, dass das an dem Alkohol liegt, den ich in jener Nacht zu mir genommen habe, aber auch dann ist anzunehmen, dass ich mit dem Trinken angefangen habe, weil die Feier sterbenslangweilig war. Sie war es also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, betrunken war ich nur mit hoher. []
  8. Sehr schnell dann natürlich auch im vierstelligen, was ich glücklicherweise ein Jahr später dadurch ausgleichen konnte, dass ich endlich den Führerschein machte. Aber dazu kommen wir nächste Woche. []
  9. Das damalige Indiepop-Wunderkind Gemma Hayes, auf das vor allem die männlichen Festivalbesucher gewartet hatten, musste ihren Auftritt kurzfristig absagen. []
  10. Ungefähr bei der vierten Episode dieser Staffel verlor ich den Anschluss, stieg aus und kam erst zum Finale wieder zur Serie zurück. []
  11. Es ist aber beruhigend, dass die Zivis trotz immer kürzer werdendem Zivildienst auch heute noch drei Wochen auf teure, unsinnige Lehrgänge geschickt werden. Wenn die FDP das wüsste … []
  12. Was mein liebstes Wallflowers-Album angeht, wäre ich heute etwas unentschlossen zwischen “Bringing Down The Horse” und “(Breach)”. Ersteres hat mit “One Headlight” und “6th Avenue Heartache” natürlich zwei amtliche Klassiker vorzuweisen, bei letzterem gefallen mir die Texte noch einen Tacken besser. []

A Decade Under The Influence: 2008

Von Lukas Heinser am Montag, 21. Dezember 2009 10:08

Dieser Eintrag ist Teil 3 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Ich begann das Jahr mit der Auswertung der Leserwahl unseres Blogs und war froh, dass mich mein früherer Mathelehrer bei dieser Arbeit nicht beobachten konnte. Weil Roland Koch das Thema Jugendgewalt zum Wahlkampfthema erkoren hatte, überschlugen sich die Medien in ihrer Berichterstattung. Für BILDblog interviewte ich deshalb den Kriminologen Christian Pfeiffer und war damit vermutlich der letzte Medienvertreter, mit dem er in diesen Tagen noch nicht gesprochen hatte..

Bei ProSieben ging Stefan Raabs Castingshow mit dem unmerkbaren Namen zu Ende: Zweiter wurde Gregor Meyle, Siegerin Stefanie Heinzmann, die zwar sympathisch war und eine tolle Stimmt hatte, deren Songs aber leider im Wesentlichen egal waren. Slut veröffentlichten mit “StillNo1″ ein Album, das es in Sachen Komplexität mit “Lookbook” aufnehmen konnte, Nada Surf machten mit “Lucky” da weiter, wo sie auf “The Weight Is A Gift” aufgehört hatten. Ich hörte allerdings hauptsächlich zwei Folk-Alben aus den Vorjahren, die ich gerade für mich entdeckt hatte: “Funnel Cloud” von Hem und “Ongiara” von den Great Lake Swimmers. Auf letztere war ich über “All Songs Considered” gestoßen, den Musik-Podcast von NPR, den ich jetzt jede Woche hörte.

Goldfrapp hatten ein neues Album veröffentlicht, das mich völlig in seinen Bann zog. Immer und immer wieder hörte ich mir “A&E” an, die hypnotische Single über Überdosierung berauschender Substanzen. Das neue Album von Danko Jones, das ich gleichzeitig erstanden hatte, konnte mich dagegen nicht so richtig kicken.

Bei einem Konzert in Oberhausen spielten die Kilians neue Songs, die damals noch Arbeitstitel wie “Ficken”, “Bumsen” und “Tackern” hatten.1 Ein paar Wochen später wurde ich als “Überraschungsgast” in ein Radiointerview mit den Jungs auf YouFM geschaltet. Die Nummer war ein Desaster auf ganzer Linie2 und ich nehme stark an, dass die Aufzeichnung nie gesendet wurde. Zumindest hätte ich so etwas zu Campusradio-Zeiten nie on air gelassen. Zum ersten Mal nach mehr als sechs Jahren sah ich die Stereophonics live und war hin und her gerissen: Irgendwie war es schön, die alten Hits noch einmal im Konzert zu erleben, andererseits zerfielen die Songs der Band teilweise unter den Händen. Die Nummern, die rockten, rockten dafür auf den Punkt.

In Essen fand ein BarCamp statt, ein Treffen für Leute, die was mit dem Internet zu tun haben. Es waren einige sehr nette Leute (und einige sehr seltsame), aber insgesamt kam ich mit dem offenen Konzept und dem betont lockeren Umgang nicht zurecht. Ähnlich ging es mir ein paar Wochen später bei der re:publica in Berlin: Einige sehr nette Momente, aber insgesamt zu viel Tamtam und zu viele Wichtigtuer. Trotzdem dachte ich eine zeitlang, ich müsste diesen Mediencircus mitmachen und bei solchen Veranstaltungen dabei sein. Aus Berlin nahm ich dann aber vor allem eine CD mit, die ich mir dort gekauft hatte: “Falling Off The Lavender Bridge” von Lightspeed Champion.

Fettes Brot brachten “Strom und Drang” raus, dessen Opener “Lieber Verbrennen als Erfrieren” bei mir aus dem Stand heraus zu einem der Songs des Jahres wurde. R.E.M. schalteten mal wieder ein paar Gänge hoch und klangen auf “Accelerate” so jung und schwungvoll wie lange nicht mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich ganz alleine in einer Kinovorstellung. “Juno” war eindeutig der Film des Jahres3 und ich wollte Ellen Page sofort heiraten. Bis wir uns irgendwann mal treffen, hörte ich als Ersatz erst mal den Soundtrack rauf und runter, der sich mit einem der übersehensten Alben des Jahres abwechselte: “Battle” von Sir Simon Battle.

In Köln besuchte ich ein Medienjournalismus-Seminar des Adolf-Grimme-Instituts. Vor einer kleinen Gruppe Seminarteilnehmer berichteten Medienprofis von ihrer Arbeit, was mal hochinteressant, mal deprimierend langweilig klang. Die Abende verbrachten wir gesellig in den örtlichen Kneipen und taten uns an dem gütlich, was man in Köln anstelle von Bier ausschenkt. Bemerkenswert war auch die schon an Unterwürfigkeit grenzende Verehrung, mit der hochrangige Mitarbeiter des Deutschlandfunks, in dessen Räumlichkeiten das Seminar stattfand, dem Enthüllungsjournalisten Hans Leyendecker begegneten. “Aha”, dachte ich, “Fandom gibt es also nicht nur in der Popkultur und im Fußball …”

Sonst passierte in meinem Leben nicht viel: Ich schrieb die verschiedenen Blogs voll, ging hin und wieder noch zur Uni, um Veranstaltungen zu besuchen, die mich interessierten, und kaufte wie ein Wahnsinniger CDs. Zum Beispiel “Sylt”, das dritte Album von kettcar, bei dem ich mir bis heute nicht ganz sicher bin, was ich davon halten soll. Musikalisch sicher sehr gut, aber textlich ließ mich vieles kalt — wenn es mich allerdings packte, so wie bei “Würde”, dann richtig.

Ich kaufte mir eine Strandmatte, mit der ich mich auf die Wiese neben dem Wohnheim zu legen gedachte. Ich verbrachte ja viel zu viel Zeit in meinem Zimmer und vor dem Computer, da musste ich dringend mal raus. 2008 habe ich diese Strandmatte genau einmal ausgerollt, 2009 immerhin zwei Mal. Hätte ich mehr Zeit in der Sonne verbracht, hätte ich wahrscheinlich noch mehr Jason Mraz gehört, denn dessen neues Album klang so wunderschön entspannt wie vier Wochen Sommerferien.

Mit Stefan Niggemeier machte ich mich wieder an die Besprechung sämtlicher Grand-Prix-Beiträge, die wieder zum größten Teil nicht sehr gut waren.4 Innerhalb weniger Wochen produzierte ich einige Videos für Youtube, darunter ein Interview mit dem schon erwähnten Gregor Meyle, dessen Debütalbum ganz erstaunlich geworden war, eine Norbert-Körzdörfer-Parodie fürs BILDblog und einen Film über Biber.

Borussia Mönchengladbach war der ungefährdete und sofortige Wiederaufstieg in die erste Liga gelungen, und weil der MSV Duisburg ebenso konsequent in die zweite Liga zurückkehrte, war am Niederrhein (und vor allem für mich) die Ordnung wiederhergestellt. Aus einer Mischung aus persönlichem Interesse, journalistischem Eifer und wissenschaftlichem Tatendrang begann ich in der Uni-Bibliothek mit Recherchen zu einem Projekt, dessen Notizen seitdem unberührt unter meinem Schreibtisch verstauben.5 In unserer WG wurde mal wieder ein Zimmer frei und ich begann mit meinem verbliebenen Mitbewohner ein munteres Casting. Der Bewerber, für den wir uns recht schnell entschieden hatten, meldete sich daraufhin nicht mehr und auch sonst blieben die Interessenten mitten im Semester aus.

Death Cab For Cutie klangen auf „Narrow Stairs“ ein ganzes Stück komplexer als drei Jahre zuvor auf “Plans”. Als ich zum ersten Mal “The Ice Is Getting Thinner” hörte, bekam ich eine Gänsehaut: So nah an meinem Leben war seit längerem kein Song mehr gewesen. Auch Coldplay hatten ein Album aufgenommen, das eigentlich viel zu komplex klang, um ein kommerzieller Großerfolg zu werden. Aber “Viva La Vida” wurde für die Band ein Triumphzug sonder gleichen und auch mir gefiel zum ersten Mal seit dem Debüt ein Coldplay-Album rundherum. Und dass der Titelsong zum Größten gehört, was in dieser Dekade so an Pop erschienen ist, daran kann es keinen Zweifel geben.

In Österreich und der Schweiz begann die Fußball-EM, für die ich mir sogar eine Schweden-Fahne gekauft hatte, die von meinem Balkon herunterwehte. Ich konnte sie nach drei Spielen wieder einpacken. In Köln wurde der Grimme Online Award verliehen, was sich als nette, aber spannungsarme Veranstaltung herausstellte.6 Dafür kam ich in den Genuss, von dem Comedian Hennes Bender nach hause gefahren zu werden, was eine sehr sympathische und unterhaltsame Erfahrung war.

Ein Mal noch schrieb ich einen Bewerbungstext für eine Journalistenschule, war dabei aber nicht sehr engagiert bei der Sache — ich hatte in den letzten Monaten einfach zu viele Journalisten live erlebt, als dass ich selber gerne noch einer geworden wäre. Dabei hatte ich mir gerade so einen stylischen Laptop bestellt, mit dem ich in den Szenecafés dieser Welt hätte sitzen können, wenn ich denn gewollt hätte. Nach drei Tagen des Wartens auf den Paketdienst kam dieser Computer sogar irgendwann an und begeisterte mich – das muss ich schon zugeben – auf Anhieb. Deutschland verlor das EM-Finale gegen Spanien.

Ben Folds war mal wieder in Deutschland — und er spielte nicht irgendwo, sondern in Bochum. Nachdem SonyBMG in München das angefragte Interview abgesagt und SonyBMG in New York es wieder zugesagt hatte, 7 traf ich Folds in der Lobby des Hotels am Ruhrstadion. Zwar hatte meine Verehrung für den Mann und seine Musik in den letzten Jahren ein wenig nachgelassen, aber er war natürlich immer noch ein Held meiner Adoleszenz. Entsprechend war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit vor einem Interview aufgeregt. Nachher war ich eher enttäuscht von meinen Fragen, die mir in dem Moment, da ich sie ausgesprochen hatte, allesamt doof erschienen. Das Konzert war dennoch wieder ein Fest.

The Ting Tings und MGMT liefen sicher in jeder Indiedisco rauf und runter, aber ich ging nie in eine. Die Musik gefiel mir auch zuhause. Dort konnte ich auch ganz entspannt She & Him und die neue Platte von Sigur Rós hören — die erste der Band, die ich nicht nur theoretisch gut fand, sondern auch ganz praktisch immer wieder hörte. Ich entdeckte – besser spät als nie – The Hold Steady, deren “Stay Positive” mir sehr, sehr gut gefiel, mich aber persönlich noch nicht so ganz packen konnte. Das würde noch einige Monate dauern.

Weil meine Geschwister keine Lust gehabt hatten, nahmen meine Eltern mich auf einen dreitägigen Amsterdam-Besuch mit. Ich konnte mich die ganze Zeit nicht entscheiden, ob ich die Stadt großartig oder schrecklich finden sollte — die Grachten waren toll, keine Frage, aber die vielen Fahrradfahrer machten mir Angst. Außerdem hinterließ es mich ziemlich unbefriedigt, dass ich riesige, tolle Plattenläden durchstöbert und eine einzige CD8 gekauft hatte.

Das Haldern Pop begann für mich mit einer Band, deren sensationelles Debütalbum gerade erschienen war: Fleet Foxes spielten im Spiegelzelt und obwohl sie hinterher auf anderen Festivals berichteten, wie schrecklich ihr Auftritt dort gewesen war, war ich schwer beeindruckt. Passend zum 25. Geburtstag des Festivals begingen die Flaming Lips einen Kindergeburtstag, wie ich ihn noch nie bei einem Konzert erlebt hatte. Im Zelt spielten Fettes Brot einen Überraschungsgig, den ich nur von Draußen verfolgen konnte. Am Samstag spielten die Kilians als erste Band auf dem Platz (der laut Veranstalter noch nie so früh so voll gewesen war) und hatten dabei wieder einmal das Wetter auf ihrer Seite: Vorher Regen, hinterher Regen, währenddessen strahlender Sonnenschein. Es haben bestimmt noch andere gute Bands gespielt, in Erinnerung blieb mir dann aber nur noch der würdige Abschluss mit Maxïmo Park.

In Peking fanden die Olympischen Sommerspiele statt, von denen ich als fanatischer TV-Sport-Junkie natürlich so wenig wie möglich verpassen durfte. Moralische Bedenken sind mir in diesem Fall leider fremd, ich hatte ja auch schon die gesamte Tour de France geguckt, immer in dem Wissen, dass ich dort die ganze Zeit verarscht werden könnte.

Darren Jessee war so freundlich, mir das neue Album von Hotel Lights zu schicken. Darauf enthalten war auch endlich der Song, den ich liebte, seit ich ihn acht Jahre zuvor – damals noch in der Live-Version von Ben Folds Five – gehört hatte: “Amelia Bright”. Ben Folds Five wiederum kündigten eine einmalige Reunion-Show in ihrer Heimatstadt Chapel Hill an: Für MySpace würden sie “The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner” von vorne bis hinten durchspielen. Meine Lieblingsband. Mein Lieblingsalbum. In den USA. Mehrere Tage überlegte ich ernsthaft, wie ich das alles organisieren und vor allem finanzieren sollte. Dann gab ich auf.

Stattdessen fuhr ich nach Berlin, um mal eine Woche Alltagsluft im BILDblog-Büro zu schnuppern. Es tat gut, nicht den ganzen Tag alleine am Schreibtisch zu hocken, sondern beim Arbeiten mal wieder Menschen um sich herum zu haben, mit denen man zum Beispiel einen Wettbewerb starten kann, wenn bei YouTube den schlimmeren Ohrwurmgaranten findet.9 Es war eine schöne Woche und ich war im weiteren Verlauf des Jahres noch einige weitere Male in Berlin, aber ich war mir auch schnell sicher, dass Berlin niemals mein Wohnort werden würde.

In Düsseldorf besuchte ich eine Messe namens OMD.10 Nachdem ich Kai Diekmann begegnet war, sah ich mich noch ein wenig auf der Messe um und merkte dort schnell, dass ich mit körperlichen Abwehrreaktionen auf die ganzen Werber, Berater und PR-Torten reagierte.11 Ich verschwand lieber, bevor ich noch auf den Fußboden kotzen konnte. Als ich wieder zuhause war, lag da das neue Ben-Folds-Album. Leider war es auch nicht so richtig toll.

Zeitgleich mit Folds erschien auch “Ode To J. Smith” von Travis. Die klangen plötzlich wieder so ruppig wie ganz zu Beginn ihrer Karriere, verzauberten mich aber am stärksten mit dem eher ruhigen “Before You Were Young”. Ich feierte meinen Geburtstag in Bochum und hatte mich erstmals ganz alleine um die Zubereitung der Speisen gekümmert. Trotzdem haben alle Gäste überlebt. Am nächsten Tag kam meine ganze Familie12 und es war auf eine sehr entrückte Art sehr festlich, all diese Menschen in meinem kleinen Studentenzimmer um mich zu haben.

Zu Beginn des Wintersemesters war das leerstehende WG-Zimmer endlich wieder besetzt. Ich ging zur Uni, um dort ein dreiteiliges Porträt über meine Uni zu drehen. Nach fünf Jahren in Bochum erkannte ich auch endlich, dass es hier eine lokale Kulturszene gab, und sah mir Konzerte von Tommy Finke und die Scudetto-Abende von Ben Redelings an. Ich ging sogar zum ersten Mal ins Ruhrstadtion — natürlich in die Gästekurve beim Auswärtsspiel der Gladbacher. Als meine Fohlen, die sich nur Tage zuvor mal wieder von einem Trainer getrennt hatten,13 mit 1:0 in Führung gingen, schrie ich mir die Kehle blutig. Das Spiel endete 2:2, nachdem Gladbach längere Zeit 1:2 hinten gelegen hatte. Ich merkte mal wieder: Stadion ist super, aber schlecht für die eigene Gesundheit.

Das neue Album von Tomte hörte ich zum ersten Mal, als ich in Dinslaken war und schlecht gelaunt durch die Landschaft stapfte. Das mit der schlechten Laune hielt sich allerdings nicht sehr lange. Da eh klar war, dass nie wieder ein Album für mich so eine große persönliche Bedeutung haben würde wie “Buchstaben über der Stadt”, ging ich ganz entspannt an “Heureka” heran. Und natürlich waren wieder jede Menge großartige Songs enthalten, fein säuberlich gruppiert um die zentrale Textstelle “Du nennst es Pathos, ich nenn’ es Leben”. Kurz darauf hörte ich erstmals die neue Single von The Killers und dachte erst: “Na, wenn sie da mal nicht vom Wendler verklagt werden …” und dann: “Geil”. Anhand von “Human” testete ich, wie oft mein Gehirn den gleichen Song hintereinander erträgt. Sehr oft.

Oasis hatten übrigens auch ein neues Album veröffentlicht. Es war nicht einmal schlecht, nur halt leider auch irgendwie überflüssig, wie fast alles, was die Band nach 1996 veröffentlicht hatte.

In den USA fand eine Präsidentschaftswahl statt. Nachdem ich mir schon für die Vorwahlen halbe Nächte um die Ohren geschlagen hatte, musste ich die Nacht der Nächte natürlich durchmachen. Barack Obama wurde zum Präsidenten gewählt und ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, Geschichte beim Stattfinden zusehen zu können.14 Auf Einladung der Grünen fuhr ich zum Bundesparteitag der Partei in Erfurt, was auch eine Erfahrung für die Box mit der Aufschrift “Erfahrungen” war. Politik und ich, das dämmerte mir schnell, das würde nie etwas geben — schon gar nicht in Form von Basisdemokratie und Diskussionen. In solchen Momenten bekomme ich immer ein schlechtes Gewissen, weil die Weltverbesserung ohne mich stattfinden muss, aber für mich waren ja schon die Diskussionen in den Bands und Redaktionen, in denen ich tätig war, oft eine Herausforderung. Mehr ginge wirklich nicht.

Nachdem ich “The Ice Is Getting Thinner” oft genug gehört hatte,15 fragte ich meine Freundin irgendwann abends beim gemeinsamen Kochen, ob wir eigentlich noch zusammen wären. So richtig nicht, stellten wir fest und beschlossen, dass es vielleicht das Beste wäre, uns einfach als “getrennt” anzusehen. Dann aßen wir das Essen, das wir vorher in den Ofen geschoben hatten. Im Radio sang Kate Nash “My finger tips are holding onto the cracks in our foundation” und ich dachte für einen winzigen Moment, dass es doch eigentlich auch mal ganz nett wäre, wenn mein Leben nicht permanent popkulturell kommentiert würde.

In der Essener Grugahalle, die ich spontan zum schlimmsten Ort ernannt hatte, an dem man Rockkonzerte ausrichten konnte — Beatles hin oder her, fand die Rocknacht des WDR-”Rockpalast” statt, die Jahre zuvor als “Osterrocknacht” irgendwann eingeschlafen war. Neben den Fleet Foxes waren es vor allem zwei Acts, die ich seit neun Jahren immer mal gemeinsam an einem Abend hatte sehen wollen: Ben Folds und Travis. Beide sah ich an jenem Abend zum fünften Mal live, aber Travis gefielen mir sehr viel besser. Nach den Konzerten hatte ich sogar endlich mal wieder einen “Almost Famous”-mäßigen Fan-Moment, als ich Travis am Bandbus abfangen und um Autogramme bitten konnte.

Das beeindruckendste Konzert des Jahres (und auch ansonsten: seit langem) erlebte ich Anfang Dezember in Köln, als ich das britische Duo Nizlopi live sah. Was diese beiden Männer da mit Akustikgitarre, Kontrabass, Human Beatbox und Stimmen auf die Bühne brachten, hatte ich in dieser Form noch nie erlebt. Bei so viel Begeisterung konnte ich sogar darüber hinwegsehen, dass die Kernzielgruppe der Band offenbar Menschen mit Wursthaaren waren.16

Im Radio hörte ich “Old White Lincoln” von The Gaslight Anthem und musste es sofort danach bei iTunes kaufen. Den “Human”-Rekord des meist gehörten Songs des Jahres konnte ich drei Wochen vor Jahresende nicht mehr aufholen und auch das Album habe ich mir leider erst im Januar 2009 gekauft (und erst noch ein bisschen später wirklich zu lieben gelernt), aber das war schon ein Riesen-Song.

Weil wir seit April nicht geprobt hatten, wurde der traditionelle Occident-Auftritt beim School’s Out in Dinslaken zum Solo-Auftritt umgewidmet, erst den letzten Song spielten wir mit der ganzen Band (und mal wieder einem Leih-Gitarristen). Zwar war es längst nicht so voll wie in den Vorjahren,17 aber uns war egal, ob da dreißig Leute standen oder dreihundert. In den einen Song legten wir alle unsere Energie und Leidenschaft und für dreieinhalb Minuten fühlte es sich an wie auf der Bühne des Wembley-Stadions.18 Dass ich hinterher meinte, dieser eine Song sei das Highlight des Jahres gewesen, spricht entweder für meine Band oder gegen das Jahr.

Mit meiner Ex-Freundin verstand ich mich nach wie vor gut. Zu Weihnachten nahm ich ihr ein Mixtape mit den wichtigsten Songs der gemeinsamen fünf Jahre auf — von “Hurricane” über “Half Light” bis zu “Foundations”. Den Abschluss bildeten Muff Potter, die auf „Die Guten“ alles gesagt hatten, was es zu sagen gab: “Es hat mit uns nicht funktioniert / Wir haben es akzeptiert und abgegeben.” Und natürlich: “Und weil ich mich nur selten irr mit Menschen, Mädchen sag ich dir: Wir beide sind die Guten.”

Vor dieser Erkenntnis hatte ein anderes Lied gestanden und es ist deshalb Song des Jahres: Death Cab For Cutie – The Ice Is Getting Thinner

  1. Aufmerksame Beobachter wissen: Einer dieser Songs sollte auch später auf dem Album noch so heißen. []
  2. Das lag allerdings nur zu 15% an uns und zu 85% am Moderator. []
  3. Ja, trotz “The Dark Knight”! []
  4. Den Schweizer Song habe ich mir allerdings anschließend als Download gekauft — er schied natürlich bereits im Halbfinale aus. []
  5. Unter Schreibtischen gelagerte Notizen tragen erfahrungsgemäß wenig zur Verbesserung von Einkommenssituation und Chancen auf den Pulitzer-Preis bei. []
  6. Ich habe einige Preisverleihungen in echt und im Fernsehen verfolgt und bin zu dem Schluss gekommen, dass es außerhalb der Oscar-Verleihung keinen Grund gibt, Preise bei wie auch immer gearteten Zeremonien wegzugeben. Selbst bei den Oscars gibt es oft genug keinen Grund dafür. []
  7. Ich telefoniere ja öfter mit den USA, aber gerade irgendwo unterwegs zu sein und dann auf dem Handy aus New York angerufen zu werden, das hat schon eine gewisse Lässigkeit. []
  8. Mylo – Destroy Rock‘n‘Roll, gebraucht für 5 Euro. []
  9. Es führt eigentlich kein Weg an “We Built This City” von Starship vorbei. []
  10. “Enola Gay” ist übrigens auch ein verdammter Ohrwurm-Garant, wenn man es sich recht überlegt. []
  11. Sind bestimmt privat alles total dufte Menschen, dürfen mich im Gegenzug gerne auch doof finden, aber: Nee. []
  12. Also: Nicht meine ganze Familie, dafür hätte ich in die Jahrhunderthalle laden müssen. Geschwister, Eltern und Großeltern halt. []
  13. Den Namen jetzt nachzuschlagen wäre bei dem Verein wirklich zu viel verlangt. []
  14. Ein Jahr später hat sich die Obama-Begeisterung in der ganzen Welt ja schon wieder weitgehend relativiert — mit Ausnahme des Friedensnobelkomitees, aber das sind alte Männer, die manchmal etwas länger brauchen. []
  15. “Then it saddens me to say / What we both knew was true / That the ice was getting thinner / Under me and you”. []
  16. Zugegeben: So ein bisschen nach Kiffermusik klingen Nizlopi auch. Egal. []
  17. Gleichzeitig stattfindende Weihnachtskonzerte einer bekannten Dinslakener Indie-Band in Köln mögen da einen gewissen Einfluss gehabt haben. []
  18. Ein Vergleich, der zum großen Teil auf Mutmaßungen basiert und nur wenig auf eigenen Erfahrungen. []

A Decade Under The Influence: 2003

Von Lukas Heinser am Montag, 16. November 2009 10:03

Dieser Eintrag ist Teil 4 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

2003 würde ein entscheidendes Jahr werden, da waren meine Freunde und ich uns sicher. In einer Mischung aus Optimismus, Größenwahn und Selbstbeschwörung begann ich mein Januar-Mixtape dementsprechend mit “This Will Be My Year” von Semisonic.

Als ich nach den Weihnachtsferien wieder beim Zivildienst auflief, war eine von den alten Damen, denen ich beim Einkaufen und bei der Gartenarbeit geholfen hatte, gestorben. Eine andere lag im Krankenhaus. Ich begann, mir Sorgen zu machen.

Da ich kurz zuvor angefangen hatte, für den Dinslakener Lokalteil der “Rheinischen Post” zu arbeiten, verbrachte ich meine Abende und Wochenenden jetzt immer häufiger bei Veranstaltungen, zu denen sonst niemand hatte hingehen wollen. Für 15 Euro Pauschalhonorar besuchte ich erst zweistündige Operettenabende und hackte anschließend schlechte 60-zeilige Texte in die Tastatur, in denen Formulierungen wie “gute Laune im Dreivierteltakt” vorkamen. Während ich schrieb, musste ich Metallica hören, um den klebrigen Soundschmonz wieder aus meinen Ohren zu bekommen.

Ich stellte fest, dass es in diesem Internet ja ganz viele Nachwuchsbands gab, die ihre Musik verschenkten, und verfiel den Emo-Hymnen “Saving The End Of Summer” von Estrich Boy aus dem nahe gelegenen Voerde und “Homeservice Black” von Dear Diary aus Gießen. Im “Plattentests”-Forum schwärmte irgendjemand von einer jungen Berliner Band und ich zog erst einmal alles aus dem Internet, was ich von Wir Sind Helden finden konnte. Schon wieder eine deutschsprachige Band, deren Texte bei mir genau die richtigen Nerven trafen, dazu ein Sound, der mich an meine aktuelle Lieblingsband The Sounds erinnerte.

Zu den “knapp daneben”-Geschichten meines Lebens gehört die, wie ich Wir Sind Helden im Februar fast im Kreuzberger Privatclub gesehen hätte, als ich zu Besuch in Berlin war. Ich war nur zu müde/jung/langweilig gewesen, um mich alleine zu diesem Konzert zu schleppen.1 Ich war ja aus ganz anderen Gründen nach Berlin gekommen: zur Berlinale. Letztlich guckte ich mir zwei, drei Filme an, trank mit den Regisseuren Sebastian Schipper und Wolfgang Becker ein Bier, machte ein höllisches Touristenprogramm durch, fand einen Lieblingsplattenladen2, marschierte bei der großen Demo gegen den geplanten Irakkrieg mit, wurde versehentlich zum Paparazzo bei der Echo-Verleihung und besuchte ein Konzert der Smashing-Pumpkins-Nachfolgeband Zwan. Deren Classic Rock fand ich damals ganz großartig und auch wenn ich heute Songs von Zwan höre,3 kann ich die Musik nicht wirklich scheiße finden. Wirklich gut allerdings auch nicht.

Mit zwei Freunden gründete ich eine neue Band. Anfangs zeichneten wir uns vor allem dadurch aus, dass ich bei jeder Probe eine Saite, meist die hohe E-Saite, an meiner Gitarre zerstörte. Die musikalischen Einflüsse hießen (natürlich) Stereophonics, Travis, Oasis und Ash, die Band selbst alsbald Chew Magna. Da ich endlich Geld auf dem Konto hatte,4 machte ich mich auch daran, meinen Führerschein zu machen. Aus diversen Gründen besuchte ich eine Fahrschule in Walsum, was immerhin dazu führte, dass ich meine Fahrstunden im Großstadtverkehr Duisburger Stadtteile wie Marxloh und Meiderich absolvieren musste und so gleich mal auf die Bedingungen der großen, weiten Welt vorbereitet wurde. Dann begann der Irakkrieg.

Kurz vor Ostern war mein letzter Arbeitstag als Zivi. Von den Kolleginnen bekam ich den bis heute einzigen Blumenstrauß meines Lebens, diverse sehr nette Abschiedsgeschenke und mein Chef brachte mich nach hause, nachdem ich mein Dienstfahrrad5 abgegeben hatte. Den Rest des Tages hörte ich euphorische Musik von Readymade, 3 Colours Red und Zwan, ehe ich mich abends mit meinen Freunden zum Biertrinken am Rhein traf. Auf dem Rückweg führte ich mit einer früheren Mitschülerin einen Dialog, in dem sie die Formulierungen “Ich mag dich auch”, “Aber nicht so sehr”, “Freunde bleiben” und “Komm gut nach hause” benutzte. Weil die Zwan-CD immer noch in meinem Discman lag, stand ich zehn Minuten später im Garten meiner Eltern, hörte “Of A Broken Heart” und drehte mich im Mondlicht langsam im Kreis.6

Die nächsten Wochen waren die Emo-Phase meines Lebens: Ich hatte unendlich viel Freizeit, aber niemanden, mit dem ich etwas hätte unternehmen können. Ich saß die halbe Nacht vor dem Computer, chattete mit Menschen, die ich noch nie im Leben getroffen hatte, die aber alles über mich wussten (und ich über sie), und hörte traurige und sehr traurige Musik. Das Mädchen war nach zwei Wochen vergessen, aber die regelmäßige Betrachtung meiner “Donnie Darko”-DVD trug nicht gerade zu einer Verbesserung meiner Stimmungslage bei. Während ich mit dem Führerschein nicht voran kam und darüber nachdachte, wie es in meinem Leben (Studium! Wohnort! Freunde!) weitergehen könnte, hörte ich jeden Abend “Long Gone Before Daylight” von The Cardigans. “Oh it’s healing – bang bang bang”, sang die bezaubernde Nina Persson und wer wäre ich gewesen, ihr zu widersprechen?

Mit den Worten “Wenn Dir kettcar gefallen wirst Du die hier lieben” empfahl mir jemand eine weitere Hamburger Band. Der Sänger konnte nicht singen und forderte, den Namen seiner Mutter zu schreien. Ich beschloss, Tomte ganz, ganz schrecklich zu finden.

Um später korrekte Rentenansprüche zu haben (Ausrufezeichen), hatte man mir beim Zivildienst geraten, mich arbeitslos zu melden. Ich ging also zum Arbeitsamt in Dinslaken und erklärte, dass ich gerade mit dem Zivildienst fertig sei, im Oktober mit dem Studium (egal was, egal wo) beginnen würde und mich jetzt eben fünf Monate arbeitslos melden wolle. Ich bräuchte aber keinen Job, alles sei easy und man solle bei der Vermittlung bitte an die Menschen denken, die wirklich Arbeit suchten. So etwas sei nicht vorgesehen, erklärte man mir und steckte mich in Seminare, die den ganzen Tag dauerten, den Steuerzahler sicherlich teuer zu stehen bekamen, und in denen ich – wie schon drei Mal während meiner Schulzeit – erklärt bekam, wie man eine Bewerbung schreibt. Ich erklärte den freundlichen Sachbearbeitern noch einige Male, man möge sich doch bitte um die echten Arbeitslosen kümmern, aber immer wieder hieß es, darauf habe man keinen Einfluss, ich sei ausgelost worden. Nach dem dritten Gespräch habe ich nicht mehr auf Anrufe und Anschreiben des Arbeitsamts reagiert und für mich beschlossen, dass diesem Land nicht mehr zu helfen war.

Ich bewarb mich – übrigens mit einer Reportage, die zu zwei Dritteln erfunden war – an einer renommierten deutschen Journalistenschule und arbeitete gleichzeitig an einem Plan B. Ich wusste, dass ich das sprichwörtliche Was Mit Medien machen wollte, wollte aber gleichzeitig nicht in irgendeiner Lokalredaktion versauern. Die Hölle von Vereinsjubiläen, Autoschraubertreffen und Gerichtsprozessen wegen sexueller Belästigung hatte ich ja täglich vor Augen, weil ich viel Zeit hatte7 und entsprechend häufig für die Zeitung unterwegs war.

Ich kam endlich in den Genuss eines Wir-Sind-Helden-Konzerts: im Altenberg in Oberhausen. Der Veranstalter erzählte, die Band habe lieber in der kleinen Halle spielen wollen, weil sie Angst gehabt hätte, dass niemand kommt. Der Saal war voll, es war heiß und alle, wirklich alle Besucher sangen die Texte des immer noch nicht veröffentlichten Debütalbums lautstark mit. Die Stereophonics schläferten mich mit “You Gotta Go There To Come Back” über weite Strecken ein, Placebo schliefen mit Geistern, was wesentlich aufregender klang. Im US-Fernsehen (und – Dank modernster Technik – zwei Tage später auch bei mir) lief die letzte Folge “Dawson‘s Creek”. Sie spielte Jahre nach dem eigentlichen Serienfinale (das ich bis heute nie gesehen habe), Jen starb und Joey kam endlich mit Pacey zusammen. Mehr noch als mein eigenes Abitur oder das Ende meines Zivildiensts war der Schluss der Serie für mich ein Signal, dass meine eigene Jugend vorbei war und etwas neues beginnen würde. Sollte.

Mit meinem Bassisten fuhr ich zum Hurricane nach Scheeßel.8 Unterwegs sammelten wir zwei Mädchen ein, die ich im Jahr zuvor beim Haldern kennengelernt hatte. Soundtrack der Hinfahrt waren natürlich “Hurricane” von Something Corporate und “Landungsbrücken raus” von kettcar, dessen Zeile “und dann geht der Fallschirm auf” aufgrund aktueller Ereignisse von uns um das Wörtchen “nicht” erweitert wurde. Das Wetter am ersten Tag (also beim Zeltaufbau) war grauenhaft, ich wollte nur nach hause. Am nächsten Tag begann das Festival mit Starsailor, die mich mit ihren neuen Songs – allen voran “Four To The Floor” – schlicht von den Socken hauten. Es folgten Coldplay, Slut, Blackmail, Nada Surf, Massive Attack, Underworld, Tocotronic und kettcar. Der Auftritt der Counting Crows zählt zu den traumatischsten Festivalmomenten meines Lebens, so deprimierend war die Stadionrockshow der Lederbekappten Altherrenrocker. Dann kamen Radiohead. Ich war begeistert, aber irgendwie fühlte ich mich wie zwei Jahre zuvor auf dem Petersplatz in Rom: Ich wusste, dass ich Teil von etwas Bedeutendem war und alle sich freuten, hier zu sein, aber ich selbst war nur zu 85% ergriffen.9 Zwan hatten übrigens abgesagt, um sich ein paar Wochen später aufzulösen.

Weil ich mich mit einem der mitgereisten Mädchen gut verstanden und immer lange unterhalten hatte, blieben wir über das Internet in Kontakt. Sie hatte gerade ihr Abitur gemacht und genauso viel sinnlose Freizeit wie ich, und so chatteten wir häufig den ganzen Tag und die halbe Nacht miteinander. Wir unterhielten uns über alles mögliche und nach einigen Tagen schickte sie mir ein Zitat aus einem Lied, das sie im Radio gehört hatte: “All the nights we stayed up talking / Listening to 80′s songs / And quoting lines from all those movies that we love / It still brings a smile to my face”. The Ataris hatten unser momentanes Leben mit “In This Diary” wunderbar zusammengefasst und landeten natürlich auf dem Mixtape, das ich für das Mädchen aufnahm.

Bevor irgendetwas anderes passieren konnte, musste ich aber erst mal meinen Führerschein machen. Nach 41 Fahrstunden10 durfte ich endlich zur Prüfung antreten. Die Prüferin (jung und hoch motiviert) ließ mich die gesamten 45 Minuten durchfahren, ehe sie mir erklärte, dass mein Fahrstil noch so unsicher sei, dass ich besser noch mal ein paar Fahrstunden nehmen und mich dann noch mal zur Prüfung anmelden sollte. Bis hierher hatte mich der Führerschein schon knapp 1.700 Euro gekostet, weswegen ich gern weitere 450 Euro investierte, um meinen Kontostand wieder bekannten Gefilden anzunähern. Bei der zweiten Prüfung fuhr ich noch viel schlechter, aber der Prüfer stand kurz vor der Pensionierung und hatte daher wichtigeres zu tun, als mich durchfallen zu lassen — zum Beispiel sich mit meinem Fahrlehrer zu unterhalten. Am nächsten Tag durfte ich endlich den guten alten roten Opel Kadett E meiner Eltern fahren. Während ich Autos gegenüber sonst sehr unemotional bin, war ich dem Kadett tief verbunden.11 Endlich war ich frei, konnte durch die Gegend cruisen und meine eigenen Mixtapes hören. Darauf: The Ataris, Wir Sind Helden, deren Album im Sommer endlich erschien, und Ben Folds, der gerade begonnen hatte, eine Serie von EPs zu veröffentlichen. Im Kino zerstörte “Matrix Reloaded” den kompletten Ruf des ersten “Matrix”-Films und der “Jahrhundertsommer” inspirierte “Bild” zu der unsterblichen Schlagzeile “Kanzler, tu was! Wir kriegen einen Sonnenstich”.

Da ich im Vorjahr ja vier Tickets für Robbie Williams gekauft hatte, aber bisher nur drei an Freunde und mich losgeworden war, begleitete uns mein Vater zum Konzert in der Gelsenkirchener Arena. Gesehen hat man natürlich wenig, aber solche Großveranstaltungen besucht man ja wegen der speziellen Stimmung, nicht wegen der Aussicht. Deutlich entspannter war es da trotz der hohen Temperaturen beim Haldern Pop, das seine zwanzigste Ausgabe mit einem Auftritt von Patti Smith krönte. Außerdem spielte eine langweilige Heulsusentruppe namens Bright Eyes und ein One-Hit-Wonder namens Frank Popp Ensemble. Die Highlights des Festivals kamen aus Skandinavien: Co-Headliner waren die Cardigans,12 größte Überraschung Kaizers Orchestra, die mit ihrer norwegischen Industrial-Polka alle wegbliesen, und Kashmir, die das Publikum im Mondlicht verzauberten. Dinslaken erlebte sein Konzert des Jahrzehnts: Mit den Donots stand eine respektierte Rockband auf der Bühne des Burgtheaters, die von einer Band supportet wurde, von der ich bis dahin immer nur gehört hatte. Nach zwei Songs war ich glühender Verehrer von Muff Potter.13

“Das Internet-Mädchen”, wie mein bester Freund sie nannte, und ich kommunizierten weiter regelmäßig. Weil ich für Journalismus- und Medienwissenschaftsstudiengänge überall abgelehnt worden war, dachte ich mir, ich könne mich ihr doch einfach anschließen und in Bochum studieren. Ende August fuhr ich zur Ruhr-Uni, deren Beton gewordener Rustikal-Charme mich angemessen mit Nieselregen begrüßte. Als ich zur Einschreibung schritt, sang gerade Dave Grohl in meinem Discman die Worte “Ain‘t no turning back / ‘Cause I’m walking the line”. “Nein, Lehramt schließe ich kategorisch aus”, sagte ich bestimmt und war danach (bzw. mit Beginn des Wintersemesters) Student der Anglistik/Amerikanistik und der Germanistik. Ich beschloss, dass mein Englischlehrer und meine Deutschlehrerin vom Gymnasium davon nie erfahren dürften, denn die beiden hatten nun wirklich alles getan, um mich von diesen beiden Fächern abzuhalten. Eine Woche später – “in Deutschland braucht die Liebe Zeit” – traf ich mich mit dem Internet-Mädchen an der Uni, wir küssten uns und wurden ein Paar.

Ende September hatten wir unseren ersten (und einzigen) Auftritt mit Chew Magna. Bei einem “Rock gegen Rechts”-Konzert auf dem Dinslakener Altmarkt fühlten wir uns inmitten der Punk- und Hardcorebands ein wenig wie Starsailor auf dem Ozzfest. Ich weiß nicht mehr, wie die Leute es fanden, aber ich glaube, ich fand‘s nicht so prall. Dafür hörte ich eines Abends im Radio einen Song, der mich fesselte. Er hieß “Die Bastarde, die dich jetzt nach Hause bringen” und machte mich trotz vorheriger heftiger Abneigung sofort zum Tomte-Fan. Nachdem ich dann auch noch “Die Schönheit der Chance” gehört hatte, musste ich das Album haben.

Dann begann das Studium. Das Mädchen, das ich jetzt “meine Freundin” nennen durfte, wenn ich von ihr sprach, und ich sahen uns plötzlich fast täglich. Nach der Einführungsveranstaltung der Anglisten musste sie mich das erste Mal davon abhalten, mein Studium zu schmeißen. Weil ich ja noch nicht wusste, ob mir meine Fächer gefallen würden, hatte ich mit meinen Eltern ausgemacht, während des ersten Semesters von Dinslaken nach Bochum zu pendeln. Das hieß: Morgens im Dunkeln zum Bahnhof, abends im Dunkeln zurück. Im Zug und in der Cafeteria unseres Institutsgebäudes, die man nach zwei Wochen natürlich wie selbstverständlich “Cafete” nannte, hatte ich viel Zeit, um alle verfügbaren Musikzeitschriften und etliche Bücher zu lesen. In meinem Discman liefen zu dieser Zeit vor allem vier Alben rauf und runter: “So Long, Astoria” von den Ataris, “Hinter all diesen Fenstern” von Tomte, “Heute wird gewonnen, bitte” von Muff Potter und “12 Memories” von Travis. Im Nachhinein fällt natürlich auf, dass fast alle Songs auf diesen Alben von Beziehungsenden, dem Ende der Jugend oder schlichtweg von Depressionen handelten. Also genau die Musik, die man halt so hört, wenn draußen alles grau und kalt ist, man selbst aber mit sich und seinem Leben völlig im Reinen ist.

Ich hatte großes Glück mit meinen Dozenten. Teilgebiete, von denen ich noch nie gehört hatte, machten mir Spaß: Phonetik, Varietätenlinguistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Meine Woche und mein Tag hatten wieder eine klare Struktur, auch wenn das hieß, dass ich Montags um Viertel vor Sechs aufstehen musste. An den Wochenenden gingen wir auf Konzerte (Kashmir, Travis, Readymade & Slut) oder trafen uns mit meinen Freunden, wobei sich langsam auch die Jungs aus Dinslaken und Richtung Studium verabschiedet hatten. Auch Blink-182 waren plötzlich erwachsen geworden, sangen mit Robert Smith und veröffentlichten ihr bestes Album.

Dann war auch schon Weihnachten. Ich hatte mir selbst ein großes Grand-Hotel-van-Cleef-Paket, bestehend aus …But Alive, Death Cab For Cutie und Olli Schulz & der Hund Marie, bestellt und begann damit, meiner Freundin den Backkatalog von Ben Folds (Five) zu schenken. Glücklicherweise mochte sie die Musik, was unsere Beziehung für die nächsten Jahre auf ein sicheres Fundament stellte. Man lernte die Familie des jeweils anderen kennen und hatte ein schlechtes Gewissen, die eigene vorzustellen. Silvester verbrachten wir vor dem Fernseher und das erste Video, das MTV im Jahr 2004 zeigte, gehörte zu einem Song, der mich fast das ganze Jahr 2003 über begleitet hatte. Judith Holofernes trug im Video ein Tomte-T-Shirt.

Der Song des Jahres 2003: Wir Sind Helden – Denkmal

  1. In Wahrheit war der Privatclub natürlich auch restlos ausverkauft und ich wäre wohl eh nicht mehr reingekommen. Aber macht das die Geschichte jetzt knapper oder weniger knapp daneben? []
  2. Mr Dead & Mrs Free, Bülowstr. 5, U-Bhf Nollendorfplatz. []
  3. Was außer zu Recherchezwecken für diesen Text äußerst selten vorkommt. []
  4. Durch den Zivildienst, natürlich, nicht durch die “Rheinische Post”. []
  5. Ein Dienstfahrrad ist nichts, auf das man neidisch sein müsste. Zumindest meines war es nicht: Es war halb Silber, halb Rosa und ungefähr alle zwei Wochen war der Hinterreifen platt. []
  6. Es war einer der nicht eben seltenen Momente in meinem Leben, in denen sich Popkultur und Lebenswirklichkeit auf der anderen Seite wiedertrafen. Eine Szene, die ich aus der Verfilmung meines Lebens herausschneiden lassen würde, weil sie mir way over the top und quälend kitschig erschiene. []
  7. Ich hatte sogar so viel Zeit, dass ich mir ein Skateboard kaufte und an den Wochenenden mit meinen Freunden versuchte, darauf zu fahren. Einigermaßen Erfolglos. []
  8. Also: Er fuhr, das mit meinem Führerschein brauchte ja erstaunlich lange. []
  9. Ganz ähnlich erging es mir übrigens mit “Hail To The Thief”, das ich wegen seines Abspielschutzes eh nur selten hörte. []
  10. Wenn ich jemals einen Eintrag im “Guinness-Buch der Rekorde” bekommen sollte, dann wohl nur mit der Zahl meiner Fahrstunden. []
  11. Manchmal war es auch Hassliebe, aber im Großen und Ganzen hat mich der Kadett nie im Stich gelassen. []
  12. Als ich Nina Persson im Pressezelt bat, meine “Lovefool”-Single zu signieren, brach sie angesichts des uralten Fotos in schallendes Gelächter aus und musste erst einmal ihre Bandkollegen in einem Interview stören, um ihnen das Cover zu zeigen. []
  13. Sänger Nagel hat mir Jahre später mal am Rande eines Interviews erzählt, dass das Dinslakener Konzert eines der schlechtesten ihrer Karriere gewesen sei. Wie gut ich die Band wohl gefunden hätte, wenn sie tatsächlich gut gespielt hätten? []

A Decade Under The Influence: 2009

Von Lukas Heinser am Montag, 28. Dezember 2009 10:09

Dieser Eintrag ist Teil 4 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Das Jahr begann mit Schnee, viel Schnee. Als ich am ersten Montag des Jahres morgens zu meiner Vorlesung aufbrechen wollte, hörte ich in den Nachrichten auf WDR 5, dass der Straßenbahnverkehr in Bochum “so gut wie eingestellt” sei. Da die Straßenbahnen auf dem Weg zur Uni schon an normalen Tagen ein verkehrstechnisches Desaster darstellen,1 entschied ich mich gegen die Bildung und für die Naturgewalt.

Ich hüpfte über den zugeschneiten2 Parkplatz vor dem Wohnheim und ging durch die benachbarten Waldgebiete. Alle Erwachsenen, auf die ich traf, hatten ein ähnlich entrückt-begeistertes Grinsen im Gesicht, wie auch ich es gehabt haben muss. Mir begegneten ganze Kindergartengruppen und jede Menge anderer Kinder mit Schlitten. Fast hätte ich gefragt, ob sie mir ihr Gerät für zwei, drei Abfahrten vermieten, aber ich hatte zu viel Angst.3

Dass ich seit Weihnachten einen iPod touch mein Eigen nannte, hatte meine Hörgewohnheiten noch einmal verändert: Musikdownloads waren plötzlich viel attraktiver als früher, weil ich sie ganz einfach auf meinen MP3-Player übertragen konnte. Entsprechend oft kaufte ich dieses Jahr Musik direkt am Computer, Vorzugsweise abends oder nachts.

Musikalisch los ging es erst mal mit den bisher übersehen Höhepunkten des Vorjahres: “The ’59 Sound” von The Gaslight Anthem und “For Emma, Forever Ago” von Bon Iver. Während mir ersteres “nur” sehr gut gefiel, war letzteres eine Art Offenbarung. Seit langer Zeit hatte mich Musik nicht mehr so berührt, hatte ich ein Album nicht so oft hintereinander gehört. Die Akustikgitarren, der Falsett-Gesang von Justin Vernon, die Geräusche und Atmer im Hintergrund — näher an der Musik selbst kann man als Hörer einer Aufnahme kaum sein. Auch nach fast einem Jahr des intensiven Hörens sorgt das Album bei mir immer noch regelmäßig für Gänsehaut.

Neue Musik gab es in Form von ungemasterten neuen Kilians-Songs, die ich unter massiven Sicherheitsvorkehrungen überbracht bekam, um auf ihrer Grundlage die Presseinfo zum zweiten Album zu schreiben. Zwei Songs sprangen mich sofort mit der Wucht eines übermütigen jungen Hundes an: “Hometown”, aus naheliegenden Gründen,4 und “Used To Pretend”, einer der klügsten Songs, der in diesem Jahrzehnt über eine nicht funktionierende Beziehung geschrieben wurde.5

In Washington D.C. wurde Barack Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Ich saß vor meinem kleinen Fernseher und filmte die Live-Übertragung mit meiner Digitalkamera mit — ganz so wie mein Großvater 1963 beim Deutschlandbesuch John F. Kennedys die TV-Bilder mit seiner Super-8-Kamera abgefilmt hatte. Große Geschichte als kleiner, privater Besitz. Die medialen Anspielungen auf Obama und seine Wahlkampagnen nahmen derart Überhand, dass ich ein eigenes Blog für das Thema aufmachte.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen führte ein lokales Veranstaltungstipp-Blättchen ein Interview mit mir. Das veröffentlichte Ergebnis sorgte dafür, dass ich eine Sekretärin einstellen wollte, deren einzige Aufgabe es sein sollte, sporadisch eintreffende Interview-Anfragen abschlägig zu beantworten. Da seitdem nie mehr Interviewanfragen kamen, bin ich froh, auf die sicherlich teure und arbeitsrechtlich schwer wieder loszuwerdende Bürokraft verzichtet zu haben. Als sogenannter Netzwerker arbeitete ich stattdessen einige Monate für den neuen Internet-Auftritt der Wochenzeitung “Der Freitag” und merkte dabei schnell wieder, dass Politik und die daraus erwachsenen Diskussionen kein Betätigungsfeld darstellten, in dem ich mich länger aufhalten wollte.

Mando Diao hauten mit “Dance With Somebody” einen derart gelungenen Indierockschlager raus, dass es eigentlich auch nicht weiter verwunderlich war, dass der Band nach Jahren – und der Abschreibung durch ihre alte Plattenfirma – dann doch noch der richtig große Mainstream-Durchbruch gelang. Den hatten die Kings Of Leon ja auch irgendwie geschafft, obwohl man sie nicht mehr auf dem Zettel hatte. Franz Ferdinand dagegen … Na ja: Die brachten auch ein neues Album raus, das ich allerdings zu selten gehört habe, um es begründet als doof bezeichnen zu können.

Zum ersten Mal sah ich mir eine komplette Fernsehserie auf DVD an:6 Die erste Folge von “Skins” hatte mich so begeistert, dass ich mir direkt die ersten beiden Staffeln bestellte. Das typische Serienjunkie-Gefühl, das ich bisher nur aus Schilderungen anderer kannte, hatte auch mich ergriffen und so lag ich nachts um drei mit meinem MacBook im Bett und sagte mir: “Ach, komm: Nur eine Folge noch für heute …”

Ende Februar flog ich auf Einladung des norwegischen Staates7 zum by:Larm nach Oslo. Drei Tage Konferenz zum Thema Musik und jeden Abend hunderte Konzerte in allen Clubs der Stadt. Oslo war großartig, die Mitreisenden waren sehr nett und es gab ein paar tolle Konzerte: The Alexandria Quartet, deren Debütalbum für mich in die Top 20 des Jahres gehört, die charmant wahnsinnigen I Was A Teenage Satan Worshipper, die wahnsinnig charmante Annie, der orchestrale Ólafur Arnalds, die klaren Headliner The Whitest Boy Alive8 und die schwedische Nachwuchssensation First Aid Kit. Außerdem hörte ich einen Vortrag des Grafikdesigners Stefan Sagmeister, auf den das oft überstrapazierte Adjektiv “inspirierend” zutraf. Eine Reise, die sich definitiv gelohnt hat.

Beim Rock im Saal in Haldern spielten die Kilians mit Enno Bunger und Gisbert zu Knyphausen, die alle auch sehr gut waren. Die Stimmung bei der anschließenden Party war hehr, obwohl Simon den Hartog und ich beide nüchtern bleiben und fahren mussten.9 Saturn haute im Internet MP3-Alben für 4,99 Euro raus und ich kaufte wie ein Wahnsinniger ein — überwiegend Elektronik: Empire Of The Sun, Röyksopp und Pet Shop Boys. Letzteren war mit “Yes” ein phänomenales Pop-Album gelungen, auf dem kein schlechter Song war, aber ein besonders guter: “Pandemonium”. Da ich für einige Artikel für einen Hamburger Großverlag viel unterwegs war, hatte ich auch viel Zeit, neue Musik zu hören. Einige Wochen lang war ich überzeugt davon, dass “Wake Up To America” von Ben Lee der beste Song des Jahres sein würde.

In Essen besuchte ich mein zweites Barcamp, das die Eindrücke vom Vorjahr festigte: Nette Leute, aber doch sehr speziell. Ich hatte begriffen, dass mir Rockkonzerte mehr geben, und war insofern ganz froh, mich gegen die re:publica und für das Konzert der Kilians auf dem Dinslakener Hans-Böckler-Platz entschieden zu haben.

Jener denkwürdige 3. April begann für mich allerdings an meiner alten Schule: Mein Bruder …

Moment, bevor ich weiter schreibe: Ich habe nicht nur einen Bruder, sondern auch eine Schwester, die in dieser Serie bisher sträflich vernachlässigt wurde. Es gibt dafür keinen speziellen Grund, ich sehe meinen Bruder nur ein bisschen öfter und mache dann mit ihm Blödsinn der Sorte, die Brüder halt so machen. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich nicht nur einen tollen Bruder, sondern auch eine tolle Schwester habe.

Mein Bruder jedenfalls hatte seinen letzten Schultag und da ich eh in Dinslaken war, dachte ich mir: “Wann, wenn nicht heute, sollte ich noch mal auf mein Gymnasium gehen?” Mein Vater setzte mich um zwanzig vor Acht an der Schule ab, ich traf mich mit meinem Bruder und seinen Mitschülern auf dem nahe gelegenen Spielplatz und zog in einem Pulk von sechs bis acht Jahre jüngeren Menschen in die Schulaula ein. Keinem meiner früheren Lehrer fiel auf, dass ich gar nicht hierhin gehörte.10 Da ich vermutlich als einziger Mensch unter 50 nüchtern in der Aula saß, war ich vermutlich auch der einzige, der die ausführlichen Ausführungen des Schulleiters zu den Zulassungsmodalitäten und der Prüfungsordnung aufmerksam verfolgte. Anschließend ging es in den Stadtpark, um die Zulassung dort zu begießen. Als ich im nahegelegenen Supermarkt einen Kasten Bier erwerben wollte, um ihn den angehenden Abiturienten zu stiften, musste ich meinen Personalausweis vorzeigen. “Geil”, dachte ich, “auf zehn Jahre jünger geschätzt zu werden, grenzt in dem Alter ja schon an eine Ehre.”

Am Abend rockten die Kilians im Sonnenuntergang Dinslakens größten Platz und spielten dabei vor dem größten Konzertpublikum, das die Stadt außerhalb von Stadtfesten je gesehen hatte.11 Auf die Aftershowparty musste ich leider verzichten, weil meine knapp 27-jährige Begleitung ohne ihren Personalausweis nicht in die Dorfdisco kam.12 Die Geschichten, die ich hinterher über jene Party hörte, könnten mehrere Bücher füllen, die ich allerdings nicht schreiben werde.

Über Ostern guckte ich die dritte Staffel “Skins”, die gerade erschienen war, und fing an, Quasi-Vollzeit fürs BILDblog zu arbeiten, das seit 1. April ein Watchblog für alle deutschsprachigen Medien war. Aus diesem Grund war ich auch zu einem Interview in “Eins Live Plan B” zugeschaltet — mein erstes Interview, bei dem ich das Gefühl hatte, dass der Moderator wusste, was er tat. Vielen Dank, Ingo Schmoll!13

In jugendlichem Übermut kaufte ich mir für acht Euro alle Beethoven-Symphonien als MP3 und verbrachte mehrere Tage damit, Klassik zu hören. Das klang schon sehr beeindruckend, aber langfristig brauchte ich dann doch Texte. Gisbert zu Knyphausen oder Tommy Finke hatten welche, weswegen ich ihnen gerne zuhörte.

Anfang Mai war ich in Münster, um beim “Symposium Oeconomicum” zu sprechen.14 Zwar hatte ich um Wirtschaftswissenschaftler seit jeher einen großen Bogen gemacht, aber das war eine Veranstaltung, die mir Spaß machte und von der ich noch heute zehre.15

Obwohl ich mich bis heute als unpolitischen Menschen sehe, hatte es die Bundesregierung geschafft, dass ich mich annähernd politisch engagierte: Nachdem Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die Unterzeichner einer Petition gegen Internetsperren, zu denen ich gehörte, in die Nähe von Kinderschändern gerückt hatte, war ich bereit, mit Forken und Fackeln gen Berlin zu marschieren und auf den Treppen des Reichstags zu sterben. Letztlich schickte ich dann doch nur eine E-Mail an alle meine Bekannten, in der ich sie aufrief, die Petition ebenfalls zu unterzeichnen und der Politik mal so richtig den Marsch zu blasen. Die Manic Street Preachers lieferten mit “Journal For Plague Lovers” den Soundtrack zu dieser Mini-Revolution und nur sieben Monate später sieht es so aus, als sei das ganze Vorhaben “Internetsperren” ähnlich erfolgreich verlaufen wie alle anderen Vorhaben der damaligen, jetzigen und aller kommenden Bundesregierungen: Geendet im totalen Desaster.

Im Düsseldorfer Zakk sah ich Bon Iver live, eines der beeindruckendsten Konzerte meines Lebens. Teilweise war die Musik so ruhig, dass man das Klicken der Fotoapparate hören (und leise zischelnd verurteilen) konnte. Fast noch beeindruckender war allerdings die Vorband The Acorn aus Kanada. Es passiert nicht oft, dass ich mir bei einem Konzert sofort die CD der Vorgruppe kaufen muss, aber in diesem Fall war es mir ein Bedürfnis. Es hat sich gelohnt.

Ich fuhr mal wieder nach Berlin und erlebte einige wunderbare Tage mit wundervollen Menschen. Irgendwann taumelte ich im Sonnenaufgang zu meiner Unterkunft und musste an “Schwarz zu blau” von Peter Fox denken. Berlin als Wohnort war für mich aber weiterhin undenkbar.

Weil ich immer schon mal wissen wollte, warum ich eigentlich heiße, wie ich heiße, kaufte ich mir “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” von Michael Ende und war begeistert, was für ein spannendes, kluges Buch das eigentlich war. In den USA lief die letzte16 Folge “Scrubs”, die mit einem großartigen Song zu Ende ging: “The Book Of Love” in der Version von Peter Gabriel. Ich brauchte 36 Stunden, bis es die meist gehörte Nummer in meinem iTunes und last.fm war. Meine beste Freundin empfahl mir The Pains Of Being Pure At Heart, die zwar auch sehr gut waren, es aber nicht ansatzweise auf so viele Plays eines einzelnen Titels schafften.

Thees Uhlmann und Simon den Hartog spielten ein gemeinsames Akustik-Konzert in Essen, bei dem sie unter anderem Travis, Glasvegas und The Killers coverten und auf offener Bühne Witze über mich rissen. Die anschließende Party entwickelte sich rasch zu einer der besten Nächte des Jahres.

Um eine alte Familientradition wiederzubeleben, fuhren unsere Eltern mit uns drei Kindern nach Domburg an die Nordsee. Meine Geschwister hatten vorab genaue Pläne aufgestellt, was wir alles tun müssten — statt zwei Wochen wie früher hatten wir diesmal nämlich nur drei Tage Zeit. Und wir haben alles geschafft: Krabbenbrötchen esse, im Meer schwimmen gehen, Radtour, Fritten essen, Kaffee trinken im Strandcafé, Ausflüge nach Middelburg, Vlissingen und Veere, chic Essen gehen, Minigolf spielen … Eigentlich hätte man nach diesem Urlaub erstmal Urlaub gebraucht, aber es war einfach nur wundervoll. Ich stand sogar am Strand und hörte die gleichen Songs, die ich dort vor acht, neun Jahren gehört hatte. Ich war der glücklichste Mensch der Welt.

Vor meinem Kurzurlaub hatte ich meinen Twitter-Account abgeschaltet und ich verspürte nicht das geringste Bedürfnis, ihn wieder einzuschalten. Er fraß zu viel Zeit und ich wollte gar nicht wissen, was irgendein Hinterbänkler in Berlin wieder für einen Unsinn in ein Mikrofon gesagt hatte. Sein Gerede würde keine anderen Folgen haben, außer dass ich mich darüber aufregte. In Holland hatte ich nicht einmal meine E-Mails abgerufen. “Vielleicht”, dachte ich völlig unaufklärerisch, “ist ignorance doch bliss.”

In Köln sah ich die Pet Shop Boys live: Ein unglaubliches Pop-Spektakel, für das sich die 50 Euro Eintritt durchaus gelohnt haben. Als ich zwei Tage später abends noch am Computer saß, kam per ICQ die Nachricht, dass Michael Jackson gestorben sei. Nach einigem Hin und Her auf Nachrichtenwebsites und amerikanischen Fernsehsendern bestätigte sich die Meldung. Ich schaltete das Radio ein, aber auf WDR 2 lief die ARD-Popnacht durch, als sei sie schon vor Monaten aufgezeichnet worden. Bei Eins Live moderierte gerade Jan Delay seine Hip-Hop-Show, die er sichtlich bewegt abbrach, um nur noch Michael-Jackson-Songs zu spielen. Die weltweite Anteilnahme war erstaunlich. Beim Abiball meines Bruders zwei Tage später füllte sich die Tanzfläche sofort, als die ersten zwei Takte von “Beat It” erklangen — nur eine Woche zuvor wäre der Song allenfalls von Hardcore-Jackson-Fans gefeiert worden, jetzt war er eine einzige Gedenk-Demonstration. Ich kaufte mir sogar endlich mal “Thriller” auf CD, hörte in diesen Tagen dann aber doch hauptsächlich “Far” von Regina Spektor.

In Essen fand das Fest van Cleef statt, es spielten Gisbert zu Knyphausen, Muff Potter, Kilians, die fantastischen WHY?, Tomte und Element Of Crime. Nachdem ich mir genug Mut angetrunken hatte, traute ich mich am Ende des Abends endlich, Sven Regener anzusprechen. Nachdem ich einige Interviews mit ihm gelesen hatte, hatte ich einen Heidenrespekt und etwas Angst vor dem Mann, aber er stellte sich als sehr sympathisch und unkompliziert heraus.

Die neue Single der Eels, “That Look You Give That Guy”, kam für mich einigermaßen zur Unzeit, war aber dennoch so gut, dass ich mir zum ersten Mal ein Eels-Album kaufte. Nach vielen Jahren nahm ich mir auch endlich mal meine Ausgabe von Jack Kerouacs “On The Road” vor und war schwer angetan von der Romantik des Unterwegsseins. Weil mein Leben aber kein Roman ist, fing ich doch mal an, nach Wohnungen zu suchen. Ich fand meine absolute Traumwohnung (Altbau, Holzielen, kleiner Erker, …), die natürlich sofort weg war. Aber gut: Wer würde schon in Bochum-Hamme wohnen wollen?

Zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich alleine zum Haldern Pop, wo ich neben dem Auftritt von Bon Iver in der Nachmittagssonne den meisten Spaß bei Fettes Brot und Colin Munroe hatte. In Köln fand mal wieder ein Umsonst-und-Draußen-Festivals statt: Aus Anlass der Computerspielemesse GamesCom spielten Bands wie Rival Schools und Tomte auf dem Kölner Rudolfplatz. Der Soundtrack zu meinem Sommer, ach: meinem Jahr, kam allerdings von The Hold Steady, von denen ich mir inzwischen alle Alben gekauft hatte, und Jack’s Mannequin, deren neues Album „The Glass Passenger“ zu einem treuen Begleiter wurde. Ich hatte neue Leute kennengelernt, neue Freunde ge- und alte wiedergefunden und war jetzt regelmäßig unterwegs. Egal ob mitten in der Nacht oder am nächsten Morgen in irgendwelchen Nahverkehrzügen: Diese beiden Bands waren immer dabei. Selten zuvor hatten Texte – allen voran die von “Boys And Girls In America” von The Hold Steady – besser auf mein Leben gepasst.17

Ich war bei einer Fernsehaufzeichnung zugegen, bei der ich dem SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier die Frage stellte, ob er manchmal noch von Murat Kurnaz träumte. Obwohl es eine quälend langweilige Sendung war, haben das offensichtlich einige Menschen gesehen und erst kürzlich gab mir noch mal jemand die Schuld am späteren Wahlsieg von CDU/CSU und FDP. Noel Gallagher stieg bei Oasis aus und es war mir im Grunde genommen egal.18

Die letzten Sommerwochenenden wurden gebührend gefeiert, zwischen Köln, Dinslaken, Hamburg und Duisburg. Alles war schön und nichts tat weh. In Hamburg interviewte ich James Walsh von Starsailor, der sehr nett, aber auch sehr müde wirkte. Als Vorband beim anschließenden Konzert spielten Oh, Napoleon, deren Debüt-EP mich ein paar Monate später hellauf begeisterte. Eine Woche später sah ich Starsailor in Köln erneut live und feierte anschließend mit einer Handvoll lieber Menschen in meinen Geburtstag hinein. Ich stellte fest: Wenn die Leute stimmen – und man sich in Ehrenfeld bewegt – ist auch Köln gar nicht schlimm. Und Mika fasste das alles wunderbar in einer Aussage zusammen: “We Are Golden”.

Im jugendlichen Überschwang bestellte ich mir das Boxset mit den remasterten Alben von The Beatles und verbrachte einige Tage damit, das Gesamtwerk der mutmaßlich besten Band aller Zeiten durchzuhören. Das kollidierte etwas mit “Immer da wo Du bist bin ich nie”, dem phantastischen neuen Album von Element Of Crime, das auch gebührend gewürdigt werden wollte, und den wunderschönen Folk-Alben von The Low Anthem und Kings Of Convenience.

Nachdem ich lange mit mir gerungen hatte, ob ich in Bochum bleiben oder eine neue Stadt aufsuchen sollte, entschied ich mich – mehr oder weniger aus Faulheit – für Bochum. Ich hatte eine recht okay aussehende Wohnung in einer der urbansten Gegenden der Stadt gefunden. “Forget And Not Slow Down” von Relient K sorgte bei mir mal wieder dafür, dass ich ein Album immer und immer wieder hören musste — und es dann nach zwei Wochen kaum noch auflegte.

In Dinslaken besuchte ich das Konzert von Jacqui Naylor, in Düsseldorf das von John K. Samson. Im Kino liefen die zwei sehr charmanten Liebeskomödien19 “Away We Go” und “(500) Days Of Summer”. Annie und Robbie Williams veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag und sorgten für eine leicht Pop-Überdosis.20 Jay Farrar & Ben Gibbard hatten “Big Sur” von Jack Kerouac vertont und damit ein wundervolles Album voller Fern- und Heimweh geschaffen.

Stefan Niggemeier bekam in Stuttgart den Hans Bausch Mediapreis verliehen, was mit der ersten okayen Preisverleihung einherging, der ich jemals beigewohnt hatte, und anschließend noch zu einem richtig netten Abend wurde. Auf dem Rückweg nach Bochum verabschiedete sich mein iPod, der schon längst nicht mehr derselbe war, den ich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte, in die ewigen Jagdgründe. Seitdem liegt er bei Apple und ich warte darauf, dass ich vielleicht doch noch irgendwann einen neuen bekomme.

Nachdem mich mein kleiner Bruder sachte in das Gebiet des Hip-Hop eingeführt hatte, hörte ich Jay-Z, k-os und – vor allem – Kid Cudi rauf und runter. Während mich die Rockmusik im Jahr 2009 überwiegend kalt gelassen hatte, entdeckte ich bei Hip-Hop, Folk und Elektropop immer wieder etwas Neues, Spannendes.

Die Kilians bekamen mal wieder nicht die “Eins Live Krone”, aber dass sie eine sensationelle Liveband sind, weiß man auch ohne Auszeichnung. Muff Potter, deren neuestes Album mich nicht sonderlich berührt hatte, gingen auf große Abschiedstour und ihr Konzert in Düsseldorf war eine Wucht. Im Gegensatz zu ihrem müden Auftritt beim Fest van Cleef gaben die vier Münsteraner noch einmal richtig Gas und verschafften sich so einen mehr als würdigen Abgang. In Dortmund sah ich Virginia Jetzt! live und obwohl ich eigentlich nur wegen der Vorband Oh, Napoleon gekommen war, war ich auch von der Hauptband schwer angetan. Leider kam die Spielfreude, die die Band live verbreitete, auf ihrem neuen Album kaum rüber. Auf dem Rückweg von Dortmund nach Bochum musste ich am Samstagabend um kurz vor Mitternacht 50 Minuten auf den Zug warten — plötzlich war ich mir sicher, dass das Ruhrgebiet der falsche Ort zum Leben war.

Mitte Dezember war ich noch einmal in Berlin und der Schnee, der überall lag, und eine Häufung von Zufällen sorgten dafür, dass ich innerhalb von 24 Stunden von “ich würde niemals nach Berlin ziehen” auf “ich könnte mir sehr gut vorstellen, in den nächsten Jahren nach Berlin zu ziehen” umschwenkte. Ich beschloss, keine Stadt mehr kategorisch auszuschließen21 und meine neue Wohnung eher als Zwischenlösung denn als Altersruhesitz zu betrachten. Gemütlich werden soll sie natürlich trotzdem.

Kurz vor Weihnachten sah ich im Kino den tollsten Film, den ich je gesehen habe: “Wo die wilden Kerle wohnen”. Die Weihnachtstage mit diversen Familienfeiern verliefen wunderbar ruhig und überraschend friedlich und jetzt – Achtung: Perspektivwechsel! – sitze ich hier und tippe die letzten Zeilen über ein Jahr, das noch gar nicht ganz zu Ende ist, aber das definitiv zu den Besten meines Lebens gehört. Ich habe viel Zeit mit großartigen Menschen verbracht, mit neuen und alten Freunden.

Es hat großen Spaß gemacht, auf die letzten zehn Jahre zurückzublicken, und wenn ich ein bisschen nach vorne schaue, bin ich mir sicher, dass es spannend und ereignisreich weitergehen wird. So eine Renovierung und ein Umzug wollen ja auch erst mal gemeistert werden und überhaupt gilt, was Dirk von Lowtzow auf dem Soundtrack zu “Absolute Giganten” sang:22 “Man muss immer weiter durchbrechen”.

Fehlt noch was? Ach ja: Der Song des Jahres 2009. Weil es so ein sensationell guter Popsong ist, weil mich Album und Band durch das ganze Jahr begleitet haben, und weil die Zeile “There’s chaos everytime we meet” auch noch eine wunderbare persönliche Bedeutung hat: Pet Shop Boys – Pandemonium

  1. Wer auf coffeeandtv.de alle 42 Stellen findet, an denen die Unfähigkeit Bochumer Studenten zum U-Bahn-Fahren thematisiert wird, der darf sich aufmerksam nennen. []
  2. 17 Centimeter Schneehöhe! Hunde, die bis zur Schnauze in der weißen Pracht versanken! []
  3. Davor, dass die Kinder mich zusammenschlagen. Man hört ja immer wieder … []
  4. An dieser Stelle sei allerdings noch einmal erwähnt, dass der Song nicht explizit von Dinslaken handelt – sonst würden ja auch die Grabenkämpfe zwischen Eppinghoven und Hiesfeld thematisiert -, sondern vom Gefühl einer Heimat an sich. []
  5. Für Komplettisten: Die anderen sind “Will The Violins Be Playing?” von Last Days Of April, “Du erkennst mich nicht wieder” von Wir Sind Helden und “The Ice Is Getting Thinner” von Death Cab For Cutie. Der klügste ever ist übrigens “Smoke” von Ben Folds Five. []
  6. Meine Box mit der ersten Staffel “Dawson’s Creek” war nach zwei Folgen irgendwo im Regal gelandet. []
  7. Oder irgendwie so. []
  8. Die kurz darauf auch ein Spitzenalbum veröffentlichten. []
  9. Intime Szenekenner streichen sich diesen Tag rot im Kalender an. []
  10. Eine sehr interessante Erfahrung für das eigene Ego, wenn man jahrelang dachte, bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, und sich das dann als Irrtum herausstellt. []
  11. Schätzung von mir. Wird aber ehrfahrungsgemäß wahr, wenn man es oft genug wiederholt. []
  12. Wenn die Menschheit also eines aus diesem Tag lernen kann, dann, dass Dinslakener unendlich schlecht im Datieren von Menschen sind. Was wiederum einiges über das Aussehen der anderen Dinslakener aussagen muss. []
  13. Das nächste Radiointerview mit MDR Sputnik über mein Obama-Blog war dann allerdings wieder ein Desaster. []
  14. Gott allein weiß, was mich dafür qualifizieren sollte. []
  15. Aus der Reihe: “Formulierungen, die exakt nichts aussagen und die man trotzdem immer schon mal verwenden wollte”. []
  16. Also: Nicht die letzte, sondern die “letzte”, wie man rückblickend sagen muss. []
  17. Bevor jemand die Texte zu aufmerksam nachliest: Pillen habe ich keine geschmissen. []
  18. Ich war nur froh, dass ich nicht zu Rock am See gefahren war, wo die Band dann kurzfristig durch Deep Purple ersetzt wurde. []
  19. Im weiteren Sinne. []
  20. Wobei ich immer noch rätsel, welches 80er-Jahre-Elektropop-Album besser ist: Das von Annie oder das von La Roux. []
  21. Ausnahmen: Koblenz, Dinslaken, Leverkusen und das gesamte Ruhrgebiet. []
  22. Dieser Soundtrack war – und wenn das keine phantastische Klammer ist, dann weiß ich‘s auch nicht – die erste CD, die ich mir im Januar 2000 gekauft habe. []

A Decade Under The Influence: 2004

Von Lukas Heinser am Montag, 23. November 2009 10:04

Dieser Eintrag ist Teil 5 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Wenn ein Jahr beginnt, neigt sich das Wintersemester gerade seinem Ende entgegen, was im Studentenleben heißt: Prüfungen und Klausuren.1 Mir kam das verschulte Bachelor-Studium sehr entgegen, denn alles was ich tun musste, war zu den Veranstaltungen zu gehen und in einer Mischung aus Entspannung und Panik für die Klausuren zu lernen. Die härteste Klausur, das war allen klar, würde die im Kurs “History of the English Language” sein. Dass die Abkürzung “HEL” ausgesprochen wie das englische Wort für “Hölle” klang, konnte einfach kein Zufall sein.

Zu meiner eigenen Überraschung überstand ich alle Klausuren unbeschadet und hatte ab Mitte Februar erst mal wieder zwei Monate frei.2 Ich fuhr zum ersten Mal in meinem Leben nach Hamburg, um dort Freunde zu besuchen und die lokalen Plattenläden leer zu kaufen. In meinem Discman drehten sich zu jener Zeit allerdings einige ältere CDs: kettcar, natürlich, und “Leaving Through The Window” von Something Corporate, zum Beispiel. In Hamburg ereilte mich ein Jahr nach Wir Sind Helden das nächste “Knapp daneben”-Konzert, als ich nicht zum Gig von Mando Diao im Molotow ging.3 Aber ich kannte ja erst zwei Songs der Schweden. Dafür sah ich Miles und Ash live.

Nach einem Semester Pendeln und mehr als zwanzig Jahren Dinslaken sollte ich endlich nach Bochum ziehen. Ich fand ein preiswertes WG-Zimmer in einem Studentenwohnheim, das ich als okayes Provisorium erachtete.4 Internet gab es dort zwar nur noch über Modem,5 aber es gab ja schnelle Zugänge an der Uni und bei meinen Eltern.

Ich packte also alles, was ich hatte, in Kisten und dann in unseren Kadett und richtete mir mein Zimmer ein. “Home is where your record collection is”, hatte mir ein Freund gesagt und Recht behalten. Die umfasste zu jenem Zeitpunkt etwa 250 CDs6 und wuchs stetig. Zum Beispiel um “Burli”, ein Album der Sportfreunde Stiller, das im Nachhinein reichlich egal ist, damals aber eine große Bedeutung für mich hatte. Die Wohlstandskinder klangen inzwischen selbst fast wie die Sportfreunde, waren auf “Dezibelkarate” aber besser als die Originale. Bei einer meiner Umzugsfahrten sangen Ash “I need the sunshine in the morning / I’m heading for the open road” aus meinem Tapedeck, während ich den Kadett im Kreuz Kaiserberg auf die A40 jagte.

Im Radio lief “The Remedy” von Jason Mraz rauf und runter und auch Sophia hatten etwas überraschend, aber verdient einen kleinen Radiohit mit “Oh My Love”. Air hatten sich nach “10,000 Hz Legend” für eine Rückkehr zum altbewährten Schlafzimmersound entschieden und produzierten mit “Talkie Walkie” (und explizit mit der Single “Cherry Blossom Girl”) genau den. Sarah McLachlan rundete den Soundtrack für die emotionaleren Momente im Leben ab. Weil ich inzwischen dazu übergegangen war, einfach alles zu kaufen, was beim Grand Hotel van Cleef erschien, hörte ich auch das Debüt- und bis heute einzige Album von Marr rauf und runter. “Express And Take Shape” gehört zu den Alben, die ich völlig zu Unrecht irgendwann nicht mehr aufgelegt habe.

Wieder einmal erwies sich das Internet als wichtige Quelle für Bandentdeckungen: Straylight Run, die neue Band um John Nolan, den Ex-Gitarristen von Taking Back Sunday, überzeugte mit ihrer Demo, auf der sich vier von sechs Songs als Song des Jahres empfahlen. Aber mit Pianorock konnte man mich ja seit fünf Jahren überzeugen — wenn man nicht gerade Billy Joel hieß.

Rocco Clein war gestorben, einer der Helden von Viva 2. Einen Monat nach seinem Tod spielten dutzende Bands, die ihm (wenigstens zum Teil) ihre Karriere verdankten, beim “Monsters of Rocco” in Köln. Es sollte auch der bis heute letzte Auftritt von Readymade werden, wie die Band kurz darauf bekannt gab. Dafür sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Tomte live. Kurz darauf starb ein Nachbar meiner Eltern und ich ging zum ersten Mal in meinem Leben auf eine Beerdigung.

Mit dem zweiten Semester begann auch mein Praktikum bei CT das radio, dem Bochumer Campusradio. Dass es das überhaupt gibt, hatte ich durch Zufall festgestellt, als ich mich auf der Suche nach einem Klausurenraum mal wieder hoffnungslos an der Uni verlaufen hatte. Als erste Amtshandlung durfte ich eine Straßenumfrage zum Welttag des Buches machen. Seitdem sehe ich diese lustigen Passantenbefragungen im Fernsehen mit den wissenden Augen eines Mitleidenden.

Beim Radio bekam man neue musikalische Trends natürlich noch schneller mit als bei einem Onlinemagazin. An Keane gefiel mir, dass sie – wie damals auch Ben Folds Five – als Popband völlig auf Gitarren verzichteten. “Somewhere Only We Know” war eine dieser hymnischen Mischungen aus Melancholie und Euphorie, wie sie britische Bands zu jener Zeit noch regelmäßig hinbekamen. Cypress Hill sampleten auf “What’s Your Number?” The Clash und waren damit auch für Hip-Hop-Ignoranten wie mich interessant.

Die meisten Konzerte besuchte ich in diesen Wochen interessanterweise in der Dinslakener Nachbarstadt Voerde: In einer ganz kurzen Phase glühte der Club, der als “Rolling Stone” regionale Berühmtheit erlangt hatte, als “Index” und “The Hamburger Schule Club” noch mal kurz auf und holte Bands wie Angelika Express, Blackmail, Tobacco und die italienischen Skatepunker Vanilla Sky an den Niederrhein. Im Vorjahr hatten hier sogar kettcar gespielt.

Im Mai besuchte ich das Immergut-Festival in Neustrelitz, das von vielen als angenehmstes Festival Deutschlands gepriesen wurde. Es tat mir leid, aber das war und blieb natürlich das Haldern Pop am schönen Niederrhein. Für die Jahreszeit war es an der mecklenburgischen Seenplatte deutlich zu kalt, dafür trieben sich dort viele teuflische Mücken herum. Wenn ich gerade nicht am Meckern war, guckte ich mir auch noch ein paar Bands an: kettcar, Tomte, Marr und die phantastischen The Weakerthans, zum Beispiel. Im Rahmen dieses Festivals führte ich auch mein erstes richtiges Interview. Mein Gesprächspartner war Thees Uhlmann von Tomte und obwohl ich natürlich gehört hatte, dass sich Musiker immer darum bemühen, im Interview nett rüberzukommen, und obwohl man in “Almost Famous” ja alles über die gefährliche Nähe von Musikjournalisten und ihren Subjekten erfährt, dachte ich nach drei Minuten unvermittelt: “Wir könnten Freunde werden”.7 Thees gewährte einen Einblick in seine eigenen prophetischen Fähigkeiten, als er auf das “Hinter all diesen Fenstern”-Booklet meiner Freundin schrieb: “Dein Boy muss mal professioneller Musikjournalist werden!” War ja nah dran.

Kaum waren wir vom Immergut zurück, kam die Nachricht, dass die Petition, die eine “Plattentests online”-Kollegin und Thomas Dörschel gestartet hatten, erfolgreich war und Ben Folds zum ersten Mal seit fünf Jahren Konzerte in Deutschland spielen würde. Ich sprang etwa eine Dreiviertelstunde gut gelaunt auf meinem Bett herum, ehe ich in meinen üblichen Verstecken nach Geld suchte, um die Karten für die Konzerte in Berlin und Köln bezahlen zu können.

Ohne “richtiges” Internet im Wohnheim las ich viel (z.B. “The Perks Of Being A Wallflower” von Stephen Chbosky und “Rocktage” von Dana Bönisch) oder sah fern. Überraschenderweise hatte ich nämlich in unserem Kabelnetz einen Musiksender namens Onyx entdeckt. Weniger überraschend war natürlich der Umstand, dass der Sender noch im September 2004 eingestellt wurde. Dafür gab es ja wenigstens noch “Sarah Kuttner – Die Show” auf Viva, wo tatsächlich Bands aus dem Indiebereich noch live im Fernsehen auftreten durften.

Richtig live ging es mit Festivals weiter, beispielsweise mit meinem ersten Bochum Total. Muff Potter waren sehr gut, Virginia Jetzt!8 stellten Songs ihres neuen Albums vor und das, was bei den H-Blockx im Publikum abging, hatte mit Musik wenig zu tun, sondern erinnerte an Naturgewalten, denen man ungern ausgesetzt sein möchte. Aus der Sicherheit des Fotograbens sah das allerdings ziemlich beeindruckend aus.

Beim Olgas Rock in Oberhausen spielten mal wieder Blackmail und Muff Potter, die entsprechend beide auf der Liste meiner meist gesehen Bands kontinuierlich nach oben kletterten. Blackmail-Sänger Aydo Abay schenkte mir nach dem Konzert eine (angeblich seine) Digitaluhr, deren Armband kaputt gegangen war. Die Uhr funktionierte allerdings noch und sie tut es auch heute noch: Zu jeder vollen Stunde piepst es einmal in meinem Schrank, in dem ich sie verbuddelt habe.

Das Ende des zweiten Semesters war vergleichsweise unspektakulär — man hatte sich schnell an die Abläufe gewöhnt. Einigermaßen routiniert bereitete ich mich auf die Klausuren vor, mit einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Blauäugikkeit schrieb ich meine erste Hausarbeit über die Umgangssprache im deutschsprachigen Usenet.

Beim Haldern Open Air, für das ich die Feierlichkeiten zur Goldhochzeit meiner Großeltern verpasste, spielten Starsailor, The Divine Comedy, dEUS, Paul Weller, Keane und Embrace, die nach drei Jahren Pause überraschenderweise mal wieder ein neues Album herausgebracht hatten — das dann auch noch gut war. “Gravity” hatte ihnen ihr Freund Chris Martin überlassen und wurde prompt zum Hit, “Ashes” war in seiner Uptempohaftigkeit so überzeugend, dass 2006 das halbe Nachfolgealbum nach dem Song klang. Ebenfalls zurück kehrten (nach noch längerer Pause) Die Fantastischen Vier, die erwartungsgemäß Radio und Fernsehen dominierten, und Morrissey, der den ganzen jungen Hüpfern mit “First Of The Gang To Die” mal eben zeigte, wie Coolness im Jahr 2004 zu klingen hatte.

Mein eigener Discman wurde dominiert von einer jungen, schottischen Band namens Franz Ferdinand, die plötzlich aufgetaucht und schon riesengroß waren, und von einer weiteren GHvC-Veröffentlichung: “Glass Floor” von Maritime. Der Indiepop des Trios um den Ex-The-Promise-Ring-Sänger Davey von Bohlen passte wunderbar zu meinem sorgenfreien Sommer und auch das Konzert im Kölner Gebäude 9 war ganz wunderbar. Über Wochen hatte ich einen Ohrwurm von den Bläsern in “Someone Has To Die” und als der Song ein halbes Jahr später in der Inszenierung von “Romeo und Julia” im Bochumer Schauspielhaus erklang, wäre ich fast jubelnd aus meinem Theatersessel gesprungen. Während Wilco mit “A Ghost Is Born” ein Album veröffentlichten, das ich bis heute vielleicht zwei Mal gehört habe, hörte ich mich mit fast beunruhigender Intensität an ihrem fünf Jahre alten Album “Summerteeth” fest, das ich gerade erst für fünf Euro im Plattenladen entdeckt hatte.

Im September wollte ich mit meiner Freundin ein paar Tage Urlaub machen und so fuhren wir in den Ort, an dem ich quasi jeden Urlaub meines Lebens verbracht hatte: nach Domburg. Dieser Umstand ist psychologisch vermutlich höchst interessant. Während sie sich in einem tollen kleinen Plattenladen das langerwartete neue Album von Soulwax kaufte, holte ich erst mal bisher Verpasstes nach und erstand den Vorgänger “Much Against Everyone‘s Advice”.

Zum Geburtstag bekam ich die Tocotronic-Tourtagebücher von Thees Uhlmann und dachte: “Was für ein kluger, witziger Mann das ist!” Bei der aufmerksamen Lektüre diverser Musikzeitschriften vertiefte ich mich immer tiefer in die Hintergründe einer Band, die gerade offensichtlich dabei war, auf ganz große Weise zu scheitern: The Libertines. Die Geschichte der befreundeten Genies, von denen eines immer wieder abstürzte und sich gegen seine Freunde und sich selbst wandte, rührte und interessierte mich, noch bevor ich einen Ton vom Album gehört hatte. Als ich dann “Can’t Stand Me Now” hörte, jenen Song, der das ganze Drama um die Band so lässig und wunderschön zusammenfasste, wusste ich, dass ich das Album haben musste. Klar, dass die Band sich dann schneller auflöste, als man “What Became Of The Likely Lads?” fragen konnte.

Neue Alben erschienen auch von R.E.M. und Jimmy Eat World. Nun werden R.E.M. vermutlich niemals ein schlechtes Album veröffentlichen, aber so richtig spannend war “Around The Sun” im Rückblick dann auch nicht. Immerhin hat es sich besser gehalten als “Futures” von Jimmy Eat World, das ich 2004 sogar zum Album des Jahres ernannte, das aber letztlich nur der letzte Halt vor der endgültigen Bon-Jovi-Werdung der einst großen Band war. Für sich genommen immer noch ein okayes Album, aber im Kontext der Bandgeschichte total egal. Über “Lifeblood” von den Manic Street Preachers wollen wir an dieser Stelle diskret schweigen.

Das bis heute wichtigste Album, das ich mir 2004 gekauft habe, kam aus dem Vorjahr und war “Give Up” von The Postal Service. Mein erster Kontakt mit deren Musik war der Trailer zu “Garden State” gewesen, in dem “Such Great Heights” prominent zum Einsatz kam. Irgendwann fiel mir dann auch ein, woher mir der Sänger bekannt vorkam: Es war natürlich Ben Gibbard von Death Cab For Cutie. Anfangs habe ich das Album gar nicht so oft gehört, aber es zählt heute zu den wenigen Alben dieses Jahrzehnts, die ich auch mit großem zeitlichen Abstand noch regelmäßig höre.9

Im sogenannten Optionalbereich, in dem man fürs Bachelor-Studium an der Ruhr-Uni auch Kurse belegen musste, wollte ich einen Italienischkurs absolvieren. Dafür stand ich eines Freitagmorgens um Viertel vor Sechs mit vielen, vielen Kommilitonen, die teilweise direkt dort übernachtet hatten, im Keller unseres Institutsgebäudes in langen Schlangen und durfte Nummern ziehen. Um kurz nach acht war ich auf der Warteliste des entsprechenden Kurses. Die Anmeldemodalitäten für den Optionalbereich haben sich im folgenden Semester übrigens geringfügig verbessert: Man durfte zuhause vor seinem Computer sitzen und abwarten, ob der Server den Ansturm überstehen würde. Das war natürlich etwas bequemer, als an der Uni zu campieren.

Im Internet stieß ich auf die neuen Bands der restlichen Ben-Folds-Five-Mitglieder: Robert Sledge spielte jetzt Bass bei einer Band namens International Orange, Darren Jessee hatte Hotel Lights gegründet. Ich schrieb ihm eine E-Mail und versprach, mich für Airplay und Promotion in Deutschland stark zu machen, und er schickte mir ein Exemplar des Debütalbums zu. Auf CT liefen Hotel Lights erst ein gutes Jahr später, denn ich war noch nicht in die Musikredaktion vorgedrungen. Nach meinem Praktikum arbeitete ich erst mal in der Kulturredaktion und produzierte Beiträge über Bücher. Ben Folds musste seine Europakonzerte Krankheitsbedingt auf das folgende Frühjahr verschieben.

Zwei der besten Alben des Jahres gingen an mir zunächst völlig vorbei, obwohl ich bei ihren Singles zunächst “geiler Song” gedacht hatte. Aber seltsamerweise konnten mich 2004 weder “Rebellion (Lies)” noch “Somebody Told Me” zum Erwerb der Debütalben von Arcade Fire bzw. The Killers bewegen. Im Spätherbst stieß ich aber auf ein anderes Debüt, das mich schlichtweg aus den Schuhen haute: “Raum um Raum” von Jupiter Jones. Die Mischung aus roher Energie (Diese Stimme! Die Double Bassdrum!) und Poesie (Hermann Hesse! “Hebt die Gläser für John Keating”!) war etwas, was ich in dieser Form noch nie erlebt hatte. Legte ich die CD in Dinslaken auf, fragte mein Vater, was das denn für Krach sei. Ich antwortete, das sei vielleicht das beste Album des Jahres.10 Das Debüt von Straylight Run erschien und war – gemessen an den unfassbar hohen Erwartungen nach dem Demo – eher enttäuschend.

Irgendwann war Weihnachten und es hatte sich bereits eine gewisse Routine eingestellt, was gegenseitige Elternbesuche anging. Das Studentenleben war längst Normalität geworden und auch an die (fast) eigene Wohnung hatte ich mich inzwischen gewöhnt — zumal es dort jetzt endlich immerhin auch ISDN gab. Ein Jahr ging zu Ende, das sicherlich ein gutes, aber auch ein trotz allem unspektakuläres gewesen war. Erwachsen war – und bin – ich noch lange nicht, aber ich hatte eine Ahnung bekommen, wie sich das anfühlen könnte.

Und der Song des Jahres? Das war jetzt wirklich die bisher schwierigste Entscheidung — weil es einerseits viele gute Songs gab, andererseits aber keinen, der das Jahr für mich geprägt hätte. Aber letztlich wurde das Musikjahr 2004 doch dominiert von der traurigsten Geschichte, die der Indierock in dieser Dekade erlebt hatte: dem Zerfall der Libertines.11

Und so ist mein Song des Jahres 2004 ihr Vermächtnis: The Libertines – Can‘t Stand Me Now

  1. Ich habe erst kürzlich verstanden, dass es wohl zahlreiche Studiengänge gibt, in denen man während des ganzen Semesters Prüfungen hat. Hat wohl alles seine Vor- und Nachteile. []
  2. Die so genannten Semesterferien sollten später deutlich arbeitsintensiver werden, aber die ersten grenzten wirklich an Ferien. []
  3. Dass auch dieses Konzert ausverkauft war und ich mutmaßlich nicht hereingekommen wäre, sei auch an dieser Stelle ausgeklammert. []
  4. Ich bin gerade im Moment dabei, aus diesem Zimmer auszuziehen, was entweder für meine Unfähigkeit oder meine Genügsamkeit spricht. Oder für beides. []
  5. “Sprechen wir wirklich über das Jahr 2004?” – “Ja, tun wir. Sei still, Unterbewusstsein!” []
  6. Ich habe, um beim Aus- und Wiedereinräumen der CD-Regale den Überblick zu halten, eine Skizze angelegt, aus der ich heute auch ablesen kann, dass sich meine Sammlung in knapp sechs Jahren verdreieinhalbfacht hat. []
  7. Dass exakt das der Titel von Uhlmanns Tocotronic-Tourtagebüchern war, war mir damals nur unterbewusst klar. []
  8. Virginia Jetzt! und ihr “Dreifach schön” habe ich bei meinem 2003-Text übrigens völlig vergessen. Kommt dann in die überarbeitete Auflage. []
  9. Anders als bei den 1990er Jahren, wo etliche Alben erschienen, die auch heute noch etwa ein Mal im Monat höre — „Automatic For The People“ oder „Definitely Maybe“, zum Beispiel. []
  10. Warum ich dann bei den Jahrespolls trotzdem für Jimmy Eat World stimmte – und zwar bei Album und Song (“Kill”) – ist mir bis heute schleierhaft. []
  11. Ob es nicht genau dieser Zerfall war, der die Band so legendär gemacht hat, und ob sie sich mit einem dritten, vierten Album nicht in die schier unendliche Reihe der Bands einsortiert hätten, denen in diesem Jahrzehnt nach anderthalb Platten die Ideen ausgingen, darf gerne bei ein paar Gläsern Gin diskutiert werden. []

A Decade Under The Influence: Abspann

Von Lukas Heinser am Dienstag, 29. Dezember 2009 10:10

Dieser Eintrag ist Teil 5 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

The producers wish to thank (in a somehow chronological order):

Mathias Z., Benjamin K., Thomas K., Sebastian B., Matthias B., Jochen T., Karl-Horst L., Armin L., Oliver D., Susanne Sch., Peter O., HwaYoun P., Benjamin S., Christian K., Martina R., Miriam M., Marc H., Yildiz G., Stefanie N., Samuel S., Johannes B., Christopher H., Philipp K., Hans-Peter Sch., Karl-Heinz T., Wolfgang L., Silvana F., Bianca T., Sibylle H., Harald F., Sebastian J., Gerd B., Sebastian D., Kathrin G., Nina P., Benedikt J., Ralph K., Susan V., Herbert G., Nina G., Martina D., Pavel A., Cordula P., Sebastian K., Björn T., Hans-Christian Sch., Thees U., Reimer B., Darren J., Simon R., Marcus W., Ina-Simone M., Thomas D., Benjamin F., Janine P., Matthias E., Jan T., Sonja B., Benjamin G., Nicholas H., Sandra Z., Katrin J., Martha B., Christoph K., Nicholas M., Sascha E., Gordian Sch., Simon H., Dominic L., Arne Sch., Michael Sch., Christian Sch., Thorsten N., Thorsten B., Ingeborg W., Nina P., Mark O., Daniel C., Bianca Sch., Lena N., Felix G., Fabian B., Andre S., Danny S., Gerne P., Dennis B., Oliver K., Max Sch., Timo B., Thomas B., Henrike H., Andre P., Stefan T., Christoph B., Wolfgang H., Helga H., Beatrice K., Jens H., Neil H., James B., Arndt P., Thomas H., Madeleine C., Jacqui N., Giovanna G., Julie W., Louis Sch., Todd H., Charles K., Heinz M., Jens M., Merle R., Stefan N., Christoph Sch., Heiko D., Charlotte R., Malte W., Astrid L., Markus S., Edward M., Stefan E., Simon B., Sascha L., Daniel F., Thomas K., Günter C., Jana W., Gregor M., Jörg H., Djure M., Roger W., Jörg K., Frederic G., Ulrike T., Sven R., Gernot P., Felix Sch., Thomas D., Teresa B., Caroline D., Rahel S., Arvid B., Andreas W., Sascha S., Tim K., Fiete K., Britta B., Annika K., Sina F., Christian I., Stephan U., Christian S., Stefan L., Simon F., Marcel S., Justus H., Anton A., Anna H., Ingo Sch., Ben R., Katrin L., Peer Sch., Lena R., Eileen O., Petra T., Jan-Lukas J., Christoph L., Till R., Rainer O., Ingo P., Sebastian B., Anika H., Sebastian B., Thomas F., Corinna S., James W., Matthias H., Hilmar B., Arthur K., Josh J., Philipp S., Britta S., Mario S., Michael R., Bernd F., Mischa-Sarim V., Daniel E., Katharina Sch.

Ich danke meiner Familie — may Gotzlow be with you!

Und natürlich meinen Lesern!

Hoffentlich hab ich niemanden vergessen …

Nachtrag, 14:05: Ich hatte tatsächlich was vergessen: Den Titelsong bzw. Namensgeber der Serie:

A Decade Under The Influence: 2005

Von Lukas Heinser am Montag, 30. November 2009 10:05

Dieser Eintrag ist Teil 6 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Das Jahr begann mit der Promo-CD zum heißest erwarteten Album des Jahres.1 Es kam aus Hamburg, hieß “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” und stammte von kettcar. Den Presseinfo-Schreibwettbewerb verlor ich zwar im Fernduell – völlig zu Recht – gegen einen der wenigen Männer, gegen den ich mit Freuden verliere,2, aber dafür konnte ich die Platte bis zur offiziellen Veröffentlichung im März schon mal tot hören. Das Album unterschied sich insofern vom Debüt, als die meisten Texte deutlich positiver und euphorischer klangen, aber es war auf seine Weise wieder sehr gut. Noch heute kriege ich eine Gänsehaut, wenn Marcus Wiebusch in “Balu” fragt: “Ich werd’ immer für dich da sein / Bist Du dabei?”, und die ganzen persönlichen Geschichten zu und um “Nacht” werde ich irgendwann mit 50 vielleicht mal bei einem Glas Rotwein am Kamin erzählen.

Bevor “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” tatsächlich erschien, versuchten andere Künstler sich schon mal im Rennen ums Album des Jahres zu positionieren. Tocotronic drangen auf “Pure Vernunft darf niemals siegen” in höchste Höhen und tiefste Tiefen vor und bewiesen mit “Gegen den Strich”, dass man in einem deutschsprachigen Popsong durchaus Oscar Wilde und Joris-Karl Huysmans zitieren kann. Die Bright Eyes machten einen auf Guns N’ Roses und veröffentlichten an einem Tag zwei Alben. Während das elektronische “Digital Ash In A Digital Urn” ziemlich an mir vorbei ging, wurde “I’m Wide Awake It‘s Morning” mein ständiger Begleiter. Hatte ich mit Conor Obersts vorherigen Arbeiten wenig bis gar nichts anfangen können, trafen mich seine Folksongs diesmal direkt ins Herz. Ich erinnere mich, das Video zu “Lua” mehrfach nachts im Musikfernsehen gesehen zu haben, auch wenn ich keine Idee habe, auf welchem Sender dies geschehen sein könnte. …And You Will Know Us By The Trail Of Dead knallten mir ein Album vor den Latz, das ich bis heute nicht verstanden habe: Mir will einfach nicht einleuchten, wie da aus roher Energie liebliche Popsongs erwachsen konnten. Und doch: “And The Rest Will Follow” würde sicher auch meiner Oma gefallen. Irgendwie.

Im Kino lief “Hautnah” mit Natalie Portman, Julia Roberts, Clive Owen und Jude Law und brachte mir die Musik von Damien Rice näher, dessen Album “O” ich anderthalb Jahre zuvor als “langweilig bis quälend” beiseite gelegt hatte. Auch den Killers widmete ich jetzt endlich meine volle Aufmerksamkeit und verfiel Songs wie “Mr. Brightside”, “Jenny Was A Friend Of Mine” und “Smile Like You Mean It”. Hype-Thema der Stunde aber waren – neben kettcar, die es immerhin in die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”, die “Tagesthemen” und schließlich auch zu “Polylux” schafften – natürlich Bloc Party. Deren durchaus schwungvollen Rocksongs waren noch an mir vorbeigegangen, aber als das schwelgerische “So Here We Are” auf BFBS lief, musste ich zugreifen.

Mein Fernsehkonsum war erheblich gestiegen, was zum einen “Sarah Kuttner – Die Show” lag, wo man fast alle Bands, deren Platten man kaufen wollte, auch live im Fernsehen bewundern konnte, zum anderen an “O.C., California”. Gut zwei Jahre nach dem Ende von “Dawson’s Creek” hatte ich wieder eine unterhaltsame Jugendserie, die ich mir ansehen konnte, und eine Identifikationsfigur sondersgleichen: Seth Cohen hatte tatsächlich Plakate von Death Cab For Cutie und Ben Folds über seinem Bett hängen. Die Storylines waren (zumindest in den ersten zwei Staffeln) okay und die Dialoge bisweilen brillant.

Die Stereophonics brachten mit “Dakota” ihre beste Single seit mindestens sechs Jahren heraus, vermutlich sogar die beste ihrer ganzen Karriere. Wir Sind Helden meldeten sich mit “Von hier an blind” zurück und veröffentlichten darauf endlich den Song, den alle Downloadfans der ersten Stunde schon fürs Debütalbum erwartet hatten: “Nur ein Wort”. “Wenn es passiert” toppte das alles für mich persönlich aber noch mal um ein ganzes Stück.

In den Semesterferien schrieb ich mit einem Engagement, das mich selbst überraschte, eine Hausarbeit über die Kirchenlieder Martin Luthers. Ich würde diese Arbeit heute als Höhepunkt meiner akademischen Laufbahn bezeichnen, denn konzentrierter und wissenschaftlicher habe ich nie gearbeitet — nicht mal an meiner B.A.-Arbeit. Zum Lohn gab es auch die beste Note meiner ganzen Uni-Karriere.

Um endlich das Theologie-Studium zu haben, das ich mir immer gewünscht hatte,3 entschied ich mich als Referatsthema in meinem Italienisch-Blockseminar für den Vatikan im Allgemeinen und Papst Johannes Paul II. im Besonderen. Da der Heilige Vater schon während der Osterfeierlichkeiten schwer krank und abwesend gewesen war, hoffte ich inständig, er werde wenigstens durchhalten, bis ich mit meinem Vortrag an der Reihe war. Am Donnerstagvormittag erzählte ich also meinen Kommilitonen irgendetwas, das ich selbst nur halb verstand, und dachte anschließend: “Na ja, dann kann er ja jetzt abtreten.” Am Abend des selben Tages berichtete n-tv in Breaking News, dass sich der Gesundheitszustand des Kirchenoberhauptes jetzt aber dramatisch verschlechtert habe. Etwa 48 Stunden später sagte auf RTL ein überraschend unvorbereiteter Praktikant in die Kamera, dass der Papst soeben gestorben sei. Es dauerte einige Tage, bis ich mich nicht mehr ganz so verantwortlich fühlte. Auf ewig werde ich meinen ersten toten Papst mit Schnappi und dem dazugehörigen Kind verbinden, denn die standen gerade bei der Echo-Verleihung auf der Bühne, als das Bild einfror und RTL in sein Nachrichtenstudio umschaltete.

Im Mai wurde ich Moderator bei CT das radio, was zur Folge hatte, dass ich nun mindestens einmal in der Woche um 5.40 Uhr aufstehen musste, um die “Frühschicht” zu moderieren. Der Vorteil war natürlich, dass man jede Menge heißer neuer Singles spielen musste und so ziemlich genau wusste, was gerade angesagt war. “Apply Some Pressure” von Maxïmo Park war so ein Fall, “Daft Punk Is Playing At My House” von LCD Soundsystem, “Hey Man (Now You’re Really Living)” von den Eels oder “Unsinkbar” von Astra Kid, zum Beispiel.

Auch Ben Folds veröffentlichte ein neues Album — “Songs For Silverman” überzeugte mich nicht ganz so wie “Rockin’ The Suburbs”, war aber dafür wieder mit einer richtigen Band eingespielt. Die stand dann auch mit auf der Bühne, als ich Folds nach fast sechs Jahren des Wartens Anfang Juni endlich live sah. Das Konzert in Berlin war für mich eines der Emotionalsten, das ich jemals erlebt habe. Nach der Show wartete ich mit meiner Freundin, einem Österreicher und einem Israeli, der extra für das Konzert angereist war, an der Zufahrt zur Columbiahalle. Gemeinsam schafften wir es, die Aufmerksamkeit von Bassist Jared Reynolds zu erregen, der gerade auf dem Weg zum Auto war. Ein paar Minuten voll Small Talk und Autogrammeschreiben durch das geschlossene Tor später kam the man himself vorbei, bat, das Tor zu öffnen, und so standen wir zu viert andächtig um Ben Folds herum, der erzählte, wie er während seines Studiums in Wien Falco auf der Straße gesehen hatte (er verband das mit einer beeindruckenden Falco-Imitation), allein für mich vier Tonträger unterschreiben musste und bereitwillig für Erinnerungsfotos posierte. Als er dann noch zusagte, unsere Wünsche für das Kölner Konzert am folgenden Abend zu berücksichtigen, war das Fan-Erlebnis meines Lebens in Marmor gemeißelt.4

Unterdessen hatten auch drei meiner Lieblingsbands neue Alben herausgebracht: Coldplay entschwebten auf “X&Y” ein wenig in ferne Sphären, fanden aber noch genug Zeit, um dabei Singles wie “Fix You”, “Talk” und “The Hardest Part” aus dem Ärmel zu schütteln. The Wallflowers schlossen auf “Rebel, Sweetheart” qualitativ wie akustisch an “Bringing Down The Horse” an, während Oasis auf “Don’t Believe The Truth” zwischen allen Stühlen saßen und sich an Quasi-Covern von The Velvet Underground und den Stranglers versuchten. Der beste Oasis-Song des Jahres kam aber eh von Sugarplum Fairy und hieß “Sweet Jackie”. Billy Corgan brachte ein irrelevantes Soloalbum raus und kündigte pünktlich zu dessen Veröffentlichung per Zeitungsanzeige an, die Smashing Pumpkins wieder vereinigen zu wollen.

In der Uni-Buchhandlung entdeckte ich erst ein preisreduziertes Mängelexemplar von “Wenn man einen weißen Anzug anhat” und dann meine Begeisterung für Max Goldt, dessen bisher erschienenes Gesamtwerk ich binnen weniger Wochen verschlang, ehe ich es wieder von vorne begann. In meiner WG zogen die zwei Mitbewohner aus, mit denen ich ein Jahr mehr schlecht als recht gehaust hatte, und ich entschied mich unter den zahlreichen Kandidaten, die sich für die Zimmer vorstellten, zielsicher für diejenigen, mit denen ich in den folgenden Jahren am wenigsten Worte wechseln und über deren Sauberkeit (also deren mangelnde) ich mich am meisten aufregen können würde. Dafür hatte ich auch in der WG jetzt endlich wieder DSL. Gerade rechtzeitig, bevor ich in die Musikredaktion bei CT eintrat und endgültig alle Musik direkt in den Rachen geworfen bekam. Zunächst durfte ich die Sendung “Rockaway Beach”, die eigentlich für Punk und Alternative vorgesehen war, mit der Mädchenmusik beschallen, die ich gerne hörte, kurz darauf bot man mir auch noch die Leitung der Musikredaktion an. Ich war zu überrascht, höflich und scharf auf noch mehr CDs, um das Angebot auszuschlagen.

In Oberhausen fand das erste Area 4 statt. Mit ein paar Freunden fuhr ich von Dinslaken aus zum Festivalgelände und sah mir die Beatsteaks und Nine Inch Nails von einem Wall außerhalb der Abzäunung an. Als kettcar im Zelt zu spielen begannen, fragten wir Besucher, die das Gelände verließen, ob wir ihre Karten haben könnten (mit denen kam man nämlich wieder rein). Sie sagten, sie seien selbst über den Zaun geklettert und keine Minute später sprangen wir auch schon über ein Baustellengitter und schlugen pünktlich zu “Landungsbrücken raus” im Zelt auf. Um das Gewissen zu beruhigen, nahm ich aber beim Auftritt von System Of A Down noch ein paar überteuerte Festival-Getränke zu mir.

Durch extrem geschicktes, frühzeitiges Booking hatte das Haldern Pop mit Franz Ferdinand (die Älteren werden sich erinnern) und Mando Diao (ja, die gab‘s damals auch schon) zwei der populärsten Headliner seiner Geschichte. Das Festival war natürlich entsprechend früh ausverkauft, aber was “ausverkauft” beim Haldern heißt, konnte man erst bei Mando Diao sehen: Offensichtlich befanden sich zum ersten (und bisher einzigen) Mal alle Besucher gleichzeitig auf dem Alten Reitplatz, denn so voll habe ich es dort wirklich sonst nie erlebt. Ich selbst saß während des Konzerts allerdings im Pressezelt, denn das Wetter, das während des ganzen Festivals für knöcheltiefen Schlamm und entsprechende Laune gesorgt hatte, ließ sich auch nicht von ein paar schwedischen Halbstarken irritieren. Bei Franz Ferdinand drehte sich Josef Winkler (of “Musikexpress” fame) bei einem der Songs vom neuen Album zu mir um und sagte sehr bestimmt: “Was für ein doofes Lied!” Aber es gab ja noch Art Brut, The Robocop Kraus, Kaiser Chiefs, Nada Surf, Kaizers Orchestra, Phoenix, Tocotronic und The Polyphonic Spree, was – mit einigen Jahren Abstand betrachte – immerhin zum zweitbesten Haldern-Line-Up nach 2001 taugt. Mit Moneybrother, der auch dort spielte, führte ich mein erstes englischsprachiges Interview, das erstens nach fünf Minuten vorbei war und zweitens so unfassbar schlecht lief, dass ich es einmal in voller Länge im Radio sendete und die entsprechende Minidisc5 danach mit einem großen Hammer löschte.

Die nächsten Interviews ließen sich besser an: Jupiter Jones erwiesen sich als sehr nette und lustige Zeitgenossen und das Interview mit Death Cab For Cutie, bei dessen Zusage ich mich noch gefragt hatte, wie ich wohl die vereinbarten zwanzig Minuten mit Fragen füllen sollte, dauerte letztlich über eine halbe Stunde, während derer Ben Gibbard und Nick Harmer sogar ihr Essen kalt werden ließen.6 Besonders in Erinnerung blieb mir auch der Versuch des US-Amerikaners Harmer, eine deutsche Mineralwasserflasche ohne Flaschenöffner zu öffnen. Während man amerikanische Kronkorken durchaus abdrehen kann (außer, man ist ich), zieht man sich an ihren deutschen Verwandten unschöne Schürfwunden zu.

Aber überhaupt Death Cab: Die veröffentlichten mit “Plans” ein Album, dessen ganze Größe mir erst im Laufe der folgenden Jahre klar werden sollte. “Marching Bands Of Manhattan” und “Soul Meets Body” fand ich von Anfang an toll, aber die Qualität von Songs wie “I Will Follow You Into The Dark” oder “Your Heart Is An Empty Room” erkannte ich erst mit der Zeit.

Da das Tapedeck im Autoradio meines Kadetts (der natürlich weiterhin meinen Eltern gehörte und in Dinslaken stand) kaputtgegangen war, ersteigerte ich bei eBay ein neues Autoradio, das sogar einen Aux-Eingang hatte. Bevor ich mir die nötigen Adapterstecker besorgen konnte, um das Gerät in das 17 Jahre alte Auto einzubauen, brachten meine Eltern das Auto zum TÜV, der erstaunt fragte, ob das Auto wirklich bisher noch nicht auseinander gefallen sei.7 Ich durfte eine letzte Abschiedsrunde mit dem Kadett drehen, der mich als Kind jahrelang sicher in den Sommerurlaub getragen hatte und mir in den zwei Jahren seit meiner bestandenen Führerscheinprüfung zum treuen Freund, Umzugs- und Festivalbegleiter geworden war. Im Radio lief “Bad Day” von Daniel Powter. Mit Kloß im Hals lieferte ich mein Baby am Schrottplatz ab und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Meine Art, Musik zu hören, änderte sich rapide, als ich endlich Windows XP auf meinem Rechner hatte und daher iTunes nutzen konnte. Zwar dauerte es im Groben etwa ein halbes Jahr, bis ich alle MP3s richtig getaggt hatte,8 aber dafür hatte ich jetzt alles mit einem Klick griffbereit. Im September bezahlte ich zum ersten Mal Geld für einen Download. Die goldene Plakette gebührt “Bochum (Light Up My Life)” von Six By Seven, weil ich den Song sonst nirgendwo fand und sofort hören wollte.

Die mögliche Fortsetzung seiner Regierung sabotierte Gerhard Schröder am Abend der vorgezogenen Bundestagswahl selbst, als er öffentlich einen Endorphinschock erlitt, von dem sich das deutsche Volk nicht vor 2013 erholen dürfte. Etwas ruhiger ging es zu, als ich mich nach fünf Jahren von “Plattentests online” verabschiedete — bis heute der einzige echte Schlussstrich, den ich je bei einem “Arbeitgeber” gezogen habe.

Nachdem ich über vier Jahre immer wieder im elterlichen Keller eigene Songs aufgenommen und unter dem Projektnamen Occident auf CDs gebrannt hatte, hatte ich mich im Sommer im Überschwung für ein Akustik-Konzert im Dinslakener ND-Heim angemeldet und Occident zu diesem Zweck mit zwei guten Freunden zur Band aufgebaut. Unser Plan, die beste Dinslakener Band aller Zeiten zu werden, erhielt einen erheblichen Dämpfer, als mir mein kleiner Bruder wenige Tage vor unserem ersten Konzert ein paar MP3s vorspielte.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft lief in etwa so ab:
Er: “Hier, hör Dir das mal an. Sind Freunde von mir!” (drückt auf “Play”)
Ich: (Mund klappt auf) “Wow.” (Pause) “Klingt wie Strokes. Und die sind so alt wie Du, ja?”
Er: “Ja.”
Ich: “Hammer. Wie heißen die?”
Er: “Die haben noch keinen Namen, die suchen gerade einen.”
Ich: “Sag Bescheid, wenn sie einen haben. Dann spielen wir die im Radio.”

Unser eigenes Konzert lief dann aber auch ganz gut. Hinterher kam einer der Gitarristen dieser noch namenlosen Band auf mich zu und meinte, dass ihm das Konzert gefallen habe. Ich bedankte mich artig und antwortete: “Ich hab Euer Demo gehört. Das ist richtig geil und wenn ich die Kohle hätte, ein eigenes Label aufzumachen, würd’ ich Euch sofort signen!”9

In Sachen “Musiker treffen” hatte ich kurz darauf ein Date mit den Cardigans. Nachdem die Plattenfirma Interviewort und -termin immer wieder leicht umdisponiert hatte, stellte mir ein Promoterin schließlich die Frage, ob es mir etwas ausmachen würde, nur mit Nina Persson zu sprechen. Ich versuchte, möglichst nebensächlich mit “Nö” zu antworten und saß zwei Minuten später alleine in einem (komplett verglasten) Raum mit einer der tollsten Frauen im ganzen Musikgeschäft. Die ersten Minuten verliefen extrem krampfig, aber dann taute Frau Persson langsam auf und wir unterhielten uns recht nett über die neue Platte “Super Extra Gravity”, deren Poster immer noch bei mir im Zimmer hängt.10 Starsailor stellten ihr neues Album “On The Outside” mit einem Konzert im Kölner Gloria vor und begeisterten mich mit ihren Uptempo-Songs “Keep Us Together” und “In The Crossfire”.

In meiner ersten Abhörsitzung11 als Musikchef brachte ich eine selbstgebrannte Demo-CD aus Dinslaken mit und sagte: “Das hier ist der neueste heiße Scheiß! Wir werden diese Band auf alle Fälle spielen, aber Ihr dürft entscheiden, mit welchem Song.” Man einigte sich schnell auf “Jealous Lover”, aber weil der Mensch die Abwechslung liebt, war der erste Song von The Kilians,12 der jemals in den Äther geblasen wurde, “At All”. Am Donnerstag, 13. Oktober 2005, gegen 21.50 Uhr in der Sendung “Rockaway Beach” auf CT das radio. Eine Woche später sah ich die Band zum ersten Mal live und war mir sicher: Die werden mal richtig groß. Ich lernte die Bandmitglieder kennen und ein paar Väter und ältere Brüder, die Musiker und Equipment zum Konzert nach Bochum fahren mussten, weil: Waren halt alle noch blutjung.

Die etwas prominenteren Songs im CT-Programm kamen im Herbst 2005 von Nada Surf (“Always Love”), Stars (“Your Ex-Lover Is Dead”), Jens Friebe (“Kennedy”), dem Black Rebel Motorcycle Club (“Weight Of The World”) oder Annie (“Heartbeat”). Und natürlich von James Blunt, dessen “You’re Beautiful” ich bis zum 42. Durchlauf für eine schöne Popnummer hielt, ehe ich den Song mit einer Leidenschaft zu hassen begann, die seltsamerweise James Blunt vorbehalten ist. Tokio Hotel ignorierte ich einfach, weil ich mir sicher war, dass 22 nicht das Alter war, in dem man noch nachzuvollziehen versuchen sollte, was die Jugend so bewegt.

Mich bewegten dagegen Muff Potter, deren neues Album “Von wegen”13 nach leichten Anlaufschwierigkeiten bei mir rauf und runter lief. Es ist ein schroffes, aber alles umarmendes Album, das so sperrige Themen wie Nationalstolz (dagegen!), Familie (dagegen!), Prügeleien (dafür, wenn es um so wichtige Sachen wie Liebe geht!) und Liebe (Schlachtfeld) völlig unpeinlich und sehr poetisch anpackte. Und als wäre das nicht alles schon toll genug gewesen, bescherten mir Sänger Nagel und Schlagzeuger Brami als Gäste bei “Rockaway Beach” noch eine der besten Sendungen meines Lebens. Für den eher mittelmäßigen Kinofilm “Keine Lieder über Liebe” hatte sich ein Art Grand-Hotel-All-Star-Band zusammengefunden, in der Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch Gitarre spielten, während der Schauspieler Jürgen Vogel dazu sang. Die Hansen Band funktionierte, trotz aller angebrachter Skepsis gegenüber singenden Schauspielern und Supergroups, ganz wunderbar. Element Of Crime rundeten die Sammlung der hochwertigen deutschsprachigen Alben des Jahres mit “Mittelpunkt der Welt” ab.

Robbie Williams hingegen schaffte als erster Künstler die Sensation, dass ich ein Album rundherum ablehnte, obwohl ich Fan war. Bis dahin hielt ich es für ein Ding der Unmöglichkeit, mich mit neuen Songs zu enttäuschen, aber “Intensive Care” ließ mich fassungslos zurück.14 Dafür hatten ja die Sugababes ein überaus knackiges Popalbum veröffentlicht, dessen Singles (allen voran “Push The Button”) zurecht überall rauf und runter liefen.

Zu einem Zeitpunkt, als alle anderen Best-Of- und Unplugged-Alben auf den Markt warfen, veröffentlichten a-ha heimlich, still und leise “Analogue”, ihr vielleicht bestes Album. Auch Pete Doherty veröffentlichte gut ein Jahr nach dem Ende der Libertines sein erstes Album mit den Babyshambles. Es war mir ziemlich egal, denn zum einen wollte ich die Libertines, zum anderen hatte ich mich in bewährter John-vs-Paul-Manier auf die Seite von Carl Barât geschlagen.

Irgendwie schaffte ich es trotz meiner Quasi-Vollzeitstelle bei CT auch noch, weiter zu studieren. Nachdem ich mich vier Semester mehr oder weniger durch Anglistik gequält hatte, fand ich in einer Vorlesung über die britische Schauerromantik endlich ein Thema, für das ich mich richtig begeistern konnte. Zwar las ich – wie gewohnt – keines der Bücher, das auf der Lektüreliste stand, aber bei den Romanen, die ebenfalls noch grob zum Genre zu zählen waren, kämpfte ich mich mit großer Begeisterung durch “Gegen den Strich” von Joris-Karl Huysmans.15

Größte Überraschung löste ich bei einer Plattenfirma aus, als ich um ein Interview mit Mark Owen bat. “Den spielt Ihr?”, fragte die Promodame erstaunt und ich hatte plötzlich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich “How The Mighty Fall”, das aktuelle Soloalbum des Damals-noch-Ex-Take-That-Sängers, für eine außerordentlich gelungene Popplatte hielt. Der kleine Ex-Teenieschwarm erwies sich bei unserem Treffen als sehr angenehmer Gesprächspartner, der auch dann noch höflich blieb, als ich ihn im Auftrag mehrerer Freundinnen nach der Handynummer von Robbie Williams fragte.16 Noch heute erzähle ich Frauen zwischen 20 und 30 gerne die gleichermaßen überraschend wie belanglose Anekdote, wie ich von Mark Owen einen Kaffee gebracht bekam. Auch sein anschließendes Konzert im Kölner Prime Club war trotz der vielen mittelalten Friseusen im Publikum (O-Ton meine Freundin) sehr gut.

Eine Woche später stand ich mal wieder mit meiner inzwischen zum Quartett herangewachsenen Band auf einer Dinslakener Bühne, um das traditionelle “School’s Out” zu rocken. Ich war auch eigentlich ganz zufrieden mit unserem Auftritt, aber was ich ein paar Stunden später erlebte, ließ mich wieder in einer Mischung aus Neid, Bewunderung und schierem Unglauben zurück: Die Kilians spielten ihr Publikum trotz widrigster organisatorischer und technischer Umstände in Grund und Boden und die Leute gingen so ab, dass beim Stagediven in dem knapp 2,50 Meter hohen Raum sogar Scheinwerfer von der Decke gerissen wurden. In irgendeinem Schuhkarton muss noch eine Videokassette von dem Auftritt liegen, auf der man mich mit offen stehendem Mund neben der Bühne hocken sieht. Die Band selbst fand ihren Auftritt übrigens unter aller Sau.

Bevor dann endlich wirklich Weihnachten war, versuchte ich mit meinem Kollegen Daniel Chur noch mal eben schnell Rundfunkgeschichte zu schreiben, indem wir am 23. Dezember die siebeneinhalbstündige Livesendung “Die fast heilige Nacht” moderierten.17 Wir spielten on air Blockflöte, bestellten uns das Pizzataxi ins Studio und spielten das seltene Gesellschaftsspiel “Stollenwettessen”, in dessen Verlauf wir beinahe auch noch zum ersten Moderatorenduo geworden wären, das live im Radio erstickt.

Je mehr Musik ich innerhalb eines Jahres gehört habe, desto schwieriger wird es meist, sich am Ende für einen Song zu entscheiden, der das Jahr geprägt hat. Gerade 2005 war ein so ereignis- und abwechslungsreiches Jahr, dass ich mich schwer für einen Favoriten entscheiden kann. “Always Love” von Nada Surf eröffnete damals meinen Jahressampler und es ist sicher immer noch ein wunderbarer Song. Und doch habe ich beim Schreiben dieser Episode gemerkt, dass kein Zweifel daran bestehen kann, welche Band 2005 für mich ausgemacht hat.

Und deshalb ist mein Song des Jahres 2005 natürlich der angeblich erste Song, den Simon den Hartog je geschrieben hat — was ich ihm neidzerfressen eigentlich kaum glauben kann, ihm aber andererseits jederzeit glauben will: The Kilians – Fight The Start

Meine Fresse, war das ein Akt, die Originalfassung von der selbstbetitelten EP bei YouTube zu finden. Zum Vergleich: Hier die spätere Version vom Debütalbum.

  1. Also dem von mir heißest erwarteten Album. Global betrachtet blieb es natürlich bis zur endgültigen und enttäuschenden Veröffentlichung im November 2008 “Chinese Democracy” von Guns N’ Roses. []
  2. Fängt mit “T” an und hört mit “hees Uhlmann” auf. []
  3. Ich hatte während meines Zivildiensts sehr kurzzeitig ernsthaft erwogen, Pfarrer zu werden. []
  4. Folds hat in Köln dann tatsächlich “Eddie Walker” und “Lullabye” gespielt — extra für meine Freundin und mich. Nach so einem Erlebnis sollte man entweder sterben oder alle weiteren Fan-Ambitionen aufgeben. Ich entschied mich, weiterzuleben, und habe seitdem keine nennenswerten Fan-Erfahrungen mehr gemacht. []
  5. Die Techniknostalgie, die ich beim Schreiben dieser Serie erlebe, überrascht mich selbst. Ich meine: Minidisc?! []
  6. Ich hätte den Fisch mit leuchtend blauer Sauce allerdings auch nicht angerührt. []
  7. Falls Interesse besteht: Das Radio habe ich immer noch. Es liegt seit viereinhalb Jahren ungenutzt in einem Pappkarton. []
  8. Im Feinen stolpere ich nahezu täglich noch über unvollständige Tags. []
  9. Wenn man so will, war das natürlich der bedeutendste “knapp daneben”-Moment meines ganzen Lebens: Ich hätte die Jungs sofort ein Papier unterschreiben lassen sollen, mit dem sie mir auf Lebenszeit ihre Seelen verkaufen. Da zeigt sich wieder, wie ungeeignet ich fürs Musikbiz bin. []
  10. Signiert, natürlich. Ein bisschen Rest-Fandom muss erlaubt sein. []
  11. Abhörsitzungen beim Radio sind genau das, was der Name verspricht: Musikredakteure sitzen um eine kleine, billige Stereoanlage herum und hören sich neue CDs an. Viele CDs. Sehr viele. []
  12. Damals noch eine richtige “The”-Band mit Artikel! []
  13. Bis heute lässt die Band offen, ob es “Von wegen” oder “Von Wegen” heißt — ein einfache Wortspiel als großes Rock’n'Roll-Mysterium. []
  14. Mit der Zeit konnte ich mich immerhin an “Advertising Space” und “Sin Sin Sin” gewöhnen. []
  15. Natürlich primär, weil Harald Schmidt das Buch irgendwann einmal in seiner Sendung erwähnt hatte, und es allein in diesem Jahr von Tocotronic und den Babyshambles popkulturell gefeatured worden war. []
  16. Er sagte, er habe sie, würde sie aber nicht rausgeben. []
  17. Außer meiner Mutter hat glaube ich niemand die komplette Show verfolgt. []

A Decade Under The Influence: 2006

Von Lukas Heinser am Montag, 7. Dezember 2009 10:06

Dieser Eintrag ist Teil 7 von bisher 11 in der Serie A Decade Under The Influence

Es gibt Jahre, da überlegt man am Ende (oder Jahre später, wenn man einen Text über das entsprechende Jahr schreiben will), was denn wohl der wichtigste Song oder die wichtigste Platte des Jahres gewesen sein könnte. Und dann gibt es Jahre, da kann es gar keine Diskussionen geben: Alles fügt sich ganz selbstverständlich zusammen und auch ein größerer zeitlicher Abstand kann den Entscheidungen nichts mehr anhaben. Aber ich fang’ mal besser vorne an …

Am 5. Januar 2006 kam in der CT-Redaktion die Promo zum neuen Tomte-Album an. Am Abend hörte ich die CD einmal, danach war sie über Wochen in meinem Discman eingesperrt — bis die Promo durch die reguläre Ausgabe von “Buchstaben über der Stadt” abgelöst wurde. Nie in meinem Leben hatte mich ein Album schneller und unmittelbarer berührt.

Ein paar Tage später stiegen die Kilians mit “Jealous Lover” auf Platz 4 der Campuscharts ein. Ich hatte damit ausnahmsweise nichts zu tun, denn eine Kollegin hatte den Song vorgeschlagen und die Hörer (bzw. die mobilisierte Dinslakener Dorfjugend) hatten ihn gewählt. Eigentlich wollte ich die Lokalredaktion der “Rheinischen Post” nur auf die Geschichte stupsen, aber nach einem kurzen Telefonat befand ich mich mitten in einer völlig skurrilen Nummer, die mit Journalismus exakt gar nichts mehr zu tun hatte. Gegen Geld (20 Cent pro Zeile) schrieb ich einen ganzseitigen Artikel über meine Freunde und Radiokollegen. Heute würde ich das natürlich nicht mehr machen,1 aber für die Band hat es sich gelohnt: Eine Woche später stiegen sie sogar auf Platz 3 der Campuscharts, eingekeilt zwischen – und wenn das kein Zeichen war, weiß ich‘s auch nicht – Tomte auf 2 und The Strokes auf 4.

Die New Yorker Kilians hatten gerade selbst ihr drittes Album rausgebracht — in Deutschland bekloppterweise noch am 30. Dezember des Vorjahres. So richtig kicken konnte es mich nicht, aber “You Only Live Once” war schon eine sehr, sehr gelungene Single. Auf CT machte ich eine Jahresvorschaushow, in der ich die kommenden großen Acts des Jahres vorauszusagen versuchte. Leider verlor ich den Zettel mit der Playlist und konnte so nie überprüfen, ob ich Recht gehabt hatte. Little Man Tate und die Arctic Monkeys waren allerdings dabei, glaube ich.

Am 31. Januar spielten Tomte im Zakk in Düsseldorf. Weil ich dachte, meinen alten Grand-Hotel-Kumpel Simon Rass, dem ich auch schon mal ein Hotel-Lights-Demo zugesteckt hatte, dort zu treffen, hatte ich eine Kopie der Kilians-EP gemacht und mitgenommen. Aber Simon war nicht da und so kam es, dass ich Thees Uhlmann noch vor unserem Interview die CD mit den Worten “kannste ja mal reinhören, wennde magst” in die Hand drückte. Ich würde ja glaub ich jemanden töten, der mir das Demo seiner Kumpels andrehen will, und Thees hat mir Jahre später auch glaubhaft versichert, er habe weder davor noch danach jemals in ein Demo reingehört. Aber dieses eine legte er sofort auf, sagte nach vier Takten “Ja, top!”,2 skippte in Track 2 rein und fragte, ob wir die Musik im Hintergrund laufen lassen könnten. “Äh, nee, ist ein Radiointerview”, sagte ich und führte anschließend ein sehr, sehr schönes Gespräch mit dem Mann. Zum Abschied sagte er: “Wenn ich die Musik morgen noch gut finde, sign‘ ich die Band!”, ich dachte: “Ja, laber!” und ging ins Publikum, um mir ein sensationell gutes Tomte-Konzert anzusehen. Am nächsten Morgen ging ich völlig übermüdet zur Uni und schrieb meine erste Einser-Klausur.

Im Februar sah ich die Kilians drei Mal live und sie waren jedes Mal sehr gut. Bei einem Nachwuchswettbewerb in Oberhausen schieden sie als Viertplatzierte in der Vorrunde aus, was mich persönlich als Rockwettbewerbhasser sehr glücklich machte. Eine Woche später stand ich mit Occident mal wieder selbst auf der Bühne: Unser erstes Konzert außerhalb Dinslakens fand ebenfalls in Oberhausen statt, im legendären Druckluft. Ich glaube, es war unser bestes Konzert überhaupt, was auch daran gelegen haben könnte, dass es an dem Tag stattfand, als ich nach zweiwöchiger Erkältung zum ersten Mal wieder sprechen konnte. Ich klang wie Bono und die Leute stehen auf so was.

Josh Ritter veröffentlichte mit “The Animal Years” eines der meist übersehenen Alben des Jahrzehnts, das mit “Wolves” noch dazu einen der besten Songs des Jahres enthielt. Placebo waren auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und hauten mit “Meds” ein Gänsehautalbum raus: Rohe Energie, unendliche Trauer und noch ein paar andere Stimmungen fügten sich zu einem Album zusammen, das sich dennoch wunderbar auf Repeat durchhören ließ. Vega 4 gaben nach über drei Jahren mal wieder ein Lebenszeichen von sich und stellten einen neuen Song auf ihre MySpace-Seite: “You And Me” hatte ordentlich Schwung und die Stimme von John McDaid warf mich um Jahre zurück in die Zeit meines Abiturs. Weil man den Song auch direkt herunterladen konnte, haben wir ihn danach sofort auf CT gespielt, was mutmaßlich nicht im Sinne der Plattenfirma war, die die Single erst ein halbes Jahr später veröffentlichte. Dafür lief der Song wenigstens mal irgendwo.

Bei einem Radiokonzert der Campusradios NRW schrammelte sich Walter Schreifels durch Songs seiner sechs Milliarden Bands (u.a. Walking Concert, Rival Schools, Quicksand und Gorilla Biscuits) und verbreitete puren Spaß an der Freude. Weil bei einer Ticketverlosung im Sender irgendwas schief gelaufen war und ich Konzertkarten nicht beim Verfallen zusehen kann, begleitete ich zwei Kolleginnen eher widerwillig zum Konzert von Danko Jones in der Bochumer Zeche. Mit weit aufgerissenen Augen und ebensolchem Mund beobachtete ich diese unglaubliche Rock‘n‘Roll-Show und stürmte am nächsten Tag in die Redaktion, um das aktuelle Album “Sleep Is The Enemy” dem Archiv zu entreißen und für die nächsten Wochen in meinem Discman zu verstauen.

Thees Uhlmann hatte die Kilians gefragt, ob sie Tomte bei einigen ihrer Konzerte supporten wollen würden — und das, ohne die Band auch nur ein Mal live gesehen zu haben. Sie wussten zwar nicht so genau, wer Tomte eigentlich war, aber sagten zu. Weil ich erst noch eine mündliche Prüfung über Fastnachtsspiele des 15. Jahrhunderts ablegen musste, konnte ich nicht bei allen Konzerten dabei sein, aber schon am nächsten Morgen flog ich von Düsseldorf nach Nürnberg, um mich dem Bandtross in Erlangen anzuschließen. Genaueres über diese vier Tage – etwa die Anekdote, wie wir 500 Kilians-EPs nachbrennen mussten, und die Antworten auf die Fragen, wer Sex mit wem hatte und warum ich den Backstagebereich der Centralstation in Darmstadt vollblutete – werden Sie in meiner Bandbiographie “Ich küsste den Mann vom ‘Neon’-Cover auf die Stirn, bevor er Wodka-O aus dem Deckel einer Rohlingspindel trank“ (Arbeitstitel) nachlesen können, die im Jahr 2025 im Suhrkamp-Verlag erscheinen wird. Es waren vier unglaublich intensive, tolle Tage, an denen ich Jungs auf offener Bühne ihre Gitarrengurte wieder an die Instrumente stöpseln musste, ihnen im Eiltempo neue Saiten aufgezogen habe und – so viel Pathos muss erlaubt sein – mit einigen der besten Menschen zusammen war, die ich je kennengelernt habe. Wenn mir nichts mehr bleibt, habe ich immer noch diese Geschichten, die ich meinen Enkeln erzählen kann. Danke dafür.

Trotz all der Schönheit rammte mir Thees Uhlmann jeden Abend einen Dolch ins Herz: Immer, wenn er in “Schreit den Namen meiner Mutter” bei “Und du sagtest: Da ist zuviel Krebs in Deiner Familie / Da ist zuviel Angst in meiner Welt” ankam, zuckte ich zusammen, denn ich wusste, dass zur selben Zeit ein sehr lieber Verwandter in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet lag und vom “größten Wichser in unserem Land” (Zitat Uhlmann), dem Krebs, aufgefressen wurde.

Vier Tage Tour reichten, um mich fürs Rock’n'Roll-Leben anzufixen. Cameron Crowe hatte mit absolut allem recht behalten, was er in “Almost Famous” erzählt hatte. Ich war als Nichtraucher körperlich abhängig geworden vom Zigarettenrauch und die ersten Stunden, die ich nach meiner Rückkehr alleine war, fühlten sich an wie der kalte Entzug in “Trainspotting”. Kontrastprogramm kam glücklicherweise in Form des Hochschulballs, den ich als Mitglied der Chefredaktion des Campusradios besuchen musste. Ich hasse Anzüge wie sonst nur Trikots des FC Bayern München, aber ich musste da durch, um in Wurfweite von Schirmherr Norbert Lammert repräsentativ auszusehen. Es war ein völlig absurder Abend, aber glücklicherweise entdeckte unsere Truppe schnell kostenlose Alkoholvorkommen.

Embrace hatten ein neues Album veröffentlicht, aber SonyBMG kam nicht mal auf die Idee, dieses auch in Deutschland auf den Markt zu bringen. Das Internet ermöglichte es mir, die CD für einen Spottpreis aus Asien kommen zu lassen, und ich fand sie – wie eigentlich immer – gut. Der Frühsommerhit kam von Gnarls Barkley und hieß so, wie er klang: “Crazy”. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ gewann ein gewisser Tobias Regner und ich handelte mir einen Riesenärger mit fast allen Kollegen ein, als wir in der Musikredaktion beschlossen, seine Single “I Still Burn” etwa 20 Mal in der Woche laufen zu lassen. Ich würde gerne behaupten, dass ich auch heute noch zu der Entscheidung stehe und dass man Menschen nicht verstoßen sollte, nur weil sie eine Castingshow gewonnen haben. Die Wahrheit ist: Der Song ist kacke. Ich würde jedem Menschen Keile unter die Fingernägel rammen, der mit so einer bescheuerten Idee ankäme, und mein Verhalten ist unentschuldbar. Um so schöner, dass die Kollegen, die mich damals angeschrien haben, heute immer noch mit mir reden.

Newcomer der anderen Art gab es beim Nachwuchswettbewerb einer großen deutschen Brauerei, der in der Bochumer Zeche stattfand. Mit in der Jury saß: Thees Uhlmann, mit im Publikum waren: die Kilians, gewonnen haben: Black Rust. Ich dachte mir, dass es schon erstaunlich viele gute Nachwuchsbands gibt, was sich ein paar Wochen später noch mal bestätigte, als ich in meiner Funktion als Musikchef selbst in der Jury bei einem lokalen Rockwettbewerb saß. Aber Nachwuchswettbewerbe bleiben “Bäh”, und bei solchen Wettbewerben Jurymitglied zu sein ist “Iiihpfuibähmachdasweg”. Geht gar nicht.

Ebenfalls für CT fuhr ich zu einer Demo gegen Studiengebühren in Düsseldorf und beobachte fassungslos, wie Teile der Demonstranten erst grundlos Polizisten beleidigten und dann völlig sinnlos Absperrungen durchbrachen und Straßenkreuzungen blockierten. Es wirkte, als habe eine Schülertheatertruppe 1967/68 nachspielen wollen. Währenddessen putzte sich Deutschland heraus, als ob es 1936 nachspielen wollte.

Ich wollte die Fußball-WM und alles, was mit ihr verbunden war, hassen. Die Deutschlandfahnen an den Häusern, die Deutschlandwimpelketten in den Straßen, ganz Deutschland um mich herum. Da war ich dann plötzlich wieder ganz bei den Punks und hörte “Deutschland Has Got To Die”.

Nun ja: Ich bin eben vor allem Fußballfan und so dauerte es keine sechs Minuten, bis meine ganzen Vorsätze in Trümmern lagen. Philipp Lahm schoss das 1:0 für Deutschland im Eröffnungsspiel und ich sprang genau wie meine Freunde um mich herum auf und brüllte “Jaaaaaa”. Und als Olli Neuville, “mein” Kapitän und erklärter Lieblingsspieler, dann in der 90. Minute gegen Polen den entscheidenden Treffer machte, war für mich natürlich alles klar. Irgendwann saß ich mit einem sechzig Zentimeter hohen Deutschlandhut vor dem Fernseher und fand es nicht mal mehr absurd.

Auch wenn ich fast keines der WM-Spiele verpasste (was auch so sensationelle Erlebnisse wie das 0:0 meiner eigentlichen Lieblingsmannschaft Schweden gegen Trinidad und Tobago enthielt), ging der Rest meines Lebens irgendwie auch noch weiter. Die Dirty Pretty Things hatten ihr Debütalbum veröffentlicht und gemeinsam mit einer Kollegin bastelte ich in einer Ausgabe von “Rockaway Beach” aus den besten Songs von “Waterloo To Anywhere” und den besten vom Babyshambles-Debüt ein neues Libertines-Album. Die Blink-182-Nachfolgeband Angels & Airwaves blies mich mit ihrer Pathosgetränkten Fünf-Minuten-Single “The Adventure” völlig weg, Nelly Furtado machte plötzlich Hip-Hop und auch Bands wie die Pet Shop Boys, Say Anything und Sometree sorgten dafür, dass ich auch mal wieder was anderes hörte als immer nur Tomte und Danko Jones. Die Kilians kamen zu ihrer ersten Erwähnung in “Musikexpress” (als Anekdote im Tomte-Tourtagebuch) und “Visions” (als “Demo des Monats”).3

Während das Hurricane-Festival seinem Namen mal wieder alle Ehre machte, saß ich in der Essener Lichtburg und sah mir Sigur Rós live an. Es war wunderschön und bewegend, wenn auch nur zu 98%. Es war sicher der ideale Soundtrack für den Weltuntergang, aber der fand draußen statt und ich war drinnen.

Bei der Fußball-WM übersah ein Schiedsrichter die alte Leitlinie “Wenn ein Italiener im gegnerischen Strafraum liegt und er hat nicht gut sichtbar beide Beine gebrochen, dann war es kein Foul”, weswegen Australien aus dem Turnier flog und Italien endgültig zu meiner persönlichen Hassmannschaft wurde.4 Das Elfmeterschießen im Spiel Deutschland – Argentinien brachte mich erst an den Rande des Herzinfarkts und anschließend an den Rande des Wahnsinns. Ich sah an mir selbst eine Fußballeuphorie, wie ich sie seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr erlebt hatte. Das alles zusammengenommen erklärt vielleicht, warum ich nach der Halbfinalniederlage Deutschlands gegen Italien einen Lichtschalter mit der bloßen Faust zertrümmerte — und mir dabei sehr, sehr weh tat.

Deutschland wurde schließlich noch Dritter, alle waren happy und Zinédine Zidane war klug genug, mit dem größten Abgang, den je ein Profisportler hingelegt hat, vom Ausgang des Finales abzulenken. Am nächsten Tag kehrte die Normalität zurück, was für mich hieß: Klausur schreiben und Nada Surf gucken.

Eine Woche später starb mein Großonkel an seinem Krebs.5 Das erste, was ich tat, nachdem ich mich beruhigt hatte, war die “Hinter all diesen Fenstern” von Tomte aufzulegen. Weil eben nicht nur die Zeit versucht zu trösten, sondern auch die Musik. Seiner Witwe schrieb ich einen Brief, in dem all das drin stand, was ich ihm nicht mehr hatte sagen können, und weil Popmusik ein so wichtiger Bestandteil meines Lebens ist, standen auch jede Menge Liedzitate drin: von Jimmy Eat World, Ben Folds Five, Sophia, den Weakerthans und natürlich von Tomte. “Never Went To Church” von The Streets war nicht dabei, war aber trotzdem ein Trost. Das Leben ging weiter.

Die letzte Univeranstaltung meines Bachelor-Studiums war ein Blockseminar im Optionalbereich zum Thema “Eventmanagement”. Im Vorfeld hatte ich große Bedenken, weil mich Programmelemente wie “Moderatorenkoffer”, “Multimediapräsentationen” und “Mind Maps” an die schlimmsten Momente meiner Schulzeit denken ließen. Letztlich war das Seminar dann aber doch ganz nett und ich war “scheinfrei”, was ich nach wie vor für eines der schönsten Worte deutscher Sprache halte. Zum Abschluss fehlten nur noch die Abschlussprüfungen und ein Auslandsaufenthalt. Und weil die Anmeldungen zu ersterem während der Zeit anstanden, zu der ich für letzteren weg sein würde, musste ich schon einmal vorab den ganzen Papierkram erledigen. Freunde hatten mich gewarnt vor den vielen Unterlagen, die niemals komplett seien, und vor den Drachen im Prüfungsamt. Es stellte sich heraus, dass bei mir alles binnen kürzester Zeit funktionierte, was mich natürlich um so skeptischer machte: Alle Menschen, deren Unterschriften ich brauchte, waren anwesend, alle Papiere vollständig und zum allerersten Mal überhaupt fand ich mich ohne Plan in meiner Uni zurecht. Bei der Anmeldung für meine Abschlussprüfungen.

Das Haldern Pop begann mit einem Regenguss alttestamentlichen Ausmaßes.6 Angeblich haben We Are Scientists und The Cooper Temple Clause trotzdem gespielt und angeblich sind Menschen während dieser Auftritte vor der Bühne hin und her geschwommen. Ich saß im Pressezelt, wollte nur noch nach Hause und schwor mir, nie wieder auf ein Festival zu fahren. Ich blieb aber und sah mir Element Of Crime an, die mit “Den ganzen Tag unter Wasser und Spaß dabei” den passenden Kalenderspruch im Gepäck hatten. Am zweiten Tag kam die Sonne raus, ich holte mir einen leichten Sonnenbrand und führte zwei großartige Interviews: Eines mit Neil Hannon von The Divine Comedy, die mit “Victory For The Comic Muse” gerade ein ganz wunderbares Album veröffentlicht hatten, eines mit James Dean Bradfield, dessen Soloalbum “The Great Western” ebenfalls kürzlich erschienen war und mich deutlich mehr begeisterte als das letzte Album seiner Manic Street Preachers. Der Mann hatte den festesten Händedruck, der mir je untergekommen ist, und erwies sich als sehr angenehmer, nachdenklicher und vernünftiger Gesprächspartner. Leider war sein Auftritt eher so mittel.

Vom Haldern aus ging es (nach einem Zwischenstopp in Dinslaken) direkt weiter nach Bonn, wo das erste Grand-Hotel-Festival Station machte. Es spielten: Home Of The Lame, kettcar, The Weakerthans, Olli Schulz & der Hund Marie, Pale und Tomte. Die drei letztgenannten gab es drei Wochen später noch mal für umme beim Essen Original und obwohl ich Tomte damit innerhalb von sieben Monaten sieben Mal live gesehen hatte, war ich immer noch ergriffen und begeistert. Pünktlich zur Zugabe fing es an, wie aus Kübeln zu gießen, aber kaum jemand spannte einen Regenschirm auf oder ging weg. Da standen hunderte junger Menschen vor der Bühne, ließen sich bis auf die Haut nassregnen, lagen sich in den Armen und feierten das Leben. Und alles war aus Gold.

Kein Open Air Festival, zumindest nicht in Dinslaken, durften die Kilians spielen. Die zu diesem Zeitpunkt schon berühmteste Dinslakener Band der letzten hundert Jahre bewarb sich erfolglos um eine Teilnahme beim “Support Your Local Scene Festival”. Ursprünglich hatten wir von Occident vorgehabt, unseren Slot einfach mit den Jungs zu teilen, aber auch daraus wurde nichts, weil wir wieder ausgeladen wurden. Begründung: Wir hätten nicht Bescheid gesagt, dass unser zweiter Gitarrist ausgestiegen sei. Als am Festivaltag die Organisatoren bei mir anriefen, um nach den Handynummern der Kilians zu fragen (ihnen sei da eine Band abgesprungen), brauchte ich zwanzig Minuten, um mich von meinem Lachkrampf zu erholen.

Nicht nur ich stand kurz vor einem längeren Auslandsaufenthalt: Meine Freundin musste ebenfalls weg, ein paar meiner besten Freunde auch. Alle fürs Studium, alle über den Globus verteilt. Und weil noch nicht genug Abschiedsfeiern in meinem Kalender standen, gingen auch ein paar Radiokollegen weg — zu irgendwelchen neuen Jobs in Polen oder zurück in die österreichische Heimat. Im Discman lag mal wieder “Buchstaben über der Stadt”, ganz so, als sei das Album von vorne herein als Soundtrack für mein Jahr konzipiert gewesen. Das passende Album zum Sommer kam von Kante und begann (nach längerem Dröhnen) mit den Worten “Es ist heiß und es ist schwül”. Aber “Die Tiere sind unruhig” war nicht nur meteorologisch treffend, es war auch ein verdammt gutes Album.

An dem Morgen, an dem ich eigentlich einen Flug mit British Airways nach San Francisco hatte buchen wollen, überraschten mich die Medien mit der Nachricht, dass die Behörden in London einen groß angelegten terror plot aufgedeckt hätten. Ich dachte, dass ich sowieso viel lieber mit einer Fluggesellschaft fliege, die meine Initialen hat. Von den entzückenden Regelungen für Flüssigkeiten an Bord von Flugzeugen hatte ich natürlich trotzdem etwas.

Bevor ich selbst das Land verließ, brachte ich erst noch meine Freundin zum Flughafen, die ein Semester in Großbritannien verbringen würde. Kurz vor dem Flughafen lief im Autoradio “Half Light” von Athlete. Wir hatten das Lied immer schon gemocht, aber erst jetzt fiel uns der Text auf: “When I see you next we’ll make the most of it / Tell the sun to start moving again / The taste of your kiss I still got on my lips / And I’ll take you there with me”. Wieder einmal passten Popmusik und Leben zusammen wie die Teile eines Puzzles und hier war es sogar reiner Zufall. Nachdem das Mädchen durch die Sicherheitsschleuse gegangen war setzte ich meine Sonnenbrille auf, fuhr nach Bochum zurück, kaufte noch schnell “Half These Songs Are About You” von Nizlopi, weil mir deren “JCB Song” so gut gefallen hatte, packte meinen Kram zusammen7 und verabschiedete mich von meinem Job bei CT.

Am Morgen des 15. September brach ich nach San Francisco auf. Meine Verwandten, bei denen ich die nächsten zweieinhalb Monate verbringen sollte, holten mich mittags am Flughafen ab und schon abends ging es weiter zu Freunden von ihnen, die auf dem Land wohnten. Es waren sehr sympathische Leute, wir unterhielten uns angeregt und als der Mann hörte, dass ich Gitarre spiele, fragte er mich, ob ich meine mitgebracht hätte. Als ich verneinte, sagte er, ich könne für die Zeit meines Aufenthalts gerne seine haben. Wir waren uns anderthalb Stunden zuvor zum ersten Mal begegnet. Ich würde meine 80-Euro-Schrömmelsgitarre nie aus der Hand geben. Ich war gerührt.

Ich brauchte ein paar Wochen, um mich in San Francisco einzugewöhnen. Anfangs ging es mir tierisch auf die Ketten, dass alle Menschen so freundlich waren und “Hi, how are you?” fragten, obwohl sie das offensichtlich gar nicht interessierte. Erst mit der Zeit merkte ich, wie viel besser man sich fühlte, wenn man regelmäßig einen schönen Tag gewünscht bekam und angelächelt wurde. Auch in Sachen Plattenläden musste ich mich erst mal zurechtfinden: Meine erste CD – “How To Save A Life” von The Fray, deren Single “Over My Head (Cable Car)” ich schon vorab zum Mottosong meines Auslandsaufenthalts ernannt hatte, obwohl sie sich gar nicht auf diese antiken Straßenbahnen in San Francisco bezog – hatte ich mir noch bei Borders gekauft, dann entdeckte ich Rasputin und Amoeba und verfiel bei jedem Besuch aufs neue in bedenkliche Kaufräusche.

Das erste Konzert, das ich außerhalb Deutschlands sah, war das von Maritime im Café du Nord. Dort lernte ich auch eine wichtige Lektion in Sachen Tarnung, als Davey von Bohlen zwischen zwei Songs von der Bühne rief: “Hey, look at that guy in the Grand Hotel van Cleef shirt! Are you from Germany?” Das zweite Konzert waren Starsailor an meinem Geburtstag.

Meine Verwandten nahmen mich überall mit hin: zu ihren Freunden, die allesamt klug, kreativ und interessiert waren, zu kulturellen Veranstaltungen und gesellschaftlichen Ereignissen. Ich kam mir vor wie ein Kind, das mit großen Augen durch ein fremdes Land stolpert, und sogar die Panik von meiner ersten Fahrstunde durfte ich noch einmal durchleben, als ich zum ersten Mal ein Auto durch den Feierabendverkehr der zwölftgrößten amerikanischen Stadt steuern sollte.8

Beck und The Killers veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag. Ich hörte bei Rasputin in beide rein und kaufte das Beck-Album. Ich habe “The Information” seitdem etwa fünf Mal gehört. Vier Tage später ging ich wieder hin und kaufte doch noch “Sam’s Town”, das sich alsbald zu einer der meistgehörten CDs überhaupt in meiner Sammlung entwickelte. Dass meine heimischen CD-Regale nach meiner Rückkehr nicht mehr genügend Platz bieten würden, dämmerte mir ungefähr nach vier Wochen, in denen ich nahezu täglich mindestens einen gebrauchten, spottbilligen Tonträger der Kategorie “Wollte ich irgendwie immer schon mal haben” anschleppte. In einem kleinen Club, anderthalb Häuserblocks von “unserer” Wohnung entfernt, gastierte Europas Popsensation des Jahres: Lily Allen wusste auch live gleichermaßen zu beeindrucken wie zu verzaubern. Bei Borders entdeckte ich das Buch “Killing Yourself To Life” von Chuck Klosterman, von dem ich schon mal gehört hatte. In den nächsten Wochen kaufte und verschlang ich alle bisherigen Veröffentlichungen des Autors.

Am 19. Oktober machte ich ganz alleine einen Road Trip: Ich verließ die Stadt Richtung Norden über die Golden Gate Bridge und guckte mir als erstes die berühmten Redwood Trees im Muir Woods National Monument an. Als ich zum Parkplatz zurückkehrte, ging ich instinktiv erst zur Beifahrertür, bevor mir wieder einfiel, dass mich diesmal kein Vater durch die Gegend fahren würde wie bei früheren USA-Aufenthalten. Ich war erwachsen geworden, ohne es zu merken. Alleine unterwegs zu sein hatte leider den eklatanten Nachteil, dass ich auf meinem Weg zu meinem nächsten Ziel zwar über eine Straße fuhr, die sicher völlig zu recht den Namen Panoramic Highway trug, ich aber nichts von der verdammten Landschaft zu sehen bekam, weil ich mich darauf konzentrieren musste, bald rechts bald links, vom Steine hier vom Sturze da, die Räder wegzulenken. So erreichte ich schließlich Stinson Beach und schon als ich aus dem Auto stieg, stellte sich das aus Kindheitstagen bekannte Meer-Gefühl ein: Erst hört man es, dann riecht man es und dann ist es da. Es gab blaues Wasser, so weit das Auge reichte, dazu strahlenden Sonnenschein bei knapp 25 Grad Celsius. Mädchen sonnten sich in ihren Bikinis, Familien mit kleinen Kindern spielten am Strand und im Wasser waren Verrückte, die tatsächlich bei 12 Grad schwimmen gingen. Natürlich musste ich da auch rein, aber nur mit den Füßen — die ich nur wenige Stunden später schon wieder komplett spüren konnte.

Ben Folds spielte ein Wunschkonzert, das live auf MySpace übertragen wurde — während ich in Deutschland bis nachts um Drei hätte wach bleiben müssen, konnte ich den Webcast bequem um sechs Uhr abends pacific time sehen. Dann kam Halloween. Verkleiden hatte ich als Kind immer cool gefunden, aber wenn man in Gebieten aufwächst, in denen Karneval gefeiert wird, verbindet man irgendwann nur noch Schlechtes mit Verkleidungen. Entsprechend gering war meine Begeisterung, als meine Verwandten mich informierten, dass wir eine Halloween-Party besuchen würden. Aus riesigen grünen Filzbahnen bastelten wir uns Ampelmännchen-Kostüme, die allerdings niemand als solche erkannte, weil es in den USA keine Ampelmännchen gibt. Als “Aliens” bekamen wir hingegen eine honorable mention beim Kostümwettbewerb und ich hatte tatsächlich großen Spaß.

Nachdem ich schon Chicago gesehen hatte, flog ich Anfang November mit meinem Onkel nach New York. An Bord des Flugzeugs sah ich zum ersten Mal die “Daily Show”9 und war sofort angefixt. Das erste, was ich in New York sah, war ein Mann, der am JFK am Urinal stand und während des Wasserlassens telefonierte. Das erste, was ich von Manhattan sah, war der Times Square um kurz nach Mitternacht. Es war groß, hell und laut.

Der erste Tag Manhattan ließ mich etwas enttäuscht zurück, weil die Stadt ausschließlich eins zu sein schien: riesig. Weil die Stadt außerdem teuer war, dachte ich, wenigstens beim U-Bahn-Ticket sparen zu müssen, und lief die meiste Zeit zu Fuß durch die Gegend. Zum Beispiel von der 14th Street runter zum Battery Park und dann zurück bis zum Times Square oder ähnliche Scherze.10 Am zweiten Tag entschied ich mich für die Seitenstraßen, entdeckte Tribeca und lief zu Fuß über die Brooklyn Bridge. Mit “The Rising” von Bruce Springsteen im Discman ging ich durch Lower Manhattan zu der Stelle, wo wenige Jahre zuvor noch das World Trade Center gestanden hatte. Erst begriff ich gar nicht, wie riesig das Loch dort war, weil alles andere drum herum ebenfalls riesig war. Ich sah die noch immer beschädigten Fassaden der Häuser, die einen halben Block vom Ground Zero entfernt standen und deren Fenster mit einer dicken Staubschicht bedeckt waren. Ich fuhr in die U-Bahn-Station hinunter, die immer noch „World Trade Center“ hieß und die noch im Originalzustand aus der Zeit davor war. Die Kacheln an den Wänden hatten eine Bruchkante, die die Grenze zwischen alter und neuer Zeitrechnung, zwischen Leben und Tod markierte. Ich bekam die Gänsehaut meines Lebens.

Am Sonntag während unseres New-York-Aufenthalts fand der berühmte Marathon statt.11 Am späten Nachmittag kamen wir am Ziel am Central Park vorbei und auch die Menschen, die nach sieben Stunden als Zigtausendste dort einliefen, wurden vom umstehenden Publikum noch gefeiert wie Sieger. Inmitten riesiger Menschenmassen wurden wir am Dakota Building vorbeigeschoben, vor dem John Lennon erschossen worden war. Der halbe Central Park war für den Marathon gesperrt worden, aber schließlich fanden wir doch einen Eingang, der geöffnet war. Sofort wurde es ruhiger und ich wusste ganz genau, wo ich als nächstes hin musste: Zum Reservoir, das ich bisher nur aus Tomtes “New York” kannte. Wir erreichten das Ufer, der Himmel hinter der beeindruckenden Skyline wurde schon dunkel und ich hatte das Gefühl, dass all die roten Fäden, die sich durch das bisherige Jahr gezogen hatten, hier und in diesem Moment zusammentrafen. “Wir stehen am Reservoir und es ist in der Tat großartig. Meine Finger frieren ab, aber ich genieße es.”, textete ich meiner Freundin nach Übersee und meinte jedes Wort ernst.

Wir kehrten nach San Francisco zurück und ich merkte, dass die Zeit langsam knapp wurde: Ich war seit etwa acht Wochen in der Stadt und hatte kaum etwas touristisches unternommen.12 Das konnte ich alles nachholen, als mich ein alter Schulfreund aus Dinslaken besuchen kam, der zur selben Zeit an der Uni in San Diego war. Wir fuhren mit der Cable Car, machten einen Road Trip nach Santa Cruz13 und eine sehr, sehr anstrengende Fahrradtour kreuz und quer durch San Francisco, inklusive zweier Überquerungen der Golden Gate Bridge.

Thanksgiving kam und bescherte mir den schönsten Feiertag meines Lebens.14 Dann war es auch schon langsam an der Zeit, Abschied zu nehmen. Von einer Stadt, an die ich nicht als erster mein Herz verloren hatte, und von lauter lieben Menschen. Ich war alt genug, um zu verstehen. Das erste, was ich auf deutschem Boden erlebte, war ein Mann, der mir am Flughafen seinen Gepäckwagen in die Hacken schob und mich dafür anmeckerte.

Ich brauchte Wochen, um mich wieder an Deutschland zu gewöhnen, was nicht nur am Jetlag und den niedrigen Temperaturen lag. Aus dem Internet bzw. aus Hongkong kamen ein paar neue CDs wie das zweite Album von Vega 4, “Rudebox” von Robbie Williams, das ich gar nicht so schlecht fand, und das erste (und einzige) Album von The Upper Room, auf deren sensationelle Single “All Over This Town” ich irgendwie aufmerksam geworden war. In Dinslaken traf ich die Kilians und Thees Uhlmann wieder, die gerade dabei waren, irgendwelche wichtigen Verträge zu unterschreiben. Einen Tag später sah ich beim traditionellen “School’s Out” The Rumours live. Mein Mund klappte auf und ich dachte “vielleicht wiederholt sich Geschichte ja doch”. Und weil man ja nicht zwei Mal den gleichen Fehler macht, ließ ich mir noch am selben Abend von den Musikern auf einem Bierdeckel unterschreiben, dass sie mir ihre Seele abtreten würden. Dann verlor ich den Bierdeckel.

Ich versuchte mich noch mal als Radiomoderator und machte bei CT eine zweieinhalbstündige Talkshow mit dem Schriftsteller Oliver Uschmann. Wir plauderten buchstäblich über Gott und die Welt und hatten unseren Spaß. Die einzige Rückmeldung, die wir erhielten, war der Anruf eines 64-jährigen Pensionärs, der die Sendung zufällig gehört hatte, ganz begeistert gewesen war und mir das über eine halbe Stunde auseinandersetzte. Ich beschloss, meine Rundfunkkarriere an den Nagel zu hängen.

Kurz vor Weihnachten kehrte auch meine Freundin zurück. Wiedersehen, Weihnachten und Silvester wurden groß gefeiert. Als ich in einem stillen Moment auf das Jahr zurückblickte, war ich mir sicher, dass eines der extremsten, außergewöhnlichsten und besten Jahre meines Lebens zu Ende ging. Ich hatte unzählige neue Erfahrungen gemacht und neue Freunde gefunden. Es konnte keine Zweifel geben, was Album und Song des Jahrs anging. Noch nie war Musik so eng mit meinem Leben verbunden gewesen wie im Fall von Tomtes “Buchstaben über der Stadt”.

Deshalb ist auch völlig klar, was der Song des Jahres 2006 war, ist und ewig bleiben wird: Tomte – New York

  1. Also sowohl für 20 Cent pro Zeile schreiben, als auch die Hintergründe derart im Dunkeln lassen. []
  2. Die vier Takte entstammten wohlgemerkt dem Opener “At All”, den die Band dann sehr schnell nicht mehr live spielte, weil er zu ihren schwächeren Stücken gehörte. []
  3. Wie das mit der “Demo des Monats” genau ablief, können Sie meinem großen Musikindustrie-Enthüllungsbuch “Mindestens bis break even und dann aber strictly curfew” entnehmen, das im September 2033 auf den Markt kommt. []
  4. Damit ist natürlich nicht das Land Italien oder das Volk der Italiener gemeint, sondern die Mannschaft “Italien”. Für mich sind Nationalmannschaften Fußballvereine wie alle anderen auch und da evoziert Italien bei mir so viel Abneigung wie Bayern München und der 1. FC Köln zusammen. []
  5. “Endlich”, wie man nach elf Monaten Krankenhaus und -bett fast hinzufügen möchte. []
  6. Also der offizielle Teil am Freitag. Eigentlich begann das Haldern Pop am Donnerstagabend mit einem unangekündigten Campingplatzkonzert von … Ach, Sie ahnen es bereits. []
  7. Was man sich ja drei Jahre später angesichts von MacBooks, iPods, YouTube und last.fm auch nicht mehr vorstellen kann: Ich nahm zwei von diesen Sammelmappen mit, randvoll mit CDs, die in einem komplizierten Verfahren ausgewählt worden waren. []
  8. Man hätte mir natürlich vorher sagen können, dass ich auch an roten Ampeln rechts abbiegen darf, wenn kein Auto kommt. Dann wäre ich vielleicht nicht ganz so oft angehupt worden und nicht ganz so verunsichert gewesen. []
  9. Bei Jet Blue gibt es an jedem Platz einen eigenen Monitor mit Satellitenfernsehen zur freien Auswahl, was sehr cool ist, außer wenn Filme über Flugzeugkatastrophen laufen. []
  10. Falls Sie noch nie in New York waren: Die beschriebene Strecke entspricht ungefähr der Entfernung Köln – Düsseldorf und zurück. Oder so ähnlich. []
  11. Das erklärte im Nachhinein auch die Hotelpreise, die noch etwas höher lagen als sowieso schon üblich. []
  12. Sachen, die eine Anerkennung als Auslandsaufenthalt rechtfertigten, hatte ich ja nebenbei auch noch gemacht. []
  13. Beim Satz “Mein Gott, ist das alles schön hier — schade, dass Du auf die Straße gucken musst”, hätte ich meinen Freund fast am Rand des Highway No. 1 abgesetzt. []
  14. Ich glaube, der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass man sich zu Thanksgiving nichts schenkt, was sowohl im Vorfeld als auch am Tag selbst das Stresspotential erheblich verringert. []
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