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Gesellschaft

Heidenspaß

Kürbis (Foto: Lukas Heinser)

Beim Blick auf den Kalen­der wird es so man­chem sie­dend heiß ein­ge­fal­len sein: Heu­te ist der 31. Okto­ber, was bedeu­tet, dass heu­te wie­der ein Fei­er­tag began­gen wird, der vor weni­gen Jah­ren hier­zu­lan­de noch so gut wie unbe­kannt war. Die Häu­ser wer­den geschmückt, die Kin­der ver­klei­den sich und es herrscht ein bun­tes Trei­ben auf den Stra­ßen: es ist Refor­ma­ti­ons­tag.

Wie im gan­zen Land, so haben auch die Müt­ter in Bochum ihren Klei­nen spät­mit­tel­al­ter­li­che Kos­tü­me genäht, damit die­se heu­te Abend rülp­send und fur­zend (in Erin­ne­rung an das berühm­te Luther-Zitat) durch die Nach­bar­schaft zie­hen kön­nen. Wie auch schon in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wer­den sie nur bei Katho­li­ken klin­geln und die­se mit dem Spruch „Tre­sen oder The­sen“ zur Her­aus­ga­be har­ter Alko­ho­li­ka auf­for­dern. Wei­gern sich die Papst-Jün­ger, nageln ihnen die jun­gen Refor­ma­to­ren auf­wän­dig gestal­te­te Zet­tel an die Haus- oder Woh­nungs­tür – „Bil­der­sturm“ nen­nen sie die­se Akti­on.

Cal­vin, acht Jah­re alt und ganz stolz auf die Ton­sur, die ihm sein Vater extra für den heu­ti­gen Abend gescho­ren hat, berich­tet, dass er im ver­gan­ge­nen Jahr gan­ze 95 Türen beschla­gen hat. Vie­le Katho­li­ken waren auf den noch jun­gen Brauch schlicht nicht vor­be­rei­tet. Cal­vin hofft, dass sich das in die­sem Jahr geän­dert hat, denn wegen einer Erkäl­tung hat er in die­sem Jahr nur 30 The­sen-Papie­re vor­be­rei­ten kön­nen – außer­dem ist ein Nach­bar immer noch wütend, weil Cal­vin und sei­ne Freun­de ihm im ver­gan­ge­nen Jahr „die Tür kaputt gemacht“ hät­ten.

Jus­tus Jonas, Sozio­lo­ge am Bochu­mer Lehr-Ort für erwäh­nens­wer­te Daten, erklärt das noch jun­ge Brauch­tum mit der Geschich­te des Kir­chen­ge­lehr­ten Mar­tin Luther, der vor fast fünf­hun­dert Jah­ren gegen die katho­li­sche Kir­che rebel­liert haben soll. Ande­re Quel­len spre­chen aller­dings von außer­ir­di­schen Mes­ser­ste­chern, die am 31. Okto­ber 1978 in Had­don­field im US-Bun­des­staat Illi­nois ein bru­ta­les Mas­sa­ker an hei­mi­schen Kür­bis­sen ver­übt haben sol­len. Jonas hat davon gehört, hält das Sze­na­rio mit dem wüten­den ost­deut­schen Pfar­rer aber für rea­lis­ti­scher.

Nicht alle Deut­schen sind begeis­tert vom Trend „Refor­ma­ti­ons­tag“. Vie­le Katho­li­ken fin­den es unver­ant­wort­lich, jun­gen Kin­dern Alko­hol aus­zu­hän­di­gen. Der Nürn­ber­ger Phi­lo­soph Hans Sachs bezeich­ne­te die kos­tü­mier­ten Jugend­li­chen als „luthe­ri­sche Nar­ren“ und rief die Bevöl­ke­rung zum „Nar­ren­schnei­den“ auf. Josef Kacz­mier­c­zik, Lok­füh­rer aus Wat­ten­scheid-Hön­trop hat bereits ange­kün­digt, sein Rei­hen­end­haus gegen die jugend­li­chen Angrei­fer zu schüt­zen: „Dat wird ein‘ fes­te Burg“, sag­te er unse­rem Repor­ter.

[Nach einer Idee von Sebas­ti­an B. & Tho­mas K.]

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Literatur Politik

Präsidialer Buchclub

Gut, dass ich in Deutsch­land gebo­ren wur­de, denn so kann ich nie als US-Prä­si­dent kan­di­die­ren. Denn selbst wenn ich Par­tei­in­ter­ne Gra­ben­kämp­fe und Fern­seh­de­bat­ten über­stün­de und wider Erwar­ten genug Geld für mei­ne Kam­pa­gne gesam­melt bekä­me, an einer Stel­le wür­de ich furi­os schei­tern: bei der Nen­nung mei­ner Lieb­lings­bü­cher.

Denn was sagt es über mich als Men­schen aus, wenn ich in die­sem Zusam­men­hang „Per Anhal­ter durch die Gala­xis“ von Dou­glas Adams, „High Fide­li­ty“ von Nick Horn­by und „Gegen den Strich“ von Jor­is-Karl Huys­mans nen­ne? Eben: Dass ich ein sozio­pa­thi­scher Nerd bin, dem sei­ne CD-Samm­lung wich­ti­ger ist als alles ande­re. Die ein­zi­gen Stim­men, die ich bekä­me, kämen aus Staats­ge­fäng­nis­sen, Plat­ten- und Rol­len­spiel­lä­den.

Ich könn­te natür­lich auch ein biss­chen mogeln bei mei­ner Lis­te, so wie es angeb­lich alle tun und wie es mut­maß­lich auch John McCain und Barack Oba­ma getan haben. Die nann­ten näm­lich „For Whom the Bell Tolls“ von Ernest Heming­way, „Im Wes­ten nichts Neu­es“ von Erich Maria Remar­que und „The Histo­ry of the Decli­ne and Fall of the Roman Empire“ von Edward Gib­bon (McCain) bzw. „Song of Solo­mon“ von Toni Mor­ri­son, „Moby-Dick“ von Her­man Mel­ville und der Essay „Self-Reli­ance“ von Ralph Wal­do Emer­son (Oba­ma).

Ich habe von all die­sen Büchern nur „Im Wes­ten nichts Neu­es“ gele­sen und weiß so unge­fähr, was bei Heming­way und Mel­ville pas­siert, von daher kann ich zu den lite­ra­ri­schen Favo­ri­ten der Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten wenig sagen – aber dafür gibt es ja den „San Fran­cis­co Chro­nic­le“, der eine Rei­he von Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lern, Schrift­stel­lern und sons­ti­gen Exper­ten befragt hat. Sie erklä­ren unter ande­rem, dass es ein wenig über­ra­sche, dass McCain gleich zwei Anti-Kriegs­ro­ma­ne nen­ne, es im Gegen­satz dazu aber ziem­lich nahe­lie­gend sei, dass Oba­ma das Buch von Toni Mor­ri­son mag, in dem sich ein jun­ger, schwar­zer Mann auf die Suche nach sei­ner Iden­ti­tät begibt.

Wo sie schon mal dabei sind, geben die glei­chen Leu­te auch noch Tipps, was der zukünf­ti­ge Prä­si­dent unbe­dingt lesen soll­te. Und da ist viel­leicht auch was für Leser dabei, die nie US-Prä­si­dent wer­den woll­ten.

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Print

New Radicals

Wer und was die­ser Tage so alles radi­kal ist:

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English Edition

A hunger for unhealthy merchandise

I haven’t mana­ged to see „High School Musi­cal 3“ yet (but I pro­mi­se, I will).

Nevert­hel­ess I want to call your atten­ti­on to an inter­view NPR con­duc­ted with Ken­ny Orte­ga, direc­tor of the „High School Musi­cal“ movies.

Con­fron­ted with the ques­ti­on what he’s thin­king about all this „High School Musi­cal“ fran­chise (back­packs, bedclo­thes, key fobs, under­wear, you name it …), he repli­ed with a long, thoughtful sigh befo­re he said:

Well, you know, that’s a tough one for me, you know. Tho­se are the folks that give us the money to make the movies. And I would just say that it’s, you know, the par­ents just have to like … be the ones in char­ge. Disney’s gon­na put out wha­te­ver they can put out. There’s a hun­ger for the mer­chan­di­se, but I also think that, you know, at a cer­tain point, it would be unhe­alt­hy to allow too much of it into an individual’s life.

I think his approach might have annoy­ed Dis­ney as well as many par­ents, who have to explain to their child­ren why they can’t have the HSM lunch box as well. But his approach seems pret­ty honest to me.

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Film Gesellschaft

Ungesundes Merchandise

Ich habe es noch nicht geschafft, mir „High School Musi­cal 3“ anzu­se­hen (aber ich wer­de es, das ver­spre­che ich).

Ich möch­te Sie aber auf ein Inter­view auf­merk­sam machen, das NPR mit Ken­ny Orte­ga, dem Regis­seur der „High School Musical“-Filme, geführt hat.

Auf die Fra­ge, was er eigent­lich von die­sem gan­zen Mer­chan­di­se (Ruck­sä­cke, Bett­wä­sche, Schlüs­sel­an­hän­ger, Unter­wä­sche, you name it …) zu „High School Musi­cal“ hal­te, reagier­te er zunächst ein­mal mit einem lan­gen, nach­denk­li­chen Seuf­zer und sag­te dann:

Well, you know, that’s a tough one for me, you know. Tho­se are the folks that give us the money to make the movies. And I would just say that it’s, you know, the par­ents just have to like … be the ones in char­ge. Disney’s gon­na put out wha­te­ver they can put out. There’s a hun­ger for the mer­chan­di­se, but I also think that, you know, at a cer­tain point, it would be unhe­alt­hy to allow too much of it into an individual’s life.

Ich den­ke, mit die­ser Ein­stel­lung wird er sowohl Dis­ney, als auch so man­che Eltern ver­är­gert haben, die ihren Kin­dern erklä­ren müs­sen, war­um sie nicht auch noch die HSM-But­ter­brot­do­se haben kön­nen. Aber ich fin­de sei­ne Ein­stel­lung erfri­schend ehr­lich.

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Politik

„I can do anything, I was in a boy band“

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Stel­len Sie sich das mal in Deutsch­land vor.

Oder bes­ser: Nicht. Vero­ni­ca Fer­res, Die­ter Boh­len und Bill Kau­litz wür­den mich so ziem­lich über­all hin­ja­gen, aber nicht ins Wahl­lo­kal.

[via mei­nen Bru­der]

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Digital

PR Online (2)

Heu­te Mor­gen stol­per­te ich bei mei­nen Freun­den von „RP Online“ im Rei­se-Res­sort über einen Arti­kel:

Für 39 Euro durch Deutschland: Aldi verkauft Germanwings-Tickets (RPO). Am 30. Oktober startet Aldi mit dem Verkauf von Flugtickets der Billig-Airline Germanwings. Die Flüge der Lufthansa-Tochter werden bundesweit zum Komplettpreis von 39 Euro angeboten.

„Hmmmmmm“, dach­te ich. „Wenn ‚Bild‘ das in der Print-Aus­ga­be macht, ist es Schleich­wer­bung…“ (s. BILD­blog)

Nun gilt der Pres­se­ko­dex zwar noch nicht für Online-Medi­en, aber das ist Gerich­ten im Zwei­fels­fall auch egal. Allein der Text des Arti­kels leg­te den Schluss nahe, dass das Autoren­kür­zel „RPO“ da mal wie­der völ­lig fehl am Plat­ze war.

Und sie­he da: der Arti­kel war eine nur mäßig umge­schrie­be­ne Pres­se­mit­tei­lung des Rei­se­ver­an­stal­ters Ber­ge & Meer, der für Aldi die Rei­sen abwi­ckelt.

Zum Ver­gleich:

Pres­se­mit­tei­lung „RP Online“
Am 30. Okto­ber star­tet ALDI mit dem Ver­kauf von Flug­ti­ckets der deut­schen Güns­tig-Air­line Ger­man­wings. Die Flü­ge der Luft­han­sa-Toch­ter wer­den über ALDI-Rei­sen bun­des­weit zum Kom­plett­preis von 39 Euro ange­bo­ten. Am 30. Okto­ber star­tet Aldi mit dem Ver­kauf von Flug­ti­ckets der Bil­lig-Air­line Ger­man­wings. Die Flü­ge der Luft­han­sa-Toch­ter wer­den bun­des­weit zum Kom­plett­preis von 39 Euro ange­bo­ten.
Die Tickets sind online über www.aldi-reisen.de oder tele­fo­nisch buch­bar. Im Preis ent­hal­ten sind alle Steu­ern und Gebüh­ren, die Kre­dit­kar­ten­ge­bühr, der Kero­sin­zu­schlag sowie der Trans­port eines Kof­fers. Die inner­deut­schen One­way-Flü­ge kön­nen bis zum 27. Novem­ber bei ALDI gebucht wer­den, geflo­gen wer­den muss bis zum 31. März 2009. Die Tickets sind online über www.aldi-reisen.de oder tele­fo­nisch buch­bar. Im Preis ent­hal­ten sind Steu­ern und Gebüh­ren, die Kre­dit­kar­ten­ge­bühr, der Kero­sin­zu­schlag sowie der Trans­port eines Kof­fers. Die inner­deut­schen One­way-Flü­ge kön­nen bis zum 27. Novem­ber gebucht wer­den, geflo­gen wer­den muss bis zum 31. März 2009.
„Die Son­der­ak­ti­on“, so Rei­ner Meutsch vom ALDI-Rei­se­part­ner Ber­ge & Meer, „star­tet zum Auf­takt des erwei­ter­ten ALDI-Rei­se­an­ge­bo­tes.“ Im Novem­ber liegt erst­mals ein 16-sei­ti­ger Kata­log mit aktu­el­len Monats-Schnäpp­chen sowie Früh­bu­cher-Ange­bo­ten für 2009 in allen Filia­len von Deutsch­lands größ­tem Dis­coun­ter aus. Tele­fo­ni­sche Buchun­gen unter 0180 5/​70 20 70 (ALDI NORD) und 0180 5/​70 30 70 (ALDI SÜD), Inter­net: www.aldi-reisen.de  
Down­load von wei­te­ren Infos und Fotos unter www.tourtipp.net im Bereich Kunden/​Berge & Meer. Die Tickets sind vom 30. Okto­ber 2008 an bei ALDI buch­bar.  
Bera­tung und Buchung erfol­gen sie­ben Tage die Woche von 8 bis 22 Uhr unter 0180 5/​70 20 70* für ALDI NORD und 0180 5/​70 30 70* für ALDI SÜD durch Urlaubs­exper­ten von Deutsch­lands erfolg­reichs­tem Rei­se-Direkt­an­bie­ter Ber­ge & Meer. (* EUR 0,14/Min aus dem deut­schen Fest­netz, abwei­chen­de Mobil­funk­netz­prei­se mög­lich). Bera­tung und Buchung erfol­gen sie­ben Tage die Woche von 8 bis 22 Uhr unter 0180 5/​70 20 70* für Aldi Nord und 0180 5/​70 30 70* für Aldi Süd durch Urlaubs­exper­ten. (* EUR 0,14/Min aus dem deut­schen Fest­netz, abwei­chen­de Mobil­funk­netz­prei­se mög­lich).

Mei­ne Fra­gen („Was ist an dem Arti­kel auf ‚RP Online‘ anders als bei dem in ‚Bild‘? Inwie­fern glau­ben Sie, dass es sich bei Ihrem Text NICHT um Schleich­wer­bung han­delt?“) an Fran­zis­ka Bluhm, die stell­ver­tre­ten­de Chef­re­dak­teu­rin von „RP Online“, blie­ben bis­her unbe­ant­wor­tet – aller­dings sah der Arti­kel kurz dar­auf deut­lich anders aus:

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Nach­trag, 15:30 Uhr: Frau Bluhm hat mir gera­de gemailt. Hier ihre, von Gruß­for­meln berei­nig­te, Ant­wort im Wort­laut:

vie­len Dank für Ihren Hin­weis, wir haben den Text off­line genom­men.

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Rundfunk Politik

Börek Obhammer

In einer Woche wird in den USA ein neu­er Prä­si­dent gewählt.

Ob die deut­schen Jour­na­lis­ten bis dahin noch ler­nen wer­den, dass der Name des demo­kra­ti­schen Kan­di­da­ten [bəˈrɑːk oʊˈ­bɑːmə] aus­ge­spro­chen wird und nicht [‚bæræk o’bæmɑ]?

Nach­trag, 13:22 Uhr: Auf viel­fa­chen Wunsch gibt’s das Gan­ze jetzt auch audio­vi­su­ell:

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[Direkt­link]

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Gesellschaft

Experten

Nun, da wir uns alle ein­mal über den Mann mit dem alber­nen Bart und dem unpas­sen­den Namen erregt haben und die­ser in einem offe­nen Brief an den Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land um Ent­schul­di­gung gebe­ten hat, kön­nen wir uns einer wich­ti­gen Fra­ge wid­men: Wer ist die­ser Hans-Wer­ner Sinn über­haupt?

Ver­mut­lich habe ich in den Nach­rich­ten schon hun­dert­fach von sei­nem Ifo-Insti­tut gehört und als ich in der Wiki­pe­dia vom Ifo-Geschäfts­kli­ma­in­dex las, klin­gel­te es tat­säch­lich. Aber davon mal ab: Wer ist die­ser Mann und was soll­te mich dazu brin­gen, sei­nen Aus­füh­run­gen (wenn sie nicht gera­de von ver­folg­ten Mana­gern han­deln) Glau­ben zu schen­ken?

Wenn ein Medi­um zei­gen will, was mit unse­rer Umwelt pas­siert oder wie man Ener­gie spa­ren kann, wer­den O‑Töne von Clau­dia Kem­fert her­an­ge­schafft, wenn’s etwas seriö­ser sein soll Mojib Latif. Tun Jugend­li­che irgend­wo das, was Jugend­li­che min­des­tens seit Kain und Abel tun, näm­lich zuschla­gen, steht das Tele­fon von Chris­ti­an Pfeif­fer nicht mehr still, und bis vor kur­zem konn­ten Sie sicher sein, Ihre Ernäh­rungs­tipps von Hade­mar Bank­ho­fer zu bekom­men – egal, wel­ches Medi­um Sie nutz­ten.

Braucht ein Jour­na­list ein State­ment zum The­ma Blogs oder Inter­net, wen­det er sich an Ste­fan Nig­ge­mei­er. Der darf auch beim The­ma „Medi­en all­ge­mein“ ran, aber nur, solan­ge sei­ne Mei­nung nicht der Linie des Jour­na­lis­ten zu wider­spre­chen droht – sonst ist Jo Groe­bel dran. Selbst im Fuß­ball, zu dem nun wirk­lich jeder Deut­sche eine Mei­nung hat, muss bei jeder Fern­seh­über­tra­gung ein Exper­te bereit­ste­hen und erklä­ren, was wir gera­de gese­hen, aber nur bedingt ver­stan­den haben. Und Hen­ryk M. Bro­der darf sei­ne Mei­nung sowie­so zu jedem The­ma ver­brei­ten.

Der ein­fa­che Bür­ger weiß ja gar nicht, wer die­se Men­schen sind, die ihm da immer als Exper­ten vor­ge­setzt wer­den. Woher kom­men sie, was haben sie gelernt, wel­che eige­nen Inter­es­sen ver­fol­gen sie gege­be­nen­falls? (Es soll ja gan­ze Talk­show-Run­den geben, die nur mit Mit­glie­dern der „Initia­ti­ve Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft“ besetzt sind, einer Lob­by-Ver­ei­ni­gung des Arbeit­ge­ber­ver­ban­des Gesamt­me­tall.) Selbst von mög­li­cher­wei­se hono­ri­gen Pro­fes­so­ren kennt man nur ihre Drei-Satz-Erklä­run­gen aus dem Bou­le­vard­fern­se­hen („Explo­siv“, „Bri­sant“, „Anne Will“) und wenn man sie nur oft genug gese­hen hat, kann man sie sowie­so nicht mehr ertra­gen.

Dabei wäre es ja eigent­lich nur wün­schens­wert, wenn sich tat­säch­lich die ver­dien­tes­ten und klügs­ten Leu­te zu The­men äußern und nicht etwa Ronald Pofalla. Es gibt eher zu weni­ge Den­ker in der Öffent­lich­keit als zu vie­le. Die Zei­ten, in denen sich der Wei­ma­rer Hof mit den wei­ses­ten Her­ren der dama­li­gen Welt schmück­te, sind lan­ge vor­bei. Fach­leu­te wer­den von der Poli­tik zwar noch her­an­ge­karrt, aber sofort wie­der fal­len gelas­sen, wenn ihr Fach­wis­sen sich als unpo­pu­lär her­aus­stel­len könn­te. Fra­gen Sie mal Paul Kirch­hof, den „Pro­fes­sor aus Hei­del­berg“. (Es geht natür­lich noch per­fi­der: Hartz will heu­te ja nun wirk­lich nie­mand hei­ßen.)

Der Grund, war­um Medi­en die­se Exper­ten brau­chen, ist natür­lich klar: Zum einen braucht jedes The­ma ein Gesicht, wes­we­gen Hip-Hop ja auch aus­sieht wie Emi­nem und Indie­rock wie Pete Doh­erty. Zum ande­ren braucht man jeman­den, der Ahnung von einem The­ma hat, mit dem man sich gera­de zum ers­ten Mal beschäf­tigt: Wer mor­gens in der Redak­ti­ons­kon­fe­renz die Bekannt­ga­be des „Vogels des Jah­res“ aufs Auge gedrückt bekommt, kann nicht bis zur Abga­be noch eine Orni­tho­lo­gie-Stu­di­um abschlie­ßen.

Vor eini­ger Zeit behel­lig­te ich einen Geschichts­pro­fes­sor mit der Fra­ge, ob er mir für eine Repor­ta­ge (die immer noch zu schrei­ben ist) eini­ge Ein­stiegs­fra­gen beant­wor­ten kön­ne. Er teil­te mir höf­lich, aber bestimmt mit, dass Pro­fes­so­ren ent­ge­gen der weit­läu­fi­gen Annah­me von Jour­na­lis­ten kei­ne Aus­kunftei­en sei­en, für sol­che Zwe­cke gebe es Fach­li­te­ra­tur. Der Mann hat wis­sen­schaft­lich natür­lich voll­kom­men recht, aber kein Jour­na­list wird im Tages­ge­schäft mal eben ein, zwei, drei Fach­bü­cher lesen kön­nen – und der Pro­fes­sor hat sich frei­lich selbst um eine Kar­rie­re als viel­zi­tier­ter (weil unge­le­se­ner) Exper­te gebracht.

Mehr zum The­ma in die­sem Bei­trag von „Zapp“ aus dem letz­ten Jahr.

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Politik

Der Nazi-Vergleich des Monats

… wird Ihnen prä­sen­tiert von Hans-Wer­ner Sinn, dem Prä­si­den­ten des Münch­ner Ifo-Insti­tuts.

Den zitiert der „Tages­spie­gel“ wie folgt:

„In jeder Kri­se wird nach Schul­di­gen gesucht, nach Sün­den­bö­cken“, sag­te er dem Tages­spie­gel. In der Welt­wirt­schafts­kri­se von 1929 „hat es in Deutsch­land die Juden getrof­fen, heu­te sind es die Mana­ger“.

Damit sichert sich Sinn natür­lich einen der begehr­ten Plät­ze in der gro­ßen Nazi-Ver­gleichs-Lis­te von Cof­fee And TV – auch wenn es sich streng genom­men nur um eine Cover­ver­si­on von Roland Kochs Schla­ger „Eine neue Form von Stern an der Brust“ han­delt.

Streng genom­men han­delt es sich hier­bei natür­lich nicht direkt um einen Nazi-Ver­gleich, weil das obli­ga­to­ri­sche „wie/​seit Hitler/​Goebbels/​1945“ fehlt. Ande­rer­seits wird hier gleich jeder, der heu­te Mana­ger kri­ti­siert, mit Anti­se­mi­ten gleich­ge­setzt. Und das wäre, wenn Sinn das tat­säch­lich gemeint haben soll­te, natür­lich schon eine ziem­lich ver­un­glück­te Welt­sicht.

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Unterwegs Gesellschaft

Scheint die Sonne auch für Nazis?

Auf Demons­tra­tio­nen ist es nicht groß anders als im Fuß­ball­sta­di­on oder auf Rock­kon­zer­ten: man ist umge­ben von Men­schen, mit denen man ganz offen­sicht­lich gemein­sa­me Inter­es­sen teilt, aber wenn man sie sich so ansieht und anhört, kann man sich beim bes­ten Wil­len nicht mehr vor­stel­len, mit ihnen irgend­et­was gemein zu haben.

Die NPD hat für heu­te in Bochum zu einer Demons­tra­ti­on gegen „Über­frem­dung“, „Isla­mi­sie­rung“ und „Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät“ auf­ge­ru­fen und die Bochu­mer Öffent­lich­keit reagier­te mit Gegen­ver­an­stal­tun­gen. Die Haupt­kund­ge­bung, auf die ich auch hier in der Side­bar hin­ge­wie­sen hat­te, stand unter dem Mot­to „Wir sind Bochum – Nazis sind es nicht!“, was ein­mal mehr ein beein­dru­ckend merk­wür­di­ger Slo­gan ist. Denn zum einen soll­te es ja genau dar­um gehen, dass gewis­se rechts­extre­me Posi­tio­nen inzwi­schen mit­ten in der Gesell­schaft ange­kom­men und also sehr wohl auch Teil die­ser Stadt sind (ob man will oder nicht), zum ande­ren: Was sind Nazis dann? Wan­ne-Eickel?

Trotz­dem ging ich heu­te Mit­tag natür­lich zum Dr.-Ruer-Platz, wo sich etwa 2.000 Men­schen ver­sam­melt hat­ten. Das ist im Ver­gleich zu den etwa 150 mar­schie­ren­den Nazis zwar beein­dru­ckend (Red­ner: „Wir sind mehr wie die Gegen­sei­te.“ – Publi­kum: „Als!“), ande­rer­seits aber gera­de mal 0,5% der Ein­woh­ner der Stadt. Aber irgend­wie konn­te ich, nach­dem ich fünf Minu­ten den Red­nern gelauscht hat­te, nur zu gut ver­ste­hen, wenn man mit die­ser Ver­an­stal­tung nichts zu tun haben woll­te: Da wur­de das Schei­tern der Kon­fe­renz von „Pro Köln“ als leuch­ten­des Bei­spiel für zivi­len Wider­stand dar­ge­stellt und mit kei­nem Wort erwähnt, dass prü­geln­de und Stei­ne wer­fen­de Auto­no­me das Bild des fried­li­chen Pro­tests erheb­lich gestört hat­ten. Immer­hin zu Gewalt­lo­sig­keit wur­de auf­ge­ru­fen, wor­an sich die vie­len älte­ren Leu­te und Kin­der auf dem Platz ver­mut­lich auch von sich aus gehal­ten hät­ten. Die Anti­fa, denen man das hin­ter die Löf­fel hät­te schrei­ben müs­sen, hat­te eine eige­ne Ver­an­stal­tung, ein paar hun­dert Meter wei­ter.

Wirk­lich zu viel wur­de es mir dann, als ein DGB-Mann ans Mikro­fon trat und los­brüll­te. Bei gei­fern­den Men­schen ist es mir egal, wel­che Posi­ti­on sie ver­tre­ten und wie sie hei­ßen: ich kann das Geschrei nicht ertra­gen und es ist mir völ­lig schlei­er­haft, wie sie damit über­haupt ein Publi­kum errei­chen kön­nen. Aber viel­leicht lenkt sowas ein­fach ab, wenn man nichts zu sagen hat (Hit­ler- und/​oder Lafon­taine-Ver­glei­che bit­te selbst ein­set­zen).

Von allen Red­nern blieb mir nur ein jun­ger Musi­ker im Gedächt­nis, des­sen Anspra­che über „Nazis gehö­ren hier nicht hin!“ und „Ver­bie­tet end­lich die NPD!“ hin­aus­ging. Er gei­ßel­te die all­ge­mei­ne Isla­mo­pho­bie, die auch vor „Main­stream­m­e­di­en“ wie „ ‚Spie­gel‘, ‚Stern‘ und ‚Focus‘ “ nicht Halt mache. Die­ser Hauch von inhalt­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung kam bei den Zuhö­rern aber nicht so gut an wie das Gebrüll des DGB. Kurz dar­auf war die Kund­ge­bung vor­bei.

Beein­dru­cken­der als die­se klei­ne Mas­sen­ver­an­stal­tung, auf denen ich mich sowie­so nie beson­ders wohl füh­le, waren die vie­len Men­schen, die mit Auf­kle­bern und But­tons auf der Jacke durch die Stadt lie­fen und so ihre ganz eige­nen Zei­chen gegen die Nazis setz­ten. Nen­nen Sie mich pathe­tisch, aber eine alte Dame, die beim Wochen­end­ein­kauf „No Go für Nazis“ auf dem Pelz­man­tel kle­ben hat, ist ein viel stär­ke­res Bild als ein paar Tau­send Leu­te mit bemal­ten Bett­la­ken und SPD-Fah­nen.

Der Auf­marsch der NPD läuft zur Stun­de noch. Sie zie­hen vor­bei an Pla­ka­ten, auf denen „Nazis haben klei­ne Pim­mel“ steht, und an Kir­chen, deren Glo­cken Sturm läu­ten und so die Paro­len weit­ge­hend über­tö­nen.

Live­ti­cker dazu gibt es bei den Ruhr­ba­ro­nen, den Ruhr­nach­rich­ten und via twit­ter vom Wes­ten.

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Musik

Track by track: Tomte – Heureka

Ich habe die­sen Text wochen­lang vor mir her­ge­scho­ben, aus einem ein­zi­gen Grund: Ich konn­te mich nicht ent­schei­den, ob ich einen Dis­clo­sure set­zen soll oder nicht.

Wenn ich schrie­be, dass ich schon seit län­ge­rem rie­si­ger Tom­te-Fan bin, mit Tom­te-Sän­ger Thees Uhl­mann schon eini­ge Male ver­schie­de­ne Alko­ho­li­ka zu mir genom­men habe, und ihm eine Demo der Kili­ans zuge­steckt habe, wor­auf­hin er die Band ganz groß raus­ge­bracht hat, könn­te mir das leicht als eit­le Prot­ze­rei aus­ge­legt wer­den.

Wenn ich es nicht schrie­be, käme aber garan­tiert jemand an, der mir noch enge­re Bezie­hun­gen zu Band, Sän­ger und Label unter­stel­len und mich als Bei­spiel für die Ver­lo­gen­heit und den Inzest im Musik­jour­na­lis­mus hin­stel­len wür­de.

Suchen Sie sich also aus, ob Sie die nun fol­gen­de Track-by-track-Ana­ly­se des neu­en Tom­te-Albums „Heu­re­ka“ mit oder ohne Dis­clo­sure im Hin­ter­kopf lesen wol­len.

Wenn Ihnen die Text­zei­len

Und wir heben unser Glas in Demut
Ich erin­ner‘ mich an alles und jeden
Such Dir jeman­den, der Dir nicht weh­tut
Du nennst das Pathos, und ich nenn‘ es Leben

aller­dings schon Zuviel des Guten sind, soll­ten Sie aber sowie­so nicht wei­ter­le­sen.

Und jetzt fan­ge ich end­lich an:

Heu­re­ka
Einen Titel­track auf einem Tom­te-Album gab es zuletzt auf „Eine son­ni­ge Nacht“, aber die­se Infor­ma­ti­on hat allen­falls sta­tis­ti­schen Wert, denn „Heu­re­ka“ beginnt mit einem Kla­vier. Thees Uhl­mann singt Zei­len, die aus­schließ­lich aus Voka­len bestehen, und hört damit in den nächs­ten 51 Minu­ten nicht mehr auf. „Du bist nicht gestor­ben: Heu­re­ka!“, jubi­liert er im Refrain und schließt mit „Man ver­misst, was einen jeden Tag umgibt“. Die küchen­psy­cho­lo­gi­sche Deu­tung: trotz aller Wid­rig­kei­ten und Umbe­set­zun­gen sind Tom­te immer noch da und jetzt wol­len sie wei­ter­ma­chen.

Wie ein Pla­net
Iggy Pops „Pas­sen­ger“ klopft sehr deut­lich an, ehe Herr Uhl­mann erst­mal lei­den darf. Im Refrain schwingt es im Vier-Vier­tel-Takt Six­ties-mäßig vor sich hin. „Das ist die Zeit, das Leben sei schön“, heißt es im Refrain und aus die­ser Jetzt-erst-Recht- und Das-passt-schon-alles-Umar­mung kommt der Hörer auch nicht mehr raus.

Der letz­te gro­ße Wal
Die Sin­gle. Nach einer Ein­ge­wöh­nungs­pha­se ein unglaub­lich gro­ßer Song. Der letz­te Über­le­ben­de in einer Welt, in der sich alles geän­dert hat: Thees Uhl­mann? Vie­len Musi­kern wür­de ich so viel Selbst­ver­trau­en und Ich-Bezo­gen­heit übel neh­men, bei Uhl­mann passt das ein­fach: man weiß, dass er unge­schützt hin­ter jedem „Ich“ steht, dass er meint, was er singt. Ande­rer­seits ist spä­tes­tens jetzt die Gele­gen­heit, das ers­te Mal Den­nis Becker zu loben, den ver­mut­lich bes­ten Gitar­ris­ten des Lan­des.

Wie sieht’s aus in Ham­burg?
Auf „Buch­sta­ben über der Stadt“ ging es noch um „New York“, jetzt ist’s eine Num­mer klei­ner: Der zurück­ge­las­se­ne Freund in Ham­burg bekommt das Denk­mal gebaut, das er ver­dient hat. Der Refrain schrammt mit Akus­tik­gi­tar­re, Kla­vier und Satz­ge­sang haar­scharf an der Chee­syn­ess vor­bei, dann kommt ein zwei­stim­mi­ges Gitar­ren­so­lo. Das wird ja über Uhl­mann und sei­ne Tex­te gern ver­ges­sen: wie gut die alle als Musi­ker sind.

Vor­an vor­an
Orgel. Bedeu­tungs­schwe­re. Cold­play-Gefühl. Und dann plötz­lich Elek­tro­beats. Spä­tes­tens jetzt wird klar, dass Tobi­as Kuhn (Ex-Miles, Mon­ta) als neu­er Pro­du­zent genau den fri­schen Wind gebracht hat, den eine Band auf dem fünf­ten Album braucht. Der Refrain ist so sehr Sta­di­on­hym­ne, dass man die geschwenk­ten Feu­er­zeu­ge förm­lich rie­chen kann. „Ich zie­he das durch“, singt Uhl­mann und wer hät­te das Recht, das in Fra­ge zu stel­len.

Küss mich wach Glo­ria
Musi­ka­lisch ist es Eng­land zwi­schen den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern, trotz­dem braucht das Lied gut zwei­ein­halb Minu­ten, um aus dem Quark zu kom­men. Das oben auf­ge­führ­te Pathos-Zitat stammt hier­her und ich kann mir gut vor­stel­len, dass man die­ses Lied unglaub­lich schlimm und prä­ten­ti­ös fin­den kann. Nur: ich mag es. Uhl­mann braucht halt sei­ne per­sön­li­chen „Live Fore­vers“.

Es ist so dass Du fehlst
Akus­tik­gi­tar­ren, Drei­vier­tel­takt, Ein­sam­keit. Irgend­wie klingt auch das nach Cold­play, aber nach deren Debüt. Melan­cho­lie und Zuflucht, „Du bist das Beil, ich bin der Wald“. Schön, aber ein biss­chen was fehlt dann doch.

Und ich wan­der
„Du schlägst Dich durch Dein Leben wie ein Koli­bri fliegt“ ist natür­lich auch wie­der so ein Zitat, bei dem es sehr dar­auf ankommt, von wem es stammt. Die Musik klingt genau­so wie die besun­ge­ne Wan­de­rung („durch die war­me Nacht“) und wenn man die­ses Lied unter­wegs auf dem MP3-Play­er hört, fühlt man sich so ver­stan­den und beschützt.

Du bringst die Sto­ries (Ich bring den Wein)
Schon musi­ka­lisch ist es Lied unglaub­lich _​uplifting_​. Dass Uhl­mann offen­bar ein­mal mehr eine Män­ner­freund­schaft besingt, wirft die Fra­ge auf, ob Frau­en Tom­te eigent­lich genau­so schät­zen. „Wenn Du nichts mehr hast, hast Du immer noch mich, denn ich pla­ne zu blei­ben, mein Freund!“ – Was müs­sen das für glück­li­che Men­schen sein, die sol­che Lie­der geschrie­ben bekom­men?

Das Orches­ter spielt einen Wal­zer
Als ich „Heu­re­ka“ zum ers­ten Mal hör­te, ging ich zu Fuß durch die nie­der­rhei­ni­sche Land­schaft. Bei die­sem Lied saß ich unten am Fluss und starr­te auf das Was­ser. Inso­fern ist das Lied für mich viel­leicht mit etwas zu viel Dra­ma­tik und Bedeu­tung auf­ge­la­den, und ehr­lich gesagt ist es das schwächs­te Lied auf dem Album. Trotz­dem kommt hier die zen­tra­le Zei­le des Albums vor: „Mein Gott, ist das Leben schön“. Wenigs­tens für einen Moment soll­te die Fra­ge erlaubt sein, ob glück­li­che Künst­ler nicht uner­träg­lich sind.

Nichts ist so schön auf der Welt wie betrun­ken trau­ri­ge Musik zu hören!
Ja, die Song­ti­tel auf die­sem Album sind mit­un­ter etwas über­am­bi­tio­niert. Und mit den Tom­te-Lie­dern über Musik könn­te man ein eige­nes Album fül­len. Und über­haupt: sechs Minu­ten! Wir befin­den uns halt mit­ten in dem Teil der Plat­te, den ich objek­tiv als eher mäßig gelun­gen bezeich­nen wür­de. Wie das Lied aller­dings in der Mit­te plötz­lich los­legt und sich um sich selbst win­det, das ist schon sehr Seat­tle in den frü­hen Neun­zi­gern. Man weiß, wie es gemeint ist.

Dein Herz sei wild
Irgend­wann zwi­schen­durch hat­ten Tom­te auch mal die Back-to-the-roots-Paro­le aus­ge­ge­ben. Sie mani­fes­tiert sich in die­sem Vier­ein­halb-Minu­ten-Stück, das auch auf den ers­ten bei­den Alben hät­te sein kön­nen. Irgend­wie auch mehr ein „Pfffffff!“- als ein „Wow!“-Lied.

Vor­an vor­an (Laut)
Noch­mal „Vor­an vor­an“, dies­mal The Clash statt Cold­play. Das macht es natür­lich anders, aber auch gut. Als Raus­schmei­ßer ist die­ser Bonus­track deut­lich bes­ser geeig­net als „Dein Herz sei wild“, denn er macht die vor­he­ri­gen Hän­ger wie­der wett.

Fazit
So groß­ar­tig das Album zu Beginn ist, so sehr baut es doch nach hin­ten hin­aus ab. Zehn Songs statt 13 hät­ten es auch getan, denn dann stün­de es „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ und „Buch­sta­ben über der Stadt“ in nichts nach.

Man muss „Heu­re­ka“ aber wohl als Selbst­fin­dungs­pro­zess und Stand­ort­be­stim­mung hören. Immer­hin hat man es hier mit einer Band zu tun, die im Ver­gleich zum Vor­gän­ger­al­bum qua­si zur Hälf­te umge­stellt wur­de (Timo Boden­stein und Olli Koch raus; Max Mar­tin Schrö­der am Schlag­zeug, statt an den Key­boards; Simon Front­zek an den Key­boards), und die sich gleich­zei­tig wei­ter­ent­wi­ckeln und auf ihre Wur­zeln besin­nen will. Gemes­sen dar­an ist „Heu­re­ka“ erstaun­lich rund und stim­mig gewor­den.

Die Hym­nen sind noch ein biss­chen grö­ßer gewor­den, die Rocker wie­der ein biss­chen wüten­der. Tom­te sind immer noch da und sie pla­nen zu blei­ben. Und Thees Uhl­mann ist der letz­te gro­ße Wal.

Tomte - Heureka (Albumcover)
Tom­te – Heu­re­ka

VÖ: 10.10.2008
Label: Grand Hotel van Cleef
Ver­trieb: Indi­go