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Bist Du noch wach? — 3. Was steht auf Deiner Bucket List?

In der neuen Folge „Bist Du noch wach?“ benutzen Sue und Lukas so schöne Wörter wie „Bucket List“ und „Celebrity Crush“ und brennen auch sonst ein Feuerwerk für Liebhaber*innen der Linguistik ab (Koch/Oesterreicher, 1994).

Sue warnt vor gewünschten Hängematten, Lukas davor, ihn anzurufen, und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach ihrer eigenen Kreativität.

E-Mails (zum Beispiel mit eigenen Fragen oder exklusiven Schimpfwörtern für das Bohren in Altbauwohnungen) nehmen wir unter bistdunochwach@coffeeandtv.de entgegen!

Shownotes:

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Glühwürmchen

Ich muss Sie gerade noch mal in meiner Eigenschaft als gelernter Varietätenlinguist behelligen. Kimberly Hoppe, “LEUTE-Kolumnistin” der Münchener Abendzeitung und berühmt für ihre einfühlsamen Twitter-Reportagen, ist da bei ihren investigativen Recherchen im Prä-Oktoberfestlichen München auf ein ganz ein neues Wort gestoßen:

Es ist das Wort des Jahres: VORGLÜHEN.

Früher gab’s das Phänomen auch schon, allerdings kein so lustiges Wort dazu. Ja, ich als Nicht-Katholikin gestehe und tue Buße: Ich habe früher Augustiner-Flaschen im Rucksack (’türlich Eastpack) auf die Wiesn ins Schottenhamel-Zelt geschmuggelt und nach der ersten Maß heimlich in den Krug nachgeschenkt. Schließlich war das Bier zu DM-Preisen schon viel zu teuer und ich war jung und brauchte das Geld für was anderes. Gut. Nein: schlecht. Auf jeden Fall lange her.

Nun ist Frau Hoppe knapp drei Jahre älter als ich, was mir erstens die Möglichkeit einräumt, doch noch was aus meinem Leben zu machen, ihre “lange her”-Prosa zweitens ein bisschen bemüht erscheinen lässt, und drittens die Frage aufwirft, warum sie erst jetzt, im Jahr 2009, auf dieses beknackte, mir nie sonderlich kreativ erscheinende, Wort gestoßen ist. Mir ist definitiv eine Situation von vor sieben Jahren erinnerlich, in der das Wort “Vorglühen” fiel, aber es kann sich auch schon bedeutend länger in meinem passiven Wortschatz befinden.

Man muss ja nicht gleich einen Kübel Bier Hohn über einer “LEUTE-Kolumnistin” ausleeren, die offenbar die letzten Jahre hinter dem Mond gelebt hat, aber rein interessehalber (und weil meine Eltern sich immer freuen, wenn ich irgendwo andeuten kann, dass sich ihre Investition in mein Studium gelohnt hat) wüsste ich jetzt gerne von Ihnen:

War Ihnen die Vokabel “Vorglühen” als vor-partyliche Druckbetankung mit alkoholischen Getränken schon vor der Lektüre von Frau Hoppes Lebensbeichte bekannt? Wenn ja: Wie lange?

(Klar, dass das eigene Alter und die Region, in der man aufgewachsen ist, auch hier wieder erheblich zu einem stimmigen Gesamtbild beitragen würden.)

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The End Is The Beginning Is The End

Als ich noch über eine akademische Karriere nachdachte, hielt ich es als begeisterter Varietätenlinguist für eine gute Idee, meine Doktorarbeit über Brotenden zu schreiben (die Alternatividee hieß “Ficken, Bumsen, Blasen — Eine Etymologie der Sex-Sprache”). Denn, so hatte ich gelernt: Diese Dinger heißen überall anders.

Eine ansehnliche Liste mit Bezeichnungen (sowie mit Namen für das Kerngehäuse eines Apfels) hatte ich schon begonnen — und es steht Ihnen natürlich frei, diese in den Kommentaren zu ergänzen. Ich erfuhr, dass es sogar Dörfer gibt, in denen der Anfang und das Ende eines Brotes unterschiedliche Bezeichnungen haben. Da ist man dann schnell im Grenzgebiet von Linguistik und Philosophie.

Schwierig würde es da natürlich bei so einem Kandidaten der kubistischen Phase:

Quadratisch, praktisch, Brot
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Blog am Bein

Writer's block

Kürzlich wohnte ich einer Diskussion bei, bei der es um die (zugegebenermaßen sehr nebensächliche) Frage ging, ob es eigentlich “der Blog” oder “das Blog” heiße. Mein Standpunkt war, dass ich zwar “das Blog” sagen würde, aber beim besten Willen nicht wüsste, warum. Vielleicht, um Verwechslungen mit “der Block” (damn you, Auslautverhärtung!) zu vermeiden. Aber wozu hat man Germanistik und Anglistik studiert und seine B.A.-Arbeit über die Veränderungen in der Internetsprache geschrieben?

Bevor wir uns dem konkreten Fall nähern, müssen wir zwei grundsätzliche Probleme erwähnen: Erstens gibt es im Deutschen Unterschiede zwischen grammatischem (Genus) und biologischem (Sexus) Geschlecht, die dazu führen, dass sprachlich alle Hunde männlich, alle Katzen weiblich und alle Mädchen sächlich sind. ((Besonders das mit den Mädchen ist ein ungeklärtes Problem, dem dessen sich Sprach- und Genderwissenschaften dringend annehmen sollten.)) Da die Artikel (bestimmte wie unbestimmte) vom grammatischen Geschlecht abhängen, muss man zu jedem Wort auch seinen Genus dazulernen. Daraus folgt auch, dass man zweitens für jedes Fremd- oder Lehnwort ein grammatisches Geschlecht festlegen muss. So sagt man “das Trottoir” (im Französischen ein Maskulinum), “die Toilette” (im Französischen auch Femininum) und “der Cappuccino” (im Italienischen ebenfalls Maskulinum).

Versuchen wir, die Kurve Richtung “Blog” zu kratzen, und nähern uns der Welt von Computern (mask.) und Internet (neutr.): So sagt man in Deutschland “die E-Mail”, was sich damit erklären ließe, dass die deutsche Übersetzung (“E-Post”) ebenfalls feminin ist. ((Schlimm wird’s bei einem Wort wie “blogger”, das für weibliche wie männliche Personen steht, für Deutsche aber nach einer männlichen Endung ausschaut. Spätestens bei “girlfriend” empfiehlt es sich, auf fremdsprachliche Vokabeln zu verzichten und einfach den deutschen Begriff “Freundin” zu verwenden.)) In Österreich und der Schweiz heißt es aber “das E-Mail”, womit wir den Salat endgültig hätten.

Nehmen wir der Einfachheit halber trotzdem mal für einen Moment an, die deutsche Übersetzung bestimme alleine den Artikel. “Blog” ist die Kurzform von “Weblog”, was sich wiederum auf “log” bezieht, wozu das “Oxford English Dictionary” Folgendes zu berichten weiß:

log /lɒg/ n.¹ ME. [Origin unknown] I 1 A bulky mass of wood; esp. an unhewn portion of a felled tree, or a length cut off for use as firewood. ME. b Surfing. A large or heavy surfboard. M20. 2 a A heavy piece of wood, fastened to the leg of a person or an animal to impede movement. L16. b Mil. Hist. A form of punishment whereby a heavy weight was chained to an offender‘s leg to be dragged or carried around as the person moved. M19. 3 A piece of quarried slate before it is split into layers. E18. 4 In pl. A jail, a lock-up. Austral. slang. L19.

[…]

II 5 An apparatus for ascertaining the speed of a ship, consisting of a float attached to a line wound on a reel. Also, any other apparatus for the same purpose. L16. 6 a A book containing a detailed daily record of a ship‘s voyage; a logbook. E19. b A systematic record of things done, found, experienced, etc., as (a)a record of discoveries or variations at successive depths in drilling a well; a graph or chart displaying this information; (b) a record with details of journeys kept by a lorry driver; (c) a record of what is broadcast by a radio or television station; (d) Computing a sequential file of transactions on a database. E20. c A list or summary of claims for a wage increase etc. Freq. more fully log of claims. Austral. E20.

(The New Shorter Oxford English Dictionary on historical principles; Edited by Leslie Brown; Oxford, 1993.)

Wäre ich gezwungen, diesem Eintrag eine einzige deutsche Vokabel zuzuordnen, würde ich mich wohl für “Klotz” entscheiden. ((Der Spiegelfechter hatte bei einer ähnlichen Diskussion auf freitag.de angeführt, das englische Wort “log” stamme vom altisländischen und altnorwegischen “lag” ab, was “umgefallener Baumstamm” heiße — ich will nicht ausschließen, dass er da tatsächlich mehr wusste als das Oxford Dictionary, halte diese Information aber auch eher für Bonuswissen, das uns bei der konkreten Fragestellung nicht weiterhilft.)) Er deckt den Bereich I komplett ab und passt im Bereich II zumindest noch zur Nummer 5. Außerdem ist er ähnlich schön lautmalerisch.

Werfen wir auch noch einen (wenig aufschlussreichen) Blick ins mittelenglische Wörterbuch (“ME” = “Middle English”):

loglog(ge n. (1); lok n. (2); lough.

log(ge n. (1) [Cp. ML loggum.] (a) An unshaped piece of wood, stave, stick; (b) as surname.

(Middle English Dictionary; Sherman M. Kuhn, Editor & John Reidy, Associate Editor; Ann Arbor, 1968.)

Das englische Wort “weblog” könnte also mit einiger Berechtigung als “Netzklotz” übersetzt werden, womit es ein Maskulinum wäre. Der Duden, über dessen Rolle man auch erst einmal streiten müsste, lässt übrigens “das” und “der” zu:

1. Blog, das, auch: der; -s, -s [engl. blog, gek. aus: weblog, →Weblog] (EDV Jargon): Weblog. ...

Ich bevorzuge wie gesagt “das Blog” ((Weil ich es sinnvoll finde, wenn sachliche Dinge auch sachliche Artikel haben.)) und finde “der Blog” etwas merkwürdig, aber merkwürdig finde ich ja auch regionalsprachliche Varianten wie “eingeschalten” statt “eingeschaltet” oder “ich bin gestanden” statt “ich habe gestanden” und das macht sie ja auch nicht falsch.

Sprache ist – da wiederhole ich mich gerne – etwas Lebendiges und die Mehrheit hat immer Recht. Sollte sich also “der Blog” durchsetzen, würde das zwar vermehrt zu Verwechselungen von “der Blog” und “der Block” führen, aber man müsste es akzeptieren, wenn man nicht gegen Windmühlen kämpfen will.

Zu den Blog-nahen Sprachveränderungen zählen auch “Blog” als Synonym für “Blogeintrag” (Matthias Matussek veröffentlicht ja regelmäßig “neue Blogs”) und “Blogger” als Bezeichnung für Blogleser und -kommentatoren. Das sind natürlich schon erhebliche Bedeutungsverschiebungen bzw. -erweiterungen, aber sowas ist bei jungen Themengebieten Blogs völlig normal.

Viel entscheidender als die Frage, ob es “der Blog” oder “das Blog” heißt, ist doch die, was drinsteht wer mir die vier Stunden Lebenszeit ersetzt, die ich in der Uni-Bibliothek verplempert habe.

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Börek Obhammer

In einer Woche wird in den USA ein neuer Präsident gewählt.

Ob die deutschen Journalisten bis dahin noch lernen werden, dass der Name des demokratischen Kandidaten [bəˈrɑːk oʊˈbɑːmə] ausgesprochen wird und nicht [‘bæræk o’bæmɑ]?

Nachtrag, 13:22 Uhr: Auf vielfachen Wunsch gibt’s das Ganze jetzt auch audiovisuell:

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Stopf den Tisch oder ich butter dir die Bremen

Auch wenn uns politisch wenig bis gar nichts verband, war Helmut Kohl immer “mein” Kanzler. Er war schon Kanzler, als ich auf die Welt kam, und als er es plötzlich (nach 16 Jahren!) nicht mehr war, war ich verwirrt. Sagte der Nachrichtensprecher “Bundeskanzler”, vervollständigte ich im Geiste “Helmut Kohl”. In meiner Erinnerung wird Kohl immer zu gleichen Teilen die “Hurra Deutschland”-Gummipuppe und der Fels in der Brandung sein. Er war der große “Aussitzer”, die sprichwörtliche deutsche Eiche, die es nicht im mindesten interessierte, welche Sau sich gerade wieder an ihr rieb. Kohl hat sie alle überstanden: Schmidt, Strauß, Möllemann. Es gab Bücher voller Kohl-Witze und ich würde ihm zutrauen, dass er, wenn ihm mal jemand ein solches Buch geschenkt hätte, dieses demonstrativ auf dem Fensterbrett der Gästetoilette seines Oggersheimer Bungalows platziert hätte, um zu zeigen, wie wenig ihn das alles anfocht. Wenn er doch mal die Contenance verlor, wie als er sich in Halle auf einen Mann stürzte, der ihn mit Eiern beworfen hatte, dann zeigte er in einer solchen Szene Menschlichkeit, physische Präsenz und den Willen, sich notfalls selbst zu verteidigen. Die Hallenser Eierwurf-Geschichte ist eine Episode in der an Episoden nicht armen Außenwirkung Kohls. Seine innere Ruhe geht so weit, dass ihn auch die Bonner Staatsanwaltschaft nicht davon überzeugen kann, sein Ehrenwort zu brechen.

Kohls Nachfolger als Bundeskanzler war Gerhard Schröder, der unter anderem dadurch in die Geschichte und das kollektive Gedächtnis einging, dass er gerichtlich gegen die Behauptung vorging, sein gleichmäßig dunkles Haupthaar sei gefärbt. Etwa fünf Jahre später setzte Schröders Gattin gerichtlich durch, dass der “Stern” nicht behaupten darf, sie habe die Idee gehabt, eine Neuwahl des Bundestags mittels Vertrauensfrage zu erwirken. Helmut Kohl wurde zu dieser Zeit, allen Ehrenworten zum Trotz, als Kandidat für den Friedensnobelpreis gehandelt.

Ebenfalls einen Prozess gewann im Jahr 2005 Schröders damaliger Verkehrsminister Manfred Stolpe. Er darf seitdem nicht mehr als “ehemaliger Stasi-Mitarbeiter” oder “IM” bezeichnet werden, auch wenn Stolpe selbst sagt, er habe als Sekretärs des Bundes der Evangelischen Kirche der DDR “zu vielen staatlichen Stellen Kontakt gehalten, darunter auch zur Staatssicherheit”, und der Birthler-Behörde Akten vorliegen, die den Verdacht erhärten, Stolpe sei als Informeller Mitarbeiter “geworben” worden. Die sogenannte “Stolpe-Entscheidung” des Bundesverfassungsgerichts besagt im Kern, dass es bei einer mehrdeutigen Äußerung ausreiche, wenn nur eine mögliche Interpretation dieser Äußerung die Persönlichkeitsrechte des Klägers verletze.

Natürlich möchte niemand Unwahrheiten oder Beleidigungen über sich selbst lesen und selbstverständlich gibt es einen Unterschied zwischen der Aussage “Lukas hatte Kontakte zu Apfeldieben (weil er in der Grundschule neben einem saß)” (Saß ich nicht, bzw. ich wüsste nichts davon. Es ist ein Beispiel, liebe früheren Mitschüler!) und “Lukas war/ist ein Apfeldieb”. Nur haben die Verfassungsrichter mit diesem Grundsatzurteil die Büchse der Pandora geöffnet, denn mehrdeutig und interpretierbar ist eine ganze Menge: Eine verulkende Berufsbezeichnung für Fernsehansagerinnen, die auch als abwertende Bezeichnung für das weibliche Geschlecht verstanden werden könnte? Die “Stolpe-Entscheidung” ist mit Euch (und sorgt dafür, dass sowohl die verulkende Berufsbezeichnung, als auch die Fernsehansagerin erstmals einem größeren Publikum bekannt werden). Eine Beschreibung für Menschen, die im Fernsehen anrufen, dann aber nichts oder völlig unpassendes Zeug sagen, die auch als Unterstellung den Angerufenen gegenüber verstanden werden könnte? Die “Stolpe-Entscheidung” hilft.

Ich bin kein Jurist und juristisch mögen diese Urteile auch völlig logisch begründbar sein. Linguistisch sind sie es nicht. Wer sagt, dass eine Wortneuschöpfung irgendetwas bedeuten könnte, und ein Wort synonym für ein anderes stehen könnte (das aber wohl in kaum einem Fall sinnvoll), stellt die Grundkonvention in Frage, auf der jede Sprache aufbaut. Es besteht zum Beispiel die Konvention, dass das Ding mit der Platte aus Holz und den vier Beinen untendrunter “Tisch” genannt wird. Nur so weiß der kleine Peter, was die Lehrerin meint, wenn sie sagt “Peter, klebe doch bitte Dein Kaugummi nicht unter Deinen Tisch”. Und das gilt – Sie haben es bereits erraten – nicht nur für das Wort bzw. das Konzept “Tisch”, sondern für jedes Wort des Satzes und der gesamten Sprache. Für die Wissenschaft, die sich mit der Bedeutung von Worten befasst, gibt es, welch Ironie, zwei verschiedene Begriffe: Wort- oder lexikalische Semantik. Wer tiefer in diese Materie einsteigen will, kommt beispielsweise um Ferdinand de Saussure kaum herum.

Die Annahme, ein Wort könne auch für etwas völlig anderes stehen (und wir reden hier natürlich nicht über Homonyme, sog. “Teekesselchen” wie “Ball” [rundes Sportobjekt/Tanzveranstaltung] oder “Bank” [Geldinstitut/Sitzmöbel]), hat etwas poststrukturalistisches. Denkt man den Gedanken zu Ende, könnte alles buchstäblich alles bedeuten. Nicht wenige Leute, die regelmäßig Briefe schreiben oder erhalten (z.B. Leserbriefschreiber), wissen, dass die Grußformel “Hochachtungsvoll” auch etwas ganz anderes bedeuten kann. Etwas, bei dessen öffentlicher Aussprache man immer betonen muss, Goethes “Götz von Berlichingen” zu zitieren. Kann ich also jedes alte Ömmacken, das noch gelernt hat, was sich gehört und wie man Briefe schreibt, verklagen, weil sie mich mit ihrem “Hochachtungsvoll” beleidigt haben könnte?

Ja, wieso denn eigentlich nicht? Ich kann doch auch sagen, das Ding mit der Platte aus Holz und den vier Beinen drunter nenne ich jetzt “Brot”, und das Zeugs aus Körnern, wo man sich morgen seine Nussnougatcreme draufstreicht, nenne ich “Waldemar”. Wenn ich das konsequent durchziehe, versteht mich bald niemand mehr, aber ich habe eine neue interessante Freizeitbeschäftigung, nämlich Worte durch andere zu ersetzen. Und da einige Personen die interessante Freizeitbeschäftigung, andere Leute juristisch zu belangen, aus den USA importiert haben, ist nicht ausgeschlossen, dass es in Zeitungsartikeln, Blogeinträgen und auch in der Alltagssprache bald von “Du weißt schon wer”s und “He who must not be named”s wimmeln könnte. (“Wobei das natürlich gar nichts brächte, weil man ja annehmen könnte, wer mit diesen Chiffren gemeint sein sollte“, sagte das Universum und löste sich in einem Logikwölkchen auf.)

Sprache ist etwas, mit dem jeder jeden Tag zu tun hat. Wirklich jeder und überall (die Ausnahmen müssten so konstruiert sein, dass man ihnen schon wieder Boshaftigkeit unterstellen könnte), deswegen denkt offenbar auch jeder, er kenne sich damit aus. Nur von Fußball haben noch mehr Deutsche Ahnung (nämlich alle außer dem jeweils aktuellen Bundestrainer) als von Sprache. Werden Linguisten um Gutachten gebeten, werden diese meist schlicht ignoriert. Man stelle sich nur mal vor, ein Richter sage dem Dekra-Sachverständigen, der gerade erklärt hat, ein Auto könne nicht innerhalb von 1,8 Sekunden von 250 km/h zum Stillstand gebracht werden (und das in einem Verkehrsberuhigten Bereich), es sei ja ganz schön, was er da gerade von seiner putzigen Wissenschaft aus seinem schmucken Elfenbeinturm berichtet habe, aber er fahre ja selber Auto und könne daher durchaus befinden, dass das sehr wohl gehe. Mit Geisteswissenschaftlern, diesem Pack, das nur Bücher liest und keine neuen Automotoren oder Atombomben entwickelt, und auch keine Konzepte zur Einsparung von 30.000 Arbeitskräften bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität erarbeiten kann, mit denen kann man offenbar alles machen.

Was? Ich schweife ab, ich ertrinke in Weltenschmerz und werde über Gebühr sarkastisch? Nein, das müssen Sie irgendwie falsch interpretiert haben.