Stopf den Tisch oder ich butter dir die Bremen

Von Lukas Heinser, 2. August 2007 2:31

Auch wenn uns politisch wenig bis gar nichts verband, war Helmut Kohl immer „mein“ Kanzler. Er war schon Kanzler, als ich auf die Welt kam, und als er es plötzlich (nach 16 Jahren!) nicht mehr war, war ich verwirrt. Sagte der Nachrichtensprecher „Bundeskanzler“, vervollständigte ich im Geiste „Helmut Kohl“. In meiner Erinnerung wird Kohl immer zu gleichen Teilen die „Hurra Deutschland“-Gummipuppe und der Fels in der Brandung sein. Er war der große „Aussitzer“, die sprichwörtliche deutsche Eiche, die es nicht im mindesten interessierte, welche Sau sich gerade wieder an ihr rieb. Kohl hat sie alle überstanden: Schmidt, Strauß, Möllemann. Es gab Bücher voller Kohl-Witze und ich würde ihm zutrauen, dass er, wenn ihm mal jemand ein solches Buch geschenkt hätte, dieses demonstrativ auf dem Fensterbrett der Gästetoilette seines Oggersheimer Bungalows platziert hätte, um zu zeigen, wie wenig ihn das alles anfocht. Wenn er doch mal die Contenance verlor, wie als er sich in Halle auf einen Mann stürzte, der ihn mit Eiern beworfen hatte, dann zeigte er in einer solchen Szene Menschlichkeit, physische Präsenz und den Willen, sich notfalls selbst zu verteidigen. Die Hallenser Eierwurf-Geschichte ist eine Episode in der an Episoden nicht armen Außenwirkung Kohls. Seine innere Ruhe geht so weit, dass ihn auch die Bonner Staatsanwaltschaft nicht davon überzeugen kann, sein Ehrenwort zu brechen.

Kohls Nachfolger als Bundeskanzler war Gerhard Schröder, der unter anderem dadurch in die Geschichte und das kollektive Gedächtnis einging, dass er gerichtlich gegen die Behauptung vorging, sein gleichmäßig dunkles Haupthaar sei gefärbt. Etwa fünf Jahre später setzte Schröders Gattin gerichtlich durch, dass der „Stern“ nicht behaupten darf, sie habe die Idee gehabt, eine Neuwahl des Bundestags mittels Vertrauensfrage zu erwirken. Helmut Kohl wurde zu dieser Zeit, allen Ehrenworten zum Trotz, als Kandidat für den Friedensnobelpreis gehandelt.

Ebenfalls einen Prozess gewann im Jahr 2005 Schröders damaliger Verkehrsminister Manfred Stolpe. Er darf seitdem nicht mehr als „ehemaliger Stasi-Mitarbeiter“ oder „IM“ bezeichnet werden, auch wenn Stolpe selbst sagt, er habe als Sekretärs des Bundes der Evangelischen Kirche der DDR „zu vielen staatlichen Stellen Kontakt gehalten, darunter auch zur Staatssicherheit“, und der Birthler-Behörde Akten vorliegen, die den Verdacht erhärten, Stolpe sei als Informeller Mitarbeiter „geworben“ worden. Die sogenannte „Stolpe-Entscheidung“ des Bundesverfassungsgerichts besagt im Kern, dass es bei einer mehrdeutigen Äußerung ausreiche, wenn nur eine mögliche Interpretation dieser Äußerung die Persönlichkeitsrechte des Klägers verletze.

Natürlich möchte niemand Unwahrheiten oder Beleidigungen über sich selbst lesen und selbstverständlich gibt es einen Unterschied zwischen der Aussage „Lukas hatte Kontakte zu Apfeldieben (weil er in der Grundschule neben einem saß)“ (Saß ich nicht, bzw. ich wüsste nichts davon. Es ist ein Beispiel, liebe früheren Mitschüler!) und „Lukas war/ist ein Apfeldieb“. Nur haben die Verfassungsrichter mit diesem Grundsatzurteil die Büchse der Pandora geöffnet, denn mehrdeutig und interpretierbar ist eine ganze Menge: Eine verulkende Berufsbezeichnung für Fernsehansagerinnen, die auch als abwertende Bezeichnung für das weibliche Geschlecht verstanden werden könnte? Die „Stolpe-Entscheidung“ ist mit Euch (und sorgt dafür, dass sowohl die verulkende Berufsbezeichnung, als auch die Fernsehansagerin erstmals einem größeren Publikum bekannt werden). Eine Beschreibung für Menschen, die im Fernsehen anrufen, dann aber nichts oder völlig unpassendes Zeug sagen, die auch als Unterstellung den Angerufenen gegenüber verstanden werden könnte? Die „Stolpe-Entscheidung“ hilft.

Ich bin kein Jurist und juristisch mögen diese Urteile auch völlig logisch begründbar sein. Linguistisch sind sie es nicht. Wer sagt, dass eine Wortneuschöpfung irgendetwas bedeuten könnte, und ein Wort synonym für ein anderes stehen könnte (das aber wohl in kaum einem Fall sinnvoll), stellt die Grundkonvention in Frage, auf der jede Sprache aufbaut. Es besteht zum Beispiel die Konvention, dass das Ding mit der Platte aus Holz und den vier Beinen untendrunter „Tisch“ genannt wird. Nur so weiß der kleine Peter, was die Lehrerin meint, wenn sie sagt „Peter, klebe doch bitte Dein Kaugummi nicht unter Deinen Tisch“. Und das gilt – Sie haben es bereits erraten – nicht nur für das Wort bzw. das Konzept „Tisch“, sondern für jedes Wort des Satzes und der gesamten Sprache. Für die Wissenschaft, die sich mit der Bedeutung von Worten befasst, gibt es, welch Ironie, zwei verschiedene Begriffe: Wort- oder lexikalische Semantik. Wer tiefer in diese Materie einsteigen will, kommt beispielsweise um Ferdinand de Saussure kaum herum.

Die Annahme, ein Wort könne auch für etwas völlig anderes stehen (und wir reden hier natürlich nicht über Homonyme, sog. „Teekesselchen“ wie „Ball“ [rundes Sportobjekt/Tanzveranstaltung] oder „Bank“ [Geldinstitut/Sitzmöbel]), hat etwas poststrukturalistisches. Denkt man den Gedanken zu Ende, könnte alles buchstäblich alles bedeuten. Nicht wenige Leute, die regelmäßig Briefe schreiben oder erhalten (z.B. Leserbriefschreiber), wissen, dass die Grußformel „Hochachtungsvoll“ auch etwas ganz anderes bedeuten kann. Etwas, bei dessen öffentlicher Aussprache man immer betonen muss, Goethes „Götz von Berlichingen“ zu zitieren. Kann ich also jedes alte Ömmacken, das noch gelernt hat, was sich gehört und wie man Briefe schreibt, verklagen, weil sie mich mit ihrem „Hochachtungsvoll“ beleidigt haben könnte?

Ja, wieso denn eigentlich nicht? Ich kann doch auch sagen, das Ding mit der Platte aus Holz und den vier Beinen drunter nenne ich jetzt „Brot“, und das Zeugs aus Körnern, wo man sich morgen seine Nussnougatcreme draufstreicht, nenne ich „Waldemar“. Wenn ich das konsequent durchziehe, versteht mich bald niemand mehr, aber ich habe eine neue interessante Freizeitbeschäftigung, nämlich Worte durch andere zu ersetzen. Und da einige Personen die interessante Freizeitbeschäftigung, andere Leute juristisch zu belangen, aus den USA importiert haben, ist nicht ausgeschlossen, dass es in Zeitungsartikeln, Blogeinträgen und auch in der Alltagssprache bald von „Du weißt schon wer“s und „He who must not be named“s wimmeln könnte. („Wobei das natürlich gar nichts brächte, weil man ja annehmen könnte, wer mit diesen Chiffren gemeint sein sollte„, sagte das Universum und löste sich in einem Logikwölkchen auf.)

Sprache ist etwas, mit dem jeder jeden Tag zu tun hat. Wirklich jeder und überall (die Ausnahmen müssten so konstruiert sein, dass man ihnen schon wieder Boshaftigkeit unterstellen könnte), deswegen denkt offenbar auch jeder, er kenne sich damit aus. Nur von Fußball haben noch mehr Deutsche Ahnung (nämlich alle außer dem jeweils aktuellen Bundestrainer) als von Sprache. Werden Linguisten um Gutachten gebeten, werden diese meist schlicht ignoriert. Man stelle sich nur mal vor, ein Richter sage dem Dekra-Sachverständigen, der gerade erklärt hat, ein Auto könne nicht innerhalb von 1,8 Sekunden von 250 km/h zum Stillstand gebracht werden (und das in einem Verkehrsberuhigten Bereich), es sei ja ganz schön, was er da gerade von seiner putzigen Wissenschaft aus seinem schmucken Elfenbeinturm berichtet habe, aber er fahre ja selber Auto und könne daher durchaus befinden, dass das sehr wohl gehe. Mit Geisteswissenschaftlern, diesem Pack, das nur Bücher liest und keine neuen Automotoren oder Atombomben entwickelt, und auch keine Konzepte zur Einsparung von 30.000 Arbeitskräften bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität erarbeiten kann, mit denen kann man offenbar alles machen.

Was? Ich schweife ab, ich ertrinke in Weltenschmerz und werde über Gebühr sarkastisch? Nein, das müssen Sie irgendwie falsch interpretiert haben.

9 Kommentare

  1. nele
    2. August 2007, 9:50

    Huch, wie schön das trieft von Ironie… Und als Juristin muss ich sagen – naja. Es ist halt doch so: Zwei Juristen, drei Meinungen. (Was möglicherweise ganz besonders zutrifft für die Hamburger Richter und den Rest der Welt.)

  2. Ute
    2. August 2007, 12:50

    Zum Thema Natur- vs. Geisteswissenschaft eine kleine Anekdote aus meinem Studium:

    Mein Linguistikprof saß in einer Diskussionsrunde mit anderen Wissenschaftlern und musste sich von einem Kernphysiker (sehr eloquent) über die Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften aufklären lassen.

    Des Linguisten Antwort: „Das Material, mit dem Sie arbeiten strahlt in 100, in 1000 und auch in 10.000 Jahren noch. Wenn es dann noch Menschen gibt, dann werden die sehr froh sein, wenn es einen Linguisten gibt, der die Warnhinweise auf den Fässern interpretieren kann.“

  3. Hendrik
    2. August 2007, 13:32

    Dazu passt übrigens eine Kurzgeschichte von Peter Bichsel, „Ein Tisch ist ein Tisch“. Such mal danach.

  4. SvenR
    3. August 2007, 10:18

    Was für ein schöner Artikel. Chapeau! Und Danke Stefan.

  5. Hirni
    6. August 2007, 12:04

    Ach ja…. mein Vater erzählte mir neulich, dass er im Fernsehen gesehen hat, dass irgendeine naturwissenschaftliche Gesellschaft jetzt gezielt auch Philosophen und so einstellt, um weitere Aspekte ihrer Themen einzubeziehen. O-Ton: Das wäre doch für dich auch ’ne Möglichkeit, in der Wissenschaft zu arbeiten, sagst doch immer, dasste das gerne würdest.

    Tja…

  6. Coffee And TV: » Klickbefehl (13)
    18. August 2008, 15:26

    […] viele Richter nicht unbedingt eine Zweitkarriere als Linguisten starten könnten, ist schon länger bekannt. Udo Vetter fügt im lawblog einen weiteren Fall hinzu. * * * Auch habe Krüger “um […]

  7. Coffee And TV: » Seinen oder nicht Seinen
    16. Januar 2009, 17:16

    […] das Tor eines Konzentrationslagers zu schreiben — die Losung aber deshalb zum unzitierbaren bösen Wort ernennen zu wollen, ist ungefähr so dämlich, wie ein Verbot von Totenköpfen, schwarzen […]

  8. Joël
    9. April 2009, 20:02

    Hallo zusammen,
    Im Rahmen einer Abschlussarbeit der Fachmittelschule ROJ haben wir die Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel verfilmt. Infos unter: http://www.trioworks.ch/etiet

  9. Coffee And TV: » Die Bonner Republik
    8. August 2011, 1:11

    […] Auswirkungen, die die Existenz Helmut Kohls auf ganze Geburtenjahrgänge hatte, sind meines Wissens bis heute nicht untersucht worden. Aber […]