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„Mit größter Präzision“

Mahnmal in Dinslaken, geschaffen von Alfred Grimm

Zu den ganz gro­ßen Rät­seln der Mensch­heits­ge­schich­te, die einem den Glau­ben an Zufäl­le eini­ger­ma­ßen madig machen, zählt der 9. Novem­ber. Zu dem Umstand, dass so vie­le wich­ti­ge Ereig­nis­se an jenem 9.11., dem „Schick­sals­tag der Deut­schen“, statt­fan­den (wobei die Ereig­nis­se von 1923 und 1938 natür­lich auf die von 1918 auf­bau­ten), kommt auch noch hin­zu, dass die ame­ri­ka­ni­sche Schreib­wei­se des 11. Sep­tem­bers „9/​11“ lau­tet. Dar­über haben sich über­haupt noch nicht genug Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Gedan­ken gemacht.

Anläss­lich des sieb­zigs­ten Jah­res­tags der Novem­ber­po­gro­me von 1938 möch­te ich Sie heu­te auf einen Text auf­merk­sam machen, den ich vor eini­ger Zeit im Inter­net gefun­den habe. Yitz­hak Sopho­ni Herz, der zu die­ser Zeit Direk­tor des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses in Dins­la­ken war, hat ihn geschrie­ben.

At 9:30 A.M. the bell at the main gate rang per­sis­t­ent­ly. I ope­ned the door: about 50 men stor­med into the house, many of them with their coat- or jacket-col­lars tur­ned up. At first they rus­hed into the dining room, which for­t­u­na­te­ly was emp­ty, and the­re they began their work of des­truc­tion, which was car­ri­ed out with the utmost pre­cis­i­on.

Hier errichteten 1885 die Juden unserer Stadt ein Waisenhaus. Bis zur Zerstörung durch die Naziverbrecher wurden hier jüdische Vollwaisen betreut.

Herz beschreibt dar­in mit erstaun­li­cher Sach­lich­keit die Zer­stö­rung des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses und der Syn­ago­ge, also von zwei Gebäu­den, von denen ich nicht viel mehr weiß als dass sie dort stan­den, „wo jetzt die Boh­len-Pas­sa­ge ist“ und „da, wo jetzt die Spiel­hal­le ist“. Und er schreibt über Leu­te, mit denen ich noch im glei­chen Super­markt ein­ge­kauft oder in der glei­chen Kir­che geses­sen haben kann, ohne von ihrer Geschich­te zu wis­sen:

[T]he seni­or poli­ce offi­cer, Frei­hahn, shou­ted at us: „Jews do not get pro­tec­tion from us! Vaca­te the area tog­e­ther with your child­ren as quick­ly as pos­si­ble!“ Frei­hahn then cha­sed us back to a side street in the direc­tion of the back­yard of the orpha­na­ge. As I was unable to hand over the key of the back gate, the poli­ce­man drew his bayo­net and forced open the door. I then said to Frei­hahn: „The best thing is to kill me and the child­ren, then our ordeal will be over quick­ly!“ The offi­cer respon­ded to my „sug­ges­ti­on“ mere­ly with cyni­cal laugh­ter.

Der frühere Standort der Synagoge in DinslakenIch hal­te sol­che Schil­de­run­gen aus der eige­nen Hei­mat­stadt für aus­sa­ge­kräf­ti­ger als jede Tabel­le mit abs­trak­ten Zah­len. Man beginnt zu begrei­fen, was da in der Stadt los war, in der man sel­ber 45 Jah­re spä­ter leb­te.

Aber auch wenn Sie noch nie in Dins­la­ken waren, sei Ihnen „Descrip­ti­on of the Riot at Dins­la­ken“ von Yitz­hak Sopho­ni Herz drin­gend zur Lek­tü­re emp­foh­len.

Eine gekürz­te deut­sche Über­set­zung des Tex­tes und wei­te­re Augen­zeu­gen­be­rich­te aus jener Nacht in Dins­la­ken fin­den Sie auf der Web­site der Städ­te­part­ner­schaft von Dins­la­ken mit dem israe­li­schen Arad.

Wei­te­re Fak­ten zur jüdi­schen Gemein­de in Dins­la­ken gibt es hier, einen Aus­zug aus einem Buch des Dins­la­ke­ner Holo­caust-Über­le­ben­den Fred Spie­gel kön­nen Sie hier lesen.

Das Foto ganz oben zeigt das Mahn­mal für die Opfer der Pogrom­nacht in Dins­la­ken, geschaf­fen von Alfred Grimm.

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Rundfunk Politik

Braungebrannt

Was auch immer es braucht, um in den brau­nen Fett­napf zu tre­ten: es liegt die­ser Zeit eine Men­ge davon in der Luft.

Vor knapp zwei Wochen hat­te Hans-Wer­ner Sinn, der Prä­si­dent des Münch­ner Ifo-Insti­tuts, einen äußerst unglück­li­chen Ver­gleich zwi­schen der aktu­el­len Pau­schal­kri­tik an Mana­gern und der Situa­ti­on der Juden nach der Welt­wirt­schafts­kri­se gezo­gen – und am Tag dar­auf sofort um Ent­schul­di­gung gebe­ten.

Ges­tern muss es dann mit dem nie­der­säch­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Chris­ti­an Wulff durch­ge­gan­gen sein, der aus­ge­rech­net in der Talk­show von Michel Fried­man von einer „Pogrom­stim­mung“ gegen Mana­ger gespro­chen hat, wie „Spie­gel Online“ berich­tet. Aber ver­mut­lich lag ihm die Voka­bel nur gera­de so auf der Zun­ge, weil sich in weni­gen Tagen die Reichs­po­grom­nacht zum sieb­zigs­ten Mal jährt. Auch Wulff hat sei­nen Ver­gleich heu­te bedau­ert.

Die schwer­wie­gen­de­re Ent­glei­sung die­ser Woche kommt (wie irgend­wie fast immer) aus Öster­reich: Dort hat­te sich der pen­sio­nier­te ORF-Jour­na­list Klaus Emme­rich in der Son­der­sen­dung zur US-Prä­si­dent­schafts­wahl wie folgt geäu­ßert:

Ich möch­te mich nicht von einem Schwar­zen in der west­li­chen Welt diri­gie­ren las­sen. Wenn sie sagen, des ist eine ras­sis­ti­sche Bemer­kung: rich­tig, ist gar kei­ne Fra­ge.

Mit die­sen unver­hoh­le­nen Ansich­ten schlägt Emme­rich sogar Micha­el Hein­rich, der in der anläss­lich der Wahl Oba­mas in der Münch­ner „Abend­zei­tung“ von „negro­iden Lip­pen“ und „Kopf­for­men“ schwa­felt.

Und dann war da noch der ita­lie­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Sil­vio Ber­lus­co­ni, der in sei­ner ers­ten Stel­lung­nah­me zur Wahl Oba­mas sag­te, die­ser sei „jung, hübsch und gebräunt“.

Sie alle haben sich einen Platz in mei­nem Buch „Schlim­mer als Hit­ler­krebs – Miss­glück­te Rhe­to­rik für Pro­fis“ ver­dient, das ich auf Grund­la­ge die­ser Lis­te nächs­te Woche zu Schrei­ben begin­nen wer­de.

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Politik

Du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel

Man soll­te die­se gan­zen Ver­glei­che nicht zie­hen. Man soll­te sich nicht anse­hen, wie Barack Oba­ma die­se Prä­si­dent­schafts­wahl gewon­nen hat, und dann an Ange­la Mer­kel, Frank-Wal­ter Stein­mei­er und Oskar Lafon­taine den­ken. Wir könn­ten depres­siv wer­den und das wäre ein schlech­ter Zeit­punkt, jetzt da die gan­zen New Yor­ker Psych­ia­ter, die vor Bush geflo­hen waren, bald in ihre Hei­mat zurück­keh­ren.

Mar­kus hat sich bei Netz­po­li­tik trotz­dem Gedan­ken dar­über gemacht, was die deut­sche Poli­tik aus dem Wahl­kampf ler­nen könn­te, den Oba­ma geführt hat. Man kann es glau­be ich so zusam­men­fas­sen: die ver­krus­te­ten, jahr­zehn­te­al­ten Par­tei­struk­tu­ren dürf­ten eine Gras­wur­zel­be­we­gung nahe­zu unmög­lich machen.

Aber viel­leicht könn­te die deut­sche Poli­tik ja mit was Ein­fa­che­rem anfan­gen und von John McCain ler­nen. Hier sei­ne con­ces­si­on speech:

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A litt­le while ago, I had the honor of cal­ling Sena­tor Barack Oba­ma to con­gra­tu­la­te him on being elec­ted the next pre­si­dent of the coun­try that we both love.

[…]

I urge all Ame­ri­cans who sup­port­ed me to join me in not just con­gra­tu­la­ting him, but offe­ring our next pre­si­dent our good will and ear­nest effort to find ways to come tog­e­ther to find the neces­sa­ry com­pro­mi­ses to bridge our dif­fe­ren­ces and help res­to­re our pro­spe­ri­ty, defend our secu­ri­ty in a dan­ge­rous world, and lea­ve our child­ren and grand­child­ren a stron­ger, bet­ter coun­try than we inhe­ri­ted.

[zitiert nach dem Inter­na­tio­nal Herald Tri­bu­ne]

McCains Rede war klar und auf­rich­tig. Sie war von der Annah­me geprägt, dass die ame­ri­ka­ni­schen Wäh­ler klug ent­schie­den haben, wem sie in der Kri­se am meis­ten ver­trau­en, und von dem Wunsch, dass es Ame­ri­ka gut geht. McCain brems­te den Zorn und die Ent­täu­schung sei­ner Anhän­ger und schwor sie auf ein gemein­sa­mes Ame­ri­ka ein. Und als er auf Oba­mas am Tag zuvor ver­stor­be­ne Groß­mutter zu spre­chen kam („Though our faith assu­res us she is at rest in the pre­sence of her Crea­tor and so very proud of the good man she hel­ped rai­se.“), kamen mir wirk­lich fast die Trä­nen.

Zum direk­ten Ver­gleich hier noch mal kurz der Ver­lie­rer der letz­ten Bun­des­tags­wahl:

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Ver­gli­chen mit dem, was wir erle­ben muß­ten in den letz­ten Wochen und Mona­ten, bin ich wirk­lich stolz auf mei­ne Par­tei, auf die Men­schen, die mich unter­stützt haben, die uns gewählt haben und die uns ein Ergeb­nis beschert haben, das ein­deu­tig ist. Jeden­falls so ein­deu­tig, daß nie­mand außer mir in der Lage ist, eine sta­bi­le Regie­rung zu stel­len. Nie­mand, außer mir!

[zitiert nach jura­bi­lis]

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Musik

Listenpanik 09/​08

Es ist Novem­ber und ich bin noch nicht dazu gekom­men, die Bes­ten­lis­te für Sep­tem­ber zu schrei­ben. Das liegt zum einen dar­an, dass im Sep­tem­ber ver­dammt vie­le Alben her­aus­ge­kom­men sind, die mir gefal­len (könn­ten), zum ande­ren dar­an, dass ich zeit­gleich mit dem Vor­ha­ben begon­nen habe, bis­her unge­hör­te CDs aus mei­nem Regal mal einer genaue­ren Prü­fung zu unter­zie­hen. Und dann bin ich auch noch stän­dig unter­wegs …

Ich habe jetzt aber den Moment gefun­den, in dem ich mit der unge­fäh­ren Rei­hen­fol­ge der Sep­tem­ber-Ver­öf­fent­li­chun­gen leben kann. Bevor ich die­se wie­der ver­wer­fe, drü­cke ich bes­ser auf „Ver­öf­fent­li­chen“. Des­halb feh­len dies­mal auch die Erläu­te­run­gen, was ich zu ent­schul­di­gen bit­te.

Es fol­gen die bes­ten Plat­ten und Songs des Monats Sep­tem­ber – wie immer und alles hier im Blog streng sub­jek­tiv:

Alben
1. Tra­vis – Ode To J. Smith (s.a. hier)
2. Peter­Licht – Melan­cho­lie Und Gesell­schaft
3. Ra Ra Riot – The Rhumb Line
4. Ben Folds – Way To Nor­mal
(s.a. hier)
5. The Streets – Ever­y­thing Is Bor­ro­wed

Songs
1. Tra­vis – Befo­re You Were Young
2. Peter­Licht – Alles was Du siehst gehört Dir
3. Tom­te – Der letz­te gro­ße Wal
4. Oasis – The Shock Of The Light­ning
5. Ra Ra Riot – Too Too Too Fast

Okto­ber kommt dann hof­fent­lich auch bald.

[Lis­ten­pa­nik – Die Serie]

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Print Politik

War was?

Wie es der Zufall so will, hat sich die gro­ße Koali­ti­on in Deutsch­land­üb­ri­gens ges­tern dar­auf ver­stän­digt, wie das BKA-Gesetz aus­se­hen soll. Der Weg zu heim­li­chen Online-Durch­su­chun­gen ist damit frei.

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Print

Headlines And Deadlines

Aus dem Live­blog von heu­te Nacht:

00:35 Uhr: Oha, schwe­rer Bus­un­fall bei Han­no­ver mit 20 Toten. Das macht es für die Titel­sei­ten­re­dak­teu­re von „Bild“ auch nicht ein­fa­cher.

00:39 Uhr: „Bild“ hat wirk­lich ein Schlag­zei­len-Pro­blem: Boris Becker und San­dy Mey­er-Wöl­den haben sich getrennt!

Immer noch berauscht von dem Sta­tis­ti­ko­ver­kill auf CNN hab ich dann heu­te für Sie ein­mal nach­ge­mes­sen:

Titelseite der "Bild"-Zeitung vom 5. November 2008

Die Gesamt­grö­ße der Titel­sei­te beträgt inklu­si­ve Weiß­flä­chen 2.280 cm², davon ent­fal­len

  • 679 cm² (29,8%, blau) auf die Prä­si­dent­schafts­wahl (deren Aus­gang bei Druck­le­gung noch nicht fest­stand)
  • 252 cm² (11%, gelb) auf den Bus­un­fall
  • 126 cm² (5,5%, rot) auf Boris Becker
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Digital

Heute im Premium-Angebot

Liebes-Aus: Boris sucht nach der großen Liebe. Nächstes Jahr: Franka Potente will heiraten. Liebes-Aus: Becker trennt sich von Sandy.

RP Online-Geschäfts­füh­rer Oli­ver Eckert muss der­zeit viel Kri­tik ein­ste­cken: das Inter­net­an­ge­bot der „Rhei­ni­schen Post“ wird fast täg­lich von Deutsch­lands bekann­tes­ten Blog­gern mit Häme über­zo­gen. Zu bunt, zu nach­läs­sig recher­chiert, zu „klick­geil“ heißt es immer wie­der.

Bei Mee­dia gibt es ein Inter­view mit Oli­ver Eckert, dem Geschäfts­füh­rer von „RP Online“.

Der beant­wor­tet dort die Fra­gen, ob er der Prü­gel­kna­be der Blogo­sphä­re sei („Nein, über­haupt nicht.“), war­um die Tex­te auf dem von ihm ver­ant­wor­te­ten Por­tal mit­un­ter klin­gen, als sei­en sie von einem Acht­jäh­ri­gen geschrie­ben wor­den (die­se Fra­ge wur­de lei­der nicht wört­lich gestellt, er schob es aber aufs „News­flow-Prin­zip“), und wie viel Bou­le­vard „eine erfolg­rei­che Web­sei­te“ ver­tra­ge brau­che („Unse­re bei­den Res­sorts Gesell­schaft und Pan­ora­ma machen jeweils nur einen ein­stel­li­gen Pro­zent­satz unse­rer Gesamt­reich­wei­te aus.“).

Fra­gen wie die, ob das Redak­ti­ons­sys­tem von „RP Online“ so etwas wie eine Recht­schreib­prü­fung habe, oder wie es offen­sicht­li­che Schleich­wer­bung in das erfolg­reichs­te deut­sche Regio­nal­por­tal schafft, wur­den lei­der nicht gestellt.

Man erfährt nicht also viel neu­es, außer dass „RP Online“ ein „Pre­mi­um-Ange­bot“ sei. Und das ist ver­mut­lich so etwas ähn­li­ches wie eine „Pre­mi­um-Braue­rei“.

Oder so.

[via Kat­ti]

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Digital Politik

Coffee And TV goes green

Nach­dem ich mich in der ver­gan­ge­nen Nacht an der Schön­heit der Demo­kra­tie berauscht habe, wer­de ich nächs­te Woche Gele­gen­heit haben, mich mit dem har­ten poli­ti­schen All­tags­ge­schäft in Deutsch­land zu befas­sen.

Vor eini­gen Wochen hat­te die Par­tei Bünd­nis 90/​Die Grü­nen (und das war das ers­te und letz­te Mal, dass ich die­sen kna­cki­gen Namen kom­plett aus­ge­schrie­ben habe) einen Auf­ruf gestar­tet, bei dem sich Blog­ger für eine Art Blog­ger­sti­pen­di­um für den Bun­des­par­tei­tag (der bei den Grü­nen Bun­des­de­li­gier­ten­kon­fe­renz heißt) bewer­ben konn­ten. Weil ich bereits in ganz jun­gen Jah­ren ver­schie­de­ne Grü­nen-Ver­an­stal­tun­gen besucht hat­te, fühl­te ich mich hin­rei­chend kom­pe­tent für die­sen Job und habe mich dort bewor­ben.

Jetzt habe ich erfah­ren, dass ich vom 14. bis zum 16. Novem­ber in Erfurt dabei sein darf. Es wird mein ers­ter Par­tei­tag und ich bin sehr gespannt. Ich erwar­te nicht all­zu viel „Change“-Stimmung, auch wenn mit Cem Özd­emir erst­mals ein tür­kisch­stäm­mi­ger Poli­ti­ker Vor­sit­zen­der einer grö­ße­ren deut­schen Par­tei wer­den kann.

Nun wer­den Sie viel­leicht den­ken: „Die Par­tei zahlt ihm Zug­fahrt und Hotel, da wird er die ja sicher in den Him­mel loben!“ Da kann ich Sie beru­hi­gen: So lan­ge Clau­dia Roth, die am Mon­tag vor die Pres­se stürm­te und das Ver­hal­ten der vier hes­si­schen SPD-Abweich­ler ver­ur­teil­te, bevor die sich über­haupt erklärt hat­ten, bei den Grü­nen dabei ist, wird es genug geben, über das ich mich ärgern kann.

Erwar­ten Sie also stim­mungs­vol­le Impres­sio­nen aus der mir völ­lig frem­den Welt der Par­tei­po­li­tik hier bei Cof­fee And TV – und eben­falls im Pott­blog, denn Jens ist wit­zi­ger­wei­se auch dabei.

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Rundfunk Politik

Präsidiales Liveblog

00:00 Uhr: Jetzt geht’s lo-hos!

Blog­ger und Arbeits­platz sind bereit:

Ich gucke seit zehn Minu­ten ARD und bezweif­le jetzt schon, dass ich das wach über­ste­hen wer­de. Was schon mal ein Fort­schritt ist: vor vier Jah­ren saß in die­ser Maisch­ber­ger-Run­de Hen­ryk M. Bro­der.

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Politik

Programmhinweis

US-Präsident (Archivbild)

Ich hat­te die Käse­wür­fel schon klein geschnit­ten, den Pro­sec­co auf­ge­wärmt und klei­ne Län­der­fähn­chen gekauft – und dann fiel mir auf, dass heu­te gar kein Schla­ger-Grand-Prix statt­fin­det.

Ich wer­de aber trotz­dem ein Live­blog machen. Es wird sich statt­des­sen mit der gro­ßen Kri­se befas­sen, die mor­gen über den Jour­na­lis­mus hin­ein­bre­chen wird, und die auf den Namen „Oh mein Gott, wor­über sol­len wir jetzt schrei­ben?!“ hört. Es geht also (Sie ahn­ten es bereits und fan­den mei­ne Ver­su­che, Ross, Rei­ter und Kind nicht beim Namen zu nen­nen, eher so mit­tel) um die Prä­si­dent­schafts­wahl in den USA.

Ich weiß noch nicht, ob ich die gan­ze Nacht durch­hal­te, aber Kaf­fee und Fern­se­her (Es passt! End­lich mal eine Stel­le, an der es passt!) ste­hen bereit, um Sie und mich durch die Nacht zu brin­gen.

Das prä­si­dia­le Live­blog auf coffeeandtv.de
Ab Mit­ter­nacht des 5. Novem­ber 2008

Links
Bei Gaw­ker kön­nen Sie nach­le­sen, wann mit wel­chen Ergeb­nis­sen zu rech­nen ist.
Bei NPR kön­nen Sie die USA-Land­kar­te nach Ihren Wün­schen poli­tisch ein­fär­ben.
Die „New York Times“ hat den Wahl­kampf bis hier­her noch ein­mal zusam­men­ge­fasst.
In Ber­lin fin­det eine Wahl­par­ty im Salon Schmück statt.
Und Hen­drik aus dem Ohren­ses­sel wird eben­falls live blog­gen, sei­nen Medi­en­kon­sum aber auf das Radio beschrän­ken.

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(Not) My Generation

„Welt Debat­te“ ist ein Ange­bot, das ich bis­her eher vom Hören­sa­gen kann­te. Ich kann mich auf welt.de nicht lan­ge auf­hal­ten, weil ich es für eines der schlimms­ten die­ser klick­hu­ren­den Mons­ter hal­te, die sich not­dürf­tig das Män­tel­chen „Online­jour­na­lis­mus“ über­ge­wor­fen haben, und mich die dor­ti­gen Leser­kom­men­ta­re immer wie­der tief in mei­nem Glau­ben an die Wich­tig­keit der Mei­nungs­frei­heit erschüt­tern.

Wenn also irgend­je­mand bei „Welt Debat­te“ irgend­was schreibt, krie­ge ich das höchs­tens über Umwe­ge mit. So auch im Fall von Gideon Böss, der dort bloggt. Herr Böss ist der glei­che Jahr­gang wie ich, womit die Gemein­sam­kei­ten im Gro­ßen und Gan­zen auch schon genannt wären. Dass es Kon­ser­va­ti­ve in mei­nem Alter gibt, über­rascht mich immer ein biss­chen, aber das ist ja nicht wei­ter schlimm, ver­schie­de­ne Mei­nun­gen sol­len wir alle haben und wir sol­len sie alle frei äußern kön­nen, ohne uns dafür gegen­sei­tig an die Gur­gel zu sprin­gen, nur so wird’s was mit der Dis­kus­si­ons­kul­tur.

Herr Böss macht es einem indes schwer mit dem Nicht-Gur­gel­sprin­gen, hat er doch offen­bar die Henryk‑M.-Broder-Schule für Pole­mik und Recher­che­schwä­che besucht, was sei­nen Posi­tio­nen ein biss­chen die Schlag­kraft nimmt.

Ver­gan­ge­ne Woche hat er über einen Besuch des frü­he­ren ira­ni­schen Prä­si­den­ten Moham­mad Chat­a­mi gebloggt und die­sen Mann, der als der ers­te Refor­mer in einem wich­ti­gen poli­ti­schen Amt im Iran gilt, eine „Gali­ons­fi­gur des ira­nisch-isla­mis­ti­schen Ter­rors“ genannt.

Über­haupt sei­en deut­sche Uni­ver­si­tä­ten viel zu links:

Irgend­wie ist die orga­ni­sier­te Stu­den­ten­schaft immer ent­we­der reli­gi­ös, anti­ka­pi­ta­lis­tisch oder glo­ba­li­sie­rungs­kri­tisch und wer­te­re­la­ti­vis­tisch ist sie sowie­so.

Nun wäre es natür­lich eine span­nen­de Fra­ge, war­um sich Herr Böss, der anschei­nend stu­diert hat, dann nicht für sei­ne Inter­es­sen in der Stu­den­ten­schaft orga­ni­siert hat. Es wäre auch span­nend, sich durch die Kom­men­ta­re zu kämp­fen, aber das haben mir mei­ne Ärz­te und Schrei­ner ver­bo­ten: Herz, Zäh­ne und Tisch­plat­ten sind nicht unend­lich belast­bar.

Ges­tern hat er dann nach­ge­legt und mal so rich­tig der­be mit sei­ner (unge­nann­ten) Uni abge­rech­net:

Mein Vor­schlag wäre, zuerst ein­mal alles aus der Uni zu ver­ban­nen, was mit Wis­sen­schaft nichts zu tun hat. Der gan­ze Gen­der-Quatsch zum Bei­spiel. Ich muss­te drei­mal im Ver­lauf des Stu­di­ums sol­che Kur­se besu­chen. Da lern­te ich, dass es eine gesell­schaft­li­che Kon­struk­ti­on ist, dass es nur zwei Geschlech­ter gibt. In Wahr­heit gibt es mehr, wobei die genaue Zahl nicht klar ist.

Herr Böss ver­tritt also noch nicht mal ein kon­ser­va­ti­ves Welt­bild, er ver­tritt ein schwarz-wei­ßes Welt­bild: wich­tig vs. unwich­tig, Mann vs. Frau, gut vs. böse, rechts vs. links. Da ist man mit dem Welt­s­or­tie­ren schnel­ler fer­tig und hat mehr vom Tag.

Und dann bro­dert es nur so aus ihm hin­aus:

Noch eine Num­mer här­ter wird es bei den Hard­core-Femi­nis­tin­nen, für die Kin­der, die von ihrem Vater ver­ge­wal­tigt wur­den, genau­so trau­ma­ti­siert sind wie Holo­caust-Über­le­ben­de (der Ver­such, die Lei­dens­ge­schich­te der Juden als Blau­pau­se für die Unter­drü­ckung der Frau­en zu miss­brau­chen, gehört mit zum geschmack­lo­ses­ten des Femi­nis­mus Made by Ali­ce Schwar­zer). Wir ler­nen also, dass ein Kind zwei Eltern­tei­le hat: eine lie­ben­de Mut­ter und Ausch­witz.

Ver­ge­wal­tig­te Kin­der tau­gen für Herrn Böss also gera­de noch zur scha­len (und inko­hä­ren­ten) Poin­te. Ich sehe eine gro­ße Zukunft für ihn im deut­schen Gei­fer­ge­wer­be.

Und weil ich mich kei­ne Minu­te län­ger mit Herrn Böss‘ miss­glück­tem Ver­such einer Debat­te befas­sen will, ver­wei­se ich statt­des­sen auf die­se klu­ge Replik von Mar­tin Spind­ler, der all das in Wor­te fasst und unter­mau­ert, was ich sel­ber nur raus­ge­gei­fert gekriegt hät­te.

[via riv­va]

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Politik Gesellschaft

Miss American Pie

Die­ser Tage schaut die Welt noch mehr auf Ame­ri­ka, als sie es sowie­so schon tut. Die „Schick­sals­wahl unse­rer Gene­ra­ti­on“ steht an und es wirkt ein biss­chen so, als wer­de am Diens­tag zwi­schen Him­mel und Höl­le ent­schie­den.

Der Wahl­kampf zeigt ein­mal mehr die ekla­tan­ten Unter­schie­de zwi­schen den USA und Deutsch­land auf: Nicht nur, dass wir hier ein ande­res Wahl­sys­tem haben, auch kul­tu­rell sieht es hier ganz anders aus. Das Pathos, das Oba­mas halb­stün­di­gen Info­mer­cial durch­weht, wäre hier­zu­lan­de undenk­bar.

Viel­leicht liegt es dar­an, dass Schwarz, Rot und Gold kei­ne so schö­ne Farb­kom­bi­na­ti­on ist wie Rot, Weiß und Blau. Aber noch nicht mal eine geeig­ne­te Musik­un­ter­ma­lung wür­de man hier für so einen Wahl­wer­be­film fin­den: in Deutsch­land gibt es kei­ne Folk­lo­re, denn was es gab, wur­de vom „Musi­kan­ten­stadl“ in Grund und Boden gevolks­tü­melt.

Ich fin­de die­se Unter­schie­de nicht schlimm (auch wenn ich mir manch­mal wün­sche, dass sich jeder ein­zel­ne Deut­sche ein biss­chen mehr mit sei­ner Rol­le in der Gesell­schaft um ihn her­um – nicht mit dem abs­trak­ten Begriff der Nati­on – iden­ti­fi­zie­ren wür­den), aber die­se Unter­schie­de sind eben da. Des­we­gen soll­ten sich deut­sche Poli­ti­ker dafür hüten, Oba­mas ver­meint­li­che Erfolgs­re­zep­te nächs­tes Jahr 1:1 für den deut­schen Markt kopie­ren zu wol­len.

Die armen, armen Hes­sen, die im Janu­ar die soge­nann­te Wahl zwi­schen Roland Koch und Andrea Ypsi­lan­ti hat­ten, bekom­men am Diens­tag viel­leicht eine neue Minis­ter­prä­si­den­tin. Ja, an jenem Schick­sals­diens­tag, 4. Novem­ber. Und weil das so schön passt, hat sich Frau Ypsi­lan­ti heu­te Mor­gen auf einem SPD-Son­der­par­tei­tag in Ful­da dem wehr­lo­sen Barack Oba­ma ans Bein geschmis­sen und mit einem ein­zi­gen Satz die­se tie­fen kul­tu­rel­len Unter­schie­de, die­sen schma­len Grat zwi­schen anste­cken­dem Pathos und absto­ßen­der Pein­lich­keit zusam­men­ge­fasst:

Ich hof­fe, Genos­sin­nen und Genos­sen, dass die ame­ri­ka­ni­schen Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler am 4. Novem­ber in Ame­ri­ka sagen: „Yes, we can!“, und dass die hes­si­schen Abge­ord­ne­ten dann sagen kön­nen, mit Euch zusam­men in Hes­sen: „Yes, we do!“

[via WDR2-Nach­rich­ten]