Du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel

Von Lukas Heinser, 7. November 2008 1:25

Man sollte diese ganzen Vergleiche nicht ziehen. Man sollte sich nicht ansehen, wie Barack Obama diese Präsidentschaftswahl gewonnen hat, und dann an Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Oskar Lafontaine denken. Wir könnten depressiv werden und das wäre ein schlechter Zeitpunkt, jetzt da die ganzen New Yorker Psychiater, die vor Bush geflohen waren, bald in ihre Heimat zurückkehren.

Markus hat sich bei Netzpolitik trotzdem Gedanken darüber gemacht, was die deutsche Politik aus dem Wahlkampf lernen könnte, den Obama geführt hat. Man kann es glaube ich so zusammenfassen: die verkrusteten, jahrzehntealten Parteistrukturen dürften eine Graswurzelbewegung nahezu unmöglich machen.

Aber vielleicht könnte die deutsche Politik ja mit was Einfacherem anfangen und von John McCain lernen. Hier seine concession speech:

A little while ago, I had the honor of calling Senator Barack Obama to congratulate him on being elected the next president of the country that we both love.

[…]

I urge all Americans who supported me to join me in not just congratulating him, but offering our next president our good will and earnest effort to find ways to come together to find the necessary compromises to bridge our differences and help restore our prosperity, defend our security in a dangerous world, and leave our children and grandchildren a stronger, better country than we inherited.

[zitiert nach dem International Herald Tribune]

McCains Rede war klar und aufrichtig. Sie war von der Annahme geprägt, dass die amerikanischen Wähler klug entschieden haben, wem sie in der Krise am meisten vertrauen, und von dem Wunsch, dass es Amerika gut geht. McCain bremste den Zorn und die Enttäuschung seiner Anhänger und schwor sie auf ein gemeinsames Amerika ein. Und als er auf Obamas am Tag zuvor verstorbene Großmutter zu sprechen kam („Though our faith assures us she is at rest in the presence of her Creator and so very proud of the good man she helped raise.“), kamen mir wirklich fast die Tränen.

Zum direkten Vergleich hier noch mal kurz der Verlierer der letzten Bundestagswahl:

Verglichen mit dem, was wir erleben mußten in den letzten Wochen und Monaten, bin ich wirklich stolz auf meine Partei, auf die Menschen, die mich unterstützt haben, die uns gewählt haben und die uns ein Ergebnis beschert haben, das eindeutig ist. Jedenfalls so eindeutig, daß niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen. Niemand, außer mir!

[zitiert nach jurabilis]

20 Kommentare

  1. Kai
    7. November 2008, 2:11

    Hach, mir kommen auch die Tränen angesichts der nicht enden wollenden, sehnsüchtigen Blicke über den Teich. Der entscheidende Punkt ist: Für McCain ist die Sache mit Ablauf des 4. November beendet – Aus, Ende, vorbei. Der kann natürlich eine bewegende Abschiedsrede halten und sich in den Urlaub verabschieden. In unserer Demokratie geht der Spaß mit der Wahl doch erst richtig los! Koalitionen müssen sich finden, Mehrheiten müssen gesichert werden usw. Da liegt es auf der Hand, dass die Scharmützel auch nach der Wahl weitergehen. Wirklich zu Ende ist Wahlkampf bei uns erst mit der Wahl des neuen Bundeskanzlers. Das sollte man bei tieftraurigen Blicken in die USA doch bitteschön auch bedenken. Ansonsten vergleicht man munter weiter Äpfel mit Birnen und findet eigentlich Bananen ganz toll.

  2. Lukas
    7. November 2008, 2:27

    Natürlich vergleicht man da Äpfel mit Birnen, denn das muss man tun, um die Unterschiede zwischen diesen beiden Obstsorten festzustellen.

    Ich verstehe trotzdem nicht, warum man bei einer Wahlniederlage nicht einfach klar sagen kann „Okay, das Volk wollte die anderen, wir haben verloren.“

    Das, was beispielsweise die SPD nach der Bayernwahl erzählt hat, ist einfach peinlich und armselig, McCain hin, Koalitionen her.

  3. Sonja
    7. November 2008, 7:10

    Ok, das war eine gute Rede. Macht aber nicht das ungeschehen, was vorher war, auch wenn das jetzt anscheinend viele so sehen. Schließlich haben sich die Republikaner im Wahlkampf alle Mühe gegeben, das Land zu spalten.

    Mir geht die ganze „guter Verlierer“-Sache etwas auf die Nerven. Es erinnert mich immer dran, wie es 2000 hieß, Gore sollte doch endlich Bush gratulieren und nicht so unsportlich sein, während er versuchte, seinen Wahlsieg zu beweisen.

    Unbestritten ist natürlich, dass das armselige „Wir haben gewonnen!“-Gerede von jeder Partei nach jeder Wahl fürchterlich ist.

  4. Der Postillon
    7. November 2008, 9:48

    Der Gerd war ja auch amtierender Kanzler und hatte einen dicken Adrenalinschub (und wer weiß was noch) nach seinem relativ gesehenen Erfolg. Wie war’s den nach anderen Abwahlen deutscher Kanzler?

  5. Der Postillon
    7. November 2008, 9:48

    denn

  6. Thomas
    7. November 2008, 10:55

    Finde ich alles Unsinn ehrlich gesagt. Bei Politik gehts um Politik und nicht um irgendwelche bedeutungsschwandere, anrührenden, pathetischen oder sonstige Reden. Finde ich zumindest. Und ob der Obama dem jetzt alle zu Füßen liegen ein besserer Staatsmann sein wird als Merkel oder Sarkozy oder wenigstens ein gleich guter, muss sich erst noch zeigen. Dann kann man ihn von mir aus in 8 Jahren für seine Abschiedsrede loben :)

  7. Jens
    7. November 2008, 11:34

    Der Vergleich hinkt natürlich ein wenig. Und wenn man bedenkt, dass die SPD in der Regierung quasi die Hälfte der Minister stellt und auch an Mandaten fast gleichgezogen hat, dann dürfte Gerhard Schröder, als für die SPD verhandelnder Politiker, insgeheim doch recht behalten haben. Auch wenn er das natürlich anders meinte.

    Zur SPB hast Du schon alles notwendige gesagt, da will ich lieber schweigen.

  8. ruhrpottjunge
    7. November 2008, 12:21

    Mir ist da Wanne-Eickel lieber. Vor allem, wenn in Wanne-Eickel mit seinen ach so farblosen, ach so kleingeistigen Politikern doch zumindest immer auch irgendwer zur Wahl steht, für den das Töten von Menschen keine angemessene Strafe für IRGENDEIN Verbrechen ist.

    Und aufgrund überlegener Rhetorik (oder: übertriebenem Pathos) sehnsuchtsvoll auf ein Land zu schauen, das diesen Pathos schon längst an die Stelle von Sachlichkeit und Inhalt gestellt hat – nun ja, das ist der neuerdings wieder trendige Blick mit großen Augen nach New York City, der ja dank des fortschrittlichen (wissen wir nicht) und schwarzen (wissen wir) Präsidenten jetzt wieder weitestgehend unreflektiert erfolgen darf.

  9. Lukas
    7. November 2008, 12:30

    @Ruhrpottjunge: Im Bezug auf das Töten von Menschen darf ich Sie an Wolfgang Schäuble erinnern.

    Und zumindest meine Begeisterung für die Idee der USA und das Land als solches ist jetzt auch nicht so neu und trendig …

  10. Chab
    7. November 2008, 12:57

    Ehrlich gesagt ich werde nicht depressiv wenn ich die politischen Systeme Deutschlands und Amerikas vergleiche. Zugegeben, Obama ist sympathischer als unser Polit-Personal und dieses pathetische und geschichtsträchtige dass diese Wahl umgab war ganz großes Kino, trotzdem verstehe ich diesen
    „Amerika, du hast es besser“-Tenor nicht. Was bei Politik letztlich zählt, sind die Inhalte und nicht Stil, Glamour oder popkulturelle Anschlußfähigkeit. Ist es dann aber nicht nüchtern betrachtet so, dass unsere unsympathische, provinzielle politische Klasse letzlich die besseren Ergebnisse zeigt? Ich gehe jede Wette ein, dass Amerika auch nach vier Jahren Obama immer noch ein schlechteres Gesundheits- und Sozialsystem und schlechtere öffentliche Schulen als Deutschland hat, weniger als die Europäer für den Klimaschutz tut und wirtschaftspolitisch international
    immer noch der größte Verfechter von freien, unregulierten Märkten bleiben wird. Ich höre mir auch lieber eine Rede von Obama an als die x-te Bundestagsdebatte zur Gesundheitsreform, dennoch ist doch letztlich entscheidend was „hinten raus kommt“ und da sehe ich keinen Grund Amerika zum Vorbild zu nehmen.

  11. Florian
    7. November 2008, 14:26

    @4/Der Postillon:
    1998 haben die Generalsekretære der (noch) regierenden CDU, CSU und FDP die Bonner Runde aus Protest verlassen, als Schrøder zugeschaltet wurde. Nicht verlieren zu kønnen ist also eher chronisch.

    Obwohl ich mich erinnern kann, dass Schmidt nach dem Misstrauensvotum gegen ihn, Kohl gratuliert hat. Das war aber auch noch eine andere Politikergeneration damals…

  12. Milo
    7. November 2008, 17:46

    Lukas,

    ich bin nicht ganz einverstanden mit der Schröder-Schelte. Zum einen, weil er uns sicherlich den unterhaltsamsten Wahlabend der letzten Jahre beschert hat ;-)

    Zum anderen aber auch deswegen, weil hier immer wichtiges unter den Tisch fällt. Schröder hat ja recht, wenn er sagt, dass die SPD medial beerdigt worden war. nach der Ankündigung von Neuwahlen haben sich landauf, landab die Medien in Grabgesängen geübt. Man traute der SPD nicht mehr viel zu, man prophezeite ihr den totalen Absturz. Aber das war ein gewaltiger Irrtum und alle waren überrascht, dass die SPD am Ende doch so stark war.

    Noch die exit polls, also die an die Eliten vorab gegebenen Wahlergebnisse auf Basis von Urnenbefragungen, irrten in diesem Punkt. Zwei Stunden lang sah sich die Union als strahlende Siegerin und musste dann erleben, das alles ganz anders kam. Auch die SPD selber war überrascht, denn zwei Stunden vor der ersten Hochrechnung galt sie als sichere Verliererin.

    Man muss jetzt bitte mal in Rechnung stellen, wie sich das für einen SPDler anfühlen mag, als Totgesagter dann doch wieder aufzuerstehen. Das wird immer vergessen. Immer wird pauschal behauptet, dass die SPD verloren habe. Aber was heißt es denn, eine Wahl zu verlieren? Die SPD durfte weiter regieren und deshalb würde ich sie nicht unbedingt als Verliererin ansehen. Im Übrigen beträgt gegenwärtig der Vorsprung der Union nur noch ein einzige Stimme. Die Mehrheit ist hauchdünn, eine echte Machtoption garantiert sie nicht.

  13. StoiBär
    7. November 2008, 19:03

    Wir könnten depressiv werden…

    Das Zitat des Tages kommt heute von Coffee und TV:
    Man sollte diese ganzen Vergleiche nicht ziehen. Man sollte sich nicht ansehen, wie Barack Obama diese Präsidentschaftswahl gewonnen hat, und dann an Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Osk…

  14. Christian
    7. November 2008, 19:40

    Milo: es sagt ja keiner etwas, wenn man sich innerlich freut, dass man nicht vernichtend geschlagen wurde, sondern nur verloren hat. aber trotzdem gebietet es der respekt vor dem wahlergebnis, vor dem willen des volkes, dass man nicht als objektiver verlierer sich als gewinner darstellt. wenn schröder eine große koalition angeboten hätte als juniorpartner von merkel, ich denke nicht, dass das kritisiert worden wäre.

  15. Matthias
    7. November 2008, 19:52

    Ein Kettcar-Zitat aus Überschrift, finde ich gut.

    Gleichwohl sollte man McCain auf ein nicht allzu hohes Podest heben. Es war sein Wahlkampf, in dem Obama als Terroristen-Freund bezeichnet wurde. Er ist verantwortlich für die Wahl seines „running-mate“ in Person der völlig unqualifizierten Palin, die mangels intellektueller Substanz einen reinen Schmutzwahlkampf geführt hat.

    Und es war und ist auch seine historische Aufgabe, die Menschen hinter einem Präsidenten Obama zu vereinen. Dies wäre wesentlich einfacher, wenn man nicht einen so polarisierten Wahlkampf geführt hätte.

    Wenn ich mich recht entsinne, haben dies John Kerry und Al Gore ebenfalls getan. Auch da gab es jeweils enttäuschte Anhänger. Die Abstimmungsergebnisse waren sogar Ausdruck einer tiefgreifenden Spaltung im Land.

    Im Gegensatz dazu ist das Mandat für Obama glasklar.

    Die Art und Weise von Schröder war allerdings unter aller Kanone. Allerdings hat das sehr viel vom Menschen Schröder gezeigt. Tiefste Macho-Attitüde gepaart mit einer grandiosen Selbstüberschätzung, die seinem Amtsvorgänger auch nicht unbekannt war.

  16. Milo
    7. November 2008, 21:15

    Christian:
    Das ist ja der Punkt. Die SPD war keinesfalls „objektive Verliererin“. Denn das ist so glasklar nicht, wer eine Wahl verloren hat. Gewonnen hat für meine Begriffe, wer in der Lage ist, eine Regierung zu bilden. Dies hätte die SPD theoretisch genauso gekonnt wie die Union. Folglich kann man schlecht behaupten, dass die SPD die Wahlverliererin ist.

    Der Einwand, die Union hätte die meisten Stimmen auf sich vereinigt, zieht nicht: Die stärkste Fraktion stellt nicht zwingend auch den Regierungschef, sondern der, der die Mehrheit des Parlamentes hinter sich bringt. Da gab es schon Fälle, wo die stärkste Fraktion in der Opposition landete. Die Union hätte ohne die SPD aus ihrer 4-Stimmen-Mehrheit nichts herausschlagen können. Hätte die SPD ähnlich der FDP strikt gesagt, „mit der Merkel machen wir es nicht“, dann hätte die Union ohne jede Regierungsoption dagestanden.

    Wahlsieg oder – verlust sind einfach Interpretationssache. Man hörte ja auch, dass die CSU die Wahlverliererin sei – sie stellt aber nach wie vor den Ministerpräsidenten.

    Dass es Interpretation ist, hat man am Wahlabend 2005 deutlich gemerkt. Dort wurde auch argumentiert, dass die stärkste Fraktion den Regierungsauftrag habe. Doch das steht in keinem Gesetz, es ist einfach falsch, diesen Anspruch gibt es nicht.

    Ich fand es daher etwas einseitig, dass die Herren von der Tann und Brender nur eine Definition von Wahlsieg zuließen und diese als allgemein gültig durchpeitschen wollten.

  17. Oliver Ding
    7. November 2008, 21:22

    Im Gegensatz dazu ist das Mandat für Obama glasklar.

    So klar war das trotz des großen Vorsprungs bei den Electoral Votes nicht. Wenn man sich die einzelnen Wahlbezirke anguckt, ist auch in den Staaten, die Obama gewann, teilweise dessen Stimmzahl vornehmlich an die Städte gebunden, während das Land – in „roten“ und „blauen“ Staaten – teilweise geschlossen McCain gewählt hat. Das ist eine andere Art von Spaltung als zuletzt, und deswegen ist es wichtig, dass McCain und Obama jetzt die Einigkeit beschwören. Ob ihnen das besser gelingt als Dabbeljuh, der das gleiche salbaderte, bleibt abzuwarten.

  18. Christian
    7. November 2008, 21:27

    Na Milo, das CSU Argument ist ja gerade eben der gleiche Quatsch: sie mag „gefühlt“ verloren haben, ist aber dennoch die objektive Gewinnerin der Wahl. Das ist es ja gerade – nur weil ich mich a) daran berausche, dass mein Hauptgegner ebenfalls verloren hat, bin ich noch kein Gewinner oder b) vorher mit NOCH größeren Verlusten gerechnet habe, bin ich immer noch kein Sieger.

    Unter dem Strich blieb: Schröder hatte im Vergleich zur vorherigen Wahl auf zweierlei Weise verloren. 1. Hatte die SPD weniger Stimmen als bei der letzten Wahl, 2. war die SPD nicht mehr die stärkste Fraktion.

    Dass das eben keine Interpretationssache ist, hat man nach dem Wahlabend 2005 deutlich gemerkt: Merkel Kanzlerin, Schröder nicht.

    „Hätte die SPD ähnlich der FDP strikt gesagt, “mit der Merkel machen wir es nicht”, dann hätte die Union ohne jede Regierungsoption dagestanden.“

    Hätte die CDU ähnlich der FDP strikt gesagt, „mit dem Schröder machen wir es nicht“, dann, hm… irgendwas muss in der Realität wohl schon dafür gesprochen haben, dass die SPD jedenfalls von den beiden großen Parteien nicht die Gewinnerin war.

    (disclaimer: ich spreche hier weder für Merkel, noch für CDU, noch für CSU)

  19. Christian
    7. November 2008, 21:28

    http://www.youtube.com/watch?v=h_ltafpmBIk

  20. Stet
    15. November 2008, 2:33

    Nun lasst Euch mal nicht zu sehr von McCains Rede beeindrucken. Die war, mit allem Pathos und den üblichen Buzzwords angereichert, von einem Profi für diesen Effekt aufgeschrieben worden. McCain musste sie nur fehlerfrei vortragen. Wie sagte Bill Maher so schön dazu bei Larry King:

    “McCain did make a classy speech last night. But, you know, they all make a classy speech when they lose. What else can you do? And it does ring a little less true when only a day before you’re calling the guy a socialist, a communist, a terrorist, anti-Semitic, anti-American. Oh, we lost? He’s a great guy. Forget what I said yesterday. Let’s all get behind the guy I just said was a communist. Please.” http://www.myzine.com/blog/234.....for-mccain