Der Nazi-Vergleich des Monats

Von Lukas Heinser, 26. Oktober 2008 15:17

… wird Ihnen präsentiert von Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts.

Den zitiert der „Tagesspiegel“ wie folgt:

„In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken“, sagte er dem Tagesspiegel. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 „hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager“.

Damit sichert sich Sinn natürlich einen der begehrten Plätze in der großen Nazi-Vergleichs-Liste von Coffee And TV — auch wenn es sich streng genommen nur um eine Coverversion von Roland Kochs Schlager „Eine neue Form von Stern an der Brust“ handelt.

Streng genommen handelt es sich hierbei natürlich nicht direkt um einen Nazi-Vergleich, weil das obligatorische „wie/seit Hitler/Goebbels/1945“ fehlt. Andererseits wird hier gleich jeder, der heute Manager kritisiert, mit Antisemiten gleichgesetzt. Und das wäre, wenn Sinn das tatsächlich gemeint haben sollte, natürlich schon eine ziemlich verunglückte Weltsicht.

15 Kommentare

  1. Christian H.
    26. Oktober 2008, 16:07

    Das erklärt natürlich auch, warum die Bahn gerade viele der ICE-Züge nicht für den normalen Personenverkehr zur Verfügung hat. Die sind alle von Bankern besetzt…

  2. Der Brüsseler
    26. Oktober 2008, 16:37

    Wieso damals? Auch Heute… zwar nicht in Deutschland, aber in den USA und auch in der arabischen Welt:

    http://www.welt.de/wirtschaft/.....erung.html

  3. Johanna
    26. Oktober 2008, 20:49

    @Christian H. Das war jetzt noch lustiger als der Beitrag an sich!

  4. Einwurf von Links
    26. Oktober 2008, 22:11

    Ich frage mich sowieso, mit welcher Legitimation der Herr von Sinnen so oft in der Tagesschau und bei Anne Will & Co. So jemanden wie Westerwelle könnte man prinzipiell auch wieder aus dem Bundestag und damit aus den Talkshows herauswählen. Aber Cheflobbyist Sinn ist ja noch nicht mal irgendwie gewählt.

  5. Frédéric
    26. Oktober 2008, 22:16

    „Verunglückte Weltsicht“ ist toll.

  6. Lukas
    27. Oktober 2008, 9:44

    Jetzt ist der Mann doppelt gestraft: mit einer verunglückten Weltsicht und einer Tonne wohlfeiler Namenswitze.

    Immerhin hat man jetzt mal von ihm gehört, ich kannte den vorher gar nicht und bei diesen ganzen Experten mit Institut verliert man ja schnell den Überblick. (Also diese Fotos mit diesem albernen Bart hatte ich schon mal gesehen, sie aber immer für Archivbilder aus den 1970er Jahren gehalten.)

  7. Alberto Green
    27. Oktober 2008, 10:16

    Wollte gerade darauf hinweisen, daß Leute mit komischen Bärten vorsichtig mit Geschichtsmetaphern umgehen sollten.

  8. Antonio
    27. Oktober 2008, 10:39

    Bei den Äußerungen des Herrn Sinn spüre ich einen Hauch Holocaustneid, der in den letzten Jahren immer mehr um sich greift. Auch Moslems und andere Minderheiten werden gerne als die „Juden von heute“ bezeichnet bzw. bezeichnen sich teilweise selber so. Als wenn auch nur eine Minderheit (ob Banker oder andere) in der westlichen Welt ähnlichen Verfolgungen bis hin zur industriell organisierten Ermordung ausgesetzt sei, wie die Juden im 3. Reich. Diese Vergleiche sind lächerlich. Die Empörung auf jüdischer Seite kann ich absolut nachvollziehen. So wird das Andenken an dieses monströse Verbrechen instrumentalisiert. Das ist einfach nur abartig.

  9. SomeVapourTrails
    27. Oktober 2008, 10:53

    Also sein Sündenbock-Argument ist durchaus richtig. Wir alle wollen Erträge aus Fonds und Aktien und wundern uns nun, warum dies mit Risken verbunden ist. Viele wollen auf Pump leben und sind nun erstaunt, dass das in die Hose gehen kann. Das Problem liegt nicht bei manchmal durchaus unfähigen Managern allein, vielmehr ist es die in der heutigen Gesellschaft verwurzelte Gier, welche zu der Misere beigetragen hat. Und nun sucht man Sündenböcke und steigert sich eine Lynchstimmung.

    Der Vergleich mag geschmacklos sein, aber wir müssen geschmacklose Vergleiche auch aushalten. Solche Sager entwerten sich doch selbst, sind im Kern meist wohl nicht als Verharmlosung der NS-Zeit gedacht. Diese stets politisch korrekte Entrüstung verhindert im Grunde eine seriöse Aufarbeitung deutscher Geschichte abseits des Emotionskitschs.

  10. Joe
    27. Oktober 2008, 11:48

    @SomeVapourTrails
    Du hast sicher recht, wenn Du auf die Gier hinweist, die nicht nur bei Bankern vorhanden ist. Aber: Wohl kaum einer von denen, die ein paar Fondsanteile oder Aktien erworben haben, sind wohl so vermessen wie zum Beispiel ein Josef Ackermann, der eine Renditeerwartung von 25 Prozent für die normalste Sache der Welt hält. Hinzu kommt, dass vielen Anlegern der größte Mist mit höchsten Risiken verkauft wurden, ohne dass von den Beratern in den Kreditinstituten diese Risiken deutlich aufgezeigt wurden. Dies wiederum liegt daran, dass den Beratern Vorgaben für den unbedingten Verkauf gemacht wurden, egal, ob es für den Kunden jeweils das richtige Produkt (den Ausdruck finde ich übrigens im Zusammenhang mit dem Finanzmarkt ziemlich daneben) war.

    Der Vergleich, denn Sinn anstellt, ist mehr als geschmacklos. Was – wenn man so will – für Sinn sprechen mag, ist die Tatsache, dass er offenbar vorher nicht überlegt hat, was er da von sich gibt. Was gegen Sinn spricht, ist die Tatsache, dass dies bei ihm inzwischen offenbar zum Dauerzustand geworden ist.

  11. Lukas
    27. Oktober 2008, 12:00

    Wir alle wollen Erträge aus Fonds und Aktien

    Also ich nicht. Ich bin glücklich mit Girokonto und Sparbuch.

  12. SomeVapourTrails
    27. Oktober 2008, 12:17

    @Lukas
    Keine private Pensionsvorsorge? Wenn ja, dann bist du beispielsweise sehr wohl auf Fondsgewinne angewiesen.

  13. Alberto Green
    27. Oktober 2008, 13:09

    Eben, Lukas, wenn du in 40 Jahren bis 80 arbeiten mußt und du für 200 Euro, die dir heute garantiert werden, ein Stück Butter kaufen, wirst du noch froh sein, wenn du Fonds hast. Also Rinderbrühe.

  14. Coffee And TV: » Experten
    27. Oktober 2008, 15:33

    […] da wir uns alle einmal über den Mann mit dem albernen Bart und dem unpassenden Namen erregt haben und dieser in einem offenen Brief an den Zentralrat der Juden in Deutschland um Entschuldigung […]

  15. meistermochi
    28. Oktober 2008, 0:58

    war die machtergreifung nicht erst 1933???