Experten

Von Lukas Heinser, 27. Oktober 2008 15:33

Nun, da wir uns alle einmal über den Mann mit dem albernen Bart und dem unpassenden Namen erregt haben und dieser in einem offenen Brief an den Zentralrat der Juden in Deutschland um Entschuldigung gebeten hat, können wir uns einer wichtigen Frage widmen: Wer ist dieser Hans-Werner Sinn überhaupt?

Vermutlich habe ich in den Nachrichten schon hundertfach von seinem Ifo-Institut gehört und als ich in der Wikipedia vom Ifo-Geschäftsklimaindex las, klingelte es tatsächlich. Aber davon mal ab: Wer ist dieser Mann und was sollte mich dazu bringen, seinen Ausführungen (wenn sie nicht gerade von verfolgten Managern handeln) Glauben zu schenken?

Wenn ein Medium zeigen will, was mit unserer Umwelt passiert oder wie man Energie sparen kann, werden O-Töne von Claudia Kemfert herangeschafft, wenn’s etwas seriöser sein soll Mojib Latif. Tun Jugendliche irgendwo das, was Jugendliche mindestens seit Kain und Abel tun, nämlich zuschlagen, steht das Telefon von Christian Pfeiffer nicht mehr still, und bis vor kurzem konnten Sie sicher sein, Ihre Ernährungstipps von Hademar Bankhofer zu bekommen — egal, welches Medium Sie nutzten.

Braucht ein Journalist ein Statement zum Thema Blogs oder Internet, wendet er sich an Stefan Niggemeier. Der darf auch beim Thema „Medien allgemein“ ran, aber nur, solange seine Meinung nicht der Linie des Journalisten zu widersprechen droht – sonst ist Jo Groebel dran. Selbst im Fußball, zu dem nun wirklich jeder Deutsche eine Meinung hat, muss bei jeder Fernsehübertragung ein Experte bereitstehen und erklären, was wir gerade gesehen, aber nur bedingt verstanden haben. Und Henryk M. Broder darf seine Meinung sowieso zu jedem Thema verbreiten.

Der einfache Bürger weiß ja gar nicht, wer diese Menschen sind, die ihm da immer als Experten vorgesetzt werden. Woher kommen sie, was haben sie gelernt, welche eigenen Interessen verfolgen sie gegebenenfalls? (Es soll ja ganze Talkshow-Runden geben, die nur mit Mitgliedern der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ besetzt sind, einer Lobby-Vereinigung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall.) Selbst von möglicherweise honorigen Professoren kennt man nur ihre Drei-Satz-Erklärungen aus dem Boulevardfernsehen („Explosiv“, „Brisant“, „Anne Will“) und wenn man sie nur oft genug gesehen hat, kann man sie sowieso nicht mehr ertragen.

Dabei wäre es ja eigentlich nur wünschenswert, wenn sich tatsächlich die verdientesten und klügsten Leute zu Themen äußern und nicht etwa Ronald Pofalla. Es gibt eher zu wenige Denker in der Öffentlichkeit als zu viele. Die Zeiten, in denen sich der Weimarer Hof mit den weisesten Herren der damaligen Welt schmückte, sind lange vorbei. Fachleute werden von der Politik zwar noch herangekarrt, aber sofort wieder fallen gelassen, wenn ihr Fachwissen sich als unpopulär herausstellen könnte. Fragen Sie mal Paul Kirchhof, den „Professor aus Heidelberg“. (Es geht natürlich noch perfider: Hartz will heute ja nun wirklich niemand heißen.)

Der Grund, warum Medien diese Experten brauchen, ist natürlich klar: Zum einen braucht jedes Thema ein Gesicht, weswegen Hip-Hop ja auch aussieht wie Eminem und Indierock wie Pete Doherty. Zum anderen braucht man jemanden, der Ahnung von einem Thema hat, mit dem man sich gerade zum ersten Mal beschäftigt: Wer morgens in der Redaktionskonferenz die Bekanntgabe des „Vogels des Jahres“ aufs Auge gedrückt bekommt, kann nicht bis zur Abgabe noch eine Ornithologie-Studium abschließen.

Vor einiger Zeit behelligte ich einen Geschichtsprofessor mit der Frage, ob er mir für eine Reportage (die immer noch zu schreiben ist) einige Einstiegsfragen beantworten könne. Er teilte mir höflich, aber bestimmt mit, dass Professoren entgegen der weitläufigen Annahme von Journalisten keine Auskunfteien seien, für solche Zwecke gebe es Fachliteratur. Der Mann hat wissenschaftlich natürlich vollkommen recht, aber kein Journalist wird im Tagesgeschäft mal eben ein, zwei, drei Fachbücher lesen können — und der Professor hat sich freilich selbst um eine Karriere als vielzitierter (weil ungelesener) Experte gebracht.

Mehr zum Thema in diesem Beitrag von „Zapp“ aus dem letzten Jahr.

24 Kommentare

  1. Stefan
    27. Oktober 2008, 15:55

    Der Professor hatte nicht recht – er ist wie jeder im öffentlichen Dienst angehalten, Fragen von Journalisten zu beantworten, denn die Leser sind diejenigen, die seinen Job mit ihren Steuergeldern finanzieren. Es ist ihr Recht, an dem Wissen des Professors teilzuhaben. Von mir wollte mal ein Dozent Geld für ein Interview – als ich ihm erklärte, er hätte es schon von meinen Lesern über die Steuern bekommen, war er gesprächsbereit.

  2. FG
    27. Oktober 2008, 16:09

    Sehr schöner Beitrag. Was ich nur nicht verstehe: Warum ist Mojib Latif seriöser als an Claudia Kemfert? Die beiden betrachten zwar mit dingen aus dem selben Themenbereich, sie tun dies aber doch aus völlig unterschiedlichen professionellen Blickwinkeln. Und ich habe bislang keine Anhaltspunkte entdecken können, dass eine(r) der beiden den Job in nennenswertem Umfang unseriös betreiben würde.
    Oder sind Wirtschaftswissenschaftlerinnen per se unseriös?

  3. Thomas
    27. Oktober 2008, 16:59

    Naja, dass man Experten fragen soll, weil sie „unabhängig“ einen Sachverhalt beurteilen können, lernt man meist im ersten Semester. Ich sehe aber das Problem, dass immer diesselben Experten gefragt werden.

    Was mir immer wieder auffällt ist was ganz anderes: Satt eines Experten werden irgendwelchen Leuten Expertenfragen gestellt. Beispiel: Es gab nen Unfall/Explosion oder so und der Reporter fragt dann einen vermeintlich Augenzeugen, wie es dazu kommen konnte. Absurd.

  4. fabian
    27. Oktober 2008, 17:09

    Ich finde es immer recht amüsant wenn die vermeintlichen Experten hohle Phrasen dreschen für die man sicherlich keine Experte sein muss. Ferdinand Dudenhöfer (schreibt man den so?), sieht man immer dann in den Nachrichten wenn die Journalisten was griffiges zum Thema Automobil benötigen. „Die Automobilindusrtie wird unter dem Finanzcrash auch schwer leiden“, so oder so ähnlich hört sich das dann an. Als wüsste das eh nicht schon jeder.

  5. Jan
    27. Oktober 2008, 18:06

    Schöner und wahrer Eintrag.
    Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang Diplom-Psychologe Michael Thiel, der in jedem noch so boulevardesken TV-Format für jede noch so komplexe soziologisch-psychologische Konstellation in drei Sätzen eine erschöpfende Analyse, Erklärung und Beurteilung ins Mikrofon abgeben kann.
    Wo ist bei diesem Thema eigentlich die Spezies der „Society-Experten“ einzuordnen? :o)

  6. Daniel
    27. Oktober 2008, 18:54

    @Jan: Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler sind ja per Ausbildung zu Experten geadelt. Klatsch & Tratsch kann man meines Wissens aber (noch) nicht studieren.

  7. Sebastian
    27. Oktober 2008, 19:04

    Michael Thiel hat es ja auch nicht unbedingt leicht, schließlich saß er jahrelang in den warmen Stuben der Nachmittagstalkshows, als diese dann nach und nach abgebaut wurden, musste er sich neue Betätigungsfelder suchen. Er fand dann eben bei explosiv eine neue Heimstatt.

    Society-Experten sind einfach die Boulevardangestellten der jeweiligen Sender, was den Begriff Experte noch viel abwegiger werden lässt.

  8. Michael
    27. Oktober 2008, 19:42

    Es ist doch gang und gäbe sich seine Experten nach der zu vermittelnden Botschaft auszusuchen. Wie auch in der Daily Show vor wenigen Tagen zu sehen:

    http://www.thedailyshow.com/fu.....eId=189132

    Mich würde interessieren, wie DU zu deinen Themen kommst? The Daily Show verfolgst du scheinbar regelmäßig. Hat sich diese Folge in deinem Hirn mit der Aussage von Sinn gepaart und uns diesen Beitrag beschert???

  9. Susanne
    27. Oktober 2008, 19:45

    Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Hans Werner Sinn schon kannte bevor er durch viele unnötige Fernsehauftritte auch einer breiteren Öffentlichkeit aufgedrängt wurde. Er hat einige meiner Meinung nach hervorragende Bücher über die deutsche Wirtschaftslage geschrieben – deshalb finde ich es zumindest in Wirtschaftsfragen noch einigermaßen logisch ihn für’s Fernsehen mal einige Sätze sagen zu lassen. Allerdings wäre der Ausgewogenheit halber je ein Experte mit anderer Meinung (die es ja immer gibt) wünschenswert.

  10. Lukas
    27. Oktober 2008, 22:33

    Warum ist Mojib Latif seriöser als an Claudia Kemfert?

    Ich kann die fachliche Kompetenz der Beiden nicht beurteilen, aber bei den Fernsehauftritten (s.o.), die ich von ihnen bisher gesehen habe, wirkte Latif ein bisschen souveräner oder staatstragender als Frau Kemfert.

    Mich würde interessieren, wie DU zu deinen Themen kommst?

    Ich hab dann gestern gelernt, dass Sinn offenbar häufig in Talkshows zu Gast ist (die ich ja nie sehe). Und dann dachte ich, wen es da noch so gibt. Und dann ergab ein Wort das andere.

  11. Max Power
    27. Oktober 2008, 23:39

    Nett ist auch, wenn bekannte Gesichter plötzlich Experte für irgendwas sind. z.B. gestern bei „aspekte“, Michael Naumann – USA-Experte

  12. Alvar Hanso
    28. Oktober 2008, 3:03

    Hans-Werner Sinn, der erste deutsche Ökonom mit ironischem Namen.

    Hier gibts ein paar Ausschnitte seiner intellektuellen Fähigkeiten:
    http://www.weissgarnix.de/?p=655

  13. Nummer 9
    28. Oktober 2008, 7:30

    Nach der alten Spiegel-Schule hättest du im letzten Absatz übrigens wieder den Bogen zurück zu Sinn spannen müssen, um den Text „rund“ zu machen.

  14. Gitte
    28. Oktober 2008, 8:28

    Ich bin selbstständig und schreibe auch Business-Ratgeber. Als mich gleich zu Beginn der Selbstständigkeit der erste Journalist anrief und mich als „EXPERTE“ zu etwas befragen wollte, habe ich entsetzt reagiert und beschwichtigt: „Experte??? Ich doch nicht. EXPERTE!“ … bis ich mitbekommen habe, dass JEDER im Medienbereich zum Experten befördert wird. Okay, bin ich halt Experte …

    Das, was Fabian anspricht mit den hohlen Phrasen ist etwas, dass „uns Experten“ (hihi) oft Kopfschmerzen bereitet. Ich führe ganz oft einstündige Telefoninterviews zu einer Sache, gebe lang und breit differenzierte Rückmeldung und sage: Achtung, gerade hier wäre was besonders wichtig, weil …

    Was erscheint dann in den Medien: „Unser Experte sagt: Selbstdisziplin ist nicht immer leicht!“

    AAAARGH.
    Bei einem Fernsehbeitrag hatte ich es übrigens schon einmal (zum Glück nur ein einziges Mal), dass die Redakteurin den Beitrag inklusive der Experten“meinung“ schon vorgeplant hatte. – „Und dann sagen Sie bitte, dass und dass …“

    Also: Nicht alles, was dem Experten zugeschoben wird, ist auf seinem Mist gewachsen. Das Umformulieren, Zusammenfassen, Zurechtschneiden beschert mir sehr häufig Peinlichkeitsschübe. Aber man gewöhnt sich ja an alles.

    Gitte
    Expertin für Langschläferei

    (Ich habe tatsächlich mal einen Artikel darüber geschrieben, dass ich mich so schwer tue aufzustehen und wurde einige Zeit später von einem Journalisten darauf angesprochen, dass ich als „Expertin für Langschläferei“ (!!) doch bitte ein Interview geben solle. Und das war nicht lustig gemeint.

  15. Thomas
    28. Oktober 2008, 9:23

    Du hast noch den „Automobilprofessor“ Ferdinand Dudenhöffer vergessen. Der wird auch medienübergreifend ewig um Stellungnahme gebeten.

    Und den Sinn würden die noch in Talkshows einladen, wenn er Herr Unsinn vom Ufo-Institut wäre!!

  16. Lukas
    28. Oktober 2008, 10:05

    @Alvar Hanso: Tun Sie mir den Gefallen und lesen Sie meinen ersten Satz noch mal.

    Ich fürchte ja, Herr Sinn leidet mehr unter seinem Nachnamen als unter seinem unpassenden Vergleich …

  17. Tobias
    28. Oktober 2008, 12:40

    Bei der Diskussion fällt mir immer sofort Nils Heinrich ein .. ;)

    http://www.youtube.com/watch?v=2EUwZgg5ZjE

    Es grüßt
    auch ein Experte

  18. yeda
    28. Oktober 2008, 13:10

    Hans-Werner Sinn ist ein neoliberaler Steigbügelhalter, der sein Geld damit verdient, den Leuten zu erklären, warum sie sie sich gefälligst mit der Umverteilung von Unten nach Oben abzufinden haben. Man Google nur mal ein wenig durch die Blogs (Nachdenkseiten, etc.). Er verdient sein Geld damit, den Pöbel ruhig zu halten. Und ist damit ein vielfaches schlimmer als so manch anderer „Experte“, der einfach nur seine Eitelkeiten befriedigt.

  19. Texts for Robots
    28. Oktober 2008, 14:36

    Experten in der Text-Bild-Schere…

    Foto: Infatuated (cc)
    Die Text-Bild-Schere ist das, was die Macher des Nachrichtenfernsehens fürchten: Die gesprochenen Texte, Moderationen, Kommentare und Berichte, erläutern nicht, was zu sehen ist, die Bilder illustrieren nicht, was ge…

  20. Lukas
    28. Oktober 2008, 22:51

    Gerade beim Durchzappen gesehen: „Möbelkauf-Experte“.

  21. Wammerlbua
    30. Oktober 2008, 8:20

    Das Leben ist eben schon so kompliziert geworden, daß wir es ohne Experten gar nicht mehr bewältigen können. Es ist doch wunderbar, wenn einem ein ‚Experte‘ etwas Halt bei der Bewältigung des Lebens gibt.
    Welche Arbeitsleistung ist von mir nach dem Verzehr des Frühstücksmüslis mit den ganzen Kokosnüssen zu erwarten? Ist es besser mit oder ohne Radio aufzustehen (dort kommt ja schon der erste Expoerte des Tages auf einen zu). Soll ich mir einen Hund oder eine Katze halten? Was verrät die gestrige Beischlafstellung über meine Berufswahl?
    Also ich bin da ja überfordert. Dann bin ich ganz froh, wenn mir ein Experte etwas Richtung gibt. Jawoll, genau, so falsch kann das gar nicht sein.
    Ich bin übrigens auch Experte.
    Für mein eigenes Wohlergehen.
    Um diesen Status muß ich ganz schön kämpfen, da es immer wieder Leute gibt, die meinen sie wüßten besser was gut für mich ist.

  22. Coffee And TV: » Präsidialer Buchclub
    31. Oktober 2008, 11:51

    […] Chronicle”, der eine Reihe von Literaturwissenschaftlern, Schriftstellern und sonstigen Experten befragt hat. Sie erklären unter anderem, dass es ein wenig überrasche, dass McCain gleich zwei […]

  23. Lesenswertes: Klatsch und Medien » schafott.net
    14. Januar 2011, 8:16

    […] wirklich kompetent und ihre Medienpräsenz legitim? Lukas schreibt auf coffeeandtv über Experten. Zeig diesen Beitrag […]

  24. Lesenswertes: Klatsch und Medien - Katharina Brunner
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