Kategorien
Musik Gesellschaft

Ein offener Brief an Jack White

Ein Jahr ist die Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft fast schon wie­der her, aber mein Blog-Ein­trag „Wie ich lern­te, ‚Seven Nati­on Army‘ zu has­sen“ ist noch immer unge­schrie­ben.

Er wird es auch blei­ben, denn ich habe einen ande­ren Weg gefun­den, mich mit der Num­mer-Eins-Hym­ne alko­ho­li­sier­ter Men­schen in Deutsch­land aus­ein­an­der­zu­set­zen:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

[Direkt­link]

Kategorien
Politik Gesellschaft

Wahl-Mäander

Wahlzettel zur Europawahl 2009

Weil ich bei den letz­ten Wah­len pos­ta­lisch abge­stimmt habe, war ich vor­hin erst zum zwei­ten Mal in mei­nem Leben in einem Wahl­lo­kal. Ich hat­te mir extra ein Hemd ange­zo­gen, um bei der Wahr­neh­mung mei­ner staats­bür­ger­li­chen Pflich­ten auch halb­wegs wür­de­voll aus­zu­se­hen. Denn mal ehr­lich: Viel mehr als Wäh­len tue ich ja nicht für unse­re Gemein­schaft.

Das Argu­ment vie­ler Nicht­wäh­ler, sie wüss­ten ja gar nicht, wor­um es bei den Euro­pa­wah­len geht, ist nur ober­fläch­lich betrach­tet zutref­fend. Ich möch­te jeden­falls mal den Wäh­ler erle­ben, der weiß, was in einem Land­tag oder einem Stadt­rat pas­siert – und trotz­dem geht man dafür zur Wahl.

* * *

Poli­tik ist mir eine Mischung aus suspekt und egal. Die meis­ten Poli­ti­ker sind für sich betrach­tet sym­pa­thi­sche Gesprächs­part­ner und sagen klu­ge Sachen, aber in der Sum­me ist es wie mit dem Volk: Der Dümms­te bestimmt das Niveau der gan­zen Grup­pe. Nun bin ich weit davon ent­fernt, Poli­ti­ker mit einem stamm­ti­schi­gen „Die da oben machen doch eh, was sie wol­len“ ver­dam­men zu wol­len, aber wenn ich Leu­te wie den SPD-Super­hard­li­ner Die­ter „Gewalt ist jung und männ­lich“ Wie­fel­spütz in Mikro­fo­ne spre­chen höre, über­kom­men mich schon schwe­re Zwei­fel an dem Wort „Volks­ver­tre­ter“.

Was ich dabei auch immer wie­der ver­ges­se: Die Bin­sen­weis­heit, wonach nichts so heiß geges­sen wer­de, wie es gekocht wird, ist nicht in der Gas­tro­no­mie am zutref­fends­ten, 1 son­dern in der Poli­tik. Und: Anders als in der Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft sind im Bun­des­tag und Kabi­nett ja nicht die Bes­ten ihres Fachs ver­sam­melt, son­dern die, die sich in den Intri­gen­s­port­ver­ei­nen, die wir „Par­tei­en“ nen­nen, nach oben gemeu­chelt haben; die, die pro­mi­nen­te Poli­ti­ker in der Fami­lie hat­ten; und die, die zufäl­lig gera­de in der Gegend her­um­stan­den, als ein Pos­ten besetzt wer­den muss­te. Zwar sol­len sie eigent­lich die Mei­nung ihrer Wäh­ler ver­tre­ten, aber die­ses Prin­zip wird schon durch das alber­ne Lis­ten-Wahl­recht in Deutsch­land ad absur­dum geführt. Wo es kei­ner­lei Bin­dung zwi­schen Wäh­lern und Abge­ord­ne­ten gibt, kön­nen die Bür­ger ihren Par­la­men­ta­ri­ern auch nur unzu­rei­chend auf die Fin­ger klop­fen. 2

* * *

Gewiss: Man könn­te selbst in die Poli­tik gehen, aber man könn­te sei­nen Müll auch selbst zur Depo­nie fah­ren oder sein Grill­fleisch selbst erle­gen. Ich habe da kei­ner­lei Ambi­tio­nen, also muss ich mit dem leben, was (poli­tisch) im Ange­bot ist.

Inso­fern nervt mich auch immer wie­der das Geze­te­re in Blogs und bei Twit­ter, die­se oder jene Par­tei sei wegen einer ein­zel­nen Per­son oder Äuße­rung „unwähl­bar“. Natür­lich schei­den dadurch schnell sämt­li­che exis­ten­ten Par­tei­en aus und man miss­ach­tet dabei eines der grund­le­gen­den Zie­le einer Demo­kra­tie: das Stre­ben nach einem Kom­pro­miss. 3 Per­fek­ti­on wird man nir­gends fin­den, weder bei Par­tei­en noch bei Lebens­part­nern. 4 Und spä­tes­tens, wenn es zur Wahl­wer­bung kommt, wird man bei­de Augen zudrü­cken müs­sen.

„Unwähl­bar“ aber ist ein krei­schen­des, abso­lu­tes Urteil, das damit in der lan­gen Rei­he von Schlag­wor­ten wie „Faschis­mus“ und „Zen­sur­su­la“ steht und die Fra­ge, war­um sich eigent­lich kaum ein Poli­ti­ker für die Inter­es­sen der Netz­ge­mein­de inter­es­sie­re, von selbst beant­wor­tet. Wäre ich Poli­ti­ker und wür­de auf einer Wahl­kampf­ver­an­stal­tung von drei am Ran­de ste­hen­den Nerds als „ahnungs­los“ und „Faschist“ beschimpft, wäre mein Inter­es­se an einem Dia­log auch gedämpft. Inso­fern ste­hen vie­le – nicht alle – Dis­ku­tan­ten im Web 2.0 den von ihnen kri­ti­sie­ren Poli­ti­kern in nichts nach, wenn sie nur auf Laut­stär­ke 11 kom­mu­ni­zie­ren. Wenn sich zwei auf nied­ri­gem Niveau begeg­nen, ist das nur noch tech­nisch betrach­tet ein Dia­log auf Augen­hö­he.

* * *

Ein ein­zi­ges Mal hat es unse­re Bun­des­re­gie­rung 5 geschafft, dass ich mich gewis­ser­ma­ßen poli­tisch enga­giert habe und in einer E‑Mail Ver­wand­te, Freun­de und Bekann­te gebe­ten habe, sich das The­ma „Inter­net­sper­ren“ doch bit­te ein­mal genau­er anzu­schau­en und sich gege­be­nen­falls an der Peti­ti­on dage­gen zu betei­li­gen. Aber Wut und Fas­sungs­lo­sig­keit schei­nen mir auch kein bes­se­rer Antrieb zu sein als Angst und Panik­ma­che auf der ande­ren Sei­te.

Par­tei­en selbst sind mir in höchs­tem Maße suspekt, weil ihre Mit­glie­der zu einer Lini­en­treue ten­die­ren, die jeden Fuß­ball­fan stau­nend zurück­lässt. Die Respekt­lo­sig­keit, mit der schon die Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen 6 den „poli­ti­schen Geg­ner“ behan­deln, emp­fin­de ich als höchst ver­stö­rend, und die Tat­sa­che, dass wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen ein­fach nicht gefällt wer­den, weil die Anträ­ge von der „fal­schen“ Par­tei ein­ge­bracht wur­den, lässt mei­nen Blut­druck wie­der in gesund­heits­ge­fähr­den­de Berei­che stei­gen.

* * *

Statt Inhal­ten inter­es­siert mich bei Wah­len seit jeher eher das Drum­her­um, vor allem die ers­te Pro­gno­se bei Schlie­ßung der Wahl­lo­ka­le. Bei der Bun­des­tags­wahl 1994 führ­te ich mit einem Mit­schü­ler Wahl­um­fra­gen in unse­rer Klas­se durch und prä­sen­tier­te hin­ter­her stolz die Hoch­rech­nung für die Klas­se 6c. Am Wahl­tag selbst hat­te ich mir im Kel­ler mit Tüchern und Pap­pen ein Haupt­stadt­stu­dio (natür­lich Bonn) ein­ge­rich­tet und prä­sen­tier­te von 15 Uhr an im Halb­stun­den­takt immer neue Vor­her­sa­gen. Rudolf Schar­ping wäre sicher ein inter­es­san­ter Bun­des­kanz­ler gewe­sen.

  1. Wie oft hat man sich schon böse den Gau­men an einer Sup­pe oder einer Brat­wurst ver­brannt?[]
  2. Ich habe zum Bei­spiel kei­ne Ahnung, wie eigent­lich mei­ne Abge­ord­ne­ten hei­ßen – geschwei­ge denn, was für Posi­tio­nen sie ver­tre­ten.[]
  3. Wobei einem da natür­lich immer wie­der Vol­ker Pis­pers ins Gedächt­nis kommt, der schon vor zehn Jah­ren frag­te, ob das klei­ne­re Übel wirk­lich immer so groß sein müs­se.[]
  4. Zyni­ker wür­den an die­ser Stel­le fra­gen, ob es im Web 2.0 nicht über­na­tür­lich vie­le Sin­gles gebe.[]
  5. Ich habe es schon oft gesagt und wie­der­ho­le mich da ger­ne: Nach dem Stuss, den die gro­ße Koali­ti­on in den letz­ten vier Jah­ren ver­zapft hat, hat es mei­nes Erach­tens kei­ne der betei­lig­ten Par­tei­en ver­dient, im Herbst wei­ter­zu­re­gie­ren. Aber solan­ge FDP und Grü­ne gemein­sam kei­ne Regie­rung stel­len kön­nen oder wol­len, wer­den wir wohl auch dort wie­der mit einem klei­ne­ren Übel leben müs­sen.[]
  6. Dass die Mit­glied­schaft in „Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen“ von Par­tei­en bis zu einem Alter von 35 Jah­ren möglich/​verpflichtend ist, sagt eigent­lich schon alles.[]
Kategorien
Digital Gesellschaft

Reinigendes Getwitter

Ich fin­de Twit­ter im Gro­ßen und Gan­zen ja ganz okay und den­ke, es kommt wie bei jedem Werk­zeug dar­auf an, wie man es ein­setzt. Eine gro­ße Gefahr besteht natür­lich dar­in, dass die­ses Werk­zeug so leicht zu bedie­nen ist und man des­halb oft schnel­ler tweetet als denkt.

Was? Das habe ich schon geschrie­ben? Ja, sicher. Aber wenn die Auf­merk­sam­keits­span­ne nur noch 140 Zei­chen beträgt, kann man sich ja mal wie­der­ho­len.

Am Sams­tag haben Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te aus der Bun­des­ver­samm­lung get­wit­tert, dass Horst Köh­ler die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl im ers­ten Wahl­gang gewon­nen hat. Ich fin­de das eini­ger­ma­ßen respekt­los dem Bun­des­tags­prä­si­den­ten gegen­über, des­sen Auf­ga­be nun mal die Ver­kün­dung des Wahl­er­geb­nis­ses ist.

Mag sein, dass die Abge­ord­ne­ten das Ergeb­nis von Jour­na­lis­ten erfah­ren hat­ten, mag sein, dass – bis auf Ange­la Mer­kel – jeder im Reichs­tag Bescheid wuss­te – aber auch twit­tern­de Abge­ord­ne­te soll­ten ein biss­chen an die Außen­wir­kung den­ken. Und wenn es Auf­ga­be des Bun­des­tags­prä­si­den­ten ist, das Ergeb­nis zu ver­kün­den, dann soll­te es zumin­dest kein ande­res Mit­glie­der die­ses Ver­fas­sungs­or­gans sein, das ihm die­se Auf­ga­be abnimmt.

Am Diens­tag haben nun offen­bar ein­zel­ne Abge­ord­ne­te aus einer nicht-öffent­li­chen Sit­zung der SPD-Frak­ti­on get­wit­tert, wor­auf­hin Frak­ti­ons­chef Peter Struck eine Art Wut­an­fall bekom­men haben muss (bei dem ich ger­ne dabei­ge­we­sen wäre) und die SPD jetzt Kon­se­quen­zen zie­hen will.

Ich fin­de es schon erstaun­lich, dass man Volks­ver­tre­tern offen­bar erst ein­mal erklä­ren muss, was mit „nicht-öffent­lich“ gemeint sein könn­te – oder brin­gen die sonst Schwie­ger­müt­ter, Hun­de­fri­seu­re und Haupt­stadt­jour­na­lis­ten mit, weil die sowas auch mal von nahem sehen woll­ten? Wann kom­men die ers­ten Tweets aus den gehei­men Sicher­heits­aus­schüs­sen? („Hin­wei­se auf gepl. Anschlä­ge im Raum Ber­lin. Schmut­zi­ge Bom­be, BKA ist dran“)

Tho­mas Knü­wer geht davon aus, dass das Ergeb­nis der Bun­des­tags­wahl vor­ab via Twit­ter ver­ra­ten wer­den wird. Damit wäre Deutsch­land dann wohl noch hip­per als die USA, wo das Ergeb­nis der letzt­jäh­ri­ge Prä­si­dent­schafts­wahl mei­nes Wis­sens noch von den Fern­seh­sen­dern bekannt gege­ben wur­de.

Was mich aber beson­ders stört ist die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der man­che Men­schen einen Frei­schein für Twit­ter for­dern: Muss man denn alles, was man weiß, in die Welt hin­aus­po­sau­nen, nur weil man es kann?

Was ist mit den Spiel­re­geln, auf denen unse­re Gesell­schaft beruht? Dass wir nicht aus dem Kino gehen und den War­ten­den erzäh­len, wie der Film aus­geht? Dass wir Wahl­er­geb­nis­se für uns behal­ten, bis die Wahl­lo­ka­le geschlos­sen haben? Dass wir uns nicht nackt aus­zie­hen, mit Exkre­men­ten ein­rei­ben und schrei­end durch die Innen­stadt ren­nen?

Nen­nen Sie mich kon­ser­va­tiv, aber ich fand die Zeit ganz gut, bevor die­ses post­mo­der­ne „any­thing goes“ über uns hin­ein­ge­bro­chen ist. Als man in klei­ner Run­de noch schlech­te Wit­ze machen konn­te, ohne Angst haben zu müs­sen, dass sie gleich im Inter­net ver­brei­tet wer­den.

[Auf­tritt Mike Skin­ner: „How the hell am I sup­po­sed to be able to do a line in front of com­ple­te stran­gers /​ When I know they’­ve all got came­ras?“]

Nun könn­te man natür­lich ein­wen­den: Man konn­te ande­ren Men­schen noch nie ver­trau­en, heut­zu­ta­ge ist es nur tech­nisch viel ein­fa­cher (und anony­mer), den Kram zu ver­brei­ten. Han­dy­ka­me­ras und Twit­ter zei­gen nur auf, dass wir ein Rudel bös­ar­ti­ger Wöl­fe sind, die dar­auf war­ten, über­ein­an­der her­zu­fal­len. Aber so pes­si­mis­tisch wäre ich ungern.

Die Fra­ge, die man sich beim Schrei­ben von Twit­ter­nach­rich­ten stel­len soll­te, ist nicht „Wür­dest Du das Dei­nem bes­ten Freund erzäh­len?“, son­dern „Wür­dest Du das Dei­ner Mut­ter, Dei­nem Part­ner, Dei­nem Chef und allen Men­schen im Ruhr­sta­di­on schrift­lich geben?“

Kategorien
Gesellschaft

Klickbefehl (20)

Ana­tol Ste­fa­no­witsch woll­te für sei­ne Töch­ter Lego­fi­gu­ren kau­fen und stell­te dabei fest, dass die fast alle Männ­chen sind. Das stimmt ihn nach­denk­lich:

Ich bin ein gro­ßer Lego-Fan, aber als Vater von zwei Mäd­chen, die im Leben alles errei­chen kön­nen sol­len, was sie sich vor­neh­men, hat mich das scho­ckiert. Es hat mich an die unzäh­li­gen Kin­der­bü­cher erin­nert, deren Sexis­mus ich beim Vor­le­sen still­schwei­gend her­ausedi­tiert habe: die Geschich­te vom muti­gen klei­nen Fuchs­jun­gen, der inter­es­siert die Welt erkun­det, wäh­rend sei­ne Schwes­tern lie­ber bei der Mut­ter blei­ben (er wur­de bei mir ein muti­ges klei­nes Fuchs­mäd­chen), die Geschich­te von den Kin­dern aus der Krach­ma­cher­stra­ße, die mit der Bahn in den Urlaub fah­ren, weil „Mama natür­lich nicht auto­fah­ren kann“ (sie wur­de bei mir zur umwelt­be­wuss­ten Bahn­Card-Besit­ze­rin), […] .

Der gan­ze groß­ar­ti­ge Arti­kel, nach des­sen Lek­tü­re man sich fragt, in was für einem ver­al­te­ten Welt­bild Mäd­chen eigent­lich heut­zu­ta­ge immer noch auf­wach­sen sol­len, steht im Bre­mer Sprach­blog.

Kategorien
Digital Gesellschaft

Mittendrin statt tot dabei

Ich fin­de twit­ter im Gro­ßen und Gan­zen ja ganz okay und den­ke, es kommt wie bei jedem Werk­zeug dar­auf an, wie man es ein­setzt. Eine gro­ße Gefahr besteht natür­lich dar­in, dass die­ses Werk­zeug so leicht zu bedie­nen ist und man des­halb oft schnel­ler tweetet als denkt.

Eine ande­re Gefahr kann natür­lich dar­in bestehen, dass man ein­fach nur tweetet und gar nicht mehr denkt: Kim­ber­ly Hop­pe, Klatsch­ko­lum­nis­tin der Münch­ner „Abend­zei­tung“, sitzt in der Aller­hei­li­gen-Hof­kir­che und tickert live von der Trau­er­fei­er für Mon­ti Lüft­ner.

Beerdigung Monti Lüftner. Alle Promis schauen sehr, sehr traurig - auch die Fotografen tragen Schwarz. Wolfgang Seybold schluckt.

Jetzt läuft Bruce Springsteen. Marcel Avram schnaeutzt sich - Gaensehautstimmung. Nur die Kerzen sind leider nicht echt

Montis Tochter Tracy (16) spricht wundervoll, singt Amazing Grace, bricht das Lied unter Tränen ab. Ich weine. Die ganze Kirche weint.

Es ist die­se Mischung aus Bana­li­tä­ten und Inti­mi­tä­ten, die das fröh­li­che Daher­plap­pern von Frau Hop­pe so uner­träg­lich macht. Die Tat­sa­che, dass sie über die Trä­nen von Freun­den und Ange­hö­ri­gen (und ihre eige­nen) schreibt, noch ehe die­se getrock­net sind. Der Umstand, dass sie von einer ver­damm­ten Trau­er­fei­er aus einer Kir­che twit­tert.

Aber bevor Sie die Schuld jetzt bei twit­ter suchen: Dass es auch ohne geht, hat letz­tes Jahr schon „RP Online“ vor­ge­macht.

Kategorien
Gesellschaft

Grand Prix 2010: Es kann nur besser werden

Mos­kau, Grand-Prix-Aus­rich­ter 2009:

Screenshot: tagesschau.de

Oslo, Grand-Prix-Aus­rich­ter 2010:

Gay Kids
(Irgend­wo auf­ge­nom­men wäh­rend des Oslo-Trips im Febru­ar.)

Kategorien
Gesellschaft

Von den Autoren von „Koreanische Gebrauchsanleitungen“

Studiengebühren sin sozial GERECHT & NICHT Steine können fliegen

Ich fra­ge das wirk­lich ungern, aber: Wie vie­le Semes­ter Ger­ma­nis­tik müss­te ich wohl noch stu­die­ren, um die­ses Trans­pa­rent an der Bochu­mer Uni-Biblio­thek sinn­ent­neh­mend lesen zu kön­nen?

Kategorien
Digital Gesellschaft

What Difference Does It Make?

Ich zeig Euch Individualität!

Als ich 16 Jah­re alt war, stand ich vor einem mora­li­schen Dilem­ma: WDR 2 hat­te ange­kün­digt, ein Kon­zert mei­ner Lieb­lings­band Ben Folds Five aus­zu­strah­len. Einer­seits freu­te ich mich dar­über, die Band mal „live“ zu hören, 1 ande­rer­seits dach­te ich, damit sei die Band end­gül­tig im Main­stream ange­kom­men. 2 Ich las „Solo­al­bum“ und „Tris­tesse Roya­le“, die vol­ler Arro­ganz und Distik­ti­ons­wut waren, und freu­te mich, als der deut­sche „Rol­ling Stone“ die „Drawn From Memo­ry“ von Embrace schlecht bewer­te­te, weil ich dach­te, dann wür­den weni­ger Leu­te die­se CD hören. Das alles ist lan­ge her und mein dama­li­ges Ver­hal­ten bezeich­net man ana­log zur dama­li­gen Lebens­pha­se als puber­tär.

Heu­te freue ich mich, wenn Bands, die ich schät­ze, in die Charts ein­stei­gen, weil das die Chan­ce erhöht, dass die Musi­ker von ihrer Musik auch leben kön­nen. Natür­lich ist es scha­de, Bands wie Cold­play oder die Kil­lers nicht mehr in klei­nen Clubs sehen zu kön­nen, 3 aber es kom­men ja fast täg­lich neue Bands für die Clubs dazu und unter einem kul­tu­rel­len Aspekt ist es doch alle­mal bes­ser, wenn die Fri­seu­rin­nen und Kin­der­gärt­ne­rin­nen, die man bei Cold­play-Kon­zer­ten arg­wöh­nisch mus­tert, eben sol­che Musik hören und nicht Sil­ber­mond.

Natür­lich gibt es auch heu­te noch Men­schen, die Bands auto­ma­tisch schei­ße fin­den, wenn sie mehr als 300 Hörer haben, 4 aber die nennt man dann eben „Indi­en­a­zis“ und sie müs­sen zur Stra­fe Tex­te von Jan Wig­ger, Died­rich Diede­rich­sen und Plat­ten­tests online lesen.

Das alles kam mir in den Sinn, als ich durch Zufall einen Ein­trag im Blog von Ste­fan Win­ter­bau­er auf meedia.de las:

Pro­blem: Das iPho­ne ist gewöhn­lich gewor­den.

Mitt­ler­wei­le ist das Gerät der­art weit ver­brei­tet (selbst unter Stu­den­ten!), dass es beim bes­ten Wil­len nicht mehr als Sta­tus­sym­bol her­hal­ten kann. Manch­mal muss man sich gera­de­zu schä­men. Zum Bei­spiel, wenn ein Ver­triebs-Och­se in Kurz­arm-Hemd und schril­ler Kra­wat­te im Zug ein iPho­ne zückt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst der Text gemeint ist, 5 glau­be aber, dass sich im Zwei­fels­fall genug Men­schen fän­den, die Win­ter­bau­er auch dann zustim­men wür­den, wenn er das eigent­lich irgend­wie augen­zwin­kernd gemeint hät­te.

Jetzt denkt jeder Schlips­trä­ger aus Ver­trieb und Mit­tel-Manage­ment, ein biss­chen was von Glanz und Sexy­ness des iPho­ne abha­ben zu kön­nen. No way. Das Gegen­teil ist der Fall. Dadurch, dass die­se Schnauz­bart­trä­ger, Kurz­arm­hem­den und blon­de Damen auf hohen Hocken jetzt alle ein iPho­ne haben, machen sie den Mythos kaputt.

Win­ter­bau­er sitzt da zunächst ein­mal einem weit ver­brei­te­ten Miss­ver­ständ­nis auf: Unter­wegs zu tele­fo­nie­ren – oder brei­ter gefasst: zu kom­mu­ni­zie­ren – hat nichts mit Gla­mour und Sexy­ness zu tun, son­dern mit Abhän­gig­keit oder man­geln­der Orga­ni­sa­ti­on. Wer noch auf dem Nach­hau­se­weg in der S‑Bahn mit dienst­li­chen Pro­ble­men behel­ligt wird, wäre selbst dann noch ein armes Schwein, wenn er mit einem Pla­tin­bar­ren tele­fo­nier­te, und wer aus dem Zug sei­ne Ankunfts­zeit mit­teilt, war in den meis­ten Fäl­len nur zu faul, sich vor­her eine Ver­bin­dung her­aus­zu­su­chen und dann recht­zei­tig am Bahn­hof zu sein. 6

Als in der letz­ten Woche das Mobil­funk­netz von T‑Mobile zusam­men­brach war ich auf­rich­tig über­rascht über die Aus­wir­kun­gen, die das auf das Leben vie­ler Men­schen zu haben schien. Mein ME 45 mit Pre­paid-Kar­te dient mir in ers­ter Linie als Uhr und Wecker, mit dem ich hin und wie­der SMSen schrei­ben kann. Und als ich fest­stell­te, dass ich nach wie vor über T‑Mobile tele­fo­nie­ren konn­te, muss­te ich 20 Minu­ten über­le­gen, wen ich eigent­lich anru­fen könn­te, um ihm die­se (völ­lig irrele­van­te) Sen­sa­ti­on mit­zu­tei­len.

Das heißt nicht, dass ich das iPho­ne an sich schlecht fän­de – ich bin ja auch von mei­nem iPod touch ziem­lich begeis­tert. Aber den mag ich, weil es ein gut durch­dach­tes und funk­tio­nie­ren­des tech­ni­sches Gerät ist, nicht wegen des ange­bis­se­nen Apfels auf der Rück­sei­te. 7 Auch mein Mac­Book nut­ze ich, weil ich App­les Betriebs­sys­tem gelun­ge­ner fin­de als Win­dows, weil der Akku län­ger hält und auch – das gebe ich ger­ne zu – weil das Gerät ein­fach bes­ser aus­sieht als so ziem­li­che jeder ande­re Lap­top – aber doch nicht aus Pres­ti­ge­grün­den.

Wer glaubt, sich über sein Mobil­te­le­fon pro­fi­lie­ren und von ande­ren abgren­zen zu müs­sen, hat mög­li­cher­wei­se zu wenig Geld für den Por­sche, der von den zu klei­nen Geni­ta­li­en ablen­ken soll. Es ist mir ein Rät­sel, war­um aus­ge­rech­net ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­werk­zeug Aus­druck von Indi­vi­dua­li­tät sein soll­te. 8 Wer anders sein will, muss sich schon ein biss­chen mehr Mühe geben – zum Bei­spiel indem er die bei H&M gekauf­ten Motiv-T-Shirts erst mal ein Jahr in den Schrank packt, ehe er sie trägt. Sogar die Punks sahen irgend­wann alle gleich aus mit ihren Iro­ke­sen­schnit­ten und Sicher­heits­na­deln.

Und wer Men­schen bewun­dert, nur weil sie ein teu­res Spiel­zeug mit sich füh­ren, ist mög­li­cher­wei­se noch ober­fläch­li­cher als der Tech­nik-Besit­zer selbst, der einen gera­de für Schnauz­bart und Kurz­arm­hemd ver­ach­tet.

  1. Ja, lie­be Kin­der, damals hat­ten wir noch kein You­Tube und Live-Mit­schnit­te von Kon­zer­ten waren sel­te­ne Samm­ler­stü­cke.[]
  2. Ich saß damals der sel­ben Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on des Begriffs „Main­stream“ auf, die heu­te im Bezug auf die Ver­brei­tung von twit­ter die Run­de macht.[]
  3. Als ob ich das je hät­te.[]
  4. Wer sich eine Band durch äuße­re Umstän­de ver­lei­den lässt, hat sie mei­nes Erach­tens nie wirk­lich gemocht.[]
  5. Mein Iro­nie-Detek­tor ist gera­de zur Jah­res-Inspek­ti­on.[]
  6. Ich weiß, wovon ich spre­che.[]
  7. Die Rück­sei­te ist übri­gens sowie­so ein Desas­ter. Der Idi­ot, der auf die Idee gekom­men ist, einen Gebrauchs­ge­gen­stand zur Hälf­te mit einer hoch­glän­zen­den Metal­lic-Ober­flä­che zu ver­se­hen, soll­te eigent­lich öffent­lich aus­ge­peitscht wer­den, bis er genau­so vie­le Strie­men auf dem Hin­tern hat wie mein iPod Krat­zer.[]
  8. Wobei ein iPho­ne ja in der Regel sehr indi­vi­du­ell ist: Man kann einen Sinn­spruch ein­gra­vie­ren las­sen und Pro­gram­me und Musik nach eige­nem Wunsch dar­auf über­spie­len.[]
Kategorien
Digital Politik Gesellschaft

Wir sind noch nicht so weit

Es gibt wohl mal wie­der Grund für Kri­tik an der Bun­des­re­gie­rung und jede Men­ge Auf­schreie aus der Blogo­sphä­re. Eini­ge Stim­men mei­nen gar, die Bun­des­re­gie­rung wol­le den Faschis­mus ein­füh­ren.

Ich hal­te das für Unsinn. Die­se Bun­des­re­gie­rung könn­te den Faschis­mus nicht ein­füh­ren, wenn sie es woll­te. Sie kann nur ver­se­hent­lich den Boden dafür berei­ten.

Denn wenn man sich die Pres­se­kon­fe­renz ange­se­hen hat, auf der Nicht-Wil­helm von Gut­ten­berg, Ursu­la von der Ley­en und Bri­git­te Zypries heu­te über die Inter­net­sper­ren gegen Kin­der­por­no­gra­phie gespro­chen haben, kann man nur zu einem Schluss kom­men: Die­se Men­schen wis­sen wirk­lich nicht, wovon sie reden. Es gilt das glei­che wie in den Debat­ten über Bun­destro­ja­ner und „Kil­ler­spie­le“: Ja, die Betei­lig­ten sind ahnungs­los – aber bös­wil­lig? Wohl kaum.

Don Dah­l­mann und Tho­mas Knü­wer haben schö­ne Tex­te geschrie­ben über die „Sys­tem­kämp­fe“ bzw. die „digi­ta­le Spal­tung“, die der Gesell­schaft dro­hen. Ich habe das vor einem Jahr auch schon mal an ganz pri­va­ten Bei­spie­len durch­ex­er­ziert.

Und bei aller ver­mut­lich sehr berech­tig­ten Kri­tik an den gan­zen Vor­ha­ben die­ser Ber­li­ner Dilet­tan­ten fra­ge ich mich immer wie­der, ob wir „Inter­net­ak­ti­vis­ten“, deren Zahl ich mal sehr groß­zü­gig auf 500.000 Men­schen schät­zen möch­te, nicht so eine Art digi­ta­le Auto­schrau­ber sind: Nerds mit einem schö­nen Hob­by, das aber gesell­schaft­lich nur bedingt rele­vant ist.

Die Mil­lio­nen­gro­ßen Nut­zer­zah­len von You­Tube, MySpace, Face­book und Stu­diVZ soll­ten nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass das Inter­net für die aller­meis­ten Nut­zer in Deutsch­land so etwas ähn­li­ches ist wie ein Auto (isch abe gar keins) für mich: Es ist prak­tisch, aber wie es funk­tio­niert und was damit noch mög­lich wäre, ist irgend­wie egal. Für die­se Men­schen ist Goog­le „das Inter­net“, und sie nut­zen es, um mit Freun­den zu kom­mu­ni­zie­ren, für die Uni zu recher­chie­ren und bil­li­ge Flug­rei­sen zu buchen. Eine Zen­sur von regie­rungs­kri­ti­schen Inter­net­sei­ten, wie sie immer wie­der an die Wand gemalt wird, hät­te für die­se Gele­gen­heits-User ver­mut­lich die glei­che Bedeu­tung wie ein Tem­po­li­mit für mich: Es wäre ihnen egal.

Selbst wenn wir eine Mil­li­on wären: Wir stün­den immer noch mehr als 80 Mil­lio­nen Men­schen gegen­über. Zwar ist Mas­se in den sel­tens­ten Fäl­len ein Beleg für die Rich­tig­keit von Ideen, aber über deren wah­re Bedeu­tung ent­schei­det immer noch der Ver­lauf der Geschich­te. Und so wird die Zukunft zei­gen, ob das Inter­net mit all sei­nen Chan­cen und Gefah­ren, mit all dem Tol­len und Abscheu­li­chen (das ich ja immer schon nur für eine digi­ta­le Abbil­dung der Lebens­wirk­lich­keit gehal­ten habe), wirk­lich in eine Rei­he mit den gro­ßen Errun­gen­schaf­ten der Mensch­heit (Feu­er, Rad, geschnit­ten Brot) gehört, oder ob es „nur“ ein sehr, sehr gutes Werk- und Spiel­zeug war.

Mich beschlei­chen immer wie­der Zwei­fel, ob das World Wide Web wirk­lich das gro­ße Demo­kra­tie-Instru­ment ist, als das es gefei­ert wird. Ich glau­be schon, dass da ein enor­mes Poten­ti­al vor­han­den ist, aber noch weiß kaum jemand davon. Die Deut­schen schimp­fen einer­seits seit Erfin­dung ihres Lan­des auf „die da oben“, sind aber ande­rer­seits in besorg­nis­er­re­gend hoher Zahl mit der „Arbeit“ von Ange­la Mer­kel zufrie­den. Die­sen Men­schen die Chan­ce auf Mit­be­stim­mung zu geben käme ver­mut­lich ähn­lich gut an, wie wenn man ihren Flie­sen­tisch zer­schlü­ge und ihnen „Du bist frei von den Fes­seln des Klein­bür­ger­tums!“ ent­ge­gen rie­fe.

PS: Per­sön­lich ent­täuscht bin ich von Ursu­la von der Ley­en, die ich bis­her immer für eine kom­pe­ten­te und erfri­schend pro­gres­si­ve Fami­li­en­mi­nis­te­rin gehal­ten habe. Ich weiß nicht, ob sie ein­fach schlech­te Bera­ter hat, oder ob ihr die Ber­li­ner Luft nicht bekommt. Aber letz­te­res wäre durch­aus ver­ständ­lich.

Kategorien
Digital Gesellschaft

Die zwei Bedeutungen von „Erinnerung“

Wenn man sich tag­ein, tag­aus mit den klei­nen und gro­ßen Feh­lern von Medi­en beschäf­tigt, sieht man irgend­wann über­all Merk­wür­dig­kei­ten. Ich bin mir daher nicht sicher, ob ich nur über­sen­si­bi­li­siert bin, oder ob der fol­gen­de Absatz tat­säch­lich ein biss­chen gaga ist:

Car­la June Hoch­hal­ter, 48, nahm sich am 22. Okto­ber 1999 das Leben. Das Datum ihres Selbst­mords war kein Zufall. Fast genau sechs Mona­te zuvor war ihre Toch­ter Anne Marie bei dem Mas­sa­ker in der Colum­bi­ne High School so schwer ver­letzt wor­den, dass sie seit­her an den Roll­stuhl gefes­selt war.

„kein Zufall“ und „fast genau“ in zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Sät­zen?!

Das Gute ist: Wir müs­sen uns gar nicht mit die­sen zwei Sät­zen auf­hal­ten, wenn es um den Arti­kel geht, den Marc Pitz­ke für „eines­ta­ges“ geschrie­ben hat, das Zeit­ge­schichts­por­tal von „Spie­gel Online“. Es gibt viel span­nen­de­re Fra­gen.

Der zehn­te Jah­res­tag von Colum­bi­ne, wie die Tra­gö­die hier nur heißt, dürf­te vie­le der alten Wun­den neu auf­rei­ßen.

schreibt Pitz­ke. Und wer sich das nicht vor­stel­len kann, wie sich das Auf­rei­ßen alter Wun­den unge­fähr vor­stellt, der kann zwei Absät­ze in die­sem Absatz auf einen Link kli­cken:

News-Mode­ra­to­ren waren sprach­los ange­sichts der Sze­nen des Grau­ens, wie etwa die Bil­der von Patrick Ire­land, 17, der sich, blut­über­strömt, in den Kopf getrof­fen und halb gelähmt, aus dem zer­schos­se­nen Fens­ter der Cafe­te­ria im ers­ten Ober­ge­schoss in die Arme des Son­der­ein­satz­kom­man­dos der Poli­zei stürz­te. „Ein Alp­traum“, erin­ner­te sich Pau­li­ne Rive­ra vom loka­len TV-Sen­der KMGH spä­ter. Sie nann­te es den Tag, „als die Unschuld starb“.

Der Link führt zu einem Video, in dem sich Patrick Ire­land, 17, blut­über­strömt, in den Kopf getrof­fen und halb gelähmt, aus dem zer­schos­se­nen Fens­ter der Cafe­te­ria im ers­ten Ober­ge­schoss in die Arme des Son­der­ein­satz­kom­man­dos der Poli­zei stürzt. Und wenn der Link mit den Wor­ten „bloo­dy as hell“ anmo­de­riert wor­den wäre, sie hät­ten nicht zu viel ver­spro­chen.

Ein paar Absät­ze spä­ter kann man sich anhö­ren, wie das klingt, wenn am ande­ren Ende einer Tele­fon­lei­tung Men­schen hin­ge­rich­tet wer­den:

Allein [in der Biblio­thek] kamen zehn Schü­ler um, zwölf wur­den ver­letzt. Die­ses Mor­de wur­den live über Tele­fon mit­an­ge­hört: Leh­re­rin Pat­ti Niel­son hat­te den Not­ruf gewählt, die Tele­fo­nis­tin hielt sie die gan­ze Zeit in der Lei­tung.

Ich habe den Autor Marc Pitz­ke vor zwei Tagen per E‑Mail gefragt, ob es sei­ne Idee war, die ver­stö­ren­den Doku­men­te zu ver­lin­ken, und ihn gefragt, ob sol­che Bild- und Ton­do­ku­men­te nicht even­tu­ell dazu bei­tra­gen könn­ten, alte Wun­den neu auf­zu­rei­ßen. Bis­her habe ich kei­ne Ant­wort erhal­ten.

Aber wie schon im letz­ten Jahr, als der 20. Jah­res­tag des Glad­be­cker Gei­sel­dra­mas anstand, fra­ge ich mich, ob die Pres­se auf alle his­to­ri­schen Quel­len zurück­grei­fen soll­te, die ihr zur Ver­fü­gung ste­hen. Klar: Wir haben alle ein paar Dut­zend Mal gese­hen, wie „Hin­den­burg“ und „Chal­len­ger“ explo­dier­ten, wie John F. Ken­ne­dy in den Kopf geschos­sen wur­de und die Bil­der von den Flug­zeu­gen, die ins World Trade Cen­ter kra­chen, sind welt­weit öfter über die Bild­schir­me geflim­mert als die Vide­os zu „Thril­ler“, „Smells Like Teen Spi­rit“ und „Baby One More Time“ zusam­men. (Die Bil­der aller­dings, auf denen die ver­zwei­fel­ten Men­schen aus den bren­nen­den Tür­men in den siche­ren Tod sprin­gen, sind für ame­ri­ka­ni­sche Medi­en weit­ge­hend tabu.) Aber hel­fen mir die­se Bil­der als Zuschau­er wei­ter?

Ich weiß die Ant­wort auf die­se Fra­gen wirk­lich nicht. Ich hat­te die Idee, dass es viel­leicht einen Unter­schied macht, wie vie­le Opfer es gab und in wel­cher Form die Täter auf­ge­tre­ten sind. Aber nach län­ge­rem Nach­den­ken war mir auch nicht mehr klar, war­um es da Unter­schie­de geben soll­te. Dann fie­len mir wie­der die Begrif­fe „Auf­klä­rung“ und „Nach­ah­mung“ ein: Wäh­rend uns die Bil­der aus den frisch befrei­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern dar­an erin­nern sol­len, dass so etwas nie wie­der pas­sie­ren darf, und die Chan­cen eher gering sind, dass mor­gen ein durch­ge­knall­ter Schü­ler anfängt, sei­ne eige­nen Gas­kam­mern zu mau­ern, sieht es bei school shoo­tings, die in der Regel von Ein­zel­tä­tern began­gen wer­den, genau anders­her­um aus: Wir kön­nen fast nichts dage­gen unter­neh­men, dass sie sich nicht wie­der­ho­len (außer die Waf­fen­ge­set­ze zu ver­schär­fen, uns mehr um gesell­schaft­li­che Außen­sei­ter zu küm­mern und unse­re Schu­len zu sozia­le­ren Orten machen), aber jede Wie­der­ho­lung der Bil­der kann als Inspi­ra­ti­on für Nach­ah­mer die­nen.

Pitz­kes Text ist wirk­lich nicht schlecht, er beschreibt in ein­zel­nen Moment­auf­nah­men, wie die Opfer und ihre Ange­hö­ri­gen mit den Fol­gen des Amok­laufs in Litt­le­ton umgin­gen und wie die­ser die gan­ze Gemein­schaft belas­te­te, sowie die Hilf­lo­sig­keit bei der Suche nach einem Tat­mo­tiv. Und den­noch wer­den den Lesern auch die Namen der Täter wie­der ins Gedächt­nis geru­fen – für den Fall, dass sie die­se ver­ges­sen haben soll­ten. Am 26. April wird man wie­der den Namen des Erfur­ter Amok­läu­fers lesen kön­nen und nächs­tes, über­nächs­tes Jahr am 11. März den des Mas­sen­mör­ders aus Win­nen­den. Und das wirft für mich die Fra­ge auf: Kann man sich auch an die Opfer eines Ver­bre­chens erin­nern, ohne an das grau­sa­me Ver­bre­chen selbst und – vor allem – an die Täter zu erin­nern?

Der „Spie­gel“ selbst hat mit sei­nem Titel­bild, das den Amok­läu­fer zeigt, dazu bei­getra­gen, ein mor­bi­des Denk­mal zu errich­ten. So ent­steht jene post­hu­me, media­le Unsterb­lich­keit, die für jun­ge Men­schen, die das Gefühl haben, sie hät­ten eh nichts mehr zu ver­lie­ren, ein Anreiz sein kann, den extre­men letz­ten Schritt zu gehen.

Nun kommt natür­lich gleich die Fra­ge auf, ob es irgend­et­was ändert, die Namen der Täter zu ver­schwei­gen. Der Psy­cho­lo­ge und Kri­mi­no­lo­ge Park Dietz fin­det, man sol­le sie nicht ins Zen­trum der Bericht­erstat­tung stel­len, und ich wür­de mir wün­schen, die Medi­en wür­den auf ihn hören. Denn ändert es etwas, ob wir den Namen des Täters, sein Gesicht und sein Lieb­lings­es­sen ken­nen? Gewiss: Es mag für die Bewer­tung der Tat einen gewis­sen Unter­schied machen, ob es sich um einen gemobb­ten Außen­sei­ter oder um einen sozi­al inte­grier­ten psy­chisch Kran­ken gehan­delt hat. Ande­rer­seits: Er ist in der Regel tot, sei­ne Opfer sowie­so, und zur Früh­erken­nung von Amok­läu­fern haben die diver­sen Erkennt­nis­se, die wir in den letz­ten zehn Jah­ren über ihre Pri­vat­le­ben erlangt haben, auch nicht bei­getra­gen.

Zuletzt sehe ich einen guten Grund, zumin­dest den Nach­na­men von Tätern zu ver­schwei­gen: die Ange­hö­ri­gen. Ich habe gera­de „In sei­ner frü­hen Kind­heit ein Gar­ten“ von Chris­toph Hein gele­sen, ein sehr emp­feh­lens­wer­tes Buch über ein Eltern­paar, deren Sohn als Ter­ror­ver­däch­ti­ger gilt und bei der ver­such­ten Ver­haf­tung erschos­sen wird. Neben dem Schmerz über den Tod des Kin­des kommt die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit hin­zu, die Last, die plötz­lich auf dem Nach­na­men liegt.

Als Timo­thy McV­eigh hin­ge­rich­tet wur­de, der beim Bom­ben­an­schlag von Okla­ho­ma City 168 Men­schen getö­tet hat­te, ver­öf­fent­lich­te die „Chi­ca­go Tri­bu­ne“ eine Lis­te mit den Namen aller Opfer und erzähl­te ein biss­chen was über sie. Chuck Klos­ter­man schrieb dazu, dass man außer­halb des eige­nen Freun­des­krei­ses jeden Men­schen mit einem Satz zusam­men­fas­sen kön­ne, und dass die­ser Umstand Men­schen dazu moti­vie­re, Kin­der zu krie­gen, weil man dann wenigs­tens greif­ba­re Spu­ren hin­ter­las­sen habe. Das gehe aber nicht immer gut:

Which is why the most depres­sing thing about the Okla­ho­ma City bom­bings is that there’s now an inno­cent woman who­se one-sen­tence news­pa­per bio will fore­ver be, „She was Timo­thy McVeigh’s mother.“

Kategorien
Rundfunk Gesellschaft

Vom Fernsehen und der Wirklichkeit

Ges­tern Abend habe ich die drit­te Staf­fel mei­ner neu­en Lieb­lings­se­rie „Skins“ auf DVD zu Ende geguckt (die übri­gens wie­der sehr gut ist). Anschlie­ßend hing ich der nicht gera­de neu­en Fra­ge nach, was eigent­lich eine Fern­seh­se­rie – und sei sie noch so rea­lis­tisch – von der Wirk­lich­keit unter­schei­det.

Ein Schlüs­sel liegt in den Staf­feln, in denen Seri­en aus­ge­strahlt wer­den, und vor allem an deren Fina­len: Lose Enden wer­den zusam­men­ge­fügt, lan­ge auf­ge­stau­te Kon­flik­te end­lich gelöst und am Ende schip­pern die Haupt­fi­gu­ren in den Son­nen­un­ter­gang. 1 Pünkt­lich zum Beginn der neu­en Staf­fel gibt es dann neue Kon­flik­te.

Die Wirk­lich­keit kennt natür­lich so etwas ähn­li­ches: Jedes Jahr endet mit einem Weih­nachts­fest, auf das ab dem begin­nen­den Herbst alles hin­steu­ert, und das immer wie­der dafür her­hal­ten muss, einem ansons­ten hin- und her­schlin­gern­den Jahr einen wür­di­gen Abschluss zu geben. 2 Schul­jah­re enden auch mit gro­ßen Ereig­nis­sen und gehen danach in eine Aus­zeit, die wir Feri­en nen­nen. 3 An die letz­ten Jah­re an mei­nem Gym­na­si­um kann ich mich wegen der kla­ren zeit­li­chen Struk­tur bes­tens erin­nern, wäh­rend ich bei man­chen Ereig­nis­sen in mei­ner Stu­di­en­zeit nicht mal weiß, in wel­chem Jahr sie eigent­lich statt­ge­fun­den haben.

Und den­noch: Wir kön­nen uns die Wirk­lich­keit durch Zeit­zy­klen zu struk­tu­rie­ren ver­su­chen, aber sie fin­det doch unab­hän­gig von der­ar­ti­gen Dra­ma­tur­gien statt. Die Welt dreht sich wei­ter, egal ob jemand stirbt und jemand anders nicht über die­sen Ver­lust hin­weg kommt, egal ob jemand um sich schießt oder ein Haus ein­stürzt, 4 egal ob man sich trennt oder zusam­men­kommt. 5

Es ist die­ses Immer-wei­ter-Gehen, das das Leben von sei­nen media­len Abbil­dun­gen unter­schei­det. Dai­ly Soaps sind – for­mal betrach­tet – daher sehr viel rea­lis­ti­scher als abge­schlos­se­ne Fil­me, weil immer wie­der neue Men­schen hin­zu­kom­men, die vom Schick­sal dahin­ge­rafft wer­den kön­nen. 6

Über­haupt, der Rea­lis­mus: Da belä­chelt man die Fami­lie Bei­mer, weil sich die Eltern schei­den las­sen, der eine Sohn zwi­schen­durch Nazi wird und dann eine komi­sche Frau hei­ra­tet, wäh­rend der ande­re auf dem Weg zur neu­en Hoch­zeit sei­ner Mut­ter ums Leben kommt (und das alles innert 20 Jah­ren und mehr) – aber es bedarf nur eines Tele­fo­nats mit der eige­nen Mut­ter, um Geschich­ten aus sei­ner Hei­mat­stadt zu hören, die so absurd und unrea­lis­tisch erschei­nen, dass man einen Autoren geschla­gen hät­te, wenn er damit ange­kom­men wäre.

Wirk­lich­keits­nä­he ist ja sowie­so kein Wert an sich, sonst bräuch­te man ja gar nichts ande­res mehr als ein paar doo­fe Rea­li­ty­shows und die Schil­de­run­gen der Nach­ba­rin aus dem ers­ten Stock. „Skins“ ist ja bei­spiels­wei­se so gut, weil das, was Mil­lio­nen Jugend­li­che jeden Tag erle­ben, sor­tiert, künst­le­risch über­höht und dann von und mit kom­pe­ten­ten Leu­ten gut umge­setzt wur­de. Die Geschich­te eines alten Man­nes, der unbe­dingt einen Fisch fan­gen will, wird ja auch erst span­nend, wenn man sie ordent­lich erzäh­len kann.

  1. Ich sag nur: drit­te Staf­fel „Dawson’s Creek“![]
  2. Und bestehe der nur aus Geschen­ken und Ver­wand­ten­be­su­chen.[]
  3. Des­halb haben Jugend­se­ri­en eine dank­ba­re­re und fast immer bes­se­re Dra­ma­tur­gie als Seri­en mit Erwach­se­nen als Haupt­per­so­nen. „Emer­gen­cy Room“ hat sogar mal das Kunst­stück voll­bracht, zum Beginn einer neu­en Staf­fel direkt an den Cliff­han­ger der vor­her­ge­hen­den Fol­ge anzu­schlie­ßen, wäh­rend in der Rah­men­hand­lung meh­re­re Mona­te ver­gan­gen sind.[]
  4. Wenn ich mich recht ent­sin­ne wie­der­um „Emer­gen­cy Room“, nicht Deutsch­land im März 2009.[]
  5. Eine Bezie­hung ist übri­gens das, was anfängt, wenn im Kino der Abspann läuft oder man das Buch zuschlägt, nach­dem sich die bei­den Lie­ben­den end­lich gefun­den haben.[]
  6. Der Regis­seur Niko von Gla­sow hat mir mal erzählt, Dai­ly Soaps sei­en „gute Geschich­ten, nur schei­ße gemacht.“[]
Kategorien
Leben Gesellschaft

Homegrown Terror

Vor­hin hat­te ich noch zwei Absät­ze über mei­ne Schu­le und die Fol­ge von Amok­läu­fen geschrie­ben.

Was ich nicht ahnen konn­te: Zu die­sem Zeit­punkt war das Theo­dor-Heuss-Gym­na­si­um in Dins­la­ken in hel­ler Auf­re­gung. Im Inter­net (aha!) hat­te jemand mit einem Amok­lauf gedroht – „Wahr­schein­lich ein Nach­ah­mungs­tä­ter“, wie die „Rhei­ni­sche Post“ berich­tet.

Wäh­rend sich bei derwesten.de Kom­men­ta­re besorg­ter Eltern sam­meln, habe ich mei­nen Bru­der Jus­tus, der in die­sem Jahr am THG sein Abitur macht, gebe­ten, mir sei­ne Ein­drü­cke vom Vor­mit­tag zu schil­dern:

Als ich heut mor­gen zur Schu­le lief, war ich spät dran. Von weit weg habe ich zwei Poli­zei­au­tos gese­hen. Erst dach­te ich, die Poli­zei wür­de wie­der armen Schü­lern Geld für das Fah­ren auf der fal­schen Stra­ßen­sei­te abneh­men, aber als ich dann noch 2 Mann­schafts­wa­gen sah dach­te ich mir, es muss was grö­ße­res sein.

Die ers­ten bei­den Stun­den ver­lie­fen nor­mal, nach der 1. gro­ßen Pau­se blie­ben jedoch alle Schü­ler auf dem Schul­hof, da fiel erst auf, dass sich kein Leh­rer auf dem Schul­hof befand. Die­se haben in der Zwi­schen­zeit, im Leh­rer­zim­mer ein­ge­schlos­sen, einen Crash­kurs in Sachen Amok­ver­hal­ten bekom­men. In der Situa­ti­on hat man sich gefragt: „Wenn alle Leh­rer und Poli­zis­ten im Leh­rer­zim­mer sind, wer passt dann hier auf, falls wirk­lich einer Amok lau­fen soll­te?“

Eine hal­be Stun­de spä­ter ging der Unter­richt wei­ter und unser Leh­rer hat uns mit­ge­teilt, dass in einem Chat im Inter­net ein Schü­ler des THGs eine Amok­war­nung geschrie­ben hat. Als Vor­sichts­maß­nah­me sol­len die Türen abge­schlos­sen wer­den und bei einem bestimm­ten Code­wort durch die Laut­spre­cher soll­ten Tische umge­wor­fen wer­den und die Schü­ler sich flach auf den Boden legen.

In der Frei­stun­de danach wur­de bekannt, dass der User­na­me irgend­was mit Mar­cus wäre und jeder Mar­cus der Schu­le ver­hört wur­de. Bei man­chen soll die Poli­zei sogar zuhau­se gewe­sen sein. Als ich mit einem Freund den Schul­hof ver­las­sen woll­te, wur­de uns mit­ge­teilt, dass wir beim Wie­der­be­tre­ten des Schul­hofs unse­ren Aus­weis vor­zei­gen müs­sen. All­ge­mei­ner Unter­richts­schluss war um 13.15 Uhr, damit die Poli­zis­ten Fei­er­abend machen kön­nen. Nächs­ten Mon­tag und Diens­tag soll die Schu­le eben­falls über­wacht wer­den.

Alles in allem waren 2 Motor­rad­po­li­zis­ten im Stadt­park, 2 Mann­schafts­wa­gen, 4 Strei­fen­wa­gen und auch noch ein Zivil­fahr­zeug rund ums Schul­ge­län­de posi­tio­niert.

Wir hat­ten nicht wirk­lich Angst. Eher kamen Scher­ze von allen Sei­ten zu den Mar­kusen unse­rer Schu­le. Kei­ner ist wirk­lich davon aus­ge­gan­gen das was pas­sie­ren wür­de, bis auf ein paar jun­ge Leh­re­rin­nen.