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Septemberkinder

Eine Jury in New Jersey hat gestern den 20-jährigen Dharun Ravi für schuldig befunden, ein hate crime an seinem Mitbewohner Tyler Clementi begangen zu haben. “Spiegel Online” beschreibt die Ausgangslage so:

Es war der 19. September, an dem Clementi laut Zeugenaussagen Ravi bat, den gemeinsamen Raum zu verlassen, er wolle einen Gast empfangen. Ravi twitterte: “Mitbewohner wollte den Raum bis Mitternacht haben. Ich bin in Mollys (eine Freundin, Anm. d. Redaktion) Zimmer gegangen und habe meine Webcam angeschaltet. Ich habe gesehen, wie er mit einem Kerl rummachte. Juhu.”

So fing es an. Am Ende war Clementi tot.

Die “New York Times” führt weiter aus:

The case was a rare one in which almost none of the facts were in dispute. Mr. Ravi’s lawyers agreed that he had set up a webcam on his computer, and had then gone into a friend’s room and viewed Mr. Clementi kissing a man he met a few weeks earlier on a Web site for gay men. He sent Twitter and text messages urging others to watch when Mr. Clementi invited the man again two nights later, then deleted messages after Mr. Clementi killed himself.

That account had been established by a long trail of electronic evidence — from Twitter feeds and cellphone records, dormitory surveillance cameras, dining hall swipe cards and a “net flow” analysis showing when and how computers in the dormitory connected.

Die digitalen Beweise waren dann wohl auch ausschlaggebend für die sehr differenzierten Entscheidungen der Jury.

Ravis Anwälte hatten argumentiert, ihr Mandant sei “ein Kind”, das wenig Erfahrung mit Homosexualität habe und in eine Situation geraten sei, die ihn geängstigt habe. In entschuldigenden SMS-Nachrichten an Clementi habe Ravi geschrieben, dass er keine Probleme mit Homosexualität habe und sogar einen engen Freund habe, der schwul sei.

Die “New York Times” notiert:

(At almost the exact moment he sent the apology, Mr. Clementi, 18, committed suicide after posting on Facebook, “jumping off the gw bridge sorry”).

* * *

Der Selbstmord von Tyler Clementi war einer von mehreren im Spätsommer/Herbst 2010. Mindestens neun Schüler und Studenten zwischen 13 und 19 Jahren glaubten, keinen anderen Ausweg mehr zu haben, als ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil sie Opfer von Diskriminierungen und Angriffen wurden, nur weil sie schwul waren oder man sie dafür hielt.

Als Reaktion auf diese Selbstmorde wurde das sehr bewegende Projekt “It gets better” ins Leben berufen, bei der Prominente und Nichtprominente, Künstler und Politiker, TV-Moderatoren und Polizisten homosexuellen Jugendlichen – ach, eigentlich allen Jugendlichen – Mut machten, dass ihr Leben besser werde.

Stefan Niggemeier hat damals geschrieben:

Dem Projekt ist vorgeworfen worden, gefährlich unterambitioniert zu sein, weil es nicht auf die Beseitigung der Ursachen von Diskriminierung zielt, sondern bloß ihre Opfer zum Überleben auffordert. Diese Kritik ist nachvollziehbar, aber sie trifft nicht. Zum einen hat Dan Savage recht, wenn er sagt, dass es zunächst einmal darum geht, akut bedrohten Jugendlichen unmittelbar Hoffnung zu geben und auf Ansprechpartner hinzuweisen. Zum anderen belassen es die Mitwirkenden keineswegs immer bei dem Versprechen, dass es nach der Schule, nach der Pubertät, überhaupt in Zukunft schon besser werden wird. Viele greifen, wie Ellen, den Skandal an, dass die Diskriminierung immer noch zugelassen wird. Dass es ein Klima der Intoleranz gibt, das die Verhöhnung von Schwulen zulässt und fördert.

* * *

Die Chicagoer Band Rise Against hat einen Song über die “September’s Children” geschrieben, mit dem die Musiker auch “It gets better” unterstützen wollen, und Sie sollten sich das Video unbedingt in voller Länge ansehen:

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Rise Against – Make It Stop (September’s Children) from LGBTQI Georgia on Vimeo.

Die Namen, die Frontmann Tim McIlrath nennt, sind neben Tyler Clementi die von Billy Lucas, Harrison Chase Brown, Cody J. Barker und Seth Walsh.

Jedes Mal, wenn ich dieses Video sehe, denke ich vor der Marke von 3:05 Minuten: “Das können die nicht wirklich so zeigen”, und dann kommt dieser Bruch und ich habe jedes verdammte Mal wieder Gänsehaut und bin gerührt, aufgewühlt und völlig fertig. So ein Video hätte verdammt schief gehen können, aber ich finde, es ist der Band und ihrem Regisseur Marc Klasfeld erstaunlich gut gelungen.

* * *

Im Text heißt es “What God would damn a heart? / And what God drove us apart? / What God could / Make it stop / Let this end”, und Religion rückt in den USA auch nach Dharun Ravis Schuldspruch in den Fokus.

Brent Childres schreibt im Religions-Blog der “Washington Post”:

There are many more Tyler Clementi tragedies waiting to unfold if we continue to close our minds to the harm caused by religious teaching’s bias and intimidation toward gay. lesbian bisexual and transgender individuals, especially youth and families.

The story of Tyler Clementi’s death has been one of the most publicized teen suicides in recent memory. Unfortunately, a review of media interviews and print news articles over the last 18 months produces only a few hints to the role religious teaching may have played in Clementi’s emotional and psychological distress.

Es ist für Europäer kaum zu verstehen, was für christliche Splittergruppen diese Evangelikalen, Methodisten, Presbyterianer und Lutheraner eigentlich sind, aber ihre Haltung zur Homosexualität lässt die meisten deutschen Kardinäle wie liberale Aktivisten aussehen. Und, was noch viel schlimmer ist, diese Gruppierungen werden von ihren Mitgliedern ernst genommen:

Grace Church of Ridgewood, New Jersey, is the church that Tyler Clementi attended with his family. It was not an affirming and welcoming place for a young person processing a same-sex sexual orientation, according to some pastors in that community. The church is a member of the Willow Creek Association, a group of churches headed by Bill Hybels, who as recently as last year said that God designed sexual intimacy to be between a man and a woman in marriage and anything outside of that is sexual impurity in God’s eyes. The gay youth hears in those words that they are dirty, unclean and something for which they should be ashamed. […]

In an October 2010 article posted on a church blog at St. Stephen Church, [Rev. Clarke] Olson-Smith wrote “In the congregation Tyler grew up in and his parents still belong to, there was no question. To be gay was to be cut off from God.”

Nach dem Schuldspruch gab der Fernsehprediger Bill Keller dem CNN-Moderator Anderson Cooper, Rachel Maddow von CNBC, der Moderatorin Ellen DeGeneres, den Medien und den “feigen Priestern” die Schuld am Tod von Tyler Clementi:

Suicide is a desperate and selfish act that is ultimately the sole responsibility of the person who made the choice to end their life. Everyone who commits suicide has reasons that led them to make such a horrible decision. The fact is, suicide is exponentially higher amongst those who choose the homosexual lifestyle, and while those in the media want to blame people like myself who take a Biblical stand on this issue, the fact is, they are the ones most responsible!

So einfach kann man sich das machen: Nicht die Atmosphäre voll Hass und Ablehnung ist schuld, in der junge Homosexuelle aufwachsen müssen, natürlich sowieso nicht diejenigen, die sich auf die Bibel berufen, sondern die, die sagen, dass es völlig okay sei, Menschen des selben Geschlecht zu lieben!

Ich habe die Hoffnung, dass Hassprediger wie Keller dereinst mit einem “Sorry, Du hast da was wahnsinnig missverstanden” an der Himmelspforte abgewiesen werden.

* * *

Kinder und Jugendliche waren immer schon grausam zueinander, aber die heutigen technischen Möglichkeiten bieten denen, die sich über andere erheben wollen, ganz neue Verbreitungswege und viel größere Zielgruppen — und letztlich ahmen die Jungen vor allem nach, was ihnen die Alten in der Gesellschaft vorleben. Es gibt unterschiedliche Meinungen, ob es eine gute Idee war, Ravi eines hate crimes für schuldig zu befinden, also einer aus Vorurteilen begangenen Straftat, oder ob sich die Jury nicht auf die anderen Anklagepunkte hätte beschränken sollen.

Der Jura-Professor Paul Butler schreibt bei CNN.com:

Ravi did not invent homophobia, but he is being scapegoated for it. Bias against gay people is, sadly, embedded in American culture. Until last year people were being kicked out of the military because they were homosexuals. None of the four leading presidential candidates — President Obama, Mitt Romney, Rick Santorum, Newt Gingrich — thinks that gay people should be allowed to get married. A better way to honor the life of Clementi would be for everyone to get off their high horse about a 20-year-old kid and instead think about how we can promote civil rights in our own lives.

Though a national conversation about civility and respect would have been better, as usual for social problems, we looked to the criminal justice system. The United States incarcerates more of its citizens than any country in the world. We are an extraordinarily punitive people.

Clementi died for America’s sins. And now, Ravi faces years in prison for the same reason.

* * *

Nach dem Schuldspruch wandte sich Tyler Clementis Vater Joe mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit:

To our college, high school and even middle-school youngsters, I would say this: You’re going to meet a lot of people in your lifetime. Some of these people you may not like. But just because you don’t like them, does not mean you have to work against them. When you see somebody doing something wrong, tell them, “That’s not right. Stop it.”

You can make the world a better place. The change you want to see in the world begins with you.

Es könnte besser werden. Es muss!

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Politik Gesellschaft

Dialektik der Nicht-Aufklärung

Waschen Sie sich den rechten Arm, pieksen Sie kleine Reichskriegsfähnchen in den Käse und hängen Sie die Hakenkreuzgirlande auf: Wir haben einen neuen Nazi-Vergleich!

Die katholischen Traditionalisten der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat sich im Vorfeld des Stuttgarter Christopher Street Days zu einer bemerkenswerten Aussage hinreißen lassen, wie “Spiegel Online” berichtet:

“Wie stolz sind wir, wenn wir in einem Geschichtsbuch lesen, dass es im Dritten Reich mutige Katholiken gab, die sagten: ‘Wir machen diesen Wahnsinn nicht mit!’. Ebenso muss es heute wieder mutige Katholiken geben!” heißt es in dem Text. Die Bruderschaft stellt den CSD als “eine Menge von sich wild und obszön gebärdenden Menschen” dar, die durch die Straßen Stuttgarts ziehen und suggerieren wollten, “Homosexualität ist das Normalste der Welt”.

Dieser Vergleich ist in zweierlei Hinsicht beeindruckend: Erstens war der Widerstand der Katholiken im Dritten Reich, vorsichtig gesagt, nicht sonderlich erfolgreich. Es dürfte also feststehen, dass nur noch eine Allianz aus den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion Deutschland von der Homosexualität befreien könnte. Und zweitens war der Nationalsozialismus laut Piusbruderschaft ja gar nicht so schlimm.

Hier berufen sich also Leute stolz auf den erfolglosen Widerstand gegen ein – ihrer Meinung nach – nur mittelmäßiges Verbrechen. Normale menschliche Gehirne wären wegen Überhitzung längst auf Not-Aus gegangen.

Auch “Bild” berichtet über die “Kampfansage” der Piusbrüder — natürlich nicht, ohne vorher noch ein bisschen Papst-Klitterung zu betreiben:

Nachdem Anfang des Jahres Pius-Bischof Williamsons den Holocaust leugnete und daraus ein Streit zwischen Pius-Bruderschaft und Vatikan entbrannte, folgt nun der nächste Hammer.

(Für die Jüngeren: Führende Piusbrüder hatten den Holocaust schon öfter geleugnet. Die öffentliche Diskussion entzündete sich daran, dass Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier Bischöfen der Bruderschaft aufgehoben hatte.)

Jetzt schießt kreuz.net, das inoffizielle Zentralorgan der Piusbruderschaft, zurück und beginnt seine Hasstirade völlig unverblümt:

Spätestens jetzt wird die Einrichtung von Gaskammern unvermeidlich – dieses Mal nicht für die von den Deutschen getöteten religiösen Juden, welche die Homo-Perversion genauso verabscheuten wie es heute die Altgläubigen tun.

Immer wieder überraschend, wie viele Haken so ein Kreuz schlagen kann.

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Gesellschaft

Grand Prix 2010: Es kann nur besser werden

Moskau, Grand-Prix-Ausrichter 2009:

Screenshot: tagesschau.de

Oslo, Grand-Prix-Ausrichter 2010:

Gay Kids
(Irgendwo aufgenommen während des Oslo-Trips im Februar.)

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Rundfunk Musik

Grand-Prix-Liveblog 2009

Eurovision-Begleitessen

Ich fühle mich ein bisschen wie die alte Frau, für die ich beim Zivildienst immer einkaufen musste: Viel zu viel Essen da, aber es könnte ja immer überraschend jemand vorbeikommen. (Die alte Frau hatte allerdings mehr und härteren Alkohol zuhause als ich.)

Aber es soll ja ein längerer Abend werden:

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Politik Leben

Here In Pleasantville

In Dinslaken weiß man zu Feiern.

Aus verschiedenen beruflichen und privaten Gründen war ich gezwungen, die letzte Woche in Dinslaken zu verbringen. Es war nicht so schlimm, dass man den Spruch mit dem ärgsten Feind hätte auspacken müsste, ((Ich wüsste so spontan auch nicht, wer das sein sollte.)) aber es war schon … außergewöhnlich.

Da war zum Einen jene Geschichte, die über fast die ganze Zeit die Lokalpresse füllte: Heinrich Mühmert, Autohändler, Ringrichter und seit Jahrzehnten Ratsmitglied für verschiedenste Parteien und Splittergruppen, hatte in seiner Haushaltsrede vor dem Stadtrat einen Karnevalsprinzen aus dem Stadtteil Eppinghoven als “schwulen Wicht” bezeichnet. ((Fragen Sie mich um Himmels willen nicht, wie man es rhetorisch schafft, in einer Debatte über den Haushalt einen homosexuellen Karnevalsprinzen zu verunglimpfen. Es braucht vermutlich jahrzehntelange Erfahrung, Ex-Mitgliedschaften bei FDP und Schill-Partei und jede Menge aufgestaute Homophobie, um das auf die Reihe zu kriegen.))

Ratsherren verließen aufgebracht den Saal, Mühmert erhielt einen Ordnungsruf, entschuldigte sich hinterher derart halbherzig, dass sich sein eigener Karnevalsverein ((Gemeint ist wirklich ein Karnevalsverein, nicht Mühmerts “Offensive Dinslaken”, die später in Teilen allerdings auch noch auf Abstand ging — da sehen Sie mal, was Lokalpolitik wirklich bedeutet!)) von ihm distanzierte. Mühmert ist übrigens einer von sechs Bürgermeisterkandidaten in Dinslaken, was unter Berücksichtigung des aktuellen Wahlrechts und der Wahlbeteiligung vom letzten Mal bedeuten könnte, dass er mit gut 4.800 gültigen Stimmen die Stadt regieren dürfte.

Doch auch fernab der … äh: “Politik” ließ mich die Stadt, in der ich 20 Jahre meines Lebens verbracht hatte, ((Was man nun wirklich niemandem wünschen kann.)) nachdenklich zurück: Da waren die schon erwähnten Türsteher der “Kulturkantine”, die zwar 26-jährige Frauen nicht erkannten, aber – so berichtete man mir zumindest glaubhaft hinterher – Minderjährige in die Disco ließen. ((Besonders lustig ist übrigens, dass offenbar auch Bandmitglieder der Kilians, die an jenem Abend gleichsam Gastgeber waren, Probleme am Einlass hatten.)) Da war die Kassiererin des Innenstadt-Supermarkts, die mich beim Kauf eines Kastens Bier um Vorlage meines Ausweises bat — wohl weil ich auch mit 25 noch nicht wie 16 aussehe.

Man muss ihr zugute halten, dass an jenem Vormittag die Abiturienten ihre Zulassung feierten ((An die ich meinen Kasten schließlich auch verteilte.)) und es natürlich immer besser ist, einmal zu viel nachzufragen als einmal zuwenig. Die Frage, die sich aus beiden Erlebnissen ergibt, lautet natürlich dennoch ganz klar: Wie zum Henker sehen Teenager in Dinslaken eigentlich aus, dass man sie nicht von Menschen Mitte Zwanzig unterscheiden kann?!

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Kultur

Not looking for a new England

“Also, Shakespeare hatte auf alle Fälle ‘n paar krasse Probleme. Der war bestimmt schwul!”, diagnostizierte ein pickliger 16-Jähriger, der mit seiner ganzen Klasse zum Theaterbesuch genötigt worden war, beim Herausgehen. Was war geschehen?

Als Lehrer – gerade als einer, der sich für seine Schüler interessiert – ist es nicht die schlechteste Idee, mit ihnen eine Inszenierung von David Bösch zu besuchen. Der gerade 30-jährige Regisseur, dessen “Romeo und Julia” am Bochumer Schauspielhaus mir vor vier Jahren sehr gefallen hat, hat die Popkultur mit so großen Löffeln gefressen, dass auch die angestaubtesten Klassiker bei ihm zu einem bunten, lauten Reigen werden, der gerade die jüngeren Besucher anspricht.

Die allerdings werden bei seinem “Was Ihr wollt” auch nicht mehr so ganz mitgekommen sein, denn heutige Schüler erkennen weder ein Roy-Black-Medley noch die größten Hits des Jahres 1993, wenn sie ihnen vorgesungen werden. Für sie ist die Jugend ihrer älteren Geschwister (wenn überhaupt) ungefähr so weit weg wie Shakespeares Zeit selbst. Und somit stehen sie doch wieder weitgehend ungebrochen vor dem Werk des Schwans von Avon.

Und damit vor Viola und ihrem Zwillingsbruder Sebastian, die bei einem Schiffbruch getrennt werden. Viola wird in Illyrien angespült, wo der Herzog Orsino seit Jahren der Gräfin Olivia den Hof macht, die wiederum von ihrem Onkel Sir Toby mit dessen Saufkumpan Andrew verkuppelt werden soll und darüber hinaus von ihrem Haushofmeister Malvolio begehrt wird. Viola verkleidet sich mit Hilfe eines Narren als Mann und wird als Cesario Diener bei Orsino, woraufhin sich Olivia in Cesario (also Viola) verliebt.

Wenn man es so aufschreibt, klingt die Geschichte deutlich mehr nach einer Vorabendserie im deutschen Fernsehen als nach Shakespeare, und in der Tat wirkt es auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters auch so. Es ist ein unübersichtliches Wirrwarr, bei dem die einzelnen Charaktere am allerwenigsten wissen, was um sie herum passiert. Ob sie deshalb gleich wie Sir Toby und Andrew, die direkt der White-Trash-Hölle eines Hooliganblocks zu entstammen scheinen, betrunken herumkaspern müssen, ist eine gute Frage. Aber Konflikte scheinen im modernen Theater eh daraus zu bestehen, dass Menschen auf einer riesigen Bühne aneinander vorbeirennen.

David Bösch hat viele Details in seine Inszenierung eingebaut. Manche wirken durchdacht, andere nur aufgepfropft. Warum zum Beispiel singt das Dienstmädchen Maria an einer zentralen Stelle ausgerechnet “New England” (in dem es ja eben nicht um eine gesellschaftliche Utopie wie Illyrien, sondern “just” um das Finden einer neuen Liebe geht)? Wirklich nur, weil Karsten Riedel, seit längerem Böschs treuer Musikant am Bühnenrand, so ein großer Billy-Bragg-Fan ist? Auch der Umstand, dass Nicola Mastroberardino als Sir Andrew eins zu eins aussieht wie Matt Dillon in Cameron Crowes Kultkomödie “Singles”, kann eine Bedeutung haben. Aber welche?

“Was Ihr wollt” wirkt wie eine lose Ansammlung von Zitaten, bei der sich der Regisseur nicht so recht entscheiden konnte, was er damit eigentlich bezwecken wollte. Malvolio (Roland Riebeling) ist die groteske Karikatur einer tragischen Figur, die irgendwann nur noch nervt. Inmitten dieser ganzen Überzeichnungen sticht ausgerechnet die Hauptfigur Viola mit einer Unauffälligkeit hervor, die man Sarah Viktoria Frick angesichts der Über-Performance ihrer Kollegen hoch anrechnen muss.

Und so schlingert die Inszenierung an der Zielgruppe vorbei. Dass die Schüler den Kuss zweier Männer mit lautem Ekel kommentieren, während kurz zuvor der Kuss zweier Frauen geräuschlos über die Bühne ging, sagt vielleicht etwas über die jugendlichen Zuschauer aus, aber nichts über das Stück. Aus dem Kreise der Schüler kam dann auch das Todesurteil, dem man sich freilich nicht vollumfänglich anschließen muss: “Ich find das nicht komisch, da guck ich mir lieber Mario Barth an!”

“Was Ihr wollt” im Schauspiel Essen
Nächste Termine: 13. Februar, 21. März, 4. April

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Gesellschaft

Weihnachtsgrüße aus Rom

Überraschende Weihnachtsgrüße erreichen uns von der Römisch-Katholischen Kirche. ((Ich möchte hier nicht das Verhältnis zwischen mir und der katholischen Kirche thematisieren. Ich mag das pompöse ihrer Gottesdienste, ich mag den Petersplatz und ich weiß nur zu gut, welche riesigen Meinungsverschiedenheiten es zwischen Rom und den einzelnen Gemeinden vor Ort gibt. Meine Versuche, andere Religionen und Meinungen zu respektieren, scheitern eben regelmäßig am Papst.))

Benedikt XVI. hält an seinem Plan fest, zu jedem hohen Feiertage eine Bevölkerungsgruppe zu vergrätzen. Nach Juden und Muslimen hat er sich jetzt die Homosexuellen vorgenommen:

Der Papst sagte, die Menschheit müsse auf “die Sprache der Schöpfung” hören, um die von Gott vorgesehen Rollen von Mann und Frau zu verstehen. Er bezeichnete Verhältnisse jenseits von traditionellen heterosexuellen Beziehungen als “Zerstörung von Gottes Werk”.

Einen Höchstwert auf der Eva-Herman-Skala für verschrobene Gedankengänge sicherte sich der Papst dann mit diesem Satz:

“Die Regenwälder haben ein Recht auf unseren Schutz”, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters das Oberhaupt der katholischen Kirche weiter, ” Aber der Mensch als Kreatur hat nicht weniger verdient.“

Faszinierenderweise verhält es sich mit dem Papst da so ein bisschen wie mit Bushido: Ihn alleine kann man mit der nötigen Distanz noch ertragen, aber schlimm wird es, wenn seine Anhänger hinzukommen.

Stefan Niggemeier hat neulich in einem anderen Zusammenhang auf kreuz.net aufmerksam gemacht, ein “Nachrichtenportal”, das jeden aufgeklärten Menschen erst einmal staunen macht. Christlicher Extremismus ist auch im 21. Jahrhundert durchaus vorhanden — auch und gerade im Internet. Als kleine, einigermaßen wahllose Kostprobe sei nur dieser Artikel empfohlen, in dem es gleich um Schwulenhass, Journalistenbashing und einen Nazi-Vergleich geht.

Aber ich möchte mir meine dann doch halbwegs festliche Stimmung nicht von Hardcore-Exegeten der christlichen Heilslehre verderben lassen und schwenke deshalb lieber um zu schöner Musik. Die großartige Band Nizlopi hat ein Lied namens “Part Of Me” geschrieben.

In dem Text heißt es unter anderem:

And George Bush, Tony Blair, Eminem and Dr Dre
Putin, Sarcozy and Arnold Schwarzenegger by the way
Amy Winehouse, Margaret Thatcher and the Pope would have to say
If they were all quite honest
That part of them is gay

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[via queer.de]

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Sport Gesellschaft

Christoph Daums Bedenken

Am Mittwoch, 28. Mai 2008, wird das Deutsche Sportfernsehen (DSF) eine Dokumentation ausstrahlen, die sich mit dem immer noch größten Tabu im Fußball beschäftigt: der Homosexualität.

Wenn es stimmt, was die Deutsche Akademie für Fußballkultur vorab vermeldet, wird Christoph Daum, Trainer der Fahrstuhlmannschaft 1. FC Köln, in diesem Film folgende Worte sagen:

Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegen treten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen. Und ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen.

Das klingt erst einmal ziemlich konfus, was sicher auch der freien Rede geschuldet ist. Aber es bedarf keiner besonders böswilligen Interpretation, um zu erahnen, dass da wohl mal jemand Homosexualität und Pädophilie durcheinander gebracht hat. Oder bringen wollte.

Nun halte ich normalerweise nicht viel davon, Menschen mögliche Verfehlungen aus ihrer eigenen Vergangenheit immer wieder vorzuhalten, aber an dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich da ein Mann um Jugendliche und “Verantwortungsbewusstsein” sorgt, der vor acht Jahren nicht Fußballbundestrainer wurde, weil ihm schwerer Kokainkonsum nachgewiesen werden konnte. (Meinetwegen kann jeder mit seiner Gesundheit machen, was er will, aber hier geht es ja um die moralische Komponente der Geschichte.) Dass Daum ausgerechnet Trainer in der “schwulsten Stadt Deutschlands” ist, ist da das Tüpfelchen auf dem i.

Ich bin gespannt, wie die Dokumentation letztlich aussehen wird, und ob Daums homophober Ausfall von der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wird. Der Profifußball wird immer wieder mit der katholischen Kirche in einem Atemzug genannt, wenn es um die letzten Bastionen offener Schwulenfeindlichkeit gilt. Das Fußballmagazin “Rund” hat diesem Thema schon mehrere große Artikel gewidmet, die man hier und hier bei “Spiegel Online” nachlesen kann.

DFB-Chef Theo Zwanziger will jetzt “ein Klima schaffen” in dem auch offen homosexuelle Fußballer entspannt im Stadion auflaufen können. Das ist ihm hoch anzurechnen, aber es wird ein schwerer Weg in einem Umfeld, in dem Fans gegnerische Spieler oder den Schiedsrichter immer noch als “schwul” bezeichnen und das durchaus als Beleidigung meinen. Wie bei seinem Engagement gegen Rassismus wird der DFB einen langen Atem brauchen und auch seine eigenen Entscheidungen anpassen. So wurde der Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller im vergangenen Jahr für drei Spiele gesperrt und musste 10.000 Euro Strafe zahlen, weil er seinen Gegenspieler Gerald Asamoah beleidigt hatte: angeblich wurde Weidenfeller für die Worte “Du schwule Sau” verurteilt – wenn er den dunkelhäutigen Asamoah (wie zunächst behauptet wurde) als “schwarzes Schwein” beschimpft hätte, wäre die Strafe noch erheblich schwerer ausgefallen.

Zum aktuellen Fall Daum hat sich Moritz von hellojed. im offiziellen Webforum des 1. FC Köln umgesehen und präsentiert die schlimmsten Kommentare.

[via queer.de]

Nachtrag, 18:40 Uhr: Wie Moritz in einem weiteren Eintrag schreibt, hat sich Daum inzwischen gegenüber dem Kölner “Express” erklärt – und dabei eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er den Unterschied zwischen Homosexualität und Pädophilie wirklich nicht kennt:

Grundsätzlich bin ich ein toleranter und liberaler Mensch. Ich habe keinerlei Berührungsängste zu homosexuellen Menschen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es Einige, die gleichgeschlechtliche Beziehungen leben.
Kinderschutz geht mir aber über alles. Kinder müssen vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, ganz gleich ob homo- oder heterosexuellen Menschen, geschützt werden. Deswegen arbeite ich auch aktiv bei der Organisation Power-Child.

Wer beim Wort “schwul” gleich an eklige Männer denkt, die kleinen Jungs an die Sporthose wollen, sollte zumindest kurz überlegen, ob er dieses verquere Weltbild auch noch der Öffentlichkeit mitteilen muss.

Und während der “Express” noch recht neutral “Wirbel um Daum-Aussage” titelt, gehen bild.de (“Daum beleidigt Schwule”) und stern.de (“Daum macht gegen Schwule mobil”) gleich in die Vollen. Das muss ja auch nicht sein …